Stefan Zweig: „Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte“

Das vorliegende Buch veröffentlicht erstmals die Briefe Stefan Zweigs an Lotte Altmann aus den Jahren 1934 – 1940. Die bislang schlecht dokumentierte Zeit in Stefan Zweigs Leben wird damit besser beleuchtet, stammen doch die bisherigen Kenntnisse fast ausschliesslich aus den Hinterlassenschaften und biographischen Schriften Friderike Zweigs, welche – es liegt in der Natur der Sache – nicht wirklich objektiv waren in Bezug auf die Person Stefan Zweigs.

Lotte Altmann kommt als Sekretärin zu Stefan Zweig, eingestellt wird sie von dessen Frau Friderike. Sie soll Stefan Zweigs Manuskripte abtippen, seinen Brieverkehr und sonstig schreibenden Tätigkeiten übernehmen. Schon bald scheint es zu einer Annäherung zwischen Stefan Zweig und Lotte zu kommen.

Ich bin vielleicht keine ganz leichte Natur, im allgemeinen werde ich Menschen rasch müde, es stört mich bald eine ihrer im Anfang verborgenen Eigenschaft, aber bei ihnen spürte ich von Anfang an eine solche Aufrichtigkeit, dass ich mich sicher fühlte.

Friderike ertappt die beiden in einer eindeutigen Situation, welche fortan zwischen den Eheleuten steht, aber nie beim Namen genannt, immer nur angetönt wird.

Trotz der offensichtlichen Verbundenheit bleibt die Sprache zwischen Lotte Altmann und Stefan Zweig immer sehr distanziert und sachlich. Zwar klingt eine Herzlichkeit durch die Zeilen, aber es kommt zu keinen wirklichen Bekenntnissen oder Andeutungen von Gefühlen, die über eine menschliche Anteilnahme am Wohlbefinden Lottes hinausgehen. Auch die Anrede bleibt über die ganze Dauer hinweg bis hin zur Hochzeit im Jahr 1939 förmlich, er schreibt sie als „Liebes Fräulein Altmann“ oder gar Liebes F. A. und mit Sie an.

Der einzige Brief, der diese Förmlichkeit durchbricht und Gefühle preisgibt, stammt von Lotte Altmanns – es ist der einzige von ihr erhaltene Brief, sonst finden sich nur Stefan Zweigs Briefe. Sie gesteht ihm darin, was er ihr bedeutet:

Mein Lieber, ich finde mich selber schrecklich feig, aber ich habe Angst, dass jemand dabei ist, wenn du den Brief bekommst […]
Ich möchte dir noch einmal sagen (oder habe ich es Dir noch nie gesagt, wie gerne ich Dich habe und wie glücklich Du mich durch Deine Freundschaft gemacht hast. […] Ich denke oft an Dich und unser Zusammensein.

Stefan Zweigs Antwort auf diesen Brief lässt einige Formalismen fallen, so ist es der einzige mit der Anrede „Liebes Fräulein Lotte“, er spricht von ihrem gemeinsamen Unternehmen (womit ihre Verbindung gemeint ist) und unterschreibt mit Stefan Z. (statt Stefan Zweig oder S.Z.). Bei den folgenden Briefen kehrt er wieder zur gewohnten Distanz zurück.

Die Briefe Stefan Zweigs zeichnen das Bild eines Mannes, dem die Arbeit über alles geht. Menschliches, Zwischenmenschliches ist ihm oft ärgerlich, da es ihn vom Arbeiten abhält.

Ich halte meine Arbeit für wichtiger als gesellschaftliche Verabredungen […] Aber ich bin’s schon gewohnt, dass alles hinter meine Arbeit gesetzt wird.

Stefan Zweig braucht zum Arbeiten völlige Ruhe, Einsamkeit auch, kann es nicht haben, wenn Menschen in der Wohnung, gar im Raum sind. Darüber kam es zu diversen Zerwürfnissen mit seiner ersten Frau Frederike Zweig, die teilweise auch in Briefen beschrieben und in diesem Buch abgedruckt sind.

Ich brauche nun Ruhe zur Arbeit, möchte auch bitten, mir nachmittags oder abends drei Stunden (geschlossene) vorher mitzuteilen, an denen ich allein hier im Haus bin. Ich kann nicht bei dem Hin- und Hergehen […] das Wesentliche arbeiten, das ich zu tun habe.

Stefan Zweig erscheint in seinen Briefen als Mann, der sehr charmant, sehr mitfühlend, sehr aufmerksam ist, so lange er arbeiten kann, die Dinge in seinem Sinne und wenig störend laufen. Sobald dies nicht der Fall ist, ändert sich sein Betragen drastisch und er braucht sehr klare Worte, seinen Unmut kundzutun. Dies äussert sich vor allem gegenüber Frederike, der er vorwirft, ihn als Ernährer zu wenig zu achten, sich ihm zu wenig zu unterwerfen und sein Arbeiten mit ihrem Wunsch nach Selbständigkeit zu stören.

Da ist ein Familienleben nur möglich, wenn die Familie sich vertrauensvoll und respektvoll dem unterwirft
1) der sie erhält
2) dessen „Beruf“ der einzig wichtige und einträgliche ist gegenüber den dilletantischen Spielereien
3) der der erfahrenste ist und am meisten über die Dinge vorausdenkt.
[…] betrachtet nicht Ihr meine Arbeit als das Centrale und einzig Wichtige, so Ich. Und damit Adieu.

Da es lange Etappen ohne Briefe gab, in denen die Lotte Altmann und Stefan Zweig gemeinsam unterwegs waren, werden die Briefe im vorliegenden Buch in ihren biographischen Kontext eingebettet, welchen der Herausgeber, Oliver Matuschek, Verfasser der sehr akribisch recherchierten Biographie Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie, fundiert kennt. Zudem erklärt er nicht eindeutige Briefpassagen und hilft so zum besseren Verständnis.

Nach der Eheschliessung 1939 finden sich fast nur noch Briefe an Angehörige, die von Stefan Zweig und Lotte Altmann oft gemeinsam geschrieben werden. Das Buch wird beschlossen mit einem kurzen Anhang mit wenigen Hintergrundinformationen zu den Briefen und marginalen Interpretationen derselben. Da die Interpretationen eher knapp und teilweise spekulativ sind, hätte gut auf sie verzichtet werden können. Dies aber nur eine kleine Kritik am Rande eines sonst gelungenen und aufschlussreichen Buches.

 

Fazit:
Mit diesem Buch ist es gelungen, Stefan Zweigs Leben in der Zeit zwischen 1934 und 1940 vor dem Hintergrund der damaligen geschichtlichen Ereignisse und den Menschen Stefan Zweig durch seine eigenen Briefe darzustellen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

Zum Herausgeber
Oliver Matuschek
Oliver Matuschek wurde 1971 geboren, studierte Politologie und Neuere Geschichte. Er ist Mitautor mehrerer Dokumentarfilme, war von 2000 bis 2004 Mitarbeiter des Anton-Ulrich-Museums in Braunschweig und 2008 Kurator der Ausstellung „Die drei Leben des Stefan Zweig“ im Deutschen Museum in Berlin. Von Oliver Matuschek erschienen sind unter anderem Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig (2005) und Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biopgraphie (2006).

ZweigBriefeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 367 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (März 2013)
Herausgeber: Oliver Matuschek
ISBN: 978-3596950041
Preis: EUR 24.99 / CHF 39.90

 

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Michael Stavarič – Nachgefragt

©Lukas Beck
©Lukas Beck

Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

Michael Stavarič hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten und mir damit einen Einblick in sein Schreiben gewährt.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich wollte schon immer Schriftsteller werden, liebte Bücher und es war alles in allem naheliegend. Hinzu kam meine Zweisprachigkeit und die damit verbundenen kleinen Traumata. Ich bin bis heute der Meinung, diese förderten die Lust zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt zu schreiben?

 Ich glaube nicht, dass man „es“ lernen kann; es gibt so etwas wie eine Disposition in einem. Die hat man oder eben nicht. Das trifft auf jeden künstlerischen Beruf zu. Disposition meint natürlich auch Sozialisation etc. Man kann sich allerdings in Workshops, Unis etc. Rüstzeug aneignen.

Wie sieht dein Schreibprozess aus? Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst? Wann und wo schreibst du?

Ich schreibe meistens unterwegs, ich führe das Leben eines Nomaden. Ich überlege mir lange, WIE ich eine Geschichte erzählen möchte, wie die Sprache dazu aussieht, der Duktus etc. Der Rest kommt dann von allein. Das ist natürlich bei jedem Projekt verschieden. Meine Kinderbücher etwa sind viel „geplanter“.

Woher holst du die Ideen für deine Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert dich?

Woher kommt Inspiration? Keine Ahnung … manche Dinge bleiben im Verborgenen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schaltest du ab?

 Nein, weil das Schreiben kein „Job“ oder „Beruf“ ist, es ist die sprichwörtliche Berufung. Ich habe nie und immer Ferien.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Bist du auch in deinen Figuren? Gibt es eine, mit der du dich speziell identifizierst?

 Die Literatur beginnt mit dem Autobiographischen. Später wird sie fiktiver und irgendwann ist sie hoffentlich eine Imagination. Natürlich gibt es Details aus dem Leben, die ich gern in meine Bücher einfließen lasse. Manche Figuren sind mir näher, andere ferner, auf das Gesamte betrachtet, habe ich sehr wenig mit meinen Romanfiguren zu tun.

Deine Literatur ist sprachlich ausgefallen, es steckt sehr viel Poesie und Sprachspiel in deiner Sprache. Was fasziniert dich an der Sprache? Ist die Sprache teilweise wichtiger als der Inhalt?

Sprache ist unser wichtigstes Kulturgut. Sie ist das, was den Menschen an sich ausmacht. Ich war schon immer von Sprache fasziniert. Und auch die Literatur erschloss sich mir stets über eine besondere Sprache, weniger mittels Geschichten.

Böse Spiele stellt die klassische Beziehung in Frage, Beziehungen erscheinen als komplizierte Angelegenheit. Ist Liebe nur ein Spiel oder macht man eines draus, weil sie überfordert?

Immerhin kann man festhalten, dass nur intelligente Lebensformen verspielt sind. Die Liebe ist eine Konfliktzone. Die Liebe ist Himmel auf Erden. Wir leben und denken bipolar. Auch das ist menschlich.

Was muss ein Buch haben, dass es dich anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell magst?

Es muss mich sprachlich beeindrucken, alles andere bleibt für mich austauschbar.

Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Unbedacht. Unmöglich. Unverfälscht.

Ganz herzlichen Dank für diese Antworten über das Schreiben, die Sprache und den Autoren dahinter.

Ein Porträt von Michael Stavarič mit Bild und Ton findet sich hier:

Michael Stavarič: Böse Spiele

Ein Mann liebt eine verheiratete Frau. Mit ihr könnte er sich alles vorstellen, was er sich sonst im Leben nicht vorstellen kann. Sie ist die richtige Frau für ihn, nur: Sie ist nicht frei. Eine Frau liebt diesen Mann, sie könnte sich mit ihm alles vorstellen, weil er für sie der Mann überhaupt ist. Allein: Er ist nicht frei. Der Mann wartet, weil er ein Mann ist, der warten kann, die Frau wartet, weil sie eine Frau ist, die warten kann. Das Ganze unter Plastikpalmen mit verschiedenen Farben, je nach Situation und Stimmung.

Am nächsten Tag stehen wir unter einer schwarzen Plastikpalme, sie trägt ihr Herz links, wo es hingehört, und ich spinne meines in Trauerflor, trage schwer daran, dass sie eine vollkommene Frau ist und ich nur ein passabler Mann.

Michael Stavarič erzählt die komplizierte Geschichte von menschlichen Beziehungen. Gefühle, die hochschlagen und tief fallen, Menschen mit Träumen, Hoffnungen, Phantasien und Zwängen. Liebe, die gelebt werden will und scheitert, Betrug, der schön geredet wird, schmerzt und doch bittersüss ist. Es ist eine Geschichte direkt aus dem Leben, erzählt, wie sie passiert, mit allen Wirrnissen, Hindernissen, Verstrickungen und Verzweiflung, die doch voller Hoffnung steckt. Eine Geschichte, in der alle dasselbe wollen, sich allerdings in ihrem Wollen nicht finden, weil immer etwas im Weg steht.

Dass sie die Vollkommenheit liebe und ich meine Freiheit, dass ich aufhören müsse zu glauben, ich könne noch etwas zum Besseren wenden.

In einer teilweise lyrisch anmutenden Sprache beleuchtet Michael Stavarič die menschlichen Abgründe, die Lebenslügen und Spiele mit Gefühlen. Leitmotive führen durch den Roman, verleihen ihm eine innere Kohärenz, die auf allen anderen Ebenen zu fehlen scheint. Erzählerperspektive, Realitätsebene, Zeitstruktur – alles ändert, sprungartig, augenblicklich. Der Leser pendelt zwischen Innensichten und Dialogen, zwischen Erzählung und Wünschen hin und her und sieht sich immer wieder denselben Motiven ausgesetzt.

Böse Spiele besticht durch eine plastische Sprache, durch eine Lebendigkeit in Form und Stil. Bildhaftigkeit ersetzt blosse Beschreibung, Farben drücken Stimmungen aus, wiederkehrende Refrains erzeugen eine Melodie. Literatur erscheint hier als Komposition aus Tönen, Bildern und Stimmungen.

Fazit:
Lyrische Prosa voller Brüche und Widersprüche, verwirrend und doch lebensnah. Eine lohnende Herausforderung.

Zum Autor
Michael Stavarič
Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

StavaricSpieleAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: C.H.Beck (21. Januar 2009)
Preis: EUR  16.90 / CHF 25.10

 

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Mario Vargas Llosa: Briefe an einen jungen Schriftsteller

In Briefen an einen imaginären jungen Schriftsteller erläutert Mario Vargas Llosa das Handwerk eines Romanschriftstellers. Er beschreibt dabei anfänglich seinen eigenen Wunsch, bei seinen grossen Vorbildern nachzufragen, wie man Schriftsteller wird und lobt des Jünglings Mut, den Schritt gewagt zu haben.

Sie haben sich nicht lähmen lassen, denn Sie haben mir geschrieben. Das ist ein guter Anfang für das Abenteuer, auf das sie sich einlassen wollen und von dem Sie sich vermutlich, auch wenn Sie es nicht erwähnen, Wunderbares versprechen.

Mario Vargas Llosa warnt davor, sich von der Schriftstellerei zu viel zu erhoffen, vor allem warnt er davor, den Weg aus Wunsch nach Erfolg zu gehen. Erforderlich seien vor allem Disziplin und Ausdauer, ein Schriftsteller ordne alles andere seinem Tun, das für ihn Berufung sei, unter.

