David Wagner – Nachgefragt

DWagnerDavid Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011), Leben (2013). Für sein letztes Werk, Leben, erhielt David Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse.

Ich habe bei David Wagner nachgefragt, wie ich mir seinen Schreibprozess vorstellen muss und was ihn zu seinem Buch Leben bewegt hat:

„Leben“ ist eine autobiographische Geschichte, die eine schwierige Zeit Ihres Lebens beschreibt. Was hat Sie dazu bewegt, diese Geschichte zu erzählen?

Ich wollte sie selbst verstehen. Ich wollte dieses wundersame Ereignis Transplantation verstehen. Mir selbst erklären – und das ist mir zu einem Roman geworden, das Erzählen hat sich verselbständigt.

 

Die grösste Angst des Menschen, sagt man, ist die vor dem Tod. Sie haben Todessehnsüchte und fehlenden Lebenssinn beschrieben – Was war schlimmer als die Todesangst?

 Ach, ich glaube oft ist die Angst vor dem Leben viel größer als die vor dem Tod. Tot zu sein ist ja ganz einfach, zu leben ist kompliziert. Man könnte ja so viel tun und machen und anstellen – oder auch gar nichts machen.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen nach diesem Buch? Sind die Reaktionen auf sie anders als vorher? Ist die Krankheit zentraler geworden?

Das Buch ist ja noch sehr frisch. Ich bekomme viele interessante Reaktionen, Betroffene schreiben mir, eine Frau, die auf eine Herztransplantation wartet schrieb mir. Vorher? Was war vorher? Ich, die Privatperson spreche ja nicht über meine Krankheit oder mich als Patient. Das Sprechen über Krankheit habe ich ja an die literarische Figur Herr W. ausgelagert. So komme ich zurecht.

 

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Woher, wenn nicht aus der eigenen Lebensgeschichte, nehmen sie sonst ihre Inspiration, ihre Ideen?

Goethe hat einfach recht. Bleibt nur zu sagen, ich schreibe auch über all das, was ich sehe, ich bin Phänomenologe. Aber alles, was ich sehe, ist ja auch in meiner Lebensgeschichte, oder? Also…

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Wo und wann schreiben Sie? Planen und recherchieren sie vorgängig oder schreiben sie drauf los?

Beides. Ich plane und schreibe drauf los. Und schmeiße alles weg, verwerfe die Pläne, schreibe neu, verwerfe wieder alles. Immer geht es darum, einen Ton zu finden. Einen Klang, eine Sprache. Ohne den Ton wird es keine gute Erzählung. Recherche immer – aber man muß dann fast alles Recherchiertes auch wieder wegwerfen können, streichen. Faktenverfettete Texte lesen sich ja nicht so schön, oder?

 

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub oder sind sie immer auf Empfang? Wie schalten Sie ab?

Nein. Leider nein. Manchmal schalte ich trotzdem ab. Habe dann aber ein schlechtes Gewissen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muß gut sein! Ha! Wenn ich bloß wüßte, was ein Buch gut bzw. sehr gut macht! Dann hätte ich bisher nur gute Bücher geschrieben…

Na, ich glaube, es muß ehrlich sein.  Die Prosa, die Sprache muß echt und unverstellt sein. Ich muß der Stimme glauben können.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Wenn ich das könnte, wäre ich wohl Haiku-Dichter und weniger Roman-Autor, oder? Und hätte ich mich mit drei Wörtern beschrieben, wäre ich dann nicht arbeitslos? Hätte ich mich dann nicht ausgeschrieben? Werde mich also hüten, mich mit drei Wörtern zu er-schreiben.

 

Ich möchte mich herzlich bei David Wagner bedanken für diese Einblicke in sein Schreiben, für seine offenen & humorvollen Antworten. Ich habe mich sehr über dieses Interview gefreut!

 

David Wagner: Leben

Kurz nach Mitternacht, gerade erst heimgekehrt und noch Apfelmus löffelnd, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Blut, wohin das Auge reicht, Notfall, Krankenhaus. Zuerst durch die vielen Medikamente noch verschwommen und ab und an skurril, dann immer klarer, nimmt der junge Mann den Krankenhausalltag um sich wahr. Träume wechseln sich ab mit direkt Erlebtem, was ist wahr, was nicht?

Bin ich vielleicht doch schon tot? Geht mich das alles gar nichts an? Schaue ich nur noch zu? Vielleicht träume ich diese Gegenwart bloss, und Jenseits heisst, in einem Bett zu liegen und sich an Episoden seines Lebens erinnern zu müssen, ob man will oder nicht. Gestern oder vorgestern war meine Beerdigung, vielleicht ist sie aber erst heute. Oder morgen.

Es beginnt das Warten auf eine neue Leber. Das Warten eröffnet Fragen nach dem eigenen Ich, nach dem Sinn des Lebens und ob er nicht besser tot wäre. Er denkt es fast, wäre da nicht seine kleine Tochter.

Ich könnte – ja, das Wasser ist kalt genug, in kaltem Wasser geht es schnell, dann aber fällt mir das Kind wieder ein, das morgens, wenn es aufwacht, immer lacht und so sehr da ist, für die Tochter sollte ich, ja möchte ich noch ein paar Jahre bleiben.

Der lange eintönige Krankenhausalltag bringt Zeit. Zeit, sich zu erinnern, sich an die Menschen zu erinnern, die waren und noch sind. Sie gibt Zeit, in sich hinein zu hören, oft zu viel Zeit. Durchbrochen wird die Zeit durch die Geschichten der anderen Patienten, wobei nicht klar ist, ob die Langeweile der stillen Zeit nicht besser war.

Einer, der diese Woche neben mir liegt, sagt kein Wort. Er sagt morgens nicht guten Morgen und abends nicht gute Nacht, ich sage auch nicht s mehr. Ich kann nicht behaupten, dass mich das wirklich stört, es ärgert mich kurz, ist mir dann aber egal. Jeder ist in seiner eigenen Welt.

Die neue Leber erscheint wie ein Geschenk, sie schenkt Leben, das einem anderen Menschen genommen wurde. Verpflichtet sie zu Dankbarkeit? Verändert sich nun das eigene Sein um die Eigenschaften des Spenders? Ist der junge Mann nun auch die junge Frau, die er sich als Spenderin vorstellt, obwohl er nicht weiss, woher die Leber stammte?

 Leben ist der autobiographische Rückblick von David Wagner auf seine Krankengeschichte. Er erzählt diese in einer authentischen, pragmatischen, offenen Weise. Seine Sprache ist klar und sachlich, sein Stil entbehrt nicht eines unterschwelligen Humors. Die Schwere der Thematik wird durch die kurzen und knappen Absätze aufgelockert. Man wird als Leser von einem Punkt zum anderen geschleudert, sieht sich gerade noch Todesgedanken gegenüber und entschwindet dann in vergangene Zeiten und Erinnerungen.

