Facebook: Jeder ein Fernsehstar

Wie schön war FB, als die Leute noch schrieben, was sie dachten. Heute machen sie Livevideos. Früher hiess es also:

„Hallo liebe Leute, ich habe die ultimative Geschäftsidee für euch. Klickt auf den Link und schon seid ihr dabei.“

Heute hört sich das dann so an:

„Hallooooo, ihr Lieben – hallo Ulli, hallo Bianca – ach, der Björn ist auch da, schön, dich zu sehen…. Also hallooooo zusammen. Ich habe ja heute gerade auf FB – hallo Erika – eine Unterhaltung gesehen,“

*naseputzt,

„da ging es um die liebe Arbeit“

*Augenbrauehochziehundernstguck

„Ein schwiiiiiieriges Thema. Und: So wichtig. Nuuuun. Ich habe da – hallo Klaus, hast du es auch noch geschafft? Toll – Ich mag ja diese Livevideos, man ist so nah dran und es ist eine direkte Weise, Menschen zu erreichen. Also. Arbeit. Wir alle haben sie“

*naserümpf

„und lieben sie wohl eher selten. Aber – hier kommt die gute Nachricht“

*indiekamerastrahl

„Ich kann euch helfen. – Hallo Laura. Das Wetter hier ist übrigens toll, seht ihr das?“

*schwenkteinmalumdieeigeneachse

Zu dem Zeitpunkt bin ich eingeschlafen, sorry, ich kann euch nicht sagen, wie es mit dem tollen Video weiterging.

Ich war mal ein Yogi

Ich erinnere mich gut. Ich war im Studium, las mich kreuz und quer, kam über Schopenhauer und andere hin zur östlichen Philosophie und von da zum Yoga. Ich fand das toll: Geist auf den Körper angewandt, alles in einem, ganzheitlich. Das leuchtete mir ein, das spornte mich an: Ich wollte das kennenlernen.

Ich meldete mich aus dem Stand für meine erste Lehrerausbildung an. Ich hatte noch nie einen Fuss auf eine Matte gesetzt. Das änderte sich mit dem ersten Tag im Unterricht. Ich war täglich auf der Matte, atmete ein, was sich mir zeigte. Ich sah, was andere tun, hörte, wie über die geurteilt wurde, die keinen Spagat, Kopf- und Handstand können – und nebenher wurden die ethischen Prinzipien runtergebetet.

Ich hatte nie Mühe, da ich von Natur sehr beweglich bin. Niemand hätte je gedacht, dass ich Yoga noch nie gemacht hatte. Alle Verknotungen schaffte ich mit links, die Muskeln (ich hatte als Sportmuffel keine) baute ich auf. Ehrgeiz war noch nie mein Schwachpunkt. Mir genügte es nie. Ich nahm alle Positionen (ausser dem Handstand, der ist mit einem Trauma behaftet) problemlos ein. Und ich fand Yoga gut. Im Kern. Nie in der Ausübung. Ich war kaum je mehr unter Stress als da. Und ich sah nie mehr verletzte Menschen als in der Zeit. In keiner Ausbildung gab es einen Menschen, der kein Leiden hatte. Alle litten sie an Knie, Schultern, Rücken….

Es war nicht meine Welt. Ich habe irgendwann die Reissleine gezogen für mich. Zumal ich unter chronischen Schmerzen litt, die just nachliessen, wenn ich mit Yoga aufhörte. Ich stieg aus. Stieg aus aus der Ausstiegsgemeinschaft Yoga. Und es war gut.

Eine Klasse behielt ich. Eine Gruppe von Senioren. Ich mache keine haarsträubenden Übungen mit ihnen. Es ist herzlich. Menschlich. Alle haben ihre Gebrechen – wir sind alle nicht jung. Sie sind über 60, teilweise über 80. Wir atmen, wir lachen. Wir schauen, was geht. Wir haben keinen Wettbewerb. Wir nehmen den Tag, wie er kommt.

In der letzten Stunde sagte ich zu „meinen“ Damen: Ich mache kein Yoga mehr, nur noch mit euch. Als die Stunde fertig war, merkte ich, dass das nicht stimmt. Ich machte nie mehr Yoga. An dem Nachmittag setzte ich mich in den Garten und meditierte. Nicht nach Anleitung. Ich könnte dem keinen Namen geben. Für mich war es Meditation. Ich sass und atmete und war. Und ich fühlte mich gut. So ruhig. Und es hallt nach. In mir. Und das ist gut.

