Wochenthema: Selbstzweifel

Du kannst das nicht.

Sagt leise eine Stimme. In dir.

Du bist nicht gut genug.

Spricht sie weiter. Du würdest sie gerne stoppen, aber du denkst: Irgendwo hat sie recht. Es reicht wirklich nicht. Du siehst so viel um dich, das du nicht kannst. Wie sollte das, was du tust (und du redest noch nicht mal von Können) irgendwohin reichen?

Das ist toll!

Sagt einer. Du reisst die Augen auf und denkst:

Was sieht er?

Du glaubst ihm nicht. Aber du glaubst jedem, der etwas sagt, das man nur im entferntesten Sinne als Kritik auffassen könnte. Oder notfalls was hinein interpretieren.

Wieso eigentlich?

Freitagsfüller – Klappe, die siebte

Eine sonnige Woche liegt hinter uns, eine, die verging wie im Flug – das schreibe irgendwie jeden Freitag, aber es ist einfach so. Ist das mein Alter oder laufen die Uhren wirklich immer schneller?

  1. IMG_3054Nach welchen Kriterien suche ich meine Zeichenmaterialien: Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle. Natürlich schaue ich, was empfohlen wird, probiere Dinge aus. Sehr gerne zeichne meist in Sketchbooks, selten auf loses Papier. Da benutze ich am liebsten Moleskine-Bücher, sowohl die Sketchbooks wie auch die Aquarell-Bücher. Leider sind die nicht ganz günstig und so probiere ich auch Alternativen. Mehr als nicht griff ich dabei daneben, so dass ich die Bücher schliesslich nicht füllte oder gar wegwarf. Also doch nicht wirklich was gespart. Neuerdings überlege ich, ob ich mal versuchen soll, Bücher selber zu binden. Bei meinen Bastelqualitäten wird das wohl eher schwer. Aber probieren werde ich es vielleicht mal.
    Ansonsten muss ich gestehen: Ich kann Zeichenmaterial kaum widerstehen. Ich neige zum Hamstern und freue mich wie ein kleines Kind an jedem neuen Stift oder Buch.
  2.  Endlich ist es soweit und ich habe mein erstes Gedicht-Buch veröffentlicht. Als ich gestern die ersten Exemplare in den Händen hielt, war das ein wunderbares Gefühl.
  3. FullSizeRender In meinem Bett liegt gerade ein Hundetier. Zuerst hat er alle Kissen durcheinandergebracht, um alles so hinzulegen, wie es dem Herrn genehm ist, dann hat er sich hineingebettet und liegt nun da. Selig schlafend
  4. Heute rauszugehen hat sich wieder mal richtig gelohnt.Mit einer guten Tasse Kaffee und einem sehr schönen Gespräch fing der Tag heute wirklich schön an.
  5. Anstatt sich auf das Schöne, Positive zu konzentrieren, sehen wir oft das, was nicht passt, das, was nicht klappt. Wir haben die Mängel im Blick und ignorieren, wie viel Gutes da wäre. .
  6. Ich esse selten im Restaurant. In der Schweiz ist dass immer so teuer, zudem tendiere ich aktuell sehr zum Stubenhocker. Mich mal rauszukriegen ist schon eher schwierig.

Die Nummer sieben kann ich eigentlich meistens übernehmen:

  1. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf einen ruhigen Abend mit einem Glas Wein, morgen habe ich geplant, neben allen Wochenenderledigungen wie putzen, einkaufen und dergleichen mit dem Hund spazieren zu gehen, zu zeichnen, zu lesen, Bücher für ein neues Thema zusammenzusuchen und dann den Tag ausklingen zu lassen. Am Sonntag möchte ich lesen, zeichnen und hoffentlich viel Ruhe haben.

Danke für die Inspiration an Barbara, die diese tolle Aktion gestartet hat. Ihr Ursprungspost: HIER http://scrap-impulse.typepad.com/scrapimpulse/2017/08/-435.html

Keine Plattform – oder: Wieso Schweigen so schwer fällt

In Barcelona fuhr einer in eine Menge. Verletzte, Tote wohl. Die Polizei spricht von Terror. Einmal mehr schlug der zu. Und immer kriegt er Aufmerksamkeit, wird in allen Medien breitgetreten, die Angst wird geschürt. Die Menschen fragen sich, was sie noch tun können, wo sie noch hin können. Und die Terroristen? Jubilieren. Ziel erreicht.

Nun ist der Mensch nicht dumm, er denkt sich: Wir dürfen denen keine Plattform bieten. Und so schreiben nun alle: Ich biete dem keine Plattform. Ich sage NICHTS zu Barcelona. Ich gebe denen keine Plattform. Und dann nutzen sie den Hashtag. Um ja gefunden zu werden in ihrer Botschaft.

Ja, man könnte nun sagen: So doof aber auch. Das wäre einfach. Aber so einfach ist es nicht. Terror macht Angst. Tote und Verletzte machen betroffen. Und man möchte nicht einfach wegschauen. Man möchte den Opfern die Ehre erweisen, möchte seinem Entsetzen Ausdruck geben. Man möchte nicht wegsehen und nicht als Ignorant gesehen werden. Aber um das zu erfüllen, muss man es thematisieren. Und: Jede Erwähnung ist Wasser auf die Mühlen derer, die das verursacht haben.

Unser System der öffentlichen Stellungsnahme hat sich verselbständigt. Man kann nicht das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Sprich: Was nicht öffentlich wahrgenommen werden kann, ist nicht passiert. Was öffentlich wahrgenommen werden kann, wird nach allen Seiten hin genutzt.

Da kommen wir nicht mehr raus. Es gilt, damit umzugehen. Noch sind wir weit davon entfernt. Und ja, vielleicht haben wir uns damit selber überfordert. Bislang konnten wir vieles verheimlichen. Auch vor uns selber. Nun existiert quasi nichts mehr, wenn es nicht von allen gesehen werden kann. Und alle sind verdammt viele. Wie mit all denen umgehen, wenn wir oft schon mit uns selber Mühe haben? Wir wollen eigentlich nur eines: Vor allen genügen.

