1000 Artikel auf Denkzeiten

Als ich vorher meinen Artikel rauflud, stand im Fenster, das sei mein 999. Artikel auf Denkzeiten. Ich weiss gar nicht mehr, wann ich damit begann, hier zu schreiben. Irgendwo würde es wohl stehen, ich schaue nicht nach. Was ich weiss: Es ist eine lange Zeit. Ich war nicht immer gleich aktiv, ab und an sprudelten die Worte, dann wieder versiegte alles – die Gründe für beides waren vielfältig. Seit einiger Zeit nun bin ich kontinuierlich hier und ja, ich liebe dieses Projekt. Es ist noch lange nicht zu Ende, das ist erst der Anfang.

Denkzeiten wäre nur halb so toll, wären nicht all die Rückmeldungen, die ich immer wieder kriege. Dafür bin ich dankbar, dafür möchte ich hier und heute danken! Ohne die Diskussionen, den Meinungsaustausch, die Zeichen, dass ankam, was ich in die Welt rausschrieb, wäre dieser Blog nie das, was er ist.

 

Gesetz als Zeiger an der Waage

Wer in Frankreich künftig magere Models über den Steg schicken will, muss den Gürtel selber enger schnallen, denn die Bussen sind hoch angesetzt und es droht unter Umständen gar Gefängnis. Das will ein Zusatz zum Gesundheitsgesetz.

Die Meinungen, ob das nun gut sei oder nicht, gehen auseinander. Von Irrsinn ist die Rede, davon, man wolle Menschen diskriminieren, die halt dünn seien. Im Sport gäbe es auch Drill und Zurückhaltung, wieso nicht auch im Modelbusiness. Zu dem Argument ist zu sagen, dass man weiss, dass es gerade im Sport nicht immer gesund zu und her geht, dass in gewissen Sportarten Magersucht, in anderen Medikamente an der Tagesordnung sind. Man erinnere sich nur an gewisse Turnerinnen aus der ehemaligen DDR. Das Argument hinkt also ziemlich.

Stellt sich die Frage nach der Angemessenheit des Strafmasses. 6 Monate und 75’000 Euro – diese Zahlen geistern durch die Medien. Ein relativ hohes Strafmass, wenn man bedenkt, was man für andere Delikte kassiert. Nur: Der Straftatbestand wird als Anstiftung zu Magersucht bezeichnet und Magersucht ist eine mitunter tödliche Krankheit – nicht immer, aber doch oft. Es ist ein Selbstmord auf Raten und die Anstiftung dazu ist sicher kein Kavaliersdelikt. Die Frage, die sich also stellt: Sind Models einfach so dünn oder sind sie wirklich krank?

Der Durchschnitts-BMI auf den Laufstegen soll bei etwa 16 – 17 liegen. Damit man eine Vorstellung davon hat, hier eine kurze Auflistung:

 165 cm à 43 kg
170 cm à 46 kg
175 cm à 50 kg
180 cm à 55 kg
185 cm à 57 kg

Damit bewegt man sich zwischen BMI 16 und 17. Jeder zu Hause kann nun mal rechnen, wie gross er sein müsste für Modelmasse. Klar gibt es Menschen, die von Natur mit einem supertollen Stoffwechsel, ebensolchem Aussehen und dazu auch noch Modelambitionen ausgestattet sind. Ich denke aber, dass das eher die Minderheit ist und die Mehrheit sich mit Toilettenpapier, Wattebäuschchen und saucefreiem Salat dahin bringt – weitere Massnahmen möchte ich gar nicht mehr erwähnen. Naturwunder sind wohl die wenigsten. Und ja: Der Druck ist da, denn der Beruf ist für viele ein Traum und wenn sie nicht aussehen, wie sie müssen, sieht eine andere so aus.

Ist das Gesetz also gut? Es ist traurig, dass es ein solches Gesetz braucht, weil Menschen nicht mehr auf Menschen achten, sondern darauf, wie sie ihre Belange am besten verkaufen. Ein paar Exemplare – meist eher nicht ganz so hübsch wie die Laufsteggeherinnen – definieren Schönheit und erklären das zum Massstab. Wer nicht will, der kann sich einen anderen Job suchen. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die nicht mehr auf sich selber achten, nicht schauen, ob es ihnen gut geht, sondern nur darauf, ob sie anderen gefallen, deren Anforderungen genügen. Und sie würden dafür fast alles tun, sie setzen ja sogar ihr Leben aufs Spiel.

Wir sind also so weit gekommen, dass wir Gesetze brauchen, die Menschen vor sich selber und ihrem ungesunden Ehrgeiz schützen. Gesetze, die uns vor den Übergriffen anderer schützen, sind ja nicht neu. Und so einer findet hier auch statt. Und die Gesellschaft schaut zu, klatscht Applaus und kauft teure Kleider, weil sie sie an krank gehungerten Menschen sahen und nicht bedachten, dass das an ihnen selber ganz anders aussieht – es sei denn, sie setzen sich demselben Drill aus, weil ihnen ja vorgegaukelt wird, das allein sei schön.