Ich habe keinen Namen mehr dafür. Bin ich ein Yogi, bin ich Buddhist? Meditiere ich? Ich bin. Ab und an bewusst im Moment. Das möchte ich wieder öfters tun. Ohne Stempel, ohne Namen. Und ich freue mich auf meine Frauen nach den Ferien. Sie haben mir viel beigebracht. Mehr als alle Ausbildungen je. Und: Zu sehen, dass sie sich auf meine Stunden freuen und diese ihnen gut tun, ist mein Highlight der Woche jeweils.

Es ist immer ein Geben und Nehmen.

PS: Und ja, ab und an mache ich auch Asanas, strecke Beine in die Luft und beuge mich über dieselben. Und es tut gut. Ich mache es nur noch für dieses Gefühl. Ohne anderen Anspruch.

Liebster-Award

AwardIch wurde von Siggi vom Blog Siggispictures für den Liebster Award nominiert, was mich natürlich sehr freut.

Zunächst, die Regeln:

  • Verlinke die Person, die dich nominiert hat.
  • Beantworte 10 Fragen, die dir vom Blogger gestellt wurden, der dich nominiert hat.
  • Nominiere bis zu fünf Blogs
  • Informiere sie über die Nominierung
  • Erstelle 10 eigene Fragen für die Nominierten

Los geht es mit den Fragen:

  1. Was würdest du sagen, ist was sehr interessantes an dir?

Das müsste man wohl andere fragen. Ich selber finde nichts speziell interessant an mir, bin ein ganz normaler Mensch mit Schwächen, Stärken, Interessen, Abneigungen, Widersprüchen.

  1. Was hältst du von der heutigen Gesellschaft?

Das ist schwer zu sagen. Ich kümmere mich eher um Menschen denn um Gesellschaften/Kollektive. Grundsätzlich denke ich, ist die Welt kälter geworden und egoistischer. Man kümmert sich weniger um andere Menschen, ist oft mit sich selber genug beschäftigt, was natürlich auch eine Spirale sein kann, weil Menschen unter der Gesellschaft leiden und dann selber neu dazu beitragen.

  1. Wenn du eine Reise für zwei geschenkt bekommen würdest. Wo gehst du hin?

Ich würde gerne nach New York, denn: Ich war noch niemals in New York *singsingsing – da merk ich: Auf Hawaii war ich auch noch nie 😉 Ich würde aber auch gerne mal an die Nordsee, an die Ostsee, nach Rom und nach Mallorca. Da war ich nämlich überall auch noch nie.

  1. Und mit wem?

Das kommt drauf an, wohin die Reise geht, wie lange sie dauert und auch, wer denn mitkommen wollen würde. Ab und an verreise ich auch durchaus gerne alleine – für den Fall könnte ich dann vielleicht den Hund mitnehmen.

  1. Was ist dein größtes Laster?

Bücher – man hat nie genug.

  1. Was ist dein größter, erfüllbarer Wunsch?

Da fällt mir wirklich nichts ein. Ob etwas erfüllbar ist, zeigt sich erst, wenn man wirklich daran geht – und dann fragt sich natürlich, wieso man ihn bislang nicht erfüllt hat. Und was ist ein grosser Wunsch? Ich möchte nicht sagen, dass ich wunschlos glücklich bin, aber so wirklich materielle Wünsche habe ich keine, die nun in mir drauf drängten, erfüllt zu werden.

  1. Hast du einen Lieblingsfilm? Und wenn ja, wie heißt er?

Der Film, den ich am öftesten gesehen habe, sicher Mamma Mia.

  1. Wein oder Bier?

Wein, immer Wein – ich mag kaum Alkohol ausser Wein, aber den liebe ich sehr.

  1. Liest du zurzeit ein Buch? Wenn ja, erzähl was drüber.

Mehrere Parallel – wie meistens. Jane Austen, Stolz und Vorurteil. Die Geschichte der Elizabeth Bennet, die aus Sicht der Gesellschaft und vor allem ihrer Mutter dringend einen Mann braucht – was sie nicht zwingend so sieht (und schon gar nicht Mr. Darcy, der sie nach anfänglichen Zweifeln doch sehr spannend findet). Ein wunderbares Buch mit Tiefgang, Witz und Gesellschaftsanalyse.

  1. Wie bist du auf meinen Blog aufmerksam geworden?

Ich glaube über Twitter, bin aber nicht ganz sicher.

Wen nominiere ich?

