Aude: Das Wanderkind

Inhalt

«Aber der Kleine war auch dieses Mal nicht gestorben, allen Prophezeihungen zum Trotz. Alle nennen ihn immer noch den Kleinen. Und wenn man ihn nach seinem Namen fragt, antwortet er: «Der Kleine.»»

Als Corinne mit Zwillingen schwanger ist, stellt sie sich die beiden harmonisch ineinander verschlungen vor und freut sich mit ihrem Mann auf den Familienzuwachs. Die Nachricht, dass einer der beiden immer kleiner, der andere immer grösser wird, ist der erste Schock, dass der kleinere Zwilling sterben wird, weil der andere ihm alles wegnimmt, sie beide austragen muss, weckt in ihr eine Wut. Die Überraschung ist gross, als beide lebendig zur Welt kommen, was bleibt, ist der Grössenunterschied. Hans, der grosse Zwilling, und der Kleine, wie Benoît nur genannt wird, sind durch ein enges Band verbunden, Hans errichtet regelrecht Mauern um sie beide. Wen will er schützen? Und wovor?

Weitere Betrachtungen

«Wovor er solche Angst hat – vor der schrecklichen Einsamkeit, der gähnenden Leere, die nur der Kleine ausfüllen kann -, Alexandra kennt das Gefühl nicht nur genauso gut, sondern sogar noch besser als er. Hans spürt immer deutlicher, dass er eines Tages, wenn sein Bruder sterben sollte, genauso allein sein wird wie sie.»

Aude (eigentlich Claudette Charbonneau) erzählt in „Das Wanderkind“ die Geschichte von den Brüdern Hans und dem Kleinen. Es ist eine Geschichte über Beziehungen, über Familie, über Liebe. Es ist die Geschichte von gegenseitigen Abhängigkeiten und darüber, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint. Es ist eine Geschichte über die Verletzlichkeit von Menschen und die Suche nach dem eigenen Platz in einem System. Es ist aber auch eine Geschichte über die Liebe und darüber, was Menschen verbindet. Über die Ängste, die entstehen, wenn man an den Verlust eines Menschen denkt.

Aude ist ein kleines, feines, leises Buch gelungen, in welchem kein Wort zu viel scheint. Es ist ein märchenhafter Roman über die Wunder des Lebens, darüber, dass keiner allein sein will und wir alle Nähe und Zuneigung brauchen. Vielleicht ist das eine oder andere Wunder etwas zu gesucht, doch das tut dem Buch keinen Abbruch.

Persönlicher Bezug
Die Geschichte ist sehr warmherzig und schön erzählt, und doch hat sie mich persönlich nicht ganz gepackt, auch wenn ich das Buch nicht hätte zur Seite legen wollen. Dies rührte wohl daher, dass ich selber keine Geschwister habe und mir so irgendwie ein Anknüpfungspunkt an die Gefühle der Figuren im Buch fehlte. Zwar gibt es auch in anderen Beziehungen ähnliche Probleme und Situationen, und doch bin ich mir nicht sicher, ob die Gefühle und Dynamiken innerhalb einer Familie nicht eine andere sind als in ausserfamiliären Beziehungen. 

Fazit
Ein kleines und feines Buch über zwei unterschiedliche Brüder, über Liebe und Verbundenheit. Sehr empfehlenswert.

Autorin und Übersetzerin
Claudette Charbonneau alias Aude wurde in 1947 Montréal geboren und gilt als eine der wichtigsten Figuren der frankokanadischen Literaturszene. Nach dem Studium unterrichtete sie in Québec Kreatives Schreiben und Literaturtheorie. Ihr preisgekrönter Kurzgeschichtenband Cet imperceptible mouvement (1997) erschien 1998 auf Englisch (The Indiscernible Movement). Nach einer Phase des düsteres Erzählens über Wahnsinn und Tod wandte sie sich mit L’enfant migrateur einer hoffnungsfrohen Weltsicht zu. Aude starb 2012 an Leukämie. Sie wurde posthum zur Ehrenpräsidentin des nach ihr benannten Centre Aude d’études sur la nouvelle zur Förderung der Gattung Kurzgeschichte ernannt.

Ina Böhme studierte Romanische Philologie und Interkulturelle Deutsch-Französische Studien in Marburg, Poitiers, Aix-en-Provence und Tübingen. Nach mehreren Jahren in Frankreich lebt sie inzwischen als literarische Übersetzerin in Berlin. 2018 war sie Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms für junge Literaturübersetzer und erhielt 2019 ein Initiativstipen­dium des Deutschen Übersetzerfonds.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Alfred Kröner Verlag; 1. Edition (22. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Originaltitel: L’enfant migrateur
Übersetzung: Ina Böhme
ISBN: 978-3520616012

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Hansjörg Schertenleib: Offene Fenster, offene Türen

Inhalt

«Mitleid darf er so wenig erwarten wie Gnade. Juliette Noirot ist die Schülerin, er der Lehrer. Der Fall ist klar, das Urteil wird schnell gefällt werden. Sie ist neunzehn, er fünfundfünfzig. Opfer, Täter.»

Der 55jährige Rhythmikprofessor Carsten und die 19jährige Studentin Juliette haben bei einem Konzert Sex und werden dabei gefilmt. Nachdem dieser Film in die sozialen Medien gerät, ist das Leben der beiden aus den Fugen, Carsten wird entlassen, seine Frau verlässt ihn und er wie auch Juliette werden in den sozialen Medien und von Freunden und Familie beschimpft und verachtet. Wie kommen sie aus dieser Geschichte wieder raus?

Weitere Betrachtungen

Hansjörg Schertenleib erzählt die Geschichte von Carsten Arbenz und Juliette aus zwei Perspektiven. Abwechselnd begleiten wir die beiden Protagonisten in ihren Alltag und in ihre Gedanken. Wir sehen widersprüchliche Wahrnehmungen, unterschiedliche Wege, mit dem Geschehenen umzugehen. Wir erfahren wenig über ihr Leben vorher, wissen nicht mal genau, wie beide aussehen, alles spielt im Hier und Jetzt. Das Buch spielt hauptsächlich an sechs Tagen, einem Rückblick auf den verhängnisvollen Tag des gefilmten sexuellen Stelldicheins, den vier Tagen danach und einem Tag ein halbes Jahr später.

«Was oder wer entscheidet darüber, ob jemand ein guter Mensch ist? Ist sie schlecht, weil sie sich auf Arbenz eingelassen hat? Hat sie ihn verführt oder hat sie sich von ihm verführen lassen?»

«Offene Fenster, offene Türen» ist ein Buch über Schuld ohne einen Schuldigen aber mit vielen, die einen Schuldigen brauchen, suchen und da sie ihn nicht kennen dazu ernennen – willkürlich, erbarmungslos, vehement. Nachdem die sozialen Medien Blut geleckt haben, verfolgen sie die Spur gnadenlos, es gibt kein Entrinnen mehr. Was einmal in dieser Welt ist, geht nicht mehr so schnell wieder raus. Zumindest nicht gleich. Die Wellen schlagen hoch und reissen mit sich. In diesem Ausgeliefertsein entstehen Hilflosigkeit und Selbstmitleid, aber auch die Suche nach einem Ausweg für sich, wenn nötig gegen den andern.

«Offene Fenster, offene Türen» ist kein schönes Buch, kein Buch für die Seele. Es ist hart in Sprache und Inhalt, es erzählt von zwei Protagonisten, die einem nicht ans Herz wachsen, sondern die einen beide gleichermassen abstossen. Juliette und Carsten schlittern durch eine Unbedachtheit in eine Situation, die ihnen entgleitet und droht, ihr Leben zu zerstören. Danach ist nichts mehr, wie es mal war. Dieser Kontrollverlust bringt ihr Naturell ans Licht, ein Naturell, das so wohl nicht selten ist in der Welt. Es offenbaren sich Egoismus und Opportunismus, Freude an Macht und Manipulation.

Es ist kein Buch, das gefällt, aber die Geschichte hat einen Sog, der einen gleichwohl packt. Man will als Leser wissen, wie sich die beiden Protagonisten entscheiden, wie sie sich in der Situation verhalten, was auf sie einschlägt und wie ob sie aus allem wieder rauskommen. Das Buch ist stimmig aufgebaut, ohne Sentimentalitäten und Schnörkel erzählt und es schliesst mit einem zum Buch passenden Ende.

«Das Tribunal der sozialen Medien, rachsüchtig und ungerecht, wie er findet, weil es sich einseitig entweder auf Juliettes Seite oder auf seine schlägt, gierig nach Verurteilung, süchtig nach einem Opfer, einem Täter.»

Es ist ein Buch über die Macht der sozialen Medien und den Kontrollverlust, den er Einzelne dadurch erfährt. Es ist damit auch eine Art Sozialstudie der heutigen Welt, in welcher wir uns mit Mechanismen herumschlagen, die einem Freiheit durch unbeschränkte Mitteilungsmöglichkeiten versprechen, die aber gleichzeitig eine Gefahr mit sich bringen, uns selber einer Meute zum Frass vorzuwerfen.

Persönliche Einschätzung
Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich ab. Ziemlich unbarmherzig und auch meist schnell. Das ging hier nicht. Dass mir das Buch nicht im landläufigen Sinne gefiel, heisst nicht, dass es mich nicht in den Bann zog – im Gegenteil. Beiläufig erzählt entwickelte die Geschichte einen Sog, der packte. Alles schien so aus dem realen Leben gegriffen, war so gut vorstellbar, so vertraut in den Mechanismen, dass ich als Leser ganz schnell mittendrin sass. Und wenn man mittendrin ist, kann man nicht einfach raus, man ist gefangen und muss lesend mitmachen.