Ihre Entscheidung, aus der Begeisterung für die Literatur Ihr Schicksal zu machen, muss zur Fronarbeit, ja zur Sklaverei werden.

In der Folge geht Mario Vargas Llosa auf alle wichtigen Themen ein, denen ein junger Schriftsteller auf dem Weg hin zu seinem Roman begegnet. Er behandelt die Themenwahl und das Finden von Ideen, schreibt über die nötige Überzeugungskraft, welche es braucht, um den Leser von der Geschichte einzunehmen. Wichtig ist auch der Stil, in dem eine Geschichte geschrieben wird, denn dieser muss der Geschichte entsprechen und damit ein Gefühl der Authentizität vermittleln.

Mario Vagas Llosa geht weiter, Erzähler, Raum und Zeit sowie verschiedene Realitätsebenen zu beleuchten, zeigt auf, dass auch Wechsel innerhalb einer Geschichte möglich sind, wenn diese der Geschichte dienen, sie eine Perspektive eröffnen, die sinnvoll und notwendig ist. Die Notwendigkeit der Wahl ist immer entscheidend dafür, ob die Geschichte beim Leser ankommt. Anhand von vielen literarischen Beispielen, welche die vorgestellten Theorien belegen, wird das Handwerkzeug hin zum Roman anschaulich und verständlich. Schliesslich und endlich bleibt aber doch nur eines: Man muss sich hinsetzen und schreiben. Das ist auch der Rat, den Mario Vargas Llosa seinem jungen Schriftsteller gibt.

Man [kann] niemandem beibringen, schöpferisch tätig zu sein; höchstens, wie man schreibt und liest. Den Rest bringt man sich selbst bei, indem man immer wieder stolpert, stürzt und aufsteht.
Lieber Freund, Sie sollten alles vergessen, was Sie in meinen Briefen über die Romanformen gelesen haben, und endlich anfangen, Romane zu schreiben.

Ich wage Mario Vargas Llosa in einem Punkt zu widersprechen: Es wäre schade, die Inhalte seiner Briefe zu vergessen, da sie einerseits sehr fundiert über das Handwerkszeug eines Schriftstellers Auskungt geben, andererseits eine grosse Bandbreite an literarischen Verweisen und Interpretationen beinhalten. Zudem ist das Buch schlicht unterhaltsam geschrieben und schön zu lesen.

Fazit:
Ein empfehlenswertes Buch nicht nur für (angehende) Schriftsteller, sondern auch für interessierte Leser.

Zum Autor
Mario Vargas Llosa
Jorge Mario Pedro Vargas Llosa wurde 1936 in Arequipa, Peru geboren und siedelte dann mit seiner allein erziehenden Mutter sowie deren Eltern nach Bolivien um, wo er seine Kindheit verbrachte und die katholische Grundschule besuchte. Die Familie zog zurück nach Peru, wo er Jura und Literatur , promovierte danach in Madrid in Philosophie und Literatur. Er arbeitete in Paris für Rundfunk und Fernseh sowie als Journalisti für eine Nachrichtenagentur, wandte sich in den 1980er Jahren der Politik zu. 2010 erhielt Maria Vargas Llosa den Nobelpreis für Literatur „für seine Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage“. Auf Deutsch erschienen sind unter anderem Die Stadt und die Hunde (1963), Der Krieg am Ende der Welt (1982), Der Geschichtenerzähler (1990), Tante Julia und der Kunstschreiber (1997), Das Fest des Ziegenbocks (2001), Das Paradies ist anderswo (2004), Das böse Mädchen (2006), Der Traum des Kelten (2011).

VargasSchriftstellerAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 118 Seiten
Verlag: Suhrkamp (26. April 2004)
Übersetzung: Clementine Kügler
Preis: EUR  7 / CHF 11.90

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Eduard Habsburg: Lena in Waldersbach

Lena wandert auf den Spuren von Büchners Lenz durch die Vogesen. Sie irrt durch die Täler und auf Berge, auf der Suche nach den beschriebenen Örtlichkeiten und durchlebt dabei Lenzens Wahnsinn, dessen Wahnzustände.

Kreuz und quer durch das Steintal, durch all die Orte, die sie kannte und doch nicht kannte, hinauf auf das Gebirg und kreuz und quer über das Gebirg, mit wenig Ruhepausen. Kein Wunder, dass sie zum Umfallen erschöpft war und eigentlich nur noch weinen wollte, aber die grösste Prüfung stand ihr ja noch bevor.

Lena findet Unterschlupf bei einem Pastorenpaar, erfährt da eine Geborgenheit, die sie im Leben vermisste, der sie aber nicht trauen kann. Ein Durcheinander von Realität und Einbildung treibt sie immer mehr in die Enge einer Verstörung, die sie gegen alles und jeden misstrauisch werden lässt..

Alles in Lena revoltierte. Sie musste den Deckel fest geschlossen halten, konnte keinen Augenblick die Kontrolle verlieren, durfte sich keine Blösse geben.

Eduard Habsburg erzählt die Geschichte eines Mädchens, das sich in ihrem wahren Leben nicht mehr geborgen fühlt und sich aufmacht, ein anderes Leben zu ergründen, das von Büchners Lenz. Sie taucht so sehr in dieses Leben ein, dass sie die Welt durch dessen Augen sieht und schliesslich Wahrheit und Schein nicht mehr auseinander halten kann. Natürlich hat das Ganze einen Auslöser, welcher im Laufe der Geschichte immer mal vage erwähnt wird, dann aber immer klarer ans Tageslicht tritt.

Habsburg versucht, durch die Figur der Lena den Lenz in die heutige Zeit zu holen. Einige moderne Attribute wie SMS, Facebook und Google Maps helfen dabei. Dazwischen blickt der Leser auf Sätze und Bilder aus Büchners Original. Lenas Hang zum Wahnsinn wird in der Erzählung von Habsburg auf einen Bruch in ihrem Leben zurückgeführt, die Hinwendung zu Lenz resultiert aus diesem. Das hebt Lena von Lenz ab, bei welchem der Ursprung für seine Krankheit im Dunkeln bleibt. Es bleibt ein gewisses Fragezeichen ob der Plausibilität des Ganzen zurück. Zwar versteht man schlussendlich die Besessenheit von Lena in Bezug auf Büchners Lenz, die gemeinsamen Wahnvorstellungen wirken fragwürdig und im vergleich zu Büchners Lenz bei Lena eher farblos.

Fazit:
Ein verwirrendes Buch über Verirrungen und Verwirrungen. Abgründig, geheimnisvoll und ausgefallen.

Zum Autor
Eduard Habsburg
Eduard Habsburg wurde 1967 geboren und studierte und promovierte an der KUL Eichstätt Danach schrieb er Drehbücher für Film und Fernsehen sowie Romane. 2006 lehrte er an der Hochschule Gaming und war 2007 Lehrbeauftragter für Philosophie an der theologischen Fakultät der Universität Lugano. Seit 2009 ist Eduard Habsburg Medienreferent von Bischof Klaus Küng in der Diözese St. Pölten. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Wien. Werke von Eduard Habsburg sind Die Reise mit Nela (2008) und Lena in Waldersbach (2013).

HabsburgLenaAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 123 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (22. Januar 2013)
Preis: EUR  14.95 / CHF 22.40

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Ugo Riccarelli: Die Residenz des Doktor Rattazzi

Benjamino wächst mit seiner Familie im Haus neben einer Irrenanstalt auf. Oft beobachtet er die Insassen durch einen Zaun, steht einfach da und sieht zu, wie sie Blumen essen, mit Vogelschwärmen tanzen und sich auch sonst komisch verhalten. Nach einem Unfall und dem unvermittelten Tod seines Vaters findet Benjamino Arbeit als Assistent in der Anstalt. Zusammen mit dem ebenfalls neu anfangenden Doktor Rattazzi findet er einen neuen Zugang zu den Insassen, begegnet ihnen mit Sensibilität und Zuwendung statt mit Elektroschocks und Unpersönlichkeit.

Leute für die Irrenanstalt, die in das Haus aus dunklen Steinen eingesperrt wurden, zum Kummer oder zur Erleichterung derjenigen, die draussen vor der hohen Umfriedungsmauer blieben und nicht genau wissen wollten, was dort drinnen vor sich ging, denn die Schande eines Menschen ohne Verstand gab schon genug Anlass zu Sorge und Trauer, da musste man nicht auch noch etwas verstehen oder seine Gedanken ernsthaft verfolgen wollen.

In Italien bricht der Krieg aus, Benjamino wird wegen seiner Behinderung nicht eingezogen. Er versteht die Kriegseuphorie auch nicht, sieht in ihm nur Tod und entfesselte Schlechtigkeit, eine Gefahr für friedliches Zusammenleben. Vielmehr als ein Leben als Soldat sah er den Umgang mit Krankheit und deren Heilung als Heldentum. Der Krieg zwingt die Leiter der Heilanstalt, mit ihren Insassen aufs Land zu ziehen, um sie aus der Schusslinie zu nehmen. Die anfängliche Landidylle wird aber bald durch die sich nähernde Bedrohung durch den Krieg gestört – und teilweise zerstört.

Und in dieser kurzen Zeitspanne, bevor die Tropfen auf dem Kies explodierten wie die Bomben, die vom Himmel fielen, erkannte Rattazzi, dass der wirkliche Wahnsinn niemals besiegt werden würde, denn er war das innerste Wesen der Normalität, die gerade auf sie zukam. […] Nichts würde die Vernunft nüten, denn gerade die Vernunft drängte und rechtfertigte, organisierte und vernichtete.

Ugo Riccarelli wirft die alten und nie restlos beantworteten Fragen auf, was gut und was böse, wer normal und wer wahnsinnig ist. Während man die einen einsperrt, weil sie nicht einer Norm entsprechen, und auf sie herabsieht, stürzen sich die sogenannt Normalen in einen Krieg, der nur Tod und Elend  mit sich bringen kann. Zwar essen die Närrchen, wie Doktor Rattazzi sie nennt, gerne Blumen und tanzen mit den Vögeln, aber sie sind, wenn man sie in ihren Gewohnheiten lässt, friedlich und haben ihren eigenen Verstand, der seine eigene Schönheit besitzt. Diese Schönheit wird in Friedenszeiten belacht und bekämpft, in Kriegszeiten gilt sie als minderwertig und soll ausgerottet werden, um das lebenswerte Leben nicht zu beschmutzen.

Ugo Riccarelli ist ein tiefgründiger und bewegender Roman gelungen, der Massstäbe hinterfragt und Vorurteile offen legt. Es ist ein sensibler Roman, der nicht blossstellt, sondern schlicht auf wichtige Fragen des Lebens hinweist. Die Residenz des Doktor Rattazzi ist voller Liebe, Mitgefühl und Nachdenklichkeit und deckt dabei menschliche Lebenslügen und auch Abgründe auf.

Fazit:
Ein berührendes Buch über die verschiedenen Welten verschiedener Menschen und die Frage, welche die bessere ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Ugo Riccarelli
Ugo Riccarelli wurde 1954 in Cirié bei Turin geboren. Nach seinem Studium der Philosophie in Turin arbeitete er zunächst in der Biblioteca Palazzo Pretorio sowie als Regieassistent und Journalist in Pisa. 1995 erschien sein Debutwerk Le scarpe appese al cuore, daneben verfasste Riccarelli auch Lyrik. Ugo Riccarelli lebt heute in Rom. Auf Deutsch erschienen sind Ein Mann, der vielleicht Schulz hieß (Roman, 1999), Fausto Coppis Engel (Erzählung, 2004), Der volkommene Schmerz (Roman, 2006, für die italienische Originalfassung erhielt er 2004 den Primio Strega), Der Zauberer (Roman, 2009) und Die Residenz des Doktor Rattazzi (Roman, 2013).

Z_Riccarelli_Die_Residenz_P03DEF.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (25. Februar 2013)
Übersetzung: Annette Kopetzki
Preis: EUR  18.90 / CHF 29.90

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Sibylle Berg – Nachgefragt

Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

Ich freue mich sehr, dass sich Sibylle Berg spontan bereit erklärt hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat dies auf ihre ganz eigene Art, durchdacht, authentisch, mit einer Prise Ironie, ab und an überraschend:

„Vielen Dank für das Leben“ ist ein sehr düsteres Buch und es handelt von der „schlechtesten aller Welten“. Was macht diese Welt so schlecht?

Es ist eigentlich positiv gedacht. Toto zeigt auf, wie man trotz all dem Furchtbaren, das einem Menschen im Leben passiert – und es passiert jedem –,sei es Verlust, Krankheit, Angst, etc., trotzdem glücklich sein kann.

Die Welt ist immer gleich schlecht, weil sie von Menschen bewohnt wird, die einerseits grossartig sein können, aber auch sehr gierig, bösartig, usw. Da sie ja vermutlich Zeitungen lesen, muss ich Ihnen das nicht erzählen.

Toto wird als Menschenwesen beschrieben, welches in keine Schublade passt, weder in Bezug auf sein/ihr Geschlecht noch in Bezug auf sein/ihr Verhalten. Was verbindet sie mit Toto?

Mich? Nichts, ausser einigen Haltungen und die Sicht auf die Welt.

Beim Lesen dieses Buches war ich oft entsetzt über all die Düsterheit und wusste doch, es steckt viel Wahres drin. Ist es nicht ab und an deprimierend, so genau hinzuschauen und auch noch drüber zu schreiben?

Nein, es macht mich nicht unglücklicher, als wenn ich nicht darüber schreiben würde.

Ist Sibylle Berg im Leben auch so düster oder ist die Welt des Schreibens der Gegenpol zu einem heiteren Gemüt?

Wenn sie unter düster hinsehen verstehen, dann ja. Als langweilige Person bin ich meist sehr zufrieden.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel Sibylle Berg steckt in diesem Buch? Woher nehmen sie ihre Ideen, wenn nicht aus ihrem Leben?

Ich nehme sie aus dem Leben, aber nicht unbedingt aus meiner Phantasie oder meinem eigenen Erlebten. Ich reise sehr viel, sehe sehr viel, beobachte, lese – und ich bin alt. Da bekommt man schon ein wenig vom Zustand der Welt mit.

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Wo und wann schreiben Sie? Planen und recherchieren sie vorgängig oder schreiben sie drauf los?

Ich habe eine Überschrift, ein Feld dass ich untersuchen will. Dann lese ich sehr viel Theoretisches dazu, Sachbücher, reise mitunter; und dann schreibe ich jeden Tag ab 8 bis 18 Uhr.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub oder sind sie immer auf Empfang? Wie schalten Sie ab?