  • Arno Rosen (BLOG) – er hat es getan: HIER
  • Karo-Tina Aldente (BLOG)
  • Robert (BLOG)
  • Arndt (BLOG)
  • Arne (https://arnescomfycouch.com)
  • Ich freue mich natürlich über jeden, der auch noch mitmacht (ich würde ihn dann auch gerne hier verlinken, wenn gewünscht)

Die Fragen für die Nominierten

  1. Wie würdest du dich einem Fremden beschreiben?
  2. Was ist dir wichtig im Leben?
  3. Was ist deine Motivation, deinen Blog zu führen?
  4. Kaffee oder Tee?
  5. Wenn du drei Bücher nennen müsstest, die dich am meisten geprägt, bewegt, gefreut haben, welche wären es?
  6. Du könntest einen Tag nach Wunsch erleben – wie sähe er aus?
  7. Würdest du im Alter auswandern zu wollen? Wenn ja, wieso und wohin? Wenn nein, wieso nicht?
  8. Mit wem würdest du gerne mal Essen gehen und wieso?
  9. Was bedeutet Glück für dich?
  10. Wenn du eine Fähigkeit haben könntest, die du nicht hast, welche würdest du wählen?

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mitmacht!

Blick zurück

828156801_47085e952f_oKürzlich wurde ich auf Facebook aufgefordert – ich tappte in eine Spielefalle – ein altes Bild von mir zu posten. Von mir gibt es Kinderbilder und (eher selten) aktuelle. Dazwischen nichts. Ich stellte das Bild rein. Ein Bild von mir, als ich etwa 4 war. Silvesterabend, ich stand am Piano. Ich mag sonst diese Erinnerungsschübe nicht, wenn andere beginnen zu erzählen. Ich finde, das Leben spielt hier und jetzt. Und doch. plötzlich packte es mich.

Wir haben Silvester immer im Berner Oberland gefeiert, immer im gleichen Hotel. Der Ort war für mich Heimat, denn wir waren auch sonst alle Ferien da. Die Besitzer des Hotels waren für mich wie Grosseltern. Der Ort vertraut, mit warmen Gefühlen, Freude und Glück besetzt.

Wenn ich das Bild so ansehe, sehe ich es in den Augen. Es sind fröhliche Augen. Das Lächeln passt dazu. Es war eine glückliche Zeit. Ich hatte eine schöne Kindheit. Es war nicht alles rosig. Es war nie nur pink. Ich hatte Eltern, die da waren, kriegte den Rückhalt und fühlte die Werte. Ich hatte eine Welt und konnte meine entwickeln.

Ich bin dankbar. Für all die Gefühle, all die Möglichkeiten. Ich bin dankbar für dieses Leben. Es war sicher nicht das leichteste. Ist es nicht. Ich hatte ganz viele Freiheiten. Ebensoviele Stäbe, die Gefängnisse schlossen. Es ist immer ein Wechselspiel. Dessen bin ich mir heute sicher. Ob das Fazit stimmt, muss jeder für sich entscheiden. Und das wohl auch immer wieder neu.

Wenn ich das Bild anseh, erinnere ich mich. Ich erinnere mich an laue Abende, in denen ich mit Freunden im Heustock rumhüpfte. Ich erinnere mich an Silvesterparties mit Salzstangen und Pommes ebenda. Ich erinnere mich an die nachbarliche Bauerstochter, die mir französische Worte zu Kühen beibrachte, an Katzenbabies noch blind herumtapsend. Ich erinnere mich an Tänze über Felder, an Sonnenuntergänge hinter Bergen.

Es sind Bilder, Gefühle, Eindrücke, die aufblühen. So passend zum Frühling. Alles schon da. Und doch wieder neu. Was aus einem Bild alles entstehen kann.

Autoren heute – husch husch, zack zack?

Ich lese immer wieder in der Timeline von Autoren, dass sie sich entschuldigen, FB etwas vernachlässigen müssen, weil sie sonst nicht drei Romane gleichzeitig schreiben können oder einen Roman nicht in einem Monat geschrieben haben. Es mutet irgendwie nie wie eine Entschuldigung an, sondern eher wie Beifallssuche. Schaut her, ich bin so toll. Thomas Mann schrieb sehr konsequent jeden Tag zur selben Zeit. Er schaffte etwa 1,5 – 3 Seiten. Pro Tag. Wer seine Wälzer kennt, kann nun rechnen. Goethe war nicht viel schneller. Der schrieb nebenher noch fast täglich Gedichte. Aber man könnte FB als das neue Gedichte-Schreiben werten. Nicht vom literarischen Anspruch natürlich, sondern mehr von der absorbierten Zeit.

