#abcdeslesens – M wie „Mondnacht“ (Joseph von Eichendorff

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Es ist eine Mondnacht, doch kommt der Mond nur im Titel vor, im Gedicht fehlt er gänzlich, und doch deutet er auf das Thema das Gedichts hin: Die Sehnsucht, das zentrale Thema der romantischen Lyrik. Wonach aber wird sich hier gesehnt?

Das Gedicht beginnt mit einem Kuss des Himmels zur Erde, welche im Blütenschimmer daliegt und vom Himmel träumt. Darin ist das Bild des nachweltlichen Paradieses ersichtlich, es zielt auf ein Leben nach dem Tod, welches so schön ist, dass man schon auf Erden davon träumt.

Die zweite Strophe lädt und in eine Idylle ein. Wogende Ähren, rauschende Wälder, Luft zieht durch die Felder – oder auch der Atem der Welt, der Lebensatem. Am Himmel sieht man die Sterne stehen, der Mond wird dabei sein und die Welt beleuchten.

Aus dieser Idylle heraus spannt die Seele ihre Flügel auf und fliegt durch das nachtstille Land, sie verabschiedet sich von diesem und geht dem Himmel zu – der Mensch stirbt. In diesem Gedicht erscheint der Tod nicht als bedrohlich, nicht mal als Ende. Er leitet ein Heimkommen dahin ein, wo die Seele hingehört. Die Seele tritt in diesem Bild in die Ewigkeit ein, in ein Leben nach dem Tod, wo sie nach Hause kommt, wo sie an ihrem Platz ist.

Es ist ein tröstliches Bild, eines, das Hoffnung weckt im Angesicht des Todes: Es ist nichts verloren, es ist nichts zu Ende. Der Tod ist ein Übertritt in eine bessere Welt, wohin diese eine Seele vorausgegangen ist. Irgendwann werden wir ihr alle folgen.

#abcdeslesens – L wie „Die Liebe“ (Else Lasker-Schüler)

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen, Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.

Und ich werde heimwärts
Von deinem Atem getragen,
Durch verzauberte Märchen,
Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt
Mit deinen urtiefen Zügen,
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen, Seide
Der weltalte Traum
Segnet uns beide.

Bei keinem Gedicht brauchte ich mehr Zeit für die Deutung als bei diesem. Wieso? Der erste Gedanke bei dem Gedicht ist bei mir immer wieder: Es gibt nichts zu sagen, es steht alles da und es wirkt. Und ich empfand jeden Ansatz einer Deutung als zu viel, als unangebracht als schädlich, nicht nützlich. Was will ich hier von Reimschemen, von Bedeutungsebenen erzählen? Das Gedicht wirkt. Es ist schön. In seinem ganzen Sein einfach schön. Und bedeutsam. Und doch konnte ich doch nicht… einfach nichts sagen. Und so schicke ich das voraus und die Deutung hinterher… im Wissen, dass manchmal alles mehr als das, was schon wirkt, überflüssig ist. Gerade auch in der Lyrik.

Das Gedicht ist zwischen 1903 und 1905 entstanden und erschien im Gedichtband «Der siebente Tag» zum ersten Mal. 1903 hatte sich Else Lasker-Schüler von ihrem ersten Mann Berthold Lasker scheiden lassen, im gleichen Jahr den zweiten Mann, Georg Lewin, besser bekannt als Herwarth Walden, geheiratet – auch diese Ehe hielt leider nicht lang. Es lässt sich sagen, dass Else Lasker-Schüler von einer grossen Sehnsucht nach Liebe getrieben durchs Leben ging, diese immer wieder erhoffend und doch nie wirklich findend. Dass sich bei einem so zentralen, das Leben durchdringenden Thema Bilder einfinden, liegt auf der Hand. So ist auch dieses Gedicht, das dem Expressionismus zugeordnet werden darf, voller ausdrucksstarker Bilder und Symbole, die auf tieferliegende Ebenen verweisen und die Liebe in einen mystischen, Raum und Zeit überdauernden Rahmen stellen.

Das lyrische Ich liegt mit ihrem Geliebten im Schlaf, durch welchen ein feines Wehen rauscht. Es ist wie Seide, also fein und zart und glänzend, aber auch wertvoll. kostbar, aber auch ein pochendes Erblühen, etwas, das geweckt wird und zum Leben kommt. Des Geliebten Atem trägt das lyrische Ich heimwärts, durch Märchen und Sagen, also Dinge, die schon nicht mehr geglaubt und doch präsent waren. Das lyrische Ich ist durch diese Liebe an dem Punkt angekommen, wo es sich zu Hause fühlt, ganz bei sich.

Die nächste Strophe erhebt sich noch weiter über das Hier und Jetzt. In dem Dornenlächeln ist die Liebe und das Leid symbolisiert, das, wonach das Ich sucht und was es auch erlebt hat. Die urtiefen Züge verweisen auf etwas, das den Sinnen nicht mehr zugänglich ist, etwas, das in zauberhaften Tiefen liegt, göttlichen Ursprung hat. Und zu dieser göttlichen Ebene gesellt sich die Erde als fruchtbares Element, als Ort der Verwurzelung im Hier und Jetzt. Damit ist die Liebe etwas, das zwischen Himmel und Erde existiert, überzeitlich, überweltlich und doch hier und jetzt erfahrbar.