«Hat sie sich geholt, worauf sie Lust hatte? Oder hat er es? Falls es nötig ist, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wird sie ihn anzeigen. Er hat sie gedrängt und, ja, gezwungen, die Lüge klingt wie die Wahrheit. Rücksicht kann sie keine nehmen, sie muss ihren Ruf schützen.»

Ich habe mich einige Male gefragt, ob der Autor Partei ergreift. Kommt der männliche Protagonist nicht besser weg, auch wenn er nach landläufiger Moral durchaus kein Sympathieträger ist mit seinen sexuellen Eskapaden und Frauengeschichten. Trotzdem wirkt er vernünftiger, er nimmt in Kauf, für diesen Seitensprung die Konsequenzen zu tragen. Juliette dagegen offenbart doch Seiten, welche zutiefst unsympathisch ist, sie würde, wenn nötig mit einer Lüge versuchen, sich reinzuwaschen und Carsten reinzureiten. Sie freut sich fast an ihrer Macht, die ihr diese Möglichkeit gibt, was sie umso mehr unsympathisch macht.

Fazit:
Das Buch erzählt die Geschichte von zwei Menschen, deren Leben nach einer Unbedachtheit aus dem Ruder läuft, es ist quasi eine knallharte und wenig mitfühlende Sozialstudie, die einen gleichwohl in den Bann zieht..

Hansjörg Schertenleib
Hansjörg Schertenleib, 1957 in Zürich geboren, ist gelernter Schriftsetzer und Typograph. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Schertenleib, der auch aus dem Englischen übersetzt, u.a. Werke von Eoin McNamee und Sam Shepard, lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und pendelt seit Sommer 2020 zwischen Autun im Burgund und Suhr im Kanton Aargau. Im Kampa Verlag sind erschienen: Die Fliegengöttin, Palast der Stille, Der Glückliche (siehe auch S. 85) und die Maine-Krimis Die Hummerzange und Im Schatten der Flügel.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (26. August 2021)
ISBN: 978-3311100645

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Frauen in Literatur und Philosophie

Im Moment ist das Thema Frauen in der Literatur omnipräsent und es lässt mich immer zwiegespalten zurück. Da ich lange Zeit mehrheitlich Klassiker las, blieb es nicht aus, dass es auch mehrheitlich männliche Autoren waren, zumindest in der Prosa – es gab schlicht mehr davon, was der Zeit und anderen Umständen geschuldet war (wobei sogar da zu schauen wäre, ob das wirklich in dem Ausmass stimmt, wie es wahrgenommen wird, oder auch da die Wahrnehmung einseitig gesteuert wird).

Schaue ich mir meine letzten Bücher an, fällt mir durchaus auf, dass mehr Frauen dazu kamen. Ich hatte eine intensive Phase mit Ingeborg Bachmann, befasste mich mit Else Lasker-Schüler, Hilde Domin, Mascha Kaléko, Rose Ausländer, Susan Sontag und neu mit Simone de Beauvoir – um nur einige zu nennen. Dies nicht mal mit dem erklärten Ziel, mehr Frauen zu lesen, sondern eher, weil ich mich da irgendwie wiederfand, nicht mal nur in der Literatur derselben, sondern auch im Denken und Lebensentwurf.

Die Frage, die aufkam, war, ob ich mich bewusst mehr mit der Thematik beschäftigen soll, oder aber doch weiter lesen, was mir in die Hände kommt, frei nach meinem Credo: Egal, wer das Buch schrieb, Hauptsache, es spricht mich an?

Aktuell fällt mir auf, dass mich Frauen mehr ansprechen mit ihren Biografien vor allem, das Werk ist eine andere Sache, weil ich mich in vielem auch wiederfinde. Insofern ist dann die Auseinandersetzung mit diesen Schriftstellern und Denkern immer auch eine Form der Selbstsuche und ein Weg zu mehr Selbsterkenntnis. Zwar gibt es Ansätze durchaus auch bei vielen Männern, dies aber selten so intensiv.

Als ich dann kürzlich mit der Biografie von Simone de Beauvoir begann, kam die Frage wieder neu auf bei mir und ich ging nochmals über die Bücher, wie ich weiter verfahren will. Ein Name, der schon lange auf meiner Liste ist, ist Hannah Arendt. Sie ist wohl eine der einzigen weiblichen Philosophen, die im regulären Schulbetrieb überhaupt Erwähnung finden, grossartige Denkerinnen wie Marthe Nussbaum oder Judith Butler sucht man vergebens – auch hier nur zwei Beispiele für ganz viele. Und sogar bei Hannah Arendt fiel mir im Rückblick auf mein Studium auf (Philosophie mit Schwerpunkt Politische Philosophie), dass sie kaum Erwähnung fand im Vergleich. Schaut man auf Simone de Beauvoir, ist es noch gravierender: Noch immer sieht man sie gerne als Sartres Anhängsel und als Profiteurin von einem Ruf und seiner Grösse, und dies, obwohl sie viele Ideen vor ihm hatte, ihm half, die seinen zu entwickeln.

Beim Lesen ihrer Biografie fiel mir auf, wie sehr sie von Selbstzweifeln zerfressen war. Sie schätzte sich selbst meist kleiner ein als ihn, nannte ihn den Philosophen, sich «nur» die Literatin. Da stellt sich mir die Frage: Wie viel tragen Frauen selber bei zu diesem Ungleichgewicht, weil sie sich schlicht weniger zutrauen. Nun kann man sagen, das kommt aus einem System heraus, dass es so ist, aber wenn sie es nicht bei sich ändern, kann man noch so viel im Aussen kämpfen, das wird wohl nicht wirklich viel ändern. Sicher weniger als möglich wäre…

Ich weiss noch nicht ganz, wo die Lesereise hinführt, aber die Gedanken mach ich mir. Und ich mache sie mir immer wieder und immer öfter, wie mir scheint. Wie ist das bei euch? Nach welchen Kriterien sucht ihr Bücher aus? Gibt es Autorinnen, die euch speziell inspirieren? Ist das überhaupt ein Thema für euch?

Ein Buch, das sich mit der Thematik beschäftigt, ist gerade neu auf den Markt gekommen:

Nicole Seifert: Frauen Literatur: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

In einer weiteren Neuerscheinung schreibt Elke Heidenreich über Schriftstellerinnen, die sie geprägt haben: Hier geht’s lang!: Mit Büchern von Frauen durchs Leben

Bethan Roberts: Der Liebhaber meines Mannes

Inhalt

«Eigentlich wollte ich mit diesen Worten beginnen: Ich will dich nicht mehr zerstören – denn ich will es wirklich nicht – kam aber zu dem Schluss, dass du das viel zu melodramatisch finden würdest. […] Denn ich will alles aufschreiben, damit ich es richtig verstehe. Dies ist eine Art Geständnis und es ist wichtig, bis in die Einzelheiten genau zu sein. Wenn ich fertig bin, will ich dir diese Aufzeichnungen vorlesen, Patrick, denn du kannst mir nicht mehr widersprechen.»

Wir schreiben das Jahr 1999. Nachdem Patrick zwei Schlaganfälle hatte und nicht mehr für sich sorgen kann, beschliesst Marion, ihn bei sich aufzunehmen. Die beiden verbindet eine lange Geschichte, in die auch Marions Mann Tom verstrickt ist, eine Geschichte, die Marion nun aufschreiben will. Sie beginnt bei der ersten Begegnung mit Tom. Sie erinnert sich, wie sie über Jahre für ihn geschwärmt hatte, endlich von ihm wahrgenommen wurde. Die beiden heirateten und Marion konnte ihr Glück kaum fassen. Sie erzählt weiter von Unternehmungen mit Toms Freund Patrick, welche anfänglich zu dritt stattfanden, später mehrheitlich als Männerfreundschaft weiterliefen.

In ihrem Rückblick schaut Marion endlich genau hin, beschreibt sachlich, nie anklagend, was passiert ist und wie sie selber zu lange die Augen verschlossen hat. Sie erklärt den menschlichen Hang, lieber nichts zu sehen, als sich Tatsachen stellen zu müssen. Und sie beschreibt von dem Moment, an dem sie nicht mehr wegschauen konnte.

«Es ist schon sehr spät und ich kann nicht schlafen. Dunkle Gedanken – böse Gedanken – treiben mich um. Ich habe immer wieder daran gedacht, den letzten Eintrag zu verbrennen. Aber ich kann nicht. Was sonst lässt ihn wirklich werden, ausser meinen Worten auf Papier? Da niemand sonst davon weiss, wie kann ich mich sonst von seiner tatsächlichen Existenz, von meinen tatsächlichen Gefühlen überzeugen?»

Wir schreiben das Jahr 1957. Aus Patricks Tagebuch erfahren wir alles über sein erstes Treffen mit einem Polizisten, welcher zugleich Marions Tom ist. Wir lesen von der Schwärmerei des älteren Patricks für den jungen Tom, welche der von Marion ähnlich ist. Wir lesen von den Gefühlen eines Mannes zu einem Mann, die im England dieser Zeit verpönt und verboten sind.

