Kinderfreie Zonen – ein Aufschrei

 Es gibt Restaurants, in denen Kinder (vor allem in sie beinhaltenden Wagen) nicht geduldet sind. Auch andere Lokalitäten bestehen darauf, kinderfrei zu bleiben. Ein Aufschrei macht die Runde, wie man nur so kinderfeindlich sein könne und Kinder einfach ausschliessen, quasi verbannen.

Kinder müssen heute immer und überall gestillt werden dürfen, schlussendlich sei das Natur pur und zu dulden. Kinder gehören dazu, sei es in der Spätvorstellung im Kino oder im Wellnesspool im Hotel. Wir lieben unsere Kinder, also sollen auch alle anderen sie lieben – und dulden. Sie rennen im Restaurant zwischen den Tischen umher, ziehen an Tischtüchern, streifen die anderen Gäste mit Ketchup-Händen. Ist doch toll. Das muss man verstehen, sie sind lebendig, sie müssen sich bewegen, das ist kindgerecht. Ein Kind, das nur still am Tisch sässe, wäre ein unterdrücktes, ein verschüchtertes, eines ohne Selbstbewusstsein und vor allem ein phlegmatisches mit absolut übergriffigen, weil dominanten Eltern. Und wer tobende Kinder nicht gutheisst, ist ein Kinderhasser, ein intoleranter Mensch.

 Müssen Kinder wirklich immer dabei sein? Muss ich beim Essen mitansehen, wie eine Mutter am Nebentisch ihr Neugeborenes stillt, und der Vater drei Tische weiter seinen Sohn auf der Bank wickelt? Heisst, Kinder zu haben, fortan keinen Schritt mehr ohne machen zu können, wollen oder dürfen?

 Ich finde das Kinderverbot an manchen Orten nicht gar so schlimm. Es darf doch durchaus kinderfreie Zonen geben, zumal sich Kinder in eher erwachsenen Bereichen eh nicht wirklich wohl fühlen oder aber sich so aufführen aus Langeweile, dass sich Erwachsene (ohne Kinder und oft sogar solche mit) nicht mehr wohl fühlen. Wieso der Anspruch, Kinder müssten immer und überall dabei sein? Wieso der Anspruch, jeder müsse die eigenen Kinder genauso süss finden wie man selber, wenn sie grad Ketchup über alles Werfen und das Ganze dann unter Geschrei nicht mehr essen wollen (wobei man just in dem Moment auch eher Mühe hat und das Süsse ganz weit hinten steht bei der Beurteilung des eigenen Nachwuchses)?

 Ich mag kinderfreie Zeit, ganz ehrlich, und wenn ich denn schon mein Kind gut betreut (und kindergerecht, wie es ihm Spass macht, versorgt habe), dann will ich nicht von anderen gestört werden in meinem Entspannen. Macht mich das zur Rabenmutter oder gar zur Kinderhasserin? Ich denke eher, es macht mich zu einem entspannteren Menschen, der nach der Ruhe auch wieder genug Nerven für den Alltag mit allen seinen Anforderungen hat. Das kommt schlussendlich auch dem Kind zugute. Wohl mehr, als wenn es in einem Fresstempel Stunden hätte ruhig sitzen müssen, nur um dabei gewesen zu sein.

Rezension: Ferdinand von Schirach: Tabu

Wahrheit und Wirklichkeit in einer haltlosen Welt

Kinder waren in Sebastians Familie noch nie der Mittelpunkt gewesen. Man brachte ihnen bei, wie man das Besteck beim Essen hält, wie ein Handkuss gegeben wird und dass ein Kind möglichst wenig reden sollte. Aber die meiste Zeit kümmerte man sich nicht um sie.

Sebastian von Eschenbach, Spross einer alten, verarmten Adelsfamilie, wächst in eine Familie hinein, in der er wenig Wärme und Liebe erfährt. Er ist mit seinen Wahrnehmungen, die sich meist in Farben ausdrücken, von denen er denkt, dass alle sie so sehen, alleine.

Er sah, was andere Menschen sehen. Aber in ihm waren die Farben anders. Sie hatten keine Namen, weil es nicht genug Worte für sie gab. […] Nur seine Mutter hatte keine Farbe.

Mit 10 Jahren kommt Sebastian ins Internat, der erste Halt bricht somit weg, vollends verloren ist er, als sein Vater stirbt. Alles, was sein Leben ausmachte, sein Zuhause, seine Familie, war plötzlich weg.

Ein Mensch sei verloren ohne sein Zuhause, hatte er gesagt, auch wenn so ein altes Haus oft anstrengend sei.
[…]
Er wusste nicht, was noch wirklich war, und er wusste nicht, wer er werden sollte.

Sebastian flüchtet sich in das Leben als Künstler, eine Welt zwischen Schein und Realität, in der er aufzuzeigen versucht, dass Wahrheit und Wirklichkeit nicht dasselbe ist. Dieses Thema holt ihn in der Realität ein, als er mit dem Vorwurf konfrontiert wird, eine junge Frau getötet zu haben. Konrad Biegler, sein Strafverteidiger, will ihm helfen und versucht mit ihm, die Wahrheit zu finden.

Ferdinand von Schirach hat mit Tabu einen Künstlerroman geschrieben, der Themen wie das Älterwerden, Einsamkeit, die Suche nach Geborgenheit, Wahrheit und Wirklichkeit behandelt. Quasi en passant beschreibt er Sebastian von Eschenbachs Leben, bleibt dabei immer an der Oberfläche, bemüht jedes nur greifbare Klischee wie die kühle und lieblose Art alten Adels in der Familie, die Kunst als Flucht vor vermissten Gefühlen und Schwierigkeiten im Leben sowie der Künstler als sich nicht festlegen wollender Frauenheld.

Man erkennt in Tabu den analytischen Denker Ferdinand von Schirach, hier und da drücken seine Analysen und auch die Fragen an die Zeit durch, regen zum Nachdenken an, geben eine Ahnung davon, was möglich gewesen wäre.

