Rezension: Tony Husband: Mach’s gut, mein Sohn!

Die Geschichte meines Vaters und seiner Demenz

Wenn langsam die Erinnerung verblasst…

Hallo, Dad, können wir mal miteinander reden? Weißt du noch, wie das angefangen hat mit deiner Demenz?

Wie soll sich Ron Husband daran erinnern, wie sein Vergessen anfing? Er findet die Frage witzig, denkt aber doch nach. Er erinnert sich an den Tod seiner Frau, die Neugestaltung seines Lebens, neue Hobbies, seinen Hund Lossie. Er erinnert sich, wie aktiv er war. Und er erinnert sich an eine langsame Veränderung, an das Vergessen, welches ein anderes Vergessen war als das, welches jedem mal passiert.

 Einfach so, ich habe alles Mögliche vergessen. Das Datum, Namen, Termine… Unwichtige Sachen, wichtige Sachen. […] Manchmal war’s richtig peinlich.

Der bekannte englische Cartoonist Tony Husband lässt seinen Vater Ron erzählen, wie er die Demenz erlebt, wie sich sein Leben damit verändert. Tony Husband selber stellt Fragen, hilft mit Erinnerungen, unterstützt das Erzählen seines Vaters. Auf diese Weise ist ein teilweise heiterer, teilweise melancholischer Dialog entstanden, der tief menschlich, wunderbar gefühlvoll, bei all seiner Traurigkeit doch nicht niederschmetternd ist.

Mach’s gut, mein Sohn! ist ein Buch über den Verlust – den Verlust von Erinnerungen, den Verlust von Selbständigkeit und auch den Verlust von Beziehungen. Es ist ein Buch, das Fragen aufwirft, tief geht, berührt. Tony Husband hat dieses sehr persönliche Buch mit liebevollen Zeichnungen illustriert.

Trotzdem das Buch sehr persönlich ist, greift es zentrale Punkte einer Demenz auf, zeigt den Verlauf einer solchen Erkrankung, erzählt vom langsamen Auseinanderdriften der Welten, vom Abschied auf Raten bei allen Beteiligten. Angehörige von Demenzerkrankten finden zudem auf der letzten Seite Anschriften von Vereinigungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es ist wichtig zu wissen, dass es Hilfe gibt, dass es Begleitung und Unterstützung gibt – auch für die Angehörigen. (Ein Buch zu diesem Thema: Pauline Boss: Da und doch so fern)

Fazit:
Ein liebevoll illustriertes Buch, welches das Thema Demenz auf sehr gefühlvolle, persönliche, tiefgründige und schöne Art aufgreift. Sehr empfehlenswert.

Der Autor
Tony Husband arbeitet seit 1984 hauptberuflich als erfolgreicher Zeichner. Seine Cartoons erschienen in verschiedenen Zeitschriften, Zeitungen, Büchern und auf diversen Websites, in Fernseh- und Bühnenproduktionen. Er wurde mit mehr als 15 bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Tony Husband ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Hyde.

Angaben zum Buch:
HusbandBroschiert: 64 Seiten
Text und Illustration: Tony Husband
Übersetzung: Carola Fischer
Verlag: Knaur Verlag (1. September 2015)
ISBN-Nr.: 978-3426653722
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Rezension: David Foenkinos – Charlotte

Das ganze Leben in einem Kunstwerk

Charlotte lernt früh, dass der Tod ein teil des Lebens ist.
Sie greift nach den Tränen ihrer Mutter.
Die um ihre Schwester trauert wie am ersten Tag.
Manche Wunden heilen nie.

Charlotte Salomon ist die Tochter eines Arztes und dessen Frau Franziska. Diese steht in einer langen Reihe von Selbstmorden in ihrer Familie, leidet darunter, wird selber lebensmüde. Trotz aller Bemühungen stürzt sie sich irgendwann in den Tod, lässt Charlotte als Kind zurück. Allerdings wird diese die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter erst spät erfahren, so glaubt sie, ihre Mutter wohne als Engel im Himmel und schreibe ihr bald einen Brief. Mit Paula kriegt Charlotte eine Stiefmutter, die sie verehrt. Sie braucht sie auch, da sie sonst ausgeschlossen ist – und es immer mehr wird durch die Machtübernahme der Nazis. Charlotte ist Jüdin.

Charlotte strahlt so eine Kraft aus, sie hat etwas Berührendes.
Ist das der Zauber der Schweigsamen?
Oder die traurige Macht der Ausgeschlossenen?
[…] Wenn einen ein ganzes Land zurückweist.
Was soll man da von einem einzelnen Menschen erwarten?

Nachdem sie trotz ihrer Religion zur Kunstschule zugelassen wird, erhält sie einen gewonnen Preis genau deswegen nicht und wird kurz darauf ganz ausgeschlossen. Trotzdem malt und zeichnet sie weiter.

Darf sie sich eingestehen, dass sie sich fühlt wie eine Künstlerin?
Künstlerin.
Immer wieder sagt sie dieses Wort vor sich hin.
Ohne zu wissen, was es genau bedeutet.
Egal.
Wörter müssen nicht immer einem Ziel zustreben.

Die Lebensumstände spitzen sich zu, Charlotte muss fliehen und geht nach Frankreich zu ihren Grosseltern. Ihre Grossmutter bringt sich bald darauf um, der Grossvater verbittert und verfällt dem Wahnsinn. Dieser Krankheit ist es wohl auch zu verdanken, dass sie nach ihrer Internierung im Lager Gurs, in welchem auch Hannah Arendt ist, freikommt. Ein beschwerlicher Weg zurück nach Südfrankreich folgt. Charlotte ist selber dem Wahnsinn nah – und alleine. Sie hat nur zwei Menschen, die an sie glauben, einer davon ist der Arzt des Ortes. Er rät ihr auch, zu malen. Er glaubt an ihr Talent, gar an ihr Genie.

Sie muss leben und malen.
Malen, um nicht verrückt zu werden.
[…] Muss man die Grenzen des Erträglichen überschreiten?
Um die Kunst als einzig mögliche Lebensform anzusehen?

Charlotte hat mit ihrem Leben abgeschlossen.
[…] Ein seltener Ausgangspunkt für ein künstlerisches Werk.

Es entsteht ein Werk aus Bildern und Text, ihr Leben. Sie übergibt es ihrem Arzt mit den Worten

C’est tout ma vie

David Foenkinos erzählt die Biographie der Malerin Charlotte Salome auf seine ganz persönliche Weise. Er erzählt, wie er ihr auf die Spur kam, wie sie auf ihn wirkte, wie er ihren Lebensstationen folgte. Er wollte diese Geschichte schreiben, aber es fiel ihm nicht leicht. David Foenkinos beschreibt seine Schwierigkeiten dieser ihm so wichtigen Geschichte selber.

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
[…] Ich sass immer da und wollte ein Buch schreiben.
Aber wie?
[…] Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich spürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Entstanden ist ein Buch in einer kurzen, prägnanten Sprache. Sie ist frei von Sentimentalität und greift doch die Stimmung auf. Der Inhalt passt sich perfekt in die Form, entstanden ist ein Zeugnis eines Lebens, das tragischer kaum sein könnte.

Das Leben Charlottes zeugt vom Alleinsein, vom Ausgestossensein, von der Einsamkeit und von der Angst. Es ist das Leben einer jungen Frau, die Zuflucht in die Kunst nimmt, da diese das einzige ist, das ihr Überleben irgendwie sichert. Alles andere ist von Angst besetzt, von Unsicherheit: sich selber und dem Leben gegenüber.

Charlotte ist das Lesehighlight seit langem. Es ist eine Geschichte, die packt, die einen einnimmt und nicht mehr loslässt. David Foenkinos hat eine unkonventionelle Weise des Erzählens gewählt, eine, die genau zu ihm und der Geschichte passt, eine, die Charlotte gerecht wird.