«Und je mehr ich an ihn denke, desto weniger finde ich Gründe, warum wir nicht zusammen sein könnten. Je mehr ich an ihn denke, desto weniger erinnere ich mich an etwas, das falsch war oder schwierig. Alles, woran ich mich erinnere , ist, wie süss er war. Und das ist am schwersten zu ertragen.»

Und dann nimmt alles einen Lauf, welcher 1999 aus einer anderen Warte erzählt wird.

Weitere Betrachtungen
In Der Liebhaber meines Mannes erleben wir die Geschichte von drei Menschen, die alle auf ihre Art Opfer ihrer Zeit geworden sind. Alle leiden sie unter den Normen der Gesellschaft und unter den Gesetzen, welche diese Normen sanktionieren. Die Gesellschaft bestimmt, wie eine Frau sein soll, welche Möglichkeiten sie im Leben hat und welchem Bild sie entsprechen soll. Sie bestimmt weiter, wer wen lieben darf und was als sittenwidrig und unnatürlich gilt.

Bethan Roberts gelingt es, in einer sehr feinfühligen Art die Geschichte dieser drei Menschen nachzuzeichnen. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht von Marion, welche 1999 zurückblickt, und anhand von Patricks Tagebuch aus der Zeit der 50er Jahre. Tom ist sprachlos, er findet weder eigene Worte für das, was geschah, noch findet er sie für die Gegenwart. Er ist nur die Figur, um welche Marion und Patrick drehen, quasi die Sonne in deren Universum. Strahlend ist dabei nur seine optische Schönheit, sein Wesen bleibt merkwürdig blass, er scheint nur als Projektionsfläche für zwei Menschen zu dienen, welche ihren Platz in der Gesellschaft suchen und Tom dazu brauchen.

Obwohl der Roman in meinen Augen etwas zu langsam und zu langgezogen anfängt, lässt er einen nicht mehr los. Bethan Roberts verzichtet auf Anklagen, auf sozialkritische und moralische Zeigefinger, sondern lässt die Figuren ihre Geschichte erzählen auf eine Weise, dass sie direkt ins Herz des Lesers trifft. Das Buch macht nachdenklich, wehmütig, ein wenig traurig auch. Das traurigste daran ist aber, dass es irgendwann zu Ende ist und man sich wünschte, man könnte noch lange weiterlesen.

Fazit:
Ein feinfühliger Roman mit viel Tiefe, Sensibilität, der ohne Kitsch und Schnörkel die Komplexität menschlicher Beziehungen beschreibt. Berührend, zum Nachdenken animierend, einnehmend. Sehr empfehlenswert.

Bethan Roberts
Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind auch Stille Wasser (2008) und Köchin für einen Sommer (2009).

Ein Interview mit der Autorin: HIER

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 365 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (12. Februar 2013)
Übersetzung: Astrid Gravert
ISBN: 978-3888978166

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Franz Hohler: Der Enkeltrick

Inhalt

„Rom“, sagte sie zu sich, „ich bin in Rom“, und plötzlich wurde sie von einem Gefühl erfüllt, das sie kaum mehr kannte. Es war eine Neugier, eine Unternehmungslust, etwas von ganz früher, wenn es in ein Klassenlager ging oder auf eine Schulreise, als sie noch nicht Amalie Ott war, Mutter zweier Kinder, sondern selbst noch ein Kind, ein Kind, das sich auf das Leben freute. Aber da mischte sich noch etwas ein, auch von früher, es ar die Angst vor dem Unbekannten…

Eine Grossmutter macht sich auf nach Rom, um ihre Enkelin zu retten. Aus der Reise wird eine Fahrt in die eigene Vergangenheit und auch eine Hilfe, wie sie so nicht vorgesehen war. Ein pensionierter Steuerbeamter findet Freude daran, anderen Menschen eine Freude zu machen, indem er ihnen zum Geburtstag gratuliert. Das lässt seine Frau nicht ganz kalt. Ein Mann macht sich auf, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen, entgegen dem Rat seiner Nächsten, inklusive dem Autor. Der Weg zum Glück ist manchmal anstrengend. Ein reservierter Tisch bringt mitunter Unglück für den, welcher sich unberechtigt an ihn setzt – und für andere auch. Eine Katze sucht eine Ferienunterkunft und bringt ein Familiengeheimnis auf den Tisch. In einer Küche fliegen Steine aus dem heiteren Himmel, so dass wohl nur noch eine Teufelsaustreibung hilft.

„Kinder, so lautet eine oft gehörte Schätzung, lachen etwas 400 Mal am Tag, Erwachsene etwa 15 Mal. Den Gang zur Freudlosigkeit, der dazwischen liegt, nennen wir Erziehung.“

Ein Mann macht sich mit der Novelle „Das verlorene Lachen“ im Gepäck auf eine Wanderung und erinnert sich an sein eigenes Lachen. Ein Komponist macht sich auf zu einer grossen Reise und ein Vogel hält ein Quartier auf Trab. Eine Zugfahrt entblösst die Verlockungen der Maske und ein Handy fängt das Lügen an.

Weitere Betrachtungen
Franz Hohler vereint in diesem Büchlein elf Kurzgeschichten, die für unterschiedliche Anlässe geschrieben wurden. Sieben Erzählungen entstanden im Rahmen von Rafik Schamis Eniladung seiner Reihe „Sechs Sterne“, eine als Beitrag zu einer Aufführung von Joseph Haydn und drei aus kompett eigenem Antrieb. Zusammengekommen ist ein buntes Potpurri von Geschichten, die im Zentrum immer einen Menschen haben, der vor einer Herausforderung steht, die nicht immer mit ganz normalen Dingen zu tun zu haben scheint.

Der Aberglaube dörflicher Gemeinschaften findet ebenso Einzug in das Buch wie auch persönliche Ahnungen und mysteriöse Geschehnisse. Als Leser weiss man oft bis zum Schluss nicht, worauf die Geschichte hinausläuft und nicht selten ist man bass erstaunt. Das macht das Buch zu einem, welches man von der ersten bis zur letzten Geschichte nicht aus den Händen legen mag.

Persönlicher Bezug
Franz Hohler begleitet mich seit Kindesbeinen. Zuerst liebte ich seine Kindersendung „Franz und René“, später seine humorvollen und doch auch zum Nachdenken anregenden Texte auf der Bühne. Bald schon kamen auch seine Kurzgeschichten und Gedichte dazu. Ich schätze an Franz Hohler seinen Tiefgang, sein genaues Hinschauen, sein leichtes Erzählen, in welches doch immer auch ernste Themen einfliessen. Ich mag es, wie er immer eine Prise Humor als Würze bereit hält, die wohldosiert ist. All das zeigt sich auch im vorliegenden Buch.  

Fazit:
„Der Enkeltrick“ ist ein Buch, das von einzelnen Menschen erzählt, die Gesellschaft dabei im Blick behält. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken und zum Schmunzeln anregt, ein Buch, das Leichtigkeit und Tiefgang vereint. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über fünfzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Originalausgabe Edition (11. Oktober 2021)
ISBN-Nr.: 978-3630876795

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Jenny Erpenbeck: Kairos

Inhalt

„In so einem Koffer, in so einem Karton, liegen, Ende, Anfang und Mitte gleichgültig miteinander im Staub der Jahrzehnte, liegt das, was zum Täuschen geschrieben wurde, und das, was als Wahrheit gedacht war, das Verschwiegene und das Beschriebene, liegt all das, ob es will oder nicht, eng ineinandergefaltet, liegt das sich Widersprechende, liegen der stummgewordene Zorn ebenso wie die stummgewordene Liebe miteinander in einem Umschlag, in ein und derselben Mappe, ist Vergessenes genauso vergilbt und zerknickt wie das, woran man sich noch, dunkel oder auch hell, erinnert.“

Als Katharina nach Hans‘ Tod zwei Kartons mit den Erinnerungsstücken an ihre gemeinsame Beziehung ausgehändigt erhält, lässt sie diese Revue passieren. Es muss ein glücklicher Zufall gewesen sein – Gott Kairos steht dafür – dass sie sich überhaupt über den Weg liefen damals, sie gerade 19 und angehende Schriftsetzerin, er gestandener Autor in den Fünfzigern, verheiratet und mit einem Sohn. Dass es immer ein Glück neben der Ehe sein wird, macht Hans von Anfang an klar – Katharina lässt sich darauf ein, zu groß ist ihre Liebe, zu sehr genießt sie das gemeinsame Glück.

Hans teilt mit ihr die Musik, die er liebt, zeigt ihr die Bilder, die er mag, erfüllt sie mit Inhalten, die ihr in seinen Augen noch fehlen. Es sind nicht nur glückliche Stunden, Hans misstraut Katharina immer wieder, unterstellt ihr andere Männer, ist eifersüchtig, sucht die Kontrolle und verlangt totale Offenheit und Wahrheit. Als Katharina wirklich mit einem anderen Mann die Nacht verbringt, versinkt Hans in einer grenzenlosen Enttäuschung, für welche er Katharina hart bestrafen muss. Katharina anerkennt ihre Schuld und hofft trotz allem, dass sie wieder glücklich werden würden. Irgendwann.

Weitere Betrachtungen

„Im Angesicht dieses Mannes, der ihr bei diesem Abendessen als ungeheures Glück, als Unglück und als Frage gegenübersitzt, versteht sie: Jetzt hat das Leben begonnen, für das alles andere nur Vorbereitung gewesen ist.“

Kairos, der Gott des Augenblicks, steht Pate bei dieser Geschichte, die sich aus einem Augenblick in einem Bus entwickelt. Ob der Augenblick glücklich ist oder nicht, weiß man erst im Nachhinein.

Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte dieses ungleichen Liebespaars in der zu Ende gehenden DDR auf eine eigenwillige, temporeiche, eindrückliche Weise. Die beiden Lebensläufe verweben sich förmlich ineinander, indem sich Gedankenfetzen von Katharina und Hans abwechseln, damit sowohl die jeweiligen Innensichten sowie das erlebte Miteinander sichtbar machen. Entstanden ist ein Buch, das von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Die Figuren sind authentisch, plastisch, die Orte anschaulich und die Zeit der DDR in den späten Achtzigerjahren mit ihren politischen und sozialen Gegebenheiten fundiert als Schauplatz präsentiert.

„Kairos“ ist eine Liebesgeschichte, es ist aber auch die Geschichte einer Abhängigkeit, die Geschichte von Kontrolle, Macht und Dominanz. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die für die Liebe bereit ist, sich, eigene Gedanken, Pläne, Wünsche aufzugeben, um dafür glückliche Stunden erleben zu können mit dem Mann, den zu verlieren ihr das größte Unglück scheint. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in der unschuldigen Jugend und Verehrung ein Ideal sieht, aus dem er Kraft für sich schöpft. Er gestaltet dafür die Beziehung nach seinen Vorgaben, behält die Kontrolle darüber, was passiert, und reagiert, als er die einmal verloren glaubt, auf eine äußerst unnachgiebige, gnadenlose Weise, indem er nach außen ganz klar Täterin und Opfer in der Beziehung definiert, als Opfer die Täterin ihre Schuld spüren lässt, sie aber bei Lichte betrachtet selber zum Opfer macht.

All das erzählt Erpenbeck ohne Parteinahme, ohne psychologisierende Erklärungen, rein durch den Fortlauf der Geschichte in einer schnörkellosen, eingängigen, gut lesbaren und doch nicht seichten Sprache.  

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Die Liebesgeschichte war mitreißend, frisch, glücklich und doch nie seicht oder kitschig. Der Umstand, dass Hans verheiratet ist, trübte das Bild ein wenig, was aber nur einem moralischen Andersempfinden, keiner Verurteilung geschuldet war. Erst kamen einige Szenen, die aufmerken ließen, Wendungen, die von einer Erziehungsabsicht des Älteren sprachen, Aussagen, die auf Kontrolle hindeuteten, wo diese – aus der Situation heraus – sicher nicht legitim war. Diese Momente häuften sich, steigerten sich, das Kräfteverhältnis in dieser ungleichen Beziehung kristallisierte sich immer deutlicher heraus. Mit Katharinas Fehltritt drehte das Bild komplett.

Hans wurde immer unsympathischer, ich hatte schlussendlich eine regelrechte Wut im Bauch beim Lesen. Gleichzeitig fragte ich mich, wie Katharina das alles einfach hinnehmen, mit sich machen lassen konnte. Und es erschütterte mich, wie es in einer Beziehung geschehen kann, dass ein Mensch regelrecht gebrochen werden kann in seinem Selbstverständnis, so stark, dass ihm fast der Lebenssinn abhanden kommt.

Fazit:
Ein mitreißendes, aufwühlendes, großartig erzähltes Buch über die Geschichte einer ungleichen Liebe und was daraus entstehen kann, wenn einer sich in einer Beziehung aufgibt. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Jenny Erpenbeck, geboren 1967 in Ost-Berlin, debütierte 1999 mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind«. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr Roman »Aller Tage Abend« wurde von Lesern und Kritik gleichermaßen gefeiert und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Independent Foreign Fiction Prize. Für »Gehen, ging, gegangen« erhielt sie u. a. den Thomas-Mann-Preis. 2017 gewann Jenny Erpenbeck den Premio Strega Europeo und wurde mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (30. August 2021)
ISBN-Nr.: 978-3328600855

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Stephanie Schuster: Milena und die Briefe der Liebe

Inhalt

„…und ich liebe Dich also, Du Begriffsstutzige, so wie das Meer einen winzigen Kieselstein auf seinem Grunde lieb hat, genauso überschwemmt Dich mein Liebhaben.“

Milena ist eine fortschrittliche, ehrgeizige und lebenslustige Frau. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium studiert sie Musik. Als sie den Literaturkritiker Ernst Pollak kennenlernt, führt der sie in die Literatenszene Prags ein, wo sie neben Max Brod auch Franz Kafka kennenlernt.  Milenas Vater ist von der Beziehung seiner Tochter zu einem deutschsprachigen Juden wenig angetan. Von diesem verstoßen heiratet sie Pollak und geht nach Wien, wo sie wegen der Frauengeschichten ihres Mannes bald unglücklich ist. Die Ehe scheitert schließlich und in ihrer finanziellen Not schreibt Milena einen Brief an Franz Kafka mit dem Vorschlag, seine Bücher zu übersetzen. Es kommt nicht nur zu den Übersetzungen, es entsteht auch ein immer intensiver werdender Briefwechsel, der deutlich die wachsenden Gefühle der beiden aufzeigt.

Zum Buch

„Er war ein Mann des Augenblicks, das erkannte sie jetzt. Für ihn gab es kein Morgen. Also liebte sie ihn im Heute und dennoch fühlte sie sich bei jeder Berührung dem Abschied näher.“

Stephanie Schuster erzählt in diesem Buch die Geschichte einer fortschrittlichen (ein Studium war damals nicht üblich für eine Frau), mutigen Frau, die ihren Weg selbstbestimmt und mutig geht, trotz aller Widrigkeiten. Zuerst unter dem strengen Regime ihres Vaters quasi eingesperrt, schlittert sie in eine unglückliche Ehe. Als sie auf Franz Kafka trifft, glaubt sie, ihre Liebe gefunden zu haben. Franz Kafka ist kein Mann, der sich wirklich einlassen kann und will. Er ist zu sehr mit sich, seinen Befindlichkeiten und seinem Schreiben beschäftigt. Als Milena beginnt, von einer gemeinsamen Beziehung zu reden, geht er auf Distanz, beendet die Beziehung schließlich. Milena lässt sich nicht unterkriegen, sie nimmt ihr Leben einmal mehr in die Hand und schaut nach vorne.

Zwar erkennt man anhand des Buches, daß sich Stephanie Schuster durchaus in die Materie eingearbeitet hat und auch die historischen Hintergründe der von ihr erzählten Geschichte kennt, trotzdem ist es ihr nicht gelungen, ein wirklich stimmiges, plastisches Bild der Zeit und dieser Beziehung zu entwerfen. Die beiden Figuren bleiben eher blass, es fällt schwer, wirklich einen Zugang zu ihnen zu finden. Dies ist schade, da wir es mit zwei sehr spannenden Persönlichkeiten zu tun haben, welche jede für sich schon spannend war. In ihrer Unterschiedlichkeit hätten sie, plastischer gezeichnet, mehr hergegeben auch für die Beschreibung dieser Beziehung.

Die Sprache des Romans ist eher seicht und leicht, teilweise gar flapsig, was in meinen Augen zu beiden Protagonisten schlecht passt.

„Milena und die Briefe der Liebe“ wirkt insgesamt wie eine gut lesbar erzählte Liebesgeschichte, leider (dem Leben geschuldet) ohne Happy End. So gelesen, ohne zu große Erwartungen auf neue Erkenntnisse oder tiefgehende Entdeckungen, ist das Buch durchaus unterhaltsam.

Persönliche Einschätzung
Ich kam mit den Briefen Kafkas an Milena (ihre Briefe sind leider bis heute verschollen) im Zuge meines Studiums in Berührung. Besucht habe ich das Seminar mehr wegen des von mir sehr verehrten Professors als wegen der Materie, von der ich aber doch sehr angetan war. Die Analyse der Sprache, die Psychologie zwischen den Zeilen hat viel über den Schriftsteller Franz Kafka offenbart. Von Milena erfuhr man eher wenig, sie war kaum Thema damals, was wohl den fehlenden Briefen aber auch der eher auf Kafka (den Mann?) ausgerichteten Perspektive geschuldet war. Auf das Buch bezogen hätte ich gerade da, wo Milena als Protagonistin im Titel geführt wird, mehr über diese Frau erfahren wollen.

Es mag sein, dass ich mit falschen Erwartungen an das Buch herangegangen bin, es ist durchaus flüssig lesbar, die lebensgeschichtlichen Hintergründe korrekt, hier und da (was durchaus legitim ist) mit einiger Fiktion vermischt, und bietet auch ansatzweise Einblicke in die Zeit in Prag und Wien zwischen 1916 und 1920. Insgesamt bietet das Buch aber auf allen Ebenen zu wenig: Zu wenig plastische Schauplätze, zu wenig authentische Figuren, zu wenig Einblicke in die Zusammenhänge innerhalb der damaligen Zeit – und nicht zuletzt: eine nicht der Materie entsprechende Sprache.

Fazit:
Ein Buch, das grosse Erwartungen weckte, diese aber leider nicht erfüllte wegen zu wenig plastischer Figuren, zu schwachen Schauplätzen und einem zu seichten Erzählstil, welcher aber durchaus flüssig und unterhaltsam lesbar ist.

Über die Autorin
Stephanie Schuster, geboren 1967, studierte Grafikdesign und illustrierte viele Jahre die Bücher anderer Autoren, bevor sie selbst zu schreiben begann. Heute arbeitet sie als Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrer Familie am Starnberger See in Bayern. 