Das Buch trägt gute Gedanken in sich, Idee und Geschichte sind gut und vielversprechend, die Sprache ist klar und schnörkellos – leider ist das insgesamt zu wenig für einen Roman. Was dem Roman sonst noch fehlt, sind Figuren, mit denen man mitfühlen, in die man sich hineinversetzen, die man überhaupt fassen kann. Die einzige Figur, die plastisch rüberkommt, ist der Strafverteidiger Konrad Biegler, den man als Charakter wahrnimmt und der inmitten der eher schemenhaften anderen Figuren lebendig wirkt.

Fazit:
Viel Potential, das leider selten ausgeschöpft wird. Wer von Schirach mag, wird ihn in der Geschichte erkennen und das eine oder andere für sich mitnehmen.

Zum Autor
Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet als Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Seine Erzählungsbände Verbrechen und Schuld wurden, genau wie sein erster Roman Der Fall Collini, zu internationalen Bestsellern. In mehr als 35 Ländern erschienen Übersetzungen. Schirach wurde mit dem Kleist-Preis und anderen – auch internationalen – Literaturpreisen ausgezeichnet. Verbrechen wurde als Serie im ZDF gezeigt, Schuld wird zurzeit verfilmt. Weitere Kinofilme sind angekündigt. Zuletzt erschien im September 2013 sein Roman Tabu.

Angaben zum Buch:
vonSchirachTabuGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Piper Verlag (11. September 2013)
ISBN-Nr.: 978-3492055697
Preis: EUR 17.99 / CHF 28.90

 Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Hans-Martin Schönherr-Mann – Hannah Arendt. Wahrheit, Macht, Moral

Die Suche nach der einen Welt

Gesellschaftliche Strukturen lösten sich über die Jahrzehnte immer mehr auf, Individualisierungsprozesse führten immer stärker zu einem Verlust familiärer und sozialer Netze. Vormals gemeinsam getragene Lebensumstände waren vermehrt allein zu tragen, der existentielle Abgrund droht unmittelbarer, da die Netze grobmaschiger werden, die früher auffingen. Leben die Menschen überhaupt noch in einer Welt oder sind mehrere verschiedene Welten zu entwerfen, in denen sich die Individuen bewegen? Hannah Arendt verfolgt diese Frage ihr Leben lang, versucht, zu eruieren, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Menschen miteinander und in Frieden leben können, indem sie untersucht, was dazu führt, dass sie es nicht tun. Sie analysiert totalitäre Herrschaftssysteme, welche immer wieder grossen Zulauf fanden, schlussendlich aber ins Verderben führten, indem sie erst Halt versprachen in Zeiten grosser Unsicherheit und Haltlosigkeit, danach aber unterdrückten.

Nach Arendt antworteten die totalitären Systeme von Stalinismus und Nationalsozialismus just auf diese Gefühlslagen. Sehr viele Menschen versprachen sich durch ihre Unterwerfung unter solche Herrschaftsstrukturen Sicherheit und Geborgenheit. Dagegen verstärkte der Vormarsch des Totalitarismus solche Gefühle der Unsicherheit natürlich bei seinen Gegnern […]

Arendt setzt auf Pluralität und Kommunikation. Nur in der freien Auseinandersetzung können Menschen in einem Staat leben, können sie Freiheit erfahren. Es geht nicht darum, die Menschen zu vereinheitlichen, sondern sie in ihrer Pluralität anzunehmen und ihnen den Raum zu geben, sich einzubringen.

Die eine Welt entsteht nach Arendt aber nicht, wenn sich die Gesellschaften homogenisieren, indem sie sich ethnisch reinigen. Denn solche einheitlichen Staaten und Gesellschaften schliessen genau jene Welt aus, an der alle teilhaben können und die für Arendt die einzige Welt bleibt, weil die Welt niemand monopolisieren darf und letztlich gar nicht kann.

Erst wenn alle in der Welt zuhause sind und diese mitgestalten, wird es eine geeinte Welt sein, eine, die Halt und Sicherheit für alle verspricht. Dies die Theorie. Wie umsetzbar sie ist, bleibt dahin gestellt. Als Fazit könnte man sagen,

dass menschliches Zusammenleben nur darum und in dem Masse sinnvoll ist, als es in einem „Teilnehmen und Mitteilen von Worten und Taten“ besteht.

Hans-Martin Schönherr-Mann präsentiert in diesem dünnen Buch das Leben und Denken einer grossen Denkerin, er hängt es hauptsächlich an ihren Gedanken zum totalitären System auf, welche durchaus zentral waren (wenn auch nicht die einzigen nennenswerten). Er verfolgt diesen roten Faden analytisch und schlüssig, versteht es, in gut lesbarer Weise auch komplexe Zusammenhänge darzulegen und so einen Einblick in ein Themengebiet zu liefern, das obwohl von Arendt vor Jahren gedacht, noch heute aktuell ist.

Fazit:
Die zeitlosen Gedanken einer herausragenden Denkerin prägnant dargestellt. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Hans-Martin Schönherr-Mann
Hans-Martin Schönherr-Mann wurde am 23. Mai 1952 in Esslingen am Neckar geboren. Er studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und promovierte 1982 bei Manfred Riedel und Herbert Ganslandt. Von 1987 bis 1992 war er wissenschaftlicher Assistent für Politische Philosophie und Politische Theorie am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München, wo er 1995 habilitiert wurde. Seit 2002 ist er außerplanmäßiger Professor für Politische Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er nahm Vertretungs- bzw. Gastprofessuren an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, den Universitäten Innsbruck, Passau, Regensburg, Turin und in Venedig wahr.

