Alles Werbung oder was?

Gerade sah ich ein Werbevideo. Ein Coach (mir gewogene Leser kennen meine Gefühle gegenüber dieser Gattung) warb für sich und seine Idee. Natürlich tat er das nicht plump, er sagte nicht:

Kommt alle her, ich bin der Beste und durch mich werdet ihr auch die Besten!

Er erzählte eine Geschichte. So ganz harmlos. Erzählte, dass er Läufer sei, erzählte, dass es dabei gewisse Dinge brauche. Hatte nette Bildchen auf Karten, die er zu Stichworten aufs Pult warf. Es war nett, harmlos. Die Stimme plätscherte beruhigend dahin. Man sass so da, sah zu und nickte ein wenig.

Ich war aber grad eher nicht nickend gepolt. Ich sah plötzlich dies und das und machte mir diese und jene Gedanken. Das kommt ab und an über mich. So sage ich nun auch nicht, dass ihr nun ganz gut aufpassen sollt und ich am Schluss recht habe, ich erzähle einfach eine Geschichte:

Ich sah ein Video eines Coaches. Alles, was er sagte, klang nett und gut. Dann fiel mein Blick auf seine Hände. Von da war der Weg nicht weit zu seinen Hemdsärmeln. Die ragten aus den Sakkoärmeln hervor. Ich habe mal gelesen, so getragen und zur Schau gestellt signalisiere das Publikumsnähe. Als Redner sage man:

Ich bin einer von euch.

Vor den Hemdsärmeln prangte eine sehr – wirklich sehr – grosse Uhr. Das Sakko war nicht schwarz, sondern in einem glänzenden Anthrazit gehalten. Das Hemd nicht reinweiss, sondern mir Punkten. Die Botschaft:

Ich kann mir was leisten, ich kauf nicht von der Stange und ich weiss, was gerade modern ist.

Im Hintergrund stand ein Flipboard mit einer Zeichnung. Das Flipboard war nie in Gebrauch, es stand quasi nur so rum. Die Zeichnung drauf in einfachen, energischen Strichen gehalten und durchaus passend – das aber nicht zu offensichtlich.

Und so sass ich da und fand es irgendwie schade. Um sich gegen immer mehr Werbeangebote schützen zu können, muss man drauf trainiert werden, Signale zu deuten, damit man ihnen nicht wehrlos erliegt. Alles wird zur Botschaft, alles kann eingesetzt sein. Was ist echt? Rutscht das Sakko einfach mal nach hinten? Mag man einfach Punkte? Ist alles eingesetzt oder blosser Zufall?

Klar, das könnte man nun die Evolution des modernen Menschen bezeichnen. Erkenne die Gefahren und wappne dich dagegen. Und doch beklage ich, dass die immer grösser werdende Deutungswut in Bezug auf alle nur erdenklichen Ebenen menschlichen Daseins dazu beiträgt, dass keiner mehr einfach so sein und tun kann. Jeder fragt sich:

Was heisst das denn nun? Was sagt es über mich aus?

Und auch:

Was meint der denn nun?

Aber natürlich war das immer schon so. Das ist übrigens das beliebteste Argument derer, die eigentlich nichts zu sagen haben, aber doch was sagen wollen. Man kann das deuten.

Udo Jürgens: Heute beginnt der Rest deines Lebens

Rousseau sagte einst:

Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.

Wir kommen auf die Welt, fangen bald schon an, diese zu erkunden. Erst noch frei, werden wir Schritt für Schritt mit den Regeln unserer Zeit und Gesellschaft bekannt gemacht. Wir passen uns an, wir müssen – denn: Wer sich nicht anpasst, der passt nicht. Und so baut sich von aussen und bald auch von innen ein kleines Gefängnis von Regeln und Vorschriften, davon, was geht und was nicht. Nicht dass solche Regeln für das Miteinander nicht wichtig und richtig wären, nur gehen sie so weit, das eigene Ich zu unterdrücken, aus kreativen, eigenständigen die Welt erforschenden kleinen Wesen konforme Mitmenschen zu machen.