All das liegt in dem feinen, seidigen Wehen, das durch den Schlaf der Liebenden fährt und diese in ihrem Sein segnet. Die Liebe als weltalter Traum, als das, was die Menschen, seit sie auf dieser Welt sind, für sich wünschen und hoffen, die Liebe, die, wenn gefunden, ein Segen ist, liegt diesem Gedicht zugrunde. Man würde der Dichterin wünschen, sie hätte diesen Segen mehr erfahren in ihrem Leben, leider war ihr eine solche dauerhafte Liebe nicht vergönnt. Die Sehnsucht danach hat sie aber – zum Glück für die Leser – in wunderschöne Gedichte gegossen, die der oftmals gefühlten Sehnsucht entsprungen sind.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor. 

Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Rainer Maria Rilke: Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen, 
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…


Das Gedicht «Einsamkeit» stammt aus Rilkes Gedichtband «Buch der Bilder» und es macht diesem Buchtitel alle Ehre: Rilke fasst etwas in Worte, das sich eigentlich nur fühlen lässt, das sich der Sprache entzieht. Er schafft wunderbare Wortbilder, die das Unsagbare erfahrbar machen. Die Einsamkeit wird durch eine Metapher zu etwas Handfestem, etwas, das jeder aus der eigenen Erfahrung, aus dem eigenen Leben kennt und darum nachvollziehen kann: «Die Einsamkeit ist wie ein Regen».

Es folgt eine Beschreibung dessen, was in der Natur vor sich geht, wenn es regnet: Das Wasser wird erst aus dem Meer angezogen, um sich schliesslich vom Himmel über die Welt zu ergiessen. Genau das passiert auch mit der Einsamkeit: Sie ergiesst sich zu gewissen Stunden über die Stadt, in Stunden nämlich, in denen der Mensch auf sich selber zurückgeworfen ist, weil die Ablenkung des alltäglichen Lebens wegfällt und nur der Mensch für sich zurückbleibt. Es sind diese Momente, die einen zum Nachdenken bringen, oft fast zwingen, die Momente, in welchen man Bilanz zieht über das, was wir das eigene Leben nennen.

Rilke weist auf die Leiber hin, die nicht fanden, was sie suchten, die dann traurig wieder ihre eigenen Wege gehen, den anderen lassen, wo er ist. Er erzählt von den Menschen, die im selben Bett liegen, obwohl sie sich hassen. Und in all dem steckt das Eine: Die Einsamkeit, die den Menschen in der Situation mitreisst wie ein Fluss.

So gesehen ein tief trauriges Gedicht, aber in meinen Augen steckt auch hier – wie in vielen seiner Gedichte –

Rilkes Sicht des Lebens als Kunstwerk drin, mit welcher sein Satz „du musst dein Leben ändern“ (das ich besser mag als ein „du kannst dein Leben ändern“) einhergeht: Wie oft verharren wir in Situationen, die uns nicht gut tun, nur weil wir uns vor Neuem fürchten? Müssen wir (sinnbildlich) das Bett mit einem teilen, den wir hassen? Hätten wir es nicht in der Hand, Situationen und Stätten, die für uns nur noch leidvoll sind, zu verlassen? Damit hätte das Gedicht auch etwas Mutvolles, etwas, das Selbstwirksamkeit verspricht, wenn man nur genau hinschaut. Und dazu rufen Gedichte immer wieder auf. Trotzdem bleibt zu sagen, dass sowohl das Hinschauen wie auch das Ändern nicht immer einfach ist. Aus dem Grund kennen wohl alle Menschen das Gefühl, das dieses Gedicht so wundervoll bildhaft beschreibt.

#abcdeslesens – K wie „Das Karussell“ (Rainer Maria Rilke)

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weisser Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
Nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiss ein Junge
und hält sich mit der kleinen heissen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel.

Das Karussell erschien im Buch «Neue Gedichte». In ihnen fehlt mehrheitlich das lyrische Ich, der Schwerpunkt liegt auf dem Gesehenen. Das neue Sehen, das Rilke immer wichtiger wird, zeigt sich in diesen Gedichten gut: Es geht um das genaue Hinsehen, er will nicht einfach gedankenlos vorübergehen und dabei als Blick erhaschen, sondern das Ding an sich, wie es da ist, genau sehen. Das Ding löst sich dabei oft aus dem Alltagszusammenhang und kann eine neue Beziehung eingehen. Das gibt dem Leser Raum für Deutungen, ermöglicht eine Subjektivität des Interpretierens und appelliert an das schöpferisches Vermögen des Lesers.

Die in diesem Sehen und daraus Gedichte Schaffen sich zeigende Liebe zu den Dingen hat Rilke von Paul Cezanne, in dessen Bildern er die Liebe zum Tun an sich erkannte, nicht in der Darstellung von Gegenständen. Aus dem Fokus auf das Ding und nicht ein Ich oder ein Gefühl eines solchen Ichs resultiert ein sachliches Sagen, welches für diese Gedichte bezeichnend ist, im Gegensatz zu den oft emotionalen Gedichten der Vergangenheit. Worum geht es in diesem Gedicht?