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch; 1. Edition (10. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3746635934

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Uwe Wittstock: Februar 33

Der Winter der Literatur

Inhalt

«Wenn der Satz, Hitlers Verbrechen seien unvorstellbar, einen Sinn hat, dann gilt er zuallererst für seine Zeitgenossen. […] Vermutlich gehört es zur Natur eines Zivilisationsbruchs, schwer vorstellbar zu sein.»

 Joseph Roth, Thomas Mann, Berthold Brecht, Heinrich Mann, Klaus und Erika Mann, Alfred Döblin, Erich Mühsam, Erwin Egon Kisch, Else Lasker-Schüler, Ricarda Huch und viele mehr sind betroffen von einem Umbruch, der in Deutschland 1933 stattfindet: Hitler soll Reichskanzler werden und damit wird sich das Leben der oben genannten ändern. Ihre Stücke können nicht mehr aufgeführt, ihre Bücher nicht mehr gedruckt werden. Sie werden verfolgt, eingesperrt, bedroht und müssen schliesslich fliehen.

«Heute muss er [Heinrich Mann] sich auf konspirativen Wegen aus dem Land schleichen. Er, einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes, darf froh sein, wenn man ihn nicht erkennt. Zu Fuß ist er unterwegs, mit einem Köfferchen in der Hand und einem Schirm, mehr nicht.»

Uwe Wittstock arbeitet sich Tag für Tag durch einen Monat, der nicht nur Deutschland und das Leben da, sondern die ganze Welt verändern wird. Er zeichnet mit grossem Wissen und auf gut lesbare Weise einerseits die politischen Entscheide und Fakten auf, und beleuchtet, was diese für Auswirkungen auf das Leben der dargestellten Literaten hat. Viele schauen zwar besorgt, aber doch nicht hoffnungslos auf die sich verändernde politische Landschaft. Zwar erkennen sie mehrheitlich das Verhängnis einer Wahl Hitlers, glauben aber nicht, dass diese Regierung lange an der Macht sein wird, geschweige denn, dass sie zum Verhängnis für so viele Menschen werden kann. So kommt es dann bei vielen zu sehr überstürzten Abreisen aus Deutschland, weil die Gefahr oft zu spät, wenn zum Glück auch oft gerade noch rechtzeitig, erkannt wurde.

Weiterführende Betrachtungen

«Nur diesen Monat brauchte es, um einen Rechtsstaat in eine Gewaltherrschaft ohne Skrupel zu verwandeln.»

Uwe Wittstock zeichnet die Zeit vom 28. Januar bis zum 15. März 1933 nach, erläutert in kurzen Abschnitten die politischen Umbrüche und sich verändernden Umstände für die Bevölkerung anhand verschiedener Biographien von Schriftstellern. Als Leser ist man Zeuge eines Umbruchs und dem langsamen Bewusstwerden einzelner Schriftsteller, dass die Weimarer Republik zu Ende ist, jeder, der noch daran festhalten will, aufs falsche Pferd setzt – nicht nur das: Er ist in Gefahr, da nicht völkisch Denkende als Gefahr für die neue Regierung und damit (sogenannt) das Volk eliminiert werden sollen – mit Schiesserlaubnis.  

Das vorliegende Buch ist einerseits ein informatives Zeitzeugnis, andererseits auch eine Warnung, den Blick heute nicht zu verschliessen vor alarmierenden Veränderungen in der Gesellschaft. Die wachsende Spannung in und Spaltung derselben, Terrortaten und zunehmender Judenhass sind nur einige aktuelle Probleme, denen es bewusst zu begegnen gilt, die nicht ignoriert werden dürfen. Das Buch ist ein gutes Mittel, sich vor Augen zu führen, dass eine Demokratie aktiv geschützt werden muss, dass politische Fehlentscheide verheerende Folgen haben können – für den Staat, für die Gesellschaft, für den Einzelnen.

Uwe Wittstock ist es gelungen, in einem überschaubaren Rahmen geschichtliche Fakten und persönliche Schicksale aufzuzeichnen. Das Buch ist ab und an sprachlich uneinheitlich, schwankt von fast romanhaften Wendungen hin zu faktisch-sachlicher Sprache und weist andererseits einige Redundanzen auf. Dies sei nur der objektiven Sicht wegen gesagt, tut dem Wert des Buches aber keinen Abbruch.

Persönlicher Bezug
Die Zeit um das Ende der Weimarer Republik, die Machtergreifung der Nationalsozialisten und den Zweiten Weltkrieg ist seit vielen Jahren, mittlerweile Jahrzehnten eine mich faszinierende und in verschiedenen Forschungsprojekten auch beschäftigende. Als Literaturwissenschaftlerin und politische Philosophin war dieses Buch also quasi eine Pflichtlektüre, vereint es doch die Themen, die mir so lange am Herzen liegen. Sie tun dies aber nicht nur aus reinem Interesse an der Geschichte, sondern eher vor dem Hintergrund, dass ich denke, dass wir nicht vergessen dürfen, was passiert ist – gerade mit Blick auf die Situation heute.

Der Satz, dass man aus der Geschichte lernen kann, hat sich leider oft nicht bewahrheitet, weil immer wieder gleiche Fehler passieren. Dies tun sie aber umso mehr, wenn wir die Vergangenheit zu wenig bewusst vor Augen haben. Bücher wie dieses können das ändern.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die politische Lage eines folgenreichen Umbruchs und die Geschichte einiger Schriftsteller, die davon betroffen und bedroht waren. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Uwe Wittstock ist Literaturkritiker und Buchautor. Bis 2018 war er Redakteur des „Focus“, für den er heute als Kolumnist schreibt. Zuvor hat er als Literaturredakteur für die FAZ (1980 – 1989), als Lektor bei S. Fischer (1989 – 1999) und als stellvertretender Feuilletonchef und Kulturkorrespondent für die «Welt» (2000 – 2010) gearbeitet. Er wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis für Journalismus ausgezeichnet.

Mehr zu Uwe Wittstock findet sich auf seiner
Homepage: uwe-wittstock.de
und in seinem Blog: http://blog.uwe-wittstock.de/

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: C.H.Beck; 2. Edition (16. September 2021)
ISBN: 978-3406776939

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Arno Geiger: Alles über Sally

„Sally findet es mit einem Mal anstrengend, wie Alfred auf ältliche Weise im Bett sitzt, ein überzeugender Beitrag zur Trostlosigkeit dieses Zimmers […] jetzt in den Ferien, sollte man meinen, ist es selbst für einen Mann in Alfreds Alter eine unnatürliche Sache, so viel herumzuliegen. […] Die halbe Nacht grabschte er nach Sallys Hüften, die meiste Zeit lag er auf ihr. Sie selber wachte einige Male in Schweiß gebadet auf, so dass sie sich jetzt fragt: Was ist das? Ist es Alfred oder seelische Armut oder eine Krankheit? Sind es die Hormone oder ist es Angst?“

Schon im ersten Kapitel erhält man einen Eindruck von der nun dreißigjährigen Ehe von Sally und Alfred. Er, der eher Schwermütige, Konservative, Bewahrende, sie die Aktive, Unzufriedene, Suchende und Fragende. Jäh aus den Ferien weggerufen wegen eines Einbruchs in ihr Haus, zeigt sich die ganze Tragweite dieser Unterschiedlichkeit. Während Alfred noch mehr in Lethargie und Selbstmitleid verfällt, übt sich Sally in Aktivismus, packt an, will wieder nach vorne gehen. Alfred steckt fest. Er steckt in seiner Trauer, sieht das Verlorene. Er trauert um den Verlust der Vergangenheit, leidet an der Zerstörung seiner Sicherheit, seiner Konstanz im ewig Gleichen – und genau das stürzt Sally immer mehr in eine Position des Zweifels: Zweifel an Alfred, an ihrer Liebe, an ihrer Ehe. Sie braucht Abhilfe und stürzt sich dazu eine Außenbeziehung mit Eric, es ist nicht ihre erste. Diese Ausbrüche – von denen Alfred immer stillschweigend wusste, weswegen es verwundert, dass er dieses Mal nichts mitkriegt – scheinen ihr eine Lebendigkeit in ihr Leben zu bringen, die sie bei all der auferlegten Stetigkeit braucht. Und trotzdem: Sie kommt immer zu Alfred zurück, sucht diese Stetigkeit auch, da diese und für sie stehend Alfred wohl ihr Halt in einer sonst haltlosen Welt ist – im Aussen wie im Innen. Dies drückt sich auch in einer Erkenntnis aus, die sie überkommt:

„Spätestens damals hatte sie begriffen, dass Wohnen etwas Emotionales ist und dass sie mit ihren Gefühlen weit weniger links stand als ideologisch. Von da an hatte sie gewusst, Gefühle sind konservativ, sie verändern nicht die Welt.“

Und auch wenn Gefühle dauerhaft sind, so sind sie nicht immer da, nicht immer gleich stark. Während Alfred die ganzen dreißig Jahre damit verbracht zu haben scheint, bewundernd auf Sally zu schauen, glücklich über jeden von ihm als schön befundenen Blick zu sein, findet Sally viele Dinge, die sie an ihrem Mann beanstandet. Sie geht mit ihren Worten nicht zimperlich um. Trotzdem weiß sie auch in lieblosen Zeiten, sie würde Alfred

„bald wieder lieben, so wie sie ihn am Anfang geliebt hatte und später auch immer wieder, nur jetzt nicht, da konnte sie ihm nichts vormachen.“

Arno Geiger ist ein Blick auf eine Ehe gelungen, der viel Mitgefühl in sich trägt, der trotzdem in die Tiefe geht und offenlegt, was da liegt. Dieser Blick zeigt eine Ehe, die weit vom romantischen Ideal scheint, eine Ehe, in welcher zwei Individuen sich aneinander aufreiben und doch immer wieder bleiben – und in diesem Bleiben aufs Ganze gesehen etwas für sich zu finden scheinen. Arno Geiger zeigt, dass es gerade die Dauer der Ehe ist, die all das auszeichnet, weil gerade diese Dauer in einer unsteten, immer schneller drehenden Welt außergewöhnlich ist. Erst durch diese Dauer zeigen sich die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, aber auch das, was Paare zusammenhält. Es sind die kleinen Fürsorglichkeiten des Alltags, die Aufmerksamkeiten im Vorbeigehen, welche Arno Geiger sehr einfühlsam und unaufdringlich erzählt.

