«Was bedeutet es für die Nachgeborenen, in dieser Atmosphäre aufzuwachsen? Wie war es, wenn Schweigen herrschte, nicht gesprochen wurde über das, was allgegenwärtig war, aber nicht benannt wurde?»
Was die Menschen im Zweiten Weltkrieg durchmachen mussten, welches Leid sie erlebt haben, ist wohl unermesslich. Dass die Überlebenden nach dem Krieg oft geschwiegen haben, hat dies noch befördert. Und doch trugen sie das Erlebte weiter, sie erzählten es den Kindern nicht, sie gaben es durch ihr Verhalten weiter, sie vererbten es sogar.
«Dennoch haben die Überlebenden ihre aus dem Holocaust resultierenden Traumata an die nächste Generation weitergegeben, was sogar festzustellen ist anhand der bei den Eltern und Kindern identischen Veränderungen bestimmter Gene.»
In diesem Buch berichten Kinder von Überlebenden darüber, wie es war, mit ihren Eltern und deren Vergangenheit aufzuwachsen und zu leben.
Weitere Betrachtungen
«Meine Eltern hatten eine grosse Last zu tragen, das spürte ich diffus. Doch ich hatte keine Ahnung, was das denn sein könnte. Sie sprachen ja nicht darüber. Deshalb feixte das Gespenst hinter dem Vorhang, und meine Jugend durchzog das Gefühl von Verlorenheit.»
Die Überlebenden des Krieges waren oft traumatisiert und sie konnten über das Erlebte nicht sprechen. Einerseits fehlten ihnen selber die Worte oder der sprachliche Ausdruck hätte es nochmals zu präsent gemacht, andererseits wollten sie auch keinen belasten. Doch gerade das taten sie mit dem Schweigen. Die daraus resultierenden Verletzungen, Prägungen und Verunsicherungen haben das Leben der nachkommenden Generation nachhaltig geprägt.
«Alles war Disziplin. Und Verdrängung. Für sie war das der absolute Weg, ich möchte das nicht verurteilen.»
Es geht in dem Buch nie um eine Verurteilung, um eine Anklage. Es sind Zeugnisse von heute erwachsenen Kindern über ihre Kindheit und das, was sie daraus nachhaltig geprägt hat.
«Natürlich bin ich geprägt durch dieses disziplinierte Durchhalte-Muster der Eltern. Ich strotze bis heute vor Selbstdisziplin […] Ich neige dazu, mich beruflich bis an alle Grenzen zu fordern.»
Obwohl jede Familie anders war, zeigte sich in allen Familien etwas Gemeinsames. Das Vergangene ist nicht einfach vorbei. Marcel Reif, Nina Ruge, Sandra Kreisler, Ilja Richter und viele andere erzählen von ihren Erfahrungen als Kinder von Überlebenden, sie berichten von der Zeit damals und ihren Empfindungen und den prägenden Folgen für ihr Weiterleben. Entstanden sind eindrückliche und persönliche Zeugnisse davon, wie Leid weitergegeben wird, wie traumatische Erlebnisse nicht einfach verschwinden, sondern noch Jahre nachwirken, oft über Generationen. Ein Grund mehr, dass die Ursachen nicht vergessen werden dürfen, in der Hoffnung, dass eine Wiederholung dadurch und daraus resultierendes Leid verhindert werden können.
Persönlicher Bezug Ich habe im Zug meiner Forschung um den Zweiten Weltkrieg, welche eine tiefe Auseinandersetzung mit Überlebenden und deren Zeitzeugnissen beinhaltete, viel über das Leid der direkt Betroffenen erfahren. Ich habe gelesen und gehört, was sie erlebt haben, wie sie die Nachkriegszeit erfahren haben, was für sie das Weiterleben bedeutet hat. Dieses Buch hat mir nun aufgezeigt, welche Auswirkungen all das auf die nachkommende Generation hatte. Da ich sehr gerne persönliche Geschichten, Memoirs und Biografien lese, kam mir die in dem Buch gewählte Form natürlich sehr gelegen.
Fazit Ein wichtiges Buch, weil es hilft, nicht zu vergessen, was nie vergessen werden darf. Ein persönliches und berührendes Buch darüber, wie Traumata vererbt werden und was dies für die nachkommenden Generationen bedeutet. Sehr empfehlenswert.
Autorin Andrea von Treuenfeld hat Publizistik und Germanistik studiert und als Kolumnistin, Korrespondentin und Leitende Redakteurin u.a. bei der Welt am Sonntag gearbeitet. Heute lebt sie in Berlin und schreibt als freie Journalistin Porträts und Biografien.
Angaben zum Buch Herausgeber: Gütersloher Verlagshaus (27. Februar 2017) Gebundene Ausgabe: 224 Seiten ISBN: 978-3579086705
«Erschöpfung ist kein individuelles Schicksal, sondern Ausdruck eines kollektiven Leidens, das auch gesellschaftliche und nicht zuletzt ökonomische Ursachen hat.»
Frauen haben in der heutigen Zeit so viele Möglichkeiten, wie wohl nie zuvor. Sie waren wohl auch noch nie so vielen Erwartungen ausgesetzt wie heute, und müssen gleichzeitig noch immer mit Benachteiligungen leben, die keiner rationalen Grundlage, sondern nur einer über Jahrzehnte gewachsenen Struktur geschuldet sind. Noch immer verdienen Frauen weniger, erwartet man von ihnen die Sorge um die Mitmenschen, oft auch als Gratisarbeit, sollen sie am besten gefällig, nett anzuschauen und möglichst angepasst sein.
Das stille sich Hineinfügen in die immer noch vorhandenen Ungerechtigkeiten aber auch der Kampf, etwas zu ändern, kosten Kraft, Kraft, die nicht unendlich vorhanden ist und die mehr und mehr ausgeht und Frauen in die Erschöpfung treibt.
Franziska Schutzbach schaut genau hin, thematisiert die Missstände, belegt sie mit eindeutigen Zahlen und zeigt so den dringenden Handlungsbedarf, der auch heute noch herrscht.
Weitere Betrachtungen
«Eine feministische Arbeit gegen die Erschöpfung ist eine Arbeit an Beziehungen. Wenn Menschen ihre Sehnsucht nach Bezogenheit und ihre Bedürftigkeit nach Umsorgung ernst nehmen, wenn sie zueinander in Beziehung stehen, können sie sich einander verletzlich zeigen – und auch erschöpft. Wenn Menschen in Beziehung stehen, können sie ohne Angst verschieden sein.»
Wir haben es noch nicht geschafft, Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht. Bücher wie dieses können dabei helfen, die Augen zu öffnen für die Missstände, die noch immer herrschen. Dass dies nicht das Anliegen eines Einzelnen sein kann, liegt auf der Hand. Wir leben in einer Welt, in welcher sich ein System über Jahrzehnte herausgebildet hat. Es liegen klare Rollenbilder vor, wie Frauen (und Männer) zu sein haben und wie sie behandelt werden (dürfen, wie die landläufige Meinung zu sein scheint). Es reicht nicht, wenn eine Einzelne in einer persönlichen Situation einfach reagiert, es bedarf des gemeinsamen Kampfs gegen diese Missstände, denn sonst wird sich nie etwas im Grossen ändern, sonst werden sich das System und dessen immanente Struktur nie zu einem Besseren verändern.
«Im Nachhinein wird ausgeklammert, welche Radikalität notwendig war, damit sich überhaupt etwas verändert, und dass Frauen für ebendiese Radikalität angegriffen und gehasst wurden.»
Franziska Schutzbach zeigt auf, wie Frauen in vielen Belangen des täglichen Lebens in ihren Ressourcen ausgenutzt, wie sie kulturell und sozial benachteiligt und in ihren Rechten beschnitten werden. Zwar haben wir durch den langen Weg der Frauenbewegungen schon einiges erreicht, aber wir sind noch nicht am Ziel. Dass es kein einfacher Weg war, zeigt die Geschichte, er wird auch jetzt nicht leichter werden, da die Privilegierten ungern auf ihre (unverdienten) Privilegien verzichten wollen und alles dransetzen, sich diese zu bewahren.
Franziska Schutzbach ist eine fundierte, gut recherchierte und informative Arbeit gelungen. Die Autorin verweist auf aufschlussreiche Studien und Schriften namhafter Theoretikerinnen und präsentiert die Ergebnisse auf eine gut lesbare und verständliche Weise. Entstanden ist so ein Buch, das zum Nachdenken und Weiterdenken und hoffentlich auch zur Tat anregt.
Persönlicher Bezug
«Wer sich öffentlich für feministische Anliegen ausspricht, sexistische Strukturen kritisiert und Fehlverhalten anspricht, ist mehr als nur Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt. Diese massiven Widerstände sind erschöpfend.»
Es war und ist nicht einfach, sich Feministin zu nennen, da man dann sofort in eine Ecke gedrängt und oft angefeindet wird. Die Reaktionen, die von Ignoranz über Belächeln bis hin zum Angriff und zur Beleidigung reichen, zeigen deutlich, wie viel noch im Argen liegt, denn wenn etwas so heftig abgelehnt und bekämpft wird, dann hat man in ein Wespennest gestochen, einen Missstand entdeckt. Es wird nichts bleiben, als weiterzumachen, Feminismus als wichtige Aufgabe und aktives Tun zu sehen, um den Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaft weiterzugehen. Ich hoffe, dass gerade auch Frauen merken, dass sie nur gemeinsam Erfolg haben werden, dass nur gelebte Solidarität und ein aktives Miteinander helfen, so eingefahrene Strukturen zu verändern. Leider mangelt es gerade daran oft.
Fazit Ein wichtiges Buch über ein aktuelles Thema, das zum Nachdenken anregt. Ein Aufruf, weiterzukämpfen für eine gerechte Welt, in welcher Menschen nicht ihres Geschlechts wegen benachteiligt sind. Sehr empfehlenswert.
Autorin Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel.