Das Buch ist voller Brüche, einer grosser ist die Transplantation, welche auf durch zwei schwarze Seiten im Buch gekennzeichnet ist. Es ist ein Buch, das sich nicht flüssig lesen lässt, ein Buch, das keine dahin plätschernde Geschichte erzählt. Die Form des Erzählens – es ist ein Erzählung verteilt auf 277 Paragraphen, 8 Teile, unzählbare Themen und Gedanken – wiederspiegelt das Erleben und verhilft dem Text so zu Unmittelbarkeit.

Fazit:
Eine authentische und sachliche Erzählung um Leben und Tod, die dabei sehr persönlich bleibt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
David Wagner
David Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011).

WagnerLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (22. Februar 2013)
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

 

 

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Jojo Moyes: Ein ganzes halbes Jahr

Lou kellnert mit grosser Freude in einem Café in dem kleinen Dorf, in dem sie geboren ist und noch heute zusammen mit ihren Eltern, ihrem demenzkranken Grossvater, ihrer Schwester und ihrem Neffen unter einem Dach lebt. Als das Café die Türen schliesst, braucht sie eine neue Arbeit, denn ohne ihr Einkommen könnte die Familie nicht auskommen. Das Einzige, was sie findet, ist die Pflege eines durch einen Unfall behinderten Mannes, dessen Gesellschafterin sie sein soll.

Eher widerwillig nimmt die diese Arbeit an, sieht sich bald mit einem mürrischen, sarkastischen und bösartigen Mann im Rollstuhl gegenüber, so dass sie am liebsten gleich künden möchte, was aber nicht möglich ist. Langsam tat das Eis zwischen den beiden.

Will und ich schienen einen Weg gefunden zu haben, miteinander umzugehen. Meist lief es darauf hinaus, dass er gemein zu mir war und ich es ihm manchmal heimzahlte.

Durch Zufall erfährt Lou, dass ihr Vertrag auf ein halbes Jahr begrenzt ist, weil Will danach in die Schweiz will, um da sein Leben, zu beenden. Von da an versucht Lou alles, ihm zu zeigen, dass das Leben auch im Rollstuhl lebenswert sein kann.

Ich starrte meinen Kalender an, den Stift immer noch in der Hand. Auf einmal vermittelte mir die mit Rechtecken bedruckte Fläche das Gefühl einer unglaublichen Verantwortung. Ich hatte hundertsiebzehn Tage, um Will Traynor davon zu überzeugen, dass es sich lohnte weiterzuleben.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, der die beiden einander näher bringt. Beide lernen sie voneinander und werden durch diese gemeinsame Zeit zu anderen Menschen.

Ein ganzes halbes Jahr erinnert sehr an den autobiographischen Roman von Philippe Pozzo di Borgo Le Second souffle (2001; auf Deutsch Ziemlich beste Freunde, 2012), welcher 2011 mit dem Titel Intouchables in die Kinos kam. Beide handeln von einem Mann, der durch einen Unfall im Rollstuhl landet, dadurch verschlossen und mürrisch wird und durch einen eher aussergewöhnlichen Gesellschafter zurück ins Leben findet, Spass daran hat. Im vorliegenden Buch ist es eine junge flippige Kellnerin, im Film ein dunkelhäutiger Exkrimineller. Neben vielen Gemeinsamkeiten gibt es aber durchaus auch Unterschiede, so dass es sich lohnt, dieses Buch trotzdem zu lesen.

Ein ganzes halbes Jahr ist leichte Unterhaltung, ist gut und leicht zu lesen, lässt einen dabei nicht mehr los, so dass man es kaum mehr aus der Hand legen will. Es weckt Gefühle, lässt einen nachdenken und eröffnet auch tiefer gehende Fragen, die man sich und dem Leben stellt. Die Geschichte trifft mitten ins Herz und setzt sich da fest. Man möchte schnell wissen, wie es ausgeht und fürchtet schon beim Lesen, dass es irgendwann zu Ende gehen könnte.

Fazit:
Ein ganzes halbes Jahr ist bewegend, mitreissend, feinfühlend und nachdenklich. Eine wunderschöne Geschichte auf einnehmende Weise erzählt. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Jojo Moyes
Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

MoyesHalbesJahrAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (21. März 2013)
Übersetzung: Karolina Fell
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Erwin Koch: Von dieser Liebe darf keiner wissen

Von dieser Liebe darf keiner wissen vereint Kurzgeschichten, die von der Liebe handelt, vom Leben und der Ohnmacht, der man sich in beiden ausgeliefert sieht. Es sind Geschichten von Menschen, die sich den Schwierigkeiten des Lebens gegenüber stehen und sich diesem Leben stellen müssen, weil sie keine andere Wahl haben.

Sarah fasst sich ans Becken, rechte Seite, und stöht auf, es ist 17 Uhr, längst finster im Dorf am 8. Dezember 2007, ein Samstag, die Welt riecht nach Schnee.

Mit Schmerzen beginnt an einem Samstag Morgen der lange Leidensweg von Sarah. Leukämie heisst die Diagnose, Chemotherapie, Haarverlust, Schmerzen, Angst, Kampf und Wut sind die Folgen.

Mein Lachen, sagen alle, das lieben sie, doch es ist gelogen, wie alles von mir. Das richtige Lachen, das habe ich verlernt, denn meine Tränen, die haben sich vermehrt.

Sarah geht ihren Weg durch diese Krankheit, stellt sich ihr und hält sich an ihre Pläne, die sie für ihr bevorstehendes Leben hat.

Was, wenn man anders ist als die anderen, aber nicht weiss wieso? Wenn die Eltern und Grosseltern einem sagen, was geht und was nicht und dies die Sicht auf das eigene Ich versperrt?

Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock, man langweilt sich, Schluss nach drei Monaten. […] Ist das normal? Eigentlich will er jetzt keine Freundin mehr.

Dario lebt das Leben, wie es sich gehört, heiratet, hat Kinder, einen Beruf – bis alles nicht mehr weiter geht. Zumindest nicht so. Damit steht er am selben Punkt wie zwei Priester, die nur noch einen Ausweg sehen, nämlich sich umbringen zu lassen, damit ihr Geheimnis mit ihnen ins Grab geht.

Nicht mehr weiter wie bisher geht es auch für eine britische alte Dame, welche die Hinrichtung ihres Vaters im Ersten Weltkrieg nicht einfach hinnehmen, sondern für seine Rehabilitierung kämpfen will.

Von dieser Liebe darf keiner wissen erzählt in kurzen, berührenden Geschichten von einem Leben, das vom Sterben bedroht ist, von einem Leben zwischen dem, was geht und was nicht. Es sind Geschichten über Menschen, die diesem Leben einerseits ohnmächtig gegenüber stehen und es doch in die Hand nehmen und ihren Weg hindurch suchen.

