Ein Nein ist kein Nein

„Die Vornahme sexueller Handlungen allein gegen den Willen einer Person hat der Gesetzgeber nicht unter Strafe gestellt.“

Man liest den Satz, stockt, denkt, sich verlesen zu haben, liest nochmals. Man liest dasselbe, denkt, sich nicht zweimal verlesen zu können, so dass wohl wirklich da steht, was man las: Keine Strafe für Vergewaltigung. Zumindest nicht, wenn nicht gewisse Kriterien erfüllt sind. Wenn jemand gegen meinen Willen eine sexuelle Handlung mit mir vornimmt (hach, was ist das für ein schönes Deutsch, man könnte – müsste man es nicht schon des Inhalts wegen – kotzen ab der Form), darf er das ungestraft tun. Ein Nein gilt nichts, er darf – von Gesetzes wegen. Ich bitte ihn, aufzuhören? Wen kümmert das? Ihn muss es nicht kümmern, das Gesetz kümmert sich auch nicht drum. Ich sage energisch nein (manchmal kommen Bitten ja nicht an, werden überhört, als nicht dringlich genug eingestuft) – auch kein Grund, mit der Vornahme der sexuellen Handlung (wenn ich nicht aufpasse, bleibt mir das Wort noch und könnte zu schwerwiegenden Störungen in ebensolchen Bereichen führen) aufzuhören. Mann darf tun, was Mann will, ungeachtet irgendwelcher verbaler Einwände seitens der Frau (nun wollte ich auch mal geschwollen daherreden – ist mir gelungen, nicht?).

Frau hat nur eine Chance: Sie muss sich wehren. Sich nicht zu wehren, weil einem der Tod versprochen wird im Falle der Gegenwehr, gilt nicht als legitime Entschuldigung. Sich nicht zu wehren wird als stillschweigendes (ein Nein ist quasi Schweigen, man hört es ja kaum und wenn, darf man es überhören, so dass es quasi ungesagt ist) Einverständnis gewertet. Klar, was soll so ein popeliges Nein auch aussagen? Doch wohl nicht wirklich Nein, doch nicht wirklich, dass Frau nicht will?! Die Torenbuben, die sich solche Gesetze ausdenken, gehen sicher davon aus, dass ein Nein auch ein Vielleicht sein könnte und ab und an gar als Ja durchgehen dürfte. Sie denken frei nach dem Motto: „Du willst es doch auch, du traust dich nur nicht, dazu zu stehen.“ Dann steht der Vornahme einer sexuellen Handlung ja nichts mehr im Wege.

Noch besser ist es, wenn die Frau schläft. Dann hat sie nicht mal etwas dagegen gesagt. Woher hätte der Mann wissen sollen, dass sie nicht wollte? Das kann ja kein Vergehen sein. Auch die Schockstarre oder jedwede traumatisierte Blockade wird von den netten Gesetzeshütern nicht als ausreichender Grund für ein ausbleibendes Wehren anerkannt, um trotzdem noch eine Strafe für den ungewollten Penetranten zu erlangen. Schliesslich muss alles seine Ordnung haben und wer sich nicht tatkräftig wehrt, der hat es gewollt.

Artikel 1 der Grundgesetze nennt die Würde des Menschen unantastbar. Wo aber bleibt die Würde, wenn die körperliche Unversehrtheit nicht mehr mit einem Nein verteidigt werden darf und dieses Nein ausreicht? Wo bleibt diese, wenn ein anderer ungefragt, sogar im Schlaf unbemerkt, mit mir tun darf, was er will, dies vom Gesetz, das dazu da wäre, meine Sicherheit als Bürger zu schützen, geduldet wird?