Angaben zum Buch Herausgeber: Droemer HC (1. Oktober 2021) Gebundene Ausgabe: 304 Seiten ISBN: 978-3426278588
«Ist es überhaupt noch möglich, Bücher zu schreiben, die hüben wie drüben in gleicher Weise wirken? […] Wir haben nur noch nicht genügend verstanden, dass es nicht irgendeine, sondern die Forderung an einen deutschen Schriftsteller unserer Zeit ist, Nationalbewusstsein schaffen zu helfen.»
Diese Zeilen schrieb Christa Wolf 1961 in ihrem Diskussionsbeitrag ‘Probleme junger Autoren’ zur Vorbereitung des V. Deutschen Schriftstellerkongresses. Christa Wolf hat sich in ihrem langen Leben immer wieder mit dem Schreiben, Lesen, der gesellschaftlichen und politischen Situation Deutschlands sowie vielem mehr beschäftigt und dazu tiefgründige und zum Nachdenken anregende Essays geschrieben und Reden gehalten. Diese sind nun von Sonja Hilzinger für die vorliegende Publikation zusammengetragen worden.
Weitere Betrachtungen
Christa Wolf selber machte keinen Unterschied zwischen ihrer literarischen Prosa und der Essayistik. Beides, so Wolf, entspringe ihrer Erfahrung, der Erfahrung sowohl mit sich selber wie auch der Welt um sie herum. In ihrer Essayistik behandelt sie denn auch die ganze Bandbreite ihrer Interessen und Lebensinhalte: Das Schreiben, das Lesen, die Politik sowie die gesellschaftlichen Umstände. Durch die hier gesammelten Essays und Reden erhält man so einen sehr interessanten (und natürlich auch persönlich-subjektiven) Einblick in das kulturelle und sozialpolitische Geschehen der Jahre von Christa Wolfs Leben und Schaffen.
Der Umfang der Texte erforderte eine dreibändige Ausgabe:
Band 1: Lesen und Schreiben 1961 – 1980
Band 2: Wider den Schlaf der Vernunft 1981 – 1990
Band 3: Nachdenken über den blinden Fleck 1991 – 2010
Sie zeigt darin auf, wie der Einzelne auf das Ganze der Welt wirkt:
«Unsere blinden Flecke, davon bin ich überzeugt, sind direkt verantwortlich für die wüsten Flecken auf unserem Planeten.»
Worin das Talent von Künstlern liegt:
«Ein grosses Talent zeichnet sich nicht dadurch aus, dass ihm zufällt, was anderen Mühe macht. Viel eher kennzeichnet es die Fähigkeit, sich aller Mittel zu seiner Verwirklichung, die seine Zeit ihm in die Hand gibt, auf ertragreichste Weise zu bedienen.»
Reflexionen zum eigenen Schreiben:
«Ich schreibe, um herauszufinden, warum ich schreiben muss. – Tatsächlich wird Schreiben für mich immer mehr der Schlüssel zu dem Tor, hinter dem die unerschöpflichen Bereiche meines Unbewussten verwahrt sind; der Weg zu dem Depot des Verbotenen, von früh an Ausgesonderten, nicht Zugelassenen und Verdrängten; zu den Quellen des Traums, der Imagination und der Subjektivität.»
Und vieles mehr. Wer mehr von und über Christa Wolf erfahren will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt, es ist eine wunderbare Wundertüte voller weiser Gedanken zu einer grossen Bandbreite von Themen.
In ausführlichen und informativen Kommentaren erfährt der Leser den Zeitpunkt der Entstehung, der Publikation sowie den Anlass oder das Medium derselben. Dies ist gerade bei den politischen Texten sehr wertvoll, hilft es doch, die Texte noch besser ins Zeitgeschehen einzuordnen.
Persönlicher Bezug Ich mag literarische Texte, liebe die Literatur, was ich aber ebenso und manchmal noch mehr liebe, sind Essays, gerade die von Literaten. Sie versprechen oft einen klaren Blick auf ein bestimmtes Thema und präsentieren diesen in einer literarischen, schön zu lesenden Sprache. In Essays zeigt sich noch viel mehr als in der Literatur der Scharfbllick des denkenden Menschen, offenbaren sich die Gedankengänge der jeweiligen Person, öffnen sich Einblicke in die Meinungen und Ansichten eines schreibenden Menschen. Christa Wolfs Essays und Reden sind ein grossartiges Beispiel dafür.
Fazit Ein wunderbar umfassender Blick auf Christa Wolfs Denken und Schaffen. Kompetent und aufschlussreich zusammengetragen und präsentiert. Sehr empfehlenswert.
Autorin und Herausgeberin Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas Mann Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Sie verstarb 2011 in Berlin.
Sonja Hilzinger, Privatdozentin für Neuere deutsche Literatur, lebt in Berlin und arbeitet als freie Autorin, Lektorin und Wissenschaftsberaterin. Zum Werk Christa Wolfs veröffentlicht sie seit 25 Jahren und hat u.a. die zwölfbändige Werkausgabe ediert.
Angaben zum Buch Herausgeber: Suhrkamp Verlag; Originalausgabe Edition (16. August 2021) Taschenbuch: 1800 Seiten (Drei Bände im Schuber) ISBN-Nr.: 978-3518471609
Two roads diverged in a yellow wood, And sorry I could not travel both And be one traveler, long I stood And looked down one as far as I could To where it bent in the undergrowth;
Then took the other, as just as fair, And having perhaps the better claim, Because it was grassy and wanted wear; Though as for that, the passing there Had worn them really about the same.
And both that morning equally lay In leaves no step had trodden black. Oh, I kept the first for another day! Yet knowing how way leads to way, I doubted if I should ever come back.
I shall be telling this with a sigh Somewhere ages and ages hence: Two roads diverged in a wood, and I- I took the one less traveled by, And that has made all the difference.
Eines der wohl bekanntesten Gedichte von Robert Frost, fast möchte ich sagen, der englischsprachigen Dichtung. Im Spiel mit dem Bild eines Weges, der für den Lebensweg stehen kann, trifft der Gehende auf eine Weggabelung. Welchen Weg soll er beschreiten? Was verspricht der eine, was der andere? Was werden sie beide halten? Vor dem Gehen wird man es nicht wissen, man kann nur Abwägungen machen, die Wege von aussen betrachten, Vorstellungen zu Hilfe ziehen – und dann wird man eine Entscheidung treffen müssen.
Das Ich im Gedicht schaut sich die Wege an, schaut dem einen nach, bis er sich der Sicht entzieht, begutachtet den anderen. Vieles deutet darauf hin, dass beide etwa gleich viel begangen worden sind, und doch gibt es Spuren für das Gegenteil. Beide Wege liegen gleich vor ihm an diesem Morgen. Und so entscheidet sich das Ich für einen, behält sich den anderen für später vor, im Wissen, dass ein Weg oft in einen anderen führt, die Chance also gross ist, dass es nie mehr an den Punkt von heute zurück kehren wird.
Oft im Leben stehen wir vor Entscheidungen und überlegen nach allen Seiten, welche die für uns beste sei. Wir wägen ab, stellen uns Konsequenzen vor und wissen, dass jede Entscheidung für etwas, auch eine gegen etwas anderes sein wird. Nur: Wir können nicht alles haben, wir müssen eine Wahl treffen. Und: Vieles im Leben kommt nicht wieder.
Bemerkenswert ist der letzte Vers. In der ersten Zeile heisst es da, dass das ich dies mit einem Seufzen sagen werde. Das Ich sagt es nicht mal jetzt, sondern erst irgendwann und irgendwo, dann, wenn der Weg gegangen ist und es sehen wird, wohin er geführt hat. Was aber bedeutet das? Ein Seufzen ist keine eindeutige Angelegenheit. Je nachdem, wie man seufz, kann es Erleichterung oder Bedauern ausdrücken. Wir wissen nicht, welche Art des Seufzen es hier sein wird.
Und dann wird alles nochmals zusammengefasst: Wir haben die klare Ausgangslage der zwei Strassen, die sich trennen in einem Wald. Und dann folgt die Entscheidung: Das Ich nimmt den Weg, der weniger begangen ist. Und das macht den ganzen Unterschied. Was nun so klar daliegt, ist allerdings alles andere als klar. Wir wissen nicht, welchen Unterschied das macht, ob dieser positiv oder negativ ist für das Ich, das den Weg gegangen ist. Und vermutlich ist das gar nicht wichtig. Nur schon das Treffen einer Entscheidung hat einen Unterschied gemacht, indem ich nämlich weiter gehe im Leben und nicht stehen bleibe. Einmal getroffen, gilt es, den Weg zu gehen. Bis sich wieder neue Weggabelungen zeigen.
Ich konzentriere mich in meinem Blog und auch in meinem Lesen allgemein mehrheitlich auf deutschsprachige Literatur, doch gibt es so ein paar Lieblinge aus anderen Ländern, die ich nicht missen möchte. Robert Frost ist einer davon. Die Schwierigkeit, die sich dabei zeigt, ist die des Übersetzens – gerade in der Lyrik (sie ist aber auch in der Prosa ein grösseres Thema, als landläufig angenommen wird, da ein falscher Sprachduktus in der übersetzten Sprache das ganze Buch komplett verändern kann und viel vom Charme wegfällt, welchen das Original hatte). Zwar verstehe ich Englisch durchaus ziemlich gut, was bei anderen Sprachen leider nicht mehr der Fall ist, ich habe mich bei diesem Gedicht aber doch um Übersetzungen bemüht, vor allem auch, weil ich das Gedicht so liebe und es auch Menschen zugänglich machen möchte, welche im Englischen nicht so bewandert sind.
Deutsche Übersertzung von Lars Vollert:
Ein Weg ward zwei im gelben Wald. Betrübt, dass ich nicht beide gehen Und Einer sein kann, macht’ ich Halt und sah dem einen nach, der bald im Dickicht war nicht mehr zu sehn.
Ich nahm darauf den andern dann. Sein gutes Recht gewährt’ ich ihm: Das Gras stand dort schon wieder lang, obgleich er durch der Leute gang genauso ausgetreten schien.