Frauen, Männer, Quoten

In letzter Zeit spülen mir die sozialen Medien immer mehr Artikel in den Gesichtskreis, in denen es um Gleichberechtigung geht, um Zahlen davon, wie viele Frauen wo vorhanden sind. Da wird gezählt. Akribisch. Der Buchpreis: Ein paar Frauen, ganz viele Männer. Die Jury: Ganz viele Männer, kaum eine Frau. Schullektüre: Fast gar keine Frauen, denn mehrheitlich Männer. Bestsellerlisten: Man ahnt es.

Ich merke, das Ganze nervt mich. Meist wird nicht gefragt, wieso es so ist, man zählt nur, was ist. Was, wenn sich gar nicht genügend gemeldet haben? Was, wenn es schlicht einfach mehr Männer gibt? Selbst das kann man natürlich hinterfragen, aber man sollte es tun. Fragen, wieso dem so wäre – wenn dem denn so wäre.

Ich habe mir Gedanken gemacht. Was las ich in der Schule? Und ja, im Deutsch ausschliesslich (tote) Männer. In der Zeit gab es aber auch kaum Frauen. Zumindest wenig „grosse“. Droste-Hüllshoff wäre eine – kam nicht. Ansonsten? Wer wäre? Franziska von Reventlow wird vernachlässigt, Seghers und Aichinger lebten noch, ebenso die Jelinek. Anno dazumal schrieben die wohl in Deutschland einfach nicht?

Im Englisch lasen wir auch nur Männer. Da ist es fragwürdiger, denn da hätte es einige gegeben: Austen, die Brontes, Virginia – Lag es dran, dass der Lehrer männlich war? Das waren der Deutsch- und der Französisch-Lehrer übrigens auch und auch im Französisch lasen wir nur Männer. Ob es da Frauen bei den Klassikern (nur solche lasen wir) gäbe, entzieht sich meiner Kenntnis. Simone de Beauvoir? Aber die wäre vielleicht eher Philosophie und das war Freifach – und da lasen wir Kant… (was ich aber toll fand… müsste ich sie besser finden, weil sie eine Frau ist? So fühlt sich die Zählerei ab und zu an….)

Ich ging in Gedanken weiter zum Studium. Im Verhältnis wenig Frauen gelesen, zumindest in Germanistik, in Anglistik die eine oder andere mehr. Ich müsste aber zählen, wie viele es denn wären im Verhältnis. Muss ich? Ist es relevant? Noch gebe ich nicht auf. Ich gehe weiter und erinnere mich an meine Professoren. In Germanistik hauptsächlich Männer. In Philosophie ebenso, Geschichte auch, Anglistik war die Vorzeige-Professorin, die in aller Munde war, weil sie so jung Professorin geworden war. Ich habe aber quasi nur bei Männern studiert. Guten Männern.

Wenn ich mir heute die Professoren-Listen in meinen Fächern anschaue, ist die Mehrheit noch immer männlich. In meinen Fächern waren Frauen in der Mehrzahl. Wo sind die alle hin? Waren sie wirklich so schlecht? Wollten sie nicht? Wurden sie nicht genommen? Da fängt es langsam an, unangenehm zu werden beim Denken. Ich habe selber Diskriminierung erlebt aufgrund meines Geschlechts. Eine Assistenzstelle kriegte ich nicht, weil ich (explizit so gesagt – übrigens von einer Frau) als Frau und alleinerziehende Mutter nicht in der Lage sei, die Anforderungen erfüllen zu können. Ein Stipendium kriegte ich erst, man wollte es mit der gleichen Begründung nachher absprechen… ich wäre fast vor Gericht gezogen.

Woran liegt es, dass Frauen in der Literaturwelt so untervertreten sind? Muss man das nun zählen und aktiv ändern? Wie sollte das gehen? Quoten? Dann wären Bücher von Frauen nur deshalb in Wettbewerben, weil sie von Frauen stammen. Frauen sässen nur in Jurys, weil sie Frauen sind. Frauen hätten Professuren inne, weil sie Frauen sind.

Man kann nun sagen: Das wäre, der Frau Unrecht getan. Das hiesse, Frauen (und Männer) nicht mehr nach Leistung, sondern nach Geschlecht zu bewerten. Das Argument greift zu kurz. Wer das Argument anführt, geht davon aus, dass es weniger fähige Frauen als Männer gibt. Denn nur dann wäre das Ungleichgewicht gerechtfertigt. Sobald man das negiert, müsste man zum Schluss kommen, dass beide gleich oft vertreten sein müssten. Wenn sie gleiche Chancen hätten.

Und ja, es ist nicht toll, zählen zu müssen. Es ist nicht toll, Quoten durchprügeln zu müssen. Es ist traurig, muss man Zahlen bemühen, um gelten zu lassen:

Alle sind gleich und sie sollen gleiche Chancen haben.

Davon scheinen wir noch weit entfernt zu sein.

Wochenthema: Gewohnheit

Der Mensch neigt oft dazu, Gewohnheiten auszubilden. So bildet er eine Tagesroutine aus, bei welcher jeder Tag in den grossen Zügen dem anderen gleicht. Man steht auf, bereitet sich nach dem täglich gleichen Muster auf den Tag vor, geht auf demselben Weg zur Arbeit, sitzt im Bus oft am selben Platz und sieht die anderen, die auch immer im gleichen Bus und auf dem gleichen Platz sitzen. Die Arbeit läuft nach gewohntem Muster ab, der Feierabend oft auch. Gewohnheiten bieten Sicherheit, Gewohnheiten geben auch eine Art von Ruhe in einer sonst eher hektischen Zeit. In der Gewohnheit fühlt man sich zu Hause. Und das ist gut.

Gewohnheiten können aber auch schädliche Züge annehmen, vor allem dann, wenn es sich um krankmachende Gewohnheiten handelt. Jeder kennt die wohl bei sich: Man tröstet sich mit einem Schokoriegel vom Frust des Tages, spült den Ärger mit einem Glas Wein weg oder trinkt ein Feierabendbier, um zu entspannen. Was am Anfang noch ein gewähltes Mittel war, geht langsam in Fleisch und Blut über, man greift zum probaten Mittel, ohne zu studieren, bald auch ohne Ärger oder Anspannung als Grund, sondern aus reiner Gewohnheit.