Erwin Koch beschreibt ganz normale Menschen in deren ganz normalem Umfeld, welches mal in der Schweiz, mal in den Niederlanden, in China, Brasilien ist. Er tut dies in einer klaren, kurzen, knappen Sprache, der jegliches Pathos fehlt. Die Geschichten wirken durch ihre Figuren, die auf eine liebenswürdige Weise gezeichnet sind, die nachvollziehbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sind und dadurch berühren.

Fazit:
Lebensnahe Kurzgeschichten zwischen Leben und Sterben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Erwin Koch
Erwin Koch wurde 1956 in Hitzkirch, Schweiz, geboren und ist promovierter Jurist. Er war als Redaktor für den (Zürcher) Tages Anzeiger sowie dessen Magazin tätig und arbeitete als freier Journalist für diverse Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen die FAZ, Brigitte, Geo, Die Zeit. Von ihm erschienen sind unter anderem Sara tanzt (2003), Der Flambeur (2005), Nur Gutes (2008), Was das Leben mit der Liebe macht (2011)

KochLiebeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 191 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

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Eberhard Rathgeb: Kein Paar wie wir

Ruth und Vika sind Schwestern. Sie leben zusammen in ihrer Wohnung und blicken auf ein gemeinsames Leben zurück. Von klein auf hielten sie zusammen, passten aufeinander auf, gaben sich gegenseitig Kraft. Sie überstanden die Tyrannei des Vaters, die Depression und Kälte der Mutter. Als Ruth alt genug war, floh sie nach New York, Vika reiste ihr nach. Von da an konnte sie nichts mehr trennen. Männer, Kinder, alles wäre ein Einschnitt in ihre Freiheit gewesen und nichts liessen sie zwischen sich kommen.

Ich wollte frei sein, ungebunden, wollte mir selbst gehören, keine Magd, keine Gattin sein, niemandem zugeordnet, nur mit dir zusammen, mein eigen, dein eigen, und ich ging in die Welt, eine Frau, und du kamst nach, keiner konnte uns zurückhalten, keiner uns trennen, wir liebten uns, die Eltern schmiedeten uns mit ihrer Kälte und Strenge wie glühendes Eisen zusammen…

Nun sind sie alt, sitzen tagtäglich zusammen am Tisch, abends auf dem Sofa, lassen ihr Leben Revue passieren und geniessen dieses Leben im Gleichschritt, ohne Neuerungen, ohne Überraschungen, einfach zu zweit.

Die beiden Schwestern kannten einander gut, sie würden sich nicht mehr ändern, bei ihnen blieb alles beim Alten. Aber die Welt draussen bewegte sich, und oft ängstigten sie sich vor der Unruhe, die sich in ihnen ausbreitete, wenn sie Nachrichten hörten. Dann waren sie froh, drinnen zu sein, in ihren vier Wänden. Zu viel Bewegung ging über ihre Kräfte.

Erinnerungen, die das Heute füllen, der Blick zurück als Lebensinhalt. Zwei Frauen, die ihr ganzes Leben – abgesehen von drei Jahren – zusammen waren, die aneinander gekettet durch ihr Schicksal in dieser Zweisamkeit die Freiheit sahen. So durchs Leben zu gehen war die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, da keine der beiden Schwestern sich allein stark genug fühlte. Und wie sie lebten, so stellten sie sich auch ihren Tod vor.

Sie gingen davon aus, dass das Ende genau so sein würde, wie sie es sich vorstellten. Man musste, dachten sie, nur fest an etwas glauben, von etwas überzeugt sein, damit es eintraf.

Eberhard Rathgeb schildert in Kein Paar wie wir die Geschichte zweier Frauen, die in gemeinsamen Gesprächen die Vergangenheit täglich neu beleuchten. In einem sprachlichen Staccato von wiederkehrenden Anekdoten entsteht langsam, Stück für Stück, ein Lebensbild. Dabei wechselt die Erzählperspektive zwischen der Ich-Erzählung der beiden Schwestern sowie einer auktorialen Perspektive hin und her.

Fazit:
Kein Paar wie wir ist eine Geschichte voller Kälte, Leid und (Überlebens)Kampf, aber auch eine Geschichte voller Liebe, Verlässlichkeit, Lebenshunger.

Zum Autor
Eberhard Rathgeb
Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren und folgte mit vier Jahren seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Bis vor sieben Jahren wohnte er in verschiedenen Städten, zog dann mit Frau und Kind aufs Land. Er war Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ihrer Berliner Sonntagsausgabe. Von Eberhard Rathgeb erschienen sind bereits Inventur. Deutsches Lesebuch 1945 – 2003 (2003), Die engagierte Nation. Deutsche Debatten (2005), Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe (2007).

Rathgeb_24131_MR.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 25.90

Milena Agus: Die Welt auf dem Kopf

Eine junge Studentin wohnt in einem Haus in Cagliari, unter ihr lebt Anna mit ihrer Tochter, oben Mr. Johnson. Die Schicksale der drei Stockwerke vermischen sich, die Menschen des Hauses wachsen langsam zu einer Familie zusammen. Die junge Studentin hängt an dieser Familie, da sie alles ist, was sie hat. Ihr Vater hat sich das Leben genommen, ihre Mutter flüchtete sich in eine Geisteskrankheit.

…sie seien einfach wehrlos gegenüber dem Leben gewesen. Wir Menschen seien nun einmal nicht, wie die anderen uns gerne hätten. Daran könne man verzweifeln, ja, sogar sterben. Oder aber man akzeptiert, dass man anders gestrickt ist als andere…

Die junge Frau blickt auf eine Vergangenheit voller Verlusten in der eigenen Familie zurück, woraus Verachtung und Isolation im Umfeld resultierte. Zurück bleibt die Angst, dass ihr dieses wieder passiert, sie die Menschen, die ihr nun nah sind, wieder verlieren könnte. Sie sucht ihren eigenen Weg, ihren Platz im Leben, weiss aber nicht genau, wo ihn finden. Das lässt ab und an Wehmut aufkommen, Verzweiflung fast.

Ob ich nun Romanschriftstellerin werde oder nicht, ich glaube, dass ich nicht für diese Welt geschaffen bin und es besser gewesen wäre, ich wäre gar nicht erst auf die Welt gekommen.

Trotz allem glaubt sie an die grosse Liebe, lebt ein Leben voller Mitgefühl, voller Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Sie schöpft immer wieder neuen Mut, geht ihr eigenes Leben an, fängt an zu schreiben und schreibt dem Leben den Fortgang zu, wie sie ihn sich für sich und die, welche ihr lieb sind, wünscht.