Auf beiden an dem Morgen lag das Laub von Tritten nicht zerdrückt. Dem ersten blieb ein nächster Tag! Weil eins zum andern führen mag, ahnt’ ich, ich käm wohl nicht zurück.
Ich sag mit einem Seufzen sicherlich, wenn viele Jahre ich verbracht: Ein Weg ward zwei in einem Wald, und ich – ich nahm den einsamen für mich, das hat den Unterschied gemacht.
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Literaturhinweis: Robert Frost: Promises to keep. Poems Gedichte, Übersetzung und Nachwort von Lars Vollert, C. H. Beck textura, 9. Auflage, München 2016.
«Niemand hofft 1929 noch auf eine Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.»
Schon 1929 liegt der Bruch in der Luft, 1933 besiegelt die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler endgültig das, was man landläufig als die goldenen Zwanziger nennt.
«Joeseph Goebbels schreibt am späten Abend des 30. Januar in sein Tagebuch: ‘Hitler ist Reichskanzler. Wie im Märchen.’
*
Klaus Mann schreibt am späten Abend des 30. Januar in sein Tagebuch: ‘Hitler Reichskanzler. Schreck. Es nie für möglich gehalten. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.’»
Florian Illies erzählt aus einer dunkeln Zeit, in der Menschen verfolgt, Bücher verbrannt und Hoffnungen ausgelöscht wurden. Er erzählt aber auch von einzelnen Menschen in dieser Zeit, zeigt ihre Nöte sowie ihre Freuden. Während die Welt in eine der grössten Katastrophen schlittert, suchen und finden Menschen die Liebe, welche sie wohl doppelt brauchen unter diesen Umständen.
Weitere Betrachtungen
«Alle glücklichen Paare ähneln einander. Aber alle unglücklichen sind auf ganz eigene Weise unglücklich.»
Simone de Beauvoir trifft auf Jean Paul Sartre, mit dem sie fortan eine Geistesverwandtschaft sowie eine unkonventionelle Beziehung verbindet. Erich Maria Remarque verliebt sich in Marlene Dietrich, welche nach Amerika geht und ihn durch kleine Gemeinheiten am langen Arm fast verhungern lässt. Klaus und Erika Mann verstricken sich in komplizierte Liebschaften und Scheinbeziehungen. Berthold Brecht heiratet Helene Weigel, um danach seiner Geliebten den Brautstrauss als Präsent zu bringen. Pablo Picasso liebt schon die nächste, malt aber noch immer die frühere Geliebte. Hermann Hesse trifft auf Ninon, Wittgenstein versteht alles ausser der Liebe, Tucholsky vermisst in Schweden den Liebeszauber – es wird geliebt und entliebt in Florian Illies Buch «Liebe in Zeiten des Hasses» und neben all den liebestollen Verstrickungen zeichnet sich ein Bild einer Zeit, in welcher Hass die Menschen regiert.
Es ist Florian Illies gelungen, auf eine sehr unterhaltsame Weise einerseits ein Zeugnis der Zeit abzulegen, andererseits die Verirrungen und Verwirrungen einzelner Menschen darzustellen – dies aber nie wertend, nie verurteilend, immer mit einem leisen Augenzwinkern. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, die dieser am liebsten nicht unterbrechen, sondern immer noch tiefer eintauchen will. Eine grossartige Mischung aus kompetenter Information und erzählerischer Leichtigkeit, politischer Geschichte und menschlichen Erlebens.
Persönlicher Bezug Mein Interesse für diese Zeit lässt seit vielen Jahren nicht nach, der Blick auf Biografien lässt diese in meinen Augen immer wieder lebendig werden. Dieses Buch vereint beides auf eine grossartige Weise. Ich bevorzuge zwar Erzählweisen, welche einen Faden von Anfang bis Ende spinnen und nicht hin und her springen, das hätte aber in diesem Fall die Chronologie durchbrochen, so dass die Entwicklung der Zeitgeschichte nicht gleich sichtbar gewesen wäre.
Fazit Ein sehr informatives, kompetentes, trotzdem leicht lesbares und humorvolles Buch über eine dunkle Zeit unserer Geschichte, mehr noch aber über die persönlichen Liebeserfahrungen verschiedener Dichter und Denker in ihr. Sehr empfehlenswert.
Autor Florian Illies, geboren 1971, studierte Kunstgeschichte in Bonn und Oxford. Er war Feuilletonchef der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« und der »ZEIT«, Verleger des Rowohlt Verlages, leitete das Auktionshaus Grisebach und gründete die Kunstzeitschrift »Monopol«. Heute ist Florian Illies Mitherausgeber der »ZEIT« und freier Schriftsteller in Berlin.
Angaben zum Buch
Herausgeber: S. FISCHER; 3. Edition (27. Oktober 2021) Gebundene Ausgabe: 432 Seiten ISBN: 978-3103970739
«Nicht das Erinnern, sondern das Vergessen ist der Normalfall in Kultur und Gesellschaft. Vergessen geschieht lautlos, unspektakulär und allüberall. Erinnern ist demgegenüber die unwahrscheinliche Ausnahme, die auf bestimmten Voraussetzungen beruht.» (Aleida Assmann)
Nicole Seifert hat es sich in diesem Buch zur Aufgabe gemacht, die Ungleichverteilung der Aufmerksamkeit gegenüber Literatur von Frauen und Männern aufzudecken. Sie beleuchtet einerseits die Verlagsprogramme, andererseits die Feuilletons von Zeitungen und Zeitschriften sowie verschiedene Literaturkanons, darunter auch den der Schulen und Universitäten. Die Ergebnisse sind frappant: Frauen sind nicht nur stark untervertreten in allen Bereichen, die Behandlung von Literatur von Frauen in den unterschiedlichen Medien erfolgt ebenfalls in reduzierter Form (weniger umfangreich und oft mit dem Schwerpunkt auf Attributen der Autorin statt auf dem Werk selber).
«Damit Künstlerinnen und ihre Werke in Erinnerung bleiben, müsste demnach aktiv etwas dafür getan werden.» (Nicole Seifert)
Es ist wichtig, diese Missstände mal zu durchleuchten und ins Bewusstsein zu bringen, denn nur so kann sich etwas ändern.
Weitere Betrachtungen Nicole Seifert hat sich vorgenommen, ein Jahr nur noch Literatur von Frauen zu lesen. Es wurden drei daraus und das Vorhaben, das vorliegende Buch zu schreiben.
«Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf – und die Frage, wer dafür verantwortlich ist, führt nicht weiter. Gegen strukturelle Probleme helfen nur strukturelle Veränderungen, und die sind nur zu erreichen, wenn genug Menschen aus den unterschiedlichen Bereichen ein Interesse daran haben oder sich für die Benachteiligten einsetzen – in den Verlagen, in den Redaktionen, in den Kultusministerien. Und auch Leser*innen und Konsument*innen können dazu beitragen.»
Nicole Seifert hat einen gut fundierten und breit abgestützten Bericht darüber geschrieben, wie Frauen in der Literatur vergessen, ignoriert und abwertend behandelt werden. Sie räumt dabei mit landläufig ins Feld geführten Argumenten auf. Zwar stimmt es, dass früher weniger Frauen geschrieben haben als Männer, aber selbst damals gab es viele, die Erfolg hatten und dann in Vergessenheit gerieten. Die Gründe für das Vergessen sind wohl vielfältig, sicher aber lag es nicht an der mangelnden Qualität des Geschriebenen. In der heutigen Zeit stimmt das Argument noch weniger, gibt es doch viele schreibende Frauen, welche durchaus qualitativ hochstehende Literatur schreiben. Und doch fristen Sie ein Dasein in der Wahrnehmung im unteren Drittel der Berücksichtigung und damit Sichtbarkeit.
Persönlicher Bezug Ich habe Literatur studiert und lange Jahre keinen Gedanken darauf verwendet, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben worden ist. Die Mehrzahl der von mir gelesenen Bücher während der Schule und dem Studium waren von Männern (in der Kindheit war es anders) – das fiel mir auf, als ich bewusst hinschaute. Und ja, als ich nachdachte, wären mir einige Frauen in den Sinn gekommen, die zu lesen sich gelohnt hätte. Als ich mich weiter mit der Thematik befasste, stiess ich auf mir unbekannte Namen, die ich nach eigener Lektüre als lesenswert und zu Unrecht vergessen anerkennen musste.
Das Thema ist mir wichtig geworden, wie mir das Thema Frausein in unserer Gesellschaft immer wichtiger wird. Ich finde dieses Buch aus diesem Grund wertvoll und bedenkenswert, hoffe, dass es Menschen anstösst, sich aktiv einzusetzen. Es geht mir dabei nicht um einen Feldzug gegen die Literatur von Männern, sondern es ist nötig, das Bewusstsein für einen Missstand zu wecken.
Dass sich dieser Missstand von selbst irgendwie ausgleichen wird in der heutigen Zeit, ist ein Irrglaube, den man in der jüngeren Vergangenheit gut nachweisen kann. Selbst wenn dann und wann der Ruf nach einer ausgeglicheneren Verteilung von Frauen und Männern in Literaturkanons aufkam, wurde dies selten wirklich ausreichend umgesetzt. Der Wurm liegt in der Gesellschaftsstruktur, welche über Jahrzehnte und mehr patriarchische Mechanismen förderte und in den Köpfen festsetzte. Das wächst sich nicht einfach aus, daran muss aktiv gearbeitet werden.
Fazit Ein wichtiges Buch. Nicole Seifert liefert einen fundierten, breit abgestützten Überblick auf die Situation der Literatur von Frauen und deutet damit auf einen Missstand hin, der behoben werden sollte. Sehr empfehlenswert.
