Hans-Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung

Nicht nur in Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, das Phänomen lässt sich weltweit beobachten. Während die Reichen mit immer mehr Gier und Eifer ihre Millionen horten, verhungern ganze Völker. Dass genug für alle da wäre, wenn es gerecht verteilt wäre, ist längst bekannt. Die Frage, wieso dies nicht endlich geschieht, steht im Raum. Um zu verstehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte, reicht es nicht, die gegebenen Zustände anzuklagen, sondern es bedarf des Blicks zurück auf die Geschichte dieser Zustände.

Für beides: für die aufklärende Diskussion wie für das praktische Handeln sind möglichst genaue historische Kenntnisse von Nutzen, ja unentbehrlich. Bleibt doch die Geschichte – dies erneut gegen die geläufige Skepsis – das einzige Erinnerungs- und Denkmaterial, aus dem wir lernen können, denn allein Gegenwartskonstellationen und Zukunftsprojektionen reichen dafür nie aus. Historische Kenntnisse belehren über den gewöhnlich langsamen Gang der sozialen Evolution

Dabei wird klar, dass man nicht einfach erkennen kann, dass die Gesellschaft in eine falsche Richtung läuft, um dann eine Kehrtwende zu machen. Systeme bewegen sich langsam, je grösser, desto langsamer.

Blickt man zurück, sieht man, wie die vom Staat auferlegten Regeln über das menschliche Zusammenleben nach und nach durch marktwirtschaftliche Prinzipien unterlaufen wurden, der Markt verdrängte quasi den Staat Schritt für Schritt. Was zuerst als erstrebenswert galt, nämlich die Aufhebung von durch Abstammung definierten Hierarchien, wich bald einer neuen Hierarchie nach Wirtschaftlichkeit.

Sie [die Geschichte, S.M.] belehrt darüber, wie sich mit der modernen Marktwirtschaft auch die Marktgesellschaft Schritt für Schritt durchgesetzt hat, in der die „marktbedingten Klassen“ (Max Weber) die überkommenen ständischen Formationen effektiv verdrängt haben. Denn in dieser Marktgesellschaft entscheiden zusehends Marktprinzipen über die Zuteilung von Lebenschancen und Lebensrisiken.

Neue Ungleichheiten entstehen, sie messen sich an Einkommen, Alter, Bildung und Geschlecht, Chancen variieren nach kultureller Herkunft und Gesundheitsstand, die durch Geburt gegebenen Fähigkeiten multiplizieren die durch andere Kriterien bestimmten Lebenschancen.

Alle Ungleichheiten wird man nie aus der Welt schaffen, eine durch und durch gerechte Gesellschaft herstellen zu wollen, wird eine Utopie bleiben. Wichtig ist es, machbare und fruchtbare Lösungswege hin zu einer Verbesserung aufzuzeigen und anzugehen.

Als realistische Politik kann daher nur die Abmilderung einer allzu krass ausgeprägten Hierarchie gelten.

Hans-Ulrich Wehler liefert mit seinem Buch Die neue Umverteilung eine verständliche und trotz knapp bemessenem Umfang fundierte Darstellung wichtiger soziologischer und ökonomischer Theorien. Er zeigt auf, wie im Lauf der Geschichte soziale Ungleichheiten die Schere zwischen Reich und Arm auseinander klaffen liess. Er zeigt zudem auf, wie politische Macht mit der wirtschaftlichen Kraft einhergeht und deutet auf die Gefahr dieses Zusammenspiels hin.

Wehler zeigt auf, wie auch in Zukunft die sowieso schon Privilegierten immer noch mehr Privilegien geniessen, wie sich Working Poors mehr schlecht als recht durchs Leben kämpfen und wie die Mittelschicht einen aussichtslosen Kampf austrägt. Die Sachlichkeit von Wehlers Darstellung lässt seine Schlüsse glaubhaft klingen und die Lage bedrohlich erscheinen. Seine aufgezeigten Anstösse hin zu einer Umkehr lassen die Hoffnung weiterleben.

Fazit:
Eine fundierte, sachliche Diagnose der heutigen Zeit und der Lage der (deutschen) Nation sowie der allgemeinen Wirtschaftslage. Ich kann dieses Buch jedem ans Herz legen, der etwas über die heutige Lage erfahren und neue Wege erkennen möchte.

 

Zum Autor:

Hans-Ulrich Wehler
Hans-Ulrich Wehler wurde 1931 geboren, besuchte nach dem Gymnasium Geschichte, Soziologie und Ökonomie. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Für sein Schaffen erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen. Von ihm erschienen sind auch Eine lebhafte Kampfsituation (2006), Notizen zur deutschen Geschichte (2007), Land ohne Unterschichten (2010), Nationalismus (2011)

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Verlag C.H.Beck (2013)
Preis: EUR 14.95 / CHF 21.90

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Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

Heute vor 229 Jahren, am 10. März 1788 kam Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff als zweiter Sohn eines preussischen Offiziers, Adolf Theodor Rudolf von Eichendorff, und dessen Frau Karoline auf Schloss Lubowitz in Oberschlesien zur Welt. Er liebte Abenteuer- und Ritterromane sowie antike Sagen und versuchte sich schon als Kind selber im Schreiben. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Breslau studierte Eichendorff in Halle Jura und Geisteswissenschaften. Er reiste viel, liebte das Theater und war überhaupt Kunst und Kultur sehr angetan.

Nach Abschluss seines Jura-Studiums 1812 nahm Eichendorff von 1813 bis 1815 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Kurz nach seiner Rückkehr nach Breslau heiratete er, es folgten 4 Kinder, von denen das letzte kurz nach der Geburt starb. 1818 starb auch Eichendorffs Vater, nach dessen Tod viele der hoch verschuldeten Ländereien und Güter verkauft wurden. Ein Verlust, der an Joseph von Eichendorff zehrte, von dem er sich kaum mehr erholte.

Ab 1816 arbeitete Eichendorff im Staatsdienst und arbeitete sich zum Geheimen Regierungsrat hoch. Nach einer schweren Lungenentzündung 1943 quittierte er seinen Dienst 1944 und trat frühzeitig in Ruhestand. Er schrieb hauptsächlich Romane und Erzählungen, in welche er den grossen Teil seines lyrischen Werkes einbaute. 1857 auf, selber zu schreiben, um publizistisch zu betätigen. Er starb im selben Jahr am 26. November in Neisse.

Zum literarischen Schaffen:
Zahlreiche Gedichte Eichendorffs wurden vertont, allen gemein ist die idyllische Darstellung der Natur, die bildliche Sprache:

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Entstanden  um 1835, das erste Mal veröffentlicht 1837 zählt das Gedicht zur Spätromantik und gehört in die Gattung der Naturlyrik. Es wurde 1840 von Robert Schumann vertont und zum Mittelpunkt seines Liederkreises gewählt.

