Gastbeitrag: „Ich weiss nicht, was ich für uns wünschen und erhoffen kann!?“

Das Leben konfrontiert uns mitunter mit Herausforderungen, die uns im ersten Moment überfordern, die wir uns nie vorzustellen wagten und die dann über uns hereinbrechen. Der Umgang damit bereitet Probleme, zeigt uns Grenzen auf, über die wir immer wieder hinausgeführt werden.

Der folgende Gastbeitrag stammt von der Tochter eines demenzerkrankten Vaters, der zusätzlich unter wahnhaften, halluzinatorischen Zuständen leidet:

Ich saß am Esszimmertisch und sortierte die Wochenration an Tabletten, als mein Vater aus der Küche kam und mich fragte, ob er mich einmal kitzeln solle. Wir hatten am Morgen einen denkbar schlechten Start gehabt. Eigentlich wollten wir gemeinsam zu seiner Ärztin, um seinen Marcumarwert kontrollieren zu lassen, der seit einer Woche vollkommen aus dem Ruder lief. Als ich klingelte empfing er mich im Bademantel mit aufgedunsenem, unrasiertem Gesicht und einem Schwall von Vorwürfen. Es war absurd, aber weil er seinen Schlüssel nicht mehr finden konnte, bezichtigte er mich, ihn in seiner ebenerdigen Wohnung mit mehreren Terrassentüren das gesamte Wochenende eingesperrt zu haben. Als ich ihn bat, sich zu beruhigen und anzuziehen, weil ich seinen Termin pünktlich wahrnehmen wollte, schrie er mich an, dass er ohne Kaffee und Wurstsemmel nirgendwo hingehen würde.

Ich beschloß, mich erst einmal um seine Medikamente zu kümmern, während er unruhig in der Wohnung rumorte. Bei seiner Kitzelbemerkung sah ich flüchtig auf; er hatte ein langes Messer in der Hand, mit dem er herumfuchtelte.

Als ich ihn Stunden später in der geschlossenen, gerontopsychatrischen Abteilung besuchte, war er fünfpunktfixiert und völlig außer sich, weil er sich seiner Freiheit beraubt sah und gegen seinen Willen festgehalten wurde, festgeschnallt in einem Krankenbett – an beiden Händen, beiden Füßen und mit einem dicken Gurt um den Bauch. Die Einweisung und den Krankentransport, den ich mit Hilfe der Ärztin organisiert hatte, konnten wir nur mit polizeilicher Hilfe durchführen – er wurde in äußerst desolatem Zustand, aber unter heftigem Widerstand in Handschellen in einen Sanka verfrachtet. Er hat getobt und geschrieen.

Es ist schwierig zu begreifen und zu akzeptieren, was da vorgeht. Es ist erschreckend zu sehen, wie schnell eine durch und durch bürgerliche Existenz den Bach runtergeht, wie sich ein an sich spießiger bis biederer Lebensentwurf in den bloßen Wahnsinn verkehrt.

Natürlich ist mir bewußt, dass dies Tausende von Familien und ihren Alltag betrifft, dass Demenz und Alzheimer längst in unserer überalterten Gesellschaft zu Riesenproblemen geworden sind – und doch: Wenn man plötzlich und unmittelbar selbst damit konfrontiert ist, bleibt zunächst nichts als Ratlosigkeit und eine große Trauer sowie Unsicherheit, wie man mit der neuen Situation zurechtkommen soll. Es ist nicht schön, einen geliebten Menschen in einer solch hilflosen Lage zu sehen, aus welcher man ihm nicht heraushelfen kann, und ihn sich selbst und seinem Schicksal überlassen muss. Wir alle kennen und lieben wohl den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit dem brillanten Jack Nicholson, doch was ist, wenn der eigene Vater plötzlich betroffen ist? Wenn der Wahnsinn in die eigene Lebensrealität Einzug hält?

Ich habe noch immer mit großen Schuldgefühlen zu kämpfen, weil mir mein gefesselter Vater erklärte, dass er sich doch nur ein paar Äpfel schneiden wollte und ein wenig Spaß gemacht hätte. Ich hätte völlig überreagiert und ihn gegen seinen Willen einweisen lassen. Tatsächlich fand ich in seiner Küche ein Schneidebrett mit Apfelresten. Ich fürchte, nie mehr sein Vertrauen, seine Achtung und Liebe zurückerlangen zu können.

Er kann auf der einen Seite sehr klar in seinen Äußerungen sein. Auf der anderen Seite verstrickt er sich in seine Wahnvorstellungen, die er schon seit Wochen immer wieder artikuliert hat und die wir einfach nicht als solche wahrnehmen wollten, sondern sie auf eine leichte, beginnende Demenzerkrankung geschoben haben. Es hat sich bei ihm ein Delirium manifestiert, begleitet von wahnhaften, halluzinatorischen Zuständen. Zum Beispiel ist mein Vater verbittert über den Chefarzt, seiner Einschätzung nach mehrfacher Multimilliardär, der eine Weltverschwörung plant und dafür die grünschwarzen Männchen will, die mein Vater sieht. Es regiert der blanke Wahnsinn und das bei einem Menschen, der mit einem weit überdurchschnittlichen IQ gesegnet war. Doch genau bei solchen, scheint der blanke Wahnsinn am ausgeprägtesten zu sein.