Man sitzt da und wundert sich – und versteht ein klein wenig die Welt nicht mehr (oder gerade noch besser in ihrem Leiden, wenn man solchen Irrsinn sieht?). Wer weiss, was eine Vergewaltigung mit einer Frau macht, was sie an Schäden, langfristigen, anrichten kann, der kann diese Handhabung nicht verstehen. Wie es sein kann, dass ein Mensch sich über das Nein eines anderen hinwegsetzen darf, wenn es um dessen Körper, dessen Integrität geht, ist ausserhalb jeglichen Verständnisses. Da hilft das Verstecken hinter Paragraphen und Artikeln nicht mehr, wie es Juristen oft gerne tun, da helfen allgemeine Sprüche nicht mehr, da fasst man sich nur noch an den Kopf und fragt sich, wo die Menschlichkeit und der gesunde Menschenverstand geblieben sind. Es bleibt zu hoffen, dass bald ein Umdenken passiert.

Artikel zum Thema:

http://taz.de/Konvention-gegen-Gewalt-gegen-Frauen/!143720/

 

 

 

11 Comments

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  1. So traurig das ist, wenn ich an die Scharia denke, dann ist es noch sehr viel schlimmer. So sagen mir glaubwürdige Leute jedenfalls, wirst Du als Vergewaltigte noch zusätzlich bestraft, ggf. gar gesteinigt, sofern nicht drei männliche Augenzeugen Deine absolute Wehrlosigkeit bezeugen.
    Und Schariaräume sollen ja auch bei uns wegen der vielen lieben…….- ich darf gar nicht weiterdenken und schon gar nicht schreiben, ohne auch noch Rassist zu werden – bei uns in Europa und der Schweiz eingeführt oder wo schon vorhanden erweitert werden.
    Und das im 3. Jahrtausend!
    Gegen das verrückt werden hilft oftmals nur noch abschalten, wegschauen, nach mir die Sintflut.

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    • Leider können die betroffenen Frauen nicht wegschauen. Sie werden das Bild immer vor sich haben, sie werden sich immer an die Hilflosigkeit erinnern, werden sich als Objekt degradiert wissen und damit kämpfen, wieder zum Subjekt zu werden, zu glauben, dass sie es bleiben können. Klar kann man nicht für alle einstehen, denen Leid geschieht, aber wenn unser Rechtssystem sich auf eine Art und Weise dem menschlichen Leben gegenüber stellt, die dessen unwürdig ist, weil sie den Menschen der Würde beraubt, dann sollte man nicht wegschauen.

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    • Ich finde die Argumentation, dass es muslimischen Frauen aber viel deckiger gehe, angesichts der hiesigen Gesetzeslage und den hiesigen Vergewaltigungsopfern, um die es in diesem Beitrag geht mit Verlaub etwas arg ausweichend. Die Opfer dürfen sich also noch glücklich schätzen, hier und nicht in einem Land, welches die Scharia anwendet vergewaltigt worden zu sein. Das ist zynisch.

      Und Abschalten und Wegsehen hilft nicht gegen das Verrücktwerden, es verändert nur dessen Symptome…

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      • Oh, ich wollte weder irgendwie die einen oder andern Frauen „besser stellen“ als die andern, noch vor dem Gesetzgebungs- und Anwendungsproblem wegschauen.
        Nein, es geht mir darum, zu erinnern, dass wir uns in Richtung noch schlechter, noch trauriger bewegen, weil wir glauben, wir müssten beispielsweise Schariazonen einführen, statt diejenigen, die das wollen zur Räson zu zwingen.
        Da wäre ich knallhart: Scharia gibt es bei uns nicht, sonst ab mit Dir ins Elend wo Du her kommst und unsere eigene Gesetzgebung zur Wahrung der Menschenwürde konsequent durchsetzen.
        Eine Vergewaltigung ist meines Erachtens sehr schlimme Verletzung der Menschenwürde, Erniedrigung.

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    • Auf die deutsche Gesetzeslage – der Artikel stammt auch aus einem deutschen Magazin. Das Denken ist aber auch für Deutschland nicht angebracht, wie ich finde. In der Schweiz wäre es der 7. Artikel der Schweizerischen Bundesverfassung:

      Art. 7 Menschenwürde

      Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.