Fazit:
Eine tiefgründige, erschütternde, packende Lebensgeschichte, bei der alles stimmt: Die Sprache greift den Inhalt auf, wodurch dessen Tragik noch deutlicher zum Tragen kommt. Absolut empfehlenswert. Unbedingt lesen!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
FoenkinosCharlotteGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (31. August 2015)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978-3421047083
Preis: EUR 17.99 / CHF 26.90

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Rezension: Daniel Kehlmann – F

Das Leben hinter der Maske

Jahre später, sie waren längst erwachsen und jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.

Arthur schreibt. Mehr für die Schublade als für Publikum, was aber nichts macht, da seine Frau Augenärztin ist. Neben dem Schreiben versorgt Arthur die beiden gemeinsamen Zwillinge Eric und Iwan. Ab und an holen sie Martin ab, Arthurs ersten Sohn. Er hat ihn und dessen Mutter eines Tages einfach verlassen und hat nun eine neue Familie. Lange spielte Martin keine Rolle, nun ist das anders.

Die Mutter des anderen Jungen, hatte Arthur erklärt, sei nicht gut auf ihn zu sprechen, sie habe nicht gewollt, dass er seinen Sohn sehe, und er habe sich gefügt, offen gesagt, allzu breitwillig, es habe die Dinge einfacher gemacht, und erst vor kurzem habe er seine Meinung geändert. Und jetzt werde er gehen und Martin treffen.

Irgendwann verlässt Arthur auch seine zweite Familie. Er muss es tun, denn er will all die Bücher schreiben, die ihn schliesslich berühmt machen werden. Die drei Brüder werden erwachsen. Jeder geht seinen Weg. Martin wird katholischer Priester ohne an Gott zu glauben, Eric geht in die Wirtschaft, wo er das Vermögen seiner Klienten verliert und das nur mühsam überspielen kann, und Iwan geht in die Kunst, wobei er für sich selber mittelmässig bleibt.

Aus mir würde also kein Maler, das wusste ich jetzt. Ich arbeitete wie zuvor, aber es hatte keinen Sinn mehr. Ich malte Häuser, ich malte Wiesen, ich malte Berge, ich malte Porträts, sie sahen nicht schlecht aus, sie waren gekonnt, aber wozu? Ich malte abstrakte Gebilde, sie waren harmonisch komponiert und farblich durchdacht, aber wozu?

Was er für sich selber nicht schafft, tut er im Namen seines Lebensgefährten: Er malt Bilder, die diesen berühmt machen – selbst nach dessen Tod produziert Iwan immer neue Bilder.

Drei Lebensgeschichten voller Lebenslügen, voller Schummelei, Fälschung und Vertuschung. Und alle drei Brüder haben Angst, aufzufliegen.

Kehlmann erzählt die Geschichte von drei Brüdern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit mehr gemeinsam haben, als sie wohl selber glauben. F ist eine tragische Geschichte, da sie ohne Sieger auskommt. Alle verlieren, selbst wenn sie alle vordergründig Erfolg haben. Nach aussen wahren sie den Schein, zerbrechen aber innerlich langsam, was sie nur mit unterschiedlichen Süchten und Selbstlügen aushalten können. Indem derselbe Tag aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, durchschaut der Leser die Denkstrukturen jedes Einzelnen, er pendelt zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der Brüder hin und her und erhält so ein umfassendes Bild. Kein aufbauendes, kein positives, eher eines, das die ganze Tragik von Selbstbetrug und missglückter Selbstfindung in sich trägt.

Das Buch hat etwas von Treten an Ort in verschiedenen Schuhen, angereichert durch psychologische und philosophische Einsichten. Das ist weder grundsätzlich gut oder schlecht, das muss einem schlicht liegen. Wer sich mit Figuren und Welten identifizieren will, wer Geschichten miterleben und mitfühlen will, wird an diesem Buch keine Freude haben. Wer sich für die Innensichten von Menschen, für Beziehungen und die unterschiedlichen Deutungen derselben interessiert, wird auf seine Kosten kommen.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, abgründig. Durchdacht komponierte Innensicht, ohne dabei zu psychologisierend zu wirken. Empfehlenswert.

Zum Autor
Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann ist einer der Shootingstars der deutschen Literatur. 1997 veröffentlichte der 1975 geborene Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin seinen ersten Roman. Auf Beerholms Vorstellung folgten in knappen Abständen weitere Romane, Erzählungen und eine Novelle. 2005 erschien Die Vermessung der Welt, ein Welterfolg, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Darüber hinaus erhielt Daniel Kehlmann schon in den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere etliche der renommiertesten deutschen Literaturpreise, häufig gar mehrere in einem Jahr. Darunter befanden sich der „Kleist-Preis“ (2006) und der „Thomas-Mann-Preis“ (2008). Kehlmann besuchte als Kind eine Jesuitenschule und studierte in Wien Philosophie und Germanistik. Heute ist er freier Autor und Essayist.

Angaben zum Buch:
KehlmannFGebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (30. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3498035440
Preis: EUR 22.95 / CHF 31.90

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Rezension: Josef Dohmen – Wider die Gleichgültigkeit

Sich selbst und anderen verbunden das Leben leben

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der westlichen Welt eine neue posttraditionelle Gesellschaft entwickelt, in der Tradition und Religion samt der darauf gründenden Moral von der zunehmenden Macht des Marktes, der Wissenschaft und der Technik sowie dem Einfluss der Medien immer weiter zurückgedrängt worden sind. […] In ihr sieht sich ein jeder dazu herausgefordert, seinen eigenen persönlichen Lebensstil auszubilden. Das Problem ist jedoch, dass bisher niemand weiss, an welchen Richtlinien wir uns bei der Gestaltung unseres eigenen Lebens und der Einrichtung der Gesellschaft orientieren sollen.

Josef Dohmen zeichnet ein Bild unserer Zeit, in der sich viele Menschen relativ orientierungslos durchs Leben bewegen, dabei Begriffe wie Freiheit und Selbstverwirklichung hochhalten, diese aber weder für sich selber noch im Zusammenleben mit anderen wirklich ausbilden können. Freiheit wird als Absolutum genommen und einem liberalen Gedankengut unterstellt, welches jegliche Fesseln (vor allem von aussen) ablehnt. Zurück bleibt eine Halt- und eine Verbindungslosigkeit.

Die Tragik des Liberalismus liegt darin, dass er sich zwar für die Emanzipation des Individuums von den vorherrschenden Strukturen eingesetzt hat, es hierbei allerdings versäumt hat, eine Moral zu entwickeln, die es diesen befreiten Individuen ermöglichen würde, ihr Leben so zu gestalten, dass wir eine Gesellschaft ebenso selbständiger wie miteinander verbundener Individuen ausbilden und aufrecht erhalten könnten.

Die Lösung des Problems sieht Dohmen in der Ausbildung einer Lebenskunst. Er entwickelt den Begriff durch Verweise auf die Philosophiegeschichte und der darin enthaltenen Lebensmaximen, begonnen in der Antike und bis in die Neuzeit reichend. Dabei behandelt er Begriffe wie Glück, Selbstbejahung, den freien Geist und Willen, sowie die Wahrhaftigkeit (gegen sich und andere). Erst, wenn wir wahrhaftig uns selber sind, aus uns heraus und im Kontext mit anderen leben, ist unser Leben authentisch. Viele verwechseln Authentizität allerdings mit (prinzipieller) Auflehnung gegen aussen, mit der Maxime „alles, was ich will, nichts, was ich muss“. Daraus resultiert meist nicht nur kein authentisches Leben, sondern auch die Verunmöglichung eines Miteinanders, einer tragfähigen Gesellschaft, in der eine Moral herrscht, die weder Altruismus noch Egoismus propagiert, sondern das Individuum sich selber und der Gesellschaft gegenüber verpflichtet.