Wenn der Himmel die Erde küsst, kann das als Segnung Gottes verstanden werden. Diese träumt von der Erhebung hin zu ihm. Es breitet sich eine Idylle auf der Erde auf, die sich in wogenden Ähren und rauschenden Wäldern ausdrückt. In der sternenklaren Nacht kann sich die Seele des Menschen erheben, durchs stille Land gleiten, in Frieden,  und frei aller Sorgen. Es ist ein Gefühl von Heimkommen in die Geborgenheit.

Heimweh, Erinnerung und Sehnsucht sind zentrale Elemente i Eichendorffs Lyrik. Sicherlich drückt da der nachwirkende Verlust der elterlichen Güter durch.

Eichendorffs bekanntestes Werk war sicher Aus dem Leben eines Taugenichts. Die 1826 erschienene Novelle wiederspiegelt ganz deutlich das Lebensgefühl der Spätromantik. Es handelt von jungen Sohn eines Müllers, welcher (nicht ganz freiwillig, sagt doch der Vater:

Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich nicht länger füttern.)

in die weite Welt hinaus geht, um sein Glück zu finden. Zufälle und Abenteuer säumen seinen Weg, er wird Gärtner auf einem Schloss, verliebt sich in Aurelie, welche unerreichbar scheint, und wandert weiter. In Italien sieht er sich inmitten farbenprächtigen Lebens und einiger Liebschaften, bis ihn die Sehnsucht nach der Heimat und nach Aurelia die Zelte abbrechen lässt und er zum Schloss zurückfährt. Es folgt die Aufklärung eines Missverständnisses, Heirat und das märchenhafte Happy End. Die Novelle gleicht einem naiven Märchen, in eben dem Ton ist sie auch geschrieben.

Werke

  • Ahnung und Gegenwart, Roman (1810-12 geschrieben, erschienen 1815)
  • Das Marmorbild,  Novelle (1818)
  • Die Freier, Lustspiel in drei Aufzügen (Vorstufen entstanden 1816-1820, fertiggestellt und erschienen 1833)
  • Krieg den Philistern, dramatisches Märchen in fünf Abenteuern (1824)
  • Aus dem Leben eines Taugenichts, Erzählung (1817 begonnen, abgeschlossen 1822/23, erschienen 1826)
  • Auch ich war in Arkadien, Politische Satire in Form eines Reiseberichts (1832 entstanden, 1866 posthum erschienen)
  • Dichter und ihre Gesellen, Novelle (erschienen 1834)
  • Das Schloss Dürande, Novelle (1837)
  • Die Glücksritter, Novelle (1841)
  • u.a.

Valeria Luiselli: Die Schwerelosen

Eine junge Frau, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Haus in Mexico City lebt, schreibt über ihr Leben in einer anderen Zeit, als sie noch in New York lebte. Sie schreibt über ihre Liebschaften und andere schräge Gestalt, über ihr Leben zwischen Wahrheit und Lüge, weit ab von Konventionen.

In jener Phase war mir zum Lügen zumute. Ich log immer öfter, sogar in Situationen, die es nun wirklich nicht erforderten. Ich vermute, das ist die Logik der Lüge: Eines Tages legst du den ersten Stein, und am nächsten musst du zwei legen.

Es ist ein Leben, das sie selber in die Hand nimmt, das ihr aber trotzdem ab und an zu entgleiten droht.

Es gibt zwei Typen von Menschen: diejenigen, die einfach leben, und diejenigen, die ihr Leben designen.

Es ist ein Leben voller Gespenster und Besessenheiten, die ab und an zur Last werden, aber doch so viel Lust beinhalten, dass sie das Leben weiter lebt. Vielleicht auch, weil sie nicht anders kann.

Zwischen den Schreibphasen lebt sie ihr Leben heute in Mexico City, mit ihrem Mann, mit ihren Kindern. Sie sitzt eingesperrt in einem Haus, welches kein Zuhause bietet. Das einzig Lebendige scheinen die Fragen und Worterfindungen ihres Sohnes zu sein. Während ihres Schreibens wächst das Misstrauen in der jetzigen Welt, Fiktion nimmt immer mehr Raum ein in der Wirklichkeit, bis niemand – vermutlich nicht mal sie selber – mehr weiss, wo die Grenze liegt.

Zunächst das gegenseitige Belauern. Den anderen verfolgen und sich verfolgen lassen, bis keiner von beiden mehr ein Quäntchen Luft zum Atmen hat. Einen unendlichen Hass auf den anderen entwickeln. Nicht so sehr Überdruss […]. Nicht so sehr Verachtung […]. Vielmehr Hass

Die Schwerelosen ist ein Buch voller Brüche. Die Brüche sind innerhalb der Personen, zwischen den Personen, zwischen den Zeiten und im Erzählstrang. Es sind Brüche, die es schwer machen, sich zurechtzufinden. Man hangelt sich von Häppchen zu Häppchen, sammelt Informationen, um sie wieder zu verwerfen, versucht, sich zurechtzufinden und verliert sich wieder.

Valeria Luiselli schreibt in einer klaren Sprache, spinnt phantastische Geschichten, in denen man sich ständig fragt, was wahr und was falsch ist, in denen man sich mitten im Ernsten einem Witz gegenüber sieht. Wenn das Buch eines nicht ist, dann ist das langweilig, trotzdem fällt es nicht immer leicht, dran zu bleiben.

Fazit:
Literarisch, wild, poetisch, chaotisch, orientierungslos, mit Witz, Charme, ohne roten Faden. Verwirrend – es ist schwer, ein wirkliches Fazit zu ziehen, selber lesen und entscheiden kann ich dazu nur sagen.

Zur Autorin
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York.

LuiselliSchwerelosAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 190 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

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Max Bronski – Nachgefragt

bronski-maxMax Bronski – wer auch immer er sei – stellte sich meinen Fragen. Max Bronskis Biographie könnte man auch mit „Geheimnis um…“ umschreiben. Niemand weiss, wer er ist, der Name ist ein Pseudonym. Auf Spekulationen verzichtend belassen wir es bei den (so überlieferten) bekannten Tatsachen: Max Bronski wurde 1964 in München geboren, studierte ebenda Theologie und Musikwissenschaften, allerdings nicht bis zum bitteren Ende. Er interessiert sich ausserdem für Physik, was sich in seinem neusten Thriller Der Tod bin ich niederschlägt. Von ihm erschienen sind ausserdem Sister Sox (2009),  Münchner Blues (2010), Schampanninger (2010) und Der Tod bin ich (2013).

1. Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Was inspiriert Sie?

Zunächst einmal hat man ja einen Fundus an Erlebtem und Erfahrenem. Aus dem kommt aber normalerweise außer Pubertätsromanen und Tagebüchern nichts Bemerkenswertes heraus, es sei denn, man liest viel, eignet sich so die Gedanken anderer an und schafft es, den wirren Haufen mit zündenden Idee zu ordnen.