Wenn der Tag nur noch aus Gewohnheiten besteht, läuft man automatisch durchs Leben. Man weiss, was kommt, ohne daran denken zu müssen, man geht den Weg, ohne ihn überhaupt noch zu sehen. Man spult quasi blind sein Leben ab. Man muss ja nicht mehr hinsehen, alles funktioniert, weil es lange eingeübt wurde, weil es eben Gewohnheit ist. Schleichend greift dabei eine Abstumpfung um sich, das Bewusstsein und die Achtsamkeit auf das, was das Leben ist und was es umgibt, nehmen ab. Immer mehr sind wir in unseren Gewohnheiten auch gefangen, können gar nicht mehr ausbrechen.

Nun kann man sagen, dass das ja nicht so bedenklich ist, zumal dann nicht, wenn die Gewohnheit nicht schädlich, sondern ganz normale Alltagsroutine ist. Schliesslich muss man ja zur Arbeit und der Kaffee vorher muss genauso sein wie die Dusche am Morgen. Der Arbeitsweg ergibt sich aus der Lage von Wohnung und Büro – wie also was ändern? Das hat man immer so gemacht, das kennt man schon und es funktioniert. Man funktioniert. Und genau da fängt das Problem an.

Blindes Abstrampeln eines Lebens ist nicht nur eine oberflächliche Angelegenheit. Das greift tiefer. Sind es zuerst nur die Alltagsroutinen, die automatisch funktionieren, ist man es selber bald als Mensch, der nur noch funktioniert. Man hört nicht mehr hin, wie es einem dabei geht, man spürt nicht, wenn es nicht mehr passt. Man macht, weil man immer machte. Man funktioniert. Dass aber reines Funktionieren nicht wirklich Leben bedeutet, liegt wohl auf der Hand. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, merkt man spätestens dann, wenn der Körper und die Seele so laut um Hilfe schreien, dass man sie nicht mehr überhören kann. Und oft ist es dann schon sehr spät. Manchmal zu spät. Kein Wunder, nehmen Krankheiten wie Depressionen oder Süchte immer mehr zu. Kein Wunder, verzweifeln so viele Menschen am Leben, sind erschöpft, weil sie mit den ganzen täglichen Routinen und Anforderungen nicht mehr umgehen können. Das Leben wurde zuviel und man lief blind funktionierend in dieses Zuviel hinein.

Was helfen kann? Die Augen wieder aufzumachen. Man sollte lernen, wieder hinzusehen, was ist, hinzusehen, was man tut und wieso man es tut. Man muss lernen, die Gewohnheiten zu erkennen und zu sehen, welche gut tun, welche nicht. Hinsehen, welche man braucht, welche Halt geben, und welche mehr Last sind. Und dann kann man dahin gehen und etwas ändern. Nicht alles aufs Mal, Schritt für Schritt mal die eine oder andere Gewohnheit durchbrechen, kreativ werden. Vielleicht sitzt man einfach mal auf einen anderen Stuhl im Bus und sieht plötzlich andere Menschen. Die waren vorher auch alle da, allein, man sah sie nicht. Und so ist es wohl mit vielem im Leben: Es ist ganz viel da, was wir nicht sehen, weil wir nie hinsehen. Die Perspektive zu verändern kann da helfen, es in den Blick zu kriegen.

Dabei kann man ruhig mal kreativ werden, Neues probieren, Gewohntes durchbrechen. Das kann helfen, wieder mehr Leben im Leben, sich selber lebendiger zu fühlen. Vielleicht findet sich auch Zeit, ein neues Hobby zu beginnen? Zeichnen, malen, ein Instrument spielen, schreiben – sich kreativ ausdrücken. Und wer weiss: Plötzlich braucht man die Schokolade oder das Bier nicht mehr, bildet neue Gewohnheiten aus, solche, die gut tun. Man will nichts mehr abreagieren, sondern etwas ausleben. Man tankt auf, weil die Dinge Freude machen, man Schönes sieht, das vorher untergegangen war. Alles unter dem Motto:

Mach mehr von dem, was dir gut tut und was dich glücklich macht.

Heute nichts getan

Heute war ein Tag, an dem ich am Abend sagte:

Ich habe heute nichts getan.

Ich habe ein Buch gelesen, den Grosseinkauf erledigt, alles aufgeräumt und wo nötig geputzt. Ich habe meine neuen Artikel geplant, Unterlagen sortiert und abgelegt. Ich habe gekocht und den Hund ausgeführt. Ich habe mich mit Picassos Skizzenbüchern auseinandergesetzt und analoge Skizzen angelegt. Ich habe sonst gezeichnet, weil: Ich will das mehr tun und Übung macht den Meister. Ich habe eine meiner Datenbanken gepflegt, die noch offene Kommunikation erledigt. Und ich habe Klavier geübt…

Ausser einigen Skizzen im Skizzenbuch, die keinen interessieren, habe ich also nichts, was man vorzeigen könnte. Und schon stellt sich das Gefühl ein:

He, das war nichts. Heute einfach nichts gemacht.

Und das ungute Gefühl schleicht sich ein. Die Unzufriedenheit kommt gleich mit. Nur: Was würden wir tun, wenn wir all die kleinen Dinge, die notwendige Planung und Versorgung, nicht machen würden? Wir irrten wahl- und ziellos umher. Wohin sollte es führen?

Eigentlich habe ich heute viel gemacht. Und mir ist viel klar geworden. Das hilft beim zukünftigen Machen, indem es steuert, was ich tue, damit es auch ist, was ich wirklich will. Alles gut? Ist es – sobald ich mich selber überzeugt habe. Das dauert ab und an ein wenig.

Geht es anderen auch so?

Max Frisch: Fragebogen III

Vor einiger Zeit startete ich mit dem ersten Fragebogen von Max Frisch Fragebogen (HIER), der zweite folgte (Thema Ehe: HIER) – wir kommen zur dritten Runde, die sich um das Thema „Frau“ dreht. Das war nicht ganz einfach, da die Fragen offensichtlich aus Männerperspektive (und für Männer?) geschrieben waren. Hier ist auch wieder nur eine Auswahl aus den Fragen des Fragebogens, den ganzen findet ihr im am Schluss genannten Buch.

Fragebogen III

  1. Tun Ihnen Frauen leid?

Nicht mehr als Männer.

  1. Warum? (Warum nicht?)

Frau zu sein ist ja kein grundsätzliches Leiden.

  1. Welche Probleme löst eine gute Ehe?

Keine. Sie bringt aber keine neuen wie eine schlechte.