Ich plädiere für eine neue Kultur der Selbstverantwortung, eine „soziale Selbstverwirklichung““: eine kollektive Lebensform, in der sich Menschen achtsam und kreativ und ebenso bescheiden wie selbstbewusst darum bemühen, nicht auf Kosten anderer oder auf Kosten ihrer selbst, sondern gemeinsam und unter Rücksichtnahme auf andere mehr aus ihrem Leben zu machen.

Um das zu verwirklichen, muss der Mensch sich zuerst selber bejahen, wozu er sich zuerst einmal kennenlernen muss. „Erkenne dich selbst“ steht also am Anfang, gefolgt von „Wie soll ich leben?“, „Wie will ich leben?“, „Was ist ein gutes Leben?“. Dabei ist zu berücksichtigen, dass keiner alleine lebt, sondern jeder ein Teil eines Ganzen ist, dem er auch verpflichtet ist, so dass alle für sich ihr gutes Leben finden und leben können – miteinander und für sich. Dazu bedarf es der Abschaffung der Gleichgültigkeit, denn keiner ist eine Insel. Jeder lebt in seiner Zeit und muss sich in dieser bewegen und zurechtfinden.

Abschliessend behandelt Dohmen die grosse Frage, wie man glücklich werden kann und hält den Wert wirklicher Freundschaft hoch, die nicht auf gegenseitiger Berechnung, sondern auf innerer Verbundenheit beruht. Wenn dann noch die Kunst des Älterwerdens dazukommt, kann man am Schluss hoffentlich auf ein erfülltes Leben zurückblicken.

 Wenn wir wissen, warum wir gelebt haben, können wir uns eher mit dem Tod versöhnen.

Josef Dohmen greift ein grosses, umfassendes Thema auf und versteht es, dieses durch viele Rückgriffe auf die westliche Philosophie abzustützen und weiterzuentwickeln. Die Frage nach dem guten Leben beschäftigt den Menschen seit Menschengedenken. Mit dem Plädoyer für eine neue Lebenskunst bietet Dohmen einen Ansatz, der sowohl das Individuum wie auch die Gesellschaft in die Pflicht nimmt und so ein Leben ermöglichen soll, in dem Moral und Glück tragende Pfeiler sind und keiner auf Kosten anderer sein Leben verwirklicht.

Fazit:
Ein fundiertes, umfassendes, tiefgründiges Buch eines kompetenten, belesenen Autoren. Stimmig argumentiert, dabei immer leserlich und verständlich. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Josef Dohmen
Josef (Joep) Dohmen, ist Professor für Philosophische und Praktische Ethik an der Universiteit voor Humanistiek in Utrecht, Niederlande. Er studierte Philosophie in Utrecht, Berlin und Leuven (Belgien). Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Lebenskunst, Moralerziehung und Alter. Dohmen schrieb diverse Bücher über Montaigne, Nietzsche, Foucault und die Lebenskunst.

Angaben zum Buch:
DohmenGebundene Ausgabe: 376 Seiten
Verlag: rüffer & rub Verlag (12. November 2014)
Übersetzung: Bärbel Jänicke
ISBN-Nr.: 978-3907625729
Preis: EUR 32 / CHF 39.90

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Rezension: Julie Mebes – Der Himmel neben dem Louvre

Paris – eine Liebe fürs Leben

Wenn man in Paris Frau gewesen ist, kann man es nirgendwo anders sein. (Montesquieu)

Paris ist nicht einfach eine Stadt in Frankreich, Paris hat seine eigenen Gesetze, seine eigenen Gerüche, viele Facetten, welche die Stadt einzigartig machen. Nachdem Julie Mebes in den Niederlanden aufgewachsen ist und verschiedene berufliche Stationen durchlaufen hat, quittiert sie ihren Dienst und bleibt in Paris.

Eine Pariserin verlässt ihren Frisör nicht. Sie folgt ihm treu, wenn er zu einem anderen Salon überwechselt. Hat sie ihren Frisör gefunden, dann hat sie ihren Stil gefunden.

In 38 Kapiteln zeigt Julie Mebes ihr Leben in Paris. Sie nimmt den Leser mit in den Supermarkt, erklärt ihm sprachliche Finessen, zeigt ihm die kleinen Ecken und Nischen, die die Stadt so wunderbar machen und lässt ihn teilhaben am Alltag einer Frau in Paris.

„Vous êtes très gentil.“ Sie sind sehr nett. Denn auch das habe ich gelernt: Annäherungsversuche bloss nicht mit einem prüden „Lassen Sie mich bitte in Ruhe“ ablehnen, sondern: geschmeichelt lächeln, „Vous êtes très gentil“ sagen, ihn dabei angucken und, das ist wichtig, dann sofort den Blick abwenden. Ende. Aus. Eine echte Zauberformel.

Der Himmel neben dem Louvre zeigt bei aller spürbaren Liebe zu Paris keinen verklärten Blick, sondern weist auch auf die Schwierigkeiten in der Stadt hin.

Das Haus hat also seine Fehler, aber nicht alle sind typisch für das Haus. Manche Fehler sind typisch für Paris.

Ständige Wasserschäden, alte Häuser, kleine Zimmer – alles alltägliche Dinge, mit denen man sich in Paris konfrontiert sieht. Trotzdem zieht der Pariser nicht einfach um, er bleibt seinem Haus, sicher seinem Quartier treu, denn da findet sein Leben statt – ein Leben lang meist.

„Il ne faut jamais quitter cet immeuble“, sagt Rose. Wir dürfen nie von hier wegziehen.

Fazit
Eine persönliche, warmherzige, philosophisch anmutende Reise durch Paris. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julie Mebes
Julie Mebes wurde 1966 in Deutschland geboren. Aufgewachsen ist sie in den Niederlanden, mit achtzehn wechselte sie die Staatsangehörigkeit. Sie studierte Politologie und Jura in Amsterdam. Nach Stationen im Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft war sie Diplomatin in Brüssel, Botschaftsrätin bei der EU, und in Paris stellvertretende Botschafterin bei der UNESCO. 2010 quittierte sie den Dienst, um in Paris zu bleiben, und sie sagt von sich: Je ne regrette rien.

Angaben zum Buch:
MebesTaschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juni 2015)
ISBN-Nr.: 978-3423260657
Preis: EUR 14.90 / CHF 21.90

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Rezension: Rebecca Martin – Nacktschnecken

Sich finden – im Leben und in der Beziehung

Ich stelle mir vor, du hättest nicht zufällig neben mir gesessen, als ich gerade aufstehen und schon wieder gehen wollte. […] Es ist so leicht, sich zu verpassen – selbst dann, wenn dir der andere gegenübersteht. Wir hätten all die Dinge nicht geteilt, wir hätten die gemachten Fehler nicht gemacht, zumindest nicht miteinander…

Nora und Paul sind seit langem ein Paar. Sie haben sich eingerichtet, ihre Rollen gefunden, verstehen sich quasi blind. So gehen sie durch die Jahre. Eigentlich könnte alles gut sein, es ist auch nicht schlecht, nur kommt immer wieder das Leben dazwischen, bringt Probleme auf, zeigt Risse in den festgelegten Rollenmodellen, lässt Nora zweifeln: an sich, an Paul, an der Beziehung. Wie viele Kompromisse kann man machen, ohne sich selber zu verlieren? Wie viele Zugeständnisse muss man machen, um den anderen nicht zu verlieren?