2. Wann und wo schreiben Sie?

In intensiven Schreibphasen frühmorgens ab halbsechs und immer in meinem Arbeitszimmer, weil dort alles, was ich für meinen Stoff brauche, verfügbar ist.

3. Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie loslegen?

Geht gar nicht! Wenn ich nicht weiß, wo ich hin will, komme ich nirgendwo an. Zwei Möglichkeiten: Ich habe eine bestimmte Atmosphäre, ein paar markante Figuren und eine Ausgangssituation, die Rätsel aufgibt. So sind meine München-Krimis entstanden. Bei „Der Tod bin ich“ hatte ich es mit eine Fülle komplexer Themen, Kalter Krieg, die Politik in den fünfziger und sechziger Jahren, Quantenphysik u.ä. zu tun. Das muss sorgfältig recherchiert und ausgearbeitet werden.

4. Was steckt von Ihnen in ihrem Roman?

Mein Leben, vor allem aber mein Kopf!

5. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schalten Sie ab?

Schriftstellerei ist kein Beruf, sondern eine Lebenshaltung. Die kriegen sie nie weg, noch nicht mal in der Badehose.

6. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Das ergäbe eine lange, sehr heterogene Liste. Aber Bücher mit tiefsinnigem Witz und Selbstironie schätze ich immer.

7. Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

ICH BRAUCHE VIER!

Ich möchte mich herzlich  bei Max Bronski bedanken für diesen Einblick in sein Schreiben!

Max Bronski: Der Tod bin ich

Der Sterbende schlug die Augen auf und begegnete noch einmal dem Blick seines Mörders. Dann glitt sein Kopf zur Seite und die zunehmend undeutlicher werdende Wahrnehmung verlor sich in der feinkörnigen, hellen Fläche seines Gartens wie in einer weit gestreckten Wüste.

Auf einem Hollandrad, mit Hut und Pfeife radelt der Mörder übers Land, um eine Tat zu verrichten, die ihre Ursachen in der tiefen Vergangenheit hat: Er bringt den mittlerweile pensionierten Gutsverwalter Eulmann um. Derselbe Täter fährt aufs Land und tötet auch noch eine Bauersfrau. Die einzige Verbindung zwischen den zwei Personen ist ein junger Mann, Tino Senoner, einerseits Nachfolger von Eulmann, andererseits Neffe der Bauersfrau.

Dass ein Zusammenhang zwischen den Toten besteht, welcher es ist, sieht Tino erst, als die Hinterlassenschaft Eulmanns in Händen hält und dadurch ins Jahr 1957/58 zurück versetzt wird. Eine wilde Geschichte rund um den kalten Krieg und einen jungen naiven Kernphysiker im Kreuzfeuer von Agenten verschiedener Lager und deren Druckmittel eröffnet sich und nimmt ihren Lauf.

Die anfängliche Orientierungslosigkeit Tinos schlägt auf den Leser über. Er hat am Anfang mit wirrem Hin und Her, wechselnder Erzählform (Ich-Erzähler und auktorialer Erzähler wechseln ab) und einem fehlenden Zusammenhang zu kämpfen. Nach und nach lüftet sich der verhüllende Schleier und man wird von der sichtbar werdenden Geschichte gepackt und mitgerissen, so dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legen möchte, um zu erfahren, wie es endet.

Bronskis Geschichte hat verschiedene Ebenen und Thematiken. Sie handelt von einem Physiker, welcher seine Formeln in Musik umwandelt und die daraus entstehende Musik trifft auf die Struktur des Romans zu:

Musikalisch bildeten Petris Entwürfe ein aus den Fugen geratenes System ab, das sich selbst parodierte. Schräg und leicht dissonant, aber immer unterlegt mit einer klaren Struktur.

Hier tut sich quasi eine Metaebene im Roman auf, indem dieser als Musikstück paraphrasiert wird. Der Roman wirkt oft wie eine Parodie, ist aber trotzdem auch mit Ernst versetzt. Er ist fundiert geschrieben, hat alles, was ein Agententhriller haben muss. Es ist eine moderne Fassung der Faust-Thematik, indem ein Wissenschaftler seine Seele dem Teufel (hier sind es mehrere sich gegenseitig bekämpfende Teufel) verkauft und diesen Pakt schlussendlich mit dem Tod bezahlt.

Fazit:
Eine Geschichte voller Intrigen, Zahlen, Musik, Agenten, Mord und Verfolgung. Chaotisch anfangend kommt immer mehr Ordnung in die Geschichte, bis sie schlussendlich aufgeht. Fast wie Mathematik. Eine gelungene Komposition.

Zum Autor
Max Bronski
Max Bronskis Biographie könnte man auch mit „Geheimnis um…“ umschreiben. Niemand weiss, wer er ist, der Name ist ein Pseudonym. Auf Spekulationen verzichtend belassen wir es bei den (so überlieferten) bekannten Tatsachen: Max Bronski wurde 1964 in München geboren, studierte ebenda Theologie und Musikwissenschaften, allerdings nicht bis zum bitteren Ende. Er interessiert sich ausserdem für Physik, was sich in seinem neusten Thriller Der Tod bin ich niederschlägt. Von ihm erschienen sind ausserdem Sister Sox (2009), Münchner Blues (2010) und Schampanninger (2010).

BronskiTodAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 397 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (15. Januar 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

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Björn Bicker – Nachgefragt

bicker-bjoernBjörn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Von ihm erschienen sind ILLEGAL (2009) und Was wir erben (2013).

Björn Bicker hat mir einige Fragen zu seinem Schreiben beantwortet. Dies auf eine sehr kurze und knappe, dabei aber humorvolle Weise. Ich möchte mich dafür bedanken!

1. Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Was inspiriert Sie?

Ich habe Augen und Ohren. Und eine Geschichte. Und Menschen um mich rum.

2. Wann und wo schreiben Sie?

Morgens. An meinem Arbeitsplatz, in meinem Büro.

3. Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie loslegen?

Alles gleichzeitig.

4. Was steckt von Ihnen in ihrem Roman?

???

5. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schalten Sie ab?

Ahoi! Immer im Dienst.

6. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muss eine Stimme haben, eine unverwechselbare Stimme. Zum Rest der Frage: Verrate ich nicht.

7. Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Das geht gar nicht. Ups, das waren ja vier Worte.

Ein visueller Eindruck vom Autoren und ein Einblick in sein jüngstes Buch Was wir erben:

Björn Bicker: Was wir erben

Auf dem Foto sieht man den Vater als sechsundreissigjährigen Mann an der Seite einer blonden Frau, die ein buntes, eng geschnittenes Sommerkleid trägt. Sie legt ihren Arm um seine Hüfte, er schaut seitlich zu Boden. Sie posiert. […] Der Körperhaltung nach passt ihm die Situation nicht, aber das kann täuschen.