Und ja, der Mensch will dazu gehören. Er will geliebt sein, er will akzeptiert sein. Er schickt sich rein. Und leidet ab und an. An diesem und jenem. Und irgendwann fragt er sich: Ist es das wirklich? Ist das mein Leben? Teilweise ja, teilweise könnte man was ändern. Wenn man es wagt. Da setzt Udo Jürgens an:

Heute beginnt der Rest deines Lebens

Du hast jeden Tag die Chance, das Leben in die Richtung zu lenken, die du ihm geben willst. Du kannst es wagen, frei von Regeln zu sein, Heuchelei musst du nicht mehr ertragen und auch nicht mehr selber von dir geben. DU kannst dein Glück fassen, musst nicht nur suchen und dann doch wieder tun, was du immer tatest.

Es muss nicht alles perfekt sein, es darf auch mal aus der Norm fallen. Bleib einfach ehrlich. Tu, was du willst, will, was du tust, was kümmert dabei, wie alt du bist? Du hast heute die Chance, das zu tun, was du tun willst – Nutze sie!

Es geht nicht drum, was du hast, sondern darum, was du bist. Sein statt Schein. Wie befreiend. Steh zu deinen Gefühlen, verliere keine Zeit mit vagen Worten, mach! Wenn du Träume hast, verfolge sie, lass dich nicht brechen, steh zu dir. Verfall nicht in Trägheit, sondern pack es an. Heute. Und ja, zu zweit klappt es vielleicht besser. So oder so: Heute beginnt der Rest deines Lebens, drum:

Carpe diem!

Songtext

Von jetzt an Freiheit wagen,
Heuchelei nicht ertragen,
Das Glück erfassen,
Statt nur suchen nach mehr…

Fünf einmal g’rad sein lassen,
Nicht in Tabellen passen,
Und um die Wahrheit kämpfen…

Tun, was man will,
und woll’n, was man tut.
Ob jung oder alt,
Gilt uns’re Devise…

Heute beginnt – der Rest deines Lebens
Jetzt oder nie – und nicht irgendwann!
Schau‘ auf dein Ziel – kein Traum ist vergebens.
Heut‘ fängt die Zukunft an!

Von jetzt an Sein statt Haben,
Nicht das Gefühl vergraben,
Einander finden,
Anstatt Worte verlier’n…

Über die Trägheit siegen
Und nicht das Rückgrat biegen.
Nicht seinen Traum verraten

Seh’n mit dem Herz
Und nie resignier’n
Mit dir Hand in Hand
Alles erfühlen…
Refrain

Heute beginnt – der Rest deines Lebens
Heute fängt an – was du daraus machst!
Geh‘ durch die Nacht – dem Morgen entgegen,
Als ob du neu – erwachst…

Zukunftsplanung

Wie immer bei Facebook – das Leben ist aktuell, Meinungen werden geteilt.

Meine Timeline grad so:
A: Bitte seid für erneuerbare Energien, bitte stimmt für Energie 2050, damit unsere Tiere und wir weiter leben können

In Opposition:

B: Bitte stimmt dagegen, sonst sterben Vögel und andere in den und durch die Windräder(n)…

Der einfachste Weg wäre, zu sagen: Tot sind sie eh… Aber: Schön wäre, Argumente zu kriegen, die ehrlich sind und nicht nur der eigenen Sache dienen. Aber das ist wohl zuviel verlangt. Drum funktioniert heute eine Demokratie nicht mehr. Die gefärbten Infos überfluten, wirklich ehrliche Argumentation muss man sich mühsam suchen. Wer tut das schon? Man kriegt den Rest ja frei Haus. Das ist nicht neu. So läuft es. Das wissen die, welche plakativ streuen. Darin liegt die Gefahr. Nicht nur bei der Energie. Da wohl fast am wenigsten. Obwohl es um Lebensgrundlagen geht…

IKEA – oder: Kerzen gehen immer

Ein Besuch bei IKEA ist meist zielgerichtet: Man braucht was. Man fährt also guten Mutes los, will das traute Heim bestücken mit dem, was grad fehlt. Mit im Gepäck der feste Vorsatz:

Ich kaufe nur das, weswegen ich herkam!!

So läuft man schon von Anfang an ziemlich gestresst durch all die Gänge, schliesslich weiss man, was man will, muss nur die restlichen Bereiche durchschreiten, denn: Bei IKEA kann man nicht einfach dahin, wo man hinwill, NEIN(!!!), man muss durch alles hindurch. Und da sieht man viel. Darauf legt es IKEA an und man weiss das. Und man wappnet sich dagegen mit Kampfsprüchen wie:

Ich kaufe nur das, weswegen ich herkam!!

