Sunil Mann – Nachgefragt

©Eke Miedaner
©Eke Miedaner

 Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

Sunil Mann hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Herausgekommen ist ein Interview, das – obwohl er nicht zuviel Privates an die Öffentlichkeit geben möchte mit seiner Selbstbeschreibung –  tiefe Einblicke in sein Schreiben gewährt und den Menschen und Autoren Sunil Mann authentisch und sympathisch erscheinen lässt, so dass man gerne der wäre, der das eine oder andere Bier mit ihm trinkt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Mit der ersten Frage beschäftigte ich mich schon seit ein paar Jahrzehnten, ohne dass ich dabei eine endgültige und allumfassende Antwort gefunden hätte. Ein Mensch, der sich nach längerer Suche eine mehrheitlich glücklichmachende Beschäftigung und eine ebensolche Lebenssituation geschaffen hat, würde es wohl am ehesten treffen.

Meine Biografie würde ich dennoch nie erzählen wollen, soviel Privates mit der Öffentlichkeit zu teilen ist nicht mein Ding  – ausser natürlich das Angebot wäre wirklich sehr, sehr lukrativ und es bestünde die reelle Chance, dass das Buch von David Fincher verfilmt würde.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe, weil sonst mein Leben arm an Inhalt und Freude wäre. Weil ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene und weil ich es gut kann (glaube zumindest ich).

Entgegen der hin und wieder geäusserten Meinung Aussenstehender, ich hätte doch „ein hübsches Hobby“, ist Schreiben viel essenzieller für mich als beispielsweise Kanarienvögel zu züchten oder eine Tomatenplantage auf dem Balkon anzulegen. Halten mich äussere Umstände ein paar Tage davon ab, werde ich ziemlich unleidlich, auf der anderen Seite erfüllt mich ein gelungener Text mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen. Und ja, ich wollte das schon immer, genau das und nichts anderes. Bereits mit sechs habe ich meinen Eltern zu Weihnachten selbstgebastelte Bücher mit Text und Zeichnungen geschenkt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Prinzipiell glaube ich, dass alles lernbar ist. Allerdings braucht es dazu je nach Veranlagung viel Durchhaltewillen und Ehrgeiz. Und ein Funke Talent schadet sicher auch nicht.

Ich persönlich habe einfach einen Text nach dem anderen geschrieben, bis ich das Gefühl hatte, das Schreiben eingermassen im Griff zu haben. Wahrscheinlich eignet man sich jede andere Fertigkeit genauso an.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich entwickle erst einen Plot, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Der kann durchaus vage sein, der Verlauf einer Geschichte verändert sich nach meiner Erfahrung während des Schreibprozesses ohnehin, manchmal sogar mehrmals.
Mit der Recherche beginne ich erst kurz vor Beginn der Schreibarbeit, wenn ich weiss, was ich genau brauche. Auch später tauchen immer wieder Fragen auf, sodass ich oft parallel zum Schreiben recherchiere. Dank Internet ist das aber meist keine grosse Sache mehr.

Wann und wo schreiben Sie?

Zuhause, an meinem wunderschönen Sumpfeichentisch im Esszimmer. Normalerweise zu gängigen Bürostunden, nur manchmal erlaube ich mir gleitende Arbeitszeit oder sogar unbezahlten Urlaub.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein. Feierabend ist der Zeitpunkt, wo die Denkarbeit einsetzt. Irgendein Teil des Gehirns ist immer am Text, an dem man gerade arbeitet, festgezurrt und manchmal kommen mir die besten Ideen erst, wenn ich den Arbeitsplatz verlassen habe. Ferien im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, denn die Aufnahmetaste ist immer gedrückt. Alles um mich herum ist bereichernd und spannend, möglicherweise sogar potenzielles Material für einen Roman oder eine Kurzgeschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein, bedeutet für mich zu tun, was ich am liebsten tue und am besten kann. Man kämpft dabei vor allem mit finanziellen Engpässen, zeitweise mit Akzeptanz (>Ach so, „nur“ Krimiautor< oder die oben erwähnte Hobbyfrage), andererseits ist das gute Gelingen einer Textpassage oder eines Dialogs pures Endorphin. Und wenn man später vor Publikum liest und die Leute genau an den richtigen Stellen lachen oder einem wissen lassen, dass das Buch sie berührt, amüsiert oder gut unterhalten hat, dann hat man das Gefühl, doch etwas richtig gemacht zu haben.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich kann mich in der Hinsicht nicht beklagen. Man lässt mich grundsätzlich schreiben, was ich möchte und mir wichtig ist, bezahlt mich anständig und pünktlich und sorgt dafür, dass sich meine Bücher verkaufen. Und kurz vor Weihnachten gibt es ein Essen mit den Verlagsmitarbeitern und allen anderen Autoren, was eigentlich immer feuchtfröhlich endet.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Ich glaube, Deutschland und Österreich warten nicht unbedingt auf Schweizer Krimiautoren, dazu haben beide Länder eine zu lebendige und vielfältige Szene. Allerdings kann man sich über Jahre hinweg durchaus eine Fangemeinde im deutschsprachigen Ausland aufbauen, unter anderem auch mit Themen, die nicht nur lokal verankert sind, sondern in Berlin, Köln oder Wien genauso gut funktionieren wie in Zürich.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lese täglich mindestens eine Zeitung. Gerade die kleinen Meldungen sind es oft, die mich inspirieren. Dazu kommen Gespräche, auch belauschte (z.B. Handybenutzer im Tram), (Dokumentar-)Filme, Bücher … die Liste liesse sich beliebig verlängern. Am Ende steckt in allem eine mögliche Story. Meine Arbeit ist es, diese herauszufiltern, mit anderen Elementen zu verbinden und mit meinen eigenen Worten zu erzählen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Sunil Mann steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich steckt eine gute Portion Sunil Mann in Vijay Kumar, der nicht rein zufällig ebenfalls indischstämmiger Schweizer ist. Auch wenn er mir sehr nah steht, ist die Figur aber keineswegs autobiografisch angelegt, seine Erlebnisse sind nur ganz selten auch meine.

Allerdings muss ich mich in alle meine Figuren hineinfühlen, was sie denken und fühlen, wie sie agieren – das stammt alles von mir. Von dem her findet man in jedem Buch eine ganze Menge von mir, meist ist es aber gut versteckt.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Krimis sind eine beinahe alles umspannende Literaturgattung. Da finden sich Liebesgeschichten, Sozialdramen, Frauen- und/oder Männerthemen, manchmal werden sogar Katzen oder Schafe eingesetzt, es gibt Krimis für Kinder- und Jugendliche und so weiter. Das reizt mich an dem Genre. Dass es nicht allein um die Aufklärung eines Verbrechens geht, sondern man noch viel mehr reinpacken kann. In meinen Romane sind das unter anderem eine Einwanderergeschichte und eine Love Story, die neben der jeweiligen Krimihandlung über mehrere Bücher hinweg erzählt werden.

Natürlich macht es Spass, auch mal in die Rolle eines Bösewichts zu schlüpfen und sich vorzustellen, wie das sein könnte, wie so jemand denkt. Aber etwas ausleben, was ich mir im realen Leben versage, tue ich damit nicht.

Was meine Lektüre betrifft: Ich lese alles, querfeldein, Hauptsache, es fesselt mich.

Ihre Krimis bewegen sich zwischen kleinen familiären Themen wie einer verschwundenen Katze oder Putzfrau und politschen Schauplätzen wie einem ermordeten Politiker oder dem Bankenwesen. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen?

 Mich reizt es zu zeigen, dass Menschen sich grundsätzlich immer gleich verhalten, unabhängig von ihrem sozialen und beruflichen Status. Auch wenn das Umfeld variiert, die Beweggründe für ein Verbrechen bleiben immer dieselben. Zudem finden sich die Ursachen für grosse Skandale und Untaten oft im Kleinen, im Privaten.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Von einem Auftrag würde ich nicht sprechen. Aber es schadet sicher nicht, wenn ein Autor eine politische Meinung hat und diese öffentlich vertritt. Als Autor ist man in der Hinsicht wesentlich freier als ein Politiker und kann sich durchaus auch mal selbstironisch oder sarkastisch äussern. Dies ist auch ein Grund dafür, dass ich in meinen Krimis immer wieder meine persönlichen politischen Ansichten einfliessen lasse, oftmals aber mit einem Augenzwinkern.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Einen ansprechenden Schreibstil, interessante Figuren und eine Geschichte, die mich zwingt, weiterzulesen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Unzählige. Ich kann an dieser Stelle nur einige nennen: Stephen King, Alice Munro, Ralf Rothmann, Raymond Chandler, Richard Yates, Gabriel Garcia Marquéz, Friedrich Dürrenmatt, Jakob Arjouni, Jan Costin Wagner, Tana French …

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Als Erstes eine hohe Frusttoleranz entwickeln. Der Weg eines Autoren ist ein steiniger und deine Meinung, dass du mit deinem ersten Roman einen garantierten Weltbestseller geschrieben hast, teilen in den meisten Fällen nicht einmal deine besten Freunde.
  • Weiterschreiben, egal, was geschieht. Denn nur Übung macht den Meister. Dabei sollte aber immer die Geschichte im Vordergrund stehen, keinesfalls du.
  • Lesen! Andere haben Weltbestseller geschrieben und genauso mit einer leeren Seite angefangen wie du.
  • Das Privatleben nicht vernachlässigen, denn wenn es mal nicht so gut läuft, brauchst du unbedingt Leute, die mit dir ein Bier trinken gehen. Oder auch zwei.
  • Sich nicht so wichtig nehmen. Die Erde dreht sich auch in ein paar Millionen Jahren noch, aber ganz sicher nicht um dich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Morgen fange ich an

Ich sollte etwas tun. Ich habe es mir fest vorgenommen. Und da das, was ich tun sollte, eigentlich das ist, was ich tun möchte, ist das gar nicht so schlimm – würde man meinen. Man würde denken, ich gehe mit beschwingtem Mut und Schaffenskraft daran, zu tun, was getan werden soll und will. Doch weit gefehlt. Ich habe Termine. Überall Termine. Und habe ich keine, habe ich Projekte. Immer wieder neue. Sie werden mit Feuereifer gesucht und verfolgt. Sie fressen Zeit und Energie und freuen auch, wenn sie gelingen. Doch schon bald kommt wieder das Gefühl: Ich sollte etwas tun. Das, was ich schon lange wollte, immer wegschob, es wäre nun an der Zeit und diese reif, es zu tun.