Autorin Nicole Seifert ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und gelernte Verlagsbuchhändlerin und arbeitet in Hamburg als Übersetzerin und Autorin. Ihr Blog »NachtundTag«, der sich ausschließlich mit Schriftstellerinnen beschäftigt, wurde 2019 mit dem Buchblog Award von Netgalley und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
Angaben zum Buch Herausgeber: Kiepenheuer&Witsch; 2. Edition (9. September 2021) Gebundene Ausgabe: 224 Seiten ISBN-Nr.: 978-3462002362
«Dieses Buch ist kein Motivationsbuch. Ich habe nicht herausgefunden, wie man einen unbändigen Körper und unbändige Gelüste kontrolliert. Meine Geschichte ist keine Erfolgsgeschichte. Meine Geschichte ist einfach eine wahre Geschichte.»
Roxane Gay erzählt die Geschichte ihres Körpers, den sie anwachsen liess, um sich und ihn zu schützen. Sie erzählt die Geschichte von einem traumatischen Erlebnis, welches sie zum Schweigen brachte und einen Kreislauf von immer mehr Leid und Isolation auslöste, was zu immer mehr Leere führte, die dann gefüllt werden musste – durch Essen, das den Körper wachsen liess.
«Dieses Buch erzählt von meinem Körper, von meinem Hunger, und letztich erzählt es vom Verlorengehen und Verschwinden und von der Sehnsucht, der wirklich starken Sehnsucht, gesehen und verstanden zu werden.»
Roxane Gay erzählt von allen Versuchen, die sie unternommen hat, ihren Körper wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie erzählt von ihren Ängsten, Hoffnungen, ihrer ganzen Verzweiflung.
Weitere Betrachtungen Zu sagen, dieses Buch sei schwere Kost, träfe den Nagel auf den Punkt und wieder auch nicht. Es ist ein Buch, das berührt, erschüttert, den Atem stocken lässt, traurig macht. Es erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, dem etwas widerfährt, das das ganze Leben prägen wird. Es ist die Geschichte eines Missbrauchs, der nicht nur den Körper versehrt, sondern auch die Seele krank macht. Es ist die Geschichte einer Frau, die von Schuld und Scham geplagt ist, die das Vertrauen in sich und die Menschen verloren hat und sich nach nichts mehr sehnt, als nach Liebe, derer sie sich nicht würdig scheint.
«Ich war schon immer anders. Meine wahre Liebe galt und gilt noch immer den Büchern, dem Schreiben von Geschichten, dem Tagträumen.»
Wenn die Welt kalt und gefährlich erscheint, bleibt die Flucht nach innen. So ist «Hunger» auch die Geschichte eines Menschen, der in Büchern und im Schreiben einen Weg gefunden hat, dem Schrecken zu entkommen. Schreiben wurde zudem ein Weg, der in eine Zukunft führte, auch beruflich.
Persönlicher Bezug
«Ein Grund, warum Beziehungen und Freundschaften so schwierig für mich werden können, ist, dass ein Teil von mir immer glaubt, alles richtig machen zu müssen. Ich muss die richtigen Dinge sagen und die richtigen Dinge tun, sonst mag und liebt man mich nicht länger. Das ist anstrengend. Ich will unbedingt die beste Partnerin oder Freundin sein, und gerade durch diese ungeheure Anstrengung entferne ich mich immer weiter von der, die ich eigentlich bin: jemand mit einem guten Herzen, die aber vielleicht nicht immer alles richtig macht.»
Ich habe noch selten ein Buch gelesen, das eine Passage beinhaltet, die so gut auf mich passen könnte wie diese. Auch in vielen anderen Gedanken von Roxane Gay erkannte ich mich wieder, in all den Minderwertigkeitskomplexen, all dem Leiden an Stigmatisierungen und Zuschreibungen. Ich erkannte mich wieder in ihrer Flucht ins Lesen und Schreiben, in ihrer Einsamkeit, in ihrem Wunsch und ihrer Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit.
Ich bin als Kind den umgekehrten Weg gegangen. Sie fütterte sich fast zu Tode, ich hungerte in die andere Richtung – fast mit Erfolg. Ich war eine derer, welche sie im Buch bewunderte als die, welche die Kontrolle hatten, Disziplin. Disziplin habe ich gehabt, was für eine, aber keine Kontrolle, die hatte schon lange etwas in mir übernommen.
Die Zerstörung des Körpers steht hinter beiden Methoden. Ich hoffe, Bücher wie dieses öffnet vielen Menschen die Augen: Denen, die leiden, und denen, die durch ihre Reaktion noch zusätzlich zu dem Leiden der Betroffenen beitragen.
Leider gibt es an dem Buch etwas zu bemängeln. Ein guter Lektor hätte dies mit einem Schlag ausräumen können. Das Buch weist sehr viele Wiederholungen auf. Einige kann man damit rechtfertigen, dass sie die Scham, das Zögern, die inneren Kämpfe widerspiegeln, selbst dann sind es sehr viele. Andere wirken schlicht überflüssig, sehen nach unsorgfältigem Redigieren und fahrlässigem lektorieren aus. Das Buch wäre wohl nur halb so lang, aber doppelt so wirksam geworden. Es wäre schade, wenn das Buch deswegen aus der Hand gelegt würde, was ich oft gerne getan hätte, da ich mich wirklich ärgerte.
Fazit Ein wichtiges Buch! Ein offenes und schonungslos ehrliches Buch über die Folgen traumatischer Erlebnisse, über das Stigma des Dickseins und der damit verbundenen Selbstzweifel, Selbstanklagen bis hin zum Selbsthass. Ein Buch, das hoffentlich hilft, Augen zu öffnen. Sehr empfehlenswert.
Autorin Roxane Gay, geboren 1974, ist Autorin, Professorin für Literatur und eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen und literarischen Stimmen ihrer Zeit. Sie schreibt u.a. für die New York Times und den Guardian, sie ist Mitautorin des Marvel-Comics »World of Wakanda«, Vorlage für den hochgelobten Actionfilm »Black Panther« (2018), dem dritterfolgreichsten Film aller Zeiten in den USA. Roxane Gay ist Gewinnerin des PEN Center USA Freedom to Write Award. Sie lebt in Indiana und Los Angeles.
Angaben zum Buch Herausgeber: btb Verlag (11. Oktober 2021) Taschenbuch: 320 Seiten ISBN-13: 978-3442771417
«Mit neun Jahren war ich ein sehr artiges kleines Mädchen; das war nicht immer so gewesen; in meiner frühen Kindheit stürzte mich die Tyrannei der Erwachsenen bisweilen in eine derart blindwütige Raserei, dass eine meiner Tanten eines Tages ernsthaft erklärte: «Sylvie ist vom Teufel besessen.» Der Krieg und die Religion bezwangen mich schliesslich.»
Als Sylvie Andrée in der Schule kennenlernt, ist sie sofort hingerissen von diesem selbstsicheren, selbständig wirkenden Mädchen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Sie durchleben gemeinsam die erste Liebe, den damit verbundenen Schmerz. Sie versuchen, trotz des strengen Regimes des jeweiligen Elternhauses ihr Leben zu leben, was oft unmöglich ist und schlussendlich tragisch enden wird.
Weitere Betrachtungen
«Warum hatte ich ihr meine Liebe nicht zeigen können? Andrée war mir in allem so herausragend erschienen, dass ich gemeint hatte, sie müsse vollkommen glücklich sein. Mir war danach zumute, sie und mich zu beweinen.»
«Die Unzertrennlichen» ist ein Buch über Freundschaft. Es ist eine Freundschaft, die trotz aller Nähe und des gegenseitigen Vertrauens immer auch einen Rest an Zurückhaltung behält. Die beiden Freundinnen gehen auch nie zum vertraulichen Du über, sie bleiben die ganze gemeinsamen Jahre über beim förmlichen Sie. Im Nachhinein bereut Sylvie, sie steht für Simone de Beauvoir, diese Zurückhaltung zutiefst.
«In Büchern erklären die Leute einander ihre Liebe , ihren Hass, sie wagen, sich alles zu erzählen, was sie auf dem Herzen haben; weshalb ist das im wahren Leben unmöglich?»
Ob dieses Bedauern mit ein Grund dafür ist, dass sie später in ihrer Beziehung mit Sartre vollkommene Offenheit will, Transparenz in den Gedanken und im Tun?
«Zaza ist daran gestorben, dass sie aussergewöhnlich war. Man hat sie umgebracht, ihr Tod war ein «spirituelles Verbrechen».»
Dies schreibt Sylvie Le Bon de Beauvoir, die Frau, die Simone de Beauvoir adoptiert und mit ihrem Nachlass betraut hat. Sie war viele Jahre die engste Vertraute von Simone de Beauvoir. Die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Mädchens hat Simone de Beauvoir im vorliegenden, zu Lebzeiten nie veröffentlichten Roman festgehalten. Sie hat ihn mit folgenden Worten Zaza gewidmet:
«Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot sind oder weil ich lebe? Ich sollte ihnen diese Geschichte widmen. Aber ich weiss, dass sie nirgends mehr sind, dass mir nur der Kunstgriff der Literatur erlaubt, hier mit Ihnen zu reden.»
«Die Unzertrennlichen» ist nicht grosse Literatur in dem Sinn, aber es ist ein kleines, authentisches und zum Nachdenken anregendes Buch, das die Gefahren von Erwartungen aufzeigt. Es ist ein Buch darüber, wie Menschen leiden, die unter dem Druck des gefallen Wollens und gehorchen Müssens zerbrechen, die sich selber verleugnen müssen, um dem zu entsprechen, das sie darstellen sollen.
Es ist ein leidenschaftliches und auch tragisches Buch, ein Zeitzeugnis und ein Bild der bürgerlichen Gesellschaft mit all ihren Zwängen und Moralvorstellungen. Simone de Beauvoir schrieb mit «Die Unzertrennlichen» einen autofiktionalen Roman, in welchem sie ihre Freundschaft mit Zaza thematisierte. Sie zeigt darin sehr deutlich die Einschränkungen, die sie als Kind und Jugendliche hinnehmen musste und die bei Zaza zum Tod führten. Diese Erlebnisse sind es wohl auch, welche bei ihr den tiefen Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit wachsen liessen.