Was ich mich frage: Ist das wirklich zu bejubeln? Literatur als Massenproduktion? So cool im Multitasking? Im Eilverfahren? Oder ist das der Grund, dass es immer schwerer wird, noch wirklich gute Bücher zu finden? Weil immer mehr immer schneller immer mehr wollen? Ich meine, ich kann auch Rosamunde Pilcher nehmen, ihre Gechichten abschreiben und einfach Zeiten, Orte und Namen ändern. Dann kriegt man das prima hin. Muss das sein? Ist das toll? Ich finde nicht.

Vielleicht bin ich elitär. Ich möchte keine neuen Geschichten, denn: Es ist alles gesagt. Aber: Ich möchte gerne Geschichten, die das, was schon gesagt ist, neu sagen. Ehrlich. Authentisch. Tief. Mit einer Meinung. Und einer Sprache. Die packt, überzeugt, passt. Berührt.

Schafft man das so nebenbei? So husch husch? Ich denke nicht. Klar: Hermann Hesse schrieb den Demian in drei Wochen. Das war aber nicht mit allem so, und: Das Thema arbeitete in ihm. Lange. Die Gedichte der Entstehungszeit zeugen davon. Dies nur zur Güte, die Aussagen auf FB stossen mir trotz dieses Wissens irgendwie sauer auf. Bin ich zu kritisch?

Was lange währt…

Bob Dylan erhielt den Nobelpreis für Literatur. Das könnte eine einfache Nachricht sein, doch es war mehr. Nicht nur regte sich der Literaturzirkus auf, dass ein Musiker reüssierte, er holte den Preis nicht ab. Und man wurde nicht müde, zu schimpfen. Gegen die Wahl, gegen sein Verhalten. (Hier der Artikel, dass er ihn doch abholt: LINK)

Wenn man das Auswahlverfahren für den Nobelpreis mal aussen vor lässt (es wäre bei Murakamis neustem Buch schön nachzulesen), bleibt die Frage: Was ist Literatur? Im Schimpfen gegen diese Wahl wurden viele Literaten genannt, die den Preis so lange verdient, aber nie bekommen haben. Wenn es denn schon ein Musiker sein sollte, man zeigte sich quasi kompromissbereit, wieso er? Wären nicht auch andere wählenswert gewesen?

Zur ersten Frage: Was anderes soll Literatur sein, als ein künstlerischer Text? Ob der gesungen, laut oder leise gelesen wird, kann wohl kaum das Kriterium sein – zumal: Brecht hat viele seiner Texte zu Musik geschrieben, Hölderlin und Zeitgenossen wurden oft vertont. hier nun zu motzen, das sei quasi der Preis vor die Säue geworfen, ist etwas gar neidbesessen.

Nun wird also Bob Dylan auserkoren. In einem alles andere als neutralen Verfahren (ich verweise erneut auf besagtes Buch, schlicht, weil ich alles andere suchen müsste, das hier grad greifbar habe und das Beschriebene für richtig empfand). Muss er nun springen? Und jubilieren? Alles fallen lassen? Wieso sind solche Auszeichnungen so wichtig? Vor allem für die, welche es eh schon geschafft haben? Sehnen sich nicht viel mehr die danach, die eben nicht dort sind? Und erachten dann das Verhalten desjenigen, der es für sich geschafft hat, als Affront, weil sie nie da sein würden?

In der ganzen Debatte um diesen Nobelpreis fällt mir nur immer ein Wort ein: Neidkultur. Es gibt KEIN Kriterium gegen die Wahl. Literarischer Text ist Literatur. Wenn er gut ist, sogar grosse. Ob da dann noch Noten unterlegt werden oder nicht, macht aus dem Text nicht weniger Literatur. Sonst müsste man das Heideröslein – das ich als gesangliches Nichttalent unter Qualen singen musste – zur Nicht-Literatur erklären. Man sollte Herrn Goethe ausbuddeln und schauen, was er dazu sagte.

„Sorry Wolfgang, nachdem nun Töne zum Text kamen, können wir dein Gedicht nicht mehr als Literatur anerkennen.“

Herr Goethe würde wohl laut lachen und sagen:

„Who cares?“

Weil er es konnte. Er tauschte sich ja auch mit Herrn Schiller aus, kritisierte dessen Werk und liess diesen mit seinem ebenso umgehen. Man lebte ein Miteinander und wuchs gegenseitig. Heute gönnt man sich nichts, es könnte ein anderer mehr vom Kuchen bekommen. Mit dieser Haltung verlieren alle. Am meisten man selber.