Wie lange denke ich schon, ich möchte es tun. Wie lange studiere ich daran herum. Und was auch immer ich tue, das Eine kommt wieder als das eigentliche, das, was wirklich getan werden sollte, wollte, möchte – somit müsste. Die leisen Zweifel am Anfang, ob ich es denn auch tun könnte, wurden mit der Zeit lauter. Einfach, weil so viel Zeit verstrich und es immer noch nicht getan war. Es musste einen Grund haben, dass ich es nie tat, es nur immer wieder tun wollte. Und ich analysiere, was es war, das mich hinderte und merke: Es ist der blosse Umstand, dass ich nie angefangen habe. Und ich hinterfrage, wieso dem so ist und komme zum Schluss, dass die Ursache des Nichtanfangens darin begründet liegt, dass ich jedes Mal neue Projekte startete, die so viel Zeit und Energie kosteten, dass ich den Anfang hinausschieben musste, weil es an Kraft, Ruhe, Musse fehlte. Und mit jedem Aufschub wurden die Zweifel lauter, ob ich es denn überhaupt könnte, was wiederum die Suche nach neuen Projekten förderte. Und so biss sich der Fuchs in den Schwanz.

Was, wenn ich wirklich damit anfangen würde? Ich wäre ja ganz am Anfang und selbst wenn ich es nicht gar nicht könnte, ich könnte es wohl nicht so meisterhaft, wie ich es können wollte. Was, wenn ich es zwar täte, aber es wäre schlecht? Wenn ich es danach sähe und mich schämte, so etwas getan zu haben? Was, wenn es jemand anders sähe und mir sagte, dass es nichts wert sei, einfach nur nutz-, sinn- und alles los? Ich würde mich klein fühlen. Kleiner als klein. So klein, wie ich mich immer fühle, wenn ich denke, es nicht zu können. Oder noch kleiner? Vor allem: Wäre es schlecht, dann hätte ich es ja doch nicht gekonnt. Zwar wäre es getan, aber nicht gekonnt. Und diese Niederlage, die könnte ich nicht ertragen. Der möchte ich mich nicht stellen. Und je mehr Zeit ins Land geht, desto realistischer sehe ich sie. Aber ich weiss: Loslassen wird es mich nie. Ich will es tun. Ich muss es tun. Und ich weiss, ich werde es tun. Heute aber frage ich mich noch, ob ich eigentlich lieber mit Bleistift, Kuli oder Tintenroller schreibe. Wenn die Frage geklärt ist, habe ich noch ein paar offene Projekte. Aber dann – dann fange ich an. Vielleicht schon morgen. Ganz bestimmt.

Martin Andreas Walser – Nachgefragt

WalserMartinAndreasMartin Andreas Walser
Martin Andreas Walser ist 1952 in Zürich geboren worden und wuchs in Winterthur auf. Er hat unter anderem als freischaffender und angestellter Journalist gearbeitet, hatte Stellen als Chefredaktor und Kommunikationschef inne und war als Leiter eines Zürcher Fachverlags tätig. Heute konzentriert er sich voll und ganz auf sein Schreiben als freier Autor. Martin Andreas Walser lebt seit über 30 Jahren mit seiner Familie bei Kreuzlingen am Bodensee und seit 2012 teilweise in Broglio TI. Von ihm erschienen sind unter anderem Sehnsucht, Silberherz, Jakob, ScherbenLeben. Mehr zu seinen Büchern findet sich hier.

Martin Andreas Walser hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Seine Antworten nehmen mit auf eine Reise durch Zeit und Raum, sie spannen einen Bogen vom Tessin über den Bodensee bis nach Lissabon und von der Jugend bis in die Gegenwart.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Geboren 1952 in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, die Hauptzeit des Lebens unterwegs als Journalist, seit über 30 Jahren mit der Familie wohnhaft oberhalb von Kreuzlingen/Thurgau und seit bald zwei Jahren zeitweise in Broglio/Tessin, Vater dreier Söhne und zweifacher Grossvater: die Kürzestfassung.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit 16 Jahren wusste ich: Ich will Schriftsteller werden. Der Kompromiss: ich wurde Journalist, machte das Schreiben zum Beruf, was im Rückblick keineswegs ein Fehler war, nur dauerte es deshalb wohl rund vierzig Jahre, bis ich mein erstes Buch veröffentlichte (abgesehen von einem Fortsetzungsroman 1992/93 für eine Zeitung, den es nicht in Buchform gibt). Beim ersten meiner zahlreichen Aufenthalte in Lissabon habe ich schliesslich mein erstes Buch («Vom Leben») geschrieben; ich kehrte so oft nach Portugal zurück, bis es vollendet war (und ich obendrein Teile von «UnGlück» und die Erzählung «Silberherz» geschrieben hatte). Ohne Lissabon gäbe es mich «in Buchform» also kaum.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich schreibe seit meiner Jugend: Ich begann mit etwa fünfzehn Jahren mit Gedichten und kleineren Texten, es entstanden Fragmente für Romane, die nie vollendet wurden, ich schrieb schon während der Schulzeit Beiträge für Zeitungen: «learning by doing»… Sicher kann man vieles lernen, aber nicht alles. Man mag das Talent nennen; ich spreche lieber vom inneren Feuer, von Passion, von Leidenschaft, mitunter von Besessenheit. Gelernt zu schreiben in einem akademischen Sinn habe ich also nicht – aber ein Leben lang geübt, geübt, geübt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere kaum, bevor ich zu schreiben beginne; ich greife auf Bilder zurück, die sich in mir gespeichert haben, frühe(re) Eindrücke, Ereignisse, Erlebnisse, manchmal eine Resterinnerung an einen Traum. Plötzlich, «aus dem Nichts heraus», entsteht daraus eine Idee. Damit spiele ich in Gedanken. Einiges verwerfe ich bereits, bevor ich zu schreiben beginne, andere Schnipsel wachsen sich zu kleineren Sequenzen in meinem schwarzen Notizbuch aus. Manche Ideen ruhen während Wochen, Monaten oder gar Jahren und Jahrzehnten (wie bei «SehnSucht» oder «UnGlück») in mir und reifen dabei. Irgendwann spüre ich: nun ist die Zeit gekommen, die Geschichte zu schreiben. Selbst da kann es passieren, dass ich den Text beiseite lege, da etwas «fehlt», andere Texte (zum Beispiel «Jakob») schreibe ich praktisch in einem Zug nieder – wenigstens als zu Ende formulierten Entwurf. In jedem Fall schliesst sich eine intensive Überarbeitungsphase an, was vor allem auch neuerliche Kopfarbeit und falls notwendig die Recherche einschliesst. Mitunter bleibt so letztlich kaum ein Stein auf dem anderen, bis der Moment der Erlösung meist sehr überraschend eintritt: vollendet!

 Wann und wo schreiben Sie?

Die letzten Jahre habe ich in Lissabon und in der Heimat in der Regel am frühen Morgen während der Bahnfahrt nach Zürich und abends eine weitere Stunde auf der Rückfahrt geschrieben. Dann und wann wache ich mitten in der Nacht auf und schreibe eine oder zwei Stunden. Oder es haben sich in den Ferien Geschichten nachgerade aufgedrängt («SehnSucht» ist im Liegestuhl auf Rhodos, «Jakob» in Tunesien entstanden). Heute ziehe ich mich meistens in mein Haus nach Broglio zurück, damit die Geschichten in Ruhe und Abgeschiedenheit wachsen und erblühen können; die definitive Form erhalten die Texte zu Hause im Thurgau.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Es stellt sich ja nicht nur bei Autoren und Schriftstellern die Frage, wie man Feierabend oder Ferien definiert. Im Sinne von Erholung, Entspannung, Abschalten: ja, natürlich schreibe ich nicht ununterbrochen. Allerdings sind «Feierabend» oder «Ferien» bei mir weniger an bestimmte Tages- oder Jahreszeiten gebunden. Abschalten kann ich bei allen möglichen Dingen: ich lese, ich bin unterwegs, ich sehe mir im Fernsehen einen Film an (am liebsten Krimis) – oder ich tue ganz einfach «nichts».