  1. Befremdet Sie eine kluge Lesbierin?

Herr Frisch? Was hat Intelligenz mit der sexuellen Ausrichtung zu tun? Da könnte ich auch fragen, ob jemand mit einer breiten Nase gute Romane schreiben könne. (Die breite Nase ist mir aus einer Dokumentation über Max frisch geblieben)

  1. Was bezeichnen Sie als männlich?

Eine schwierige Frage, da sie Klischees bemüht. Noch schwieriger ist, dass ich das Gefühl habe, wir leben in einer Zeit, in welcher wir nach innen und aussen mit diesen Klischees kämpfen. ich gehöre noch zur Generation, welcher die Märchen mit schönen Prinzessinnen und rettenden Prinzen vorgelesen wurden, die aber dann lernte, dass Frauen nun keine Prinzessinnen mehr seien, sondern sich selber retten. Da ich von klein an sowieso eher der Cowboy-Typ als das Prinzessinnen-Mädchen war, kam mir das sehr gelegen, nur so ab und an, tief drin, gab es schon Momente, wo so ein rettender Prinz durchaus romantisch gewesen wäre. Selbst wenn er nicht auf dem schnaubenden Rappen dahergeritten käme und auch nicht retten würde, nur ein wenig romantischer Prinz wäre. Wobei ich ehrlich gestehen muss, dass ich – wäre das wirklich eingetreten – wohl eher peinlich berührt oder aber amüsiert gewesen wäre als romantisch erobert. Was also ist männlich? Ich belasse es dabei: Jeder Mensch, der sich durch seine biologischen Anlagen und/oder sein Selbstgefühl als Mann fühlt, ist auf seine Weise männlich.

  1. Wer hat den Kastrationskomplex erfunden?

Siegmund Freud. Er ging davon aus, dass kleine Kinder den Penis als Normalfall anschauen, so dass Mädchen in der Folge einen Peniskomplex entwickeln (weil sie keinen haben) und Jungs einen Kastrationskomplex (weil sie denken, bei den Mädchen sei ihrer durch Kastration verloren gegangen, und das nun auch fürchten). Arme, kranke Welt, alle leiden an Komplexen.

  1. Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?

Ich glaube, das kann man gar nicht. Man kann sicher gewisse Dinge über sich lernen, das tut man aber immer, nicht nur von Beziehung zu Beziehung, sondern auch innerhalb von Beziehungen. Schlussendlich ist eine Beziehung auch immer ein Zusammenspiel zweier Menschen. Was in einer Beziehung klappt, kann in der nächsten Beziehung harzen, und umgekehrt. So kann man nur immer in der aktuellen Beziehung sehen, was Sache ist, und dann besten Falls in der Beziehung selber lernen, das Beste draus zu machen.

  1. Möchten Sie Ihre Frau sein?

Nein – und auch nicht mein Mann.

  1. Was bewundern Sie an Frauen?

Nichts grundsätzlich. Es gibt einige Frauen, die ich achte für das, was sie machten, nicht aber für ihr Frausein per se.

  1. Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?

Es ist schon viel, wenn jeder sich selber versteht. Wenn er noch sein Gegenüber versteht, ist das wunderbar. Schon das halte ich für quasi unmöglich. Was ich aber sicher denke: Es gibt weder DIE Frauen noch DIE Männer. Und was es nicht gibt, kann man nicht verstehen.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
FrischFragebogenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

Tierethik und Vegetarismus

Heute las ich den schönen Beitrag zur Tierethik bei Gerda Kazakou (HIER). Sie spricht Themen an, die mich auch schon sehr lange beschäftigen, die ich nie abschliessend beantworten konnte, immer mal wieder neu aufrollte für mich und meine Haltung überprüfte, mein Essverhalten auch.

Tierethik und Vegetarismus – zwei wichtige Themen. Ich frage mich immer wieder, ob es eines ist, tendiere aber dazu, die beiden zu trennen. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und war immer nahe an Bauernbetrieben dran, weil wir da Ferien machten. Ich habe als Kind Sommer für Sommer im Dorf den Metzger begleitet, wie er das Schwein aus dem Stall holte und wenige Meter davon schlachtete. Vom ersten Schuss bis zur fertigen Wurst haben wir Kinder zugeschaut. Es war für uns natürlich und wir durften das noch frische Brät probieren. Am Tag vorher hatten wir die Schweine noch im Stall gestreichelt.

Ja, ich möchte das heute nicht mehr so machen, gebe ich ehrlich zu, ich könnte es nicht mehr. Trotzdem bin ich der Ansicht, wenn der Fleischkonsum noch so wäre, dass Tiere nur so gehalten und geschlachtet würden, wie es da üblich war, dann wäre das durchaus ein schönes Leben für die Tiere. Ich denke nicht, dass der Konsum per se unethisch ist, es ist eher die Art und Weise, wie er sich entwickelt hat – mit all den Auswüchsen wie Massentierhaltung und Tierquälereien.

Die Haltung ist nur das Eine, weiter geht es mit der Tierproduktion: Es gibt immer weniger Metzger in Dörfern, oft werden die Tiere zuerst über weite Strecken hin in Schlachthöfe transportiert, stehen schon beim Verladen und auf dem Transport Todesängste aus, um dann im schlimmsten Fall erst mal ein Wochenende im Schlachthof auf engstem Raum und unterversorgt ein Wochenende durchzustehen, bis es schliesslich am Montag ans Lebendige geht. Auf diese Weise kann mehr und günstiger produziert werden, damit der Käufer schliesslich sein ordentliches Stück Fleisch zum Kilopreis von 10 Franken auf dem Tisch hat.

Ich hörte gerade heute im Radio, dass ein Dorf das wieder ändern will und einen Metzger anstellen. Sie wollen, dass die Tiere wieder auf dem Hof geschlachtet werden können und das Fleisch soll schliesslich auch da verkauft werden. Schön wäre, wenn auch sogenannte Grossverteiler solche Projekte aufgreifen würden und so auch wenig mobile Stadtmenschen wenigstens die Möglichkeit hätten, mitzuhelfen für eine tiergerechtere Haltung. In einem anderen Fall haben sie das gemacht:

Ein Bauer aus dem Zürcher Oberland wollte nicht mehr mitansehen, dass männliche Küken einfach getötet werden, weil sie keine Eier legen und bei der Aufzucht länger brauchen, bis sie Fleisch ansetzen. Er lässt sie leben, füttert sie doppelt so lange wie ihre weiblichen Geschwister und verkauft sie dann halt entsprechend teurer.