An dieser Stelle nochmals herzliche Gratulation an Bob Dylan. Der Preis war – ungeachtet der Umstände der Sprechung – mehr als verdient. Und wer das nicht glaubt, soll sich mal an die Analyse der Texte machen. Dann sprechen wir weiter.

Rose-Marie & Rainer Hagen: Bildbefragungen (Rezension)

Bildern auf den Grund gehen

Rose-Marie & Rainer Hagen nehmen uns mit auf eine Reise. Quer durch die Zeit gehen sie 100 berühmten Bildern auf den Grund, beleuchten kleinste Details und erklären diese.

Was sehen wir, wenn wir ein Bild ansehen? Bilder erzählen eine Geschichte auf verschiedenen Ebenen. Zuerst sehen wir das offensichtlich dargestellte – mal konkreter, mal abstrakter. Dieses wirkt. Das Bild hat aber noch tiefere Bedeutungsebenen. Sie liegen in Pflanzen, Symbolen, Kleidern, Haltungen. Und ab und an versteckt sich etwas, so dass es fast übersehen werden könnte. Auch das holen die beiden Autoren ans Licht und lassen den Leser so Stück für Stück ins Bild eintauchen und es erkennen.

Fazit
Ein wunderbar lehrreiches Buch, das nicht nur die einzelnen Bilder in ihren Details entschlüsselt, sondern auch den Blick für weitere Bilder schult.

Über die Autoren
Rose-Marie Hagen, geboren in der Schweiz, studierte Geschichte und Romanistik in Lausanne. Nach längeren Studienaufenthalten in Paris und Florenz übernahm sie verschiedene Lehrtätigkeiten, u. a. an der American University in Washington, D.C. Rainer Hagen, geboren in Hamburg, studierte Literatur- und Theaterwissenschaften in München, arbeitete nach seiner Promotion für Rundfunk und Fernsehen, zuletzt als Redaktionsleiter beim Norddeutschen Rundfunk. Gemeinsam haben beide Autoren im TASCHEN-Verlag mehrere Bücher veröffentlicht, u. a. Meisterwerke im Detail und Monografien über Pieter Bruegel und Francisco de Goya.

Angaben zum Buch:
hagenbildbetrachtungenGebundene Ausgabe: 788 Seiten
Verlag: Taschen Verlag (7. März 2016)
ISBN: 978-3836559232
Preis: EUR 14.99 / CHF 21.90
Erhältlich in einer Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Social Media

Ich lese ja immer mal wieder Tipps und Tricks, wie man auf Social Media durchstartet. Einen verfolgte ich mal und eines meiner Bilder hatte plötzlich 600 Klicks, während der Rest sich bei knapp zwei Stellen tummelte. Und: ich schämte mich. Es war nicht echt. Ich überlegte – so wirklich – das Bild und damit alle Likes – zu löschen. Ich dachte dann, dass das Bild viel schneller Geschichte sei, als ich es löschen könnte – ich denke, ich hatte recht.

Ich höre immer wieder, man müsse eindeutig sein auf Kanälen im Social Media. Nur wenn man fassbar ist, wenn der Content erkennbar ist, wenn die Peergroup sich erkennt (man bemerke meine Kenntnis der Fachbegriffe), hätte man Erfolg.

Ich habe also ein zweites Profil auf Instagram eröffnet. Da stelle ich nun meine (auf fotografischen Anspruch ausgerichteten) Fotos rein. Die ich mag. Ich fotografiere gerne. Und ab und an auch gut (sage ich mal so ganz unbescheiden, wie ich es so wirklich selten fühlen würde – ich bin eher selbstkritisch). Nur: Seit da lösche ich immer mal wieder Bilder, weil ich schlicht falsch eingeloggt bin. (Nebenbemerkung: Meine Spracherkennung erkennt „eingeloggt“ nicht. Sie ist sowas von gestern. Wie ich wohl auch.)

Ja, ich bin Literatin, ich liebe Bücher. Aber mein Gott: Das Leben besteht nicht nur aus Buchstaben. Bei mir zwar sehr – lesend und schreibend. Aber: Es gibt noch mehr. Und bleibe ich nicht immer ich? Wenn jemand sich gestört fühlt durch ein Bild, das nicht ein Buch oder ein Zitat daraus bringt, dann soll das wohl so sein. Ich merke immer wieder: Ich kann mich nicht zweiteilen. ich bin ich. Und ich bin vielschichtig. Und alles, was ich bin, soll bei mir sein.