Ein Karussell dreht sich Runde um Runde, die immer gleichen Figuren erscheinen. Sie drehen sich im Kreis, ohne Ziel, dienen dem reinen Vergnügen der darauf Reitenden und der Zuschauer. Ein roter Löwe ist zu sehen, einer mit Zähnen und einer Zunge, was zusammen mit seiner roten Farbe für die Aggressivität, die Kraft und Macht dieses Tieres spricht. Das Blau des Mädchens deutet auf dessen Unschuld, auch Schwäche. Es sitzt auf einem Hirsch, dem Tier, das für Mut und Stärke steht, auch für Verantwortung, wozu passt, dass das Mädchen aufgeschnallt ist.

Das Weiss des Jungen deutet auf seine Unschuld hin. Seine Hand ist heiss, er sitzt auf dem Machttier. Ob er nach der Macht greifen will? Steht er schon für die potentielle Gefahr, welche von erwachsenen Jungen ausgehen kann, wenn sie Macht übernehmen, Aggressionen schüren oder ausleben?

Und immer wieder kommt ein weisser Elefant. Unschuld, Friede, Reinheit in unseren Breitengraden, Trauer in asiatischen Ländern (deren Philosophie Rilke nicht fremd war). Die Wiederkehr des Tieres übernimmt die Bewegung des Karussells in die Sprache. Der Rhythmus des Gedichts tut dasselbe. Wir fühlen uns beim Lesen selber auf dem Karussell, tragen es mit unserem Atem voran. Ziellos wie das Karussell selber, einfach dem Ende des Drehens entgegen lesend. Und vielleicht sind auch wir vom Lesen atemlos.

Sieht man im Karussell das Leben, so zeigt sich, dass vieles sich immer weiterdreht, ohne Unterbruch. Verschiedene Phasen lösen sich ab, eine nach der anderen kommt neu in den Blick, immer wieder erleben wir Wiederholungen. Der Trost an diesem Kreislauf liegt darin, dass das, was kommt, auch wieder geht. Das gilt für die schönen Momente, aber auch für die schwierigen. Und immer wieder wird es gut. Und wir lächeln. Und vergessen vielleicht, dass das Ganze ein zielloses, ein blindes Spiel ist, das in sich aber doch eine Schönheit trägt. Wie dieses Gedicht.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

#abcdeslesens – J wie „Jüngst hört ich… (Barthold Heinrich Brockes: Die Frösche)

Jüngst hört’ ich von neuen dem lauten Gewäsche,
dem quarrenden Knarren geschwätziger Frösche,
In ihrer ungestörten Ruh,
Mit einiger Betrachtung zu.
    Mich deucht, daß ihr verwirrt und mancherley Geschrey,
In etwan fünf bis sechserley,
Und mehr Veränderungen nicht, einzutheilen sey.
    Der größte Haufe scheint, auf Menschen Art, zu murren,
Und, um ein Nichts, zu lärmen und zu knurren.
Verschiedne sagen: Merks. Und diese kommen mir
Als Philosophen für.
Mit unbescheidnem Trotz, schien mancher, als ein Lehrer,
Mit einem schärfern Ton, sich über seine Hörer,
Durch nichts, als strengern Schall, sich eifrig zu bestreben,
Hervor zu thun und zu erheben;
Sie schienen mit Gewalt, die andern zu belehren,
Und mit der Lungen mehr, als des Verstandes Kraft,
Verschiedner Sachen Eigenschaft,
Mit gründlichem Bericht, den Hörern zu erklären;
Wovon doch, wie es hieß, verschiedne längst gefunden,
Dass die so wohl, als sie, von allem nichts verstunden.
    Ein kurz, doch hell Gequick, als ein Gepfeif, entfuhr
Verschiednen hier und dort. Dieß ließ, als wenn sie nur
Mit jenen, dass sie sich zu sehr erhüben,
Ein laut Gespötte trieben.
    Noch andre schienen mir, mit unbesorgtem Lachen,
Im warmen Sonnenstrahl, recht lustig sich zu machen.
Und diese Sänger kamen mir,
Von allen, als die Klügsten für.

Wir sehen einen am Froschteich stehen, offensichtlich von den Fröschen ungesehen, denn die quaken ungestört vor sich hin – oder sie sind so in ihrem Tun versunken, dass ihnen der Zuhörer egal ist. Dieser aber hört die Frösche nicht einfach nebenbei, wie wir so oft Dinge wahrnehmen, er hört ihnen genau, mit einiger Betrachtung zu. Bei diesem Hinhören fällt ihm auf, dass nicht jeder für sich quakt, sie sich im Gegenteil in Gruppen einteilen lassen, wovon es nicht mehr als fünf oder sechs gibt. 

Sogleich fühlt er sich an die Menschen erinnert, da die Mehrheit der Frösche wie diese auch murren ohne eigentlich ersichtlichen Grund. Ein paar andere weisen sie auf diesen Umstand hin, diese empfindet er als die Philosophen unter den Fröschen, indem sie auf Fehler hinweisen, aber keine konkreten Lösungsvorschläge oder gar Ratschläge platzieren. Diese Rolle übernimmt die dritte Gruppe, welche er mit den Lehrerin vergleicht, ständig belehrend, dies mit mehr Lautstärke als Verstand, was andere nicht verpassten, zu erwähnen und sich drüber lustig zu machen. 