Wenn ich das höre, denke ich doch immer wieder: Es würde gehen, wenn wir alle umdenken würden. Für mich ist eine Tierhaltung, welche dem Tier ein gutes Leben ermöglicht und einen möglichst angst- und schmerzfreien Weg zum Schlachter durchaus ethisch. Möglich ist das alles aber nur, wenn wir nicht nur trieb- und lustgesteuert einkaufen, sondern bewusst unsere Haltung zum Leben (unserem und dem von Tieren) überdenken.

Ich war insgesamt 16 Jahre meines Lebens Vegetarier (mit Unterbrüchen), tendiere immer mal wieder in die Richtung, habe mich nun aber als 95%-Vegetarier eingependelt. Ich habe übrigens gemerkt, dass der Kräuterbutter auch auf grillierten Zucchetti unglaublich lecker schmeckt – kann ich jedem nur empfehlen.

Der Tag nach dem Schweizer Jubeltag

Ich bin Schweizerin. So von Grund auf. So mit Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, Urur…. ihr ahnt es schon. Und ja, ich bin dankbar, hier geboren worden zu sein. Ich finde nicht alles toll hier, einiges nervt mich, ärgert mich, langweilt mich, aber: Es hätte schlimmer kommen können, viel schlimmer. Dazu beigetragen habe ich nichts. Ich habe mir diesen Geburtsort nicht ausgesucht, es war schlicht und einfach nur Glück.

Gestern hat die Schweiz gefeiert. Wie alt sie nun genau wurde, darüber stritt man sich ein wenig in den sozialen Medien, die einen griffen auf 1291 zurück, die anderen auf 1848 – feiern tut man den 1. August übrigens seit 1891. Auf Facebook quoll meine Timeline über. Schweizer Flaggen, Schweizer Kühe, Schweizer Alphörner, Schweizer Fähnchen, Schweizer Würste, Schweizer Alpen, Schweizer Städte, Schweizer Musik. Lobreden auf die Schweiz zu Hauf, ihre Schönheit wurde in allen Tönen gelobt. Der ganze Schweizer Stolz zeigte sich in Worten und Bildern.

Neben all den Oden an die Schweiz kamen immer wieder in Nebensätzen die kleinen Spitzen mit rein: Der böse Islam müsse raus, der mache die schöne Schweiz kaputt. Die bösen Flüchtlinge sollen bitte dahin, wo sie herkamen, sie machen die schöne Schweiz kaputt. All die, welche nicht im Sinne der so Sprechenden sind und denken, würden auch am besten die Koffer packen und gehen. Damit man als guter Schweizer Bürger schön unter sich ist und die schöne Schweiz fortan ungestört geniessen kann. Schliesslich geht es uns hier gut. Schliesslich haben wir hier alles und haben dafür viel gearbeitet.

Gut, irgendwann holten wie die Italiener rein, damit sie helfen, weil wir ohne nicht mehr klar kamen. Aber he, die Italiener gehören heute quasi dazu. Das sind keine richtigen Ausländer, die haben auch so einen netten Akzent. Die mögen wir. Wir meinen nur die anderen. Dass die Kinder der Italiener damals als „Tschinggen“ verschrien wurden, das haben wir vergessen (oder verdrängen es oder finden, das sei ja nicht böse gemeint gewesen).

Dass viel von unserem Gut-Gehen von nicht immer ganz sauberen Finanzgeschäften abhängt, das will man auch nicht hören. Nazi-Gold? Alte Geschichten! Ich erinnere mich noch gut daran, als Stuart Eizenstat kam und die Schweizer Banken in die Knie zwang. Ich erinnere mich gut an damals, als die Bergier Kommission eingesetzt wurde. Der eine wurde als geldgeiler Anwalt betitelt, die anderen als Nestbeschmutzer. Wer konnte es wagen, an unserer weissen Weste zu kratzen?

Eine weisse Weste haben wir generell immer. Wir sind neutral, wir mischen uns nirgends ein. Dass wir Waffen verkaufen, hat damit nichts zu tun, von irgendwas müssen wir ja leben. Wir würden die ja auch allen verkaufen, die zahlen, insofern spricht das für unsere Neutralität.

All das, was wir also von all denen haben: Von der Mitarbeit der Italiener, von den Geldgeschäften und Waffenverkäufen (und vielen mehr), das möchten wir nun gerne behalten – und nicht teilen. Wir sind ja nicht Mutter Theresa – oder wie Polo Hofer sein halbes Leben lang sang: kein Kiosk. Und genau das haben sie gestern gefeiert. Sichtbar. Lesbar.

Heute feiern sie nicht mehr. Heute bleibt nur noch das Motzen über all jene, welche die arme schöne Schweiz kaputt machen. Und über all die Dummen, die nicht mitmotzen, sondern dieses ganze Gerede von Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit nicht mehr lesen mögen. Und nun erklärt sich auch der Anfang meines Artikels hier: Liebe Leute, denen ich nun auf die Füsse getreten bin,: Ich kann nirgendwohin zurück (wurde mir schon vorgeschlagen bei früheren Artikeln). Ich bin schon da, wo ich herkomme. Und ich bin gerne hier. Und ja, ich finde auch, wir müssen aufpassen, dass es der Schweiz gut geht. Aber ich finde, wir haben auch eine Verantwortung als Menschen. Menschen helfen Menschen. Wo man das kann, soll man das tun. Wenn Menschen in Not sind, sollte man nicht einfach wegschauen, sondern menschenwürdige Lösungen zu finden versuchen. Für alle Beteiligten.

Ich sage nicht, dass es einfach ist, ich sage nicht, dass es Patentlösungen gibt, nur: Schotten dicht und alle anderen verdammen, hat noch nie zu was Gutem geführt.

Während ich das alles schreibe, sitze ich hier an meinem Pult in meinem Arbeitszimmer, das Fenster ist offen und es ist unglaublich still. Ab und an höre ich ein paar Vögel, dann und wann ein paar Kinderstimmen. Die Sonne scheint, alles grünt vor dem Fenster und ich denke für mich: Es ist unglaublich schön hier. Ja, ich bin dankbar, kann ich so leben, dankbar für alles, was ich hier in diesem Land habe und all die Möglichkeiten, die ich in meinem Leben hatte. Dieses Glück haben nicht alle auf dieser Welt. Und ja, es ist schlicht nur Glück, verdient haben wir es alle hier nicht.