Damit bin ich wohl nicht so der Bringer auf Social Media. Aber: Ich bin ich. Und ich kann dazu stehen. Ich mag es nicht, mich nach aussen darzustellen. Das zählt zwar heute, ich kann wohl nicht mithalten. Den Preis dafür zahlen wohl viele. Wirklich gewinnen nur einige wenige. Aber ganz viel mehr leiden. ich bleibe mal, wie ich bin. Nicht so wirklich eindeutig. Eher so vielschichtig. Schon mit einer Linie. Und mit Können. Denn: Was ich nicht kann, das tu ich nicht. Von „mach doch mal“ halte ich wenig. Wenn man nicht tut, was einem liegt, wenn man nicht ist, was tief im Herzen liegt, wird man immer nur abarbeiten. Einige kriegen was aufs Konto, die meisten verlieren sich selbst.

Dali: Die Diners mit Gala (Rezension)

Kulinarische und ästhetische Freuden

„Mit sechs Jahren wollte ich Köchin werden.“

Dies schrieb Salvador Dali einst, geworden ist er Maler, einer der Grössten und Bekanntesten. Gaumenfreuden war er aber durchaus nie abgeneigt, wovon die 12 Diners zeugen, die in diesem Buch vorgestellt werden. Salvador Dali hat es verwirklicht, es wurde 1973 zum ersten Mal in französicher Sprache veröffentlicht und enthält 12 Kapitel mit klingenden Namen wie:

Fürstliche Torheiten
Herbliche Kanibalismen
Sodomisierte Zwischengerichte
Weiche Uhren im Halbschlaf
„Ich esse Gala“

Eingeleitet werden Die Diners mit Gala mit „Dalis kleinen Anthologie der Gastronomie“, in welcher man erfährt, wie für Dali Essen beschaffen sein muss, dass es ihm schmeckt:

Wirklich gern ess ich nur das, was eine klare und für den verstand begreifbare Form besitzt. Und wenn ich dieses schreckliche, erniedrigende Gemüse verabscheue, das sich Spinat nennt, so deshalb, weil Spinat formlos ist wie die Freiheit.

In der Folge erwarten den Leser 136 Rezepte von den besten Adressen der damaligen Gastronomie (Lasserre, La Tour d’Argent, Maxim’s – um nur einige zu nennen), die allesamt gut beschrieben sind, so dass sie nachkochbar wären. Wir können damit also das Essen der Diners geniessen, welche Dali mit seiner Gattin und Muse Gala veranstaltete. Dass die Zutaten für heutige Begriffe etwas eigenwillig erscheinen, erstaunt nicht, wenn man bedenkt, wer sie uns hier vorstellt.

Die Rezepte werden begleitet von Fotografien der gedeckten Tafeln, Illustrationen aus der Hand Dalis wie auch zum Thema passenden Bildern des surrealistischen Malers. Die Illustrationen der 12 Kapitelanfänge sind aus dem Werk von Hieronymus Bosch entnommen.

Das Buch darf mit Fug und Recht als wahre Augenweide bezeichnet werden, wozu auch die hochwertige Aufmachung beiträgt. Wenn auch nicht alle Rezepte jedem Gaumen schmeicheln mögen, so ist doch das eine oder andere dabei, welches auszuprobieren in den Fingern juckt. Jedes Kapitel wird mit wenigen Zeilen eingeleitet, die nicht nur vom Witz des Autors zeugen, sondern auch sonst einiges über ihn verraten.

Fazit
Ein wunderbar anzuschauendes, ab und an zum Schmunzeln anregendes und durchaus auch zum Kochen animierendes Buch. Absolut empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
dalidinersGebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Taschen Verlag (25. September 2016)
ISBN: 978-3836508759
Preis: EUR: 49.99 ; CHF 68
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Wann ist ein Künstler Künstler?

Heute las ich auf FB die Frage, wann ein Mensch Autor genannt werden könnte. Da diese Frage relativ einfach zu beantworten ist, da Autor ein relativ klar definierter Begriff ist (Autor ist grundsätzlich ein Verfasser eines Textes – und der muss in Umfang, Art und Verwendung nicht definiert werden), wollte der Fragende wohl mehr erfahren. Und das hat er.