Und dann gibt es noch eine letzte Gruppe, die sich freut, lacht, das Wetter geniesst. Diese erscheint ihm von allen Gruppen die klügste zu sein. 

Was hier so witzig und locker daher kommt, hat einen tieferen Kern. Das Gedicht zeigt die Natur als Lehrmeister. Wie oft schimpfen und motzen wir selber über Kleinigkeiten, vergessen, dabei das Schöne nur schon zu sehen, von geniessen ist schon gar keine Rede? Wie viele spielen sich über andere auf, indem sie besser zu wissen glauben, wie das Leben funktioniert? Das müssen nicht nur Lehrer sein, ich denke, solche Menschen finden sich in vielen Gruppen und Berufen. Und worauf gründen sie diese Überlegenheit? Wie oft passiert es uns selber mal, dass wir statt mit wirklichen Argumenten mit Lautstärke und Vehemenz zu überzeugen versuchen?

Wäre es nicht sinnvoller, an einem schönen Tag die Fenster zu öffnen für einen offenen Blick und dann die Sonne aufs Haupt scheinen zu lassen, sich daran und am Leben zu freuen und das Leben einfach mal leicht zu nehmen? Schwer wird es ja von selber wieder. Was man von einem Gang durch die Natur nicht alles lernen kann. 

Zum Autor
Barthold Heinrich Brockes (Brooks ausgesprochen) wurde am 22. September 1680 in Hamburg als Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes geboren, wo er zuerst Privatunterricht genoss, danach ins Gymnasium überwechselte. Er studierte Jura und Philosophie, reiste später aus Bildungsgründen und schloss schlussendlich sein Studium mit einer Promotion in Jura ab. Nicht wirklich auf ein Einkommen angewiesen, widmete er sich mehr und mehr seinen literarischen Interessen. Schon seine ersten Werke wurden von namhaften Komponisten vertont, was Brockes zu einem berühmten Mann machte.

Brockes gründete eine Gesellschaft zur Förderung der deutschen Sprache und Literatur, begann das Übersetzen und setzte sich daneben für den Erhalt der patriotischen Angelegenheiten ein, welche er in einer moralischen Wochenschrift thematisierte. Es folgen politische Ämter, wo er sich für das Wohl der Bevölkerung einsetzte und daraus grosse Befriedigung zog. Nach dem Tod seiner Frau schwand seine Freude am Leben, er übernimmt noch einige Ämter, stirbt dann aber sehr unerwartet am 16. Januar 1747 im Alter von 66 Jahren.

#abcdeslesens – I wie „Ich bin traurig“ (Else Lasker-Schüler)

Deine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.
Du hast mich nicht mehr lieb.

Und wie du kamst -!
Blau vor Paradies;

Um deinen süsesten Brunnen
Gaukelte mein Herz.

Nun will ich es schminken,
Wie die Freudenmädchen
Die welke Rose ihrer Lende röten.

Unsere Augen sind halb geschlossen,
Wie sterbende Himmel –

Alt ist der Mond geworden.
Die Nacht wird nicht mehr wach.

Du erinnerst dich meiner kaum.
Wo soll ich mit meinem Herzen hin?

Eine Liebe ist zu Ende, die noch vor kurzem ausgetauschten Küsse sind schon nur noch in dunkler Erinnerung. Es gab mal andere Zeiten, paradiesische, süsse, herzerwärmende, sie sind vorbei. Das lyrische Ich muss den Schein aufrechterhalten, das Herz rot anmalen, da die Liebe es nicht mehr rot färbt. Das Leben ist halb gewichen, es fühlt sich an, als wären sie beide halb tot. Selbst der Mond, der die Nacht beschienen hat, ist alt geworden und damit schwach, er vermag seine Arbeit nicht mehr zu tun, die Nacht liegt dunkel. Während das lyrische Ich hadert, trauert, sich erinnert, fühlt es sich selber vergessen und weiss nicht mehr, wohin mit dem eigenen Herzen, da der, dem dieses so zugewandt war, weg ist.

Wieder ein Gedicht einer unglücklich liebenden, ein Thema, das sich wie ein Leitfaden durch Else Lasker-Schülers Werk zieht. Kein Wunder, war sie doch selber zeitlebens auf der Suche nach Liebe und dies nie wirklich auf Dauer glücklich. Es wollte ihr nicht gelingen, eine Lebensliebe zu finden, wozu sie durchaus auch einen Beitrag leistete, war sie in ihrer doch sehr eigenwilligen Art wohl nicht ganz einfach und auch als Mensch schwer fassbar.

„Spielen ist alles.“

Man könnte sagen, sie bog sich ihre Welt zurecht, wie sie sie wollte, sie selber sah es wohl ihrer Devise gemäss als ein Spiel, das Erdichten eines eigenen Leben, so dass dieses Leben selbst schon dichterisches Kunstwerk zu sein schien. Das fing mit dem Geburtstag an, ging mit dem Geburtsort und der Herkunft generell weiter, hin zu Rollenspielen und Übernamen (so zog sie in bunten Gewändern als Prinz Jussuf Flöte spielend durch die Strassen), wo es wohl noch lange nicht endete. Sicher keine einfache Ausgangslage für eine Liebe.