Max Frisch: Fragebogen II

FrischFragebogenVor einiger Zeit startete ich mit dem ersten Fragebogen von Max Frisch Fragebogen (HIER) Ich kündigte damals an, dass ich mir in unregelmässigen Abständen ausgewählte Fragen weiterer Fragebogen vornehme – heute kommen wir also zum zweiten Fragebogen. Er fiel mir schwerer als der erste, da ich die Fragen vielfach merkwürdig fand und das Thema an sich auch keines ist, das mich wirklich tief interessiert (obwohl ich eine Zeit lang sehr gerne Hochzeitssendungen schaute, was aber mehr mit der Zeremonie als mit der Institution zu tun hatte):

Fragebogen II

  1. Ist die Ehe für Sie noch ein Problem?

Nicht grundsätzlich. Einerseits erachte ich die Ehe als eine sinnvolle rechtliche Institution, die gewisse Dinge für die beiden Vertragspartner regelt. Des Weiteren hat die Ehe durchaus einen ideellen Wert für gewisse Menschen als Zeichen der Zusammengehörigkeit, als Bund vor Staat oder auch Kirche. Ich mag Hochzeiten und ich mag den Gedanken, dass zwei Menschen einen Weg miteinander gehen. Klar kann man sagen, das ginge auch ohne Trauschein – aber es geht auch mit. Jeder muss für sich selber entscheiden, welche Variante ihm besser zusagt – mit allen Konsequenzen.

    1. Was haben Sie andern öfter geraten:
      a) dass sie sich trennen?
      b) dass sie sich nicht trennen?

Ich halte wenig von solchen Ratschlägen, da schlussendlich der andere sein Leben leben muss. Wenn ich ihm raten würde, sich zu trennen, ist er nachher allein und muss damit umgehen. Klar kann ich für mich denken, dass ich mich in der Situation trennen würde (wobei ich nicht weiss, ob ich es auch wirklich täte, wenn ich in der Situation wäre – es ist also reine Spekulation). Ich kann dem anderen zuhören, kann versuchen, ihm zu helfen, eine für ihn gute Entscheidung zu treffen und ihn dann darin unterstützen. Alles andere ist in meinen Augen nicht angebracht.

  1. Welche Probleme löst eine gute Ehe?

Keine. Sie bringt aber keine neuen wie eine schlechte.

  1. Wie erklären Sie es sich, dass Sie bei sich selbst oder beim Partner nach einer Schuld suchen, wenn Sie an Trennung denken?

Schon Heidegger sagte: Alles hat einen Grund. Es hilft uns, wenn wir einen Grund (mir ist das Wort lieber als Schuld, wobei ich umgangssprachlich wohl von Schuld sprechen würde, dies aber nicht im wirklichen Sinne des Wortes gemeint) für etwas haben, denn dann können wir unser Verhalten rechtfertigen und es dadurch auch vordergründig verstehen.

  1. Wenn Kinder vorhanden sind: fühlen Sie sich den Kindern gegenüber schuldig, wenn es zur Trennung kommt, d. h. glauben Sie, dass Kinder ein Anrecht haben auf unglückliche Eltern? Und wenn ja: bis zu welchem Lebensalter der Kinder?

Ich denke, Kinder verlieren immer bei Trennungen – es gibt wohl nur wenige Ausnahmen. Die Frage nach dem Anrecht auf unglückliche Eltern empfinde ich als sehr plakativ und polemisch. Glücklich ist man auch getrennt nicht zwangsläufig, dann hätten die Kinder dann also unglückliche Eltern, die obendrein noch getrennt sind. Und ja, ich fühle mich schuldig, dass ich meinem Kind keine „heile“ Familie bieten konnte, ich hätte mir das gewünscht. Ich denke, das wünschen sich wohl die meisten Eltern, wenn sie Kinder kriegen.

  1. Wenn Sie vernehmen, dass ein Partner nach der Trennung nicht aufhört, Sie zu beschuldigen: schliessen Sie daraus, dass Sie mehr geliebt worden sind, als Sie damals ahnten, oder erleichtert Sie das?

Weder noch. Ich denke, das der Grund wären noch immer vorhandene Verletzungen und Frustrationen über eine nicht erfolgreiche Ehe. Das hätte wohl wenig mit dem Grad der Liebe zu tun und wäre auch kein Grund für ein Gefühl der Erleichterung.

  1. Was pflegen Sie zu sagen, wenn es in Ihrem Freundeskreis wieder zu einer Scheidung kommt, und warum haben Sie’s bisher den Beteiligten verschwiegen?

Wohl nur, dass ich es schade und traurig finde, wenn Beziehungen zerbrechen. Für alle Beteiligten. Und: Das konnte ich ja nicht vor dem Bruch sagen.

    1. Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer Ehe, die als glücklich zu bezeichnen ist, und einer Inspiration, einer Intelligenz, einer Berufung usw., die das eheliche Glück möglicherweise gefährdet: was wäre Ihnen wichtiger:
      a)als Mann
      b)als Frau

Schwer zu sagen. Ich glaube, jeder wünscht sich eine glückliche Beziehung, da man aus einer solchen unglaublich viel Kraft schöpfen kann. Da Beziehungen aber doch häufig endlich sind, würde ich mich wohl für die Berufung entscheiden, da diese mir ja entspräche und wohl ein Leben lang bliebe, mir durch das Ausleben derselben auch Glück bescheren würde – und vielleicht fände sich ja ein gleich Berufener oder jemand, der mit dieser Art der Berufung leben könnte. Und sonst bliebe ich halt glücklich berufener Einzelgänger. Ich denke, das könnte mir durchaus gut liegen.

  1. Halten Sie Geheimnislosigkeit für ein Gebot der Ehe oder finden Sie, dass gerade das Geheimnis, das zwei Menschen voreinander haben, sie verbindet?