Klar kann man sagen, keiner hätte die Models gezwungen. Es war ihre freie Wahl, könnte man argumentieren. Das stimmt ein Stück weit schon. Nur: Wir sprechen hier von meist sehr jungen Frauen, oft gar Mädchen. Die grosse Welt lockt, die ehrgeizige Mutter schiebt noch ein wenig, die eigenen Träume schillern rosarot und ein Promi verspricht das Blaue vom Himmel. Wie viel lassen sich gestandene Männer und Frauen vom Chef gefallen, machen eher die Faust im Sack als aufzubegehren, geschweige denn, den Bettel hinzuwerfen?

Dazu kommt erschwerend: Was als Ideal über den Laufsteg stolziert und von Plakatwänden lacht, ist für ganz viele (vor allem junge Mädchen) Vorbild und Ziel. Und schon haben wir eine Epidemie geschaffen. Sie ist schon lange da, es wäre an der Zeit, da Gegengewicht zu geben. Und ich höre förmlich die Aufschreie, dass unsere Gesellschaft verfettet und wir eher dicker denn dünner würden. Allerdings ist das nur die Kehrseite der Medaille und kein zweites Übel. Das Übel liegt nämlich immer an einem Ort: Es geht nicht darum, was gesund ist, was sich gut anfühlt, es geht darum, was andere als schön und richtig definieren. Und dem muss man entsprechen. Tut man es nicht, ist man raus, tut man es, fühlt man sich zwar drin, aber der Preis ist hoch. Und so fressen sich die einen Frustpfunde an und die anderen hungern sich das letzte Gramm Fett ab. Ob ein Gesetzt da hilft? Es ist auch in meinen Augen nicht der richtige Weg, aber einen besseren habe ich auch nicht.

 

Mittelalter

Ich bin so das, was man als Mittelalter bezeichnen würde. Ob es zahlenmässig hinkommt, wissen die Sterne, aber es könnte durchaus passen. Für dieses Alter gibt es viele Mythen. Die einen beklagen die verlorene Jugend, die anderen fürchten sich vor dem nahenden Altsein. Midlife Crisis ist ein Thema und verebbende Kindersegensmöglichkeit ebenso. Und vermutlich gehört alles irgendwie zusammen. In der heutigen Gesellschaft überwiegen die klagenden Laute, Positives höre ich selten und wenn, dann klingt es fast schon bemüht und wie Selbstüberzeugung.

Ich bin nun über 40. Fühle ich mich so? Die Frage wäre, wie man sich mit über 40 fühlen müsste. Ich habe keine Ahnung, was für 40 und drüber normal ist, ich weiss nur, was ich fühle, und das hat kaum was mit einer Zahl zu tun und ist auch jeden Tag wieder anders – je nach Laune, Umfeld, Tagespensum und vielem mehr.

Ich bin keine 20 mehr. Das wird mir an vielem bewusst. Konnte (und wollte) ich damals ganze Nächte um die Häuser ziehen, wird mir heute schon beim Gedanken dran ganz schummrig. Ich ging unbeschwerter durchs Leben, nie gedankenlos, aber doch… Das machte mich auch radikal. Und impulsiv. Eckig mit Kanten.

Ich bin sicherlich noch immer kein einfaches Gemüt, aber ich wurde ruhiger. Und ich bin froh drum. Bei einigen Aufregungen sag ich mir einfach, dass sie nichts bringen, da es eh nichts ändert. Wozu also unnötig Energie verschwenden? Bei anderen schlägt das Pendel kurz aus, um dann wieder im Ruhezustand anzukommen (ok, der nächste Ausschlag kommt auch wieder, ich bin ja auch nur etwas ruhiger und der Anfangspunkt war doch eher seeeeeeehr unruhig).

Kinder kriegen ist für mich kein Thema mehr. Ich habe das wohl wunderbarste, das reicht. Karriere muss auch nicht mehr sein, zog mich nie, wird es auch fortan nicht. Ich habe tausende Interessen, die ich verfolge, aber das mache ich mit mir selber aus, mache es nicht für andere. Dasselbe mit Ausbildungen: Lange war ich getrieben: Ich muss was tun, weiterkommen, mehr machen, mehr lernen: Scheine, Titel, Auszeichnungen holen. Und ich habe alle, die ich anging, geholt. Fühlte ich mich danach besser? Nein. Ich linste schon nach der nächsten Herausforderung. Heute finde ich, ich bin zu alt, nochmals zu beginnen. Ich war ja immerhin mehrere Jahrzehnte in der Schule. Es reicht. Mir. Endlich!