Als Leser sieht man sich einer Trauer ausgesetzt, die kaum einen Ausweg sieht. Das lyrische Ich ist in dieser Trauer gefangen und es hat keine Ahnung, wie es aus dieser wieder rauskommen soll. Wie oft fühlt man sich in einer solchen Trauer allein, gerade weil der, welcher eigentlich da sein sollte, weg ist, gerade durch diesen Verlust. Als Lesender, wenn man selber in einer solchen Situation steckt, kann das tröstlich sein. Man sieht, dass man zumindest mit diesem Gefühl des Alleinseins, mit dieser Trauer um eine verlorene Liebe nicht alleine ist. Da war jemand, der diese Gefühle so gut kannte und der es geschafft hat, diese in ein wunderbares Gedicht zu verweben.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Eduard Mörike: Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen. 

Der Titel «Septembermorgen» trägt die Jahreszeit schon in sich: Es ist früher Herbst. In den ersten beiden Zielen steht zweimal das Wort «noch». Das deutet darauf hin, dass etwas bald nicht mehr sein wird, aber noch ruht die Welt im Nebel, noch träumt die Natur. Die Nacht hängt noch in den Bäumen, bald wird die Sonne den Himmel erhellen und die Nebelschleier zum Verschwinden bringen. Dann zeigt sich das, was ist: Der Herbst mit seinen kräftigen und doch gedämpften Farben, die Sonne, die nicht mehr ganz so hell scheint, sondern einen Goldschimmer trägt, der sich über die Welt legt.

Auch der Herbst trägt den Abschied in sich. Das Jahr geht langsam zu Ende, es kommt die Zeit des Erntens, um dann die Bäume leer zu lassen. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen fallen langsam. Das Leben verschiebt sich mehr und mehr von draussen ins Haus hinein, was für viele auch eine Zeit der grösseren Einsamkeit bedeuten kann. Rilke hat das in seinem Gedicht «Herbsttag» angedeutet, als er schrieb:

«Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.»

Abschied wird häufig mit negativen Gefühlen verbunden, was aber gar nicht sein muss. In östlichen Philosophien ist Abschied eine Chance für einen Neuanfang. Im Hinduismus gibt es die drei Götter Shiva, Brahma und Vishnu – sie stehen für Zerstörung, Neuaufbau und Erhalt. So lange etwas nicht untergeht, können die anderen beiden nicht wirken. Und nur so ist Leben möglich, das immer auch Bewegung heisst, Neues mit sich bringt.

In meinem Leben gab es immer wieder verschiedene Phasen, in denen ich etwas ganz intensiv machte und dann dachte, das wäre das wirklich Eine, das nun bliebe. Doch jede Phase wurde wieder von einer anderen abgelöst, die der vergangenen an Intensität in nichts nachstand. So floss ich von einem zum nächsten, kam zwar zu allem immer wieder zurück, aber auch nur, um dann wieder weiter zu gehen.

Ich habe diese Art an mir oft verflucht, mir gewünscht, dass ich „eindimensionaler“ wäre, fokussierter, auf eine Sache ausgerichteter und nicht mit diesen vielen Interessen bestückt. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass dies mein Wesen ist, dem ich mich nicht entgegenstellen kann. Und es gab ja durchaus Konstanten: Ich habe immer gelesen und immer geschrieben. Die Inhalte mögen sich verändert haben, aber das Tun blieb das gleiche. Und: Ich habe aus allen Phasen was für die nächste mitgebracht. Vielleicht ist es ja im Leben so, dass alles seine Zeit hat, dass man aus jeder Zeit etwas für die nächste lernt. Und immer muss man auch bereit sein, Altes loszulassen, dass wieder Platz für Neues kommt.

#abcdeslesens – H wie „Herbsttag (Rainer Maria Rilke)

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Dieses Gedicht ist im Jahr 1902 entstanden, Rilke lebte zu dem Zeitpunkt in Paris und schrieb an seiner Monographie über Auguste Rodin. Er zeichnet das Bild des Herbstes, ruft dazu ganz viele Bilder auf, welche sowohl den Übergang vom Sommer zum Herbst als auch das langsame zur Ruhe Kommen der Natur und der Welt darstellen. Die ersten zwei Strophen sind als Aufruf formuliert:

Herr: es ist Zeit.

Der Sommer ist zu Ende, der Herbst steht vor der Tür, dazu gilt es, verschiedene Aufgaben zu erfüllen: Schatten sollen auf die Sonnenuhren gelegt werden. Damit werden die tiefer stehende Sonne sowie die kürzeren Tage symbolisiert. Die Winde müssen übers Land ziehen – wer kennt sie nicht, die Herbstwinde, welche langsam die Blätter von den Bäumen fegen? Die Ernte steht an, so dass die Früchte reifen sollen, wozu sie vielleicht noch ein wenig Sonne brauchen. Der Wein soll noch seine letzte Süsse erhalten, dann ist die Zeit des Wachsens, Reifens und Gedeihens vorbei, die Ernte kann eingefahren werden und das Jahr neigt sich dem Ende zu, alles kommt zum Stehen.