Elisabeth lebt ein Leben, das sich im Alltag erprobt hat. Sie ist Schauspielerin an einem renommierten Theater und lebt mit Holger, einem Arzt zusammen. Die Ruhe und Beschaulichkeit wird mit einem Telefonanruf jäh durchbrochen. Ihr Bruder, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste, bittet um ein Treffen.

Du lächelst verlegen. Du versuchst, Deine Hände vor mir zu verbergen. Ich höre meine Stimme: Eine Affäre. Weiter nichts. Das sieht ihm ähnlich. Deine Augen werden feucht.
Ehrlich gesagt, das Foto spricht eine andere Sprache. Das sieht nach Doppelleben aus, nach Liebe, nach grossem Kino.

Elisabeth bittet um Zeit, weiss nicht, was mit all dem anfangen. Sie hat ihre Vergangenheit und vor allem ihren Vater aus ihrem Leben verdrängt. Nun bricht alles auf, Bild für Bild kehrt es zurück und Elisabeth merkt, dass sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss. Zuerst noch denkend, dass sie das nur für ihren Bruder macht, um diesem ein Bild seines Vaters aufschreiben zu können, macht sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Es ist eine Reise zurück zu den Plätzen seiner wie auch ihrer Vergangenheit. Erinnerungen tauchen auf an seinen Alkoholkonsum, ihre Angst vor ihm, seine Wut und ihre Flucht.

Je mehr Elisabeth über ihren Vater erfährt, desto weiter entfernt sie sich von ihrem gewohnten Leben, vom Mann an ihrer Seite. Sie verstrickt sich immer tiefer in ihre eigene Herkunft und will von allem, was bis vor kurzem noch Alltag war, weg, hinein in eine neue Zukunft, die ihr echter und wahrer erscheint als alles, was bislang ihr Leben ausmachte.

Gesucht hat sie ihren Vater, gefunden hat sie sich selber. Björn Biker erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die aus der sorgsam aufgebauten Welt in ihre eigenen Abgründe taucht und dabei viel über sich selber herausfindet, sich erst selber kennen lernt. Der schonungslose Blick eröffnet ihr eine neue Sicht auf ihr eigenes Leben und sie realisiert am Schluss, was wirklich zählt im Leben.

Der Roman ist ein Buch über Wahrheit, Heimat, Liebe und Hass, es ist ein Buch über das Vergessen und das Erinnern, über Sucht und Verdrängen, ein Buch darüber, dass man die eigene Vergangenheit immer in sich trägt und doch jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben selber zu gestalten, indem man es in die Hand nimmt. Es ist ein Buch über das Erwachsenwerden.

Was wir erben besticht durch einen klaren Realismus, in welchem doch nie ganz klar ist, was Spiel, was wirkliches Leben ist und war. Es erzählt Geschichten des Lebens und erfundene, zeigt die Menschen im Leben und im Spiel desselben. Björn Biker schreibt in einer schnörkellosen und direkten Sprache. Er verzichtet auf Sentimentalität und Pathos, sondern erzählt, was ist oder zu sein scheint. Er legt die Gedanken seiner Figuren offen, stellt sie dar in ihrem Schein und Sein, ohne sie blosszustellen. Er zeigt die menschlichen Schwäche und was sie anrichten können, wenn es die von Eltern sind, ohne dabei zu sehr auf Opfer-Täter-Konstruktionen zu verfallen.

Fazit:
Eine Reise durch die Vergangenheit, um ganz in der Gegenwart anzukommen. Eine Geschichte, die etwas von jedem in sich trägt, ohne psychologisierend den Spiegel vorzuhalten. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Björn Bicker
Björn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Auch von ihm erschienen ist ILLEGAL (2009).

BickerErbenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90

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Bethan Roberts – Das Interview

Photograph by Charlie Hopkinson
Photograph by Charlie Hopkinson

 Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind u.a. Stille Wasser (2008), Köchin für einen Sommer (2009), Der Liebhaber meines Mannes (2013).

Woher hast du die Ideen für deine Bücher? Was inspiriert dich?

Eine Idee kann von überall kommen. Alles ist interessant, wenn man nur genau hinschaut. Wenn man Schriftsteller ist, muss man immer neugierig sein. Ich liebe Klatsch und Tratsch, interessiere mich für das Leben anderer Leute und schreibe schliesslich auch darüber.

Wann und wo schreibst du?

Ich schreibe teilweise zu Hause (ich habe einen kleinen Raum in meinem Haus, welchen ich als „Studierstube“ nutze) und teilweise in Cafés. Ich schreibe von Hand in ein Notizbuch, welches ich immer dabei habe. Mein 3jähriger Sohn ist an vier Nachmittagen die Woche  im Kindergarten, diese Zeit nutze ich zum Schreiben. Manchmal ist es dann gut, aus dem Haus zu gehen und die Gespräche anderer Menschen zu belauschen, während ich auf meinem Notizblock herumkritzle.

Schreibst du frisch drauf los oder recherchierst du erst, planst, machst Notizen, bevor du zu schreiben beginnst?

Das variiert. Kurzgeschichten schreibe ich manchmal einfach so, ohne vorherige Nachforschungen oder Notizen. Meistens schaffe ich auf diese Weise aber nur ¾ der Geschichte und weiss dann nicht mehr, wie weiter. Dann beginnt ein langer Prozess des Umschreibens und ich muss herausfinden, worum es in der Geschichte überhaupt geht, um zu wissen, wie sie enden soll.

Wenn ich einen Roman schreibe, geht dem meist eine lange Phase der Recherche voraus (bei Der Liebhaber meines Mannes war es etwa ein Jahr). Darauf folgt das Schreiben, danach das Umschreiben und am Schluss die Textredaktion. Den grössten Anteil beim Schreiben hat das Umschreiben. Zum Glück ist das auch der Teil, den ich am meisten liebe.

Steckt etwas von dir in deinem Roman? Wenn ja, was ist es?

Oh ja, zweifelsohne. Wenn ich wüsste was es ist und wieso dem so ist, bräuchte ich keine Therapie.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schaltest du ab?

Wenn ich mit meinem Sohn zusammen bin, habe ich Pause vom Schreiben, denn ich finde es sehr anstrengend, an einen Roman zu denken und mich gleichzeitig auf einen Dreijährigen zu konzentrieren. Was Urlaub betrifft, so würde ich gerne eine Lesereise machen, irgendwohin, wo es warm und schön ist. 5 Tage lang nur ich und ein paar Bücher. Im Moment ist das reine Phantasie.

Welche Art Bücher magst du? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell liebst?

