Ich war mal ein Yogi

Ich erinnere mich gut. Ich war im Studium, las mich kreuz und quer, kam über Schopenhauer und andere hin zur östlichen Philosophie und von da zum Yoga. Ich fand das toll: Geist auf den Körper angewandt, alles in einem, ganzheitlich. Das leuchtete mir ein, das spornte mich an: Ich wollte das kennenlernen.

Ich meldete mich aus dem Stand für meine erste Lehrerausbildung an. Ich hatte noch nie einen Fuss auf eine Matte gesetzt. Das änderte sich mit dem ersten Tag im Unterricht. Ich war täglich auf der Matte, atmete ein, was sich mir zeigte. Ich sah, was andere tun, hörte, wie über die geurteilt wurde, die keinen Spagat, Kopf- und Handstand können – und nebenher wurden die ethischen Prinzipien runtergebetet.

Ich hatte nie Mühe, da ich von Natur sehr beweglich bin. Niemand hätte je gedacht, dass ich Yoga noch nie gemacht hatte. Alle Verknotungen schaffte ich mit links, die Muskeln (ich hatte als Sportmuffel keine) baute ich auf. Ehrgeiz war noch nie mein Schwachpunkt. Mir genügte es nie. Ich nahm alle Positionen (ausser dem Handstand, der ist mit einem Trauma behaftet) problemlos ein. Und ich fand Yoga gut. Im Kern. Nie in der Ausübung. Ich war kaum je mehr unter Stress als da. Und ich sah nie mehr verletzte Menschen als in der Zeit. In keiner Ausbildung gab es einen Menschen, der kein Leiden hatte. Alle litten sie an Knie, Schultern, Rücken….

Es war nicht meine Welt. Ich habe irgendwann die Reissleine gezogen für mich. Zumal ich unter chronischen Schmerzen litt, die just nachliessen, wenn ich mit Yoga aufhörte. Ich stieg aus. Stieg aus aus der Ausstiegsgemeinschaft Yoga. Und es war gut.

Eine Klasse behielt ich. Eine Gruppe von Senioren. Ich mache keine haarsträubenden Übungen mit ihnen. Es ist herzlich. Menschlich. Alle haben ihre Gebrechen – wir sind alle nicht jung. Sie sind über 60, teilweise über 80. Wir atmen, wir lachen. Wir schauen, was geht. Wir haben keinen Wettbewerb. Wir nehmen den Tag, wie er kommt.

In der letzten Stunde sagte ich zu „meinen“ Damen: Ich mache kein Yoga mehr, nur noch mit euch. Als die Stunde fertig war, merkte ich, dass das nicht stimmt. Ich machte nie mehr Yoga. An dem Nachmittag setzte ich mich in den Garten und meditierte. Nicht nach Anleitung. Ich könnte dem keinen Namen geben. Für mich war es Meditation. Ich sass und atmete und war. Und ich fühlte mich gut. So ruhig. Und es hallt nach. In mir. Und das ist gut.

Ich habe keinen Namen mehr dafür. Bin ich ein Yogi, bin ich Buddhist? Meditiere ich? Ich bin. Ab und an bewusst im Moment. Das möchte ich wieder öfters tun. Ohne Stempel, ohne Namen. Und ich freue mich auf meine Frauen nach den Ferien. Sie haben mir viel beigebracht. Mehr als alle Ausbildungen je. Und: Zu sehen, dass sie sich auf meine Stunden freuen und diese ihnen gut tun, ist mein Highlight der Woche jeweils.

Es ist immer ein Geben und Nehmen.

PS: Und ja, ab und an mache ich auch Asanas, strecke Beine in die Luft und beuge mich über dieselben. Und es tut gut. Ich mache es nur noch für dieses Gefühl. Ohne anderen Anspruch.

3 Comments

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  1. Ich liebe unsere Mütter-Yogastunde in der alten, zugigen Turnhalle, mit immer derselben Gruppe. Nichts mit schneller-höher-weiter, dafür lachen wir viel und lassen für eine Stunde unsere Alltagssorgen in der Garderobe. Freude und Wohlwollen – das ist für mich Yoga.

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