Persönlicher Bezug Simone de Beauvoir übt immer wieder eine grosse Faszination auf mich aus. Ihre Gedanken, ihr Schreiben, ihr Hinsehen auf die eigene Geschichte und die Form, in welche sie diese verpackt, um damit soviel offenzulegen von ihrem Werden, sind eine grosse Inspiration. Nie lassen sie mich einfach kalt, immer erkenne ich mich in gewissen Punkten wieder und immer regt mich die Lektüre ihrer Schriften zum Nachdenken an.
Simone de Beauvoir hat den Finger auf Missstände gegen Frauen gelegt, sie hat immer wieder gegen deren Unterdrückung angeschrieben und selber ein Leben gelebt, das dieser entgegentrat. Damit ist sie ein Vorbild für die Generationen nach ihr geworden. Ihre Ansichten und auch ihre Forderungen für eine gerechte Gesellschaft sind auch heute noch aktuell wie damals. Leider ist noch viel zu wenig davon umgesetzt worden.
Fazit Ein authentisches Buch über die Freundschaft zweier Mädchen, die den Erwartungen der Zeit zu trotzen versuchen. Grosse Leseempfehlung.
Autorin Simone de Beauvoir wurde am 9.1.1908 in Paris in ein ursprünglich wohlhabendes, später mit den Finanzen kämpfendes Elternhaus geboren. Mit fünfeinhalb Jahren kam Simone an das katholische Mädcheninstitut, den Cours Désir, Rue Jacob; als Musterschülerin legte sie dort den Baccalauréat, das französische Abitur, ab. 1925/26 studierte sie französische Philologie am Institut Sainte-Marie in Neuilly und Mathematik am Institut Catholique, bevor sie 1926/27 die Sorbonne bezog, um Philosophie zu studieren. 1928 erhielt sie die Licence, schrieb eine Diplomarbeit über Leibnitz, legte gemeinsam mit Merleau-Ponty und Lévi-Strauss ihre Probezeit als Lehramtskandidatin am Lycée Janson-de-Sailly ab und bereitete sich an der Sorbonne und der École Normale Supérieure auf die Agrégation in Philosophie vor. In ihrem letzten Studienjahr lernte sie dort eine Reihe später berühmt gewordener Schriftsteller kennen, darunter Jean-Paul Sartre, ihren Lebensgefährten seit jener Zeit. 1932-1936 unterrichtete sie zunächst in Rouen und bis 1943 dann am Lycée Molière und Camille Sée in Paris. Danach zog sie sich aus dem Schulleben zurück, um sich ganz der schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Zusammen mit Sartre hat Simone de Beauvoir am politischen und gesellschaftlichen Geschehen ihrer Zeit stets aktiv teilgenommen. Sie hat sich, insbesondere seit Gründung des MLF (Mouvement de Libération des Femmes) 1970, stark in der französischen Frauenbewegung engagiert. 1971 unterzeichnete sie das französische Manifest zur Abtreibung. 1974 wurde sie Präsidentin der Partei für Frauenrechte, schlug allerdings die «Légion d’Honneur» aus, die ihr Mitterrand angetragen hatte. Am 14.4.1986 ist sie, 78-jährig, im Hospital Cochin gestorben. Sie wurde neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.
Übersetzung: Amelie Thoma, geboren 1970 in Stuttgart. Sie studierte Romanistik und Kulturwissenschaften in Berlin und arbeitete als Lektorin, ehe sie die Übersetzerlaufbahn einschlug. Neben Leïla Slimanis Romanen und Essays übertrug sie u. a. Texte von Marc Levy, Joël Dicker und François Sagan ins Deutsche.
Angaben zum Buch Herausgeber: Rowohlt Buchverlag; 2. Edition (19. Oktober 2021) Gebundene Ausgabe: 144 Seiten Originaltitel: Les inséparables Übersetzung: Amelie Thoma ISBN: 978-3498002251
«Einsamkeit ist ein Gefühl, das jede und jeden von uns früher oder später einholen wird, egal, wie viele Freundschaften wir pflegen, egal, ob wir in einer Partnerschaft leben.»
Daniel Schreiber nähert sich dem Thema Alleinsein auf verschiedenen Wegen, er greift auf eigene Erfahrungen zurück und erzählt aus seinem Leben, er beruft sich auf philosophische und soziologische Ideen sowie auf psychologische Erklärungen.
«In mancher Hinsicht lässt sich, wenn man allein lebt, das ganze Leben als ein «uneindeutiger Verlust» beschreiben. Man trauert, auch ohne es zu merken, um eine Idee von Zweisamkeit, die überall in der Luft liegt, an die man selbst glaubt oder zumindest geglaubt hat.»
Entstanden ist so ein sehr persönliches Buch über ein aktuelles Thema, ein Buch mit der zentralen Frage, wie wir leben wollen und können.
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«Denn an manchen Tagen glaubte ich zu ahnen, dass ich auch allein lebte, weil mir so etwas wie eine essentielle Zuversicht fehlte. Ich hatte ganz grundsätzlich nicht den Eindruck, dass vor mir eine gute, eine vielversprechende Zukunft lugt, eine Zukunft, die es sich zu teilen lohnt.»
Daniel Schreiber erzählt aus seinem Leben, er erzählt aus seinem Alleinsein unter Paaren, aus der Zurückgeworfenheit auf sich selber vor allem auch in der Coronazeit, in welcher Kontakte nach aussen weniger wurden und alle im eigenen Familienverband eingeschlossen waren. In solchen Zeiten fällt das eigene Alleinsein doppelt ins Gewicht. Kann man sich sonst noch mit vielen Freunden und Unternehmungen aus der einsamen Wohnung in eine gefühlte und auch gelebte Gemeinschaft begeben – flüchten? – bleibt das plötzlich aus.
«Zwischen all den Geschichten, die wir uns erzählen, um zu leben, und zwischen all den Versuchen, diese Geschichten abzulegen, gibt es Momente der Stille. Es sind genau diese Momente, in denen sich das Leben neu schreibt.»
Daniel Schreiber zeigt weiter, wie wir uns oft selber erzählen, was wir glauben wollen, unsere persönliche Geschichte vom guten und gewünschten Leben. Bis etwas kommt und die Geschichte ad absurdum führt. Vielleicht will man in Tat und Wahrheit gar nicht allein sein, aber es geht nicht anders? Weil keiner sich findet, der passt? Weil man Angst hat?
Wir lesen in diesem Buch auch von vielen persönlichen Erlebnissen, Abgründen, Möglichkeiten des Umgangs mit dem Alleinsein. Die Offenheit, wie hier Persönliches schonungslos offen dargelegt wird, ohne Selbstmitleid aber doch mit einer guten Portion Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge, gibt dem Leser das gute Gefühl, nicht allein zu sein in seinem ab und zu gefühlten und vielleicht auch erlittenen Alleinsein.
Persönlicher Bezug Alleinsein und Einsamkeit sind Themen, die mich immer wieder beschäftigten im Leben. Als Einzelkind in einer sehr kleinen Familie ist man schon von klein auf gewöhnt, ab und an allein zu sein, als eher introvertierter Mensch mit einem grossen Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug, lebt man das Alleinsein auch später weiter.
Ich bin gerne allein, war auch lange Zeiten in meinem Leben allein. Ich denke, ich kann es gut und brauche es mitunter. Ich merke aber durchaus, dass es einfacher ist, allein zu sein, wenn man weiss, dass Menschen da sind. Das Alleinsein im Wissen, dass keiner da ist, den man anrufen könnte, der an einen denkt, der einem zugewandt ist, muss ein grausames sein. Und selbst wenn man ein Umfeld hat, gibt es mitunter Momente, wo das Alleinsein über einen hereinbricht, einen förmlich erdrückt.
Oft schämte ich mich wohl dafür, wollte mir auch nach aussen keine Blösse geben. Wenn man unter dem eigenen Alleinsein leidet und dies kommuniziert, zeigt man auch, dass man es gerne anders hätte und wohl schlicht nicht schaffte. Das nagt am Selbstbewusstsein. Zwar kann man sich selten selber belügen, aber wenigstens nach aussen möchte man das Bild aufrechterhalten, das eigene Leben so zu leben, wie man es leben möchte. Und gerade durch diesen Stolz, dieses Aufrechterhalten einer Illusion nach aussen drängt man sich wohl selber noch mehr ins Alleinsein zurück.
Ich habe mich manchmal beim Lesen des Buches gefragt, ob Daniel Schreiber nicht ein zu negatives Bild des Alleinseins zeichnet. Oder ob das nur seine Sicht ist, es auch ein positiveres Bild davon gäbe. Und wie es wirklich für mich ist, was an meinem Bild des Alleinseins Idealisierung und Wunsch, was Realität ist. Darüber werde ich sicher weiter nachdenken.
Es gibt ein Lied von einem deutschen Liedermacher:
«Du sagst du bist frei und bist dabei alleine…»
Der Sänger fordert dazu auf, ihm die Angst zu geben, er sei da und halte. Vermutlich ist das trotz allem für viele ein Grundbedürfnis, eine Grundsehnsucht: Gehalten werden.
Fazit Ein sehr persönliches, tiefgründiges Buch über das Alleinsein, über die Geschichten, die wir uns dazu erzählen, aber auch ein Buch über Freundschaft und Verbundenheit. Sehr empfehlenswert.
Autor Daniel Schreiber, 1977 geboren, ist Autor der Susan-Sontag-Biografie Geist und Glamour (2007) sowie der hochgelobten und vielgelesenen Essays Nüchtern (2014) und Zuhause (2017). Er lebt in Berlin. Auf Instagram: @thedanielschreiber
Angaben zum Buch Herausgeber : Hanser Berlin; 4. Edition (27. September 2021) Gebundene Ausgabe : 160 Seiten ISBN-13 : 978-3446267923
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«Aber der Kleine war auch dieses Mal nicht gestorben, allen Prophezeihungen zum Trotz. Alle nennen ihn immer noch den Kleinen. Und wenn man ihn nach seinem Namen fragt, antwortet er: «Der Kleine.»»