Es ist schwer zu sagen, welche Art Bücher ich mag. Ich liebe Romane, die schöne Sätze haben und faszinierende Charaktere. Bücher, die mich immer wieder überraschen und in denen sich trotzdem Details aus dem normalen Leben finden. Ich mag gute Familiensagas und auch Bücher, die mich zum Weinen Lachen bringen. Das hilft nicht wirklich weiter, nicht wahr? Wenn ich ein paar wirkliche Lieblinge nennen müsste, dann wären das A Room With A View (E.M.Forster: Zimmer mit Aussicht), The Prime of Miss Jean Brodie (Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie), The Sportswriter (Richard Ford: Der Sportreporter), The Corrections (Jonathan Franzen: Die Korrekturen), The Hours (Michael Cunningham: Die Stunden), My Father and Myself (J.R.Ackerley), The Great Gatsby (F.Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby), The Go-Between (L.P. Hartley) und die Kurzgeschichten von Claire Keegan. Des Weiteren mag ich auch Posy Simmonds Comic Romane.

Wenn du dich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Klein,wählerisch, stur

Bethan, herzlichen Dank für dieses Interview.

Hellmut Flashar: Aristoteles. Lehrer des Abendlandes

Ohne Freunde möchte niemand leben, auch wenn er die übrigen Güter alle zusammen besässe: gerade auch den reichen Leuten und denen, die Amt und Herrschaft haben, tun Freunde bekanntlich ganz besonders not. Denn wozu ist solcher Wohlstand nütze, wenn die Möglichkeit des Wohltuns genommen ist, das doch vor allem und in seiner preiswürdigsten Form dem Freunde gegenüber sich entfaltet?

Diese Worte, die aktuell klingen und in die heutige Zeit passen, stammen von einem Philosophen, der vor über 2000 Jahren lebte. Aristoteles prägte mit seinem Denken die geistige Entwicklung des Abendlandes nachhaltig. Sein Name ist bis heute bekannt, seine Philosophie wird noch immer zitiert und hat in vielen Bereichen noch immer Geltung, ist noch aktuell in ihren Inhalten.

Über Aristoteles ist viel geschrieben worden, Bücher über diesen griechischen Philosophen füllen ganze Regale. Das vorliegende von Hellmut Flashar ist nicht einfach eines mehr, sondern es sticht heraus durch seine umfassende und verständliche Darstellung des Lebens wie des Werkes von Aristoteles. Aus verschiedenen Quellen rekonstruiert Flashar Aristoteles’ Biographie, legt dabei auch die Tücken der Quellen offen. Er beleuchtet nicht nur die Familie des Philosophen, sondern zeichnet auch ein Bild der Stadt, der politischen Umstände zu seiner Zeit sowie der Einflüsse, die sein Denken prägten.

Leider ging ein Teil von Aristoteles Werk verloren. Die noch erhaltenen Werke setzen sich aus Lehrschriften zusammen, welche aus dem Unterricht Aristoteles’ hervorgegangen sind. Flashar widmet den einzelnen Gebieten des umfassenden Werks von Aristoteles je ein Kapitel und behandelt so in verständlicher Art und doch fundiert sämtliche Themen mit einer Einleitung, der Zusammenfassung und Darlegung der wichtigsten Punkte sowie Hintergründe und Ausblicke.

Den Abschluss dieses umfassenden Werkes bildet ein Kapitel über die Rezeption Aristoteles’ in der griechischen, arabischen, lateinischen Tradition sowie in der Neuzeit. Flashar beweist in diesem Buch sein grosses Wissen über diesen herausragenden Philosophen sowie seine Fähigkeit, den nicht immer einfachen Stoff verständlich und lesbar zu vermitteln.

Fazit
Informativ, fundiert, umfassend – ein grosser Philosoph und sein Werk werden hier mit viel Liebe und Wissen porträtiert. Sehr empfehlenswert.

Hellmut Flashar
Hellmut Flashar wuchs in Berlin auf, studierte Klassische Philologie und Philosophie in Berlin und Tübingen und promovierte mit einer Dissertation über Platons Dialog Ion. Nach seiner Habilitierung hatte er zuerst eine Professur in Bochum inne, wechselte 1982 an die LMU München, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb, daneben an anderen Unis lehrte
Flashar gilt als Spezialist vor allem für griechische Philosophie. Er ist Herausgeber der deutschen Aristoteles-Gesamtausgabe und arbeitete bei verschiedenen Fachjournalen. Weitere Werke sind u.a. Inszenierung der Antike. Das griechische Drama auf der Bühne. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart (2009), Sophokles. Dichter im demokratischen Athen (2010).

FlasharAristotAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2013
Preis: EUR: 26.95 ; CHF 36.90

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Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstrasse

Man hörte das Knacken einer Sprechanlage, wurde von einer Stimme auf den dritten Stock im Vorderhaus verwiesen, in eine Wohnung, die Denninghoff nur allzu gut kannte. Dort hatte er die letzten Jahre mit seiner Frau verbracht, und wie oft hatte er gewünscht, sich in den Räumen, die ihm vertraut waren, nochmals umzusehen.

Nach dem Tod seiner Frau zieht Denninghoff aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er erträgt die Umgebung, in der sein gewohnter Alltag, der ein glücklicher gewesen ist, mit einem Schlag beendet war, nicht mehr. Schon kurze Zeit drauf bereut er diesen Schritt, hängt seine ganzen Gedanken an ein Poster, das in dieser Wohnung gehangen hat und das er wieder haben will. Er sieht es vor sich, bricht in die Wohnung ein, im Glauben, es müsse noch da hangen. Doch genauso wenig wie er das Bild wieder findet, lässt sich das alte Leben zurückholen.

Diese und vier andere Erzählungen finden sich in Hartmut Langes Novellenband. Hartmut Lange lässt seine Geschichten durch detaillierte Umgebungsbeschreibungen realistisch wirken, man sieht sich dem normalen Leben inmitten einer plastischen Umwelt, sei es Stadt, sei es Natur, gegenüber. Es sind Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen, die ein normales, von Gewohnheiten geprägtes Leben führen und damit glücklich sind.

Es sind Geschichten vom kleinen Glück des Alltags, welches plötzlich getrübt wird. Sei es der Tod der geliebten Frau, die Aussage einer Frau über den eigenen Mann oder das Spiel einer toten Cellistin, alles bewirkt eine plötzliche Abkehr der Gedanken vom guten Alltag. Plötzlich ist nicht mehr das gewohnte Leben im Zentrum, sondern eine Besessenheit nimmt überhand und wird zum grossen vereinnahmenden Loch. Wie soll man damit umgehen?

„Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern“ Und: „Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern“

Hartmut Lange beschreibt die menschliche Fähigkeit, den eigenen Gedanken mehr Realität zu geben als dem gewohnten Alltag. Was ist Wirklichkeit, was Lebenslüge? War die bisherige Gewohnheit nur Wegschauen und nun ist man aufgewacht? Sind die neuen Gedanken eigene Sehnsüchte, Ängste, welche irrational sind? Das blosse Denken einer Möglichkeit wird zur Obsession, der kaum entkommen werden kann. Entweder man findet einen Weg, mit dem Zerstörerischen umzugehen oder es zieht einen in den Abgrund.

Fazit:
Geschichten aus dem Leben, menschlich, realistisch und doch phantastisch. Empfehlenswert.

Der Autor: Hartmut Lange
Hartmut Lange wurde 1937 in Berlin-Spandau geboren, wurde mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren nach Polen umgesiedelt und kehre 1946 mit seiner Mutter nach Berlin zurück. Er studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie und erhielt 1960 eine Anstellung am Deutschen Theater in Ostberlin. 1965 verliess er die DDR und reiste über Jugoslawien nach Westberlin, arbeitete da für verschiedene Theater. Er schreibt hauptsächlich Erzählungen und Prosa, Werke von ihm sind u. a. Tagebuch eines Melancholikers, Vom Werden der Vernunft, Eine andere Form des Glücks, Der Wanderer. Hartmut Lange lebt mit seiner Frau in Berlin und bei Perugia in Umbrien.

LangeDoroAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2013)
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90

Sex und der Postbote

Ab und an klingelt es hier und der Postbote hat wieder eine Paket-Ladung für mich. Das ab und an ist wohl eher ein „sehr oft“, denn der Postbote erkennt mich schon von Weitem auf der Strasse und grüsst mich mit Namen (mein Sohn fragte mich schon: Wieso kennt der dich?). Wir wohnen erst ein halbes Jahr hier. Da es kein Dorf, sondern Grossstadt ist und ich mir überhaupt keine Namen merken kann, gehe ich davon aus, dass es an der Paketflut liegen muss. So weit, so gut.

Heute hat er nicht geklingelt. Nicht einmal ein Mal. Trotzdem war der Briefkasten voll. Ich freute mich. Bücherpakete. Eines mit gelbem Kleber – von der Post wegen Überprüfung von was auch immer geöffnet und schön gelb wieder zugeklebt. Kein Thema, dachte ich so naiv. Ich packte die drei Pakete, ging in meine Wohnung, begann mit Auspacken. Ein Roman war schöner als der andere. Die Vorfreude aufs Lesen stieg förmlich an. Dann kam der Karton mit den gelben Klebern dran. Ich schnitt sie auf, schüttelte mühsam das Buch heraus, in freudiger Erwartung.

Raus kam: Sex total. Lebe deine Fantasien! Ein Rezensionsexemplar, von dem ich nicht wusste, es je angefordert zu haben. Ich blickte auf das Buch und in meinem Kopf startete der ganze Fragenkatalog: Wieso hatte die Post ausgerechnet dieses Paket geöffnet? Hätte es nicht das mit einem harmlos witzigen Roman sein können? Was denken die nun von mir? Und vor allem: was mache ich nun damit? Ich kann doch UNMÖGLICH ein solches Buch in meinem Blog rezensieren? Was denken all die Leser? In welche Schublade gerate ich da?

Ich wage einen Blick ins Buch. Die Bilder sind eigentlich meist ansprechend, negativ fällt mir nur auf, dass man die Frau in allen Posen und von allen Seiten mit (fast) allen Details nackt sieht, der Mann doch eher bedeckt bleibt. Nicht dass ich ihn selber hätte sehen wollen, aber ganz fair und richtig finde ich das nicht. Entweder alle oder keiner.

Auf der Umschlag-Innenseite finden sich die „Zehn Gebote für einfallsreiche Paare“. Nun wären einfallsreiche Paare wohl gar nicht darauf angewiesen, solche Gebote zu haben, geschweige denn, ein Buch zu konsultieren, insofern wären es wohl eher Gebote für einfallslose Paare.Da sich niemand so nennen lassen will, hat der Titel wohl Programm. Die Gebote selber sind durchaus gut, besagen, dass man sich selber annehmen und zu sich stehen, sich dem anderen mitteilen und ehrlich bleiben soll. Ob die Anlehnung an die Bibel (10 Gebote) sinnvoll ist, bleibe dahingestellt. Jeder wie er mag.

Das Buch glänzt mit Superlativen wie „den besten Stellungen“, „Sex für Experten“ und „Unwiderstehlicher Cunnilingus“ (ich lerne heute viel – was man als Philosophin und Literaturwissenschaftlerin an Lernpotential hat – enorm – und ich meinte das nun in Bezug auf die Begrifflichkeiten, damit hier kein Missverständnis aufkommt), es hat aber auch Tipps für schwierige Momente, wenn es eben nicht klappt, wie man sich das so vorstellt.

Fazit:
Nützt’s nicht, so schadet es auch nicht. Neues lernen ist immer schön, wenn man am Ende des eigenen Lateins steht, hilft ein Wörterbuch weiter.

 

Und so sitze ich hier, das Buch neben mir. Ich denke an den Postdienst, an die gelben Kleber, frage mich, was ich meinem Sohn sage, wenn er das Buch je findet und versuche nun, die rote Farbe wieder aus dem Gesicht zu kriegen.

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Für die, welche es interessiert:
Anna Costa: Sex total. Lebe deine Fantasie, südwest Verlag, München 2013.

Hannah Arendt, Joachim Fest: Eichmann war von empörender Dummheit

Aber diese Dummheit hat etwas Empörendes. […] Da war keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist […]

Diese Dummheit, die weder grausam noch dämonisch war, sondern einfach die Gedankenlosigkeit eines Funktionärs innerhalb eines bürokratischen Systems  ausdrückt bezeichnete Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem als „Banalität des Bösen“. Mit diesem Begriff (unter anderem) löste sie eine der grössten Kontroversen des letzten Jahrhunderts aus.

Das vorliegende Buch enthält ein Gespräch mit Joachim Fest, welcher zur selben Zeit wie Hannah Arendt Eichmann in Jerusalem sein Werk Das Gesicht des Dritten Reiches veröffentlicht hatte, welches zu einem ähnlichen Schluss kam wie Arendt, nämlich dass man mit dem Problem konfrontiert sei,

wie „so viel Unvermögen, so viel Durchschnittlichkeit und charakterliche Nichtigkeit“ mit den ungeheuren Verbrechen , die hiervon ausgingen, in einen begrifflichen Zusammenhang zu bringen sind.

Das Gespräch behandelt Themen wie die Definition eines neuen Verbrechertypus, welcher eben keine kriminelle Energie  hat, sondern aus (oft blindem ) Gehorsam handelt, es handelt von der Frage nach Verantwortung und Schuld in einem totalitären System, von Gerechtigkeit nach einem historischen Unrecht solchen Ausmasses, sowie von gut und böse als moralischen Urteilen.