Die Welt auf dem Kopf ist eine Geschichte voller Farben und Gerüchen, voller Liebe und Enttäuschungen, voller Hoffnungen und Ängsten. Es ist die Geschichte von unterschiedlichen Menschen, die alle dasselbe wollen: ein glückliches Leben. Allerdings gehen sie alle von unterschiedlichen Voraussetzungen aus und kommen durch ihr Naturell an unterschiedliche Orte. So gesehen das ganz normale Leben.

Die Frage nach dem Normalen steht im Zentrum von Milena Agus’ Geschichte. Wer oder was ist normal und wo fängt das Abnormale an? Was ist Natur, wo wird sie verkehrt?

„Und was ist bitte schön normal?“, fragte ich.
„Das, was die Mehrheit der Menschen tut! Normal ist man, wenn man ungefähr so ist wie die anderen.“
„Nein, weil wenn man verrückt ist und sich in einer Irrenanstalt befindet, ähnelt man ja auch den anderen, obwohl man nicht normal ist.“

Jede der Figuren von Milena Agus hat ihre normalen und ihre merkwürdigen Seiten. Alle sind sie liebenswürdig auf ihre Weise. Es sind Menschen, die sich kümmern, Menschen, die sich gegenseitig Familie sind. Es sind Menschen aus der Nachbarschaft, die langsam zusammen wachsen und eine Welt bilden, wie sie eine Autorin hätte entwerfen können. Milena Agus zeichnet eine Welt, die Mut macht, eine Welt der leisen Töne, eine Welt, die fein und zart erscheint und trotzdem die Tiefen des Lebens auslotet.

Fazit:
Eine wunderschöne Geschichte mit märchenhaften Zügen über das Leben, über den Tod, und alles, was dazwischen ist. Ein Buch, das Mut macht, tief, nachdenklich und doch froh ist. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Milena Agus
Milena Agus kam 1959 in Genua als Kind sardischer Eltern auf die Welt. Sie lebt heute in Cagliari, Sardinien, und unterrichtet an einer Schule Italienisch und Geschichte. Von Milena Agus erschienen sind bereits Die Frau im Mond (2009), Solange der Haifisch schläft (2009), Die Flügel meines Vaters (2010), Die Gräfin der Lüfte (2011)

AgusWeltAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: dtv (April 2013)
Übersetzung: Monika Köpfer
Preis: EUR 17.90 / CHF 25.90

Ulla Egbrinhoff: Franziska von Reventlow

Fanny Liane Wilhelmine Sophie Adrienne Auguste Comtesse zu Reventlow wurde am 18. Mai 1871 in Husum geboren. Ihr Lebensweg führte über Lübeck, München bis hinab nach Ascona, wo sie am 26. Juni 1918 starb. Es war ein bewegter Weg, ein Weg voller Brüche, voller Kampf um die eigenen Ideale und eine ständige Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit.

Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtzulegen.

Aufgewachsen in einem sehr konservativen Elternhaus, unterdrückt von einer Mutter, die aus ihr eine der Zeit und dem Stand angepasste junge Frau machen wollte, brach sie alsbald aus diesem Leben aus und brach damit mit ihrem Elternhaus. Sie wollte sich nicht abfinden mit den mangelnden Möglichkeiten als Frau, sah sich zur Künstlerin, zur Malerin geboren.

Franziska zu Reventlow widersetzte sich den Konventionen ihrer Zeit. Sie setzte sich für sexuelle Freizügigkeit ein, war allein erziehende Mutter eines Sohnes, den sie über alles liebte, dessen Vater sie aber zeitlebens nicht bekannt gab. Sie unterhielt wechselnde und teilweise überschneidende Männerbekanntschaften und verkehrte in Münchens Künstlerkreisen, ständig mit Geldsorgen kämpfend. Ihr Job als Übersetzerin reichte kaum je für den Lebensunterhalt, die gelegentlichen Geldbeschaffungsmassnahmen machten auch vor Körpereinsatz nicht Halt. Zwar hätte sie einige Male die Möglichkeit gehabt, in den Ehehafen einzulaufen und damit auch eine sicherere Lebensgrundlage zu haben, doch konnte sie sich nicht dazu entschliessen, ihre Freiheit aufzugeben.

[…] es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses masslose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.

Gab sich Franziska von Reventlow nach aussen lebenslustig und kämpferisch, kämpfte sie im Innern oft mit Depressionen und auch Einsamkeit. Die angeschlagene Gesundheit machte ihr auch oft zu schaffen. Trotz allem liess sie sich nicht von ihrem eigenen Weg abbringen, begann, als sie merkte, dass es mit der Malerei nicht klappte, zu schreiben und veröffentlichte Erzählungen in Zeitschriften wie der Neuen Rundschau oder Zürcher Diskussionen.

1900 beginnt sie mit ihrem autobiographischen Roman Ellen Olestjerne, welchen sie 1903 publiziert. Es folgen noch weitere Romane, doch aus ihren finanziellen Nöten kommt sie nicht heraus. 1910 zieht sie mit ihrem Sohn nach Ascona, wo sie 1918 bei einer Operation stirbt.

 Ich finde, dass das Leben [der Reventlow] eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie. (Rainer Maria Rilke in „Die Zukunft“, 1904)

Ulla Egbringhoff hat dieses Leben dargestellt und dies auf eine sanfte, menschliche und fundierte Weise. Sie hat ein klares Bild der Lebensumstände und der damaligen Gesellschaft gezeichnet und die eigenwillige und kämpferische Künstlerin hinein gebettet. Die konventionellen Geschlechterrollen sind dabei ebenso Thema wie künstlerische Strömungen und gesellschaftliche Erwartungen.

Franziska von Reventlow wird in diesem Buch lebendig, man fühlt sich ihr verbunden, erkennt in ihr eine Frau, die ihren Weg gehen will und dafür einen hohen Preis zahlt. Das Buch handelt vom Leben einer Künstlerin, die in sich einen enormen Lebenswillen und Freiheitsdrang spürt, dem sie nicht entkommen kann. Sie muss diese ausleben, verzweifelt dabei aber innerlich ab und an, fühlt sich unzulänglich und allein.

Fazit:
Das Portrait einer unkonventionellen, freiheitsliebenden, kreativen Frau, welche sich ihre eigene Welt schaffte und doch nie zu Hause schien. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Ulla Egbringhoff
1965 in Metelen/Westfalen geboren, studierte Ulla Egbringhoff in München und Köln Literatur, Theaterwissenschaften und Philosophie. Es folgten verschiedene Tätigkeiten als Regieassistentin, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung, Rundfunkbeitrräge für den WDR sowie Aufsätze zu Autorinnen der Jahrhundertwende.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (August 2000)
Preis: EUR 7.90 / CHF 12.50

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Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

Heute vor 229 Jahren, am 10. März 1788 kam Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff als zweiter Sohn eines preussischen Offiziers, Adolf Theodor Rudolf von Eichendorff, und dessen Frau Karoline auf Schloss Lubowitz in Oberschlesien zur Welt. Er liebte Abenteuer- und Ritterromane sowie antike Sagen und versuchte sich schon als Kind selber im Schreiben. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Breslau studierte Eichendorff in Halle Jura und Geisteswissenschaften. Er reiste viel, liebte das Theater und war überhaupt Kunst und Kultur sehr angetan.