Sehr selten, weil es ein schlecht bezahlter Beruf ist. Ich habe vielleicht 2 Wochen im Jahr, in denen ich nicht arbeiten muss.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich komme nicht mehr zum lesen.
Klaus Pohl ist im Moment einer meiner Lieblinge.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

 albern, freundlich, niedlich

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

David Wagner – Nachgefragt

DWagnerDavid Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011), Leben (2013). Für sein letztes Werk, Leben, erhielt David Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse.

Ich habe bei David Wagner nachgefragt, wie ich mir seinen Schreibprozess vorstellen muss und was ihn zu seinem Buch Leben bewegt hat:

„Leben“ ist eine autobiographische Geschichte, die eine schwierige Zeit Ihres Lebens beschreibt. Was hat Sie dazu bewegt, diese Geschichte zu erzählen?

Ich wollte sie selbst verstehen. Ich wollte dieses wundersame Ereignis Transplantation verstehen. Mir selbst erklären – und das ist mir zu einem Roman geworden, das Erzählen hat sich verselbständigt.

 

Die grösste Angst des Menschen, sagt man, ist die vor dem Tod. Sie haben Todessehnsüchte und fehlenden Lebenssinn beschrieben – Was war schlimmer als die Todesangst?

 Ach, ich glaube oft ist die Angst vor dem Leben viel größer als die vor dem Tod. Tot zu sein ist ja ganz einfach, zu leben ist kompliziert. Man könnte ja so viel tun und machen und anstellen – oder auch gar nichts machen.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen nach diesem Buch? Sind die Reaktionen auf sie anders als vorher? Ist die Krankheit zentraler geworden?

Das Buch ist ja noch sehr frisch. Ich bekomme viele interessante Reaktionen, Betroffene schreiben mir, eine Frau, die auf eine Herztransplantation wartet schrieb mir. Vorher? Was war vorher? Ich, die Privatperson spreche ja nicht über meine Krankheit oder mich als Patient. Das Sprechen über Krankheit habe ich ja an die literarische Figur Herr W. ausgelagert. So komme ich zurecht.

 

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Woher, wenn nicht aus der eigenen Lebensgeschichte, nehmen sie sonst ihre Inspiration, ihre Ideen?

Goethe hat einfach recht. Bleibt nur zu sagen, ich schreibe auch über all das, was ich sehe, ich bin Phänomenologe. Aber alles, was ich sehe, ist ja auch in meiner Lebensgeschichte, oder? Also…

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Wo und wann schreiben Sie? Planen und recherchieren sie vorgängig oder schreiben sie drauf los?

Beides. Ich plane und schreibe drauf los. Und schmeiße alles weg, verwerfe die Pläne, schreibe neu, verwerfe wieder alles. Immer geht es darum, einen Ton zu finden. Einen Klang, eine Sprache. Ohne den Ton wird es keine gute Erzählung. Recherche immer – aber man muß dann fast alles Recherchiertes auch wieder wegwerfen können, streichen. Faktenverfettete Texte lesen sich ja nicht so schön, oder?

 

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub oder sind sie immer auf Empfang? Wie schalten Sie ab?

Nein. Leider nein. Manchmal schalte ich trotzdem ab. Habe dann aber ein schlechtes Gewissen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muß gut sein! Ha! Wenn ich bloß wüßte, was ein Buch gut bzw. sehr gut macht! Dann hätte ich bisher nur gute Bücher geschrieben…

Na, ich glaube, es muß ehrlich sein.  Die Prosa, die Sprache muß echt und unverstellt sein. Ich muß der Stimme glauben können.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Wenn ich das könnte, wäre ich wohl Haiku-Dichter und weniger Roman-Autor, oder? Und hätte ich mich mit drei Wörtern beschrieben, wäre ich dann nicht arbeitslos? Hätte ich mich dann nicht ausgeschrieben? Werde mich also hüten, mich mit drei Wörtern zu er-schreiben.

 

Ich möchte mich herzlich bei David Wagner bedanken für diese Einblicke in sein Schreiben, für seine offenen & humorvollen Antworten. Ich habe mich sehr über dieses Interview gefreut!

 

David Wagner: Leben

Kurz nach Mitternacht, gerade erst heimgekehrt und noch Apfelmus löffelnd, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Blut, wohin das Auge reicht, Notfall, Krankenhaus. Zuerst durch die vielen Medikamente noch verschwommen und ab und an skurril, dann immer klarer, nimmt der junge Mann den Krankenhausalltag um sich wahr. Träume wechseln sich ab mit direkt Erlebtem, was ist wahr, was nicht?

Bin ich vielleicht doch schon tot? Geht mich das alles gar nichts an? Schaue ich nur noch zu? Vielleicht träume ich diese Gegenwart bloss, und Jenseits heisst, in einem Bett zu liegen und sich an Episoden seines Lebens erinnern zu müssen, ob man will oder nicht. Gestern oder vorgestern war meine Beerdigung, vielleicht ist sie aber erst heute. Oder morgen.

Es beginnt das Warten auf eine neue Leber. Das Warten eröffnet Fragen nach dem eigenen Ich, nach dem Sinn des Lebens und ob er nicht besser tot wäre. Er denkt es fast, wäre da nicht seine kleine Tochter.

Ich könnte – ja, das Wasser ist kalt genug, in kaltem Wasser geht es schnell, dann aber fällt mir das Kind wieder ein, das morgens, wenn es aufwacht, immer lacht und so sehr da ist, für die Tochter sollte ich, ja möchte ich noch ein paar Jahre bleiben.

Der lange eintönige Krankenhausalltag bringt Zeit. Zeit, sich zu erinnern, sich an die Menschen zu erinnern, die waren und noch sind. Sie gibt Zeit, in sich hinein zu hören, oft zu viel Zeit. Durchbrochen wird die Zeit durch die Geschichten der anderen Patienten, wobei nicht klar ist, ob die Langeweile der stillen Zeit nicht besser war.

Einer, der diese Woche neben mir liegt, sagt kein Wort. Er sagt morgens nicht guten Morgen und abends nicht gute Nacht, ich sage auch nicht s mehr. Ich kann nicht behaupten, dass mich das wirklich stört, es ärgert mich kurz, ist mir dann aber egal. Jeder ist in seiner eigenen Welt.

Die neue Leber erscheint wie ein Geschenk, sie schenkt Leben, das einem anderen Menschen genommen wurde. Verpflichtet sie zu Dankbarkeit? Verändert sich nun das eigene Sein um die Eigenschaften des Spenders? Ist der junge Mann nun auch die junge Frau, die er sich als Spenderin vorstellt, obwohl er nicht weiss, woher die Leber stammte?

 Leben ist der autobiographische Rückblick von David Wagner auf seine Krankengeschichte. Er erzählt diese in einer authentischen, pragmatischen, offenen Weise. Seine Sprache ist klar und sachlich, sein Stil entbehrt nicht eines unterschwelligen Humors. Die Schwere der Thematik wird durch die kurzen und knappen Absätze aufgelockert. Man wird als Leser von einem Punkt zum anderen geschleudert, sieht sich gerade noch Todesgedanken gegenüber und entschwindet dann in vergangene Zeiten und Erinnerungen.

Das Buch ist voller Brüche, einer grosser ist die Transplantation, welche auf durch zwei schwarze Seiten im Buch gekennzeichnet ist. Es ist ein Buch, das sich nicht flüssig lesen lässt, ein Buch, das keine dahin plätschernde Geschichte erzählt. Die Form des Erzählens – es ist ein Erzählung verteilt auf 277 Paragraphen, 8 Teile, unzählbare Themen und Gedanken – wiederspiegelt das Erleben und verhilft dem Text so zu Unmittelbarkeit.

Fazit:
Eine authentische und sachliche Erzählung um Leben und Tod, die dabei sehr persönlich bleibt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
David Wagner
David Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011).

WagnerLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (22. Februar 2013)
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

 

 

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Jojo Moyes: Ein ganzes halbes Jahr

Lou kellnert mit grosser Freude in einem Café in dem kleinen Dorf, in dem sie geboren ist und noch heute zusammen mit ihren Eltern, ihrem demenzkranken Grossvater, ihrer Schwester und ihrem Neffen unter einem Dach lebt. Als das Café die Türen schliesst, braucht sie eine neue Arbeit, denn ohne ihr Einkommen könnte die Familie nicht auskommen. Das Einzige, was sie findet, ist die Pflege eines durch einen Unfall behinderten Mannes, dessen Gesellschafterin sie sein soll.

Eher widerwillig nimmt die diese Arbeit an, sieht sich bald mit einem mürrischen, sarkastischen und bösartigen Mann im Rollstuhl gegenüber, so dass sie am liebsten gleich künden möchte, was aber nicht möglich ist. Langsam tat das Eis zwischen den beiden.

Will und ich schienen einen Weg gefunden zu haben, miteinander umzugehen. Meist lief es darauf hinaus, dass er gemein zu mir war und ich es ihm manchmal heimzahlte.

Durch Zufall erfährt Lou, dass ihr Vertrag auf ein halbes Jahr begrenzt ist, weil Will danach in die Schweiz will, um da sein Leben, zu beenden. Von da an versucht Lou alles, ihm zu zeigen, dass das Leben auch im Rollstuhl lebenswert sein kann.

Ich starrte meinen Kalender an, den Stift immer noch in der Hand. Auf einmal vermittelte mir die mit Rechtecken bedruckte Fläche das Gefühl einer unglaublichen Verantwortung. Ich hatte hundertsiebzehn Tage, um Will Traynor davon zu überzeugen, dass es sich lohnte weiterzuleben.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, der die beiden einander näher bringt. Beide lernen sie voneinander und werden durch diese gemeinsame Zeit zu anderen Menschen.

Ein ganzes halbes Jahr erinnert sehr an den autobiographischen Roman von Philippe Pozzo di Borgo Le Second souffle (2001; auf Deutsch Ziemlich beste Freunde, 2012), welcher 2011 mit dem Titel Intouchables in die Kinos kam. Beide handeln von einem Mann, der durch einen Unfall im Rollstuhl landet, dadurch verschlossen und mürrisch wird und durch einen eher aussergewöhnlichen Gesellschafter zurück ins Leben findet, Spass daran hat. Im vorliegenden Buch ist es eine junge flippige Kellnerin, im Film ein dunkelhäutiger Exkrimineller. Neben vielen Gemeinsamkeiten gibt es aber durchaus auch Unterschiede, so dass es sich lohnt, dieses Buch trotzdem zu lesen.

Ein ganzes halbes Jahr ist leichte Unterhaltung, ist gut und leicht zu lesen, lässt einen dabei nicht mehr los, so dass man es kaum mehr aus der Hand legen will. Es weckt Gefühle, lässt einen nachdenken und eröffnet auch tiefer gehende Fragen, die man sich und dem Leben stellt. Die Geschichte trifft mitten ins Herz und setzt sich da fest. Man möchte schnell wissen, wie es ausgeht und fürchtet schon beim Lesen, dass es irgendwann zu Ende gehen könnte.

Fazit:
Ein ganzes halbes Jahr ist bewegend, mitreissend, feinfühlend und nachdenklich. Eine wunderschöne Geschichte auf einnehmende Weise erzählt. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Jojo Moyes
Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

MoyesHalbesJahrAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (21. März 2013)
Übersetzung: Karolina Fell
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Björn Moschinski: hier & jetzt vegan

Dies ist bereits Björn Moschinskis zweites Kochbuch zur veganen Küche. Sein Erstling  Vegan kochen für alle stiess auf grosses Interesse. Nachdem sich das erste Buch an Kochanfänger und Neulinge in der veganen Küche richtete, konzentriert sich Moschinski  bei hier & jetzt vegan auf Regionalität und Saisonalität. Damit soll eine Küche gefördert werden, die auf Produkte baut, welche keine weiten Wege hinter sich haben und dann verzehrt werden, wenn sie nach dem Plan der Natur reif sind.

Ausserhalb der Saison unreif gepflücktes und künstlich nachgereiftes Obst und Gemüse können nie den Geschmack und die Qualität liefern, welche die Gemüse- und Obstbauern aus der Region durch kurze Lieferwege frisch und knackig auf die Teller der Konsumenten bringen.

In einer anschaulichen Tabelle sieht man, wenn welche Produkte erntereif sind und sich damit für die vorgeschlagene Küche eignen. Das Buch ist aufgeteilt auf die vier Jahreszeiten, innerhalb derer man von Salatkreationen über Vorspeisen, Hauptspeisen bis hin zu Desserts und Drinks alles findet, das man ohne tierische Produkte und mit einheimischen Produkten kochen kann.

Kirschmichel, Flammkuchen, Gedeckter Apfelkuchen, Bruschetta, selbstgemachte Pasta mit geschmortem Fenchel oder Steinpilzrisotto – all das und noch viel mehr findet sich in diesem Kochbuch. Die wirklich tollen Bilder werden begleitet von einer ausführlichen Zutatenliste und einer Kochanleitung, die auch für wenig kochbegabte Esser verständlich ist.

Das Buch ist nicht nur für Veganer geeignet. Es liefert auch tolle und kreative Ideen für experimentierfreudige Mischköstler. Das Buch kann somit als Einstieg in eine vegane Ernährungsweise genauso dienlich sein wie als Alternative zur sonstigen fleischbasierten Ernährung. Es liefert Ideen, welche durch die wirklich ansprechenden Bilder zum Nachmachen einladen.

Wer sich nicht gleich ans Kochen traut, kann sich Moschinskis Küche auch kochen lassen im Kopps, Moschinskis veganem Restaurant in Berlin Mitte.

Fazit:
Schön aufgemacht, tolle Bilder, verständliche Rezepte, appetitanregende Rezepte. Sehr empfehlenswert – auch für Nichtveganer.

Eindruck zum Autor

moschinskiveganAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: südwest Verlag, Random House Verlagsgruppe (2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

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Erwin Koch: Von dieser Liebe darf keiner wissen

Von dieser Liebe darf keiner wissen vereint Kurzgeschichten, die von der Liebe handelt, vom Leben und der Ohnmacht, der man sich in beiden ausgeliefert sieht. Es sind Geschichten von Menschen, die sich den Schwierigkeiten des Lebens gegenüber stehen und sich diesem Leben stellen müssen, weil sie keine andere Wahl haben.

Sarah fasst sich ans Becken, rechte Seite, und stöht auf, es ist 17 Uhr, längst finster im Dorf am 8. Dezember 2007, ein Samstag, die Welt riecht nach Schnee.

Mit Schmerzen beginnt an einem Samstag Morgen der lange Leidensweg von Sarah. Leukämie heisst die Diagnose, Chemotherapie, Haarverlust, Schmerzen, Angst, Kampf und Wut sind die Folgen.

Mein Lachen, sagen alle, das lieben sie, doch es ist gelogen, wie alles von mir. Das richtige Lachen, das habe ich verlernt, denn meine Tränen, die haben sich vermehrt.

Sarah geht ihren Weg durch diese Krankheit, stellt sich ihr und hält sich an ihre Pläne, die sie für ihr bevorstehendes Leben hat.

Was, wenn man anders ist als die anderen, aber nicht weiss wieso? Wenn die Eltern und Grosseltern einem sagen, was geht und was nicht und dies die Sicht auf das eigene Ich versperrt?

Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock, man langweilt sich, Schluss nach drei Monaten. […] Ist das normal? Eigentlich will er jetzt keine Freundin mehr.

Dario lebt das Leben, wie es sich gehört, heiratet, hat Kinder, einen Beruf – bis alles nicht mehr weiter geht. Zumindest nicht so. Damit steht er am selben Punkt wie zwei Priester, die nur noch einen Ausweg sehen, nämlich sich umbringen zu lassen, damit ihr Geheimnis mit ihnen ins Grab geht.

Nicht mehr weiter wie bisher geht es auch für eine britische alte Dame, welche die Hinrichtung ihres Vaters im Ersten Weltkrieg nicht einfach hinnehmen, sondern für seine Rehabilitierung kämpfen will.

Von dieser Liebe darf keiner wissen erzählt in kurzen, berührenden Geschichten von einem Leben, das vom Sterben bedroht ist, von einem Leben zwischen dem, was geht und was nicht. Es sind Geschichten über Menschen, die diesem Leben einerseits ohnmächtig gegenüber stehen und es doch in die Hand nehmen und ihren Weg hindurch suchen.

Erwin Koch beschreibt ganz normale Menschen in deren ganz normalem Umfeld, welches mal in der Schweiz, mal in den Niederlanden, in China, Brasilien ist. Er tut dies in einer klaren, kurzen, knappen Sprache, der jegliches Pathos fehlt. Die Geschichten wirken durch ihre Figuren, die auf eine liebenswürdige Weise gezeichnet sind, die nachvollziehbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sind und dadurch berühren.

Fazit:
Lebensnahe Kurzgeschichten zwischen Leben und Sterben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Erwin Koch
Erwin Koch wurde 1956 in Hitzkirch, Schweiz, geboren und ist promovierter Jurist. Er war als Redaktor für den (Zürcher) Tages Anzeiger sowie dessen Magazin tätig und arbeitete als freier Journalist für diverse Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen die FAZ, Brigitte, Geo, Die Zeit. Von ihm erschienen sind unter anderem Sara tanzt (2003), Der Flambeur (2005), Nur Gutes (2008), Was das Leben mit der Liebe macht (2011)

KochLiebeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 191 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

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Eberhard Rathgeb: Kein Paar wie wir

Ruth und Vika sind Schwestern. Sie leben zusammen in ihrer Wohnung und blicken auf ein gemeinsames Leben zurück. Von klein auf hielten sie zusammen, passten aufeinander auf, gaben sich gegenseitig Kraft. Sie überstanden die Tyrannei des Vaters, die Depression und Kälte der Mutter. Als Ruth alt genug war, floh sie nach New York, Vika reiste ihr nach. Von da an konnte sie nichts mehr trennen. Männer, Kinder, alles wäre ein Einschnitt in ihre Freiheit gewesen und nichts liessen sie zwischen sich kommen.

Ich wollte frei sein, ungebunden, wollte mir selbst gehören, keine Magd, keine Gattin sein, niemandem zugeordnet, nur mit dir zusammen, mein eigen, dein eigen, und ich ging in die Welt, eine Frau, und du kamst nach, keiner konnte uns zurückhalten, keiner uns trennen, wir liebten uns, die Eltern schmiedeten uns mit ihrer Kälte und Strenge wie glühendes Eisen zusammen…

Nun sind sie alt, sitzen tagtäglich zusammen am Tisch, abends auf dem Sofa, lassen ihr Leben Revue passieren und geniessen dieses Leben im Gleichschritt, ohne Neuerungen, ohne Überraschungen, einfach zu zweit.

Die beiden Schwestern kannten einander gut, sie würden sich nicht mehr ändern, bei ihnen blieb alles beim Alten. Aber die Welt draussen bewegte sich, und oft ängstigten sie sich vor der Unruhe, die sich in ihnen ausbreitete, wenn sie Nachrichten hörten. Dann waren sie froh, drinnen zu sein, in ihren vier Wänden. Zu viel Bewegung ging über ihre Kräfte.

Erinnerungen, die das Heute füllen, der Blick zurück als Lebensinhalt. Zwei Frauen, die ihr ganzes Leben – abgesehen von drei Jahren – zusammen waren, die aneinander gekettet durch ihr Schicksal in dieser Zweisamkeit die Freiheit sahen. So durchs Leben zu gehen war die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, da keine der beiden Schwestern sich allein stark genug fühlte. Und wie sie lebten, so stellten sie sich auch ihren Tod vor.

Sie gingen davon aus, dass das Ende genau so sein würde, wie sie es sich vorstellten. Man musste, dachten sie, nur fest an etwas glauben, von etwas überzeugt sein, damit es eintraf.

Eberhard Rathgeb schildert in Kein Paar wie wir die Geschichte zweier Frauen, die in gemeinsamen Gesprächen die Vergangenheit täglich neu beleuchten. In einem sprachlichen Staccato von wiederkehrenden Anekdoten entsteht langsam, Stück für Stück, ein Lebensbild. Dabei wechselt die Erzählperspektive zwischen der Ich-Erzählung der beiden Schwestern sowie einer auktorialen Perspektive hin und her.

Fazit:
Kein Paar wie wir ist eine Geschichte voller Kälte, Leid und (Überlebens)Kampf, aber auch eine Geschichte voller Liebe, Verlässlichkeit, Lebenshunger.

Zum Autor
Eberhard Rathgeb
Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren und folgte mit vier Jahren seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Bis vor sieben Jahren wohnte er in verschiedenen Städten, zog dann mit Frau und Kind aufs Land. Er war Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ihrer Berliner Sonntagsausgabe. Von Eberhard Rathgeb erschienen sind bereits Inventur. Deutsches Lesebuch 1945 – 2003 (2003), Die engagierte Nation. Deutsche Debatten (2005), Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe (2007).

Rathgeb_24131_MR.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 25.90

Milena Agus: Die Welt auf dem Kopf

Eine junge Studentin wohnt in einem Haus in Cagliari, unter ihr lebt Anna mit ihrer Tochter, oben Mr. Johnson. Die Schicksale der drei Stockwerke vermischen sich, die Menschen des Hauses wachsen langsam zu einer Familie zusammen. Die junge Studentin hängt an dieser Familie, da sie alles ist, was sie hat. Ihr Vater hat sich das Leben genommen, ihre Mutter flüchtete sich in eine Geisteskrankheit.

…sie seien einfach wehrlos gegenüber dem Leben gewesen. Wir Menschen seien nun einmal nicht, wie die anderen uns gerne hätten. Daran könne man verzweifeln, ja, sogar sterben. Oder aber man akzeptiert, dass man anders gestrickt ist als andere…

Die junge Frau blickt auf eine Vergangenheit voller Verlusten in der eigenen Familie zurück, woraus Verachtung und Isolation im Umfeld resultierte. Zurück bleibt die Angst, dass ihr dieses wieder passiert, sie die Menschen, die ihr nun nah sind, wieder verlieren könnte. Sie sucht ihren eigenen Weg, ihren Platz im Leben, weiss aber nicht genau, wo ihn finden. Das lässt ab und an Wehmut aufkommen, Verzweiflung fast.