In der dritten Strophe wendet sich Rilke dem Menschen zu, dessen Leben in dieser Zeit. Auch da zeigt sich ein Stillstand: Es werden keine neuen Häuser gebaut, keine neuen Beziehungen geknüpft, der Mensch muss sich in dem einrichten, was jetzt ist. Wer nun alleine ist, wird es bleiben und sich die Zeit mit Dingen vertreiben, die Einsame machen: Briefe schreiben, lesen, den Tag durchwachen. Und innerlich wird er von einer Unruhe getrieben sein, weil das Leben still steht und er selber zum Stillstand gezwungen ist.

Es liegt eine Spannung zwischen Dankbarkeit und Melancholie in dem Gedicht. Einerseits war der Sommer gross, was auf einen guten, einen fruchtbaren Sommerhindeutet. Andererseits liegt eine Vergänglichkeit in dem Gedicht und Stillstand und Einsamkeit kommen aus diesem Sommer und breiten sich im Herbst aus.

Das Gedicht ist in Jamben, meist fünfhebigen Zeilen geschrieben, wodurch es flüssig zu lesen ist. Der Atem, dem Wind gleich, stockt nicht, er fliesst durch die Zeilen. Dieser Fluss wird gerade in der dritten Strophe, in welcher das Leben zum Stillstand kommt, noch durch die Enjambements verstärkt. Der durchgängige Fluss spiegelt sich auch in der Bedeutung wieder. Obwohl zwischen der zweiten und dritten Strophe ein Wechsel von der Natur zum Menschen im Herbst stattfindet, hängen alle drei Strophen eng zusammen, alle haben das Thema der Reife, der Vollendung zum Thema. Während die Natur zur Vollendung kam in diesem grossen Sommer, verfehlt der Mensch dieses Ziel, er wird deswegen für eine lange Zeit einen Lebensentwurf leben müssen, der ihn nicht erfüllt.

Hier nimmt er einen Ausruf vorweg, welcher in seinem 1908 verfassten Gedicht «Archaischer Torso Apollos schreiben wird:

«Du musst dein Leben ändern»

Darin steckt Rilkes Sicht aufs Leben, welches er als Kunstwerk sieht, welchem der Mensch mit offenem und wachem Geist begegnen soll, um so seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Nur so ist er in der Lage, seine Handlungen zielgerichtet und damit sein eigenes Leben auf eigene Weise aktiv zu gestalten.  

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

#abcdeslesens – G wie „Gefunden“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grubs mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ichs
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Das Gedicht wirkt in seiner Sprache und in seinem Gang sehr einfach und leicht verständlich.

Wir haben es mit einer einfachen Ballade zu tun ohne strenges Reimschema (Kreuzreim, aber es reimen sich nur jeweils zweiter und vierter Vers pro Strophe) aber mit einem zugrundeliegenden Rhythmus (ein durchgängiger Jambus mit abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen), der die erzählte Geschichte in einen Fluss bringt. Ein lyrisches Ich geht ohne Ziel in den Wald und stösst da auf eine Blume, strahlend schön. Er will sie mitnehmen, doch die Blume weist ihn darauf hin, dass dies ihren Tod bedeuten würde. Das Ich lässt sich überzeugen und nimmt sie samt Wurzeln mit nach Hause, um sie wieder einzupflanzen.

Das Gedicht weist viele Merkmale der Philosophie der Weimarer Klassik auf, es kann damit als typischer Vertreter der Epoche gelten. Ein zentrales Element dieser Epoche war die Hochachtung der Schönheit. Es herrschte die Überzeugung, dass die Anschauung des Wahrhaften und Schönen den Menschen selber in seinem Charakter veredle. Dies passiert mit den lyrischen Ich bei der Betrachtung der schönen Blume. Will er sie erst noch brechen und ihr damit quasi das Leben nehmen, behandelt er sie danach sorgsam und bereitet ihr einen passenden Ort, an welchem sie auch in Zukunft gedeihen kann. «Gefunden» zählt zu den grössten Werken Goethes und es ist eines der am Häufigsten vertonten Gedichte von ihm.

Goethe schrieb dieses Gedicht am 26. 8. 1813 auf dem Weg nach Ilmenau und schickte es dann an seine Gartenarbeit liebende Frau Christiane als nachträgliches Geschenk zum 25. Jahrestag. Interessant ist dabei, dass die beiden sich das erste Mal in einem Park trafen. Das Wissen um diese Geschichte verstärkt den schon beim Lesen entstehenden Eindruck, dass eine weitere Ebene in dem Gedicht steckt, nämlich eine Liebesgeschichte.

Die Blume wird zur Frau mit sternenschönen Augen, das ruft dazu auf, achtsam mit der Geliebten umzugehen. Ziel des Zusammentreffens soll nicht einfach ein kurzes, impulsives Erlebnis sein, aus welchem Trauer und Vergänglichkeit entstehen, es soll ein lebenslanges Miteinander werden, in welchem die Frau weiter blühen und gedeihen kann. Malt man das Bild des Gedeihens der Blume weiter, ruft das Gedicht auch zur Pflege der Beziehung auf, da nur eine Beziehung hält und gedeiht, in welcher man sich auch – wie bei einer Blume im Garten – um den geliebten Menschen kümmert.