Nacktschnecken handelt von einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben und in ihrer Beziehung sucht. Rebecca Martin versteht es, in einer Sprache, die ganz der Protagonistin entspricht, mit viel Feingefühl und Tiefgang die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens zu schildern, ohne dabei zu psychologisieren. Vielmehr zeigt sie das pralle Leben mit all seinen Höhen und Tiefen durch die erlebte Geschichte. Dadurch ist ein Zeugnis einer Generation entstanden, das selbst wenn es nicht die eigene betrifft, verständlich und nachvollziehbar wird. Und jeder, der durch diese Phasen des Lebens hindurch ging, wird sich irgendwo wiederfinden in der Erzählung von Nora und Paul.

Fazit
Ein feinfühliges und tiefgründiges Buch, in dem alles passt: Plot, Figuren, Sprache. Empfehlenswert.

Zum Autor
Rebecca Martin
Rebecca Martin wurde 1990 in Berlin geboren. 2008 veröffentlicht sie ihren Roman Frühling und so, 2009 macht sie Abitur. Es folgt die Ausbildung zur Werbetexterin an der Texterschmiede Hamburg. Im Sommer 2012 erscheint der zweite Roman Und alle so yeah im DuMont Buchverlag. Seit September 2013 absolviert sie ein Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Angaben zum Buch:
MartinNacktschneckenTaschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (12. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3832163204
Preis: EUR 14.90 / CHF 21.90

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Rezension: Zürcher Kunstgesellschaft – Chagall. Meister der Moderne

Poetische Malerei, malerische Poesie

„…Ich musste einen besonderen Beruf finden, eine Beschäftigung, die mich nicht zwingen würde, mich vom Himmel und den Sternen abzuwenden, und die mir erlauben würde, meinen Sinn des Lebens zu finden. Ja, genau das suchte ich. In meiner Heimat jedoch hatte niemals vor mir die Worte ‚Kunst, Künstler’ ausgesprochen. ‚Was ist das, ein Künstler?’, fragte ich.“

Chagall3Marc Chagall ist in Zürich permanent präsent durch seine Glasfenster im Fraumünster sowie mit einigen Werken in der Sammlung des Kunsthauses Zürich.

Wenn man an Marc Chagall denkt, denkt man hauptsächlich an sein spätes Werk. In explosiven Farben zeigen sich Bilder voller Poesie. Fliegende Menschen, Tiere, Akrobaten, Künstler, Sonne, Mond und Sterne – eine Traumwelt auf Leinwand gebannt und doch nicht da gefangen, sondern frei zum Betrachter sprechend. nicht nur treiben lassen und Zwängen ausgeliefert sehen. Chagall verstand es wie kein anderer, Phantasiewelten bildhaft werden zu lassen. Er arrangierte Figuren und Farben, Formen und Ausdrücke so, dass sie einerseits ein stimmiges Ganzes ergeben und eine Geschichte erzählen, andererseits jedes Detail für sich ein neue Geschichte in sich trägt. Selten hat man bei einem Anblick alles gesehen, noch nach Jahren fallen einem immer wieder neue Details auf, stechen Dinge ins Auge, von denen man vorher nie Notiz nahm, egal, wie genau man schaute. Ein kleines Wunder auf Leinwand.

Chagall2Der vorliegende Ausstellungskatalog behandelt – gleich wie die Ausstellung im Jahr 2013 – die frühen Jahre Chagalls, die entscheidenden drei Jahre zwischen 1911 und 1914 (Marc Chagall verbrachte sie in Paris) sowie die anschliessenden bis 1922. In diesen Jahren etablierte sich Marc Chagall als Künstler. Bilder dieser Zeit sind durchdrungen von jüdische Bildwelten und Volkskunst und sie setzen sich sowohl mit Einflüssen vergangener Epochen und Strömungen sowie mit der avantgardistischen Bewegung auseinander. Vor allem die Jahre in Paris waren geprägt durch den Kontakt mit vielen Künstlern – Dichtern, Sammlern, Schriftstellern sowie Malern –, durch welche Chagall seine ganz eigene, eigenwillige künstlerische Sprache entwickelte.

Chagall ging es nicht drum, Aspekte der realen Welt zu malen, vielmehr wollte er eigene Fantasiewelten erschaffen.

„Was ist das für eine Epoche, die Hymnen auf die Technik singt und die den Formalismus vergöttlicht? […] Sollen sie nur an ihren dreieckigen Tischen ihre quadratischen Birnen essen, bis sie satt sind! […] Nieder mit dem Naturalismus, dem Impressionismus und dem realistischen Kubismus!“ (Aus Chagall: Mein Leben)

Den Kubismus (nicht den realistischen) liebte er und entwickelte ihn für sich weiter. Dies war in seinen Augen der einzige Weg, um als moderner Künstler Erfolg zu haben. Das vorliegende Buch beinhaltet einerseits informative Artikel von Simonetta Fraquelli, Angela Lampe, Monica Bohm-Duchen, Ekaterina L. Selezneva und Jean-Louis Prat, welche den Bogen von Chagalls Anfängen als Künstler bis hin zu seinem Spätwerk spannen. Andererseits zeigen die Bilder, welche Vielfalt und Ausdruckskraft der moderne Maler über die Jahre entwickelte. Die Bandbreite des Dargebotenen ist enorm und der Ausstellungskatalog auch für die, welche die Ausstellung nicht besuchen konnten, ein wunderbarer Überblick über das Leben und Schaffen eines der grössten modernen Künstler.

Fazit:
Alles in allem eine wahre Fundgrube, eine Augenweide und ein Genuss. Einer der grössten Künstler wird kompetent und ästhetisch präsentiert. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
ChagallCoverGebundene Ausgabe: 196 Seiten
Verlag: Hatje Cantz Verlag (1. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3775734646
Preis: EUR 19.95 / CHF 27.90

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Rezension: Tim Parks – Der ehrgeizige Mr. Duckworth

Wenn jedes Mittel recht wird

Morris lag auf dem Rücken und heulte jämmerliche Tränen des Selbstmitleids. Er war verflucht, das war alles. Verflucht, nicht mehr und nicht weniger. Das zeigte sich schon daran, dass sich offenbar niemand sonst an dem Hund störte. Die anderen waren alle immun. Die weckte das Bellen nicht auf. Aber er war mit irgendeiner schrecklichen Krankheit geschlagen, die all diese Plagen über ihn brachte. Und das hatte er nicht verdient. Das hatte er ganz bestimmt nicht verdient.

Morris arbeitet in Verona als Privatlehrer für reiche und verwöhnte Kinder, für die, welche all das haben, was ihm eigentlich zusteht. Das Schicksal hat es, da ist sich Morris sicher, schlecht mit ihm gemeint, es hat ihn um sein wirkliches Leben betrogen. Zum Glück ist da Massimina. Junges, hübsches Mädchen aus gutem Hause und dazu in Morris verliebt. In ihr sieht er die Lösung all seiner Probleme: Er muss sie heiraten. Wollen wäre anders, aber was tut man nicht alles, um zu Geld zu kommen.

Leider ist Massiminas Mutter von der Liaison wenig angetan, so dass die beiden beschliessen, zu flüchten. Damit hören die Geldsorgen Morris’ aber nicht auf, im Gegenteil, er muss sich etwas einfallen lassen. Allerdings ist er auch als Ganove wenig erfolgreich, so dass er sich immer wieder einen neuen Schelmenstreich ausdenken muss, um mit seiner vermeintlichen Retterin zu überleben. Zudem ist er damit beschäftigt, alles vor ihr geheimzuhalten, was aber nicht sonderlich schwer ist, da Massimina einerseits sehr naiv und andererseits sehr verliebt ist. Der Diebstahl eines Gucci-Koffers ist nur der Anfang einer sich steigernden Reihe von Ungesetzlichkeiten, die darüber hinaus von Fall zu Fall schwerwiegender werden.