 

Angaben zum Buch:
SchönherrArendtTaschenbuch: 208 Seiten
Verlag: C.H. Beck Verlag (15. März 2006)
ISBN-Nr.: 978-3406541070
Preis: EUR 12.90 / CHF 19.70

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Frauen – es ist kompliziert

Eine neue Diskussion macht die Runde. 50’000 Akademikerinnen erdreisten sich, nach dem Studium nicht zu arbeiten, sondern ihre Kinder zu erziehen und zu bekochen. Nun hat der Staat so viele 1000 Franken in sie investiert und sie wissen nichts Besseres, als dies einfach ungenutzt liegen zu lassen. Wie kann Frau nur denken, das sei legitim? Woher nimmt sie die Dreistigkeit, einfach Hausfrau sein zu wollen, wo sich doch Generationen dafür schlugen, Frauen Bildung und Arbeit zu ermöglichen. Das geht gar nicht. Frau hat zu arbeiten. Punkt. Und sie darf schon gar nicht Steuergelder verpulvern für nichts. Den Gedanken, wie viele Steuergelder in die militärische Ausbildung investiert worden sind bei Männern, ohne dass die je in den Krieg zogen, lassen wir schnell fallen. Das ist sicher etwas ganz anderes.

Am Besten entscheidet sich ein Mädchen mit 5, ob es mal Kinder haben will oder nicht. Wenn ja, kann man Schule eigentlich abhaken, die braucht das Mädchen dann nicht, da es irgendwann mal hinter dem Herd landen wird und alles auf dem Weg dahin verschwendete Steuergelder wären. Es gäbe höchstens die Möglichkeit, zu unterschreiben, dass es nie nie nie geplant sein würde, zu Hause beim Kind zu bleiben. Diese alten Zöpfe müsste man ein für alle Mal und rechtzeitig abschneiden. Dann könnte man unter Umständen in Betracht ziehen, dass Frauen doch zur Schule und sogar an die Uni dürften. Aber auch dann stellte sich die Frage, ob die wirklich voll leistungsfähig wären mit Kind. Dass der arbeitenden Mutter dann wieder andere auf die Pelle rücken würden, die fänden, bei dem Arbeitspensum hätte man keine Kinder auf die Welt stellen sollen, blenden wir auch aus. Das ist sicher auch etwas ganz anderes.

So oder so: Gut gibt es so viele, die entscheiden, was richtig und was falsch ist, die wissen, wie die Welt zu drehen hat. So muss man sich nur noch fügen. Wäre ja zu schön, wenn jeder einfach wählen könnte, was er will.

Herr Meier und Frau Gretchen

Ein Mann – er ist halt einfach einer – lässt sich durch Hormone, Lüste und anderes dazu bewegen, seiner Angebeteten Bilder von sich und seinen durch sie bewegten Körperteilen zu schicken. Per MMS. Man ist ja modern und nutzt die moderne Technik. Besagte Frau fand das zum Zeitpunkt des Schickens wohl auch witzig, putzig, erregend –man weiss es nicht genau, auf alle Fälle störte es sie nicht, sie löschte nichts, beschwerte sich nirgends, sondern liess das Ganze auf ihrem Handy. Das Leben nimmt seinen Lauf, die Beziehung zerbricht.

Nun ist der Herr ein Mann der Öffentlichkeit, sie eine namenlose Statistin, die wohl auch noch irgendwo in ihrer Ehre getroffen ist. Niemand verletzt die Gefühle einer Frau ungeschoren und so muss der Herr, nennen wir ihn Meier, bluten. Frau Gretchen (Name frei erfunden) schickt die Bilder der Presse, worauf diese sich auf Herrn Meier einschiesst und einen Skandal lostritt. Herr und Frau Schweizer stehen die Haare zu Berge, die Partei des Herrn Meier sieht Meiers Integrität als gestorben an und will sonntägliche Notsitzungen einberufen und die sehr seriöse Tageszeitung schiesst einen Artikel nach dem andern ins Netz zum Thema. Twitter, Facebook laufen heiss, fast so heiss wie die Ohren derer, die sich die Bilder vorzustellen versuchen.

Was ist wirklich passiert? Ein Mann war so doof, Hirn aus und andere Regionen anzuschalten und das auch noch bildlich festzuhalten. Er verschickte das in einer Arbeitspause privat an seine Partnerin. Das ist dumm, aber nicht strafbar. Und dumm ist es auch nur, weil man heute leider keinem mehr trauen kann und alles irgendwann ausgenutzt werden kann, wenn Situationen sich ändern. Traurig daran ist, dass man schon in einer Beziehung denken muss, dass eine Beziehung enden könnte und alles, was man in der Beziehung in gegenseitigem Einverständnis und zur gegenseitigen Freude tut, danach gegen einen verwendet werden kann.

Aber weiter in der Geschichte. Herr Meier sah das Desaster und drohte Frau Gretchen mit der Polizei, wenn sie nicht unterliesse, was sie da tat. Dass er Beziehung zur Polizei hatte, half da sicher, so dass Frau Gretchen sich nun als Opfer fühlt und den Herrn Meier als bösen Mann, der sie bedroht hinstellt. Und die grosse Masse tut es ihr gleich. Keiner fragt sich, was sie eigentlich da tat. Ob das rechtens war. Wie eine Frau dazu kommt, private Bilder ihres Expartners an die Öffentichkeit zu geben und ihn damit blosszustellen.

Ich würde ja nie nie nie Nacktbilder von mir machen lassen, sie schon gar nicht verschicken. Die Bilder mögen peinlich sein, die fehlende Weitsicht des Herrn Meiers ebenso. Dass er nicht einfach dasitzt und sie mal machen lässt, liegt auf der Hand. Jeder würde versuchen, dem Tun von Frau Gretchen Einhalt zu gebieten, wären die Bilder von ihm und würden ihn und seine hormonell bedingte Doofheit (und noch einiges mehr) entblössen. Nur sollte man mal den moralinsauren Zeigefinger einziehen und sich fragen, wie viele Dummheiten man schon selber unter dem Deckmantel Liebe oder Hormone machte. Herr Meier mag peinlich sein, aber sind wir das nicht alle mal?

Und für alle, die nun denken…. sollen das gleich seinlassen. Ich mag Herrn Meier nicht, bin nicht in seiner Partei und würde da auch nicht reinpassen. Mir stösst einfach die Geschichte sauer auf. Und das massiv. Soll doch mal jeder vor seiner eigenen Tür kehren, bevor er gegen ihn den Finger richtet. Drüber lachen ist erlaubt, es ist absolut peinlich. Aber auch absolut menschlich. Wie ich finde.

Rezension: Sabine Ibing – Zenissimos Jagd

Die Rache des Verlassenen

Seit November hatte Jeremias das Haus nicht mehr verlassen, seit jenem unglückseligen Tag, an dem er zurück zu seinem Vater in seine alte Wohnung gezogen war. Tagelang lag er im Bett, dachte an Carina. Die Dunkelheit umfing ihn, sogar am Tag.

Jeremias zieht sich aus dem Leben zurück, als ihn Carina verlässt. Seine Welt liegt in Trümmern, er verkriecht sich förmlich vor ihr. Als er sich langsam erholt, beschliesst er, eine Reise zu machen, um auf andere Gedanken und zurück ins Leben zu kommen. Er bucht spontan nach Teneriffa, wo er langsam wieder Lebensmut schöpft, Pläne macht, bis er eines Abends Carina mit ihrem Mann, ihrem Bruder und dessen Frau in einem Café sieht.

Seine Hand krampfte sich zusammen, drückte den Fuss des Weinglases, bis sich der angeschlagene Rand in seinen kleinen Finger bohrte. Jeremias spürte den Schmerz in der Hand wie eine Verletzung von innen, überall in seinem Körper, an jeder Stelle. Es schien, als öffne sich eine alte Wunde, ein eiterndes Geschwür, das abgeheilt sein sollte.

 Jeremias beschliesst Rache. Er will Carina all den Schmerz heimzahlen, den sie ihm angetan hat. Er verfolgt Carina, wo sie geht und steht, verwanzt ihr Haus, ist überall, wo sie ist, ohne sich zu erkennen zu geben – als bedrohlicher Schatten, als Angst einflössende Gefahr.

Carina zuckte zusammen, als sie hinter sich eine Person bemerkte. Die Geräusche der Absätze dröhnten in ihren Ohren, Schlich ER hinter ihr her? […] Drohend empfand sie die hohen Häuser, die eng um sie herum standen […] Auf einmal erschien ihr die Nacht schwarz und böse. Ein Rückweg war nicht möglich.

Langsam gleitet Carina in eine immer grösser werdende Angst hinein, fühlt sich nirgends mehr sicher. Von der Polizei alleine gelassen, fühlt sie sich dieser dunklen Macht hilflos ausgeliefert und fürchtet ab und an gar, den Verstand zu verlieren. Die Geschichte spitzt sich zu, als der Verfolger auch vor Mord nicht zurückschreckt. Lässt er sich noch aufhalten?

 Sabine Ibing ist eine spannende, mitreissende Geschichte zum Thema Stalking gelungen. Sie versteht es, den Plot folgerichtig aufzubauen, so dass man als Leser gebannt Seite um Seite umblättert, um die Auflösung dieses Schreckens zu erleben. Das Thema Stalking wird geschickt in eine Geschichte verpackt, die aufkommende Hilflosigkeit des Opfers glaubhaft und mitfühlbar dargestellt. Die Psyche des Täters bleibt ein wenig zu sehr im Verborgenen, was aber der Glaubhaftigkeit der Geschichte keinen Abbruch tut.

 So gesehen wäre es Lesegenuss pur gewesen, wären nicht die vielen Längen gewesen, die man hätte ausmerzen müssen, weil sie den Lesefluss stoppten, zu viel und zu umständlich Informationen lieferten, die für die Geschichte nicht relevant waren. Dass sich dazu noch Unsummen an Grammatik- und Orthographiefehlern gesellten, machte es nicht besser und ich war einige Male kurz davor, die Lektüre zu beenden, weil ich solche sprachliche Schlamperei nicht mag. Da die Geschichte selber wirklich gut und auch packend erzählt ist, wäre das aber schade und so kann ich nur jeden Leser auffordern, über diese Schwächen hinwegzulesen.

Fazit:
Stalking als Thema spannend erzählt. Packende Story mit sprachlichen Schwächen. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Sabine Ibing
Sabine Ibing wurde 1959 in Hannover geboren. Ihr Weg führte sie über Teneriffa zurück nach Deutschland und schliesslich in die Schweiz, wo sie heute mit ihrem Mann wohnt. Die studierte Sozialpädagogin veröffentlichte 1999 (noch unter ihrem alten Namen Sabine Rieger) ihren ersten Roman Ch@tlove, seit da liess sie das Schreiben nicht mehr los. 2014 erschien nun ihr zweiter Roman Zenissimos Jagd.

Angaben zum Buch:
IbingZenissimoTaschenbuch: 392 Seiten
Verlag: C. Portmann Verlag (14. Juli 2014)
ISBN-Nr.: 978-3906014197
Preis: EUR 17.80

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE

Möpse, Tierchen und Pläsierchen

Und dann war da noch der Fall der armen Sekretärin aus dem Bundeshaus, die höchst privat und zum eigenen Vergnügen Nacktfotos ins Netz stellte und sich nun wundert, dass das gesehen wird und nicht immer gut ankommt. Wie hätte man das auch ahnen können? Wenn man doch ein Bild von sich ins Netz stellt, dann tut man das doch immer nur, weil es grad Spass macht, weil man an der Technik interessiert und von der Möglichkeit des Hochladens fasziniert ist. Sieht ja keiner, ist ja nur privat.

Der Blick sah das Bild doch (neben 1000en anderen). Da wir grad Sommerloch haben, das schlechte Wetter nun auch bald Schnee von gestern ist, war das gefundenes Fressen. Bei der NZZ ist die Auftragslage nicht besser, das Wetter ist passé, der Gazakrieg stand schon auf Seite 1, spätestens ab Seite 2 herrscht gähnende Leere. Da kommen so ein paar Nacktbilder einer Bundesangestellten wie gerufen. Das Bundeshaus sieht seinen guten Ruf (war da einer?) in Gefahr, stellt die gute Dame (von nun an Opfer zu nennen?) frei. Der Aufschrei ist enorm. Wie kann man nur so prüde sein, das sei eine Privatangelegenheit (hätte es dann das Fotoalbum nicht auch getan?) und überhaupt.

Nun hält sich so ein Skandal um eine Frau nicht lange, man muss nachlegen. Als nächstes kam die Schweiz unter die Lupe und wurde als Pornonation enttarnt. Jedem Schweizer sein Filmchen, das Heidiland verkommt zur Pornosause. Was ich mich dabei frage ist nur: Wenn es so harmlos ist, wenn eine Bundesangestellte ein Filmchen und ein paar Bildchen ins Netz stellt, wieso ist es denn überhaupt noch eine Schlagzeile wert, wenn das die ganze Schweiz tut? Darauf sollte man unbedingt mal eine Studie ansetzen. Am besten mit Steuergeldern, da es ja so wichtig und relevant ist. Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir das gleich international ausweiten, damit wir auch einen Vergleich haben, wo wir ungefähr stehen.

Am Schluss kommt immer dasselbe Argument: Wen interessiert das überhaupt? Lasst die gute Frau doch Bildchen machen und zeigen und schreibt nicht drüber. Das interessiert keinen. Das wage ich mal zu bezweifeln. Kaum ein Thema hat so viele Reaktionen auf verschiedenen Kanälen des Social Media verursacht wie Frau A und ihre Möpse (die keine Hunde sind). Das Interesse scheint also durchaus vorhanden. Vielleicht wäre auch eine Studie spannend, wieso dem so ist.

Mich interessieren weder Frau A noch ihre ins Bild ragenden Extremitäten. Ich finde das einfach alles nur witzig. Weil ich a) gerne unterhalten werde, b) Menschen mag und ihre Verhaltensweisen spannend finde (meine eigenen auch), und c) mir grad nach schreiben war. Was mich aber ehrlich erstaunt ist, dass man sich ernsthaft wundert oder aufregt, dass so ein Bild Konsequenzen hat. Jeder einigermassen denkende Mensch müsste wissen, dass das Internet öffentlich ist, dass Fotos, die ich hineinstelle, auch gesehen werde. Dass nicht jeder Arbeitgeber Freude hat (vor allem, wenn er nach aussen ein gewisses Image pflegt), seine Mitarbeiter in allen Lebenslagen und mit allen Intimitäten öffentlich zu sehen, dürfte nicht gar zu schwer zu erraten sein. Und so bleibt es jedem selber überlassen, was er denn nun wirklich will im Leben: Sternchen und iLikes für einen nackten Busen zu erhalten oder aber mit Ehr und ohne Tadel Bundesangestellte zu sein. Wer die Wahl hat, sollte sich nachher einfach nicht über die Konsequenzen wundern. Und all die, welche sich das Maul zerreissen, sollten sich mal fragen, was sie selber so im Internet preisgeben und ob das alles klug ist.

Ennetbaden – Weg mit Ausblick

 

IMG_4086Frei nach dem Motto „Warum denn in die Ferne schweifen“ führte mich mein heutiger Weg nach Ennetbaden. Zuerst durch Wohnquartiere, dann den Terrassenweg entlang, später auf dem Höhenweg stieg ich höher. Rechts von mir Wald, links Reben, immer weiter, alles um mich grün. Unter mir erstreckte sich Baden, vor mir schlängelte sich der Weg, bald in den Wald hinein, was bei den sehr warmfeuchten Temperaturen willkommen war. Bei der Aussichtsplattform angekommen genoss ich den Rundblick über Ennetbaden und Baden und in die Ferne.

IMG_4067

IMG_4077Es war keine weite Wanderung, eher ein Spaziergang, trotzdem tat mir mein Ausflug gut, er hielt mir die Schönheit der Natur vor Augen, die ich in vielen bunten Blumenbildern einfing. Dass auch meine Gedanken nicht still standen, versteht sich von selber, immer wieder erstaunlich, wie viel sich klären kann beim gehen – als ob sich mit der Sicht über die Welt auch die innere Sicht klärt.

IMG_4097 IMG_4096

 

 

 

 

IMG_4091Manchmal müssen es keine Höchstleistungen sein, es reicht, zu geniessen, was ist. Schon kleine Dinge wie eine Blume oder ein moosbewachsener Stamm kann schön sein, kann Freude bereiten, wenn man nicht blind an ihnen vorbeirast. Auch im Leben muss es nicht immer das beste, tollste oder neuste sein, ab und an hat man so viel, man müsste es nur im richtigen Licht betrachten und es zu schätzen wissen. Wie oft streben wir Neuem zu, sehen ihm den Reiz, das, was uns fehlt im Jetzt. Wir glorifizieren, achten das Alte gering und tun alles, das Neue zu kriegen. Dabei vergessen wir, dass auch jetzt Neues irgendwann alt ist.
IMG_4094
Auch sein Reiz verflüchtigt sich irgendwann und nirgends hat man alles. Abstriche gehören wohl zum Leben – und das ist irgendwie auch gut, denn ein Leben, das in allen Bereichen stets perfekt wäre, wäre wohl eher langweilig. Zudem: Was könnte in diesem Leben noch besser werden? Es könnte fast nur schlechter werden – oder still stehen. Dazu käme, dass es bedingte, dass man selber stehen bliebe, seine Sicht der Dinge nie änderte, sich selber nie weiter entwickelte, denn sonst wäre vielleicht plötzlich etwas nicht mehr perfekt und die Welt in Trümmern, die ja nur eine gute wäre in der absoluten Perfektion. So geniesse ich, was ist – und es ist viel -, halte im Blick, wo ich gerne hin möchte, und versuche, den Weg dahin zu finden und zu gehen.