Wenn mit Geheimnis gemeint ist, man tut etwas hinter dem Rücken des anderen im Wissen, dass dieser nicht damit klar käme, im Wissen, dass man damit gemeinsame Regeln verletzt, dann erachte ich das Geheimnis als keine verbindende Angelegenheit, sondern als etwas, das tief drin trennt. Ich bin aber nicht der Meinung, dass man vor dem Partner das Innerste nach aussen drehen muss. Das hat Arthur Schnitzler in seinem Stück „Die Traumnovelle“ schön beschrieben. Der Vorsatz, dem anderen alles zu erzählen, hat das Ehepaar fast in den Abgrund geführt.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

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Freitagsfüller – Klappe, die Vierte

Wer hat an der Uhr gedreht…. zum Glück hört ihr mich nicht singen, das ist nämlich etwas, das ich ganz und gar nicht kann – auf alle Fälle ist schon wieder Freitag, Zeit für den nächsten Freitagsfüller, meinen vierten.

  1. Schon wieder  – ich sagte es bereits: Freitag. Diese Woche hatte ich Probleme mit den Wochentagen. Da ich kaum Termine auswärts hatte, konnte ich, was ich am liebsten mag, meinen eigenen Rhythmus leben und musste dazu nie in die Agenda schauen. So fragte ich mich sicher jeden Tag mal, welcher Tag denn grad wäre – nicht dass es wirklich wichtig gewesen wäre. Heute weiss ich es aber gut: Freitag. Drum haue ich hier auch fleissig in die Tasten.
  2. Diese Woche habe ich mit Mühe und Not einen Wetterfrust abgewehrt. Es war durchgängig grau in grau, eher feucht und kühl. Da half nur noch ein Krug heisser Tee, Kerzen und Weihnachtslieder – ok, das mit den Weihnachtsliedern stimmt nicht, der Rest aber schon.
  3. Die beste Pizza der Welt ist für mich die, welche es nie zur Pizza schaffte. Ich mache nämlich gerne aus Pizzateig Brötchen. Dazu walle ich den Teig aus, belege oder bestreiche ihn mit den verschiedensten Dingen, rollte den Teig auf und schneide ihn dann in Stücke. Super lecker!
  4.  Ich habe heute mal gesucht, was eigentlich eine Binsenweisheit ist. Natürlich weiss ich, was es bedeutet, nämlich: eine allgemein bekannte Tatsache – aber: Wo kommt der Ausdruck her? Gestossen bin ich auf eine lateinische Wendung (nodum in scirpo quaerere = Stengelknoten auch an der Binse suchen) und auf ein Gleichnis aus dem Altgriechischen, das von König Midas handelt, welchem Eselsohren gewachsen sind. Damit niemand davon Wind kriegt, liess er sich die Haare wachsen – einzig sein Barbier wusste Bescheid, musste sich aber verpflichten, niemandem davon zu erzählen. Er hielt sich dran, wollte seinem Herzen trotzdem Luft verschaffen und rief die Nachricht in ein Erdloch. Da hatte er die Rechnung aber ohne die Binsen gemacht, die trugen die Botschaft weiter, bis alle Binsen davon sprachen. Da haben wir sie dann: die Binsenwahrheit.

Sollte jemand noch nicht eingeschlafen sein beim Lesen, kann der nun bei 5 weiterlesen – ich verspreche, ich halte keine Vorträge mehr.

  1.  Der Austausch von Nettigkeiten liegt mir gar nicht. Ich bin kein Freund von Smalltalk und Floskeln. Fragen wie „Wie geht es dir?“ sind zur Selbstverständlich geworden, kaum einer will wirklich eine Antwort hören, geschweige denn wissen, wie es dem anderen wirklich geht. Auch die vielen Worte, die nur ausgesprochen werden, um die Stile zu überbrücken, gehen mir oft auf die Nerven. Das ist wohl der Grund, dass ich oft eher still bin, da ich schlicht nicht immer etwas zu sagen habe. Und bevor ich einfach etwas sage, schweige ich lieber.
  2.  Ich bin fest überzeugt: Gedankenlosigkeit ist die Wurzel allen Übels. Aber trotzdem ist es auch ab und an mal schön, die Leichtigkeit des Daseins zu geniessen, in den tag zu leben, fünfe grad sein zu lassen. Ich mag zum Beispiel seichte Filme, die mich unterhalten, die etwas fürs Herz dabei haben, viel Humor. Dabei schalte ich ab, lache vor dem Bildschirm und geniesse es, einfach mal nicht denken zu müssen. So gestärkt kann ich mich dann auch wieder dem Denken zuwenden. Und ich hoffe, wenn es drauf an kommt, nicht gedankenlos handelnd durchs Leben zu gehen.
  3. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf einen ruhigen Abend mit einem Glas Wein, , morgen habe ich geplant, – wer mich kennt, ahnt es wohl schon – den Tag ruhig anzugehen. Am Morgen stehen die üblichen Erledigungen wie putzen, einkaufen und ähnliches an, danach findet man mich mit einem Buch auf dem Sofa, vielleicht mal am Klavier, wenn es mal trocken ist, auf einem Hundespaziergang. Am Sonntag möchte ich den Samstag wiederholen, ersetze aber die Erledigungen durch einen Film, vermutlich „Die Buddenbrooks“!

Danke für die Inspiration an Barbara, die diese tolle Aktion gestartet hat. Ihr Ursprungspost: HIER

Schattenkrieger

Gestern Nacht kämpfte ich gegen den Schlaf für einen Film gegen Apartheid. Heute schrieb ich gegen Hitler. Dann schrieb ich gegen die katholische Kirche und die Verdeckungspolitik bei Missbrauchsfällen, eingestehend, dass ich grundsätzlich ein Befürworter der Kirchen war, aber solche Misstände nicht mehr decken möchte. Dann schrieb ich zu einem unserer Bundesräte, welcher Steuerflüchtlinge an den Pranger stellte, selber aber die Lücken im Gesetz nutzte. Ja, ich habe ihn gedeckt, denn: Er hat nach geltendem Gesetz gehandelt, wenn auch für das Land nachteilig. Wer würde anders handeln? Würde wirklich jemand da draussen dahingehen und sagen: Ok, ich müsste diese Steuern nicht zahlen, aber ich hau die einfach oben drauf. Weil es so schön wäre für andere?!?

So gehen wir alle durch die Welt und jeder zeigt auf den anderen und findet, er selber wäre grad noch so ok, aber der – DER!!!!! – wäre daneben.