Und so läuft man durch die Gänge, legt in den Korb, packt wieder aus, wird wieder schwach, legt zurück. Und ab und an findet man, weswegen man kam, ab und an auch nicht, nur: Was man immer heimbringt?

KERZEN

Weil: Kerzen kann man immer brauchen. Kerzen gehen immer. Kerzen sind so das, was man nie irgendwo günstiger und besser fände. Drum packt man ein, was grad so passt und ausgehen könnte. Und selbst wenn man noch ein paar hätte, denkt man, sie könnten ausgehen und man weiss nicht, wann man wiederkommt. Schliesslich ist IKEA gefährlich und man will sich dieser Gefahr nicht zu häufig ausetzen. Und man packt ein. Kleine Kerzen, grosse Kerzen, bei all den Kerzen auch noch Behälter, sie reinzustellen.

Und irgendwann geht der Stauraum aus für all die ach so günstigen Kerzen, die man nie schnell genug abbrennen konnte, man müsste umziehen oder anbauen. Doch dann fehlt was. Und man denkt:

Ich geh mal schnell zu IKEA

Und wenn man mal da ist, sieht man sie und findet

Kerzen gehen immer

Es ist ein Kreuz!

Ich sage NEIN

Heute stiess ich auf Facebook auf einen Beitrag eines „Freundes“. Ich gebe zu, ich hatte keine Ahnung, wer das war und wie ich zu der Ehre der Freundschaft gekommen war, aber das sah ich nun: Ein Bild, das er irgendwo kopiert hatte. Zwei sich küssende (wirklich attraktive) Männer. Er schrieb dazu, er fände das widerlich. Die Kommentare schlugen in die gleiche Kerbe. Zwei Männer gingen gar nicht. Liebe sei nur Mann und Frau, alles andere sei pervers. Da wurden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung als WIDERLICH (sorry, ich muss das deutlich sagen) bezeichnet.

Ich habe das angeklagt. Ich schrieb einen eigenen Post und sagte, dass ich ein solches Verhalten nicht akzeptiere. ich sagte, dass ich keine Homophoben Menschen in meiner Freundschaftsliste haben will. Ich sagte, dass es nicht angehe, Menschen wegen ihrer religiösen, sexuellen Ausrichtung, Herkunft oder Hautfarbe abzuwerten. Ich wurde angegriffen. Und zwar massiv.

Ich bin aktuell geschockt. Und nachdenklich. Ich bin geschockt, wie viele sich für eine Meinungsfreiheit bei menschenverachtendem Tun einsetzten. Wie ich angegriffen wurde, weil ich Menschen in ihrer Würde, ihrem Sein schützen wollte.

Ich sei ein Ignorant, weil ich mich für Menschenrechte einsetzte. Die Meinungsfreiheit wurde ins Feld geführt, nicht wissend wohl, dass die Menschenwürde, die angegriffen wurde, höher steht. Und: Meinungsäusserungsfreiheit wurde für Diskriminierung, Abwertung geltend gemacht, wo diese doch zum Schutz der Menschenwürde und des Antirassismus einst eingeführt wurde – das mutete schon fast skurril an.

Ich stehe weiter dazu: Ich bin gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Pauschalverurteilungen aufgrund von Herkunft, Religion, sexueller Ausrichtung, Hautfarbe. Wenn das Intolerant ist, dann bin ich das.

Liebe(slieder) für die Welt

Wieder stiess ich über sieben Ecken (aka Blogs) auf eine wunderbare Aktion, bei der ich gerne mitmachen möchte. Ein Aufruf: Die Welt braucht mehr Liebe – Blogger spielen Liebeslieder (Link zum Ursprungsartikel: HIER)

Musik spielte in meinem Leben immer eine wichtige Rolle, ich erinnere mich an Lieder, die ich als unglücklich verliebter Teenager in Endlosschleife hörte und das Kissen vollweinte, ich erinnere mich an schöne Momente und die Musik, die damals lief – und beim Wiederhören kommt die Erinnerung wieder hoch. Ich erinnere mich an Lieder, die ich geschenkt erhielt, an Lieder, die auf Ausflügen liefen und dadurch eine Bedeutung kriegten. Ich erinnere mich an Lieder, die mich zum tanzen brachten, solche, die mich zum träumen brachten – und bringen.