Wenn ich ihn nun besuche, weiß ich nie, in welcher Verfassung ich ihn anfinde, doch wenn ich ehrlich bin, ist es von mal zu mal schlimmer. Seine kognitiven Fähigkeiten sind so weit herabgesetzt, dass er sich nicht mal mehr die Hose zumachen kann, wenn er von der Toilette kommt. Er stopft sich mit dem Ende einer Gabel die portionsweise abgepackte Margarine direkt in den Mund und lutscht das Plastikschälchen aus; er versucht ein Schälchen mit Zuckertüten für Kaffee auszulöffeln, natürlich mitsamt den Papiertütchen.

Was bleibt von einem Menschen in einer solchen Situation noch übrig? Wieviel Würde? Die Primärpersönlichkeit geht den Bach runter, übrig bleibt ein mir unbekannter, unfreundlich bis feindlicher Mensch, welchen man nicht kennt, bei dem aber die eigentliche Persönlichkeit immer mal wieder durchscheint, so dass man sie nicht vergißt. Es ist ein Schleuderprozeß der Gefühle. Mein Vater ist in sich wie in einem bösen Fiebertraum gefangen, die Außenkommunikation findet unter falschen Vorzeichen statt. Wir können reden, doch was kommt in seiner Welt an? Hat er einen guten Tag, so sieht er in mir meine verstorbene Mutter. Hat er einen schlechten Tag, erkennt er mich als seine Tochter, die ihn mit Hilfe einer Riesenverschwörung festhalten läßt.

Wir stehen noch ganz am Anfang und ich fürchte, ein langer Weg liegt vor uns, von welchem ich nicht abschätzen kann, wie wir ihn gehen können und sollen. Mein Respekt für und meine Achtung vor Familien, die dies seit Jahren durchmachen, sowie das Pflegepersonal wächst von Tag zu Tag. Für meinen Vater und mich weiß ich nicht, was ich für uns wünschen und erhoffen kann?!

5 Comments

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  1. Eine meiner Großmütter war an Alzheimer erkrankt und sie lebte fünf Jahre bei uns. Wir kannten sie nur als taffe Geschäftsfrau, die immer alles im Griff hatte, und erlebten nun den langsamen Zerfall eines einst so eloquenten Geistes, der sich mehr und mehr auf die rudimentäten Funktionen des Körpers und die einprägensten Erlebnisse des Geistes beschränkte. Zum Schluß befand sie sich nur noch in ihren Kindheitstagen. Wir haben uns in verschiedenen Rollen angepasst und nicht versucht das verblassende Bild der realen Geschichte aufrecht zu erhalten, denn es hätte nur uns geholfen. In der heutigen Zeit mit kleinen Familien und dem Druck der Arbeitswelt ist es nahezu aussichtslos, so etwas zu leisten.

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    • Die Betreuung von Demenzkranken (und auch anderen pflegebedürftigen Menschen) ist nicht einfach. Erstens kostet sie (oft über die Grenzen hinaus gehende) Kraft, zweitens bedingt sie eine Umkremplung des Lebens, so dass der Betreuende teilweise nicht mehr seiner Arbeit in der Wirtschaft nachgehen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass die Betreuungsleistung später nicht als Arbeit anerkannt wird, sondern eine Lücke im Lebenslauf hinterlässt, welche von späteren Arbeitsgebern nicht gerne gesehen wird. Und damit haben wir erst einen Bruchteil der äusseren Probleme angesprochen. Viel schwerer wiegen die inneren, die emotionalen Schwierigkeiten, denen man sich ausgesetzt sieht. Gefühle, die über einen kommen, mit denen man umgehen lernen muss.

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  2. Ich möchte mich für diesen Gastbeitrag bedanken, der mich sehr berührt und nachdenklich zurück gelassen hat. Ich wünsche dir und deinem Vater alles Liebe und Gute für euren weiteren Weg, wünsche dir vor allem viel Kraft, viel Zuversicht in die Gangbarkeit des Weges.

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  3. Und das habe ich bei einer Familie mit ansehen müssen:
    Als dann der von der Schwiegertochter einige Jahre recht intensiv gepflegte Vater starb kam es zur Erbteilung. Die Schwiegertochter, die alle Pflege und Hilfeleistungen um „Gottes Lohn“ erbrachte, gelegentlich von den Einkäufen auf Kosten des Vaters etwas mit ihm trank oder ass, sonst nichts, konnte nicht einmal alle noch nicht verrechneten Kosten ab Erbmasse vorab auszahlen lassen. „Du hast zwar den Vater gepflegt, ok, aber Du hast ja keine Anstellung, keinen Job,darum ist das selbstverständlich. Und was hast Du alles profitiert? Wie viel hast Du auf seine Kosten gegessen und sonst konsumiert? Niemand weiss das. Und hast Du Dein Auto selber finanziert oder hast Du das beim Vater erschlichen? Wer weiss das? “ und so weiter.
    Die Schwiegertochter „nur eine Hausfrau“ konnte in letzter Sekunde von einem Suizid gerettet werden.
    Wenn dann innerhalb einer Familie noch solches dazu kommt – und ich habe viele Indizien, dass das vielerorts vorkommt -, ja dann wird alles noch schwieriger, noch trauriger.
    Die einen drücken sich vor Pflege-Engagements in der eigenen Familie weil die am Geld verdienen, an der Selbstverwirklichung hinderlich sind. Diejenigen, die es tun sind ja „nur Hausfrau“ und so oder so für nicht mehr als das zu gebrauchen…..
    Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis wir in unseren Breitengraden des Luxus und der Arroganz gegenüber des Nichtluxus der Vernichtung von bestehendem, älterem bis altem Leben die genau gleiche Bedeutung zuteilen wie der Verhinderung und/oder Steuerung eines nur noch perfekten, werdenden Lebens.

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