Als Corinne mit Zwillingen schwanger ist, stellt sie sich die beiden harmonisch ineinander verschlungen vor und freut sich mit ihrem Mann auf den Familienzuwachs. Die Nachricht, dass einer der beiden immer kleiner, der andere immer grösser wird, ist der erste Schock, dass der kleinere Zwilling sterben wird, weil der andere ihm alles wegnimmt, sie beide austragen muss, weckt in ihr eine Wut. Die Überraschung ist gross, als beide lebendig zur Welt kommen, was bleibt, ist der Grössenunterschied. Hans, der grosse Zwilling, und der Kleine, wie Benoît nur genannt wird, sind durch ein enges Band verbunden, Hans errichtet regelrecht Mauern um sie beide. Wen will er schützen? Und wovor?
Weitere Betrachtungen
«Wovor er solche Angst hat – vor der schrecklichen Einsamkeit, der gähnenden Leere, die nur der Kleine ausfüllen kann -, Alexandra kennt das Gefühl nicht nur genauso gut, sondern sogar noch besser als er. Hans spürt immer deutlicher, dass er eines Tages, wenn sein Bruder sterben sollte, genauso allein sein wird wie sie.»
Aude (eigentlich Claudette Charbonneau) erzählt in „Das Wanderkind“ die Geschichte von den Brüdern Hans und dem Kleinen. Es ist eine Geschichte über Beziehungen, über Familie, über Liebe. Es ist die Geschichte von gegenseitigen Abhängigkeiten und darüber, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint. Es ist eine Geschichte über die Verletzlichkeit von Menschen und die Suche nach dem eigenen Platz in einem System. Es ist aber auch eine Geschichte über die Liebe und darüber, was Menschen verbindet. Über die Ängste, die entstehen, wenn man an den Verlust eines Menschen denkt.
Aude ist ein kleines, feines, leises Buch gelungen, in welchem kein Wort zu viel scheint. Es ist ein märchenhafter Roman über die Wunder des Lebens, darüber, dass keiner allein sein will und wir alle Nähe und Zuneigung brauchen. Vielleicht ist das eine oder andere Wunder etwas zu gesucht, doch das tut dem Buch keinen Abbruch.
Persönlicher Bezug Die Geschichte ist sehr warmherzig und schön erzählt, und doch hat sie mich persönlich nicht ganz gepackt, auch wenn ich das Buch nicht hätte zur Seite legen wollen. Dies rührte wohl daher, dass ich selber keine Geschwister habe und mir so irgendwie ein Anknüpfungspunkt an die Gefühle der Figuren im Buch fehlte. Zwar gibt es auch in anderen Beziehungen ähnliche Probleme und Situationen, und doch bin ich mir nicht sicher, ob die Gefühle und Dynamiken innerhalb einer Familie nicht eine andere sind als in ausserfamiliären Beziehungen.
Fazit Ein kleines und feines Buch über zwei unterschiedliche Brüder, über Liebe und Verbundenheit. Sehr empfehlenswert.
Autorin und Übersetzerin Claudette Charbonneau alias Aude wurde in 1947 Montréal geboren und gilt als eine der wichtigsten Figuren der frankokanadischen Literaturszene. Nach dem Studium unterrichtete sie in Québec Kreatives Schreiben und Literaturtheorie. Ihr preisgekrönter Kurzgeschichtenband Cet imperceptible mouvement (1997) erschien 1998 auf Englisch (The Indiscernible Movement). Nach einer Phase des düsteres Erzählens über Wahnsinn und Tod wandte sie sich mit L’enfant migrateur einer hoffnungsfrohen Weltsicht zu. Aude starb 2012 an Leukämie. Sie wurde posthum zur Ehrenpräsidentin des nach ihr benannten Centre Aude d’études sur la nouvelle zur Förderung der Gattung Kurzgeschichte ernannt.
Ina Böhme studierte Romanische Philologie und Interkulturelle Deutsch-Französische Studien in Marburg, Poitiers, Aix-en-Provence und Tübingen. Nach mehreren Jahren in Frankreich lebt sie inzwischen als literarische Übersetzerin in Berlin. 2018 war sie Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms für junge Literaturübersetzer und erhielt 2019 ein Initiativstipendium des Deutschen Übersetzerfonds.
Angaben zum Buch Herausgeber: Alfred Kröner Verlag; 1. Edition (22. März 2021) Gebundene Ausgabe: 128 Seiten Originaltitel: L’enfant migrateur Übersetzung: Ina Böhme ISBN: 978-3520616012
Zwei Becken, eins das andere übersteigend aus einem alten runden Marmorrand, und aus dem oberen Wasser leis sich neigend zum Wasser, welches unten wartend stand,
dem leise redenden entgegenschweigend und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand, ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend wie einen unbekannten Gegenstand;
sich selber ruhig in der schönen Schale verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis, nur manchmal träumerisch und tropfenweis
sich niederlassend an den Moosbehängen zum letzten Spiegel, der sein Becken leis von unten lächeln macht mit Übergängen.
Rilke hat dieses Gedicht im Jahr 1906 in Paris geschrieben (es erschien in den «Neuen Gedichten»), er dürfte beim Schreiben aber an seine Reise nach Rom gedacht haben, wo er mit seiner Frau Clara war und oft den Borghese-Garten besucht hatte. Rilke empfand diesen Garten als Zuflucht, als Ort der Stille im lärmig-lauten Rom, mit dem er sich nicht richtig anfreunden konnte.
Das Sonett besteh aus einem einzigen Satz, der sich über die Strophen ergiesst, wie das Wasser es beim Brunnen tut. Wie bei seinen anderen Ding-Gedichten fehlt auch hier ein lyrisches Ich, der Brunnen steht für sich allein und das Wasser fliesst ungehindert. Es ist quasi eine Selbstbegegnung des Wassers mit sich selber, wir haben hier auch kein Geben und Nehmen wie zum Beispiel bei Meyers Gedicht zum selben Brunnen. Bei Rilke ist es ein Fliessen und wartendes Empfangen.
Zentral erscheint in diesem Gedicht die Ruhe, keine Hektik ist zu spüren, kein Lärm, alles ist langsam, leise, sanft. Es wird gewartet, sich geneigt, sich gezeigt, gelächelt. Zwei Becken liegen übereinander, aus dem einen neigt sich das eine leise und redet ebenso, das andere wartet und schweigt. Im Brunnen spiegelt sich ruhig sich ausbreitend der Himmel, fast verborgen. Er gehört da hin, denn er verspürt kein Heimweh, ist also nicht am falschen Ort – anders als Rilke in Rom. Und wohl auch anders als Rilke im Leben, war er doch ohne eigentliches Heim, immer auf der Durchreise und wohl doch mit einer Sehnsucht nach Heimat im Herzen.
Aus dem ganzen Gedicht dringt die Stille, derer Rilke so sehr bedurfte in dem hektischen Rom. Damit tut er schreibend das, wozu Gedichte beim Lesen so oft dienen können: Er schafft mit dem Gedicht einen wohltuenden Ort inmitten eines Raumes, in welchem er sich unwohl fühlt.
Zum Autor René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.
Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.
Tara Haigh schreibt seit vielen Jahren große TV-Unterhaltung und als Tessa Hennig Frauenromane mit Herz und Humor, die bereits erfolgreich verfilmt und alle Bestseller wurden. In ihren historischen Romanen erzählt sie spannende Liebesgeschichten an exotischen Sehnsuchtsorten, die mit viel Liebe zum Detail recherchiert sind und dabei Aspekte der Weltgeschichte aufgreifen, die weniger bekannt oder bisher kaum literarisch in Erscheinung getreten sind. Weitere Informationen unter http://www.tessa-hennig.de.
Nun ist ihr neuer Roman „Die Klänge der Freiheit erschienen“. Hier findet ihr den Trailer zum Buch:
Der Roman erzählt die Geschichte von Inge, welche in Nürnberg behütet aufwächst, sich dann gegen den Willen ihres Vaters zur Rotkreuzschwester ausbildet und dann 1943 an die Ostfront geschickt wird. Das Leid, das sie da sieht, übertrifft alle ihre Vorstellungen. Als sie die Chance erhält, nach Italien zu gehen, nutzt sie die Chance. Dort, im Kloster Montecassino, findet sie ihre Liebe und noch einiges mehr.
Ich habe der Autorin im Rahmen einer Bloggertour (die anderen Blogs seht ihr unten im Bild und sie werden natürlich verlinkt mit den einzelnen Beiträgen) ein paar Fragen gestellt:
Wie würden Sie Ihre Biografie erzählen?
Die ist von Ausflügen in verschiedene Welten geprägt. Banklehre, Wirtschaftsstudium im In- und Ausland mit Schwerpunkt Marketing und strategische Planung. Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft. Ein Jahr in Malaysia, dort einen Film gedreht. Jahre in der Filmproduktion. Das war der Einstieg ins Drehbuchschreiben. Auf Anraten der Agentur entstand mein erster Roman „Mutti steigt aus“. Der hüpfte gleich auf die Spiegel-Bestsellerliste. Seit ein paar Jahren schreibe ich nur noch Romane, weil mich die Arbeit mehr erfüllt.
Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen konkreten Auslöser?
Die inneren Triebfedern sind persönliche Anliegen, Themen, die mich interessieren. Beim Komödienlabel sind das Dinge, die die Generation Ü 50 bewegt. Bei den historischen Romanen Aspekte der Weltgeschichte, die bisher gar nicht oder kaum literarisch in Erscheinung getreten sind. Ich finde es spannend mich tief in Recherchen einzugraben.
Ich habe bereits mit fünfzehn meinen ersten Roman geschrieben, doch nur zum Spaß. Brotlose Kunst hieß es. Rückblickend bin ich froh um die vielen Umwege, denn sie füllten mich mit Erfahrungen und Menschenkenntnis. Auf diese Weise fällt es mir leicht etwas „about human nature“ zu erzählen, weil ich Vieles selbst erleben und in viele unterschiedliche Welten eintauchen durfte.