Es hagelte nur so Antworten. Wirklich interessant waren die Antworten derer, die sich als Autoren von anderen Schreibenden abheben wollten. Autor, so hiess es vehement, sei nur, wer ein Buch bei einem Verlag veröffentlicht hätte. Alle anderen wären nur Hobby-Schreiberlinge. Sie wurden auch nicht müde zu betonen, dass sie selber für (gleich) mehrere Verlage schrieben und das beim Finanzamt angäben (das Finanzamt scheint in dem Fall sehr wichtig zu sein). Sie gestanden bei dieser sehr finanzorientierten Definition immer ein, dass man nicht zwingend davon leben könne, wenn man die Kriterien erfüllt. Ich war froh, denn ich hatte von den Namen noch nie gehört, geschweige denn was von ihnen gelesen. Autor sei – das war trotzdem ihr Fazit – nur einer, dessen Text mindestens einmal gekauft wurde.

Nun erachte ich Schreiben durchaus als Kunst (mal mehr mal weniger kunstvoll). Ich wagte also todesmutig den Vergleich mit der Malerei. Gaugin, so mein Einschub, sei also ein Hobbymaler gewesen. Die Antwort: Zu Lebzeiten wohl. Zum Künstler wurde er erst posthum. Ich war dann still. Und dachte mir meines.

Hätte Gauguin es ebenso gesehen, gäbe es wohl kein Bild von Tahiti. Ganz viel Kunst wäre nie entstanden, würde man Kunst nur am Geldfluss messen. Ja, einige Kunst bringt viel Geld. Aber auch ganz viel Mist bringt viel Geld. Kunst am Geld festzumachen, erachte ich als falschen Weg. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Künstler leben könnten von ihrer Kunst. Ich hätte Gauguin all die posthumen Millionen gegönnt. Generell wäre es schön, dass Kunst einen Wert hätte, der es dem Schaffenden ermöglichen würde, zu überleben. Und zu schaffen.

Aber: Kunst nur daran zu messen? Damit würde man der Kunst die Seele rauben. Kunst wäre keine Auseinandersetzung mehr mit dem Leben, mit der Welt, sie wäre blosser Kommerz. Und nein, ich sage damit nicht, dass jede Kunst, die Geld bringt, keine ist. Es gibt zum Glück Künstler, die früh genug entdeckt und gefördert und bezahlt werden. Der Umstand, wer dieses Glück hatte und wer nicht, entscheidet kaum über die Qualität ihrer Kunst, es sagt schlicht mehr über die Umstände aus, denn: Es gibt ganz viel finanzierte und veröffentlichte Kunst (Literatur), die schlicht nur Schrott ist, genauso gibt es viel an Kunst, das in Schubladen, Ateliers und Kellern auf Entdeckung wartet.

Ob etwas Kunst ist, sollte sich aus dem Werk selber definieren, nicht daraus, ob es Geld brachte. Produziert jemand nur, um Geld zu kriegen, ist es selten Kunst. Kann sein, muss nicht. Das ist nicht verwerflich. Wir müssen alle leben. Nur: Wenn wir dann aufs hohe Ross steigen und alle anderen abstufen, dann sitzen wir schlicht auf dem falschen Pferd. Ich bin dankbar für all die Künstler, die auch ohne finanziellen Erfolg weiter machten. Wie viele Meisterwerke in allen Bereichen wären uns verwehrt gewesen sonst.

Ich wünsche mir, dass jeder Künstler den Mut hat, seinen Weg zu gehen. Dass er sich nicht abhalten lässt von solchen Aussagen, die wohl mehr von der Profilierung der Aussprechenden zeugen als von einem Kunstverständnis. Künstler zu sein, hat selten mit Wohlstandswillen zu tun, es ist meist der Wunsch, sich auszudrücken. In einer Welt, die ist, wie sie ist. Wenn es gehört werden will – zu Lebzeiten des Künstlers –, umso schöner.

James Patterson: Das 10. Gebot (Rezension)

Angriffe auf Frauen und ein verschwundenes Baby

Inhalt

Mit nichts als einem neongrünen Plastikumhang bekleidet stolperte das Mädchen eine dunkle Strasse entlang. Sie hatte Todesangst und grässliche Schmerzen, Krämpfe, die wie ständig wiederkehrende Schläge auf ihre Eingeweide einprasselten und immer schlimmer wurden.

Patterson10Lindsay Boxer hat endlich geheiratet, doch schon bald holt sie der grausame Alltag wieder ein: Ein junges Mädchen irrt blutüberströmt durch die Strassen, sie hat gerade entbunden und ihr Baby ist verschwunden. Sie kann sich an nichts erinnern. Zur gleichen Zeit häufen sich auch Fälle von Angriffen auf Frauen, welche vergewaltigt und halb bewusstlos liegengelassen werden.