Und so stehe ich nun hier. So im Mittelalter. Und frage mich: Krise gefällig? Die Antwort: Im Gegenteil: Erleichterung. Von mir fiel ganz viel Druck weg. Ich muss keinem mehr was beweisen. Ich muss keinen Schein mehr holen, keinen Titel, keinen Beruf. Ich muss keine Familie gründen, kein Haus bauen, keine Erwartungen erfüllen. Und: Ich will es vor allem gar nicht mehr.

Ich hörte oft, wenn man älter wird, wird die Zeit knapp und darum verzichtet man darauf, Dinge zu tun, die einem nicht liegen, weil sie die restliche Zeit, die noch bleibt, wegnehmen. Das klingt – so positiv es auch formuliert ist – nach Endzeitstimmung. Nach dem Motto: „Es endet bald mal, nutze die Zeit.“ Darum geht es mir nicht mal. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Das ist für mich kein Drama – ok, jetzt schon noch, mein Kind ist noch nicht selbständig, aber sonst? Ich habe all das, was ich wollte, machen können. Ich hätte auch die Möglichkeit gehabt, anderes zu machen, ich hatte die Wahl und ich habe gewählt. Da nun hinzustehen und zu klagen, ich hätte was verpasst und bräuchte drum viel mehr Zeit, es nachzuholen, käme mir komisch vor. Ich würde heute – so im Hier und Jetzt – einen anderen Weg gehen als den, den ich ging. Ich würde mehr auf Grafik und Typographie setzen, die Kreativität mehr vom Bild her angehen als vom Wort. Aber… das sage ich auch nur, weil ich habe, was ich mir erarbeitet habe. Vielleicht wäre es andersrum, wäre ich vom Bild her gekommen? Ich befürchte fast, so wie ich mich kenne. Und zudem: Am Anfang war das Wort. Und es ist mir wichtig. Am Bild arbeite ich – für mich.

Ich bin nicht mehr bereit, mich anzupassen. Nicht, weil mein Leben mal endet. Sondern, weil ich weiss, was ich kann, wer ich bin und was ich will. Das war mit 20 nicht so. Drum bin ich dankbar, nicht mehr 20 zu sein. Ich bin dankbar, ganz viele der Zwänge, Unsicherheiten und Erwartungen hinter mir zu haben. Es ist ein Stück Freiheit, das mir das Alter schenkte und das ich geniesse. Das heisst nicht, dass mein Alter jetzt besser ist als das der Jungen. Jung sein ist toll, ist lebendig, ist pulsierend. Ich gönne es jedem, doch für mich möchte ich es nicht mehr haben. Die Gelassenheit, die ich mir und dem Leben gegenüber gewonnen habe, ist für mich unbezahlbar. Und wer nun glaubt, eine gemässigte und ruhige Schreiberin gelesen zu haben, den muss ich enttäuschen. Da pfeffert noch immer ganz viel mit. Aber mir selber gegenüber wurde ich gelassener. Die kleinen Schwächen kann ich annehmen. Die Unperfektheiten gehören zu mir. Und das ist ein Gewinn. Der meines Älterwerdens.

Hund – weder Schuh noch Kommode

Kürzlich stellten wir – böse Mutter mit ungezogenem Kind – unsere Schuhe in den Hausflur, was den Unmut des Herrn Nachbarn auf sich zog. Wer das verpasst haben sollte, kann das hier nochmals nachlesen. Heute dann….

Ich schickte das Kind mit dem Hund raus – jaja, wir haben hier noch Kinderarbeit, schliesslich muss man als Mutter ja schauen, wo man bleibt und für irgendwas hat man die Brut ja. Es klingelt – Kind ist noch nicht ganz im Arbeitsmodus und mit seinen pubertierenden Jahren einerseits verweigernd, andererseits vergessend, dieses Mal den Schlüssel – und Kind bittet um Einlass. Mit dem Kind und dem (eigenen) Hund steht aber auch noch Nachbars Hund vor der Tür. Vom Nachbarn (nicht dass ich es bedauerte) keine Spur, der Hund ein bisschen hyperaktiv. Ich lotse also – die Lage voll im Griff, schliesslich hat man Übung mit einem pubertierenden Kind, zwei aufmüpfigen Katern und einem … ach, der Hund ist ok – das Kind mit eigenem Hund in die Wohnung. Dabei fällt mein Blick – die Nase hat es auch signalisiert – auf eine Pfütze. Der fremde Hund war undicht.

Ich frage mich nun, wie das einhergeht mit dieser überkorrekten Haltung des Herrn Nachbarn und kann es mir nur so erklären, dass ein Hund weder Schuh noch Kommode ist – beides wäre nämlich im Hausflur verboten, von freilaufenden, einsamen und undichten Hunden war nie die Rede gewesen.