Ob ich nun Romanschriftstellerin werde oder nicht, ich glaube, dass ich nicht für diese Welt geschaffen bin und es besser gewesen wäre, ich wäre gar nicht erst auf die Welt gekommen.

Trotz allem glaubt sie an die grosse Liebe, lebt ein Leben voller Mitgefühl, voller Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Sie schöpft immer wieder neuen Mut, geht ihr eigenes Leben an, fängt an zu schreiben und schreibt dem Leben den Fortgang zu, wie sie ihn sich für sich und die, welche ihr lieb sind, wünscht.

Die Welt auf dem Kopf ist eine Geschichte voller Farben und Gerüchen, voller Liebe und Enttäuschungen, voller Hoffnungen und Ängsten. Es ist die Geschichte von unterschiedlichen Menschen, die alle dasselbe wollen: ein glückliches Leben. Allerdings gehen sie alle von unterschiedlichen Voraussetzungen aus und kommen durch ihr Naturell an unterschiedliche Orte. So gesehen das ganz normale Leben.

Die Frage nach dem Normalen steht im Zentrum von Milena Agus’ Geschichte. Wer oder was ist normal und wo fängt das Abnormale an? Was ist Natur, wo wird sie verkehrt?

„Und was ist bitte schön normal?“, fragte ich.
„Das, was die Mehrheit der Menschen tut! Normal ist man, wenn man ungefähr so ist wie die anderen.“
„Nein, weil wenn man verrückt ist und sich in einer Irrenanstalt befindet, ähnelt man ja auch den anderen, obwohl man nicht normal ist.“

Jede der Figuren von Milena Agus hat ihre normalen und ihre merkwürdigen Seiten. Alle sind sie liebenswürdig auf ihre Weise. Es sind Menschen, die sich kümmern, Menschen, die sich gegenseitig Familie sind. Es sind Menschen aus der Nachbarschaft, die langsam zusammen wachsen und eine Welt bilden, wie sie eine Autorin hätte entwerfen können. Milena Agus zeichnet eine Welt, die Mut macht, eine Welt der leisen Töne, eine Welt, die fein und zart erscheint und trotzdem die Tiefen des Lebens auslotet.

Fazit:
Eine wunderschöne Geschichte mit märchenhaften Zügen über das Leben, über den Tod, und alles, was dazwischen ist. Ein Buch, das Mut macht, tief, nachdenklich und doch froh ist. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Milena Agus
Milena Agus kam 1959 in Genua als Kind sardischer Eltern auf die Welt. Sie lebt heute in Cagliari, Sardinien, und unterrichtet an einer Schule Italienisch und Geschichte. Von Milena Agus erschienen sind bereits Die Frau im Mond (2009), Solange der Haifisch schläft (2009), Die Flügel meines Vaters (2010), Die Gräfin der Lüfte (2011)

AgusWeltAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: dtv (April 2013)
Übersetzung: Monika Köpfer
Preis: EUR 17.90 / CHF 25.90

Ulla Egbrinhoff: Franziska von Reventlow

Fanny Liane Wilhelmine Sophie Adrienne Auguste Comtesse zu Reventlow wurde am 18. Mai 1871 in Husum geboren. Ihr Lebensweg führte über Lübeck, München bis hinab nach Ascona, wo sie am 26. Juni 1918 starb. Es war ein bewegter Weg, ein Weg voller Brüche, voller Kampf um die eigenen Ideale und eine ständige Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit.

Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtzulegen.

Aufgewachsen in einem sehr konservativen Elternhaus, unterdrückt von einer Mutter, die aus ihr eine der Zeit und dem Stand angepasste junge Frau machen wollte, brach sie alsbald aus diesem Leben aus und brach damit mit ihrem Elternhaus. Sie wollte sich nicht abfinden mit den mangelnden Möglichkeiten als Frau, sah sich zur Künstlerin, zur Malerin geboren.

Franziska zu Reventlow widersetzte sich den Konventionen ihrer Zeit. Sie setzte sich für sexuelle Freizügigkeit ein, war allein erziehende Mutter eines Sohnes, den sie über alles liebte, dessen Vater sie aber zeitlebens nicht bekannt gab. Sie unterhielt wechselnde und teilweise überschneidende Männerbekanntschaften und verkehrte in Münchens Künstlerkreisen, ständig mit Geldsorgen kämpfend. Ihr Job als Übersetzerin reichte kaum je für den Lebensunterhalt, die gelegentlichen Geldbeschaffungsmassnahmen machten auch vor Körpereinsatz nicht Halt. Zwar hätte sie einige Male die Möglichkeit gehabt, in den Ehehafen einzulaufen und damit auch eine sicherere Lebensgrundlage zu haben, doch konnte sie sich nicht dazu entschliessen, ihre Freiheit aufzugeben.

[…] es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses masslose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.

Gab sich Franziska von Reventlow nach aussen lebenslustig und kämpferisch, kämpfte sie im Innern oft mit Depressionen und auch Einsamkeit. Die angeschlagene Gesundheit machte ihr auch oft zu schaffen. Trotz allem liess sie sich nicht von ihrem eigenen Weg abbringen, begann, als sie merkte, dass es mit der Malerei nicht klappte, zu schreiben und veröffentlichte Erzählungen in Zeitschriften wie der Neuen Rundschau oder Zürcher Diskussionen.

1900 beginnt sie mit ihrem autobiographischen Roman Ellen Olestjerne, welchen sie 1903 publiziert. Es folgen noch weitere Romane, doch aus ihren finanziellen Nöten kommt sie nicht heraus. 1910 zieht sie mit ihrem Sohn nach Ascona, wo sie 1918 bei einer Operation stirbt.

 Ich finde, dass das Leben [der Reventlow] eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie. (Rainer Maria Rilke in „Die Zukunft“, 1904)

Ulla Egbringhoff hat dieses Leben dargestellt und dies auf eine sanfte, menschliche und fundierte Weise. Sie hat ein klares Bild der Lebensumstände und der damaligen Gesellschaft gezeichnet und die eigenwillige und kämpferische Künstlerin hinein gebettet. Die konventionellen Geschlechterrollen sind dabei ebenso Thema wie künstlerische Strömungen und gesellschaftliche Erwartungen.

Franziska von Reventlow wird in diesem Buch lebendig, man fühlt sich ihr verbunden, erkennt in ihr eine Frau, die ihren Weg gehen will und dafür einen hohen Preis zahlt. Das Buch handelt vom Leben einer Künstlerin, die in sich einen enormen Lebenswillen und Freiheitsdrang spürt, dem sie nicht entkommen kann. Sie muss diese ausleben, verzweifelt dabei aber innerlich ab und an, fühlt sich unzulänglich und allein.

Fazit:
Das Portrait einer unkonventionellen, freiheitsliebenden, kreativen Frau, welche sich ihre eigene Welt schaffte und doch nie zu Hause schien. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Ulla Egbringhoff
1965 in Metelen/Westfalen geboren, studierte Ulla Egbringhoff in München und Köln Literatur, Theaterwissenschaften und Philosophie. Es folgten verschiedene Tätigkeiten als Regieassistentin, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung, Rundfunkbeitrräge für den WDR sowie Aufsätze zu Autorinnen der Jahrhundertwende.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (August 2000)
Preis: EUR 7.90 / CHF 12.50

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