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  2. Abgesehen davon, dass der Gesetzestext in der Tat eine katastrophe ist und ich in weiten Teilen den Ausführungen hier folge: es ist nicht grundsätzlich so, dass ausschliesslich Männer „die Täter“ sind. Dieser Generealverdacht, dieses nicht-mal-dran-denken-wollen, dass auch Frauen sexuelle Gewalt *ausüben* können, ist ebenso eine Form des Sexismus.
    Ich wünsche mir diesbezüglich ein klein wenig mehr an Differenzierungen und weniger Verallgemeinerungen.

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    • Blogartikel behandeln immer ein Thema. Dass es neben dem Thema noch ganz viele gibt, die auch zu behandeln sind, ist selbstverständlich und wird durch das Ausklammern nicht verneint. Ich kann in einem kurzen Blogartikel nicht alle auch noch möglichen Eventualitäten behandeln, denn sonst hätte ich auch noch ausführen müssen, dass es auch Frauen gibt, die Vergewaltigungen nur vortäuschen, um einem Mann eins auszuwischen, was die Behandlung von Vergewaltigungen unglaublich schwierig macht. Dass ich nie nur ein Geschlecht als gut, das andere als schlecht hinstelle, dass mir generell die Zuschreibung von Attributen wie gut und schlecht in Bezug auf Geschlechter fernliegt, weiss jeder, der meinen Blog etwas länger liest (oder mich auch kennt). Es gibt Männer, die geschlagen werden, es gibt Männer, die verarscht werden, es gibt Buben und junge (vielleicht auch ältere, ich weiss es nicht), die missbraucht werden. Auch Männer können Opfer jeglicher Gewalten werden, das steht nicht ausser Frage. Es war einfach nicht Thema dieses Artikels. Dass es ein wichtiges Thema ist, möchte ich damit nicht in Abrede stellen. Es ist wichtig und richtig, das zu thematisieren und die Menschen auch dafür zu sensibilisieren.

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  3. Von Frauen ausgehende körperliche Misshandlung ist mir bekannt und ist in der Tat häufiger als vermutet. Das kann ich auch physisch nachvollziehen.

    Hingegen sind mir keine Fälle von sexuellem Missbrauch von erwachsenen Männern bekannt und ich kann mir das körperlich auch nicht vorstellen.

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  4. Prinzipiell gehe ich vollkommen d’accord. Der aktuelle deutsche Gesetzestext ist ein Skandal und noch mehr, dass Deutschland sich weigert, die bereits unterschriebene EU-Richtlinie umzusetzen, nach der ein „Nein“ ausreicht.

    Ich kann mir vorstellen, dass die derzeitige Regelung mit der Beweisbarkeit begründet wird, Während sich physische Gegenwehr oft gut belegen lässt ist ein „Nein“ schwer nachweisbar. In solchen Fällen dürfte in der Regel Aussage gegen Aussage stehen. Darum wohl auch die zynische Haltung der Bundesregierung, keinen Handlungsbedarf zu sehen. Im Endeffekt ändert sich wohl nichts, egal, ob man das in ein Gesetz packt oder nicht.
    Nun kann man streiten, ob ein nicht durchsetzbares Gesetz Sinn macht oder nicht. Ich finde, es geht, wie vor einigen Jahren auch beim Thema „Vergewaltigung in der Ehe“ darum, unakzeptables gesellschaftliches Handeln über ein Gesetz deutlich zu ächten. Den Symbolwert darf man nicht unterschätzen. Aber man muss sich auch bewusst sein, dass Vergewaltigung ein Verbrechen ist, das sehr schwer strafrechtlich verfolgbar ist, wenn man nicht ganz grundlegende Prinzipien des Rechtsstaates aufgeben will (die Unschuldvermutung in dem Fall).

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