Zum Autor
Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.

Abbild der Zeiten

Matt geworden von der Zeiten Lauf
hängt er seit Jahren an der Wand. Ein Bild,
das keinen Inhalt trägt und nie verklärt,
nur spiegelt was sich neu ihm zeigt.

Ich seh’ ihn an und sehe mich, und um
mich rum nur wenig Welt, wie wenn ich ganz
alleine wär’ für alle Zeit, die dieses
Bild vor mir aufschlägt bis weit zurück.

Ich seh’ mich jung durch alle Falten, sehe
freies Walten, wenig Pflicht, nur einfach
tun. Ich sehe Leiden auch und Bangen,

Seh’ mich suchen, manchmal finden, alles
steht in dem Gesicht. Ich möcht’ nichts missen,
doch noch einmal jung sein möcht’ ich nicht.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – F wie Mascha Kaléko: Die frühen Jahre

Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.*

Ein trauriges Gedicht, das von der Vertriebenheit, von der Fremdheit spricht. Das lyrische Ich befindet sich an einem Ort, an dem es nicht zu Hause ist, an einem Ort, den es nicht selber gewählt, sondern an welchem es ausgesetzt wurde. Es ist ein düsterer Ort, ein Ort der Dunkelheit, dafür spricht die Nacht. Die Barke deutet darauf hin, dass nicht wirklich auf ein Ziel hin treibt, mastlos, antriebslos liegt sie im Wasser, bis dieses sie an einem Ort an Land spült.

Die Welt selber zeigt sich von ihrer harten Seite mit Regen und Wind. Alle Orte, wo das Ich Zuflucht erhofft, zeigen sich als wenig vertrauenswürdig. Sie geben nach, sie geben nicht den gewünschten Schutz. Es gibt nur eines, was noch hilft: Ein Wunder.

Die Sehnsucht nach diesem Wunder ist gross, und es besteht Hoffnung. Beides wird geschürt, denn es ist alles, was ist in dieser Fremde, in diesem unbekannten Land. Die Fremdheit und die Einsamkeit lassen Kälte aufkommen, nichts ist da, was wärmt.

In dieser Kälte, Dunkelheit und Fremdheit gibt es nur eines, das Zuflucht verspricht: Die Liebe. Sie ist der Hort, sie ist, worauf sich bauen lässt. In der Liebe liegt ein Gefühl von Heimat, von Aufgehoben-Sein.

Erst noch ohne Punkt und Komma gleitet das Gedicht dahin gleich dem Treiben der Barke auf dem Wasser. Dann die Versuche, Schutz zu finden, die Orte als einzelne Zeilen durch Punkte getrennt. Das Fazit, dass es vergebens ist, ebenso abgesetzt. Man spürt förmlich, wie bei jedem Ich eine Stagnation, eine Resignation steht. Es folgen neue, hoffnungsvolle Versuche, fast atemlos über zwei Zeilen hinweg. Und wieder ein Punkt, an dem die Hoffnung stockt, gefolgt von der Bilanz und wohl auch Hoffnungslosigkeit, das Gesuchte, Erhoffte im Aussen zu finden.

Was bleibt, ist die Liebe.

Zur Autorin
Mascha Kaleko war eineVertriebene und Heimatlose. Am 7. Juni 1907 als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter in Chrzanow geboren, floh die Familie 1914 vor den Pogromen nach Westen. 1918, der Vater war grad aus Gefangenschaft (in die er wegen seiner russischen Staatsbürgerschaft gekommen war) freigekommen, zog Mascha mit ihren Eltern nach Berlin, wo sich Mascha endlich zu Hause fühlte. Nach der Schule begann sie eine Arbeit im Büro, belegte daneben Abendkurse an der Universität (das gewünschte Studium versagte ihr der Vater) las daneben viel und schrieb Gedichte. Sie heiratete 1928 den Philologen Saul Kaléko, veröffentlichte ein Jahr später erste Gedichte, 1933 ihren ersten Gedichtband und feierte grosse Erfolge, die 1935 ein jähes Ende nahmen, als das Regime ihre jüdische Identität bemerkte.

1935 lernte sie den Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen. Als bald darauf das gemeinsame Kind unterwegs war, wollte sich Mascha scheiden lassen, erst ohne Erfolg, ihr Mann willigte nicht ein. Erst 1938 kam es zur Scheidung, die zweite Hochzeit und die Emigration in die USA. Mascha fühlt sich entwurzelt, vermisst die Sprache. Erst 1955 besucht Mascha erstmals Deutschland. 1960 der nächste Ortswechsel, Mascha und Chemjo ziehen nach Palästine, wieder eine Fremde für Mascha, die ewig Heimatlose. Der Tod des Sohnes 1968 stürzt die beiden Eltern in ein tiefes Loch, Chemjo stirbt nach schwerer Krankheit 1973, lässt Mascha einsam und noch melancholischer zurück. Sie rafft sich nochmals auf, geht auf Reisen nach Deutschland, in die Schweiz, wo sie 1975 stirbt.