Was ist das schönste Liebeslied? Das ist schwer, denn es gibt so viele wunderbare Liebeslieder, ich entscheide mich für dieses:

Udo Jürgens ist einer der Künstler, die mich über Jahre begleitet haben. Ich war an jedem Konzert in Zürich, teilweise zweimal pro Tour – ich war auch am Konzert im Video. Dieses Lied ist für mich wundervoll sowohl vom Text, von den Stimmen, von der Melodie – es schraubt sich hoch und ich fühle, was sie singen. Es spricht die Wünsche und Sehnsüchte an, die man in einer Liebe hat, es ist voller Zuversicht.

Einkaufsgeschichten

Sandra war einkaufen, kehrte zurück – zum wiederholten Mal – und hatte eines vergessen: Abfallsäcke. Die noch vorhandenen waren nicht nur an einer Hand, sogar an einem Finger abzählbar, es wurde eng. So zog Sandra nochmals los. Abfallsäcke kaufen. Eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss.

Als Ort des Geschehens wählte sie ein Einkaufszentrum, das noch so dies und das hat. Wenn man schon ein zweites Mal loszieht, kann man ja auch ein wenig durchs Angebot streifen. Nur so zum Schauen.

Die erste Station war die Papeterie. Noch nie hatte Sandra einen so schönen, rosaroten Minenbleistift gesehen. Den musste sie haben. Und da man eh nie genug Bleistifte haben kann, gleich noch ein Vorteilspack althergebrachter eingepackt. Da man die spitzen muss, müssen auch noch zwei Spitzer mit – man kann nie genug davon haben, auch für unterwegs oder sonst wo. Dass es auch eine grosse Auswahl an Notizbüchern gibt, ist wunderbar, denn auch von denen kann man nie genug haben, zumal eines so schnell voll ist.

Sandra wollte schon weiter, da sah sie sie: Die kleine Eule, ein Plüschmagnet. Sie hatte einen Namen, den hatte sie vergessen. Was sie nicht vergessen hat, war, die kleine Eule in den Einkaufskorb zu legen. Als Eulensammlerin (schon ihre Oma sammelte Eulen, Eulen sind toll) konnte sie sie nicht einfach in diesem grausam grellen Einkaufszentrum darben lassen. Weil sie so klein war, fragte sie bei Mitarbeitenden, ob es aus der gleichen Reihe noch grössere gäbe. Die meinten, dass dem nicht so sei, es aber vielleicht bei den Plüschtieren (ganz oben, in der obersten Etage) mehr Eulen gäbe.

Sandra stieg in die Kinderabteilung hoch, hatte das eine oder andere in der Hand – Beissringe, Einschlafmusikdosen, Rasseln. Aber: Sie war stark, sie nahm nichts davon mit, auch wenn alles süss war. Stattdessen stieg sie wieder hinunter. Und noch weiter hinunter als vorher. Quasi in den Untergrund, wo die wahren Dekoverführungen lauerten.

Schon lange wollte sie das Bad umgestalten. So in ihrem Sinne. Als sie dann die wunderbar rosanen Badetücher sah, war es um sie geschehen. Da es draussen so trüb war, musste auch gleich ein passend-fröhlicher Badevorhang her.

Das war’s. Ok – sie gestand es ein, sie hatte noch so ein Häng-Teil in rosa, Würfelform, auf dem stand „Tussi on the road“, das man ins Auto hängen kann, eingesteckt. Sie fand es so… abartig… sie musste es haben. Um es reinzuhängen. Denn: Mit dem am Spiegel konnte man sich alles erlauben. Wenn jemand motzte? Einfach mit unschuldigem Lächeln winken und auf die Würfel zeigen… ☺

Sie ging also zur Kasse, bezahlte (huff) und rannte schnell raus, wartete mit wippenden Zehen und tippenden Fingern auf den Bus (soll bloss kommen, bevor noch eine Verführung lockt) und fuhr heim. Da merkte Sandra: Sie hatte die Abfallsäcke vergessen……

Ich schaue bestürzt in die Türkei

In sogenannt freien Ländern ist die Abstimmung selten so knapp wie in der Türkei aktuell. Sogar bei der aktuellen Abstimmung wurde die Angst vor Ort geschürt. Und trotzdem standen viele hin und stimmten – gegen das herrschende und Angst machende System.

Sie stimmten gegen das, was nun kommen wird – und war. Was würde deutlicher den Missstand zeigen, der in dem Land herrscht? Da ist keine Regierung an der Macht, die man will. Da ist eine , die genügend Angst produziert, um zu bleiben. Und sogar die Angst (eines der mächtigsten Gefühle im Menschen) ist bei vielen weniger dominierend als bei anderen (so hier zu Lande) die Faulheit, am Sonntag aufzustehen, um den Stimmzettel einzuwerfen.

Meine Gedanken sind bei all den Türken, die den Mut hatten, ihre wirkliche Stimme abzugeben. Ich verstehe all die, welche Angst hatten. Man hat Verantwortung. Und wägt ab. Leider gewinnen genau dadurch Menschen wie Erdogan. Und andere vor ihm. Nur: Es ist leicht, vom sicheren Sofasessel zu urteilen. Besser wäre es, Wege zu finden, dass es nie mehr so weit kommt.

Der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Erdogan hat auch nur Macht, weil er schon so weit ist. Irgendwie kam er dahin. Vielleicht müsste man mal das durchleuchten. Die Mechanismen, die Ellbogenmenschen befördert. Bis sie nicht mehr aufzuhalten sind.

Und nein, ich reise nie mehr in die Türkei. Ich hörte vielfach, es sei schön da. Ich schrieb schon gegen die Haltung gegen den Völkermord gegen die Armenier. Ich schreibe weiter. Gegen eine Haltung gegen freiheitliches Denken. Gegen Demokratie. Gegen Diktatur und Unterdrückung. Meine Gedanken gehen an das Volk. Ich möchte nicht in der Haut stecken.

Ostern und die Frauenfrage

Ich stand heute um 7 auf, putzte, kochte, wusch, putzte wieder, goss im Garten, führte den Hund aus, räumte das Katzenklo, kochte wieder, redete aufs Kind ein, putzte wieder. Dann las ich auf Twitter dieses:

Wie schändlich, dass alle frei haben und keiner weiss, wieso, wo die biblischen Ursprünge sind.

Die Bibel ist eines der grössten literarischen Werke (für mich nicht mehr, aber das bestimmt). Nur: Wie muss ich als Frau das verstehen, wenn man meint, ich hätte heute frei? Die Schreibende ist sonst sehr emanzipiert unterwegs. So selbst-deklarativ. Auf meine Anmerkung, dass es der Rolle der Frau durchaus dienlich wäre, man würde die Arbeit zu Hause auch mal als solche anerkennen, kam: Jaja, so war das ja nicht gemeint.

Genau da schwächelt das Ganze aber ja: Wer kümmert sich immer noch mehrheitlich um Kinder? Um kranke Eltern? Um bedürftige Angehörige? Wer steckt zurück – mehrheitlich? Es sind Frauen. Einige machen es gern und freiwillig, andere haben keine andere Wahl. So oder so wäre vor allem der Frau, aber auch der Gesellschaft gedient, wenn Arbeit endlich als solche anerkannt würde. Wenn die Arbeit zu Hause nicht als Nebenher gesehen würde und die sie Ausübenden nicht als minderwertig gegenüber ihren so genannt arbeitstätigen Geschlechtsgenossinnen.

Wer mich kennt, weiss: Ich bin alles andere als Gender-Fan. Ich mag keine Quoten, mag keine Frauen-an-die-Macht-Posts. Ich möchte nur, dass Arbeit anerkannt wird. Egal, was sie privatwirtschaftlich einbringt. Wenn sich aber selbst Frauen gegenseitig gering schätzen, wie wollen sie dann Männer angehen, die das tun?

Fleisch oder kein Fleisch – das ist die Frage

Ernährung ist die neue Religion. Die einen schiessen gegen die anderen. Diese sind die Ignoranten. Veganer argumentieren mit armen Tieren, Augenrollen und ethischen Motiven, Fleischfresser mit Biologie, Ironie und Tradition. Meine Meinung?

Jeder, der sich vegetarisch oder vegan ernähren will, soll das tun. Ich würde ihn nie verurteilen (wie könnte ich, ich lebte selber insgesamt 16 Jahre vegetarisch, teilweise wohl fast vegan, ohne den Ausdruck damals zu kennen) – so lange er nicht andere damit missionieren will. Er darf seine Welt zeigen, andere teilhaben lassen, aber: Entscheiden soll jeder selber können. Wer nun einwenden will, Kühe können auch nicht entscheiden, ob sie gemolken oder geschlachtet werden wollen, dem sei gesagt: Tomaten können das auch nicht. Wo setzen wir die Grenze? Man weiss (!) heute, dass auch Pflanzen Gefühle haben. Nur können sich das die meisten weniger vorstellen als bei Tieren. Kühe schauen einen aus tiefbraunen Augen an und man hat den Jö-Effekt – der fehlt bei der Tomate. Vielleicht blüht die auch lieber unter freiem Himmel als im Treibhaus? Vielleicht möchte sie auch nicht in Tonnen Gleicher quer über den Erdball geflogen werden?