Wird Lindsay das Baby noch lebend finden? Wer ist überhaupt der Vater und was ist mit dem Mädchen wirklich passiert? Hängt der Fall mit den Vergewaltigungen zusammen? Die Polizei tappt im Dunkeln und hat auch genügend andere offene Fälle, so dass Lindsays Chef wenig erfreut ist, dass Lindsay einem eigentlich abgeschlossenen Fall nachforscht und damit auch noch Yuki, ihrer Freundin und stellvertretenden Bezirksstaatsanwältin in die Quere kommt, die neuerdings die Freundin desselben Chefs ist.

Beurteilung
Es geht mal wieder hoch her beim Women’s Murder Club. Der zehnte Fall ist an Spannung kaum zu überbieten, die gewohnt kurzen Kapitel erhöhen noch zusätzlich das Tempo, so dass man kaum zum atmen kommt während des Lesens – von weglegen ganz zu schweigen.

Patterson hält den Spannungsbogen geschickt hoch durch die Wechsel zwischen den Fällen, die geschickt gesetzten Cliffhanger ziehen den Leser förmlich durch die Geschichte. Die privaten Geschichten der vier Frauen entwickeln sich kontinuierlich weiter, so dass ein roter Faden durch die ganze Reihe ersichtlich ist. Trotzdem ist auch dieser Fall unabhängig von den anderen 9 Fällen gut zu lesen und zu verstehen.

Fazit:
Ein Pageturner durch und durch: Geschickt gesetzte Cliffhanger in einem tempo- und spannungsreichen Thriller. Absolute Leseempfehlung.

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Der 1. Mord, Die 2. Chance, Der 3. Grad, Die 4. Frau, Die 5. Plage, Die 6. Geisel, Die 7 Sünden, Das 8. Geständnis, Das 9. Urteil, Das 10. Gebot, Die 11. Stunde und Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (9. Mai 2014)
Übersetzung: Leo Strohm
ISBN-Nr: 978-3442383597
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Picasso: Über Kunst (Rezension)

„Malerei ist Poesie“ – Picasso über die Kunst

Das schmale Bändchen enthält Auszüge aus Picassos Gedanken zum Thema Kunst und auch zum Leben als Künstler. Es ist ein kurzer Zusammenschnitt verschiedener Aussagen, die Picasso im Rahmen von Gesprächen mit Freunden gemacht hat.

Den Einstieg in seine Gedanken macht das Zitat:

Ich sage nicht alles, aber ich male alles.

Dass er doch einiges gesagt hat, beweist unter anderem das vorliegende Bändchen. Es folgen nämlich Gedanken zur Malerei und ihrem Zweck in der Welt:

Malerei ist nicht erfunden worden, um Wohnungen auszuschmücken! Sie ist eine Waffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind.

zur Existenz des Künstlers:

Der Künstler ist wie ein Sammelbehälter von Empfindungen

zu Bildern und deren Einordnung:

In den Museen sieht man nur „misslungene Bilder“. Was wir jetzt als „Meisterwerke“ ansehen, sind die Werke, die sich am weitesten von jenen Regeln entfernten, die die Meister der betreffenden Epoche aufstellten.

aber auch Philosophien zum Leben an sich:

Die Persönlichkeit kommt nicht dadurch zustande, dass man eine sein will. Wer darauf versessen ist, originell zu sein, verliert nur seine Zeit und täuscht sich; wenn er überhaupt etwas erreicht, so ahmt er nur nach, was ihm selbst gefällt, und wenn er noch darüber hinausgeht, bringt er etwas zuwege, das ihm nicht einmal mehr ähnlich sieht.

und der Welt, die Picasso um sich wahrnahm:

…weil der Mensch aufgehört hat, einfach zu sein. Er wollte weiter sehen und verlor die Fähigkeit, das zu begreifen, was er vor Augen hatte.

Daniel Keel hat die Aussagen zusammengestellt und sie mit Verweis auf das jeweilige Buch, aus welchem sie entnommen wurden, thematisch gegliedert. Abgerundet wird das Ganze mit sieben Zeichnungen des Meisters.

Fazit
Eine Auswahl von Zitaten Picassos, die einen Einblick in das Denken und Wirken des eigenwilligen Malers gewähren und Lust auf mehr machen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
PicassoKunstTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (1988)
ISBN-Nr.: 978-3257216745
Preis: EUR 8.90 / CHF 13.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH