Wie frei sind wir?

„Wir suchen den Spielraum, der uns verbleibt
Zwischen Gesetzen, die durch uns handeln,
Und suchen das Mächtige, das uns treibt,
In Freiheiten umzuwandeln.

Es läuft auf Unterwerfung hinaus.
Quer dürfen wir uns nicht stellen.
Sonst zerreißt es uns, und die Wege sind kraus.
Es geht nicht zurück zu den Quellen“
(Eva Strittmatter, Auszug aus „Einklang“)

Wie frei bist du wirklich? Wenn du was tust, tust du es, weil du es willst oder weil du denkst, es zu müssen? Wer definiert dein Müssen? Die Forderungen des Alltags? Die Gesellschaft? eine innere Stimme, die eigentlich nicht dir gehört, sondern deinem Vater, deiner Mutter, einem Chef…?

Ab und an ist es sinnvoll, innezuhalten und das eigene Tun zu hinterfragen. Lebe ich wirklich noch mein Leben? Wer setzt die Grenzen? Stimmen sie für mich? Reissen andere meine Grenzen ein oder ignoriere ich sie selber? Lebe ich mein Leben oder erfülle ich nur Erwartungen? Was treibt mich an? Wo will ich hin? Solche Fragen können helfen, wieder zurück zu den Quellen zu kommen. Und dann bewusst er zu leben.

Wegrennen gilt nicht

„Like the time I ran away, turned around and you were standing close to me.“ (Yes)*

Wie oft ziehen wir es vor, wegzulaufen, statt uns unangenehmen Dingen zu stellen? Wie oft verdrängen wir, statt zu verarbeiten? Nur: Wir nehmen alles immer mit. So schnell wir auch gehen mögen, es ist immer direkt bei uns. Bis wir es anschauen, annehmen, loslassen. Und dann in Ruhe weitergehen. Im Wissen, dass es ein Teil von uns bleibt, aber uns nicht mehr verfolgt.

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*Ich rannte weg (so schnell) wie die Zeit, drehte mich um und du standest dicht bei mir.“

Tun statt reden

„Wanderer, es gibt keinen Weg, geh und mach dir deinen eigenen Weg.“ Antonio Machado
Und plötzlich steht das Ziel klar vor Augen und wir wissen, was wir wollen. Und wir brennen vor Leidenschaft und reden nur noch über unser neues Projekt. Wir erzählen voll Begeisterung davon, malen es in buntesten Farben aus. Und plötzlich… melden sich leise Zweifel. Ob wir das auch wirklich schaffen können? Ob wir auch wissen, wie es geht? Ob wir je ans Ziel kommen? Wir kennen nicht mal den richtigen Weg.
Fortan fragen wir nach dem Weg, erzählen von unserem Wunsch und unseren Zweifeln, hadern mit uns selber und bereiten uns langsam auf den Abschied vom Ziel vor.
Bis hier hin haben wir nur geredet. Und nichts getan. Ziele brauchen Wege, ja, aber die müssen nicht von vornherein stehen. Wenn wir das Ziel kennen, nicht mit brennender Leidenschaft, sondern wohl überlegt daran gegangen sind, zu analysieren, was wir brauchen, können wir loslaufen. Und beim Laufen wird sich der Weg zeigen. Bei jedem Schritt sehen wir einen nächsten. Und so setzen wir Fuss vor Fuss und nähern uns dem Ziel. Dann brauchen wir auch nicht mehr allen davon zu erzählen, denn sie werden es sehen. Das ständige Reden nimmt uns nur die Kraft zum Gehen.
Drum laufen wir los, mit klarem Schritt, Konzentration auf das Wesentliche, das Ziel im Blick aber den Weg unter den Füssen, bewusst.

Ich bin, was ich bin

I am what I am
And what I am needs no excuses
I deal my own deck
Sometimes the aces sometimes the deuces
It’s one life and there’s no return and no deposit
One life so it’s time to open up your closet
Life’s not worth a damn till you can shout out
I am what I am*

Wir alle wollen geliebt werden. Und oft wurde uns vermittelt, dass wir etwas zu leisten hätten, auf eine gewisse Art zu sein hätten, damit man uns liebt. Und so versuchen wir dann, so zu sein, wie wir sein sollen. Manchmal sind wir dann ziemlich weit von dem entfernt, wer wir selber sind oder wären, wir hoffen aber, dadurch liebenswerter zu werden – weil wir ja die Vorgaben erfüllen. Nur: Sehr oft gelingt das nicht, denn solche Scheinidentitäten wirken so, wie sie sind: Aufgesetzt, nicht authentisch.

Es braucht ab und an Mut, sich selber zu sein. Man kennt sich zu gut, kennt so viele Schwächen, nennt die gar Fehler, fürchtet, damit an- und abzustossen. Vielleicht hilft es, wenn wir mal genauer hinschauen: Sind es bei anderen Menschen nicht oft auch die Eigenheiten, die Schrulligkeiten, die sie liebenswert machen? Lieben wir wirklich perfekte Menschen oder aber Menschen, die authentisch sind, die auch mal Schwächen zeigen, die einfach in der ganzen Bedeutung des Wortes Mensch sind?

Wenn uns also wieder mal jemand nur liebenswert findet, wenn wir tun was er will und sind, wie er will, sollten wir uns selber genug wert sein, auf den Menschen zu verzichten. Wirkliche Liebe wird da nie zu erwarten sein.

Wie schön ist doch das Gefühl, zu wissen: Ich werde geliebt. Weil ich bin. Und weil ich bin, wie ich bin. Als ich. Und wie schön ist das Gefühl, genau so lieben zu dürfen. Einen Menschen. Weil er ist. Und ist, wie er ist. Als du.

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*Ich bin was ich bin
und was ich bin, braucht keine Entschuldigung.
Ich spiele mein eigenes Spiel,
ab und an sind es Assen, ab und an Würfel.
Es gibt dieses eine Leben und keine Umkehr kein Lager,
ein Leben, also öffne dein Kämmerchen,
denn das Leben ist nichts wert, bis du nicht rausschreien kannst:
Ich bin, was ich bin!
(Lied von Gloria Gaynor)

Am Ende wird alles gut

Es gibt den Schlamm und es gibt die Lotusblüte, die aus dem Schlamm wächst. Wir brauchen den Schlamm, um eine Lotusblüte zu machen.“ (Thich Nhat Hanh)

Kennst du das auch, dass dir etwas passiert im Leben und du davon überzeugt bist, dass dies nun ein grosses Unglück ist, etwas, von dem du denkst, dass du es lieber nicht erlebt hättest? Und irgendwann später blickst du zurück und denkst, das aufgrund genau dieses Vorfalls, etwas Positives gewachsen ist. Der Dichter Rainer Maria Rilke schrieb einst einem jungen Schrifsteller, dass er froh sei um seine düsteren Stunden, da er sonst nie in der Lage gewesen wäre, zu schreiben. Was wäre uns entgangen.

Die Dinge sind nicht per se schlecht oder gut, wir bewerten sie aufgrund unserer Massstäbe so. Wir tun dies nicht nur aus subjektiver Wahrnehmung, sondern auch aus einer sehr beschränkten, da wir nie das grosse Ganze sehen, sondern nur einen kleinen Ausschnitt desselben. Das bedeutet nicht, dass wir in Zukunft jeden Schicksalsschlag freudig begrüssen werden, aber vielleicht hilft der Gedanke im Hinterkopf, dass aus allem etwas Gutes wachsen kann – wenn wir es zulassen. Frei nach dem Motto:

Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, ist es nicht das Ende.

Minimalismus: Vom Brauchen und Sammeln

Ich bin kein Sammler. So generell. Ich trenne mich gerne von Dingen, die ich nicht mehr brauche, einfach weil sich so schnell so viel ansammelt – und ich finde, dass es dann nur noch als Ballast wirkt und teilweise fast erschlägt. All die vollen Schränke, der überfüllte Keller, die überquellenden Schubladen – und ja, die gefüllten Bücherregale. Ich habe immer wieder Bücher weggegeben und auch weggeworfen (bitte keine Aufschreie, wenn keiner sie will, bleibt wenig anderes übrig) und doch… es sind immer noch viele. Sehr viele. Und bei vielen weiss ich, dass ich sie wohl nie mehr lese. Und dann nehme ich sie in die Hand und denke: Was, wenn doch? Es gab in der Vergangenheit schon Bücher, die ich neu kaufen musste… weil ich das alte aus eben dem Grund weggegeben hatte.

Was bei Büchern anfängt, geht bei anderem weiter. Ganz viel liegt über Monate, Jahre unangetastet. Aber könnte man es nicht mal wieder brauchen? Gerade weil ich so vielseitig bin und immer mal wieder Neues ausprobiere oder Altes neu entdecke.

Vor einigen Jahren starb der Vater meines damaligen Freundes. Meinem Freund fiel es zu, das Haus zu räumen, um es dann verkaufen zu können. Er brauchte dafür Monate. Das Haus war vom Keller bis unters Dach voll gestopft. Mit Dingen, die offensichtlich schon lange keiner mehr in den Händen gehabt hatte. Ich dachte damals so bei mir: Das soll bei mir niemandem zufallen. Das möchte ich keinem zumuten.

Im Moment wäre es nicht ganz so schlimm wie bei besagtem Vater, aber noch immer wäre es viel. Und ich mute das aktuell mir zu. Dinge, die weder Freude bereiten noch Sinn ergeben in meinem persönlichen Leben, bevölkern mein Zuhause. Sie schauen mir aus Regalen entgegen, stehen dicht gereiht hinter Schranktüren, stapeln sich im Keller, in Schubladen und in Abstellkammern.

Kann ich sie einfach loslassen? Kann ich mich davon trennen? Hängen nicht Erinnerungen dran? Haben sie nicht einen Wert, den ich hochachten müsste? Kann ich einen Literaturklassiker weggeben? Das ist hohe Kunst? Oder die grossen Philosophen. Sind sie mehr Wert als ein aktueller Krimi? So ideell? Und praktisch?

Ab und an überkommt mich der Wunsch, einfach rigoros auszumisten. Weg mit allem, was ich nicht brauche. Wenn ich mir meinen Lebensabend ausmale, könnte ich mir gut vorstellen, irgendwo in einem ganz kleinen Häuschen zu leben mit dem, was mir wichtig ist – das wären dann wohl meine Kamera plus Zubehör, mein Computer, meine Bildbände und Lyrikbücher (vielleicht noch mein Klavier, wenn ich bis dahin endlich mal wieder spielen lernte… und irgendwie fallen mir grad noch ein paar mehr Dinge ein… )

…. nur wäre bis dahin noch viel zu tun… zum Glück bleibt noch ein wenig Zeit….

Wie habt ihr es so mit dem Wegwerfen? Bringt Besitz Glück oder ist zu viel Besitz Ballast?

1. Juni

„Wäre das Wort „Danke“ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“ (Meister Eckhart)

Es gibt ein Lied, in welchem es heisst: „Danke für diesen guten Morgen, danke, für jeden neuen Tag….“ Und ja, es ist kein hochstehendes Lied, eher so ein banales mit einer simplen Melodie, einem einfachen Text. Sowas belächelt man gerne. Bis man innehält und denkt: Wie, wenn nicht so?

Ist nicht jeder neue Tag ein Geschenk? Eines, mit dem man eigentlich nicht rechnen kann und es doch tut? So selbstverständlich? Und wenn dann nicht alles so läuft wie geplant, hadert man noch. Ohne zu überlegen, dass schon der Tag eigentlich ein Geschenk war.

Wir müssen nun nicht alle mit einem Dauergrinsen durch die Welt laufen, gewisse Tage sind schwieriger als andere, und doch: Jeder Tag ist ein Geschenk und keiner ist selbstverständlich. Wir haben jeden Tag einen Grund, dankbar zu sein.

Fragen, nicht Antworten

„Wichtig ist, nie aufzuhören zu fragen.“ (Albert Einstein)

„Wieso ist die Banane krumm?“
„Wo geht die Liebe hin, wenn sie geht?“
„Was passiert mit dem Licht im Kühlschrank, wenn die Tür schliesst?“

Wann haben wir aufgehört, Fragen zu stellen? Wann haben wir aufgehört, Antworten zu suchen zu den Fragen und stattdessen im Internet zu suchen? Wann haben wir aufgehört, Phantasie zu haben und stattedessen Autoritäten zu folgen?

Für uns ist es nicht mehr wichtig, wichtig ist nur noch, wie wir wieder zurück kommen. Unsere Kinder hätten noch eine Chance, das Fragen nicht zu verlernen und das Phantasieren zu behalten. Wollen wir sie ihnen nicht geben? Und mit ihnen wieder dahin zurück kommen?

Wer glaubt, alle Antworten zu kennen, ist kaum mehr als ein Besserwisser, sicher aber kein Weiser. Wenn schon Sokrates wusste, dass er nichts weiss, er drum Fragen stellte und keine Antworten lieferte, wer würde es besser können? Zumal: Das Orakel von Delphi sah Sokrates als klügsten Menschen….vermutlich gerade drum, weil er Fragen stellte.

Wenn du also wieder einmal denkst, alles zu wissen: Stell dir die einfache Frage: Weiss ich das wirklich? Ist es nicht bloss eine Meinung? Und wenn dir wieder mal jemand weismachen will, dass er alles weiss und das noch besser: Frag dich auch: Weiss der das wirklich, oder ist es nicht schlicht seine Meinung?

Der Tod als Chance fürs Leben

Wenn man mir einen Tag schenken würde, ich einfach tun könnte, was mir am Herzen liegt, ich danach sterben würde. Was täte ich? Ich stiess heute beim Schauen eines Films auf die Frage und überlegte. Und ja, vielleicht täte ich nicht mal wirklich etwas anderes, als ich es aktuell immer tue. Ich möchte die Zeit mit meinen liebsten Menschen verbringen, möchte lachen, essen, geniesen. Ich möchte lesen, diskutieren, fotografieren, den Sonnenuntergang anschauen. Möchte tanzen, Musik hören, auf meiner Gitarre spielen. Und ja, das sind keine spektakulären Dinge, es sind die kleinen Freuden des Alltags, für die ich dankbar bin, sie erleben zu dürfen. Weil sie mir genau so entsprechen. Aber es gab andere Zeiten in meinem Leben.

Ich steckte und stellte zurück, versuchte zu genügen, zu erfüllen, eigene und fremde Erwartungen. Ich war gefangen in einem Hamsterrad, Sklave eines eigenen Perfektionismus, dem ich nie entsprechen konnte. Die Messlatte war hoch. Zu hoch. Wenn ich was tat, musste es zu was gut sein. Kürzlich kaufte ich mir eine Gitarre und übe nun. Nur zur eigenen Freude. Was für eine Befreiung. Das würde ich an meinem letzten Tag auch tun wollen.

Aber es geht nicht nur mir so. Wie oft hörte ich schon in meinem Umfeld: „Wenn ich…. dann werde ich….Kaum einer hat es getan. Die einen sind gestorben, anderen entsprachen die so lange gehegten und erzählten Träume doch nicht wirklich.

Wenn man etwas wirklich will, von tief innen heraus, gibt es wohl nur eine richtige Zeit, sich den Traum zu erfüllen: Jetzt. Damit sage ich nicht, dass alles immer und überall möglich ist, die Frage ist bei vielem aber auch, wieso man davon träumt. Sind es wirklich tiefe Wünsche oder eher Phantasien, um etwas zu entkommen, das im Leben grad schwer ist?

Wieso träumen wir unsere Träume? Was steckt dahinter? Wirkliche Wünsche oder sind sie ein Zeichen für etwas in unserem Leben, das nicht passt? Wenn es wirkliche Wünsche sind, was hält uns ab, sie zu verwirklichen? Und: Hält uns wirklich was ab oder haben wir insgeheim doch Angst, weil sie Neues in unser Leben brächten, wie gewohnte Pfade verlassen müssten?

Wenn ich morgen sterben würde, wie lebte ich den heutigen Tag? Wir können viel vom Tod lernen, allem voran, wie wir leben wollen. Es heisst, die Angst vor dem Tod sei die grösste Angst überhaupt, sie stehe hinter allen anderen Ängsten, aber eigentlich ist der Tod auch ein Geschenk: Er zeigt, dass die Zeit hier auf Erden kostbar ist. Wenn wir ihn nicht verdrängen würden, so im Stil von „mir passiert das nicht“, würden wir bewusster mit der Zeit umgehen, die wir haben.

Noch ist es nicht zu spät. Wir alle können uns die Frage stellen, was wir an unserem letzten Tag tun würden. Und wir können es jetzt schon tun. Vielleicht nicht heute, aber sicher morgen oder am Wochenende. Oft gehört dazu auch, hinzuschauen, wovor wir Angst haben, denn ganz oft ist die Angst es, die uns im Wege steht, heute schon so zu leben, wie wir es tief drin gerne würden. Wir müssen nicht erst den Tod vor Augen haben, um unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten, wir müssen den Mut haben, es in die eigene Hand zu nehmen und herauszufinden, was wir wirklich wollen.

Was würdest du tun, wäre dies heute dein letzter Tag? Wann tust du es?

Achtsames Zuhören

„How do I listen to others? As if everyone were my Master speaking to me his cherished last words.

How do I listen to you? As if you were the Alpha and Omega of all sound.“
(Hafiz)

Wie hören wir anderen Menschen zu? Geben wir ihnen wirklich unsere volle Aufmerksamkeit oder suchen wir nur nach Stichworten, um unsere eigenen Meinungen kundzutun?

Erst wenn wir einem anderen aufmerksam und achtsam zuhören, wirklich wissen und verstehen wollen, was er uns zu sagen hat, erst dann ist eine wirkliche Beziehung möglich.

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Wie soll ich anderen zuhören? Als ob sie mein Meister wären, der zu mir seine letzten geschätzten Worte spräche.

Wie soll ich dir zuhören? Als ob du das Alpha und Omega von allem Klang wärst.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wir haben gerade einen 1. Mai hinter uns. Tag der Arbeit, Kampftag der Arbeiter, an dem sie für ihre Reche einstehen. Ins Leben gerufen 1889, durchlief er mehrere Stationen durch die Zeit. Heute ist er mehrheitlich dafür bekannt, dass Ausschreitungen stattfinden, irgendwelche Chaoten Veranstaltungen stören, Dinge zerstören, Unruhe stiften. Konkrete Sachthemen stehen zwar auf der Agenda, schaffen es aber kaum ins mehrheitliche Bewusstsein, das wird mit Medienmeldungen über Ausschreitungen gespeist.

Dieses Jahr stach mir eine ins Auge: Ein Journalist der Weltwoche wurde von einer Gruppe Linksautonomer angegangen. Mehrfach. Nun ist die Weltwoche sicher ein sehr polarisierendes Blatt (man möchte fast fragen, welchem Blatt heutzutage die Gesinnung nicht gleich schon offen zu Gesichte steht….), nur: Erklärt oder entschuldigt das was?

Ich glaube kaum, dass einer derer, die da Pflastersteine werfen und Dinge zerstören, nur eine leise Ahnung der Geschichte des Tages haben. Ich glaube weiter nicht, dass es ihnen um irgendwas geht, als nur darum, Krawall zu machen, Aufmerksamkeit für sich und nicht für eine Sache zu erregen.

Der Tag der Arbeit wäre dazu da, aufmerksam zu machen für die, die arbeiten. Wie schrieb schon Victor Adler in der Arbeiter Zeitung 1890:

„Er ist sehr schön, der 1. Mai, und die Tausende von Bourgeois und Kleinbürgern werden es den Hunderttausenden von Proletariern gewiss gerne vergönnen, sich auch einmal das berühmte Erwachen der Natur, das alle Dichter preisen und wovon der Fabrikszwängling so wenig bemerkt, in der Nähe zu besehen.“

Nur weiss man schlicht nichts mehr davon. Es geht schon lange nicht mehr um die Sache, es geht um eigene Aufmerksamkeit. Was sich da „Linke“ nennt, hat mit Politik wenig zu tun, es ist eine Selbstdarstellung eigener Mängel, es arten einige wenige aus, weil sie selber es nirgends hin kriegten und nun die Gesellschaft dafür anklagen wollen. Oder vielleicht ist schon das zu hoch gegriffen: Sie brauchen schlicht ein Ventil, ihrem Frust ein Tor zu bieten.

Ich sage nicht, dass ich es nicht verstehe – im Kern. Wir leben in einer Welt, in der ganz viele auf der Strecke bleiben, noch mehr ausgesaugt werden, bis sie in einem Burnout enden. Wir leben in einer Welt, die auf Profit gepolt ist, den Menschen über die Klippe springen lässt – wenn es dem Profit dient.

Nur: Hier stehen Werte auf dem Spiel. Wir haben nur die eine Chance, uns auf diese zu berufen. Das Leben ist logischerweise kein Wunschkonzert, und ja, es ist mitunter hart. Und ja, man hätte es gerne ab und an anders, nur: Man müsste dann auch was tun. Autos in Flammen setzen reicht da nicht, man brauchte einen Plan. Es sind nie nur die anderen die Bösen, man selber kann auch was bewirken. Das klappt schlicht nur, wenn man sich nicht nur als Opfer des Systems sieht.

Ich mag unser System, wie es ist, auch nicht. Und ja, ich sehe auch Handlungsbedarf. Nun aber in blindem Aktionismus die Rechte zu zerstören, die gerade wichtig wären, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ich wünschte mir da mehr Nachdenken, mehr Tiefe, mehr Substanz.

Wir werden vielleicht nicht das Ideal schaffen, aber wir können definieren, wo wir hin wollen. Und den Weg dann Schritt für Schritt in Angriff nehmen. Dafür müssen wir aber offen bleiben. Und im Dialog. Entwicklung findet nie im eigenen, eng umzäumten Universum statt, sie braucht die Inspiration von aussen.

Hannah Arendt – Der Film

Hannah Arendt fragte beim New Yorker an, ob sie als Berichterstatterin zum Eichmannprozess nach Jerusalem fahren dürfe. Natürlich war man erfreut, eine so renommierte Philosophin für das eigene Blatt vor Ort zu haben. Was war Hannah Arendts Motivation? Sie wollte den Menschen leibhaftig sehen, der für so viel Leid, für all die Greuel verantwortlich gemacht wurde. Sie wollte dem Bösen in die Augen sehen und erwartete, ein Monster, einen bösen Menschen zu sehen. Wirklich gesehen hat sie einen mittelmässigen Menschen, dem, so beschreibt sie es, die Fähigkeit zu denken abhanden gekommen ist. Ein Mensch, der nichts Teuflisches verkörperte, sondern ein ganz normaler Mensch war, der in seinen Augen nur dem damals herrschenden Gesetz gehorchte. Diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt es nannte, war sicher schon weit neben dem, was man gerne gelesen hätte, dass sie aber die Rolle der Judenräte in den Ghettos kritisch beleuchtete, brachte ihr den Bruch vieler Freundschaften und Anfeindungen von vielen Seiten.

Wieso hat sie es getan? Sie wollte verstehen. Als Philosophin wollte sie hinschauen und verstehen, wie es kam, was war. Sie wollte denkend die Wahrheit finden,wobei sie im Gegensatz zu ihren erzürnten Lesern verstehen von vergeben unterschied. Zu recht aus der philosophischen Warte, allerdings verkannt in den Augen derjenigen, die vom Hass und der negativen Gefühle zerfressen nur die eine Botschaft hören und sehen wollen, nämlich die, dass die einen die bösen Täter, die anderen die armen Opfer waren. Man war (noch?) nicht bereit für die sachliche Sicht, für die sicher auch teilweise unbarmherzige Sicht.

Um die Geschichte des Eichmann-Prozesses herum wird im Film Hannah Arendt das Portrait einer grossartigen Denkerin gemalt. Man sieht eine Denkerin, die mit der ganzen Radikalität ihres Geistes der Wahrheit auf den Grund gehen will, die dabei keine Kompromisse eingeht. Sie selbst sagte einst, sie betreibe „Denken ohne Geländer“. Genau diese Radikalität zeigte sich am Beispiel des Eichmann-Buches deutlich. Die eigenen Gefühle wurden aussen vor gelassen, die Gefühle der anderen ebenso. Nicht Gefühle, nicht vorgefertigte Meinungen zählten, sondern der pure klare Blick auf das, was war. Sehr spannend waren die Einblendungen des Originalfilmes aus dem Eichmann-Prozess. Die Mimik, die Argumente – sie zeigten ein deutliches Bild dessen, was Hannah Arendt danach beschrieb. Zwar hätte ich eine gewisse Arroganz in seinen Blick hineingelesen, ganz sicher aber drückte das Unverständnis durch, dass man nicht verstehen wollte, dass er nur Befehle ausführte. Dass er selber keine Juden tötete, nicht mal was gegen sie hatte. Er war – so erscheint es deutlich – ein gedankenloses Rad in einer gnadenlosen Maschinerie. Ein farbloser Bürokrat, der nur auf seine Formulare schielt, den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet lässt. Hannah Arendt hat genau das geschrieben.

Ob sie naiv genug war, zu denken, dass man das kommentarlos oder zumindest ohne weitere Probleme hinnehmen werde, oder ob sie die danach auftretenden Probleme und Ressentiments einfach in Kauf nahm, ist schwer abschliessend zu sagen. Ich würde dazu tendieren, dass es sowohl als auch war. Sie muss sich – so klug war sie – bewusst gewesen sein, dass sie mit der Sicht, die ja auch ihre eigenen Erwartungen von vor dem Prozess negierten, viele Leute vor die Köpfe stiess. Doch war sie wohl zu sehr Philosophin und ihrer eigenen Natur ihres Denkens verfallen, um sich der wirklichen Sprengkraft eines solchen Schreibens bewusst zu werden. Zudem denke ich, dass sie, selbst wenn sie sich bewusst gewesen wäre, es nicht hätte unterlassen können. Denn – und das war ihr immer wichtig – Denken lässt keine Geländer zu, es hat keine Grenzen, es soll nur ein Ziel haben: Die Wahrheit. Und Wahrheit bedeutet für Hannah Arendt, „das zu sagen, was ist.“

Der Film ist sicher sehenswert, denn er zeigt das Leben einer wirklich herausragenden Philosophin unserer Zeit. Er behandelt zudem eine Thematik, die unsere Zeit durch ihre Grausamkeit geprägt hat, indem sie das Denken und auch unsere Gesetze massgeblich geprägt hat. Negativ fiel mir auf, dass Hannah Arendt fast schon penetrant rauchend dargestellt wurde. Zigaretten hatten die grössere Präsenz im Film als ihr Geist und ihre Person. Ich bin weit davon entfernt, ein militanter Nichtraucher zu sein, doch fiel mir dieses schon fast als Leitmotiv anmutende Detail störend auf. Die Frage, was es verkörpern soll, lag auf der Hand. Die rauchende Intellektuelle als Kunstbild? Die Nervosität der Denkerin, welche ihre Nerven durch Suchtkrücken still hält? So oder so – ich empfand diese Präsenz als enorm störend und vom wirklichen Inhalt ablenkend.

Fazit:

Ein absolut sehenswerter Film mit einigen Schwachstellen, der aber trotz allem zu denken anregt. Ein Film, der zeigt, dass Denken gefährlich sein kann, vor allem, wenn man es radikal betreibt. Ein Portrait einer grossen Denkerin, die ich ob ihrer Radikalität des Denkens sehr schätze.

27. April

„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen.“ (Epiktet)

Vor Prüfungen habe ich mich immer dabei ertappt, wie ich mir in den düstersten Farben ausmalte, was alles schief gehen könnte. Vor wichtigen Terminen blieb der Schlaf aus, weil in meinem Kopf die Gedanken drehten – nicht auf erfreuliche Weise. Ich malte mir aus, was alles passieren könnte, stellte mir vor, welche Gefahren und Risiken auf mich warten könnten.

Ich war beunruhigt, ohne dass etwas passiert war. Alles fusste nur auf meinen eigenen Vorstellungen. Eigentlich blöd, oder? Klar können Prüfungen misslingen, Termine können auch wenig erfreulich ausgehen, aber: Sich das schlechte Ende schon vorher immer und immer wieder vor Augen zu führen, wird kaum etwas Positives bringen – im Gegenteil. Es stiehlt mir Zeit und Ruhe und bildet damit keinen guten Boden für das Bevorstehende.

Wie viel besser wäre es also, wenn wir uns vor Herausforderungen aufmuntern und innerlich stärken würden statt uns niederzumachen und in Ängsten zu versinken?

26. April

„Die Welt kann nur gut und rein sein, wenn unser Leben gut und rein ist. Sei rein und gelassen, die gereizte Seele kann das Innere nicht widerspiegeln.“ (Swami Vivekananda)

Bist du auch schon einmal an einem klaren Bergsee gesessen und hast bis zum Grund geschaut? Hast du die Steine gesehen, Fische, die schwammen, und einfach die Ruhe genossen, die in dem See lag und die sich auf dich übertrug? Und hast du auch irgendwann einen Stein genommen, ihn ins Wasser geworfen? Hast dann zugesehen, wie die Kreise sich zogen, wie das Wasser in Unruhe geraten war und der Durchblick zum Grund nicht mehr möglich war?

Mit unserer Seele verhält es sich wie mit diesem Bergsee: Ist sie in Ruhe, ist sie gelassen, ist ein Blick bis zum Grund möglich. Dann erkennen wir uns selber, sehen bis in unsere tiefsten Tiefen hinein. Oft lassen wir eine solche Ruhe gar nicht entstehen. Gedanken rasen durch unseren Kopf, wir hasten von einem zum andern, im Innen wie im Aussen und verschliessen so den Blick auf uns selber. Als ob wir uns fürchteten vor dem, was wir da sehen könnten. Tun wir es?

Wieso nicht einmal innehalten, zur Ruhe kommen und dann hinschauen, was sich zeigt? Wer bin ich tief drin? Was wünsche ich mir? Was treibt mich an? Wer will ich sein? Die Antworten warten nur darauf, gesehen zu werden.

Denken? Unbequem und unerwünscht!

Vor einigen Jahren konstatierte Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, in einem Artikel des NZZ Campus*, dass im universitären Betrieb immer weniger Platz zum Denken bleibe, das Studium immer mehr ökonomisiert und dem Arbeitsprozess angepasst würde. Was im Arbeitsbereich schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die systematisierte Abarbeitung gestellter Aufgaben ohne Nachdenken des Einzelnen (das ist weder gefordert noch gewünscht, sondern eher sogar gefürchtet und verpönt), nimmt immer mehr auch im Unialltag Überhand.
Im Zuge von Reformen und Umstrukturierungen wurden viele Lehrgefässe, die das Denken fördern und den Diskurs unterstützen zu freiwilligen Veranstaltungen, während man die Pflichtveranstaltungen verschult und mit kreditwürdigen Aufgaben versehen hat. Ziel ist nicht mehr kreative Denkleistung sondern Erfüllung der für die Kredite notwendigen Anforderungen. Damit sei das Studium globaler integriert, die Leistungen weltweit vergleichbarer. Dass dem nicht wirklich so ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich versucht, die Universität zu wechseln. Noch immer wird nicht alles von fremden Unis anerkannt, wird zuerst geprüft, nur teilweise angerechnet. Man hat also wenig gewonnen, aber viel verloren.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass diese Massnahmen den Studenten auf die spätere Arbeitssituation vorbereiten, was im Grundsatz sicherlich nicht verkehrt ist, auf diese Weise aber völlig falsch läuft. Dass in vielen Firmen Leistungsbewertungen anhand von intern erstellten Quoten erstellt werden, sie damit also nicht mehr der Leistung des Mitarbeiters gerecht werden sondern nur noch vordefinierten Rankings entsprechen, führt nicht wirklich zu einer Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern. Dies kümmert die von Profitstreben getriebenen Firmen wenig, der Mensch ist ersetzbar. Das war bereits Thema innerhalb dieses Blogs: Locker, cool und alles easy. Der Mensch fungiert in diesem Schachspiel als Bauernopfer. Er tut gut daran, das nicht zu hinterfragen, nicht zu viel zu denken, denn damit würde er unbequem.

Dass mit vordefinierten Notenschnitten  in den einzelnen Studiengängen bei Prüfungen gesiebt wird, ist nicht neu. Eine bestimmte Anzahl darf weiter, die Prüfung wird so korrigiert, dass dieses Ziel erfüllt wird. Dieses Vorgehen trägt sicher nicht dazu bei, das eigene Denken zu motivieren, es setzt die Studenten nur unter Druck, möglichst auswendig zu lernen, was gefordert ist, Vorgekautes wiederzukäuen. Das neue Kreditsystem hat aus den Universitäten eine Art Tauschfabrik gemacht: Auswendiglernen gegen Kredite. Das eigene Denken bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Wenn man nun ganz radikal denken möchte, verknüpfe man diese Gedanken mit dem Fazit, das Hannah Arendt aus der Angelegenheit Eichmann zog: Gedankenlose normale Menschen sind in der Lage, die grössten Gräueltaten zu begehen. Weil sie nicht mehr fähig sind, selber zu denken, weil sie es nicht mehr lernen, nicht mehr dürfen, nicht mehr wollen auch, um sich nicht selber zu deutlich in dieser gedankenlosen Maschinerie gefangen zu sehen. Man muss nicht gleich plakativ unken, dass aus jeder Gedankenlosigkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit resultiert, ich denke aber nicht, dass dabei viel Gutes herauskommt. Wozu sind Universitäten gut, wenn nicht dazu, denken zu lernen? Was soll Bildung bewirken, wenn sie nur aus auswendig gelernten Daten und Zahlen besteht? Wie soll man noch selber Schlüsse ziehen können, wenn nur noch die schon von anderen gezogenen wiedergegeben werden dürfen und gut benotet werden? Wie fühlt sich der Mensch, wenn er nicht mehr aufgrund seiner eigenen Leistungen, auch Denkleistungen, bewertet wird, sondern anhand eines profitorientierten Rankings?