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*Für unkundige im Titelbild der Unterschied zwischen Schuhen, Kommoden und Hunden

Anna Bolena – Oper von Gaetano Donizetti in zwei Akten

Wir scAnnaBolenahreiben das 1533. Anne Boleyn hatte sich geweigert, Mätresse des Königs Heinrich VIII. zu werden, was diesen dazu bewogen hatte, alle Hebel in Bewegung und sich scheiden zu lassen und sie zu heiraten. So weit klingt es – zumindest für die beiden – wie im Märchen. Anne wird Mutter der späteren Königin Elisabeth I., auf einen männlichen Erben wartet das Paar vergeblich. Das Märchen endet blutig, indem Anne Boleyn wegen angeblichen Ehebruchs und Hochverrats 1536 enthauptet wird. Dasselbe Schicksal erfährt übrigens auch ihre Nachfolgerin, Ehefrau Nummer fünf.)

Stoff genug, um Literatur zu werden. Marie-Joseph de Chénier verfasste das Drama Henri VIII. und Allesandro Ercole Graf Pepoli Anna Bolena. Diese beiden dienten Gaetano Donizetti als Vorlage für die Oper Anna Bolena, die am 26. Dezember 1830 Uraufführung in Mailand hatte. Im deutschen Sprachraum sah man das Werk erstmals am 26. Februar 1833 in Wien.

Handlung
Die Oper spielt im England des 16. Jahrhunderts, genauer im Jahr 1536. der erste Akt in Windsor, der zweite in London.

1. Akt
Johanna von Seymore, Hofdame und Vertraute der Königin Anna Bolena, ist die Geliebte des Königs. Aus Angst, das Verhältnis könnte der Königin bekannt werden, bekniet sie den Liebestollen, sich von seiner Frau zu lösen. Dieser denkt, Johanna wolle selber Königin werden (was dieser völlig fern liegt). Er spinnt eine Intrige und arrangiert ein Treffen Annes mit ihrer ehemaligen grossen Liebe Lord Percy (die noch nicht ganz erkaltet schien), um sie dann dem Ehebruch zuzuführen. Der Plan geht auf. Anna, Lord Percy und ein Page, der die Königin heimlich verehrt und zufällig mit auf dem Schauplatz ist, werden festgenommen.

2. Akt
Johannaa besucht Anna in ihrer Gefangenschaft, rät ihr, sich schuldig zu bekennen, um nicht umgebracht zu werden. In dem Moment merkt Anna, dass Johanna ihre Rivalin bei König Heinrich VIII. ist. Zuerst ist sie wütend, später verständnisvoll, mitleidig gar, was Johanna zusammenbrechen lässt – wohl das schlechte Gewissen am Start. Anna und Lord Percy werden schuldig gesprochen, sie schwören sich aus Trotz ewige Liebe, was den König nicht wirklich versöhnlich stimmt. Alles Flehen Johannas nützt nichts, Anna wird einstimmig zum Tod verurteilt. Im Kerker fiebert sie vor sich hin, träumt von ihrer grossen Liebe mit Percy. hört die Kirchenglocken, welche die Hochzeit König Heinrichs VIII mit Johanna verkünden und wird schliesslich dem Henker zugeführt.

Fazit
Eine tragische Liebesgeschichte, wie sie sich nicht besser für eine Oper eignen würde. Da hat alles Platz, von Liebesduetten bis hin zu Verzweiflungsarien. Gaetano Donizetti hat das mit grossem Erfolg umgesetzt.

Gaetano Donizetti
Domenico Gaetano Maria Donizetti wird am 29. November 1897 in Borgo Canale (das heutige Bergamo) geboren und war einer der wichtigsten Opernkomponisten des Belcanto. Einige seiner Opern wie L’elisir d’amore (Der Liebestrank), Lucia di Lammermoor, Anna Bolena und Don Pasquale gehören noch heute zum Standardrepertoire der Opernhäuser weltweit. Donizetti stirbt am 8. April 1848 in Bergamo.

Heute und an weiteren Terminen im Opernhaus Zürich: Weiterführende Links

Hinterhältige Mitbewohner

Tiere sind was Wunderbares. Ehrlich, offen, zugeneigt. Und alle, die das hören, stimmen sofort zu, blasen ins gleiche Horn, ziehen die lieben Zeitgenossen den menschlichen, perfiden, hinterlistigen vor. Ich widerspreche vehement. Tiere sind hinterlistig. Dass sie beim Futter berechnend sind, liegt in der Natur der Sache. Nie ist eine Katze so anhänglich, wie wenn sie Leckereien erhofft, nie der Hund folgsamer, als wenn er dafür einen Keks kriegt. Aber es geht noch weiter: Sie sitzen lieb und niedlich anzusehen in ihrer Ecke und überlegen sich dabei, was sie heute wieder anstellen könnten. Glauben Sie nicht? Der Beweis:

Ich habe einen weissen Hund, einen grauen Kater und einen schwarzen Kater. Stets in Gedanken, wie ich bin, laufe ich meist teilblind durch die Wohnung, nichts Böses ahnend. Doch beim Gang über den schwarzen Teppich, über den grauen Teppich oder über die weissen Bodenkissen trifft mich meist der Schlag, da ich immer fast auf einen unsichtbaren schwarzen Kater, grauen Kater oder weissen Hund trete…. Und ich bin überzeugt, die machen das mit Absicht!