 

IMG_4069 IMG_4066

IMG_4063

Buchbranche heute – wie man sich selber in den Abgrund treibt

Die Buchbranche weint. Sie weint um ihr Privileg, das sie seit Gutenberg ihr Eigen nennt. Sie weint um ihren Platz bei der Vermittlung von Texten. Sie hadert und schimpft, hält sich hoch, stampft E-Books in den Boden. Sie plädiert für Wert und Qualität, für Qualität. Von andern wird sie ab und an dem Untergang geweiht gesehen, wieder andere sehen sie noch lange lebendig. So oder so, die Buchbranche ist das grosse Opfer im Spiel der Zeit. Will sie überleben, muss sie sich was einfallen lassen.

Sie hat sich – wie es scheint – schon lange etwas einfallen lassen, um zu überleben. Unterm Strich zählt der Gewinn, dem wird alles untergeordnet. Will man viel Gewinn haben, muss man mehr einnehmen, als ausgeben. So einfach das klingt, so schwierig ist es oft. Der Markt ist nicht uneingeschränkt gross, die Verkäufe nehmen nicht zu, die Gefahren sind gross, dass sie sogar abnehmen. Was also tun? Die Kosten müssen gesenkt werden. Wie tut man das? Man spart. Am einfachsten bei Gehältern. Man setzt auf mies bis gar nicht bezahlte Praktikanten, die man in Jahresfrist auswechselt. Innerhalb des Jahres verspricht man ihnen Einblick in die Verlagswelt, was ihnen unglaublich viel bringt bei ihrer Zukunft im Verlagswesen. Die armen Geisteswissenschaftler – die sind es nämlich meistens – haben keine andere Wahl, als von der Hoffnung und dem Hungerlohn zu leben. Immerhin ein Jahr halbwegs gesichert.

Das könnte angehen, wäre so ein Praktikum wirklich ein Einblick in die Berufswelt, nach dem dann die Festanstellung wartet – im selben Verlag oder anderswo. Doch weit gefehlt. Auf Praktikum 1 folgt Praktikum 2 – die Reihe geht weiter. In Inseraten zu solchen Praktikumsstellen steht schon bei den Anforderungen, dass der Bewerber bevorzugt neben Hochstulabschluss, diesen und jenen Kenntnissen einer Eier legenden Wollmilchsau auch Praktikumserfahrung in anderen namhaften Verlagen vorweisen können sollte. Dann wäre man gewillt, die gute Person mal genauer anzuschauen, ob sie denn geeignet wäre, sie ein Jahr lang auszupressen, um sie dann zurück auf den Arbeitsmarkt zu werfen, wo sie nach einem neuen Praktikum Ausschau halten kann.

Ethik geht anders. Nun kann man sagen, dass Ethik leider brotlos ist, die Verlage überleben wollen. Die Frage wäre noch: Wozu? Um Bücher zu produzieren, die man durch E-Books ersetzen könnte, was man aber nicht tun möchte, weil Papierbücher wunderbar nostalgisch sind und für Wert und Qualität stehen?

Man verstehe mich nicht falsch. Ich liebe Bücher und zwar die aus Papier. Sie bevölkern mein Wohnzimmer, meine Essecke, mein Büro, mein Schlafzimmer, meine Küche und sogar das Kinderzimmer des nicht lesenden Kindes. Ich kann kein neues Buch lesen, ohne zuerst in ihm gerochen zu haben. Ich liebe es, die Seiten umzublättern, das Papier zu spüren. Der haptische Effekt beim Lesen gehört dazu. Ich mag es, mit dem Bleistift über die Seiten zu fahren, Notizen zu hinterlassen, meine Spuren des Lesens, des Analysierens. Nur: Wert und Qualität sieht anders aus. Nicht nur haben auch arbeitende Menschen ihren Wert, auch das Produkt sollte noch diesen aufweisen und sich nicht nur aus Nostalgie mit dem Prädikat „Wert“ versehen wollen. Lektoratspraktikanten für einen Hungerlohn mögen günstig sein, allerdings spricht das zu lesende Produkt in vielen Verlagen Bände. Die Argumente fürs Buch sind langsam überholt, da die Verlage sie selber zerstören in ihrem Sparwahn. Was bleibt also? Pure Nostalgie? Die wird nicht ewig halten. Qualität setzt sich durch, aber sie muss auch wirklich da sein, nicht nur propagiert. Sie nur als Argument gegen die bösen Anderen aufzurufen, wird nicht langfristig Erfolg bringen.

Ein Nein ist kein Nein

„Die Vornahme sexueller Handlungen allein gegen den Willen einer Person hat der Gesetzgeber nicht unter Strafe gestellt.“

Man liest den Satz, stockt, denkt, sich verlesen zu haben, liest nochmals. Man liest dasselbe, denkt, sich nicht zweimal verlesen zu können, so dass wohl wirklich da steht, was man las: Keine Strafe für Vergewaltigung. Zumindest nicht, wenn nicht gewisse Kriterien erfüllt sind. Wenn jemand gegen meinen Willen eine sexuelle Handlung mit mir vornimmt (hach, was ist das für ein schönes Deutsch, man könnte – müsste man es nicht schon des Inhalts wegen – kotzen ab der Form), darf er das ungestraft tun. Ein Nein gilt nichts, er darf – von Gesetzes wegen. Ich bitte ihn, aufzuhören? Wen kümmert das? Ihn muss es nicht kümmern, das Gesetz kümmert sich auch nicht drum. Ich sage energisch nein (manchmal kommen Bitten ja nicht an, werden überhört, als nicht dringlich genug eingestuft) – auch kein Grund, mit der Vornahme der sexuellen Handlung (wenn ich nicht aufpasse, bleibt mir das Wort noch und könnte zu schwerwiegenden Störungen in ebensolchen Bereichen führen) aufzuhören. Mann darf tun, was Mann will, ungeachtet irgendwelcher verbaler Einwände seitens der Frau (nun wollte ich auch mal geschwollen daherreden – ist mir gelungen, nicht?).