Neben dem Gespräch findet man den das Gespräch vorbereitenden Briefaustausch zwischen Arendt und Fest sowie sporadische spätere Briefe, welche eher auf eine intellektuelle Verbindung denn auf eine Freundschaft hinweisen, allerdings von gegenseitigem Respekt zeugen.

Anschliessend folgen vier Dokumente aus der Kontroverse um Hannah Arendt und Eichmann in Jerusalem, welche während des Austauschs zwischen Arendt und Fest erwähnt worden sind. Die Stellungnahme des Council of Jews from Germany tut sein Unverständnis kund über die „unverantwortbaren Schlussfolgerungen“, die Hannah Arendt aus „unfundiertenn Feststellungen“ zog, Golo Manns sarkastischer Text voller plakativer Herabwürdigungen gibt ihr immerhin in Bezug auf das Portrait Eichmanns recht und Mary McCarthy verteidigt das Buch so sachlich, wenn auch offensichtlich wohlgesonnen. Den Abschluss macht Reinhard Baumgard mit einem Nachwort zu Hannah Arendts Eichmann-Buch: Mit Mördern leben?

Die Zusammenführung der Texte ist aufschlussreich und sinnvoll, die Einleitung zeigt durch Vorwegnahme und Zusammenfassung einiger zentraler Argumente die Grundaussagen des Austauschs und hilft damit beim Verständnis des Kommenden. Die abschliessenden Dokumente aus der Kontroverse verdeutlichen die Unsachlichkeit der Angriffe gegen Hannah Arendt und ihr Buch.

Fazit:

Die spannende Analyse eines Jahrhundertverbrechers und des Systems, das ihn zustande brachte. Sehr empfehlenswert.

Zu den Autoren:

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Joachim Fest
Geboren am 8. Dezember 1926 in Berlin Karlshorst als Sohn einer bildungsbürgerlichen Familie. Jura-Studium ohne Absicht, Jurist zu werden, daneben Geschichte, Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte. Fest brach seine Promotionsarbeit zugunsten einer Festanstellung bei RIAS Berlin ab und blieb danach im journalistischen Bereich tätig. Veröffentlichte einige Bücher, die sich hauptsächlich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit befassten(Das Gesicht des Dritten Reiches, Speer. Eine Biographie, Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches, Hitler). Joachim Fest starb am 11. September 2006 in Kronberg im Taunus.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 207 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage 2011)
Preis: EUR 16.95; CHF 27.90

Hannah Arendt. Ihr Denken veränderte die Welt (Das Buch zum Film)

Die Frau, die das Denken ohne Geländer liebte, konnte mitunter ganz unromantisch sein, sachlich, buchstäblich ohne Rücksicht auf andere und ihre Gefühle.

Diese nüchterne Sachlichkeit und fehlende Weitsicht, was sie mit ihrem Protokoll des Eichmann-Prozesses auslösen könnte, machten Hannah Arendt zum Mittelpunkt einer der grössten Kontroversen des vergangenen Jahrhunderts und kosteten sie einige Freundschaften, an denen ihr Herz gehangen hatte. Diese Sachlichkeit war aber auch nur eine Seite, die andere war voller Charme, Herz und auch einer gewissen Schüchternheit. Hannah Arendts erster Mann, Günther Stern, brachte die Widersprüchlichkeiten ihres Charakters auf den Punkt:

Sie war damals zugleich profund, frech, fröhlich, herrschsüchtig, schwermütig, tanzlustig – für die scheinbaren Widersprüche übernehme ich keine Verantwortung – sie war eben so.

Das vorliegende Buch mit einem Vorwort von Franziska Augstein ist mehr als ein Buch zum Film. Es bietet eine Annäherung an eine der grössten Denkerinnen von verschiedenen Seiten, es beleuchtet ihr Leben und Werk (vornehmlich das Buch Eichmann in Jerusalem, dessen Entstehung die Ausgangslage zum Film bot).

Margarete von Trottas schildert, wie sie sich langsam der Person Hannah Arendt annäherte und von ihr immer mehr begeistert war. Auch werden die Schwierigkeiten offensichtlich, die bei der Suche nach den geeigneten Mitstreitern und vor allem nach den finanziellen Mitteln für einen solchen Film auftauchen. Vom ersten Gedanken bis hin zum fertigen Film sollte mehr als eine Dekade ins Land streichen. Pam Katz (Mitautorin), Barbara Sukowa und Klaus Pohl (Schauspieler) beschreiben ihre Auseinandersetzung mit diesem Film und der Rolle, die sie dabei spielten und Bettina Brokemper den Weg vom Projekt hin zum Film.

Viel Platz wird der Arendt-Kontroverse rund um das Buch Eichmann in Jerusalem gewidmet. Mary McCarthy, Schriftstellerin und Hannah Arendts Freundin bezeichnet das Werk als „Dokument ethischer Verantwortung, Ernst Vollrath zeichnet ihren Gedankengang vom „radikal Bösen“ (Kant) hin zur „Banalität des Bösen“ nach und auch Jerome Kohn und Rainer Schimpf beleuchten Aspekte des Buches und der daraus entstehenden Debatte, die für Hannah Arendt sehr schmerzlich war.

Durch Volker Schaefer gelingt noch ein Blick in Hannah Arendts Wohnung in New York, die Zentrum ihres Schaffens, Liebens und der Freundschaftspflege war, also quasi ihr ganzes Leben beherbergte.

Fazit:
Ein sehr gelungenes Buch, das einem Hannah Arendt in ihrem Schaffen und Sein näher bringt und zudem einen Einblick in die Entstehung des Filmes über sie bietet. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Auflage Februar 2013)
Preis: EUR 9.99; CHF 15.90

Annemarie Pieper: Gut und Böse

Die Frage nach dem Guten und Bösen hat viele Philosophen, Theologen, Psychologen, Biologenbeschäftigt. Jede Richtung ging aus der ihr eigenen Warte an die Thematik heran, versuchte sie mit Hilfe der eigenen Methoden zu entschlüsseln. Annemarie Pieper geht diesen Erklärungsversuchen quer durch die einzelnen Richtungen nach.

Können Mittel, die zu einem bösen Zweck verwendet gut sein? Rechtfertigt der gute Zweck die bösen Mittel? Was ist „das Gute“ im Gegensatz zu „gut“ als Adjektiv? Alltagssprachlich streben wir nach dem Guten, wollen das Böse meiden. Wir teilen Menschen in gut und böse ein und haben damit unsere Welt strukturiert. Dass dies zu kurz greift, liegt auf der Hand. Die Problematik liegt tiefer. Und so kommt Annemarie Pieper zu der Hypothese,

dass der Mensch von Natur aus weder gut noch böse ist, wohl aber an sich indifferente Anlagen mitbringt, die sich je nach Einfluss und Milieu zur Moral oder zur Unmoral hin entwickeln können.