*

[1] Zit. nach „Die paar leuchtenden Jahre“ © 2003 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München Suchergebnis | dtv

#abcdeslesens – E wie Ein alter Tibetteppich (Else Lasker-Schüler)

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange bunt geknüpfte Zeiten schon.

Dieses Gedicht (geschrieben 1906, erschienen 1910) ist wohl eines der schönsten von Else Lasker-Schüler und es trägt in sich all das, was ihre Poesie so herausragend, so einzigartig macht. Schon die ersten beiden Zeilen sind sinnbildlich für ihr Schreiben und ihre Fähigkeit, durch Worterfindungen neue Bedeutungsebenen zu machen, welche in einem Bild daherkommen, das die Sprache übersteigt. Ebenfalls typisch ist das orientalisch-exotisch Anmutende und die Symbolsprache.

Formal haben wir vier Verse, dreimal zwei Zeilen, einmal drei, alles im Trochäus mit ansteigender Zahl der Hebungen. Der Reim ist paarweise, bis auf den letzten Vers, da ist quasi ein Störfaktor durch die mittlere Zeile, welche sich nicht wirklich reimt, man könnte höchstens eine Assonanz anbringen. Zufall? Nein, da wusste eine Dichterin ganz genau, was sie tut, dazu später mehr. Das soll auch genügen als Formanalyse.  

Zwei liebende Seelen, die miteinander verbunden sind. Schon das Bild des Tibetteppichs mit den Seelen als Fäden wäre grossartig, durch die Umstellung des Worts wurde aus dem Teppich ein ganzes Land, quasi eine neue Welt nur für die beiden Liebenden. Damit verlässt Else Lasker-Schüler das Bild des Teppichs, sucht neue Metaphern und Symbole, um die Liebe auszudrücken. Aus Fäden werden Strahlen, Farben bringen sich ein, der Sternenhimmel wird dazu genommen, alles, um immer wieder das gleiche Bild zu beschwören: Zwei Seelen, die miteinander verbunden sind. Die Sprache kann es allein nicht ausdrücken, es braucht Bilder.

Im nächsten Vers kehrt Else Lasker-Schüler zum Teppich zurück, nun ist er die Grundlage, auf welcher die Liebenden stehen. Nicht nur im Moment, sondern «maschentausendabertausendweit» – ein Bild der Unendlichkeit. Daraus spricht der Wunsch, dass die Liebe halten möge, ein Wunsch, den Else Lasker-Schüler zeitlebens hatte, der ihr aber nie erfüllt werden sollte. Sie war eine ewig nach Liebe suchende, sie sich Ersehnende, aber sie nie wirklich auf Dauer Findende.

Der vierte Vers bringt nochmals eine neue Symbolsprache. Mit dem Lamasohn wird quasi ein Prinz angesprochen – landläufig gilt der Lama als Oberhaupt einer buddhistischen Schule, was nicht stimmt, aber dem Bild keinen Abbruch tut. Da die Erbfolge durch Wiedergeburt funktioniert, könnte man den Nachkommen als Sohn bezeichnen. Moschus wiederum wurde früher als Sexuallockstoff eingesetzt. Hier kommt zur seelischen Ebene die körperliche dazu. Und dann der oben erwähnte Reim-Bruch. Die mittlere Zeile des vierten Verses stört das Reimmass. Hier schweift Else Lasker-Schüler ab, sie geht vom Beschrieben der Verbundenheit hin zur Hoffnung und auch Angst: Wie lange wird das dauern? Und wie lange hält das schon an?

Man hätte sich diese Interpretation wahrlich leicht machen können: Da schreibt eine über ein lyrisches Ich, das durchaus autobiographisch zu werten ist, wie so vieles in Lasker-Schülers Lyrik, das sich Liebe wünscht, sie sucht, sie findet, und zu verlieren befürchtet. Aber die Bilder, welche sie zum Aufzeigen dieser Verbundenheit durch die Liebe wählt, sie sind grossartig. Und drum sind Analysen teilweise so toll: Man geht nicht einfach mit dem Gefühl «Ist das schön» über ein Gedicht hinweg. Man schaut hin und merkt, wieso es so schön ist. Ab und an hilft das, zu erkennen, was man selber gerne hätte. Und wieso. Man lernt, hinzuschauen. Dafür danke ich der Lyrik und dafür mag ich so grossartige Dichterinnen wie Else Lasker-Schüler. Sie lehren einen das Sehen.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.


Auftanken

Die Möwe fliegt mit weiter Spanne, zieht
in Kreisen übers Meer. Mit heis’rem Ruf,
der um sich greift, durchschweifend Raum und Zeit,
im Wolkenweit des Himmelsfelds; und wer

ihr mit dem Blicke folgt weit übers Meer,
verliert sich hinterm Horizont und kommt
dann wieder her. Er zieht ganz einem Engel
gleich und lässt zurück das Erdenschwer.

So ziehen oft Gedanken auch in ferne
Welten weit hinweg, verlassen diese
schwere Zeit und suchen einen Hort,

wo sie sich tief geborgen fühlen, Frieden
finden für sich selbst; wo sie vom Trubel
Zuflucht suchen, einen Heimatort.

©Sandra von Siebenthal