Nach Abschluss seines Jura-Studiums 1812 nahm Eichendorff von 1813 bis 1815 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Kurz nach seiner Rückkehr nach Breslau heiratete er, es folgten 4 Kinder, von denen das letzte kurz nach der Geburt starb. 1818 starb auch Eichendorffs Vater, nach dessen Tod viele der hoch verschuldeten Ländereien und Güter verkauft wurden. Ein Verlust, der an Joseph von Eichendorff zehrte, von dem er sich kaum mehr erholte.

Ab 1816 arbeitete Eichendorff im Staatsdienst und arbeitete sich zum Geheimen Regierungsrat hoch. Nach einer schweren Lungenentzündung 1943 quittierte er seinen Dienst 1944 und trat frühzeitig in Ruhestand. Er schrieb hauptsächlich Romane und Erzählungen, in welche er den grossen Teil seines lyrischen Werkes einbaute. 1857 auf, selber zu schreiben, um publizistisch zu betätigen. Er starb im selben Jahr am 26. November in Neisse.

Zum literarischen Schaffen:
Zahlreiche Gedichte Eichendorffs wurden vertont, allen gemein ist die idyllische Darstellung der Natur, die bildliche Sprache:

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Entstanden  um 1835, das erste Mal veröffentlicht 1837 zählt das Gedicht zur Spätromantik und gehört in die Gattung der Naturlyrik. Es wurde 1840 von Robert Schumann vertont und zum Mittelpunkt seines Liederkreises gewählt.

Wenn der Himmel die Erde küsst, kann das als Segnung Gottes verstanden werden. Diese träumt von der Erhebung hin zu ihm. Es breitet sich eine Idylle auf der Erde auf, die sich in wogenden Ähren und rauschenden Wäldern ausdrückt. In der sternenklaren Nacht kann sich die Seele des Menschen erheben, durchs stille Land gleiten, in Frieden,  und frei aller Sorgen. Es ist ein Gefühl von Heimkommen in die Geborgenheit.

Heimweh, Erinnerung und Sehnsucht sind zentrale Elemente i Eichendorffs Lyrik. Sicherlich drückt da der nachwirkende Verlust der elterlichen Güter durch.

Eichendorffs bekanntestes Werk war sicher Aus dem Leben eines Taugenichts. Die 1826 erschienene Novelle wiederspiegelt ganz deutlich das Lebensgefühl der Spätromantik. Es handelt von jungen Sohn eines Müllers, welcher (nicht ganz freiwillig, sagt doch der Vater:

Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich nicht länger füttern.)

in die weite Welt hinaus geht, um sein Glück zu finden. Zufälle und Abenteuer säumen seinen Weg, er wird Gärtner auf einem Schloss, verliebt sich in Aurelie, welche unerreichbar scheint, und wandert weiter. In Italien sieht er sich inmitten farbenprächtigen Lebens und einiger Liebschaften, bis ihn die Sehnsucht nach der Heimat und nach Aurelia die Zelte abbrechen lässt und er zum Schloss zurückfährt. Es folgt die Aufklärung eines Missverständnisses, Heirat und das märchenhafte Happy End. Die Novelle gleicht einem naiven Märchen, in eben dem Ton ist sie auch geschrieben.

Werke

  • Ahnung und Gegenwart, Roman (1810-12 geschrieben, erschienen 1815)
  • Das Marmorbild,  Novelle (1818)
  • Die Freier, Lustspiel in drei Aufzügen (Vorstufen entstanden 1816-1820, fertiggestellt und erschienen 1833)
  • Krieg den Philistern, dramatisches Märchen in fünf Abenteuern (1824)
  • Aus dem Leben eines Taugenichts, Erzählung (1817 begonnen, abgeschlossen 1822/23, erschienen 1826)
  • Auch ich war in Arkadien, Politische Satire in Form eines Reiseberichts (1832 entstanden, 1866 posthum erschienen)
  • Dichter und ihre Gesellen, Novelle (erschienen 1834)
  • Das Schloss Dürande, Novelle (1837)
  • Die Glücksritter, Novelle (1841)
  • u.a.

Valeria Luiselli: Die Schwerelosen

Eine junge Frau, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Haus in Mexico City lebt, schreibt über ihr Leben in einer anderen Zeit, als sie noch in New York lebte. Sie schreibt über ihre Liebschaften und andere schräge Gestalt, über ihr Leben zwischen Wahrheit und Lüge, weit ab von Konventionen.

In jener Phase war mir zum Lügen zumute. Ich log immer öfter, sogar in Situationen, die es nun wirklich nicht erforderten. Ich vermute, das ist die Logik der Lüge: Eines Tages legst du den ersten Stein, und am nächsten musst du zwei legen.

Es ist ein Leben, das sie selber in die Hand nimmt, das ihr aber trotzdem ab und an zu entgleiten droht.

Es gibt zwei Typen von Menschen: diejenigen, die einfach leben, und diejenigen, die ihr Leben designen.

Es ist ein Leben voller Gespenster und Besessenheiten, die ab und an zur Last werden, aber doch so viel Lust beinhalten, dass sie das Leben weiter lebt. Vielleicht auch, weil sie nicht anders kann.

Zwischen den Schreibphasen lebt sie ihr Leben heute in Mexico City, mit ihrem Mann, mit ihren Kindern. Sie sitzt eingesperrt in einem Haus, welches kein Zuhause bietet. Das einzig Lebendige scheinen die Fragen und Worterfindungen ihres Sohnes zu sein. Während ihres Schreibens wächst das Misstrauen in der jetzigen Welt, Fiktion nimmt immer mehr Raum ein in der Wirklichkeit, bis niemand – vermutlich nicht mal sie selber – mehr weiss, wo die Grenze liegt.

Zunächst das gegenseitige Belauern. Den anderen verfolgen und sich verfolgen lassen, bis keiner von beiden mehr ein Quäntchen Luft zum Atmen hat. Einen unendlichen Hass auf den anderen entwickeln. Nicht so sehr Überdruss […]. Nicht so sehr Verachtung […]. Vielmehr Hass

Die Schwerelosen ist ein Buch voller Brüche. Die Brüche sind innerhalb der Personen, zwischen den Personen, zwischen den Zeiten und im Erzählstrang. Es sind Brüche, die es schwer machen, sich zurechtzufinden. Man hangelt sich von Häppchen zu Häppchen, sammelt Informationen, um sie wieder zu verwerfen, versucht, sich zurechtzufinden und verliert sich wieder.