Annemarie Pieper stürzt sich zur weiteren Erforschung in die Ethologie, verweist auf Lorenz’ Aggressionstrieb, geht weiter zum Sozialdarwinismus, wo sie Dawkins egoistisches Gen seziert, geht danach der Frage nach, ob der Mensch durch seine Anlagen determiniert oder frei in seinem Handeln und damit dafür verantwortlich ist. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Als nächstes sind die Psychoanalytiker und Soziologen gefragt, welche auf eine Wechselbeziehung zwischen Ich und Gesellschaft verweisen. Dabei gehen die Meinungen auseinander, ob nun das Individuum in seiner Triebunterdrückung oder aber die Gesellschaft mit ihren repressiven Strukturen für das Böse mehr verantwortlich sei. Wohl auch da liegt die Antwort irgendwo in der Mitte oder ganz woanders.

Bei so viel irdischem Unwissen kann nur noch die Theologie helfen, welche daraufhin befragt wird, wo das Übel herkomme. Von Gott kann es nicht kommen, es muss von den Menschen sein. Der hätte es zwar kommen sehen, musste es aber stehen lassen, um dem Menschen nicht seine Willensfreiheit zu nehmen, welche den Menschen als solchen ausmacht. Das ist die Antwort auf die Frage, wie Gott Auschwitz hätte geschehen lassen können. Nachdem auch noch Pandora als Schuldige ins Feld geführt wurde, kommen wir zur Philosophie, durchlaufen Metaphysik und Ethik, verweilen lange bei Kant, streifen Kierkegaard, vermissen danach Hannah Arendt, freuen uns dafür über Nietzsche.

Und am Schluss stehen wir da und sind so klug als wie zuvor. Der Mensch will stets das Gute, fühlt sich vom Bösen angezogen, widersteht ihm nicht und tut es doch. Im Wissen, dass es falsch ist, zu sehr davon gezogen. Schlussendlich bleiben die Begriffe ein Rätsel, das auch dieses Buch nicht lösen konnte.

Die Lösung zu erwarten wäre zu hoch gegriffen. Die Thematik ist zu komplex und es gibt keine definitiven klaren Antworten. Die Ausführungen sind teilweise für die knappe Schrift zu lang, um in der Folge in wenigen Sätzen verworfen zu werden. Es fehlt der rote Faden und eine wirklich stringente Argumentationskette. Das Ganze wirkt eher wie eine Aneinanderreihung von verschiedenen Theorien, die man aufgelesen hat, nun da wiedergibt, wo sie gerade in die vorher gesetzten Kapitel passen und am Schluss zum schon vorher klaren Ergebnis kommt, nämlich keinem. Trotzdem ein guter Einstieg in die Thematik, der gute Hinweise zur Vertiefung liefert.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 127 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2008
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 13.40

Arnon Grünberg: Amour fou

Das Buch wird eingeleitet durch ein Vorwort von Daniel Kehlmann. Der Sinn dieses Vorwort erschliesst sich mir nicht ganz, weder als Funktion für den Roman noch sonst. Kehlmann schreibt von seiner Angst vor Arnon Grünberg, die darauf gründet, dass er die Bücher des liebenswürdigen, zuvorkommenden und herzlichen Menschen kenne. Nun erwartet man, dass diese blutrünstig und gefährlich wären, doch auch sie handeln von höflichen Menschen. Wenn Kehlmann dann weiterfährt und vom Humor spricht, der nur Qual ist und nicht lachen macht, verliert man völlig die Orientierung, hofft, sie im Roman selber wieder zu finden.

Der Roman wird als „einfühlsam, grandios und temporeich“ angekündigt, man dürfe eine „zu Herzen gehende Lebensbeichte“ erwarten, die aber frei von Sentimentalität sei. Darauf freue ich mich und beginne zu lesen:

Ich bin früh kahl geworden. Dass es irgendwann dazu kommen könnte, war nicht ausgeschlossen, aber dass es so schnell gehen würde, war doch eine Überraschung. Dies ist die Geschichte meiner Kahlheit, und ich habe nicht vor, nach diesem Buch auch nur ein weiteres Wort zu Papier zu bringen.

Das hat was von einer Lebensbeichte, allerdings bin ich nicht sicher, ob mich Kahlheit interessiert. Schlussendlich kommt diese auch nicht mehr vor auf den weiteren Seiten, viel mehr erfährt man Bruchstücke über die kühle Mutter, welche armen Menschen Gutes tat und kurz nach dem achtzehnten Geburtstag des Erzählers starb. Man liest vom Papa, der nicht von Welt sei, weil er ässe wie ein Schwein, und von dessen neuen Frau Eleonore, welche ein Buch mit dem Titel „Wie alte Frauen reich werden können“ geschrieben hat – quasi ihre Lebensbeichte.

Danach springt der Erzählfluss hin und her, handelt von Hüten auf Mamas Kopf und in Ohnmacht fallenden Brüdern, die Kahlheit kommt nochmals ins Spiel und wird begleitet von Wiener Kaffeehäusern, Kokettiere mit dem eigenen Äusseren und das Philosophiestudium sind Thema.

Was wohl Humor sein sollte, ist wirklich nicht zum lachen, insofern hatte Herr Kehlmann recht:

Papa sagte oft: „Aus den Haaren der Leute fällt immer viel Dreck, darum darf man beim Essen nicht an den Haaren herumfummeln.“
Dass aus Andreas haaren Dreck fallen sollte, konnte ich mir nicht vorstellen. Und auch aus Milenas Haaren fiel meiner Meinung nach keiner.“

Das beruhigt zu wissen, doch so wirklich lustig finde ich das nicht. Mittlerweile wurde die Amour fou  thematisch eingeführt, welche den Erzähler fasziniert und dazu verleitet, sie erleben zu wollen. Auf dem Weg dahin begegnet man noch einem Blumenhändler, der seines Zeichens Liebhaber der Frau Mama ist – oder war. Ich habe mittlerweile völlig den Faden verloren in dem ganzen Hin und Her. Auf Seite 117 strecke ich die Segel, verpasse vielleicht auf den noch verbleibenden 220 all das, was auf dem Klappentext versprochen wurde, doch hätte das für meinen Geschmack früher beginnen müssen. Mir fehlte jeglicher Zugang zu den Figuren, sie hatten weder Seele noch Charme, sprachen höchstens wie im Fall des Protagonisten und Erzählers davon, für ihn gerühmt zu werden. Für mich als Leser unverständlich.

Fazit
Eine grosse Enttäuschung, die ich nicht erwartet hätte – nicht im Programm dieses von mir doch sehr geschätzten Verlages. Ich kann es nicht empfehlen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag 2013
Preis: EUR: 14.90 ; CHF 19.90