Morris Duckworth ist ein Ganove, der an Felix Krull oder Ripley erinnert. Verschlagen lügt und betrügt er sich durchs Leben um den Lebensstandard zu erreichen, der ihm in seinen Augen zusteht. Dass er so skrupellos handeln muss, ist allerdings nie seine Schuld, sondern die all derer, die sein Genie missachten, die ihm nicht zubilligen, was ihm gebührt, nämlich Geld, Ruhm, Ehre.

Tim Parks führt ihn und alle anderen Charaktere sorgfältig und über ihre Erlebnisse und Verhaltensweisen ein, lässt den Leser sie so langsam erleben und kennenlernen. Auf dieser Basis ist es schwer, die mal geknüpften Bande zu lösen, wenn die Geschichte sich mehr und mehr zuspitzt, der Charakter des Protagonisten, der anfänglich selbstmitleidig und sehr selbstverherrlichend war, schlussendlich immer bösartiger und gnadenloser wird auf dem Weg zu seinem Ziel. Man sitzt gebannt und liest sich von Seite zu Seite, einerseits hoffend, er möge endlich auffliegen, andererseits bangend, das könnte der Fall und damit das Buch zu Ende sein.

Zu Ende ist die Geschichte – wenn auch in diesem Buch durchaus abgeschlossen für sich – lange nicht, denn Der ehrgeizige Mr. Duckworth ist erst der Anfang einer Trilogie, deren weiteren Teile im Juli und im September 2015 erscheinen werden. Man darf gespannt sein.

Fazit:
Eine Ganovengeschichte, die durch lebensnahe Figuren und einen stimmig aufgebauten Plot besticht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Tim Parks
Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, wuchs in London auf und lebt seit 1981 in Italien. In vielen seiner Romane und erzählenden Sachbücher hat er das Leben in Italien thematisiert. Er hat das Werk von Italo Calvino, Roberto Calasso, Alberto Moravia und Machiavelli ins Englische übersetzt und lebt als Professor für Literarisches Übersetzen in Mailand. Zuletzt erschien von ihm Italien in vollen Zügen.

Angaben zum Buch:
Parksder_ehrgeizige_mr_duckworthTaschenbuch: 300 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (27. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3888979309
Originaltitel: Cara Massimina
Übersetzung: Lutz-W. Wolff
Preis: EUR 16.95 / CHF 23.90

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Rezension: Hanni Münzer – Honigtot

Auf den Suchen nach den eigenen Wurzeln

Lieber Gott, ausgerechnet Afghanistan! Du musst verrückt sein, Felicity, wirklich. Hast du so lange studiert, nur um anschliessend am Ende der Welt mit einem Schleier herumzulaufen?

Felicity hat soeben ihr Medizinstudium beendet, sie ist mit einem zuverlässigen, sie liebenden Mann, der dazu noch anerkannter Chirurg ist zusammen. Glück pur? Könnte es sein, wenn Felicity das nicht alles hinter sich lassen und nach Afghanistan gehen wollte. Eine Flucht oder Berufung?

Doch je näher das Ende des Studiums und die Prüfungen gerückt waren, umso stärker war der Drang geworden, wieder eine neue Richtung einzuschlagen, auszubrechen aus ihrem geregelten Leben.

[…] Ohne ergründen zu können, woher der melancholische Satz kam, dachte sie: Ich werde das Land der Liebe niemals betreten.

Alles ist gepackt, eigentlich kann es losgehen zum Flughafen, doch Felicitys Mutter ist verschwunden – diese hatte sie fahren wollen. War das ein Versuch, Felicity von ihrem Plan abzubringen? Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war immer eher distanziert gewesen, aber dass sie ihr nun Steine in den Weg legte? Ob ihr was passiert war?

Nach einem ersten Schrecken und den Gedanken an das Schlimmste, steht fest: Nach einem kurzen Besuch im Pflegeheim ihrer kürzlich versztorbenen Mutter ist sie mit einem Karton unter dem Arm aus diesem gestürmt und sogleich nach Rom abgeflogen. Felicity verschiebt ihre Reise nach Afghanistan und reist ihrer Mutter hinterher. Was sie in Rom erfährt, weckt auch ihr Interesse: Die ganze Vergangenheit, wie sie bislang erzählt worden ist, war auf Lügen aufgebaut. Die Wahrheit geht tief, führt zurück ins Naziregime. Je tiefer die beiden Frauen graben – und sich dabei als Mutter und Tochter näher kommen –, desto brisanter werden die Funde.

Hanni Münzer hat mit Honigtot aus dem Vollen der Schriftstellerkunst geschöpft: Eine emotionale Geschichte, die von ihren lebensnahem Charakteren lebt, Schauplätze, die plastisch werden und damit den durchdachten, spannend aufgezogenen und stimmig ausgeführten Plot lebendig werden lassen. Die historischen Hintergründe sind fundiert recherchiert ohne dabei zum Geschichtsunterricht zu werden. Alles in allem ein wunderbarer Lesegenuss.

Fazit:
Eine emotionale Geschichte, bei der alles stimmt: Plastische Schauplätze, lebensnahe Charaktere, stimmiger Plot und Spannung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Hanni Münzer
Hanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt „DIE SEELENFISCHER“. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin.

Interview mit der Autorin: Nachgefragt

Angaben zum Buch:
MünzerhonigtotTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492307253
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Rezension: Heimo Schwilk – Rilke und die Frauen. Biografie eines Liebenden

Rilke – auf der ständigen Suche nach der Mutter?

Rilke, bekannt für seine wunderbaren und tiefgründigen Gedichte, wurde in seinem Leben und Dichten hauptsächlich von Frauen beeinflusst. Frauen säumen sein Leben, darunter Namen wie Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis und viele mehr. Angefangen hat aber alles mit Sophia Rilke – quasi das ganze Übel nahm da seinen Lauf. Eine zu enge Beziehung sei es gewesen, die den kleinen Rilke und später auch den jungen Mann gefangen hielt, prägte bis in die tiefsten Tiefen.

Der Schlüssel zu Rilkes beziehung zum weiblichen Geschlecht ist sein Verhältnis zur Mutter.

Er hätte sich drum nie ganz auf eine andere Frau einlassen können, hätte wenn, dann eher mütterliche Typen gesucht um die Distanz zur Mutter zu überbrücken, nachdem er von ihr weggegangen war.

Rilke sehnt sich lebenslang nach der innigen Liebe, die er als Kind gegenüber seiner Mutter empfand. […] Der junge Dichter suchte eine Ersatzmutter, die nicht einreisst, sondern aufbauen hilft; der er nicht Lebensmut zusprechen muss, sondern zu der er aufschauen darf, um zu lernen und zu wachsen.

Oder:

Rilke liebte die Frauen wie ein Sohn die eigene Mutter. Deshalb erschrak er, wenn es in der Liebe zum Letzten kommen sollte. Er floh vor dem Feuer der Leidenschaft, das seine Briefe und Gedichte entfacht hatten.

Er hätte Frauen mehr dafür benützt, sie in seine Gedichte zu verstricken, denn in sein Leben. Der problemhafte Umgang mit Frauen führe im Grunde darauf zurück, dass Rilke eigentlich selber lieber ein Mädchen wäre. Dies die These von Heimo Schwilk. Und über allem schwebte immer Rilkes Hässlichkeit, die der Autor der vorliegenden Biographie nicht müde wird, zu betonen. Einige Zeugnisse:

Rilke war kein schöner Mann, erst in seinen späteren Lebensjahren gewannen seine weichen, mit den wulstigen Lippen und dem fliehenden Kinn irgendwie auch karikaturhaften Züge einen Anflug reifer Männlichkeit.