Das Kranken an der Welt

Ich las gerade die Frage, wie viele Piloten wohl krank im Cockpit sitzen. Gut, Piloten haben die Verantwortung über viele Menschen, die hinter dem Cockpit sitzen, trotzdem fände ich es angebrachter, die Frage auszuweiten: Wie viele Menschen kämpfen sich krank durch dieses Leben? Und woher kommt dieses Kranken der Menschen, das immer weitere Kreise zu ziehen scheint, immer mehr Menschen in seinen Bann zieht? Kranken wir am Leben selber? Kranken wir an der Gesellschaft? Bloss: Die Gesellschaft sind ja wir. Wo also liegt der Hund begraben? Wo sind wir als Gemeinschaft falsch abgebogen und gibt es eine Kurve zurück?

Oft hört man, die Welt sei härter geworden. Schneller. Brutaler. Nur: Früher gab es Folter, es galt das Recht des Stärkeren (damals körperlich, heute wohl im übertragenen Sinne). Wir leben in einem Zeitalter, das – trotz aller Übel, die ich nie abstreiten möchte, die mich teilweise sehr bedrücken – als eines der sichersten und friedlichsten gelten kann. In unseren Breitengraden gab es kaum je so lange Friedenszeiten, wie wir sie gerade erleben.

Woran also kranken wir? Sind wir zu schwach? Ist das Bewusstsein für ethische Werte und Friede (man wäre fast geneigt, Freude und Eierkuchen hinterherzuwerfen) eigentlich ein Schlag ins Kontor, weil er uns verzärtelt? Haben wir zu hohe Ansprüche durch die Aufklärung darüber, was uns als Mensch zustehen sollte, und leiden wir nun an Dingen, die besser sind, als sich manche Menschen je zu träumen gewagt hätten?

Das klingt hart gegenüber all dem Leiden, das man sieht. Kinder sind schon in der Schule unter Stress, Burnout gibt es nicht nur bei Managern, es greift auf Arbeiter, Mütter und sogar Kinder über. Es scheint, dass wir mit der Erkenntnis darüber, was uns als Menschen zustehen würde, nicht umgehen können, weil der Mensch sich trotz dieser theoretischen Erkenntnis nicht vom Wolf zum Schaf gewandelt hat. Den Pelz in Form von ethischen Manifesten und Firmengrundsätzen trägt er zwar, wenn es hart auf hart kommt, zeigt er seine wahre Natur und die besagt immer noch: Ich will gewinnen, koste es, was es wolle!

Nun kann man sagen, das Gewinnen sei ein reiner Selbstzweck, Narzissmus, Profilierungswahn oder Ruhmessucht geschuldet. Schlussendlich geht aber alles – davon bin ich überzeugt – auf den Wunsch, zu überleben, zurück. Man denkt: „Wenn ich nicht gewinne, tut es ein anderer, der mich dann unterdrückt.“ Drum tut jeder, der es kann, alles, was er kann, um da zu sein, wo er die Macht hat – und damit die Entscheidung, wer oben steht, wer fällt. Selten sind es die, die oben stehen, die gegen dieses System aufbegehren, meist die, welche nicht an dem Punkt sind.

Nun müsste man denken, dass die doch die Mehrheit ausmachen, somit gewinnen müssten? Das wäre eine Rechnung, die ohne den Wirt gemacht wurde, denn: Jeder derselben hat einen, der über ihm steht. Da er dessen guten Mut meist braucht, um überhaupt überleben zu können, wagt er nicht, in dem Masse aufzubegehren, wie er wollte. Des Weiteren hofft fast jeder, auch mal an eine Stelle zu kommen, wo er der wäre, der oben stünde. Dumm doch, da vorher die Möglichkeiten beschnitten zu haben? Zumal von denen oben gerne versprochen wird, jeder könne dahin, er müsse es nur wollen.

Und so kommen wir vom einen zum andern und stellen die ganze Welt auf den Kopf. Was es bringt? Wohl wenig. Da sind immer noch ganz viele kranke Menschen, die mit der Welt, wie sie sie vorfinden, nicht klarkommen. Da sind immer noch viele Menschen, die leiden, Angst haben. Und dann tickt einer aus. Und alle schreien nach Massnahmen. Doch welche sind die richtigen?