Wann denken wir wirklich an die anderen, wann an uns? Ist es nicht einfacher, an die anderen zu denken, wenn man selber nicht den Preis zahlt? Es ist verdammt einfach, vom bequemen Sofa aus zu politisieren. Da kann man sie alle anklagen, alle handeln daneben. Man selber wüsste es besser. Nur ist man nicht dort. Drum steht man auch nie in der Schusslinie. Man schiesst nur selber mal raus. Ohne Konsequenzen.

Heute hat man es noch einfacher. Früher musste man auf den Marktplatz oder an den Stammtisch. Man musste dem Gegner in die Augen schauen. Heute schriebt man. Hinter dem Bildschirm. Die anderen sehen einen nicht. Man ist viel ungehemmter. Man kann sagen, was gut ist. Man muss es selber nicht leben.

Wir dürfen nicht vergessen

Ich hatte schon immer die Tendenz, mich zu Menschen hingezogen zu fühlen, die von der Gesellschaft und der herrschenden Politik an den Rand gedrängt, diskriminiert, fallen gelassen wurden. Ob es dieser Zug war, der mich schlussendlich dahin führte, wo ich heute bin? Ich weiss es nicht.

Als ich mein Studium begann, war das noch sehr unbedarft. Ich las gerne, las viel. Germanistik und Philosophie lagen nahe. Geschichte brauchte ich noch als zweites Nebenfach. Dass ich mich in allen Fächer immer mehr auf die Facetten eines Themas einschoss – war es Zufall? Ich kann es nicht sagen. Schlussendlich waren Themen wie Nationalismus, Gerechtigkeit, Antisemitismus überall präsent. Alle Fächer wurden auf diese Themen hin zugespitzt, in der Promotion wurde es nochmals deutlich gezeigt. Ich habe in den fünf Jahren, die diese Promotion mit all den Anträgen, Verfahren, Recherchen, Finanzierungsnebenprojekten insgesamt dauerte, jede Minute damit verbracht, mich in die Zeit der Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg einzulesen, einzufühlen, darin einzutauchen.

Ich bin oft gefragt worden, was mich treibt. Ich habe keine jüdischen Wurzeln. Ich habe nie auch nur etwas diskriminierendes erlebt – ausser dass mich mein Mittelstufelehrer auslachte, weil ich absolut unsportlich war. Er stellte mich förmlich an den Pranger und ich litt. Es hat mich bis heute nie losgelassen und ich weiss aber trotzdem, dass es nichts ist gegen die Leiden der Menschen damals. Das ist unverständlich für jeden, der es nicht durchmachte. Und die, die es durchmachten, können heute kaum mehr darüber berichten.

Was treibt mich immer wieder? Gerade heute schaute ich einen Film. Es ging um eine Jüdin, die in den Kriegsjahren geflüchtet war und alles zurück liess: Ihre Familie, ihre Heimat, ihr Leben. Sie war die Nichte des wohl bekanntesten Models damals: Klimts goldener Frau. Das Bild ging in Nazihände über und endete in einem österreichischen Museum. Es war ein langer Kampf zum Recht, sie hat ihn gewonnen. Und ich habe geweint. Und der Film hat mich einmal mehr darin bestätigt: Es darf nicht vorbei sein. Es darf nie vergessen werden.

Es gibt noch so viel Unrecht, das aufzudecken wäre. So viele Bilder hängen noch irgendwo, die jemandem gehören. Sie werden nicht zurückgegeben, obwohl sie unrechtmässig in den Besitz des heutigen Besitzers kamen. Und ja, die ehrliche Rückgabe würde die heutige Museenlandschaft wohl ziemlich über den Haufen werfen. Worauf müssen wir Rücksicht nehmen?

Man wird nie an einen guten Punkt kommen, wenn man für den eigenen Profit über Leichen geht. Man gewinnt vielleicht den einen so geführten Kampf, aber man verliert fürs Leben. Die im Film porträtierte Frau hatte dem österreichischen Museum immer wieder angeboten, das Bild da zu belassen, wenn man nur einfach mal anerkenne, dass ein Unrecht geschehen sei. Es fehlte die Bereitschaft. Am Schluss war alles verloren. Sie hat gewonnen. Und alles gespendet. Für gute Zwecke. Es ist nicht Geld, das zählt. Man kann mit Geld unglaublich viel Gutes tun. Wenn man es richtig tut.

Ich hoffe, dass es immer wieder Zeichen gibt, die das bestätigen. Und ich hoffe, dass wir nie vergessen, was war. Und dass es sich nie wiederholt. Ich bin kein Jude. Ich habe keinerlei Beziehungen zu dem Glauben. Aber: Es kann nicht sein, dass Menschen, die Juden sind – ob auf dem Papier oder wirklich so lebend – aufgrund dieses Umstandes in irgend einer Form ausgegrenzt und angegangen werden können.

Und: Man kann nun für „Juden“ jedes x-beliebige Wort einsetzen. Da gilt das genauso. Das ist meine Haltung, so funktioniere ich und dafür stehe ich ein. Immer. Ich hörte oft: Mach das nicht, ist grad gefährlich. Du kannst dann nicht mehr dahin und dorthin reisen. Ja, in die Türkei kann ich schon lange nicht mehr reisen. Ich habe mich in meiner Dissertation explizit gegen die Politik da ausgesprochen. Es kann nicht angehen, dass ein Land nicht zu seinen Vergehen steht. Wobei das aktuell nicht wirklich erstaunt, da der aktuelle Anführer in etwa in dieselbe Richtung marschiert. (hätte ich türkische Verwandte, hätte ich mich das wohl nicht zu schreiben gewagt….).

Aber: Nun kommt das grosse Aber: Protest kann (politisch in einem Land) nur von innen kommen. Wir können nicht von aussen hingehen und sagen: Wir sehen das so, das ist so richtig, drum müsst ihr auch. Wir können damit unten anfangen und Menschen erreichen, die das dann finden und weitergeben, weiterleben. Das führt dann zu was. Und könnte was werden. Was was werden soll, muss von innen wachsen, das stülpt man nicht einfach so drüber. Auch das sieht man bei WW2 – in Israel. Und vielleicht finden mehr Menschen, es wäre besser, wie es ist – wer möchte richten? Die von aussen überstülpen? Keiner hat die Wahrheit gepachtet. Man kann nur für die eigene einstehen. Sollte aber fremde gelten lassen können. Ich glaube, dann wäre eine Basis für Frieden geschaffen.