[…] dieser blasse Bursche […]

[…] dieser scheue, zur Hingabe bereite, feminin wirkende junge Mann mit dem ungesunden Teint und den suggestiven Augen […]

Zwar habe er ‚seelenvolle Augen’, aber einen dünnen Hals, schmale Schultern und keinen Hinterkopf (zitiert aus Lou Andreas-Salomés Tagebuch)

Rilke mag von unscheinbarem Äusseren gewesen sein und auch kein Adonis, allerdings entbehrt das Buch jeglicher Notwendigkeit, dies so herauszustreichen.

Das Buch verschafft in der Tat einen Überblick über die wichtigen Frauen in Rilkes Leben (es ist nicht vollständig, aber das ist wohl ein Anspruch, der nicht erfüllt werden wollte). Eine wichtige Quelle für dieses Werk waren die vielen Briefe, die Rilke geschrieben hat und die ein gutes Zeugnis abgeben. Das hebt diese Biografien von vielen der grossen Rilke-Biografien ab, die noch vor Erscheinen der zweibändigen, sorgfältig kommentierten Edition seiner Briefwechsel erschienen sind. Schwilke verweist auch immer wieder auf das Werk des Dichters, stellt Bezüge zwischen seinen Frauengeschichten und diesem her, bleibt dabei aber eher blutleer und vor allem immer lieblos. Insgesamt wirkt alles wie zusammengesucht, in eine Reihe gepackt und hingeschrieben. Der Geist des Werkes und des Dichters springt mich aus diesem Buch nicht an.

Fazit:
Solide Biografie mit dem Fokus auf Rilkes Beziehung zu Frauen. Fundiert recherchiert, zeugt von Sachkenntnis des Autors, wirkt aber trotz einiger interessanter Aspekte etwas uninspiriert und lieblos.

Zum Autor
Heimo Schwilk
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Schwilkrilke_und_die_frauenGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056373
Preis: EUR 22.99 / CHF 31.90

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Rezension: Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte

Werde, wer du bist

Doktor Breuer,
ich muss Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen. Die Zukunft der deutschen Philosophie steht auf dem Spiele. Ich erwarte Sie morgen früh um neun im Café Sorrento.
Lou Salomé

Diese drängende Nachricht erreicht Josef Breuer in seinen Ferien. War er extra mit seiner Frau nach Venedig gereist, um alle dringlichen Angelegenheiten hinter sich zu lassen, empfindet er das Schreiben von Lou Salomé, die er noch dazu nicht kennt, als besonders störend. Trotzdem lässt er sich auf das Treffen ein und ist mehr als angenehm überrascht und angetan von dieser sehr verführerischen, selbstbewussten, gradlinigen Frau. Nur eines geistert durch seinen Kopf:

Während er in Gesellschaft Lou Salomés gemächlich frühstückte, wurde er der Ironie der Situation inne. War es nicht seltsam, wie er, der nach Venedig geflohen war, um das Unheil wiedergutzumachen, welches eine schöne Frau angerichtet hatte, hier nun im Tête-à-tête mit einer noch reizvolleren Frau zusammensass?

Lou Salomés Anliegen betrifft nicht sie selber, sondern Friedrich Nietzsche, der an einer grossen Verzweiflung leidet und um den sie sich sorgt. Josef Breuer soll sich diesem annehmen, darf dem Patienten aber nicht verraten, wer seine Auftraggeberin ist.

Nietzsche kommt eher widerwillig nach Wien, im Glauben, das Klima hier schade seiner Gesundheit. Stattdessen beginnt ein Heilungsprozess – nicht nur für Nietzsche, auch für Breuer. Beide erkennen den Mangel in ihrem Leben: Das Vertrauen in ihre Natur und ihre Lebensumstände. Während Breuer gewahr wird, dass genau das beschauliche Familienleben, das er führt, ihm entspricht, er also nichts bereuen muss, sieht Nietzsche, dass sein Naturell das eines Rastlosen ist, der erforschen will.

Und der Mensch Nietzsche? ‚Verkehren wir nach wie vor ausschliesslich als gemeinsam Forschende miteinander?’ fragte sich Breuer. ‚Immerhin kennt er mich besser – oder weiss zum mindesten mehr von mir – als jeder andere. Bin ich ihm zugetan? Ist er mir zugetan? Sind wir Freunde?’

Und Nietzsche weinte handelt vom Leben und von der Selbsterkenntnis. Es geht darum, wie einer wird, was einer ist und darum, wie Psychotherapie damit umgeht. Yalom lässt Psychiatrie und Philosophie aufeinandertreffen und das Leben diskutieren. Breuer ist beauftragt, Nietzsche zu helfen und lernt dabei viel über sich selber kennen. Neben Nietzsche und Breuer treten noch weitere Namen wie Bertha Pappenheim, Lou Salomé, Paul Ree und Sigmund Freud auf, reden über ihre Gedanken, über ihre Sicht des Lebens und der Welt, über die Liebe, Sexualität, Narzissmus – und vieles mehr.

Zwar haben sich Breuer und Nietzsche nie persönlich getroffen, allerdings ist es durchaus realistisch, dass ihre Gespräche genauso ausgesehen hätten, wie Yalom diese beschreibt. Der Roman zeugt von grosser Belesenheit, akribischer Recherche und umfassendem Verständnis der jeweiligen Theorien, die er in einer klaren und doch der Zeit, in der der Roman spielt, angepassten Sprache und in eine fiktive Geschichte verpackt seinen Lesern präsentiert. Trotz der grossen thematischen Tiefe und der vielen Theorien und Hintergründe bleibt das Buch lesbar, wirkt nicht überladen oder theoretisch trocken.

Fazit:
Philosophie und Psychiatrie, historische Charaktere und die Stimmung Wiens Anfangs des 19. Jahrhunderts – dieser Roman vereint alles und er tut dies auf eine lesbare und literarisch grossartige Weise. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Irvin D. Yalom
Irvin D. Yalom wurde am 13. Juni 1931 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Washington, D. C., geboren. Während die Eltern mit dem Lebensmittelladen und dem ökonomischen Überleben beschäftigt waren, zog sich der Sohn von der verarmten und gewalttätigen Nachbarschaft in die Welt der Bücher zurück. Die Liebe für Geschichten und deren biographische Bedeutung beeinflusste seine Studienwahl: Medizin mit der Fachrichtung Psychiatrie. Sein erstes Fachbuch, „Theorie und Praxis der Gruppentherapie“, enthielt zahlreiche biographische Fallvignetten, die den Band mit 700.000 Exemplaren zu einem Verkaufsschlager weit über Expertenkreise hinaus werden ließen. Yalom hat vier erwachsene Kinder und zahlreiche Enkel.

Angaben zum Buch:
YalomNietzscheTaschenbuch: 448 Seiten
Verlag: btb Verlag (4. Februar 2008)
Übersetzung: Uda Strätling
ISBN-Nr.: 978-3442737284
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Rezension: W. Somerset Maugham – Silbermond und Kupfermünze

Von einem, der auszog, Künstler zu sein

Charles Stricklands Grösse war echt. Mag sein, dass man seine Kunst nicht schätzt, aber man wird ihr auf alle Fälle Interesse entgegenbringen. Er beunruhigt und nimmt gefangen. Die Zeit, da er ein Gegenstand des Gelächters war, ist vorbei.

Charles Strickland, erfolgreicher Börsenmakler in London, lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in London. Von einem Tag auf den anderen bricht er aus diesem Leben aus und hinterlässt seine Familie mit nichts ausser offenen Fragen. Der erste Verdacht, er sei mit einer anderen Frau ausgebrochen, verfliegen bald und die Wahrheit kommt ans Licht: Strickland ging nach Paris, um Künstler zu sein. In einer schäbigen Absteige malt er einsam, Menschen sind ihm eher lästig. Fast jeder, der seine Bilder sieht, erkennt kaum etwas weniger als Talent. Trotzdem hält Strickland daran fest, Künstler sein zu wollen.