Der Arzt hätte zum Arbeitgeber gehen müssen. Solange Krankheit Schwäche ist und Schwäche in dieser Gesellschaft den Abstieg, wenn nicht gar den Abgrund bedeutet, wird das nicht durchkommen. Wäre es nur partiell, wäre es nicht gerecht. Gerechtigkeit ist überbewertet, viele Menschen könnten noch leben, wäre das hier gemacht worden? So könnte man argumentieren. Ich bezweifle es. Dann würden Arztgänge vielleicht vermieden, Ausraster kämen noch früher.

Schliesslich und endlich können wir das Leben nicht absichern. Erstens hinken wir mit jeder Massnahme immer einen Schritt hinterher, da sie uns erst einfällt, wenn etwas passiert ist, zweitens hat das Leben so viele Variablen, dass nie alle davon berücksichtigt werden können. Es bleibt wohl nur, irgendwie zu versuchen, die guten Seiten des aktuellen Lebens zu sehen, zu schätzen und zu leben. Alles andere ist Gedankenakrobatik, wie ich sie hier in diesem Beitrag produziert habe. Sie hat kein Ende, hat keine Lösung, sie stellt nur Fragen, stellt in Frage. Unsere Zeit ist nicht härter als frühere, im Gegenteil. Aber wir leben nun mal in dieser und hinterfragen sie. Und wir brauchen Gründe. Und Schuldige. Leid muss erklärt werden, sonst können wir es nicht begreifen und das macht es noch schlimmer.

Das macht Angst. Das macht traurig. Das ist wohl das Leben. Wir können es leben, so lange es dauert. Wir müssen irgendwie damit klar kommen, wenn das der Nächsten endet, und vor allem damit, dass unseres auch endlich ist.

Silvio Blatter – am 1. April im Kaufleuten Zürich

BlatterAm 1. April findet im Kaufleuten Zürich die Buchpremiere von Silvio Blatters neustem Roman Wir zählen unsere Tage nicht statt. Moderiert wird der Anlass um den Roman, der von einer Ehe, von Eltern-Kind-Beziehungen, dem Leben an sich und vielem mehr handelt, von Eva Wannenmacher.

 

Zu Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

Denkzeiten erfindet sich neu

Es sind einige Wochen, Monate, Jahre gar, die ich hier über Bücher (und anderes) berichte. Über die Zeit wuchs die Leserzahl, was mich freut. Herzlichen Dank allen treuen Lesern und all denen, die sich die Zeit nehmen, ihre Meinung zu meinen Beiträgen zu hinterlassen. Ich freue mich echt jedes Mal, wenn die Sprechblase orange leuchtet und so anzeigt, dass jemand seine Meinung sagte. Dabei ist es egal, ob die Meinung meine ist oder dieser entgegengesetzt. Ich habe erstens die Wahrheit nicht gepachtet und mag es zweitens, Dinge auch von anderen Seiten zu betrachten.

Ich komme ursprünglich aus der Wissenschaft, habe Sprach- und Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. In der Wissenschaft gelten Regeln, eine ist, nicht persönlich zu werden, sondern sachlich zu bleiben. Das zog ich in meinem Blog nicht durch, versuchte aber, bei Rezensionen auf der Sachebene zu bleiben. Das möchte ich ändern.

Bislang habe ich Bücher nicht besprochen, die ich nicht gut fand, weil ich fand (und immer noch finde), dass es oft Geschmacksache ist, ob ein Buch ankommt oder nicht. Was mir nicht gefällt, kann bei anderen Begeisterungsstürme auslösen. Ich lese aus Prinzip keine Bücher fertig, die mich nicht ansprechen. All diese verschwanden bislang stillschweigend im Regal. In Zukunft möchte ich sagen, wieso ich Bücher nicht las oder nicht fertig las. Ich werde auch ab und an einfach kurz sagen, worum es in einem Buch geht, wieso ich es für mein Regal auswählte. Ich möchte offen legen, wo ich aufhörte, zu lesen, und wieso ich das tat. Und bei den guten Büchern wird in Zukunft mehr Innensicht von mir als Leserin drin stecken.

Damit bin ich nicht mehr Wissenschaftler, aber das bin ich schon lange nicht mehr. Ich bin dankbar, den Weg gegangen zu sein, ich habe die Schullaufbahn lange verfolgt, heute ist es nicht mehr mein Weg. Und das soll sich künftig auch in meinem Blog niederschlagen, wenn es um Bücher geht.