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es bedeutet, dass ich meinen wohl wichtigsten Lebenstraum verwirklicht habe. Ich liebe das Schreiben. Somit erlebe ich fast nur Freude dabei. Womit ich immer wieder kämpfe? Nicht zwischendurch zu verzweifeln, wenn es gerade nicht läuft oder ich glaube, eine Geschichte nicht zu Ende bringen zu können.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da ich ein Leben lang «Lohnschreiber» war, publiziere ich selber. Ich habe diesen Weg bewusst gewählt, da ich mir die Freiheit, die Kontrolle über mich und mein Werk bewahren und vor allem: mich keinem Zeitdruck oder irgendwelchen «Sachzwängen» unterwerfen wollte. Dies bringt einige Nachteile, da Vorurteile bestehen. Indessen: Bei weitem nicht alle, die sich selber produzieren, sind Unfähige, die es nicht geschafft haben, bei einem Verlag unterzukommen, Selbstdarsteller und was der Annahmen mehr sind. In Zeiten, in denen die gesamten «Spielregeln» der Kommunikation sich aufgrund der vielen neuen Möglichkeiten geändert haben, muss umgedacht werden; die Trennung zwischen Verlag gleich gut bzw. Selbstproduzent gleich schlecht ist absurd. Gewiss: es wird viel Ungenügendes angeboten, was aber gemäss meiner Beobachtung durchaus auch auf Verlage zutrifft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Ich weiss es nicht! Geschichten entstehen bei mir auch selten «plötzlich»: da ist eine Idee, der ich nachgehe; manchmal entsteht eine völlig andere Geschichte daraus als jene, von der ich ursprünglich glaubte, dass sie das Resultat wäre. Beispielsweise hatte ich ein Motiv im Kopf, seit Jahren, am Ort der Handlung war ich vor knapp vierzig Jahren einmal und seither nie wieder. Dort spielt «SehnSucht», doch war dies nicht die Geschichte, die ich ursprünglich schreiben wollte. Als ich mich erneut mit diesem Grundmotiv beschäftigte, wurde «Am See» daraus. Und beim dritten Versuch entstand «Jakob, der Hausdiener». Vergleicht man diese Erzählungen miteinander, wird man kaum dahinter kommen, dass ein einziges Erlebnis vor so langer Zeit (das ich in diesen drei Geschichten noch nicht einmal verwendet habe!), angereichert mit späteren Erlebnissen, Begegnungen mit Menschen und – im Falle von «Jakob» – einem noch früheren Ereignis, nämlich aus meiner Primarschulzeit, der späte Auslöser aller drei Erzählungen war.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

In jedem Buch steckt etwas Autobiografisches. Es mag mitunter bloss eine Kleinigkeit sein, aber man wird keine ernsthafte Geschichte schreiben, ohne etwas von sich selbst preiszugeben. Trotzdem darf/kann aufgrund einer Figur in einem meiner Bücher nicht auf mich geschlossen werden; jede Figur trägt auch Züge anderer Menschen. Ich identifiziere mich mit keiner Figur mehr oder weniger – aber es gibt Texte, die insgesamt persönlicher sind als andere, sicher «Vallemaggia» und «ScherbenLeben» sowie Teile von «Die Zukunft der Zukunft».

Viele Autoren äussern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Wohl weniger einen Auftrag, als eine Meinung oder Überzeugung. Dies fliesst natürlich in die eigene Arbeit ein. Bei mir stehen weniger tagespolitische Bezüge zur Debatte, sondern grundsätzlichere Fragen des Menschseins, des Zusammenlebens, der Entwicklung unserer Gesellschaft.

Ihre Bücher behandeln oft die leidvollen Seiten des Lebens, die Scherben desselben, Einsamkeit, Sehnsucht. Ist Leid und Düsterheit einfacher zu beschreiben als Glück oder fühlen Sie sich der Seite näher? Ist das Leben generell eher düster als hell?

Das Leben ist in jedem Fall viel, viel heller als düster! Aber es gibt natürlich die dunkleren Phasen. Eigentlich ist das Hauptthema bei mir dann aber doch die Hoffnung – und die Botschaft, dass man sie nicht verlieren darf. Niemals!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es gibt ungezählte «gute Geschichten», die mich ansprechen. Was mich indessen besonders anspricht: Wenn ich geistig gefordert werde, wenn sich beim Lesen Widerspruch oder Zustimmung in mir regt, wenn ich mitunter ein Buch für eine Weile beiseite legen muss, um erst einmal über den Inhalt bis zu dieser Stelle nachzudenken. Und ich freue mich über Autoren, die sich nicht nur auf eine Geschichte einlassen, sondern mit der Sprache «spielen», die experimentieren, die Grenzen sprengen – im Ausdruck, in der Form usw.

 Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich habe immer sehr viel und mich dabei quer durch die Weltliteratur gelesen, weshalb die Liste entsprechend lang wäre. In frühen Jahren haben mich Max Frisch und Robert Walser wohl ein Stück weit geprägt, Jean-Paul Sartre, Bertolt Brecht, Ernest Hemingway und Friedrich Dürrenmatt besonders angesprochen. Später kam beispielsweise Alberto Moravia dazu. In den letzten Jahren habe ich mich vor allem mit portugiesischer, spanischer und südamerikanischer Literatur befasst.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben, schreiben, schreiben

Lesen, lesen, lesen

Neues entdecken, im Leben so gut wie in der Sprache

Das Neue wagen, im Leben so gut wie beim Schreiben

Die Geschichten schreiben, die geschrieben sein wollen – nicht jene, die am ehesten Erfolg versprechen

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Alfred Döblin (*10. August 1878)

Alfred Döblin wird am 10. August 1878 in Stettin in eine bürgerliche jüdische Familie hineingeboren. Der Vater, durch die frühe Verheiratung mit Alfreds Mutter nicht wirklich glücklich in dieser Ehe, wendet sich einer jüngeren Frau zu und verlässt seine Familie, indem er mit seiner neuen Liebe nach Amerika geht. Alfred zieht mit seiner Mutter nach Berlin, macht da 1900 sein Abitur und beginnt danach mit dem Studium der Medizin und der Philosophie. Er promoviert beim Psychiater Alfred Erich Hoche zum Thema der Gedächtnisstörungen  bei der Kosakoffschen Psychose und strebt eigentlich eine wissenschaftliche Laufbahn an, was ihm aber – vermutlich aufgrund seines Judentums – versagt bleibt. Neben seinem Studium und auch später schreibt Döblin immer mehr oder weniger fleissig, veröffentlicht Artikel in der mit Herwarth Walden gegründeten Zeitschrift Sturm sowie einen Roman (Der schwarze Vorhang).

Döblin arbeitet nach der Promotion in verschiedenen Irrenanstalten und Krankenhäusern und lässt sich nach seiner Heirat mit Erna Reiss, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Fabrikanten, in Berlin als Arzt nieder – ein Schritt, der ihn nicht wirklich freut.

Nicht freiwillig. Ich hatte geheiratet, darum durfte ich nicht bleiben.

Die Selbständigkeit ist ihm eher unangenehm, er vermisst die Geborgenheit des Angestelltenverhältnisses. Er beginnt wieder vermehrt zu schreiben.

1911 musste er in die mich erst fürchterlich abstossende Tagespraxis. Von da ab Durchbruch oder Ausbruch literarischer Produktivität.

Im ersten Weltkrieg meldet sich Alfred Döblin freiwillig zum Kriegsdienst und arbeitet fortan als Zivilarzt der Infanteriekaserne in Saargmünd, Elsass.  Noch während des Krieges beginnt er mit der Arbeit an seinem Wallenstein. Auch in diese Zeit fallen viele Artikel, teilweise unter dem Pseudonym Linke Poot. Seine Schriften zeugen von gesellschaftskritischen Ansätzen, er zeichnet das Bild Berlins zur Weimarer Zeit. 1925 ist Döblin Mitbegründer einer Gruppe linksgerichteter Schriftsteller, die sich Gruppe 1925 nennt.

Nachdem ihm sein Judentum schon die wissenschaftliche Karriere verunmöglicht hat, wird die Lage in Berlin in den folgenden Jahren immer angespannter. 1933 flieht Döblin mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten zuerst nach Zürich, dann nach Paris und übernimmt da die französische Staatsbürgerschaft. Nach Döblins anfänglicher Arbeit für das Propagandaministerium führt der Weg der Familie Döblin über Südfrankreich und Lissabon über den Teich in die USA. Trotzdem er sich da in guter Gesellschaft mit anderen Emigranten befindet, tut er sich schwer mit der Eingewöhnung und fühlt sich fremd. Er ist denn auch einer der ersten Rückkehrer nach Europa, am 15. Oktober 1945 erreicht die Familie Döblin Paris und später Deutschland.

Zurück in der alten Heimat ist Alfred Döblin Herausgeber der Zeitschrift Das Goldene Tor sowie Mitbegründer und Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Döblin kann sich allerdings mit dem Klima in Deutschland nicht mehr anfreunden, er ist enttäuscht über die politische Restauration der Nachkriegszeit. Nachdem auch sein Revolutionsroman November 1918, welcher die Berliner Märzkämpfe thematisiert, wenig erfolgreich ist, emigriert er nach Frankreich. Seine Parkinsonkrankheit nötigt ihn zu wiederholten Aufenthalten in Sanatorien und Kliniken im Schwarzwald. Er stirbt am 26. Juni 1957 in Emmendingen. Seine Frau Erna folgt ihm am 14. September 1957 durch Suizid in den Tod.

Alfred Döblins Werk

Der bekannteste von Döblins Romanen ist sicherlich Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, welcher zwischen 1927 und 1929 entstanden ist. Der Roman stellt einen der ersten und bedeutendsten Grossstadtromane dar und behandelt die Geschichte eines einstmaligen Berliner Transportarbeiters. Der kleine Arbeiter lässt sich von dunklen und nicht fassbaren Kräften  in der ständischen Abhängigkeit halten, befreit sich dann, indem er das alte Ich abstreift und sich auf die eigene Vernunft besinnt. Seinen Anspruch, im anrüchigen Berlin zwischen Zuhälterei, Flittermoral und Verbrechertum anständig zu bleiben, hält nicht lange an, immer wieder vertraut er auf die falschen Leute und so schält sich das Leitmotiv des Romans schnell heraus:

verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt.

Döblin ist mit diesem Roman eine herausragende Milieustudie gelungen, er besticht durch expressive Sprachgestaltung und spiegelt einen neuen Naturalismus wieder. In einer Art Montagetechnik zeichnet Döblin ein Miteinander von pausenlosen Monologen und assoziativen Bildern und Vorstellungen. Indem Döblin Biberkopf als typischen Mitläufer zeichnet, nimmt er ahnungslos den bald schon sich dem Nationalsozialismus unterwerfenden Menschentypus der kommenden Jahre vorweg.