Valeria Luiselli schreibt in einer klaren Sprache, spinnt phantastische Geschichten, in denen man sich ständig fragt, was wahr und was falsch ist, in denen man sich mitten im Ernsten einem Witz gegenüber sieht. Wenn das Buch eines nicht ist, dann ist das langweilig, trotzdem fällt es nicht immer leicht, dran zu bleiben.

Fazit:
Literarisch, wild, poetisch, chaotisch, orientierungslos, mit Witz, Charme, ohne roten Faden. Verwirrend – es ist schwer, ein wirkliches Fazit zu ziehen, selber lesen und entscheiden kann ich dazu nur sagen.

Zur Autorin
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York.

LuiselliSchwerelosAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 190 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

Zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Max Bronski – Nachgefragt

bronski-maxMax Bronski – wer auch immer er sei – stellte sich meinen Fragen. Max Bronskis Biographie könnte man auch mit „Geheimnis um…“ umschreiben. Niemand weiss, wer er ist, der Name ist ein Pseudonym. Auf Spekulationen verzichtend belassen wir es bei den (so überlieferten) bekannten Tatsachen: Max Bronski wurde 1964 in München geboren, studierte ebenda Theologie und Musikwissenschaften, allerdings nicht bis zum bitteren Ende. Er interessiert sich ausserdem für Physik, was sich in seinem neusten Thriller Der Tod bin ich niederschlägt. Von ihm erschienen sind ausserdem Sister Sox (2009),  Münchner Blues (2010), Schampanninger (2010) und Der Tod bin ich (2013).

1. Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Was inspiriert Sie?

Zunächst einmal hat man ja einen Fundus an Erlebtem und Erfahrenem. Aus dem kommt aber normalerweise außer Pubertätsromanen und Tagebüchern nichts Bemerkenswertes heraus, es sei denn, man liest viel, eignet sich so die Gedanken anderer an und schafft es, den wirren Haufen mit zündenden Idee zu ordnen.

2. Wann und wo schreiben Sie?

In intensiven Schreibphasen frühmorgens ab halbsechs und immer in meinem Arbeitszimmer, weil dort alles, was ich für meinen Stoff brauche, verfügbar ist.

3. Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie loslegen?

Geht gar nicht! Wenn ich nicht weiß, wo ich hin will, komme ich nirgendwo an. Zwei Möglichkeiten: Ich habe eine bestimmte Atmosphäre, ein paar markante Figuren und eine Ausgangssituation, die Rätsel aufgibt. So sind meine München-Krimis entstanden. Bei „Der Tod bin ich“ hatte ich es mit eine Fülle komplexer Themen, Kalter Krieg, die Politik in den fünfziger und sechziger Jahren, Quantenphysik u.ä. zu tun. Das muss sorgfältig recherchiert und ausgearbeitet werden.

4. Was steckt von Ihnen in ihrem Roman?

Mein Leben, vor allem aber mein Kopf!

5. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schalten Sie ab?

Schriftstellerei ist kein Beruf, sondern eine Lebenshaltung. Die kriegen sie nie weg, noch nicht mal in der Badehose.

6. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Das ergäbe eine lange, sehr heterogene Liste. Aber Bücher mit tiefsinnigem Witz und Selbstironie schätze ich immer.

7. Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

ICH BRAUCHE VIER!

Ich möchte mich herzlich  bei Max Bronski bedanken für diesen Einblick in sein Schreiben!

Max Bronski: Der Tod bin ich

Der Sterbende schlug die Augen auf und begegnete noch einmal dem Blick seines Mörders. Dann glitt sein Kopf zur Seite und die zunehmend undeutlicher werdende Wahrnehmung verlor sich in der feinkörnigen, hellen Fläche seines Gartens wie in einer weit gestreckten Wüste.

Auf einem Hollandrad, mit Hut und Pfeife radelt der Mörder übers Land, um eine Tat zu verrichten, die ihre Ursachen in der tiefen Vergangenheit hat: Er bringt den mittlerweile pensionierten Gutsverwalter Eulmann um. Derselbe Täter fährt aufs Land und tötet auch noch eine Bauersfrau. Die einzige Verbindung zwischen den zwei Personen ist ein junger Mann, Tino Senoner, einerseits Nachfolger von Eulmann, andererseits Neffe der Bauersfrau.

Dass ein Zusammenhang zwischen den Toten besteht, welcher es ist, sieht Tino erst, als die Hinterlassenschaft Eulmanns in Händen hält und dadurch ins Jahr 1957/58 zurück versetzt wird. Eine wilde Geschichte rund um den kalten Krieg und einen jungen naiven Kernphysiker im Kreuzfeuer von Agenten verschiedener Lager und deren Druckmittel eröffnet sich und nimmt ihren Lauf.

Die anfängliche Orientierungslosigkeit Tinos schlägt auf den Leser über. Er hat am Anfang mit wirrem Hin und Her, wechselnder Erzählform (Ich-Erzähler und auktorialer Erzähler wechseln ab) und einem fehlenden Zusammenhang zu kämpfen. Nach und nach lüftet sich der verhüllende Schleier und man wird von der sichtbar werdenden Geschichte gepackt und mitgerissen, so dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legen möchte, um zu erfahren, wie es endet.

Bronskis Geschichte hat verschiedene Ebenen und Thematiken. Sie handelt von einem Physiker, welcher seine Formeln in Musik umwandelt und die daraus entstehende Musik trifft auf die Struktur des Romans zu:

Musikalisch bildeten Petris Entwürfe ein aus den Fugen geratenes System ab, das sich selbst parodierte. Schräg und leicht dissonant, aber immer unterlegt mit einer klaren Struktur.

Hier tut sich quasi eine Metaebene im Roman auf, indem dieser als Musikstück paraphrasiert wird. Der Roman wirkt oft wie eine Parodie, ist aber trotzdem auch mit Ernst versetzt. Er ist fundiert geschrieben, hat alles, was ein Agententhriller haben muss. Es ist eine moderne Fassung der Faust-Thematik, indem ein Wissenschaftler seine Seele dem Teufel (hier sind es mehrere sich gegenseitig bekämpfende Teufel) verkauft und diesen Pakt schlussendlich mit dem Tod bezahlt.

Fazit:
Eine Geschichte voller Intrigen, Zahlen, Musik, Agenten, Mord und Verfolgung. Chaotisch anfangend kommt immer mehr Ordnung in die Geschichte, bis sie schlussendlich aufgeht. Fast wie Mathematik. Eine gelungene Komposition.

Zum Autor
Max Bronski
Max Bronskis Biographie könnte man auch mit „Geheimnis um…“ umschreiben. Niemand weiss, wer er ist, der Name ist ein Pseudonym. Auf Spekulationen verzichtend belassen wir es bei den (so überlieferten) bekannten Tatsachen: Max Bronski wurde 1964 in München geboren, studierte ebenda Theologie und Musikwissenschaften, allerdings nicht bis zum bitteren Ende. Er interessiert sich ausserdem für Physik, was sich in seinem neusten Thriller Der Tod bin ich niederschlägt. Von ihm erschienen sind ausserdem Sister Sox (2009), Münchner Blues (2010) und Schampanninger (2010).

BronskiTodAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 397 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (15. Januar 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

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Björn Bicker – Nachgefragt

bicker-bjoernBjörn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Von ihm erschienen sind ILLEGAL (2009) und Was wir erben (2013).

Björn Bicker hat mir einige Fragen zu seinem Schreiben beantwortet. Dies auf eine sehr kurze und knappe, dabei aber humorvolle Weise. Ich möchte mich dafür bedanken!

1. Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Was inspiriert Sie?

Ich habe Augen und Ohren. Und eine Geschichte. Und Menschen um mich rum.

2. Wann und wo schreiben Sie?

Morgens. An meinem Arbeitsplatz, in meinem Büro.

3. Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie loslegen?

Alles gleichzeitig.

4. Was steckt von Ihnen in ihrem Roman?

???

5. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schalten Sie ab?

Ahoi! Immer im Dienst.

6. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muss eine Stimme haben, eine unverwechselbare Stimme. Zum Rest der Frage: Verrate ich nicht.

7. Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Das geht gar nicht. Ups, das waren ja vier Worte.

Ein visueller Eindruck vom Autoren und ein Einblick in sein jüngstes Buch Was wir erben:

Björn Bicker: Was wir erben

Auf dem Foto sieht man den Vater als sechsundreissigjährigen Mann an der Seite einer blonden Frau, die ein buntes, eng geschnittenes Sommerkleid trägt. Sie legt ihren Arm um seine Hüfte, er schaut seitlich zu Boden. Sie posiert. […] Der Körperhaltung nach passt ihm die Situation nicht, aber das kann täuschen.

Elisabeth lebt ein Leben, das sich im Alltag erprobt hat. Sie ist Schauspielerin an einem renommierten Theater und lebt mit Holger, einem Arzt zusammen. Die Ruhe und Beschaulichkeit wird mit einem Telefonanruf jäh durchbrochen. Ihr Bruder, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste, bittet um ein Treffen.

Du lächelst verlegen. Du versuchst, Deine Hände vor mir zu verbergen. Ich höre meine Stimme: Eine Affäre. Weiter nichts. Das sieht ihm ähnlich. Deine Augen werden feucht.
Ehrlich gesagt, das Foto spricht eine andere Sprache. Das sieht nach Doppelleben aus, nach Liebe, nach grossem Kino.

Elisabeth bittet um Zeit, weiss nicht, was mit all dem anfangen. Sie hat ihre Vergangenheit und vor allem ihren Vater aus ihrem Leben verdrängt. Nun bricht alles auf, Bild für Bild kehrt es zurück und Elisabeth merkt, dass sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss. Zuerst noch denkend, dass sie das nur für ihren Bruder macht, um diesem ein Bild seines Vaters aufschreiben zu können, macht sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Es ist eine Reise zurück zu den Plätzen seiner wie auch ihrer Vergangenheit. Erinnerungen tauchen auf an seinen Alkoholkonsum, ihre Angst vor ihm, seine Wut und ihre Flucht.

Je mehr Elisabeth über ihren Vater erfährt, desto weiter entfernt sie sich von ihrem gewohnten Leben, vom Mann an ihrer Seite. Sie verstrickt sich immer tiefer in ihre eigene Herkunft und will von allem, was bis vor kurzem noch Alltag war, weg, hinein in eine neue Zukunft, die ihr echter und wahrer erscheint als alles, was bislang ihr Leben ausmachte.

Gesucht hat sie ihren Vater, gefunden hat sie sich selber. Björn Biker erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die aus der sorgsam aufgebauten Welt in ihre eigenen Abgründe taucht und dabei viel über sich selber herausfindet, sich erst selber kennen lernt. Der schonungslose Blick eröffnet ihr eine neue Sicht auf ihr eigenes Leben und sie realisiert am Schluss, was wirklich zählt im Leben.

Der Roman ist ein Buch über Wahrheit, Heimat, Liebe und Hass, es ist ein Buch über das Vergessen und das Erinnern, über Sucht und Verdrängen, ein Buch darüber, dass man die eigene Vergangenheit immer in sich trägt und doch jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben selber zu gestalten, indem man es in die Hand nimmt. Es ist ein Buch über das Erwachsenwerden.

Was wir erben besticht durch einen klaren Realismus, in welchem doch nie ganz klar ist, was Spiel, was wirkliches Leben ist und war. Es erzählt Geschichten des Lebens und erfundene, zeigt die Menschen im Leben und im Spiel desselben. Björn Biker schreibt in einer schnörkellosen und direkten Sprache. Er verzichtet auf Sentimentalität und Pathos, sondern erzählt, was ist oder zu sein scheint. Er legt die Gedanken seiner Figuren offen, stellt sie dar in ihrem Schein und Sein, ohne sie blosszustellen. Er zeigt die menschlichen Schwäche und was sie anrichten können, wenn es die von Eltern sind, ohne dabei zu sehr auf Opfer-Täter-Konstruktionen zu verfallen.

Fazit:
Eine Reise durch die Vergangenheit, um ganz in der Gegenwart anzukommen. Eine Geschichte, die etwas von jedem in sich trägt, ohne psychologisierend den Spiegel vorzuhalten. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Björn Bicker
Björn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Auch von ihm erschienen ist ILLEGAL (2009).

BickerErbenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90

Zu kaufen bei: BOOKS.CH und AMAZON.DE

Bethan Roberts – Das Interview

Photograph by Charlie Hopkinson
Photograph by Charlie Hopkinson

 Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind u.a. Stille Wasser (2008), Köchin für einen Sommer (2009), Der Liebhaber meines Mannes (2013).

Woher hast du die Ideen für deine Bücher? Was inspiriert dich?

Eine Idee kann von überall kommen. Alles ist interessant, wenn man nur genau hinschaut. Wenn man Schriftsteller ist, muss man immer neugierig sein. Ich liebe Klatsch und Tratsch, interessiere mich für das Leben anderer Leute und schreibe schliesslich auch darüber.

Wann und wo schreibst du?