Gelungen ist diese Geschichte vor allem, weil Arno Geiger es schafft, beide Seiten zu beleuchten. Er schaut in die Seelen beider Protagonisten, er tut dies ohne Vorurteile oder Aburteilungen, ohne An- oder Trauerklage. Ein flüssiger Erzählton fließt durch eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, auch Abgründen, er packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los.

Fazit:
Ein bewegender, nachdenklich stimmender Roman über die Liebe, die Ehe, das Miteinander. Unbedingt lesenswert.

Zum Autor
Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, wuchs in Wolfurt/Vorarlberg auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien.

1997 debütierte Arno Geiger mit dem Roman ›Kleine Schule des Karussellfahrens‹, 1999 folgt ›Irrlichterloh‹. 1998 erhielt er den New Yorker Abraham Woursell Award, 2005 für ›Schöne Freunde‹ den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Deutschen Buchpreis für ›Es geht uns gut‹. 2008 wurde ihm der Johann-Peter-Hebel-Preis verliehen, 2011 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. 2007 erschienen Erzählungen mit dem Titel ›Anna nicht vergessen‹, 2010 der Roman ›Alles über Sally‹, 2011 das Buch ›Der alte König in seinem Exil‹, 2015 der Roman ›Selbstporträt mit Flusspferd‹. Für den Roman ›Unter der Drachenwand‹, der auch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, erhielt Arno Geiger den Literaturpreis der Stadt Bremen. 2018 wurde Arno Geiger mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet.

Arno Geiger lebt in Wolfurt und Wien.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft (1. August 2011)
Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423140188

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Erich Maria Remarque: Drei Kameraden

«Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl von Heimat, als ich das so sah, und ich dachte daran, daß nun jemand da war und da sein würde, daß ich nur wenige Schritte zu machen brauchte, um ihn zu sehen und bei ihm zu sein, heute, morgen, auf lange Zeit vielleicht –«

Inhalt
Drei Kameraden aus dem Krieg, Robert, Gottfried und Otto, eröffnen im Berlin der zwanziger Jahre eine Autowerkstatt, die sie mehr schlecht als recht finanziell über die Runden bringt. Als sie bei einer Autoausfahrt auf Pat treffen, wächst zwischen ihr und Robert eine erst feine, dann immer stärker werdende Liebe heran, welche. Robert führt Pat in seine Welt ein, die aus viel Alkohol, Salons mit Prostituierten und vor allem tiefen und echten Freundschaften besteht. In diese gelebte Liebe und Lebensfreude schlägt das Schicksal hinein, Pat wird schwer krank, muss sogar ins Sanatorium. Es bleibt nur noch die Hoffnung und damit immer wieder neue Zuversicht, dass alles noch ein gutes Ende nehmen wird.  

Bedeutung

«Theater, Konzerte, Bücher, – alle diese bürgerlichen Gewohnheiten hatte ich fast verloren. Es war nicht die Zeit danach. Die Politik machte genug Theater.»

«Drei Kameraden» ist ein Zeitzeugnis. Es durchleuchtet das Berlin der zwanziger Jahre mit klarem Blick, welcher in die Tiefe führt. Das Buch zeigt die Lebensfreude nach dem Krieg, aber auch die Versehrtheit der Kriegsrückkehrer. Es zeigt das Leiden an der Zeit und die seelischen Wunden, die vom Krieg übrigblieben, das Nicht-vergessen-Können, das Misstrauen in die Zeit. Es zeigt die schwierige wirtschaftliche Lage, in welcher eine ganze Schicht von Menschen ums Überleben kämpft, in welcher die Möglichkeiten immer weniger und die Nöte immer vielfältiger werden.

«Drei Kameraden ist aber auch ein Buch über die Freundschaft, über den Zusammenhalt von drei Menschen, die füreinander einstehen und hinstehen. Es sind aber nicht nur die drei Menschen, die freundschaftlich verbunden sind, sie bilden nur den engsten Kreis. Es ist eine ganze Gruppe von Menschen, die zu einem Freundeskreis gehören, bestehend aus den untersten Schichten des Milieus, bestehend aus Alkoholikern, Prostituierten und sonst Randständigen, bestehend aus ganz viel Mitmenschlichkeit – trotzdem.

««Liebst du mich eigentlich?» fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf. «Du mich?»
Nein, ein Glück, was?»
«Ein grosses Glück.»
«Dann kann uns ja nichts passieren, wie?»
«Gar nichts –« erwiderte sie und faßte unter den Mänteln nach meiner Hand.»

«Drei Kameraden» ist aber auch ein Buch über die Liebe, ein Buch über die Verbindung zweier Menschen in schwierigen Zeiten, in welchen das Vertrauen in das Gute durch die Herausforderungen des Lebens schwer geworden ist.

«Drei Kameraden» besticht durch einen feinen Witz, eine unglaublich tolle Sprache voller Poesie und eine grosse Menschlichkeit. Es ist ein sehr berührendes Buch, ein einnehmendes Buch, ein zum Nachdenken anregendes Buch. Es ist ein Buch, welches zeigt, dass auch in schweren Zeiten (oder gerade da) Werte wie Freundschaft, Verlässlichkeit und Mitmenschlichkeit wichtig sind. Es ist ein Buch, das zu jeder Zeit aktuell ist, weil jede Zeit ihre Herausforderungen kennt und Menschen damit umgehen müssen.

Persönlicher Bezug
Natürlich war mir das Buch «Im Westen nichts Neues» ein Begriff, der Name Erich Maria Remarque bekannt, und doch hatte ich weder dieses noch ein anderes Buch je gelesen, geschweige denn mich mit der Person Remarque auseinandergesetzt. Dann las ich den Roman «Ascona» von Edgar Rai (HIER die Rezension) und es gab quasi kein Halten mehr: Ich wollte mehr über Erich Maria Remarque erfahren und ich wollte vor allem das Buch lesen, welches er in dem gelesenen Roman geschrieben hat. Und ja, es wird nicht bei dem einen Buch bleiben.

Erich Maria Remarque
Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark, den Mittelnamen «Maria» legte er sich aus Verehrung für Rainer Maria Rilke zu) wurde am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Er besuchte ein katholisches Lehrerseminar und wurde 1916 in die Armee eingezogen, wo er nach sechs Monaten Ausbildung an die Front berufen wird. Wegen einer Verletzung verbringt er die Zeit bis 1918 im Lazaret. Die Armeezeit wird ihn das ganze Leben prägen, seine pazifistische Sicht begründen. Es folgen die verschiedensten Berufe, Händler, Agent für Grabsteine, Lehrer oder Organist sind nur ein paar. Daneben veröffentlicht er Gedichte und Kurzprosa, 1920 folgt der erste Roman «Traumbude». Die Jahre drauf reist er als Journalist durch Europa, wird Sportredaktor und veröffentlicht schliesslich 1929 den Roman «Im Westen nichts Neues», mit welchem er berühmt werden sollte. 1932 folgt die Reise in die Schweiz, nach Porto Ronco (in der Nähe von Ascona) ins Exil. 1933 werden seine Bücher verbrannt, 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, 1939 die Emigration nach Amerika. Nach dem Krieg lebt Remarque abwechselnd in New York und Porto Ronco (CH). 1946 gelingt ihm mit dem Roman «Arch of Triumph» ein weiterer Erfolg, an welchen er mit den folgenden Romanen nicht mehr anschliessen kann. Erich Maria Remarque stirbt am 25. September 1970 in Locarno.


Angaben zum Buch
Verlag: KiWi-Taschenbuch; 4. Edition (8. März 2014)
Umfang: 592 Seiten
ISBN: 978-3462046311
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Felicity Ward: Sag mir, wer ich bin

Ihre ersten Worte waren: „Ich wusste, dass ich in Paris sterben würde. Ich wusste es schon, als ich herkam.“
„Aber sie sind nicht gestorben“, erwiderte der Arzt. „Sie sind am Leben und werden wieder ganz gesund.“

Inhalt
Mehr tot als lebendig in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert, weiss Sally, als sie aufwacht, nichts mehr: Nicht, wer sie ist, nicht, wo sie wohnt, nicht, was ihr passiert ist. Langsam kehren die wichtigsten Erinnerungen zurück, so erinnert sie sich bald an ihren Namen, ihre Herkunft, dass sie ein Mann im Cafe angesprochen, belästigt, danach verfolgt und zu sich nach Hause gebracht hat, wo es zu den grausamen Misshandlungen gekommen ist. Andere Lücken bleiben hartnäckig: Wie sah der Mann aus, wie kam sie in sein Auto, wie ins Spital?