Neben Berlin Alexanderplatz hat Alfred Döblin verschiedene Romane und Erzählungen veröffentlicht, die in ihrem Erfolg allerdings weit hinter dem Grossstadtroman zurückblieben.  In allen seinen Werken besticht Döblin durch eine Unmittelbarkeit, Gegenständlichkeit und Sachlichkeit. Döblin will die objektive Realität darstellen.

Sachlich sein; jedes Ding seine besondere Sachlichkeit, Zweckmässigkeit, nichts von aussen anbringen und ankleben.

Immer wieder entzündet sich Döblins Denken an den Polen Natur und Gesellschaft, er stellt einerseits den Determinismus und Monismus der Naturwissenschaften dem positiv gesetzten Recht des Machtstaates und der Klassengesellschaft gegenüber und widmet sich schon früh den kritischen Fragen der Gesellschaft. Er vertritt dabei die von Marx stammende Erkenntnis:

Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein,  sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.

Immer wieder reibt sich Döblin an den Gegensätzen Natur und Gesellschaft, sucht nach Lösungen und Antworten auf die Fragen, ob Weltsucht oder Entsagung, Aktion oder ruhige Betrachtung und Akzeptanz des Gegebenen die Lösung für ein Auskommen von Individuum und Gesellschaft seien,  und kommt zum resignierten Bekenntnis:

der eigentliche Prozess der Bestimmung und Feststellung erfolgte im Schreiben selbst. Das eigentümliche, Bittere, fatale ist dann: Jedes Buch endet (für mich) mit einem Fragezeichen. Jedes Buch wirft am Ende dem nächsten Buch den Ball zu.

Würde und Konflikte

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ein Satz, der schön klingt, einleuchtet und so oft mit Füssen getreten wird. Wie selten kümmert man sich im Alltag um die Würde des Menschen, um die Würde seiner Mitmenschen? Man geht durchs Leben, meist mit sich und seinen Belangen beschäftigt, fügt im besten Falle den Nächsten keinen Schaden zu, im allerbesten gar keinem. Oft ist das eher Zufallsprodukt, weniger gezielt so getan, es kam schlicht nicht dazu. Wenn man sich ständig fragen müsste, ob das, was man tun, sagen, nicht sagen wollte die Würde des anderen antasten könnte, müsste man sich zuerst fragen, worin diese Würde bestände und wie sie zu verletzen wäre. Dabei könnte man sich sicherlich auf einen eigens dafür angefertigten Katalog zu erfüllender Kriterien berufen, den irgendwelche klugen Köpfe erstellt und hoffentlich auffindbar publiziert haben. Mangels Kenntnis desselben wäre das ganze wohl ein Denken der Gedanken, das jegliche Handlung lahmlegen würde, da man zu keinem Ziel käme.

Max Frisch kam zu folgendem Schluss:

Die Würde des Menschen liegt in der Wahl.

Wer wählen kann, ist frei. Er kann sich entscheiden. Wahl bedingt aber Verfügbarkeit. Was, wenn diese nicht da ist? Ist meine Würde in Gefahr, wenn im Laden, Gurken aus sind und ich Tomaten nehmen muss? Wohl kaum. Es geht um wichtigere Dinge. Doch wie frei ist man wirklich in seiner Wahl? Wie oft ist man Pflichten unterworfen, die man kaum ablegt? Was, wenn die eigene Wahl die anderer torpediert? Dann geraten Rechte in Konflikt. Wer gewinnt ihn, was passiert mit dem Verlierer?

Du sollst nicht töten.

Hier scheint keine Wahl zu bleiben. Das Leben ist ausserhalb der Wahlmöglichkeiten. Sowohl das eigene Leben, wie oft scheint, wie vor allem auch das anderer. Der Mensch soll nicht Herr sein über Leben und Tod. Was aber, wenn einer die Würde des Menschen – anderer Menschen – mit Füssen tritt? Hat er dann sein eigenes Leben verwirkt? Gibt es eine Rechtehierarchie, in der die Verletzung des höheren Rechtes die eigenen tiefer gelegenen ausser Kraft setzt? Kann man die Todesstrafe damit rechtfertigen, dass der, welcher sie erhält, vorher höher gestellte Rechte anderer mit Füssen trat? Verwirkt er damit seine eigenen? Und wenn nicht, was ist die angemessene Strafe für deren Missachtung?

Was ist höher einzustufen, Würde oder Leben? Ist ein Leben, egal wie gelebt, egal unter welchen Umständen, mehr wert als die Würde? Oder ist ein würdeloses Leben nicht mehr lebenswert und damit wertlos? Kann man die beiden Werte überhaupt in die Waagschale werfen? Muss man nicht sogar, da sie so eng zusammen hängen?

Horst Eckert – Nachgefragt

EckertHorstHorst Eckert
Horst Eckert wurde am 7. Mai 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren und wuchs in Pressrath auf. Er studierte in Erlangen und Berlin Soziologie und Politische Wissenschaften, jobte als Bierschlepper und Fahrstuhlführer, später als Hospitant im Berliner ZDF-Studio. Nach einem Umzug nach Düsseldorf 1987, die Liebe war Schuld, arbeitete er 15 Jahre lang als Fernsehreporter, seitdem ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig. Von ihm erschienen sind unter anderem Annas Erbe (1995), Finstere Seelen (1999), Ausgezählt (2002),Der Abrsprung (2006), Sprengkraft (2009), Schwarzer Schwan (2011), Schwarzlicht (kommt im September 2013).

Ich freue mich, dass mir Horst Eckert Einblicke in sein Schreiben gewährt hat und sich Zeit nahm, mir einige Fragen zu beantworten. Herausgekommen ist ein sehr informatives und authentisches Interview.

 Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

 Aufgewachsen in der nordostbayerischen Provinz, Studium in Erlangen und Berlin, Fernsehjournalist, dann freier Schriftsteller. Wohne in Düsseldorf, bin verheiratet.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

 Mich interessieren die Tragödien, in die sich Menschen aus niederen Beweggründen oder hohen Idealen verstricken. Was Menschen einander antun. Wie sie ticken. So kam ich zur Kriminalliteratur, und als ich zu viele mittelmäßige Bücher gelesen hatte, nahm ich mir in meiner Hybris vor, es besser zu machen. Dabei habe ich Blut geleckt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

 Am meisten habe ich von zweitklassigen Büchern gelernt, denn sie haben mir gezeigt, wie man nicht schreiben sollte. Meine Erfahrung als Journalist hat mir vielleicht geholfen. Schreibkurse helfen, denn es fallen keine Genies vom Himmel. Am wichtigsten ist: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

 Ich plane meine Figuren und den Plot, dann schreibe ich. Um die Geschichte authentischer erzählen zu können, recherchiere ich parallel.

Wann und wo schreiben Sie?

 Tagsüber an meinem Schreibtisch.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

 Ich muss nicht abschalten. Für einen Schriftsteller ist eine gute Idee die Krönung des Tags, egal zu welcher Zeit.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

 Es ist die schönste Arbeit, die ich mir vorstellen kann, aber ich muss auch kämpfen: jedes Mal, wenn ich einen neuen Roman beginne, um eine Geschichte, die mich wirklich bewegt.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

 Der Verlag ist der erste und wichtigste Partner, um die Leser zu erreichen. Ohne Lektorat, Titelgestaltung, Marketing und Pressearbeit gibt es kein erfolgreiches Buch, auch in Zeiten des Kindle-Selfpublishing. Natürlich denkt jeder Autor, sein Verlag könnte noch mehr für ihn trommeln. Aber Bestseller werden ohnehin von den Lesern gemacht, nicht von den Verlagen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

 Die Wirklichkeit. Ein bisschen eigene Erfahrung und vor allem das, was Mitmenschen oder die Medien vermitteln. Und meine Fantasie macht eine Geschichte daraus.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Horst Eckert steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

 Es gibt kein Alter Ego in meinen Romanen und ich identifiziere mich mit keiner Figur. Aber beim Erzählen überlege ich ständig: Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten? Insofern steckt Horst Eckert in jeder meiner Figuren, auch in den finstersten.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

 Krimis erzählen am treffendsten und unterhaltsamsten davon, was in uns oder zwischen uns nicht in Ordnung ist – kein anderes Thema bewegt uns so wie die menschlichen Abgründe. Der Krimi ist deshalb der Gesellschaftsroman von heute, wenn er gut ist. Warum sollte ich etwas anderes schreiben?

Ihre Krimis greifen oft Themen aus der Wirtschaft und der Politik auf. Wollen Sie damit eine Botschaft transportieren oder interessieren Sie die Bereiche einfach am meisten?

 Politik und Wirtschaft betreffen uns tagtäglich, ob wir wollen oder nicht. Ich will einladen, darüber nachzudenken, aber ich habe keine Botschaft und möchte niemanden belehren. Letztlich schreibe ich über die gleichen menschlichen Abgründe wie die Schriftsteller vergangener Jahrhunderte. Ich gebe der Geschichte nur ein aktuelles Gewand.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

 Natürlich habe ich ein ganzes Bündel an Meinungen, aber als Autor ist es nicht mein Job, die Leser damit zu behelligen. Mein einziger Auftrag lautet: Niemals zu langweilen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

 Glaubwürdige Figuren, komplexe Handlung, gute Sprache, ein aktuelles Setting und vor allem: Spannung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

 James Ellroy hat mich zum Krimifan gemacht, aktuell schätze ich Don Winslow, Dominique Manotti und viele andere. Aber beim Schreiben muss ich letztlich meiner eigenen Fantasie und meinem Gefühl für Menschen und Sprache vertrauen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Erzähl eine Geschichte, nicht ein Thema. Achte auf die Glaubwürdigkeit im Handeln jeder deiner Figuren und nimm die Einwände deiner Testleser ernst. Denk nicht über einen eigenen Sprachstil nach, sondern formuliere zweckmäßig. Schiele nicht auf den Markt, sondern vertraue der Geschichte, für die du brennst. Und überarbeite dein Manuskript, bis du an keinem Detail mehr zweifelst. Viel Spaß und Erfolg!