Strickland ist ein Egoist, schaut nur für sich, stösst andere Menschen vor den Kopf, nutzt sie aus, lacht über sie. Er sieht die Welt und die Menschen mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen. Trotzdem trifft er immer wieder auf Menschen, die ihm über die Runden helfen, so dass er sich irgendwie durchschlägt.

Seine Fehler gelten als notwendige Ergänzung seiner Verdienste. Es ist noch möglich, über seinen Platz in der Kunst zu streiten, und die Lobhudelei seiner Bewunderer ist vielleicht genauso unbeständig wie die Verachtung seiner Gegner; aber eines steht ausser Zweifel: er besass Genie.

Somerset Maugham erzählt diesen Künstlerroman, der dem Leben Paul Gauguins nachempfunden ist, aus der Sicht eines Schriftstellers, welcher Strickland über dessen Frau kennengelernt hat und seinen Lebensweg immer wieder kreuzt über die Jahre. Im Gegensatz zum wortkargen Strickland verwendet der Erzähler eine Sprache, welche das Leben und die Umstände des eigenwilligen Malers quasi in Worten malt. Er sieht dessen Grausamkeit, sieht dessen Menschenfeindlichkeit, schwankt aber doch zwischen Abneigung und Anziehung.

Mich interessiert in er Kunst am meisten die Persönlichkeit des Künstlers, und wenn diese einzigartig ist, bin ich gewillt, tausend Fehler zu verzeihen..

Silbermond und Kupfermünze ist ein grossartiger Roman über das Leben eines Künstlers. In einer wunderbaren Sprache, die den Inhalt aufnimmt durch ihre malerischen Beschreibung, wird einerseits eine Lebensgeschichte erzählt und andererseits den grossen Fragen des Lebens nachgegangen: Was ist ein gutes Leben? Wie lebt man es richtig? Was fordert das Künstlerleben und was bedeutet Liebe?

Somerset Maugham entführt den Leser in die Zeit um die Jahrhundertwende, lässt ihn teilhaben am Leben eines Künstlers, der zu Lebzeiten verkannt wurde und erst posthum zu Ruhm gekommen ist. Es ist ihm gelungen, ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Maugham entführt den Leser in die Welt eines Künstlers und lässt Zeitgeschichte lebendig werden. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Somerset Maugham
Somerset Maugham, geboren 1874, war früh von der Literatur angezogen. Er studierte zunächst Medizin, übte den Arztberuf aber nicht aus. Nach anfänglichen Misserfolgen gelangte er als Bühnenautor bald zu großem Ruhm. Seine literarische Bekanntheit erreichte er jedoch als Romancier und Geschichtenerzähler. Zeitweise war er als britischer Geheimagent tätig. Er bereiste zahlreiche Länder, vor allem im Fernen Osten, dem Schauplatz vieler seiner Erzählungen, und starb 1965 in Cap Ferrat an der französischen Riviera.

Angaben zum Buch:
Maughamsilbermond_und_kupfermuenzeTaschenbuch:224 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (18. Dezember 2012)
ISBN-Nr.: 978-3257200874
Preis: EUR 10.90 / CHF 15.90

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Rezension: Frank Berzbach: Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen. Anregung zu Achtsamkeit.

Kreativität als ein Leben in Freiheit

Kreativität wird erst zur Lebensform, wenn wir nicht aufhören, darüber nachzudenken, welchen Sinn unsere Arbeit hat, welche Richtung wir einschlagen wollen und wie wir die Welt besser hinterlassen. Die gute Botschaft … besteht darin, dass wir jederzeit die Möglichkeit haben, die Richtung zu ändern.

Frank Berzbach richtet sich mit diesem Buch an Menschen, für die „Kreativität eine grundsätzliche Lebensform ist“. Im Zentrum steht dabei die Frage „Wie wollen wir leben?“. Der Autor hat mit diesem Buch nicht nur einen Ratgeber unter vielen geschrieben, der zeigen soll, wie das Leben besser wäre. Er hat basierend auf Philosophie, Psychologie und Zen Buddhismus Werte und Wege zusammengetragen, wie das Leben so lebbar wird, wie man sich das selber wünscht.

Sie sind zwar nicht immer ihres Glückes Schmied, aber noch weniger sind sie NUR Opfer der Umstände.

Berzbach geht der Frage nach, was Kreativität ausmacht, wo wir uns beim Leben derselben im Weg stehen und wie wir sie in unseren Alltag integrieren. Er zeigt auf, wie wir diesen Alltag kreativ leben können. Wir alle sind immer äusseren Umständen unterworfen, können selten einfach von jetzt auf gleich alles umkrempeln und nur noch das leben, was wir gerade als für unsere eigene Entwicklung nötig und wichtig erachten. Wichtig ist aber, das Leben mit Achtsamkeit zu beschreiten, die Dinge nicht nur zu tun, weil sie grad gefordert sind. Indem wir uns bewusst werden, was wir selber vom Leben erwarten, können wir dem Leben auch die Richtung geben, die wir uns wünschen, die uns entspricht – und müssen uns nicht nur treiben lassen und Zwängen ausgeliefert sehen.

Bei all dem steht eine Balance zwischen Verstand und Gefühl im Zentrum. Gerade ein kreatives Leben ist auf Gefühle angewiesen, nur die rationale Herangehensweise an die Welt führt zu wenig weit. Trotzdem ist es wichtig, den Verstand zu gebrauchen, denn alles andere wäre dumm:

Dummheit ist entweder fremdgesteuert und hält sich an alle Befehle oder sie ist permanent egoistisch und feiert die prinzipielle Verweigerung.

Wenn zum eigenen Denken dann noch die leidenschaftliche Hingabe an eine Tätigkeit kommt, gepaart mit Achtsamkeit für die eigenen Gefühle und Befindlichkeiten sowie die unserer Umwelt, kommen wir einem kreativen Leben schon viel näher.

Die Formel für Kreativität ist einfach. Finde heraus, was dich belastet, und lese es ab, so, wie man einen übervoll bepackten Koffer abstellt, den man viel zu lange getragen hat. Wenn wir frei sind und uns nichts beunruhigen kann (…), dann wird die in uns befindliche Schöpfung, egal was sie im Einzelnen sein mag, herausfliessen, völlig natürlich und einfach.

Fazit:
Ein inspirierendes und motivierendes Buch, das tief abgestützt ein kreatives Leben und Wege, es zu leben, aufzeigt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Frank Berzbach
Frank Berzbach, geboren 1971, hat in Köln und Bonn Pädagogik, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main promoviert. Nach einigen jahren in der Bildungsforschung war er Fahrradkurier für einen schönen Buchladen. Er unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign/Akademie für Gestaltung und an der Fachhochschule Köln.

Angaben zum Buch:
BerzbachBroschiert:192 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (10. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3874398299
Preis: EUR 29.80 / CHF 45.90

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Rezension: Franka Potente – Allmählich wird es Tag

Wenn plötzlich alles anders ist

Jeden Tag war er pünktlich ins Büro gegangen, hatte zwei Stunden länger gearbeitet, abends eine Stunde ferngesehen und Scotch getrunken. Morgens um sechs dann der Wecker.
Vermisst hatte er sie nicht.

Tom Wilkins hat es geschafft im Leben. Guter Job, nette Frau, erfolgreicher Sohn. Eines Tages, er ist 49, ändert von einem Tag auf den anderen alles: Seine Frau zieht ohne Worte aus. Wenig später ist sein Job weg. Die Beziehung zum Sohn war – bei Lichte betrachtet – mehr Smalltalk als Nähe. All das war ihm nie bewusst gewesen, war er doch nur mit sich und seiner Arbeit beschäftigt über die Jahre.