Sie haben unter verschiedenen Namen in verschiedenen Bereichen geschrieben. Wieso die unterschiedlichen Namen? Und: Wäre es nicht einfacher, immer im gleichen Gewässer zu fischen oder brauchen Sie die Abwechslung, um sich nicht selbst zu langweilen?
Die unterschiedlichen Namen haben sich aus rein pragmatischen Überlegungen, auch verlagsseits ergeben. Ich bemerke, dass ich beim Schreiben je nach Label tatsächlich in andere Rollen schlüpfe. Die Leserschaft bemerkt die unterschiedlichen Schreibstile. Das verblüfft mich manchmal selbst. Die Mischung aus Komödie und historischen Romanen gefällt mir gut, weil ich damit viele Facetten meiner Persönlichkeit entfalten, ja regelrecht „ausleben“ kann.
Woher holen Sie Ihre Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte daraus?
Die Ideen trägt mir das Leben zu. Bei den Klängen der Freiheit war es beispielsweise ein rein zufälliger Besuch der Abtei Montecassino während ich für „Kann Gelato Sünde sein?“ auf Recherchereise war. Schon seinerzeit erwuchs der Drang die faszinierende Geschichte und die überragend wichtige Bedeutung dieses Klosters für das Christentum zu erzählen, zumal es eine unglaublich spannende Rolle im zweiten Weltkrieg spielte. Damit füttere ich mein Unterbewusstes. Und nach und nach kommen dann Ideen für Figuren zu Tage. Die haben mir dann plötzlich eine Geschichte zu erzählen. Manchmal fühle ich mich wie jemand der nur „aufschreibt“.
Wenn Sie auf Ihren eigenen Schreibprozess schauen, wie gehen Sie vor? Mit Papier und Stift oder am Computer? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreiben Sie drauf los und schauen, wo das Schreiben hinführt? Variiert das in den verschiedenen Genres?
Wenn die Idee einmal steht, wird in der plattformübergreifenden App „Evernote“ am Computer alles an Recherchematerial gesammelt, bzw. herausgeschrieben. Historische Ereignisse setze ich als Eckpfeiler für das Timing. Mit diesen Informationen verdichten sich die Figuren und ihre Erzählbögen. Daraus wiederum entwickeln sich ihre Handlungen. Steht der stichpunktartig erarbeitete Rahmen, schreibe ich ein Exposé, um den Verlag zu überzeugen. Bei den Komödien, die ja alle an einem attraktiven Urlaubsort spielen, steht die Recherche der Besonderheiten dieses Orts im Vordergrund, aus dem sich meist viel Situationskomik ziehen lässt. Grundsätzlich lasse ich den Figuren aber innerhalb des gesteckten Rahmens freien Lauf. Erst im zweiten Durchgang wird präzise verortet (die Regie und Ausstattung beim Roman – die Örtlichkeiten). Denn das hält mich sonst im Schreibfluss zu lange auf.
Wie gehen Sie mit Schreibblockaden um? Gibt es diese überhaupt?
Ich hatte noch nie eine. Gelegentlich ist der Alltag aber so fordernd, dass ich vor lauter Müdigkeit unliterarisch oder „Unsätze“ schreibe und nur noch diszipliniert das Exposé umsetze. Das macht aber nichts, weil ich diese Stellen im zweiten Durchgang mit Freude poliere.
Ich hörte mal, der größte Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht? Wo schreiben sie bevorzugt?
Ich brauche beim Schreiben mehrere Stunden am Stück meine Ruhe. Schlimm sind von außen an mich herangetragene komplexe Probleme, die nach aufwendigen Lösungen verlangen. Das ist für mich der Supergau, weil mich diese Dinge dann aus der Geschichte herausreißen. Daher versuche ich die gesamte Lifeadmin und Reisen so zu legen, dass ich mehrere Wochen am Stück möglichst wenig anderes zu erledigen habe. Einen bevorzugten Ort zum Schreiben habe ich nicht. Manchmal im Garten, auf einer Terrasse, im Büro und sogar mit Laptray entspannt im Bett.
Mit „Die Klänge der Freiheit“ haben sie einen Liebesroman geschrieben, den sie im Zweiten Weltkrieg ansiedelten. Was hat Sie an diesem Setting gereizt?
Zum einen die Rolle der Rotkreuzschwestern, die im zweiten Weltkrieg schier Übermenschliches leisten mussten. Zum anderen die unfassbar interessante Rolle der Abtei im zweiten Weltkrieg, ihr tragisches Schicksal und dass ausgerechnet ein deutscher Wehrmachtsoffizier die Schätze der Abtei vor den Angriffen der Alliierten in Sicherheit gebracht hat.
Ein historischer Roman erfordert immer auch viel Recherche, in diesem Fall mussten Sie wohl tief in die Gräuel unserer Geschichte eintauchen? War das zeitweise nicht auch belastend? Wie sind Sie mit all dem angelesenen Leid und all den grausamen Verbrechen umgegangen?
Vor allem der Teil, der in der Ukraine spielt, hat mir sehr viel abverlangt. Es ist eine Sache etwas von den Großeltern über den Krieg erzählt zu bekommen und eine andere, wenn man beim Schreiben so tief in die Geschehnisse eintaucht und sie aus der Sicht der Figuren miterlebt – durchlebt. Ich hielt es aus, weil ich wusste, wie meine Heldin an diesen Erfahrungen wachsen wird.
„Die Klänge der Freiheit“ hat ein Happy End, wie es sprichwörtlich im Buche steht. Man könnte anmerken, dass dies fast zu seicht sei für die Thematik. Wieso haben Sie sich dazu entschlossen?
Der Entschluss entspringt einer persönlichen Lesevorliebe. Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als wenn ein Roman die Leserschaft mit einem schlechten Gefühl entlässt. In Inges „Happy End“ steckt für mich zudem die Botschaft, dass es sich lohnt für etwas, an das man glaubt, zu kämpfen. Es ist ein Plädoyer für die Stimme des Herzens, die der Stimme der Vernunft oft überlegen ist und die Kraft spendet, selbst schlimme Zeiten schadlos zu überstehen.
Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Tara Haigh steckt in Ihren Büchern generell? Wie viel in Ihrem Roman „Die Klänge der Freiheit“?
Dem widerspreche ich gänzlich was die Handlung eines Romans betrifft. Dennoch steckt in all meinen Figuren viel von meinem Ich, der Summe des Erlebten, Facetten meines Charakters, meiner Überzeugungen und Ansichten, die sich bei jedem Roman in den Figuren niederschlagen.
Welche fünf Tipps würden Sie einem angehenden Schriftsteller geben?
Das Anliegen einer Geschichte zu hinterfragen. Was interessiert mich daran? Was bewegt mich? Warum fasziniert mich eine Figur oder ein Ereignis?
Welches Thema möchte ich erzählen? Welche Aussage möchte ich treffen? Damit meine ich nicht die Folie (bei den Klängen Montecassino und die Rotkreuzschwestern im zweiten Weltkrieg), sondern was soll die Leserschaft aus diesem Roman mitnehmen? Im Idealfall ist das etwas „about human nature“, mit dem sich viele Menschen identifizieren können – Konflikte, Werte, Entscheidungen und Verhaltensmuster im Leben. Etwas, was uns alle in irgendeiner Form beschäftigt, bewegt und angeht. Nur dann ist ein Roman gehaltvoll und keine reine Konsumware mit Bausteinen aus der Schublade.
Die Grundzüge der Dramaturgie anhand von Literatur erarbeiten – das Handwerkszeug!
Hemmungslos drauf losschreiben. Sich von den Figuren treiben lassen. Formelles, Satzbau und der literarische Anspruch sind dabei zunächst völlig zweitrangig. Das lässt sich alles erarbeiten. Wichtig sind lebendige Figuren, die etwas Relevantes zu erzählen haben.
Disziplin! Ein Ziel setzen und jeden Tag schreiben. Man gewöhnt sich an diese Zeitfenster und irgendwann fehlt einem was, wenn man nicht schreibt. Das ist wie beim Sport.
«Mitleid darf er so wenig erwarten wie Gnade. Juliette Noirot ist die Schülerin, er der Lehrer. Der Fall ist klar, das Urteil wird schnell gefällt werden. Sie ist neunzehn, er fünfundfünfzig. Opfer, Täter.»
Der 55jährige Rhythmikprofessor Carsten und die 19jährige Studentin Juliette haben bei einem Konzert Sex und werden dabei gefilmt. Nachdem dieser Film in die sozialen Medien gerät, ist das Leben der beiden aus den Fugen, Carsten wird entlassen, seine Frau verlässt ihn und er wie auch Juliette werden in den sozialen Medien und von Freunden und Familie beschimpft und verachtet. Wie kommen sie aus dieser Geschichte wieder raus?
Weitere Betrachtungen
Hansjörg Schertenleib erzählt die Geschichte von Carsten Arbenz und Juliette aus zwei Perspektiven. Abwechselnd begleiten wir die beiden Protagonisten in ihren Alltag und in ihre Gedanken. Wir sehen widersprüchliche Wahrnehmungen, unterschiedliche Wege, mit dem Geschehenen umzugehen. Wir erfahren wenig über ihr Leben vorher, wissen nicht mal genau, wie beide aussehen, alles spielt im Hier und Jetzt. Das Buch spielt hauptsächlich an sechs Tagen, einem Rückblick auf den verhängnisvollen Tag des gefilmten sexuellen Stelldicheins, den vier Tagen danach und einem Tag ein halbes Jahr später.
«Was oder wer entscheidet darüber, ob jemand ein guter Mensch ist? Ist sie schlecht, weil sie sich auf Arbenz eingelassen hat? Hat sie ihn verführt oder hat sie sich von ihm verführen lassen?»
«Offene Fenster, offene Türen» ist ein Buch über Schuld ohne einen Schuldigen aber mit vielen, die einen Schuldigen brauchen, suchen und da sie ihn nicht kennen dazu ernennen – willkürlich, erbarmungslos, vehement. Nachdem die sozialen Medien Blut geleckt haben, verfolgen sie die Spur gnadenlos, es gibt kein Entrinnen mehr. Was einmal in dieser Welt ist, geht nicht mehr so schnell wieder raus. Zumindest nicht gleich. Die Wellen schlagen hoch und reissen mit sich. In diesem Ausgeliefertsein entstehen Hilflosigkeit und Selbstmitleid, aber auch die Suche nach einem Ausweg für sich, wenn nötig gegen den andern.