Ich bedanke mich herzlich bei Horst Eckert für dieses Interview!

Joachim Ringelnatz (*7. August 1883)

Hans Gustav Bötticher, wie Joachim Ringelnatz eigentlich heisst, wird am 7. August 1883 in Wurzen, einem Ort bei Leipzig, in ein künstlerisches Elternhaus geboren. 1886 folgt der Umzug nach Leipzig. Der Vater schreibt humoristische Verse und Kinderbücher und veröffentlicht über vierzig Bücher, die Mutter stellt Puppenkleidung her. Die Familie Bötticher ist finanziell gut gestellt. Klein Hans strebt dem Vater nach, ein Streben, das ihn zeit seines Lebens verfolgen soll, da er sich immer hinter dem zurückstehend sieht in Anbetracht von dessen akademischem Hintergrund. Trotzdem steht er ihm näher als der Mutter, deren Liebe ihm fehlt.

Die Schulzeit stellt ein eher düsteres Kapitel für Ringelnatz, wie wir ihn fortan nennen wollen, dar. Einerseits wird er von den Mitschülern wegen seines Aussehens gehänselt, andererseits fühlt er sich unwohl in Bezug auf die Lehrer, welche er als „respektfordernde Dunkelmenschen“[1] sieht. Sein Aussehen wird noch sein Leben lang an ihm nagen, viele seiner Schwierigkeiten im Leben führt er darauf zurück. Nach einem Vorfall in der Schule fliegt Ringelnatz von Gymnasium, setzt seine Schulkarriere in einer Privat-Realschule fort, beendet aber auch diese Lebensetappe wenig erfolgreich, indem er neben schlechten Noten den Eintrag „Schulrüpel ersten Ranges“[2] heimträgt.

Ringelnatz hat den Traum, Seemann zu werden, sieht aber schon nach fünf Monaten als Schiffsjunge, dass er als eher kleiner, feiner Jüngling in der harten Seemannswelt einen schlechten Stand hat. Es folgt Arbeitslosigkeit im Wechsel mit diversen Jobs im Seemannsbereich. Weitere Versuche, beruflichen Erfolg zu finden, sind ebenfalls nicht vom Glück gekrönt, Höhepunkt eines solchen Versuchs ist sogar eine Inhaftierung. Unter all diesen unerfreulichen Lebensumständen veröffentlicht Ringelnatz Gedichte, Witze und Anekdoten in einer satirischen Zeitschrift.

1909 tritt Joachim Ringelnatz in der Münchner Künstlerkneipe Simpilicissimus auf und legt damit den Grundstein zu seiner Künstlerlaufbahn. Schnell wird er zum Hausdichter des Etablissements, verkehrt fortan mit Künstlern wie Erich Mühsam, Bruno Frank, Ludwig Thoma, Frank Wedekind, und vielen mehr. Wegen der schlechten Bezahlung auf der Suche nach anderen Einnahmequellen, versucht sich Ringelnatz als Dichter von Reklameversen – auch das ohne finanziellen Erfolg. Es folgen Veröffentlichungen von Gedichten und Essays unter verschiedenen Pseudonymen in der angesehenen Satirezeitschrift Simplicissimus sowie zwei Kinderbücher und ein Gedichtband.

Um seinen Bildungsmangel zu beheben und nicht länger hinter seinen Künstlerkollegen zurückzustehen, nimmt Ringelnatz Privatunterricht in Latein, Geschichte, Literaturgeschichte und weiteren Fächern, verschlingt zudem Werke der Weltliteratur. Schon bald fehlt das Geld, sein Bohème-Leben weiterzuführen, so dass er fortan als Wahrsagerin verkleidet den Prostituierten in Bordellen die Zukunft vorhersagt. Die finanzielle Lage bleibt prekär, der Winter ist hart, ihm entspringt der erste Band seiner autobiographischen Bücher. Weitere Arbeitsversuche führen ihn 1912 zu einer Anstellung als Bibliothekar, zu einem Job als Fremdenführer und schliesslich zur Arbeit als Schaufensterdekorateur (für die Dauer eines Schaufensters, danach sieht er seine zu unorthodoxe Dekorationskunst ein und gibt auf).

Obwohl Ringelnatz in dieser Zeit einiges veröffentlichen kann, unter anderem seine Gedichtsammlung Die Schnupftabakdose, hat er kaum Einnahmen aus seiner Schriftstellerei. Zu Kriegsbeginn meldet er sich freiwillig zur Marine, darf aber zu seiner Enttäuschung nicht am Getümmel teilnehmen, versucht aber alles, um die Karriereleiter in der Armee hochzusteigen. Auch der Krieg lässt Ringelnatz ernüchtert zurück. Im Jahr 1918 erschüttert ihn der Tod seines Vaters schwer. 1920 heiratet Ringelnatz, das Paar wohnt erst in München, dann in Berlin, seine Frau Leonharda unterstützt ihn in seinem Schreiben, doch das Paar ist weiterhin in ständiger Geldnot. Ringelnatz versucht das durch eine Aushilfsstelle bei der Post und Auftritte im Simplicissimus aufzufangen, was nur leidlich gelingt. Auch die erfolgreichen Gedichtsammlungen, Auftritte in verschiedenen Kabaretts und weitere Bücher bringen nur Achtungs- kaum Gelderfolg.

Vollends verarmen Ringelnatz und seine Frau nach 1933, als die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten ihm ein Auftrittsverbot auferlegen und später auch seine Bücher verbrennen. In dieser Zeit zeigen sich erste Zeichen von Tuberkulose, woran Joachim 17. November in seiner Wohnung stirbt.

Sein Werk

Lange Zeit beschränkt sich das Hauptinteresse von Ringelnatz’ Leserschaft vornehmlich auf seine Lebensgeschichte, was in Anbetracht dieses sehr umtriebigen Lebens nicht erstaunt. Die Literaturwissenschaft spricht seiner Lyrik zeitweise Rang und Wert ab, befindet sie als höheren Ansprüchen nicht genügend.

Joachim Ringelnatz’ Schaffen ist stark geprägt vom literarischen Kabarett der Jahrhundertwende, es findet sich in seinem Schreiben oft eine Ähnlichkeit mit Christian Morgenstern, aber auch Frank Wedekind, Carl von Maassen und andere haben auf ihn eingewirkt.  Anders als bei Morgenstern wird bei Ringelnatz Reales in den Gedichten umgesetzt. In der Figur des Kuttel Daddeldu verarbeitet Ringelnatz zum Beispiel viel Autobiographisches:

So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, –
Märchen, die er ganz selber erfunden.
Und säuft. – Es verfliessen die Stunden.
Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.
Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,
und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –
Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
Verlässt er leise Mutter und Göhren.[3]

Ringelnatz’ Werk vereint schwarzen Humor, Groteske, die Sicht auf das reale Leben und die Zeit, es umfasst exotische Erzählungen, Lügenmärchen, Seemannsphilosophie sowie Gedichte und Balladen, welche die verschiedensten Gefühlslagen von Lebenslust bis hinein in die tiefen Niederungen der Befindlichkeit widerspiegeln.  Die Moral, welche Ringelnatz der Welt zuschreibt, klingt sowohl banal als auch nüchtern, manchmal gar brutal und zynisch:

Vier Treppen hoch bei Dämmerung

Du mußt die Leute in die Fresse knacken.
Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, –
Vielleicht nach einer Eisenstange packen, –
Mußt du zu ihnen wie zu einem Kind
Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden

Von Dingen, die du eben noch nicht wußtest.
Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –,
Daß du sie in die Fresse schlagen mußtest.
Und wenn du siegst: so sollst du traurig gehen,
Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen.


[1] Günther: Joachim Ringelnatz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten.
[2] Friederike Schmidt-Möbus: Joachim Ringelnatz – Leben und Werk
[3] Kuttel Daddeldu und die Kinder  aus: Joachim Ringelnatz: Gedichte Prosa Bilder

Petra van Cronenburg – Nachgefragt

VanCronenburgPetraPetra van Cronenburg
Petra van Cronenburg studierte Theologie und Judaistik und ist ausgebildete Redakteurin. Sie lebt seit über 20 Jahren als freie Autorin, PR-Texterin und Übersetzerin in Frankreich. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind interkulturelle multimediale Projekte zwischen Frankreich, Deutschland und Russland. Als deutschsprachige Buchautorin ist sie zweigleisig unterwegs: Bei Verlagen wie Hanser und Suhrkamp-Insel ebenso wie im Self Publishing. Ein eigener Verlag ist in Gründung. Von ihr erschienen sind unter anderem Lavendelblues (2012), Alptraum mit Plüschbär (2012; Wiederauflage des Printromans Stechapfel und Belladonna), Wassili Schukowski: Romantiker zwischen den Welten (2013) und Elsass. Wo der Zander am Liebsten im Riesling schwimmt (2013).

Petra von Cronenburg hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu ihrem Schreiben, dem Weg dahin sowie ihren Ansichten zum Literaturbetrieb heute zu beantworten. Beim Antworten kam sie ins Erzählen, was das Interview lebendig und authentisch macht. Darüber freue ich mich sehr:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Würde ich Bücher schreiben, wenn ich die erste Frage beantworten könnte? Meine öffentliche Biografie gibt’s in jedem Buch und auf der Website.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

 Ich habe nichts anderes gelernt. Spaß beiseite … ich bin als Kleinkind mal zum Arzt geschleppt worden, weil ich stundenlang eine „Geheimschrift“ auf Papier kritzelte, anstatt brav Bilder zu malen. Der Arzt verschrieb mir alte Tapetenrollen und ich war selig, dass ich mich nicht mehr kurz fassen musste. Das lernte ich erst in der Ausbildung zur Redakteurin. Dann war da diese heiße Geschichte, deren Recherchematerial sich auf meinem Schreibtisch so häufte, dass es mit 120 Zeilen einfach nicht machbar war. Freunde fragten mich: „Warum machst du nicht ein Buch daraus?“ Also schrieb ich völlig naiv einen 700-Seiten-Wälzer, den ich dann für meinen ersten Verlag auf unter 200 Seiten kürzen musste.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich hatte das Glück, einen Deutschlehrer gehabt zu haben, der auf Lehrpläne pfiff und uns bereits besten Creative-Writing-Unterricht gab. Im Theologiestudium lernte ich wissenschaftliches Schreiben, Rhetorik und Predigen. Danach kam die Ausbildung zur Journalistin in Print und Radio, später PR. Eine Menge Handwerk also, multimedial dazu.

Das Handwerk kann man also lernen, trotzdem gehören eine gewisse Begabung und vor allem Leidenschaft dazu. Die besten Lehrer sind auch in solchen Berufsausbildungen das permanente Lesen und Üben, das Lernen aus Fehlern.

Was man meiner Meinung nach nicht von anderen lernen kann, ist der künstlerische Ansatz, eine Verschiebung der Wahrnehmung. Da muss man an sich selbst arbeiten, das Leben, Begegnungen mit besonderen Menschen, als Lehre nehmen. Man kann aber Bücher schreiben, ohne Künstler zu sein.

Schriftstellerei ist wie Klavierspielen. Mit viel Üben und Handwerk kann man trotz mäßiger Begabung durchaus Familie und Freunde begeistern, vielleicht auch mal in der Öffentlichkeit auftreten. Aber ein Solopianist auf den großen Bühnen der Welt braucht sehr viel mehr. Das lehrt einen keine Schule: Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen, Leidenschaft, Selbstkritik, Eigendistanz sind gefragt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Das kommt aufs Buch an, aber meist bin ich Gesamtchaotin, sprich, ich mache alles einigermaßen gleichzeitig.

Wann und wo schreiben Sie?

Meist tagsüber. Am Computer. Notizen jederzeit und überall.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Muss man denn abschalten? Wenn ich nicht tippe oder recherchiere, hört mein Gehirn ja nicht auf, die Welt zu betrachten oder in einen inneren Dialog zu treten mit Figuren, Eindrücken, Inhalten. Das macht verdammt viel Spaß, mehr als die Animation in einem Ferienpark.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Auf meiner Visitenkarte steht: „Schreiben ist Atmen. Bücher sind Leben.“ Darin liegt die Beglückung. Und darin, wenn in jenem magischen Moment Personen oder Geschichten ihr Eigenleben entwickeln. Bei den Kämpfen unterscheide ich mich wahrscheinlich nicht sehr von anderen: Man kämpft mit den eigenen Unzulänglichkeiten, mit schlechten Tagen und immer häufiger mit den lausigen wirtschaftlichen Bedingungen, weil Kreativberufe heutzutage immer weniger wertgeschätzt werden.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist deine Meinung dazu?

Ich halte diese künstlich hochgepuschten Grabenkämpfe für reine Zeitverschwendung. Wir Autoren sollten möglichst gute Bücher schreiben, möglichst professionell arbeiten. Als Self Publisher bin ich selbst Verlegerin, muss Profis zukaufen für Lektorat, Grafik etc. Bei Büchern im Self Publishing strebe ich die gleiche Qualität wie mit Verlag an.

Ich suche mir den besten Weg je nach Projekt aus. Mein erstes Self-Publishing-Projekt entstand, weil der Verlag kurz vor Produktion Pleite ging. Sollte ich da auf vier Jahre Arbeit verzichten? Ich bringe meine Backlist aus Publikumsverlagen selbst heraus und gestalte gerade ein E-Book, dessen Printausgabe zeitgleich im Insel Verlag erscheint. Solche Partnerschaften sind Zukunftsmusik für mich.

Sie schreiben Bücher zu den unterschiedlichsten Themen in verschiedenen Genres, angefangen bei Büchern zur Kultur über Reisebücher hin zu Frauenromanen. Gibt es ein Lieblingsgenre? Wie kam es zu der Vielfalt?

Ich sehe mich selbst gar nicht als so vielfältig. Meine Spezialität ist das erzählende, literarische Sachbuch mit den Schwerpunkten Kultur, Kunst und Geschichte. Wie „Das Buch der Rose“ oder „Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt“ und „Faszination Nijinsky“. Dank Self Publishing werde ich die schöne Form des Essays wieder vermehrt nutzen können, das läuft in Verlagen schlecht.
Naja … und manches schreibt man auch mal fürs schnöde Geld, Frauenromane etwa. Aber diese Phase ist vorbei.

 Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Der Musenkuss ist womöglich ein Märchen. Vor Jahren fragte mich eine Verlegerin, ob ich mir vorstellen könne, über die Balletts Russes zu schreiben. „Ich und Ballett, ich habe doch keine Ahnung?“, war meine spontane Antwort. Aber die Avantgarde ist eins meiner privaten Lieblingsthemen. Nach der ersten Recherche „biss“ mich die Story und ich sagte zu. Meist begegne ich bei der Recherche Nebenthemen und Menschen, bei denen mir mein kleiner Finger sagt: „Das ist es! Das will leben!“ Die stecken dann im nächsten Buch.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Petra van Cronenburg steckt in ihren Geschichten und Büchern? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Das zu erforschen überlasse ich posthum den Literaturwissenschaftlern. Und im Sachbuch habe ja nicht ich drinzustecken, sondern eine wahrscheinliche Möglichkeit von Realität. Extrem nahe steht mir Vaslav Nijinsky, obwohl ich kein schwuler russischer Balletttänzer bin, der irgendwann verrückt wurde. Aber ich habe sehr viel von ihm über das Künstlerdasein erfahren und durch das Buch wundervolle Menschen kennen gelernt.

Was ich ganz klar habe, ist eine Art „Lebensthema“. Ich nenne es „Grenzgängereien“, in jeglichem Wortsinn. Es hat sicherlich damit zu tun, dass viele meiner Vorfahren gezwungen oder freiwillig mit dem Koffer in der Hand ins Ungewisse reisten – und ich als echte Grenzgängerin im Dreiländereck, nach Frankreich emigriert, diese Tradition fortführe. Nichts davon geplant …

Viele Autoren äußern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Für einen Auftrag braucht es Auftraggeber. Wer könnte das sein?

Und kann man unpolitisch sein, wenn man sich mit dem Leben beschäftigt, der Kunst, der Kultur?
Wenn Nijinsky und Strawinsky mit einem Theaterskandal ganz Paris bis in die russische Botschaft hinein aufmischten, dann ist Tanz hochpolitisch. Wenn Europa vor dem Ersten Weltkrieg von Paris bis Petersburg reichte und kulturell von kosmopolitischer Offenheit und Migranten aller Richtungen profitierte, dann ist das hochpolitisch. Dazu brauche ich aber keine explizit politischen Bücher zu schreiben …

Einige Ihrer Bücher behandeln die leidvollen Seiten des Lebens, Einsamkeit, Sehnsucht. Ist Leid und Düsterheit einfacher zu beschreiben als Glück oder fühlen Sie sich der Seite näher? Ist das Leben generell eher düster als hell?

Ich suche eigentlich krampfhaft nach einem Kurs: „Erfolgreich Pessimist werden in nur zwei Tagen“, denn mein Optimismus geht mir manchmal selbst auf die Nerven. Aber Menschen sind in meinen Augen am spannendsten und unverfälschtesten, wenn man ihre Brüche betrachtet, wenn sie vor einer Umwälzung oder einem vermeintlichen Abgrund stehen oder ihre Verletzlichkeit nicht verstecken. Das zeigt ihre innere Stärke, ihre künftigen Möglichkeiten, ihre Schönheit. Mich interessieren die ganz Besonderen. Das sind selten Menschen mit einem Leben wie in einer Vorabendserie.

Nijinsky ist so ein ganz Starker in all seiner Verletzlichkeit: Als man ihm das Tanzen nimmt, malt er voller Körperlichkeit. Als man ihm das Malen nimmt, schreibt er, Weltliteratur übrigens. Und vielleicht war seine psychische Krankheit die konsequente Fortführung, seinen eigenen inneren Seelentanz nie verraten zu müssen?
Karen in „Alptraum mit Plüschbär“ verliert ihre Ehe, reibt sich an den dämlichen Instant-Glücksversprechen unserer Zeit – und daran wächst sie. Dahlia steht vor dem wirtschaftlichen Ruin und zieht sich gemeinsam mit Freunden auf unverhoffte Art selbst aus dem Sumpf. Das ist der Alltag vieler Menschen. Ist das nicht auch Glück, wenn man so einen Berg bewältigt? Wenn man scheitert und wieder aufsteht?

Wenn Frauen am Pool sitzen, sich einen Millionär anlachen und man sich durch den Plot kichert … das ist nicht mein Genre. Solche Figuren langweilen mich, sie entwickeln sich nicht wirklich.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine packende Story (auch im Sachbuch) und Niveau. Oder richtig gut gemachten, herrlich schauderhaften Trash.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich würde gern erzählen können wie eine durchgeknallte Kreuzung aus Jonathan Safran Foer, Olga Tokarczuk, Walt Disney, Aleksandar Hemon, Colum McCann, sämtlichen russischen Klassikern und den großen jüdischen Erzählern.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es? 

1. Lesen lesen lesen.

2. Üben üben üben.

3. Nie die Eigendistanz und Kritikfähigkeit verlieren.

4. Mit sehr offenen Sinnen intensiv leben.

5. Die eigene Stimme entwickeln, nicht verschütten lassen. Durchaus auf Menschen achten, die einem dabei bewahrend Tutor sein können.

 Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Petra van Cronenburg ist im Netz zu finden unter:

Website: http://www.cronenburg.net

FB: http://www.facebook.com/cronenburg

Twitter: http://www.twitter.com/buchfieber

 

Alex Capus – Nachgefragt

(c) Peter Hassiepen
(c) Peter Hassiepen

Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz.  Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer  bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009),  Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

Alex Capus hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu seiner Person und seinem Schreiben zu beantworten. Ich freue mich sehr über seine Antworten, die teilweise kurz und knapp, oft mit einem fast sichtbaren Schmunzeln gegeben sind.

 Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1961 in Frankreich geboren als Kind viel zu junger Eltern. Scheidung der Eltern, Umzug mit Mutter und Bruder nach Olten. Erste Kurzgeschichten im Alter von sieben Jahren als Selbstvergewisserung. Eine Jugend im Gefühl, der einzige Erwachsene im Haus zu sein. Als junger Erwachsener die Suche nach dem echten, wahren, intensiven Leben. Deshalb ein eigensinniger Student, akademisch nicht zu gebrauchen. Weitere Kurzgeschichten. Journalismus aus Liebe zu den Menschen und Freude an der Form. Erstes Kind, erster Roman. Heirat mit meiner Gefährtin Nadja. Zweiter Roman. Zweites Kind. Dritter Roman. Drittes Kind. Vierter Roman. Viertes Kind. Bis dato fünf Kinder und fünfzehn Bücher.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich kann das ziemlich gut und mache das ziemlich gern. Darüber hinaus bestärkt mich erzählendes Schreiben im Glauben, dass alles in der Welt miteinander zusammenhängt und das Leben also einen Sinn hat.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Alles Quatsch. Schreiben ist wie alle Kunst letztlich ein Ausdruck von Gefühl. Wer’s hat, hat’s. Wer nicht, nicht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Ich recherchiere und mache mich kundig zum Thema meiner Betrachtung, bis ich satt und überzeugt bin, dass kein Mensch auf der Welt besser als ich Bescheid weiss darüber. Dann trage ich das ganze schwanger, bis sich die richtige Form herauskristallisiert. Das kann Monate oder Jahre dauern. Und dann setze ich mich hin und schreibe. From nine to five, sehr ordentlich.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Feierabend, Ferien? Niemals. Abschalten? Warum sollte ich das wollen?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Als Autor singe ich mein Lied und tanze meinen Tanz. Jeder Mensch sollte das tun, die Zeit ist knapp. Und ich verdiene mein Geld damit, das ist ein grosses Glück.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Autoren sollten nicht so viel jammern. Als Profi sucht man sich die richtigen Leute aus, mit denen man arbeiten will, dann ist man loyal zu ihnen und vertraut ihnen auch. Das ist im Fussballgeschäft nicht anders als im Waffenhandel, im Ölbusiness oder in der schönen Literatur.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Tja, Ideen. Die flüstert mir mein kleiner Finger ins Ohr.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Alex Capus steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich hat der olle Goethe recht. Ich bin alle meine Figuren.

Ihre Geschichten handeln oft von tatsächlichen Figuren aus der Vergangenheit, so auch Ihr neuster Roman Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Wie stossen Sie auf diese Figuren, was muss eine Figur haben, dass sie daraus eine Geschichte machen wollen?

Ich muss sie mögen.

Wo hört bei ihren Geschichten die tatsächliche Vergangenheit auf, wo beginnt die Fiktion?

Alles, was ich erzähle, ist immer wahr – wenn ich es doch sage!

 Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Heute Abend lese ich gerade wieder mal Rock Springs von Richard Ford. Grossartig. Schönheit und Wahrhaftigkeit, darauf kommt’s an.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Erstens: Viel lesen.

Zweitens: Viel schreiben.

Drittens: Niemals zu früh mit sich zufrieden sein.

Viertens: Die ersten fünf Entwürfe immer wegschmeissen,

Fünftens: Niemals auf olle Ratschläge hören. Stay true to the idea, wie David Linch sagt.

Herzlichen Dank, Alex Capus, für dieses Interview!

Wann ist ein Leben lebenswert?

Heute las ich die Schlagzeile, dass sich ein erfolgreicher Mann umgebracht haben soll. Sie hat mich erschüttert. Ich kannte ihn nicht, nicht mal namentlich. Und doch schaue ich immer und immer wieder sein Bild an. Ich suche nach Spuren. Suche nach einem Anzeichen, wieso sich ein solcher Mann das Leben nehmen könne. Sind das Falten, die von Ärger, Trauer, Wut, Überdruss, Verzweiflung zeugen, die seinen Mund, seine Augen umgeben? Ist das Lachen echt? Was sagen die Augen?

Ein Mann geht einen Weg ganz nach oben. er hat viel mehr zum leben als sicher 90% der Menschen weltweit. Er sieht gut aus. Er hat Familie. Ein Mann, ein Mensch, der es geschafft hat, würde man denken. Und man scheint falsch gedacht zu haben, denn er ist nicht mehr. Er hatte so viel mehr als so mancher oft zu träumen wagte, was fehlte noch? Wohin soll man streben, wenn selbst all das nicht reicht, leben zu wollen? Was ist Glück? Was sind wirkliche Ziele und Inhalte? Was heisst Leben überhaupt und wann ist es blosses Überleben und damit bald mal nur noch Plage?

Heute fuhr ich durch Zürich. Wohin ich schaute, sah ich Porsches, Mercedes, BMWs, Audis. Ab und an sicher auch eine andere Marke, aber die überwiegten stark. Es geht uns gut? Scheint so. Trotzdem heisst es, die Armut greife um sich in der Schweiz. Man sieht sie wohl noch nicht oder ist geblendet von all dem Reichtum, der sich so offensichtlich zeigt. Und viele der Armen schauen wohl auf die grossen Autos und denken sich, wie glücklich sie wären, hätten sie nur die Hälfte, gar nur einen Bruchteil dessen, was all diese Menschen haben, die in diesen Autos sitzen. Und dann liest man eine solche Schlagzeile. Und man fragt sich: Was nun? Woran noch glauben? Was ist wirklich wichtig im Leben?

Es wäre nun einfach, auf die ach so schönen inneren Werte und immateriellen Güter zu verweisen. Das wäre die Moralinkeule und allen Idealismus nur so mit der Kelle ausschöpfen. Das greift zu kurz, wie ich denke. Wer hungert, kann noch so viel Herz, Verstand, positive Beziehungen und was es noch so an immateriellen Gütern gibt haben. Er hat Hunger und Hunger trübt das Glück ganz massgeblich. Was also ist Glück? Wonach soll der Mensch noch streben? Geld allein scheint nicht glücklich zu machen, wirtschaftsferner Idealismus stopft das Hungerloch nicht und alles kann man, das Leben lehrt es einen meist unbarmherzig, nicht haben.

Es bliebe nur noch das schöne Wort „sei zufrieden mit dem, was du hast“. Und genau das scheint so unendlich schwer, dass man zu oft daran verzweifelt.

Bildung heute

Durch Erziehung wird der Mensch erst wahrhaftig Mensch. (Platon)

Nicht nur durch Erziehung, auch durch Bildung, im Sinne des Wortes verstanden. Bildung sollte dazu beitragen, dem Menschen in seiner Persönlichkeitsbildung zu helfen, ihn sich selber zu finden und damit auch seinen Stand und sein Zurechtkommen im Leben und in seiner Umwelt. Sie soll dem Menschen helfen, seine Fähigkeiten zu leben, seine Chancen wahrzunehmen, Teil einer (politischen) Gemeinschaft zu sein und diese aktiv mitzugestalten.

Bildung soll für alle zugänglich sein und somit die Menschen vereinen, sie soll keine Klassen kennen, sondern allen den Weg in die Gesellschaft gleichermassen öffnen – jedem nach seinem Potential. Stattdessen separiert sie, legt durch Notendruck, Faktenpauken, Siebmechanismen alles darauf, die Schere noch grösser werden zu lassen und wird instrumentalisiert, indem nur Verwertbarkeit und nicht Persönlichkeit und Charakterbildung im Zentrum stehen.
Vielleicht sollte man sich wieder auf die Ursprünge besinnen, die wirklichen Werte hochhalten?

Arme Welt

Kürzlich sah ich eine Sendung, in der gesagt wurde, dass allein mit den weggeworfenen (und noch guten) Esswaren aus Deutschland der Welthunger halbiert werden könnte. Heute las ich in einer Zeitung, dass in der (ach so reichen) Schweiz jeder Siebte gefährdet ist, in die Armutsfalle zu tappen. Weltweit gibt es Hunger, weltweit gibt es Menschen, die kein Dach über dem Kopf , nicht die Möglichkeit, für ihre Gesundheit zu sorgen, nicht die Chance, Bildung zu geniessen und nicht das Glück, ihr Leben frei gestalten zu können, haben.

Dies allein ist schon traurig genug, aber noch viel trauriger ist es, dass das alles nicht nötig wäre. Nicht die Bevölkerungsdichte ist schuld, dass es Mangel gibt. Wir haben nicht zu viele Menschen auf einer zu kleinen Welt. Wir haben zu selbstverliebte Besitzende, die nicht bereit sind, einen Teil von ihrem Zuviel abzugeben, damit die, welche zu wenig haben, ein menschenwürdiges Leben führen können. Klar liest man immer wieder von grosszügigen Spenden von Reichen an Bedürftige oder Organisationen. Schaut man dahinter, ging es vielfach nicht um Nächstenliebe, sondern um einen Steuertrick. Das alleine wäre nicht verwerflich, das gespendete Geld hilft ja trotzdem und ist nicht schlechter, nur weil es aus Eigennutz gespendet wurde. Meist ist es aber ein Bruchteil dessen, was abgegeben werden könnte und noch viel öfter nur ein Tropfen auf den heissen Stein, der nur hilft, dass die von Armut geplagten nicht gleich verhungern, sondern Aufschub erhalten.

Die Thematik ist lange bekannt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist klar, dass niemand hungern müsste, würde man es wirklich ändern wollen. Es ist offensichtlich, dass es von allem genug hätte, würde man es gut verteilen. Ich sage damit nicht, dass man den Reichen jeden Luxus nehmen müsste, Gott bewahre, sie sollen in Saus und Braus weiter leben, viele von ihnen haben sich diesen Saus auch erarbeitet. Verdient im wortwörtlichen Sinne vielleicht nicht, aber immerhin etwas dafür getan.

Stellen wir uns mal vor: Morgen käme jemand und würde uns eine Million bieten, damit wir etwas tun für ihn. Wir könnten arbeiten und hätten dieses Jahressalär, das von vielen angeprangert wird als nicht mehr leistungsorientiert, als unverhältnismässig. Würden wir ablehnen? Würden wir sagen, dass wir das gar nicht verdienen und darauf verzichten, stattdessen für 100’000 arbeiten wollen? Oder gar für 72’000? Oder für wieviel eigentlich? Ich denke nicht. Wie können wir es von denen verlangen, die soviel verdienen? Freiwilligkeit scheint bei diesem Fall schwer zu sein, es müsste also von aussen kommen. Staatsgewalt? Ein Gesetz, das eine Höchstlohnstufe einführte? Oder sollte es ab einem gewissen Betrag eine Spendensollquote einführen? Das käme einer Steuererhöhung gleich. Und wem soll die zugute kommen? Armen im eigenen Land? Was passiert dann mit all den Hungernden in fremden Ländern, die keine so reichen Menschen haben, die ihren Anteil abgeben können? Zählen die nichts? Oder müssen wir in unserem Land dafür sorgen, dass andere Länder genug haben?

Kommt man dabei nicht in einen Konflikt mit der Souveränität? Wenn ich von aussen etwas über ein Land stülpe, übergehe ich dessen Souveränität. Sicher in einem Fall, den dieses Land nicht will. Nun kann man sagen, dass kein Land Hunger haben will. Allerdings hungern nie alle und meist die nicht, die das Geld in die Hände bekommen… Und schon sitzen wir wieder mittendrin.

Ein auswegloses Problem? Ist der Mensch einfach so, dass er hortet, hortet wie ein Eichhörnchen, ohne je den Hals voll genug zu kriegen? Wo könnte man den Hebel ansetzen, um diese selbstgerechte Welt aus den Angeln zu heben?

Mein Sohn meinte kürzlich, dass die Welt ungerecht wäre. Das allein ist keine neue Erkenntnis, wenn auch für einen bald 11 Jährigen nicht ganz selbstverständlich. Er machte diese Einsicht daran fest, dass er fand, dass ein Bauer viel mehr für die Menschen täte, indem er ihr Überleben durch Nahrungsmittel sichere als ein Anwalt. Trotzdem verdiene ein Anwalt viel mehr als ein Bauer. Er fand das ungerecht. Und bei Lichte betrachtet hat er damit einen wichtigen Punkt angeschnitten. Wir achten heute so viele Berufe mehr, die in abstrakten und abgehobenen Bereichen tätig sind, dass wir die, welche mit ehrlichem Handwerk für ihr Auskommen und auch für das Überleben (Bauer), das Hausen (Maurer), das Wohnen (Schreiner) sorgen, herabsetzen. Ihr Bildungsweg war ein geringerer, das macht sie in unserer Werte- (und Lohn-) Bemessung minderwertig. Wir messen Wert an abstrakten Grössen und vergessen dabei oft die Lebensnotwendigkeiten. Diese sehen wir erst, wenn sie fehlen. In der Armut. Und dagegen tun wir nichts, weil wir sie nicht sehen wollen. Ein Perpetuum Mobile, das in den Abgrund führt?

Vertrauen

Schenkt man Vertrauen im Voraus? Muss Vertrauen erst verdient werden? Kann man Vertrauen aufbauen? Zerstören kann man es. Was dann? Ist es dann weg? Für immer oder nur bei diesem einen Menschen? Machen schlechte Erfahrungen das Vertrauen in andere schwerer? Ist das fair? Lässt man dann nicht Menschen für etwas zahlen, das andere verbrochen haben? Was ist Vertrauen überhaupt? So etwas wie der naive Glaube an das Gute im Leben und im Menschen? Ist Naivität gut? Oder vielleicht auch dumm?

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

Wo ist das Vertrauen noch, wenn man denkt, kontrollieren zu müssen? Oder ist blindes Vertrauen dumm? Wäre dann Liebe auch dumm, da sie ja blind macht. Und Vertrauen soll – so sagt man – die Basis von Beziehungen sein, welche – im besten Falle – auf Liebe basieren. Wenn ich nun also nicht in den anderen vertraue, was liebe ich dann? Etwas, dem ich nicht traue? Oder denke ich, etwas nicht zu kennen, liebe aber das, was ich kenne? Oder kenne ich vielleicht die kritischen Punkte, habe darum Mühe mit Vertrauen?

Was ist Misstrauen? Selbstschutz, weil man zu oft auf die Nase fiel? Oder eine evolutionäre Massname zum Überleben, die schon ohne Vorerfahrungen da ist? Lässt uns Misstrauen nicht ständig auf der Hut und in Anspannung sein? Wie verträgt sich das mit Liebe, in der man sich einfach mal fallen lassen müsste? Oder ist die Welt vielleicht doch nicht ganz so einfach, dass Liebe auf Vertrauen baut, alles rosig und im Lot ist? Hat überhaupt jemand gesagt, es sei einfach?

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
(Berthold Brecht: Der gute Mensch von Sezuan)

Mann und Frau – Bilder in Köpfen

Kürzlich schrieb ich bei Facebook, dass ich mir überlege, einen zweiten Hund in die Familie zu holen. Neben vielen sachlichen und auch gefühlvollen Argumenten dafür und dagegen erhielt ich eine private Nachricht, in der mir ein Mann sagte, dass ich das unbedingt sein lassen müsse, da ich sonst, wenn ich neben Kind, Hund und zwei Katzen noch einen zweiten Hund hätte, erst recht keinen Mann fände.

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Vor ein paar Tagen schnitt ich meine Haare von relativ lang zu knapp kinnlang ab. Ich stellte das Bild als Profilfoto in meinen Messenger und erhielt kurz darauf eine Nachricht, die weder Anrede, noch sonstiges erhielt, nur das: NEEEEIIIN!!! Darauf folgte, der Schritt sei zwar wettermässig verständlich, deswegen aber noch lange nicht nachvollziehbar.

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Es gab mehrere Gelegenheiten, bei denen jemand mit mir oder ich mit ihm abmachen wollte. Von grosser Freude über ein Treffen oder Wiedersehen wurde gesprochen, dann aber von Mannes Seite erwähnt, wie eingespannt er sei, er werde sich dann kurzfristig melden. Und prompt kommt eines Tages ein SMS, ich bin nun grad frei, wir könnten uns spontan zum Kaffee treffen.

Bei all diesen Ereignissen stellen sich bei mir die (nun kurzen) Haare auf. Mit welchen Frauenbildern schlagen sich Männer teilweise rum? Denken sie allen Ernstes, wir sitzen hier, richten unser Leben genau so aus, dass es für einen potentiell interessierten Mann passt? Gestalten wir unsere Frisuren nach den gängigen Geschmäckern irgendwelcher Herren, die nicht mal den Anstand und die Umgangsformen einer menschlichen Kommunikation kennen? Sitzen wir wirklich nur auf Abruf da und hoffen auf ein gnädig eröffnetes Zeitfenster im ach so gefüllten Zeitplan des wichtigen Mannes? Wo in der Zeit sind diese Herren stehen geblieben?

Die andere Frage, die sich mir stellt ist, ob es wirklich Frauen gibt, die sich genau so verhalten, wie diese Männer es vorgeben. Von irgendwo müssen die Herren der Schöpfung ja dieses Verhalten haben und es muss schon Erfolg gebracht haben, sonst hätten sie es vielleicht verändert? Sollte das Ergebnis von jahrzehntelanger Emanzipationsbewegung wirklich sein, dass Frau immer noch ihr Leben dem des Mannes anpasst und damit unterordnet, damit sie ja nicht alleine dasteht? Wer hat überhaupt gesagt, dass sie einen Mann sucht und braucht? Zumindest tut sie das nicht mehr als der Mann auch die Frau braucht, sind wir doch alle soziale Beziehungstiere.

Ich habe das nicht immer so gesehen. Es gab durchaus Zeiten in jüngeren Jahren, in denen ich betroffen gewesen wäre ob der Reaktion auf meine Frisur, in der ich gesprungen wäre auf den Pfiff des gnädigen Herrn mit dem Zeitfenster und alles getan hätte, um ja nicht auf der Liste der ungewollten Frau zu landen. Ich war zu wenig sicher, wer ich bin und was ich selber vom Leben wollte. Ich dachte, ich könne doch nicht einfach meinen Weg gehen, müsse mich anpassen. Ich gestand mir selber zu wenig Selbstwert zu und stellte damit die anderen mit ihren Meinungen und Bedürfnissen über mich. Dass dies vor allem im Austausch Mann – Frau passiert, hat eine lange gewachsene Tradition. Diese zu durchbrechen bedeutet nicht, nun in einen sinn- und wahllosen Geschlechterkampf einzusteigen, wie es teilweise geschieht. Es heisst ledigilich, sich selber als Mensch unter gleich würdigen und gleichwertigen Menschen zu sehen und zu sich selber zu stehen. Es heisst, sich ernst zu nehmen und sich dadurch den Wert zuzuschreiben, den man hat und haben sollte – für sich und für andere.

Kulissen und dahinter

Oft schätzt man die Qualitäten des eigenen Mannes mehr, wenn man genauer hinter die einladend angebotenen Kulissen der anderen Männer schaut.

Je näher man an jemandem dran ist, desto deutlicher fallen dessen Fehler auf. Bei den anderen sieht man nur an die Fassade und selten wirklich dahinter.