Sally kehrt nach Hause, nach Montreal zurück und richtet sich langsam in einem Leben ein, welches von vielen Ängsten geprägt ist: Sally kann nicht in kleinen Räumen sein, allein ins Cafe gehen, meidet Männer mehrheitlich, kann nicht allein auf die Strasse – und vieles mehr. Ihr Patenonkel Carson nimmt sich schliesslich ihr an, setzt alles daran, ihre Blockaden zu überwinden, was teilweise auch gelingt. Die beiden heiraten und man könnte Sally fast als glücklich bezeichnen – bis eine schicksalshafte Begegnung dieses Glück und Sally als Menschen ins Wanken bringt. Das kann kein gutes Ende nehmen.

Zum Buch
«Sag mir, wer ich bin» ist die Geschichte einer Frau, die durch ein Erlebnis in jungen Jahren tief traumatisiert ist und die es kaum schafft, in ein normales Leben zurückzufinden. Es ist eine Geschichte über Angst, Hass und Rache, eine Geschichte über die Prägungen im Leben und unser Ausgeliefertsein.

«Weil dies eine Geschichte ist, möchte ich sie nicht mit einem Vorwort belasten, doch irgendetwas in der Art scheint mir nötig zu sein, denn es handelt sich um einen Roman über Kanada.»

Felicity Ward hat der Geschichte ein sehr ausführliches Vorwort zur Lage Kanadas und dem schwierigen Verhältnis der französischsprachigen und englischsprachigen Bevölkerung vorangestellt, welches politisch interessierte Menschen sicher interessiert, der Geschichte aber keinen Mehrwert gibt. Zwar spielt das Thema am Rande mit, ist aber auch in der Geschichte nicht wirklich relevant.

Persönliche Einschätzung
Ein Buch, das mich sehr ambivalent zurückgelassen hat. Einerseits behandelt es ein wichtiges Thema, welches viel zu sehr als Tabu behandelt und mit Schweigen bedacht wird. Es ist wichtig, zu zeigen, dass ein Übergriff auf eine (junge) Frau nicht einfach mit dem Vorfall beendet ist, sondern seine Spuren im Leben hinterlässt und mitunter zu einem lebenslangen Leiden führen kann. Auch ist es Felicity Ward gelungen, zu zeigen, dass die Folgen oft nicht nur für die betroffene Person, sondern für deren ganzes Umfeld zu einem das Leben immer wieder prägenden Thema wird.

Auf der anderen Seite wurde ich mit der Protagonistin nicht warm. Obwohl diese in der Geschichte viele Jahre begleitet wurde, war keine Entwicklung feststellbar, sie blieb immer ein junges Mädchen in ihrem Verhalten. In einer fast schon als pubertär zu bezeichnenden Trotzigkeit brachte sich Sally so immer wieder in Situationen, mit denen sie nicht umgehen konnte, die sie in durchaus vermeidbare Schwierigkeiten brachten, in welche sie dann ihr Umfeld involvierte und gleich darauf auch wieder vor den Kopf stiess.

Dass sie auch jegliche professionelle Hilfe ausschlug, sich in ihrem Opferdasein des Lebens praktisch einrichtete, wirkte auf die Dauer wenig nachvollziehbar, selbst wenn man zugesteht, dass verschiedene Menschen unterschiedlich mit einer solchen Geschichte umgehen, das also ein Weise sein könnte.

Die schicksalshafte Begegnung und deren Folgen könnte man als spannendes Katz- und Maus-Spiel bezeichnen, was es auch wurde, allerdings kam bei mir keine Spannung, sondern nur noch mehr Unverständnis auf. Vermutlich auch aus diesem Grund zog sich das Buch für mich nur noch in die Länge.

Das Buch hat mich trotz einiger guter Ansätze und einem wichtigen Thema nicht wirklich überzeugen können, was aber ein anderer Leser durchaus anders empfinden kann.

Fazit
Die Geschichte einer misshandelten und schwer traumatisierten Frau, die versucht, sich wieder im Leben einzurichten. Ein wichtiges Thema, leider auf eine mich nicht überzeugende Weise erzählt.

Zur Autorin
Felicity Ward, geb. 1945, verbrachte die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Montreal, wo sie noch heute Verwandtschaft hat. Sie lebte an vielen verschiedenen Orten der Welt, bevor sie sich endgültig in Frankreich niederließ. Bis heute kehrt sie in regelmäßigen Abständen in ihre Heimat Montreal zurück. Sie war zweimal verheiratet und hat Kinder aus beiden Ehen.

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 328 Seiten
Herausgeber: Europa Verlag; 1. Edition (29. Juli 2021)
Übersetzung: Sabine Leopold
ISBN: 978-3958904057

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Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter

Im Wallstein Verlag ist eine neue Ausgabe des wunderbaren Buches «Briefe an einen jungen Dichter» von Rainer Maria Rilke erschienen. Rilke ist in der Lyrik einer meiner Lieblinge, in diesen Briefen gibt er tiefe Einblicke in sein Schaffen, in sein Fühlen, in sein Verständnis von Kunst und vom Leben. Was treibt ihn um, was bedeutet Dichtung für ihn? Wo finden sich die Ideen, Inspirationen? Worauf kommt es an? Wann ist ein Kunstwerk gut? Zu dieser Frage meint Rilke:


„Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs, liegt sein Urteil, es gibt kein anderes.“

Die Notwendigkeit kann nur aus dem Schaffenden selber kommen, er muss ein „ich muss schreiben“ in sich spüren und merken, dass ein Leben ohne dieses nicht möglich wäre für ihn. Und weiter:

„Der Schaffende muss eine Welt für sich sein und alles in sich finden und in der Natur, an die er sich angeschlossen hat.“

Es bedarf also keines Suchens im Aussen, keiner Anleitungen, Urteile und Kritiken, sondern der Einkehr, des genauen Hinschauens, was im Schaffenden selber angelegt ist.

Entstanden sind diese 10 Briefe in den Jahren 1903 – 1908. Sie richteten sich an Franz Kappus, ein junger Dichter, welcher sich vom Meister Rat erhoffte. Mit diesem Ansinnen war Kappus nicht allein, Rilke erhielt viele Briefe mit Fragen zur Kunst, zum Schreiben oder zum Leben allgemein. Er hat diese alle sehr sorgfältig beantwortet, so dass er in seinem Leben auf ein Briefwerk von um 15’000 Briefen kam – es gibt viele Stimmen, die seine Briefe dem literarischen Werk zurechnen wollen und sie diesem auch ebenbürtig sehen. Diese zehn Briefe sprechen dafür.

Die Briefe an den jungen Dichter wurden zum ersten Mal erst nach Rilkes Tod veröffentlicht, im Jahr 1929. Sie wurden in der Folge ein Ratgeber für viele Künstler und Kreative. In dieser Neuerscheinung sind zum ersten Mal auch die Briefe von Franz Kappus abgedruckt (ausser dem ersten, mit dem alles begann). Damit ist der ganze Austausch noch klarer ersichtlich, Rilkes Antworten haben nun einen klareren Kontext erhalten.

Das Buch ist wunderschön gestaltet, das Cover allein ist ein kleines Kunstwerk. Der fundierte Kommentar und das Nachwort von Erich Unglaub rundet alles ab und es ist ein Buch entstanden, das auf der ganzen Linie eine wahre Freude ist.

Zu diesen Briefen über das Dichten und Dichtersein passt ein Gedicht Rilkes wunderbar:

Der Dichter
Du entfernst dich von mir, du Stunde.
Wunden schlägt mir dein Flügelschlag.
Allein: was soll ich mit meinem Munde?
mit meiner Nacht? mit meinem Tag?

Ich habe keine Geliebte, kein Haus,
keine Stelle, auf der ich lebe.
Alle Dinge, an die ich mich gebe,
werden reich und geben mich aus.

Angaben zum Buch:
Verlag: Wallstein; 1. Edition (8. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 148 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3835339323
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder beim WALLSTEIN VERLAG

Stefan Zweig: Die Schachnovelle

Inhalt
1940 fährt ein Schiff von New York nach Buenos Aires. Auf ihm befindet sich unter anderem auch der Schacheltmeister Czentovic. Als ihn einige Mitreisende erkennen, fordern sie ihn zu einer Schachpartie heraus, die er mühelos bestreitet, was er seine Gegner überheblich spüren lässt, bis sich ein Fremder einmischt und die eigentlich entschiedene Partie zu einem Remis führen kann – dies, obwohl der Fremde behauptet, 25 Jahre kein Schachbrett mehr gesehen zu haben. Es wird eine neue Partie festgelegt, dieses Mal nur zwischen Czentovic und Dr. B., wie der Fremde heisst. Dr. B. besteht darauf, dass er nur noch eine Partie spielen will, sich dann nie mehr an ein Schachbrett setzen möchte.

Die Geschichte hinter diesem Ansinnen ist eine grausame: Als Gefangener der Gestapo war er über Monate in Einzelhaft, weil man von ihm geheime Informationen erhalten zu hoffte. Es gab keine Ablenkung, er sass allein mit einem kargen Mobiliar in einem Zimmer, wurde jeden Tag für kurze Zeit zum Verhör abgeholt.

«Und immer um mich nur der Tisch, der Schrank, das Bett, die Tapete, das Fenster, keine Ablenkung, kein Buch, keine Zeitung, kein fremdes Gesicht, kein Bleistift, um etwas zu notieren, kein Zündholz, um damit zu spielen, nichts, nichts, nichts.»