«Offene Fenster, offene Türen» ist kein schönes Buch, kein Buch für die Seele. Es ist hart in Sprache und Inhalt, es erzählt von zwei Protagonisten, die einem nicht ans Herz wachsen, sondern die einen beide gleichermassen abstossen. Juliette und Carsten schlittern durch eine Unbedachtheit in eine Situation, die ihnen entgleitet und droht, ihr Leben zu zerstören. Danach ist nichts mehr, wie es mal war. Dieser Kontrollverlust bringt ihr Naturell ans Licht, ein Naturell, das so wohl nicht selten ist in der Welt. Es offenbaren sich Egoismus und Opportunismus, Freude an Macht und Manipulation.
Es ist kein Buch, das gefällt, aber die Geschichte hat einen Sog, der einen gleichwohl packt. Man will als Leser wissen, wie sich die beiden Protagonisten entscheiden, wie sie sich in der Situation verhalten, was auf sie einschlägt und wie ob sie aus allem wieder rauskommen. Das Buch ist stimmig aufgebaut, ohne Sentimentalitäten und Schnörkel erzählt und es schliesst mit einem zum Buch passenden Ende.
«Das Tribunal der sozialen Medien, rachsüchtig und ungerecht, wie er findet, weil es sich einseitig entweder auf Juliettes Seite oder auf seine schlägt, gierig nach Verurteilung, süchtig nach einem Opfer, einem Täter.»
Es ist ein Buch über die Macht der sozialen Medien und den Kontrollverlust, den er Einzelne dadurch erfährt. Es ist damit auch eine Art Sozialstudie der heutigen Welt, in welcher wir uns mit Mechanismen herumschlagen, die einem Freiheit durch unbeschränkte Mitteilungsmöglichkeiten versprechen, die aber gleichzeitig eine Gefahr mit sich bringen, uns selber einer Meute zum Frass vorzuwerfen.
Persönliche Einschätzung Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich ab. Ziemlich unbarmherzig und auch meist schnell. Das ging hier nicht. Dass mir das Buch nicht im landläufigen Sinne gefiel, heisst nicht, dass es mich nicht in den Bann zog – im Gegenteil. Beiläufig erzählt entwickelte die Geschichte einen Sog, der packte. Alles schien so aus dem realen Leben gegriffen, war so gut vorstellbar, so vertraut in den Mechanismen, dass ich als Leser ganz schnell mittendrin sass. Und wenn man mittendrin ist, kann man nicht einfach raus, man ist gefangen und muss lesend mitmachen.
«Hat sie sich geholt, worauf sie Lust hatte? Oder hat er es? Falls es nötig ist, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wird sie ihn anzeigen. Er hat sie gedrängt und, ja, gezwungen, die Lüge klingt wie die Wahrheit. Rücksicht kann sie keine nehmen, sie muss ihren Ruf schützen.»
Ich habe mich einige Male gefragt, ob der Autor Partei ergreift. Kommt der männliche Protagonist nicht besser weg, auch wenn er nach landläufiger Moral durchaus kein Sympathieträger ist mit seinen sexuellen Eskapaden und Frauengeschichten. Trotzdem wirkt er vernünftiger, er nimmt in Kauf, für diesen Seitensprung die Konsequenzen zu tragen. Juliette dagegen offenbart doch Seiten, welche zutiefst unsympathisch ist, sie würde, wenn nötig mit einer Lüge versuchen, sich reinzuwaschen und Carsten reinzureiten. Sie freut sich fast an ihrer Macht, die ihr diese Möglichkeit gibt, was sie umso mehr unsympathisch macht.
Fazit: Das Buch erzählt die Geschichte von zwei Menschen, deren Leben nach einer Unbedachtheit aus dem Ruder läuft, es ist quasi eine knallharte und wenig mitfühlende Sozialstudie, die einen gleichwohl in den Bann zieht..
Hansjörg Schertenleib Hansjörg Schertenleib, 1957 in Zürich geboren, ist gelernter Schriftsetzer und Typograph. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Schertenleib, der auch aus dem Englischen übersetzt, u.a. Werke von Eoin McNamee und Sam Shepard, lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und pendelt seit Sommer 2020 zwischen Autun im Burgund und Suhr im Kanton Aargau. Im Kampa Verlag sind erschienen: Die Fliegengöttin, Palast der Stille, Der Glückliche (siehe auch S. 85) und die Maine-Krimis Die Hummerzange und Im Schatten der Flügel.
Angaben zum Buch: Gebundene Ausgabe: 256 Seiten Verlag: Kampa Verlag; 1. Edition (26. August 2021) ISBN: 978-3311100645
Die Gassen haben einen sachten Gang (wie manchmal Menschen gehen im Genesen nachdenkend: was ist früher hier gewesen?) und an die Plätze kommen, warten lang
auf eine andre, die mit einem Schritt über das abendklare Wasser tritt, darin, je mehr sich rings die Dinge mildern, die eingehängte Welt von Spiegelbildern so wirklich wird wie diese Dinge nie.
Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie (nach einem unbegreiflichen Gesetz) sie wach und deutlich wird im Umgestellten, als wäre dort das Leben nicht so selten; dort hängen jetzt die Gärten gross und gelten, dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten Fenstern der Tanz in den Estaminets.
Und oben blieb? – – Die Stille nur, ich glaube, und kostet langsam und von nichts gedrängt Beere um Beere aus der süssen Traube des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt.
Ein Gedicht voller Bilder, ein Gedicht, das anschaulich macht, was nur zu fühlen ist beim Gang durch die Stadt. Brügge sei es, steht oben. Das ist verwunderlich, als im Gedicht vorkommt, die Stadt sei vergangen, was mit Brügge nie passiert ist, blieb diese doch verschont im Krieg. Ob das Vergehen der Zeit gemeint ist, der Wandel durch die Zeiten hindurch? War Brügge früher Handelszentrum, nahm die wirtschaftliche Stellung in der Neuzeit ab, die Industrialisierung hat sie nicht mehr mitgemacht. Ob das Erbe der alten Zeiten noch in den Gassen hängt?
Es ist Abend, die Kanäle rund um die Stadt haben klares Wasser, in welchen sich die Häuser spiegeln. Ein Spiegel ist nie das, was wirklich ist, es ist ein Abbild. Von diesem Abbild erzählt das Gedicht, welches wiederum ein neues Abbild schafft, indem es Gefühle und Stimmungen in Worten ausdrückt und sie so erfahrbar macht. Als Leser sind wir nun mit einer Wirklichkeit betraut, welche es eigentlich nicht gibt, die aber doch durch die Worte hindurchschimmert als Ahnung dessen, was sein könnte.
Während das Hier und heute schnell und hell und gross erscheint und als Leben in den Kneipen tanzt, bleibt leise die Ahnung dessen, was war, in den Gassen, die in der Abendstille daliegen. Und diese Stille ist es, die Rilke als die wahre Schönheit, als süsse Traube des Himmels, sieht.
Ein Gedicht voller bildsprachlicher Schönheit, das dazu aufruft, hinzuschauen, nicht einfach blind durch die Gassen und Strassen zu gehen, sondern offen zu sein für die Schönheiten, die sich zeigen, für die Geschichten, die versteckt lauern, für die Gefühle, die sich einstellen können, wenn man offen bleibt.
Zum Autor René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.
Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.
Im Rahmen meiner Beschäftigung mit der Sichtbarkeit von Frauen in der Literatur habe ich mir die Literaturliste für die Schweizerische Maturitätsprüfung im Fach Deutsch vorgenommen. Das Resultat war eher ernüchternd – dies nicht sehr überraschend und doch bedenkenswert.
Unterteilt ist die Liste in verschiedene Epochen:
(fakultativ) Werke aus dem Mittelalter, Humanismus, Barock
18. Jahrhundert: Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Klassik
Das 20. und 21. Jahrhundert: A) Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
Das 20. und 21. Jahrhundert: B) Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und Anfang des 21. Jahrhunderts
Insgesamt waren es 125 zu lesende Werke (teilweise einige Gedichte pro Autor). Davon waren 19 Frauen. Teilt man diese nun auf die fünf Abschnitte auf, kommt man zu folgendem Ergebnis:
Teil 1: Keines der insgesamt neun Bücher stammt von einer Frau Teil 2: Keines der insgesamt sieben Bücher stammt von einer Frau Teil 3: Zwei von insgesamt 19 Bücher stammen von einer Frau Teil 4: Zwei von insgesamt 21 Bücher stammen von einer Frau Teil 5: 13 von insgesamt 70 Büchern stammen von einer Frau
Dass es in den ersten zwei Teilen so aussieht, kann ich noch einigermassen nachvollziehen, die Situation war für dichtende Frauen damals nicht leicht, wenn es auch durchaus welche gegeben hätte, die man hätte aufnehmen können.
Ab Teil drei wird es aber mehr und mehr fragwürdigt, gerade in Teil vier und fünf hätte es durchaus gute Schriftstellerinnen gegeben, die obgleich etwas in Vergessenheit geraten, nicht von minderer literarischer Qualität wären. Es wäre gerade wünschens- und lobenswert, an dieser Vergessenheit zu arbeiten und Literatur von Wert und Qualität wieder ins Bewusstsein zu holen. Zudem könnte es für junge Menschen auch eine lohnenswerte Herausforderung sein, Werkte neu zu entdecken und zu interpretieren aus heutiger Sicht, die nicht schon abgegrast sind wie das die – durchaus mitunter grossartigen – männlichen Berufskollegen sind.
Ich würde mir wünschen, die Schweizerische Maturiätskommission würde hier sprichwörtlich über die Bücher gehen und den Kanon neu überarbeiten, so dass unterm Schrich ein ausgewogeneres Verhältnis herauskäme.