Als er das Kissen aufschüttelte, fand er ein zusammengeknäultes T-Shirt…Liz hatte das T-Shirt zum Schlafen getragen… Er bedeckte sein Gesicht mit dem weichen Stoff und schloss die Augen. Der Geruch von Zuhause. Familie. So hatte es immer gerochen. Erst jetzt wurde ihm das klar.

Wut kommt auf, unbändige Wut. Er trinkt sich von einem Delirium ins nächste, suhlt in Selbstmitleid, gräbt in der Vergangenheit – und findet Dinge, die er verdrängt hatte. Dinge, die ihn schockieren, die ihn noch mehr in die Wut und ins Abseits bringen. Das Leben entgleitet ihm langsam, denn er hat keinen Halt mehr. Er ist konfrontiert mit seinem ganzen Leben, das er über die Jahre ausgeblendet hatte: Die Gewalt seines Vaters, seine eigene, sein Leben als Arschloch – was er selber zugeben muss. Und er ist allein. Er muss also etwas ändern.

Franka Potentes Debütroman packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los. Mit viel Tiefgang und Einfühlungsvermögen erzählt sie die Geschichte von Tim Wilkins, der von einem Moment auf den anderen sein Leben auf den Kopf gestellt sieht. Mit einer klaren Sprache, die der Geschichte und dem Dasein von Tim Wilkins entspricht, zieht sie den Leser in die Geschichte hinein, lässt diese real werden, erfahrbar. Der langsame Absturz in Alkohol und Selbstmitleid wird durchbrochen durch Erinnerungen an ein Leben, das mehr Illusion als Realität war, da es zwar gelebt, aber in der Erinnerung verzehrt und verdrängt worden war – bis nun alles über Tim Wilkins zusammenbricht und ihn zwingt, hinzusehen.

Allmählich wird es Tag ist ein Buch, das zeigt, was passiert, wenn man das Leben an sich vorbeiziehen lässt. Es ist ein Buch über das Vergessen, Verdrängen und Erinnern, ein Buch des Neuanfangs und der Kämpfe, die mit einem solchen einhergehen können. Tim Wilkins Psychologie seines Handelns, Denkens und Fühlens ist dargestellt, ohne sie zu erklären, sondern indem sie aus seinem Verhalten offensichtlich wird. Bei aller Tragik der Geschichte, ist diese       nie pathetisch oder bedrückend, der Erzählerin ist die nötige Distanz gelungen, ohne zu weit aus der Gefühlszone rauszugehen. Grandios!

Fazit:
Eine grandios arrangierte Partitur aus Plot, Figuren, Sprache – die Lebensgeschichte eines Menschen, dessen Dasein von einem Tag auf den anderen ändert. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Franka Potente

Franka Potente wurde 1974 geboren und gehört seit ihrer Titelrolle in Tom Tykwers »Lola rennt« zu den international gefragtesten deutschen Schauspielerinnen. Sie trat unter anderem auf in »Die Bourne Identität« und in der Literaturverfilmung von »Elementarteilchen«. Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über »Underground Art« in Tokio führten sie 2005 nach Japan, wohin sie seitdem immer wieder zurückkehrt. Franka Potente lebt in den USA.

Angaben zum Buch:
PotenteAllmählichGebundene Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN: 978-3492305921
Preis: EUR  9.99/ CHF 14.90

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Rezension: Andrea Camilleri – Romeo und Julia in Vigata

Es ist was los im Dorf

Wir schreiben das Jahr 1899, das neue Jahrtausend steht vor der Tür. Auf der ganzen Welt werden Feiern und Feste geplant, Vigata will da nicht zurückstehen. Ein Maskenball mit Prämierung der besten Maskierung wird geplant, wobei schon Stimmen unken, dass dies gefährlich werden könnte. Dies vor allem, weil die Situation in Vigata nicht ganz einfach ist, stehen doch zwei Familien auf Kriegsfuss und ein Zusammentreffen der beiden verhiesse Böses. Die beiden Familien erklären sich bereit, für diesen einen Abend das Kriegsbeil still zu halten (begraben wäre zu unvorsichtig, da man dem andern nicht trauen kann). Es wird eine Jury einberufen, mit darunter je einer der bekriegenden Familien: Manueli und Mariarosa

Ein Blick auf die liebreizende Mariarosa, das schönste Mädchen überhaupt, genügt, Manueli ist entflammt. Man ahnt es schon, ganz so einfach wird eine solche Liaison nicht, so dass sich Manueli einen Plan ausdenkt: Er lässt die holde Braut entführen, um sie dann in der Ferne zu ehelichen. Der Plan scheint wasserdicht, die Entführung findet statt, allerdings mit etwas ungeplantem Ausgang:

„Kompliment“, sagte Cosimo plötzlich.
„Wofür?“
„Für die Schönheit Eurer Kleinen. Schön wie die Sonne.“
[…]
Auf einem Bett in dem Zimmer lag, an Händen und Füssen gefesselt, ein Taschentuch um den Mund, ein junges Mädchen von zwanzig Jahren und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie war hässlich, zwergenhaft klein, stark behaart und fett wie eine Tonne.
Die Männer hatten sich geirrt, die hatten das Hausmädchen entführt.

Ebenfalls in Vigata kam es zu einem Wettbewerb zweier Eisverkäufer. Nachdem Cecè Caruana über Jahre alleine die Menschen im Sommer mit Eis versorgt hat und das Geschäft gut lief, kam plötzlich Micheli Filippello und trumpfte mit einem grösseren Eiswagen auf. Um das nicht auf sich sitzen zu lassen, kam Cecè auf immer neue Ideen, wie er seinen Eisverkauf ankurbeln und gegen die Konkurrenz behaupten konnte. Micheli zog jedes mal nach und übertrumpfte ihn gar noch. In erbittertem Kampf buhlen die beiden um die Pole-Position, zeigen aber, wenn es hart auf hart kommt, doch viel Menschlichkeit und Fairness. Als Micheli plötzlich stirbt, sieht Cecè nur noch eine Möglichkeit.

Dies sind nur zwei der insgesamt acht wunderbaren Kurzgeschichten, die dieser zweite Band mit Geschichten aus Vigata vereint. Andrea Camillerin erzählt wieder mit viel Humor Geschichten aus der Heimat seines Commissario Montalbano. Es sind Geschichten mit viel Charme, mit skurrilen Figuren, die einerseits Schlitzohr, andererseits Menschen mit Herz sind. Camilleri zeigt sie mit all ihren Facetten, mit ihren Lastern, Freuden, Wünschen und Verschlagenheiten. Er lässt Vigata lebendig werden und den Leser in diese kleine eigene Welt eintauchen. Während des Lesens wird man das Lächeln auf den Lippen kaum los, es kann auch durchaus ein lautes Lachen daraus werden.

Fazit:
Witz, Schalk, Charme und ein liebevoller Blick auf das Leben in einem kleinen italienischen Dorf – das findet man in Romeo und Julia in Vigata. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Andrea Camilleri
Andrea Camilleri wurde am 6. September 1925 in Porto Empedocle, Sizilien geboren. Er ist Drehbuchautor, Theater- und Fernsehregisseur und Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem mit seinem sizilianischen Commissario Montalbano, die Krimis wurden in mehrere Sprachen übersetzte. Camilleri lebt in Rom.

Angaben zum Buch:
CamilleriRomeoGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (2. Februar 2015)
Übersetzung: Annette Kopetzki
ISBN: 978-3312006472
Preis: EUR  19.90/ CHF 27.90

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