Als er eines Tages ein Buch fand, hoffte er erst auf Lektüre, merkte dann aber, dass es nur ein Schachbuch war. Doch damit schaffte er es, sich die Zeit zu vertreiben, indem er die Partien auswendig lernte. Als dies irgendwann langweilig wurde, begann er, im Kopf gegen sich selber zu spielen, er spaltete sich also auf in weiss und schwarz und überlegte für beide Farben die passenden Strategien, von denen die andere Farbe ja nichts wissen durfte. Es blieb nicht aus, dass seine Psyche noch mehr litt, er sich auch in seiner Persönlichkeit spaltete, nicht mehr schlafen konnte, sich zermürbte. Bis er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Der behandelnde Arzt konnte eine Freilassung von Dr. B. erwirken, riet diesem aber, nie mehr Schach zu spielen, wolle er seine Gesundheit behalten.

Bei der nächsten Schachpartie will sich Czentovic keine Blösse geben, er plant jeden Zug genau und braucht dazu ausreichend Zeit, was Dr. B. zunehmend nervös macht. Dr. B. gewinnt. Czentovic fordert ihn zu einer weiteren Partie auf, Dr. B. stimmt zu, wird während der Partie immer nervöser, erregter. Er fängt an, in den langen Pausen durch Czentovics Überlegen im Kopf andere Partien zu spielen, worauf er im aktuellen Spiel einen falschen Zug macht. Er beginnt, wirres Zeug zu reden, kann aber im letzten Moment noch zur Räson gebracht werden und er verlässt den Tisch mit einer Entschuldigung, nicht ohne zu verkünden, dass dies seine letzte Schachpartie gewesen sei. Die anderen bleiben verwirrt zurück.

Erläuterungen
«Die Schachnovelle» wird von einem Ich-Erzähler erzählt, dessen Person weder namentlich noch sonst irgendwie bekannt wird. Es gelingt Zweig aber, die übrigen Charaktere durch ihr Verhalten und die nötigen Hintergrundinformationen plastisch werden zu lassen,  so dass sie authentisch und glaubwürdig wirken. Der Schauplatz ist wenig beschrieben, er spielt an sich keine grosse Rolle, nur insofern, als die Schifffahrt auf Stefan Zweigs eigene Geschichte hinweist und in sich die Vertreibung aus der Heimat trägt.

Stefan Zweig ist ein tiefgründiges Buch über die Gräuel des Terror-Regimes der Nationalsozialisten und die Narben, welche diese bei den Opfern hinterlassen haben, gelungen. Er schrieb dieses Buch 1941 im Exil in Brasilien, es ist sein letztes Werk, bevor er sich 1942 mit seiner Frau das Leben nimmt. Das Buch weist insofern autobiographische Züge, als Zweig selber unter dem Terrorregime gelitten hat, wenn auch nicht durch gezielte Folter wie im Buch beschrieben. Allerdings empfand er das, was er als Pazifist und Jude unter dem nationalsozialistischen Regime erleben musste, nicht direkt als Folter, aber doch als Verlust der Menschenwürde. Er schrieb darüber in seinem Buch «Die Welt von Gestern»:

«Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren, Erklärungen bei jeder Reise, […] wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, […] wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert […].»

Zu Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

Rezension: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

„Ich stosse ins Innere vor und sehe ein Bild klar vor mir: wie unser Leben beim Tod unserer Eltern an einer Weiche ankommt, falsch abbiegt und wir seitdem ein anderes, falsches Leben führen. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System.“

Als die Eltern von Jules und seinen Geschwistern sterben, kommen die drei getrennt in ein Heim. Die vorher so enge Beziehung wird lockerer, sie werden sich fremder. Und doch ist da ein Band, das sie immer zusammenhält – vor allem auch in schwierigen Zeiten. Das Leben nimmt für jeden von Ihnen seinen Lauf, führt sie auf Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die wohl doch alle dem frühen Verlust der Eltern geschuldet sind.

Benedict Wells schafft es, von der ersten Seite an eine Spannung aufzubauen, die er durch die Geschichte hindurch aufrecht erhalten kann. Immer wieder steht etwas im Raum, das erst noch geschehen wird, von dem man als Leser aber noch nicht weiss, was es ist. «Vom Ende der Einsamkeit» lebt von wirklich authentischen, fassbaren Charakteren, von den Beziehungen dazwischen und von einer eingängigen Sprache, die durch die Geschichte führt.

Mein persönlicher Leseeindruck:
Jules hat mich in seinen Bann gezogen, ich ging mit ihm durch sein Leben, dachte mit ihm seine Gedanken, habe das Gefühl, ihn so verinnerlicht zu haben, dass ich mittlebte. Es war ein wirkliches Eintauchen in eine Geschichte über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart, die Geschichte von drei Geschwistern, welche schon jung ihre Eltern verloren haben, und die von dem Moment an mit den Folgen dieses Verlusts umgehen musste. Es war die Geschichte von drei Menschen, die versuchten, diese Vergangenheit loszuwerden, ihr zu trotzen, um dann nur noch tiefer davon geprägt zu sein. Das alles passierte wohl anfangs im Unterbewussten, schwelte da, brach langsam und immer schneller was ihr Leben in Bahnen lenkte, aus denen auszubrechen schwer scheint. Was anfangs noch im Unterbewussten schwelte, brach dann mit grosser Wucht aus. Und es forderte den bewussten Umgang damit. Als Leser war ich immer mittendrin.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Buch über die Liebe, über Vertrauen, über die Erinnerung und den Umgang damit. Es ist ein Buch über den Zusammenhalt, den Wert der Familie und Prägungen, die die Vergangenheit in uns hinterlässt. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, ein tiefgründiges Buch, ohne schwermütig zu sein oder machen, kein Buch der lauten Töne, sondern der feinen Nuancen.

Fazit
Eine erzählerische Meisterleistung, welche einen von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman, ›Vom Ende der Einsamkeit‹, stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 37 Sprachen veröffentlicht. Nach Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 13. Edition (26. September 2018)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257244441

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Claude Anet: Ariane: Liebe am Nachmittag

Ariane ist eine junge, intelligente Frau, der die Männer zu Füssen liegen, was sie für sich zu nutzen weiss. Als sie auf Konstantin trifft, verabreden die beiden, dass dies eine Beziehung auf Zeit werden solle, zumal Konstantin schon verlobt ist. Von Liebe soll nicht die Rede sein, blosser Spass und eine gute Zeit sind das Ziel. Doch meistens kommt es anders als man denkt, Gefühle lassen sich selten mit Regeln beschränken. 

Der Roman spielt in Russland, erinnert vom Ton her an die Romane Tolstois. Es ist flüssig geschrieben, die Protagonistin ist stimmig und authentisch gezeichnet, die restlichen Figuren bleiben eher blass und im Hintergrund, sind quasi nur Staffage für den Auftritt der wichtigen Heldin. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil, es widerspiegelt ganz das Naturell der Protagonistin, welche sich oft selber genauso zu sehen scheint: Als Mittelpunkt, um den sich die anderen quasi wie Personal scharen.

So unsympathisch das klingen mag, doch es ist nicht alles, nicht das gesamte Bild. Manchmal scheint es, dass hinter dieser ach so coolen Fassade eine sensible Seele steckt, dass diese aber geschützt werden soll. Zudem will Ariane für Ihre Ziele und Ideale kämpfen, sie will ihr Leben in die Hand nehmen und erreichen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Das zeigt sich auch im Studium an, das sie gegen alle Widrigkeiten und in den Weg gelegte Steine durchsetzt und durchzieht. Dafür ist sie auch bereit, die sich ihr bietenden Möglichkeiten zu nutzen, auf Menschen (mehrheitlich Männer) zurückzugreifen, die ihr dabei helfen können.

«Ariane: Liebe am Nachmittag» ist unterhaltsam und flüssig geschrieben und ebenso zu lesen, die perfekte Sommerlektüre für die, welche keine schwere Kost und doch keinen zu seichten Roman mögen.

Fazit:
Eine stimmig erzählte Geschichte mit einer authentischen Protagonistin, flüssig zu lesen und alles in allem sehr zu empfehlen.

Zum Autor:
CLAUDE ANET, eigentlich Jean Schopfer, geboren 1868 in Morges (Schweiz). Er studierte an der Sorbonne und an der École du Louvre und arbeitete als Reporter u. a. für Le Temps und Le Petit Parisien. 1892 wurde er französischer Tennismeister. Als Korrespondent des Journal wurde er 1917 Augenzeuge der Russischen Revolution in Sankt Petersburg. Neben Reiseliteratur und Theaterstücken veröffentlichte Anet mehrere Romane, darunter Ariane, jeune fille russe (1920), der für den Prix Goncourt nominiert und u. a. von Billy Wilder mit Audrey Hepburn verfilmt wurde. Claude Anet starb 1931 in Paris.

KRISTIAN WACHINGER, geboren 1956, gelernter Buchhändler, studierte Germanistik und Romanistik in München, Nantes und Hamburg und arbeitete drei Jahrzehnte als Verlagslektor. Er übersetzte Werke u. a. von Giacomo Casanova, Prosper Mérimée, Georges Simenon und Laurent Binet.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Dörlemann; 1. Edition (27. Januar 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3038200789
  • Originaltitel ‏ : ‎ Ariane
  • Übersetzung: Kristian Wachinger

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