Ich schreibe teilweise zu Hause (ich habe einen kleinen Raum in meinem Haus, welchen ich als „Studierstube“ nutze) und teilweise in Cafés. Ich schreibe von Hand in ein Notizbuch, welches ich immer dabei habe. Mein 3jähriger Sohn ist an vier Nachmittagen die Woche  im Kindergarten, diese Zeit nutze ich zum Schreiben. Manchmal ist es dann gut, aus dem Haus zu gehen und die Gespräche anderer Menschen zu belauschen, während ich auf meinem Notizblock herumkritzle.

Schreibst du frisch drauf los oder recherchierst du erst, planst, machst Notizen, bevor du zu schreiben beginnst?

Das variiert. Kurzgeschichten schreibe ich manchmal einfach so, ohne vorherige Nachforschungen oder Notizen. Meistens schaffe ich auf diese Weise aber nur ¾ der Geschichte und weiss dann nicht mehr, wie weiter. Dann beginnt ein langer Prozess des Umschreibens und ich muss herausfinden, worum es in der Geschichte überhaupt geht, um zu wissen, wie sie enden soll.

Wenn ich einen Roman schreibe, geht dem meist eine lange Phase der Recherche voraus (bei Der Liebhaber meines Mannes war es etwa ein Jahr). Darauf folgt das Schreiben, danach das Umschreiben und am Schluss die Textredaktion. Den grössten Anteil beim Schreiben hat das Umschreiben. Zum Glück ist das auch der Teil, den ich am meisten liebe.

Steckt etwas von dir in deinem Roman? Wenn ja, was ist es?

Oh ja, zweifelsohne. Wenn ich wüsste was es ist und wieso dem so ist, bräuchte ich keine Therapie.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schaltest du ab?

Wenn ich mit meinem Sohn zusammen bin, habe ich Pause vom Schreiben, denn ich finde es sehr anstrengend, an einen Roman zu denken und mich gleichzeitig auf einen Dreijährigen zu konzentrieren. Was Urlaub betrifft, so würde ich gerne eine Lesereise machen, irgendwohin, wo es warm und schön ist. 5 Tage lang nur ich und ein paar Bücher. Im Moment ist das reine Phantasie.

Welche Art Bücher magst du? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell liebst?

Es ist schwer zu sagen, welche Art Bücher ich mag. Ich liebe Romane, die schöne Sätze haben und faszinierende Charaktere. Bücher, die mich immer wieder überraschen und in denen sich trotzdem Details aus dem normalen Leben finden. Ich mag gute Familiensagas und auch Bücher, die mich zum Weinen Lachen bringen. Das hilft nicht wirklich weiter, nicht wahr? Wenn ich ein paar wirkliche Lieblinge nennen müsste, dann wären das A Room With A View (E.M.Forster: Zimmer mit Aussicht), The Prime of Miss Jean Brodie (Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie), The Sportswriter (Richard Ford: Der Sportreporter), The Corrections (Jonathan Franzen: Die Korrekturen), The Hours (Michael Cunningham: Die Stunden), My Father and Myself (J.R.Ackerley), The Great Gatsby (F.Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby), The Go-Between (L.P. Hartley) und die Kurzgeschichten von Claire Keegan. Des Weiteren mag ich auch Posy Simmonds Comic Romane.

Wenn du dich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Klein,wählerisch, stur

Bethan, herzlichen Dank für dieses Interview.

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstrasse

Man hörte das Knacken einer Sprechanlage, wurde von einer Stimme auf den dritten Stock im Vorderhaus verwiesen, in eine Wohnung, die Denninghoff nur allzu gut kannte. Dort hatte er die letzten Jahre mit seiner Frau verbracht, und wie oft hatte er gewünscht, sich in den Räumen, die ihm vertraut waren, nochmals umzusehen.

Nach dem Tod seiner Frau zieht Denninghoff aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er erträgt die Umgebung, in der sein gewohnter Alltag, der ein glücklicher gewesen ist, mit einem Schlag beendet war, nicht mehr. Schon kurze Zeit drauf bereut er diesen Schritt, hängt seine ganzen Gedanken an ein Poster, das in dieser Wohnung gehangen hat und das er wieder haben will. Er sieht es vor sich, bricht in die Wohnung ein, im Glauben, es müsse noch da hangen. Doch genauso wenig wie er das Bild wieder findet, lässt sich das alte Leben zurückholen.

Diese und vier andere Erzählungen finden sich in Hartmut Langes Novellenband. Hartmut Lange lässt seine Geschichten durch detaillierte Umgebungsbeschreibungen realistisch wirken, man sieht sich dem normalen Leben inmitten einer plastischen Umwelt, sei es Stadt, sei es Natur, gegenüber. Es sind Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen, die ein normales, von Gewohnheiten geprägtes Leben führen und damit glücklich sind.

Es sind Geschichten vom kleinen Glück des Alltags, welches plötzlich getrübt wird. Sei es der Tod der geliebten Frau, die Aussage einer Frau über den eigenen Mann oder das Spiel einer toten Cellistin, alles bewirkt eine plötzliche Abkehr der Gedanken vom guten Alltag. Plötzlich ist nicht mehr das gewohnte Leben im Zentrum, sondern eine Besessenheit nimmt überhand und wird zum grossen vereinnahmenden Loch. Wie soll man damit umgehen?

„Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern“ Und: „Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern“

Hartmut Lange beschreibt die menschliche Fähigkeit, den eigenen Gedanken mehr Realität zu geben als dem gewohnten Alltag. Was ist Wirklichkeit, was Lebenslüge? War die bisherige Gewohnheit nur Wegschauen und nun ist man aufgewacht? Sind die neuen Gedanken eigene Sehnsüchte, Ängste, welche irrational sind? Das blosse Denken einer Möglichkeit wird zur Obsession, der kaum entkommen werden kann. Entweder man findet einen Weg, mit dem Zerstörerischen umzugehen oder es zieht einen in den Abgrund.

Fazit:
Geschichten aus dem Leben, menschlich, realistisch und doch phantastisch. Empfehlenswert.

Der Autor: Hartmut Lange
Hartmut Lange wurde 1937 in Berlin-Spandau geboren, wurde mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren nach Polen umgesiedelt und kehre 1946 mit seiner Mutter nach Berlin zurück. Er studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie und erhielt 1960 eine Anstellung am Deutschen Theater in Ostberlin. 1965 verliess er die DDR und reiste über Jugoslawien nach Westberlin, arbeitete da für verschiedene Theater. Er schreibt hauptsächlich Erzählungen und Prosa, Werke von ihm sind u. a. Tagebuch eines Melancholikers, Vom Werden der Vernunft, Eine andere Form des Glücks, Der Wanderer. Hartmut Lange lebt mit seiner Frau in Berlin und bei Perugia in Umbrien.

LangeDoroAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2013)
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90