Was ich dabei nicht vergessen möchte: Schreiben ist harte Arbeit. Es ist eine Kombination von Handwerk und Kunst. Ich habe Hochachtung vor dem Tun des Künstlers, egal, ob mir das Produkt gefällt oder nicht, wenn er dieses ernsthaft und mit Herz tut. Trotzdem bin ich keiner, der verehrt, der Fan ist. War ich nie, werde ich nie sein. Künstler sind Menschen, Werke gefallen oder tun es eben nicht. Wenn mir ein Werk gefällt, muss ich nicht den Menschen, der es schuf, mögen. Wenn ich einen Menschen mag, muss ich sein Werk nicht toll finden. Ich trenne da stark. Drum sammle ich keine Autogramme, ich huldige auch keinem sogenannten Star. Ich lese Bücher, höre Musik, finde sie gut oder nicht. Und ich lerne Menschen kennen, mag sie oder nicht. Und all das soll mehr Platz in diesem Blog finden.

Mal schnell die Welt retten

Kürzlich auf Facebook. Jemand meinte, mir die Welt erklären zu müssen. Er hatte – mich nicht kennend – all meine Probleme erkannt, sah, dass ich einsam sei, nie ausgehe und dazu noch ein Alkoholproblem hätte. Er meinte es nur gut und lobte sich selber ob seiner Menschenkenntnis und seines Durchblicks. Ich müsse ihm vertrauen. Er wisse, wovon er spräche.

Besagter Mensch kannte mich nicht wirklich – eigentlich kannte er mich gar nicht. Er hatte das Eine oder Andere vielleicht auf Facebook gelesen, wusste aber weder, was ich alles so mache im Leben, noch wie ich lebe, gelebt habe, zu leben vorhabe. Er wusste gar nichts von mir – er interpretierte.

Nun war das nicht das erste Mal, dass mir solches passierte. Und jedes Mal: Bei Nachforschungen, wer denn da so aus dem Vollen der Menschenkenntnis schöpft, stiess ich immer auf Menschen, die gesundheitlich angeschlagen, beruflich eher unerfüllt und beziehungsmässig alleine waren. Das fand ich sehr traurig, nur: Es stellt sich mir die Frage, woher ihr Drang rührt, anderen die Welt erklären zu wollen?

Die Hausfrauenpsychologin in mir würde nun sagen, sie agieren aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Sie projizieren in andere rein, was ihnen selber fehlt oder wo sie Probleme haben (was sie immer auch sagten, dass sie sie (zumindest gehabt) hätten. Dazu kommt, dass ich eine Frau bin und als solche noch eher sensibel und nachdenklich veranlagt – das scheint zu provozieren. Nur: Weil man was reinliest, ist das nicht auch da.

Damit nicht noch viele Weitere in die Irre gehen: Mir geht es gut. Man muss sich keine Sorgen machen. Ich habe eine wunderbare Familie, habe, ich darf es sagen, meinen Traumberuf, habe Hobbies, die mich ausfüllen, die mir Spass machen, die ich mit Leidenschaft betreibe, und ich bin alles andere als alleine. Und ab und an bin ich sogar alleine und das sehr gerne. Ich kämpfe fast drum, mal allein sein zu können, weil ich es brauche – wann sonst soll ich meine Hobbies pflegen? Klar ist mein Leben kein Paradies, denn ich bin nicht der Mensch dafür. Lebte ich im Paradies, würde ich selbst da das Haar in der Suppe finden – meint zumindest mein Herr Papa. Damit mache ich mir und meinen Lieben das Leben nicht immer leicht – aber auch nie langweilig.

Ergo: Alles gut. Und wer mal wieder denkt, die Welt retten zu müssen – bitte nicht bei mir, der Kelch möge an mir vorüber gehen.

Es muss doch alles seine Ordnung haben

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben

Das Leben in der Schweiz ist mitunter sehr reglementiert. Damit sich auch alle an die Regeln halten, agieren die emsigen Schweizer Bürger gerne als private Polizei. Als ich heute von der Arbeit heimkam, erfuhr ich, dass mein Nachbar heimlich Buch über die Schuhe vor meiner Tür führt. Er hat mich das – stolz über seine Aufmerksamkeit und exakte Arbeit – mit einem Verweis auf die Hausordnung wissen lassen:

Hallo Frau M.

Stets habe ich gehofft, dass ich Sie im Gang antreffen würde.
Da dies nicht der Fall war – vielleicht waren Sie ein paar Tage weg gewesen und da wir nun für ein paar Tage weggefahren sind -, auf diesem Weg.
Als ich gestern in der Wohnung war, waren drei Paar Schuhe im Gang abgestellt. Montag waren es zwei Paar, Sonntag ein Paar.
Um offen zu sein, mich stört das. Ich wäre froh, wenn das nicht mehr vorkommen würde. So wie meine Frau mir berichtet hat, hat die Liegenschaftsverwaltung erklärt, weshalb Schuhe und sonstige Gegenstände im Hausflur nicht vorgesehen sind. Es wäre gut, wenn wir uns alle daran halten täten.