Frau hat nur eine Chance: Sie muss sich wehren. Sich nicht zu wehren, weil einem der Tod versprochen wird im Falle der Gegenwehr, gilt nicht als legitime Entschuldigung. Sich nicht zu wehren wird als stillschweigendes (ein Nein ist quasi Schweigen, man hört es ja kaum und wenn, darf man es überhören, so dass es quasi ungesagt ist) Einverständnis gewertet. Klar, was soll so ein popeliges Nein auch aussagen? Doch wohl nicht wirklich Nein, doch nicht wirklich, dass Frau nicht will?! Die Torenbuben, die sich solche Gesetze ausdenken, gehen sicher davon aus, dass ein Nein auch ein Vielleicht sein könnte und ab und an gar als Ja durchgehen dürfte. Sie denken frei nach dem Motto: „Du willst es doch auch, du traust dich nur nicht, dazu zu stehen.“ Dann steht der Vornahme einer sexuellen Handlung ja nichts mehr im Wege.

Noch besser ist es, wenn die Frau schläft. Dann hat sie nicht mal etwas dagegen gesagt. Woher hätte der Mann wissen sollen, dass sie nicht wollte? Das kann ja kein Vergehen sein. Auch die Schockstarre oder jedwede traumatisierte Blockade wird von den netten Gesetzeshütern nicht als ausreichender Grund für ein ausbleibendes Wehren anerkannt, um trotzdem noch eine Strafe für den ungewollten Penetranten zu erlangen. Schliesslich muss alles seine Ordnung haben und wer sich nicht tatkräftig wehrt, der hat es gewollt.

Artikel 1 der Grundgesetze nennt die Würde des Menschen unantastbar. Wo aber bleibt die Würde, wenn die körperliche Unversehrtheit nicht mehr mit einem Nein verteidigt werden darf und dieses Nein ausreicht? Wo bleibt diese, wenn ein anderer ungefragt, sogar im Schlaf unbemerkt, mit mir tun darf, was er will, dies vom Gesetz, das dazu da wäre, meine Sicherheit als Bürger zu schützen, geduldet wird?

Man sitzt da und wundert sich – und versteht ein klein wenig die Welt nicht mehr (oder gerade noch besser in ihrem Leiden, wenn man solchen Irrsinn sieht?). Wer weiss, was eine Vergewaltigung mit einer Frau macht, was sie an Schäden, langfristigen, anrichten kann, der kann diese Handhabung nicht verstehen. Wie es sein kann, dass ein Mensch sich über das Nein eines anderen hinwegsetzen darf, wenn es um dessen Körper, dessen Integrität geht, ist ausserhalb jeglichen Verständnisses. Da hilft das Verstecken hinter Paragraphen und Artikeln nicht mehr, wie es Juristen oft gerne tun, da helfen allgemeine Sprüche nicht mehr, da fasst man sich nur noch an den Kopf und fragt sich, wo die Menschlichkeit und der gesunde Menschenverstand geblieben sind. Es bleibt zu hoffen, dass bald ein Umdenken passiert.

Artikel zum Thema:

http://taz.de/Konvention-gegen-Gewalt-gegen-Frauen/!143720/

 

 

 

Beruf: Prinzessin

Ich habe für mich beschlossen, Prinzessin zu sein. Ich finde, das steht mir zu. So eine, wie ich sie mir vorstelle. Mit einem Prinzen, der mich auf Händen trägt. Einer, der mich liebt, wie ich bin, der für mich da ist, für mich sorgt, schaut, dass es mir gut geht. So ein Siegfried, der den Drachen tötet, der die Gefahren bannt, die das Leben bietet, der mich hegt wie seinen Augapfel.

Dass der gute Mann dabei stark genug sein muss, auch die Launen einer Frau zu ertragen, ihr (vermeintliches?) Wissen, wie die Welt läuft, und sich dabei nichts sagen lässt, zu tolerieren, sie um Gottes Willen nicht klein reden soll, sondern sie in höchsten Tönen loben und es auch so meinen muss, versteht sich von selber. Ich bin ja schliesslich Prinzessin und nicht zu erziehen.

Das klingt nicht emanzipiert? Und wie es das ist. Wer Emanzipation noch immer so versteht, dass Frau etwas tun muss, was sie früher nicht konnte, das man nun aber in jahrelangem Kampf geändert hat, damit sie es nun kann, hat ganz viel ganz und gar nicht verstanden. Frau muss können, was sie will und damit die Freiheit haben, zu entscheiden, was sie tut (das muss Mann übrigens genauso, aber ich kann schlecht für den sprechen, das soll er bitteschön mal selber tun). Leider ist es darum noch schlecht bestellt, wird man doch gerne in irgendwelche ach so modernen Rollenmuster hineindiskutiert und mit den nicht entsprechenden degradiert.

Ich aber habe mich ganz frei und bei all meinen Sinnen entschieden: Ich bin Prinzessin. Wenn nun ein Mann meint, wieso ich denke, mir das Recht herausnehmen zu können, das zu sein, kann ich ihm nur sagen: Weil ich es will. Und wenn ein Mann findet, das gehe gar nicht, er mich nicht so haben will, dann kann er es (es steht ihm frei – siehe oben) auch lassen. Was ich denn biete? Na: Mich. Und ich bin toll. Eine wahre Prinzessin eben. Liebreiz, Intelligenz, Schönheit auf einem Haufen. Und ganz viele Ecken und Kanten mit dazu. Also ich finde das prima. Du nicht? Dann bist du nicht mein Prinz.

Das musste mal gesagt sein. Und nun wurstel ich wieder in meinem Leben rum, dies bevorzugt alleine, bis denn der Prinz erscheint, der genau das ist, was ich mir erträume und der mich genauso behandelt, wie ich finde, es verdient zu haben. Und ich denke, er wird das nicht bereuen. Dass es Prinzen im Leben nicht gar so schlecht haben, versteht sich von selber. Schlussendlich sollen sie ihr Leben und ihre Wünsche genauso definieren, wie das die Prinzessinnen tun. Aber das müssen sie schon selber tun, und wer weiss: Vielleicht passt plötzlich ein Prinz zu einer Prinzessin und vice versa und sie leben glücklich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann beglücken sie sich noch heute. Oder so.

Moral der Geschicht? Wisse was du willst und verbieg’ dich nicht.

Hoch die Gläser oder: Niemand sagte, es sei leicht

Ich sollte am Silvester zur Welt kommen. Ich habe mich standhaft geweigert, sass noch eine ganze Woche länger in Geborgenheit, weit ab von allem, was kalt, grausam, schrecklich, schwierig sein könnte. Ich fühlte mich vielleicht ein wenig beengt langsam, aber das machte mir offensichtlich nicht so viel aus. Irgendwann war es doch so weit, ich wurde in diese Welt hineingepresst. Gefragt, ob ich das will, hat mich keiner, es wurde für mich entschieden. Und da sass ich nun. Mit fünf Jahren befand ich, dass es des Älterwerdens nun genug sei, das Leben so genau perfekt wäre, ich so bleiben möchte. Auch da wurde nicht auf mich gehört. Das Leben nahm seinen Lauf.

Es blieb also nicht aus, dass ich ein paar Jahre älter wurde, dass ich die eine oder andere Erfahrung machte – auf einige davon hätte ich gut und gerne verzichten mögen, aber – ganz richtig – ich wurde nicht gefragt. Es war kein schlechtes Leben, es hatte viele ganz tolle Momente, viele Möglichkeiten, immer mal wieder Glück, Sonnenschein, Jubeltrubelheiterkeit. Neben dem Himmelhochjauchzenden fand sich auch das Zutodebetrübte. Die Medaille hat immer zwei Seiten, das erst macht sie ganz.

Nun sitz ich hier (ich armer Tor, um es mit Goethe zu sagen) und frage mich: Was nun? Ist das Leben nun gut? Ist es schlecht? Ist es leicht? Ist es schwer? Habe ich es in der Hand oder es mich? Wie gehe ich damit um? Habe ich wenigstens das in der Hand? Denke ich nur zuviel?

Das Leben ist, wie es ist und wir selber sind, wie wir sind. Damit treffen zwei Variablen aufeinander, die zwar nie statisch sind, allerdings auch nicht in unserer Hand liegen. Wir können immer wieder schauen, wo einer von beiden grad ist und wie wir damit umgehen, allerdings ist nie alles so, wie wir es gerne hätten. Nun kann man daran verzweifeln und finden, man hätte alles gerne anders, wäre gerne anders, als man ist und befände sich im Leben an einer anderen Stelle, als man aktuell steht. Kann man machen, bringt aber wohl wenig ausser Frust, Verdruss und ab und an gar Überdruss.

Man kann auch akzeptieren, dass das Leben nicht nur dazu da ist, einem die ach so sehnlich erwünschten Dinge auf dem Silbertablett zu servieren. Gewisses kriegt man serviert, um dann zu merken, dass es doch nicht so toll ist, anderes muss man sich erkämpfen – im besten Fall ist es dann wirklich toll, im schlechtesten ein Flop. Und manchmal fliegt einem der Jackpot ins Haus. Man erkennt ihn nicht mal immer, lässt ihn manchmal sogar verfliegen, um ihm danach nachzuweinen.

Was also tun? Schimpfen, dass dieses verdammte Life eine Bitch ist, sich dabei ins Komma saufen und sich dabei voll im Recht fühlen? Ja, das darf durchaus mal sein und tut sogar gut. Wenn man es mit dem eher günstigen Wein macht, den guten für den Tag drauf aufhebt, an dem man beschliesst, das Leben wieder in die Hand zu nehmen und auch die schönen Dinge zu sehen, sie mit Lust anzugehen, hat man doppelt gewonnen.

Prosit!

Märchenwelten

DSC_0029Was ist eigentlich mit diesen Märchen los. Die spülen einem romantische Phantasien ins Hirn von Prinzessinnen und selbige rettenden Prinzen, Rittern und Helden. Sie versprechen Happy Ends so lange, bis man sie nicht mehr als Phantasie, sondern als Möglichkeit erachtet, sich diese gar wünscht, sich vorstellt – bildlich, plastisch, bunt und wunderbar -, wie es wäre, genau so ein Märchen zu erleben. Man sieht sich im Damensitz auf dem Pferd sitzend, während der rettende Prinz dem edlen Tier die Sporen gibt, hinter einem sitzend, seine starken Arme um einen.

Im realen Leben sind schon die Prinzen rar. Wenn es sie denn gibt, haben sie kein Pferd oder der Gaul klappert oder scheut. Das wäre – vom schmerzhaften Sturz abgesehen – nicht wirklich tragisch, man könnte wieder aufsteigen, Krone richten, weiter reiten. Die modernen Prinzen finden aber zudem, man solle gefälligst selber reiten, man lebe ja schliesslich in der Zeit der emanzipierten Prinzessinnen. He, ich wollte nicht in diese Zeit hineingeboren werden. Ich wollte nicht mal in diese sogenannt realistische Welt hineingeboren werden. Mir hätte es wunderbar gefallen in der Grimmschen Welt. Ich hätte den Frosch geküsst oder den Zwergen die Betten gemacht, hätte auch 100 Jahre geschlafen, wenn er dann nur gekommen wäre. Aber eben – ich sitze hier in dieser realen Welt, Prinzen gibt es nicht und ich bin keine Prinzessin.

Fazit? Shit happens.