Danke und beste Grüsse
XXX

Ich bin nun nicht ganz sicher, ob ich ihm mitteilen muss, dass ich nicht weg war, sondern schlicht arbeite tagsüber und mich auch sonst selten im Hausflur rumtreibe? Ich wüsste gerade gar nicht, ob mir ein Sitzen in ebendiesem überhaupt erlaubt wäre – ich werde bei Gelegenheit mal die Hausordnung anschauen.

Aber schön, gibt es aufmerksame Nachbarn. So werde ich nie als unentdeckte Leiche im Hausflur verenden und erst Jahre später gefunden werden.

Sibylle Berg – am 10. März in Zürich

Am 10. März wird ein Buch getauft. Sibylle Berg stellt im Kaufleuten Zürich ihren neuen Roman Der Tag, als meine Frau einen Mann fand vor. Dabei liest sie nicht nur, sie performt sogar – das mit dem Kabarettisten Patrick Frey und dem Zürcher Musiker Fai Baba. Der Abend wird also wohl verschiedene Sinne und Muskeln beanspruchen und ein Erlebnis werden.

Zu Sibylle Berg

Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Sibylle Berg – Nachgefragt

Milena Moser – Ein Rückblick

Kaufleuten

Schon um 19 Uhr standen die Leute Schlange vor dem Kaufleuten, Milena Moser hatte sie in Scharen angezogen. Das Ambiente gewohnt gediegen, füllte sich der Saal nach und nach, um 20 Uhr eröffnete Dirk Vaihinger, Verlagsleiter bei Nagel & Kimche, den Abend mit einer humorvollen Begrüssung, die Mosers USA-Pläne im Zentrum hatte.

Bänz  Friedli, der schliesslich auch durch den Abend führte, übernahm das Wort, bereitete das Publikum darauf vor, was es zu erwarten hat und begrüsste schliesslich „the one and only“: Milena Moser, Star des Abends, unterhielt das Publikum mit Auszügen aus ihrem neuen Buch Das Glück sieht immer anders aus und Einsichten in ihr Leben als Schriftstellerin, Aussichten auf ihre Zukunft und Einblicke in ihr Denken und Sein als Frau über 50.

Fazit: Ein wirklich gelungener Abend!

Die Ungerechtigkeit des Arbeitssklaven

Abends heisst es:

Du solltest schlafen gehen, es ist spät und du musst morgen früh raus – die Arbeit ruft.

Morgens heisst es:

Du musst aufstehen, es ist Zeit für dich, denn die Arbeit ruft.

Soweit, so gut, nur:

Abends siegt das Fleisch, es bleibt sitzen und sitzen und sitzen bis in die Puppen, verweigert dem Willen seinen Gehorsam. Morgens reisst der Wille das schlappe Fleisch aus dem Bett – ohne Widerrede.

Hämmer, Versicherungen und Notärzte

Kürzlich wollte ich mit meinem Sohn an ein Konzert. Leider wollten es die Umstände, dass mein Kopf just an dem Sonntag Morgen zu hämmern begann, diese Tätigkeit nicht mehr einstellte, im Gegenteil: Entgegen sonstiger handwerklicher Gepflogenheiten arbeitete er fleissig weiter und wäre der Hammer echt gewesen, wäre mein Hirn zu Mus geworden – angefühlt hat es sich so.

Nun hatte die kluge Frau, die ich ja bin (zumindest ab und an), vorgesorgt und wohlweislich eine Annulierungsversicherung abgeschlossen. Hoffnungsvoll schrieb ich also an die Europäische Reiseversicherungs AG (das Genitiv-s bei „Reiseversicherungs“ steht übrigens so im Namen, das habe ich nicht falsch geschrieben), um nicht zum enttäuschten Kind noch einen finanziellen Schaden zu haben.

Bei dem Vorgehen hatte ich die Rechnung allerdings ohne die Versicherung gemacht. Sie wollten ein ärztliches Zeugnis für den Tag. Einerseits nachvollziehbar (ich könnte ja auch gar nicht krank, sondern nur… was auch immer sein), andererseits insofern ärgerlich, als ein solches an einem Sonntag im Notfall teurer kommt als beide Konzerttickets zusammen, b) ein Notarzt wohl anderes zu tun hat, als Kopfschmerzen, gegen die er eh nichts tun kann, zu behandeln.

Nun denn: Fürs nächste Mal bin ich klüger: Eine Annulierungsversicherung bei einem Konzert ist unsinnig, denn die Aufwände, die dafür nötig wären, übertreffen den Betrag, den man zurückerstattet erhielte (wenn man dann noch die Versicherungsgebühr mit einberechnet sowieso). Ein anderer qualifizierender Grund für die Nichtteilnahme und darauffolgende Rückerstattung war übrigens ein verlorener Autoschlüssel. Ich bin gespannt, was für ein Zeugnis dafür gefordert worden wäre. Ob ich es mal ausprobieren sollte – einfach so zum Spass?