Damit will ich nicht den Tierschutz lächerlich machen, im Gegenteil. Ich wünsche mir einen bewussten Umgang mit allem. Kein Verdammen. Ich wünsche mir einen Weg zurück zur Natur. Für alle. Klar können wir Menschen denken. Und abstrahieren. Bei den anderen wissen wir es nicht. Vor kurzem dachten wir, Gemüse fühlt nicht. Davor dachte man, Tiere fühlen nicht. Beides ist widerlegt. Wir wissen nicht, was kommt. Drum wäre es für mich an der Zeit, der Natur entsprechend zu handeln. Da sind wir Menschen Allesfresser. Aber: Wir müssen dazu keine anderen Lebewesen ausnutzen. Wir könnten ihnen ein gutes Leben angedeihen lassen. Weil wir es können.

Der Löwe kann die Antilope nicht aufziehen. Er jagt sie, erlegt sie, frisst sie. Das nennen wir natürlichen Gang. Die meisten Kühe würden kaum leben, würden sie nicht gehalten. Aber: In diesem Leben sollen sie gut leben. Sie sollen sich am Leben freuen können.

Und ja, irgendwann sterben sie. Wie die Antilope. Wie der Grashalm. Wie wir selber. Das ist für mich der Kreislauf des Lebens. Und daran glaube ich. Danach versuche ich, zu leben. Ich esse keine Erdbeeren im Winter, ich importiere keine Avocados. Ich esse keine chemisch produzierten Fleischersatzteile. Ich esse wenig Fleisch, aber wenn, dann aus einer als tiergerecht deklarierten Haltung.

Absolute und missionierende Haltungen waren nie förderlich. Keinem. Es gilt ein machbares, für möglichst viele lebbares Miteinander zu finden.

Leb wohl, Gerri

17884476_10155322283442834_2581290942762795018_nIch weiss nicht, wieso wir ins Gespräch kamen, es war auf Twitter oder Facebook, wir trafen uns schnell real. Danach trafen wir uns wöchentlich. Du trankst immer Apfelschorle mit Zitrone. Ich meist Wasser oder Tee. Wir sprachen über Gott und die Welt. Mehrheitlich sprachst du, ich kam kaum zu Wort. Das war nicht schlimm, ich höre gerne zu und ich hatte selten viel zu erzählen – du schon. Deine ganze Lebensgeschichte hast du mir ausgebreitet.

Du sprachst laut. Ich weiss noch, wie ich immer dachte, dass nun alle alles wissen. Ich falle nicht gerne auf. Dir war das egal. DU kamst und warst da. Immer. Präsent. Und authentisch. Du sagtest mir immer, dass du da bist für mich. Ich immer einen Freund hätte in dir. Und ich glaubte dir. Du warst einer der Guten. Als mein Sohn mal ein Interview brauchte mit einem „älteren Menschen“, sprangst du ein, weil wir hier keine Familie hatten. Du stelltest dich allen Fragen. Für dich war mein Sohn danach nur noch der Bonsai. Ich werde ihn nie mehr anschauen können, ohne daran zu denken. Und das ist schön, denn dann denke ich auch an dich.

Das werde ich sowieso oft tun. Ich danke dir für ganz viele Lieder, die ich durch dich kennenlernte. Ich danke dir für einen Schneespaziergang bei Schneewehen, wir sahen die Welt vor Augen nicht, aber es war toll. Ich danke dir für ganz viele Stories, Treffen, Momente. Ich danke dir für deine Freundschaft.

Irgendwann warst du still. Ich erreichte dich nicht mehr. Ich setzte mit Hilfe von Freunden Hebel in Bewegung, wir schafften es, dass du ins Spital kamst. Da fing die Unsicherheit an. Schaffst du es? Können dir die Ärzte helfen? Können wir genug da sein? Immer wieder gab es gute Momente, gab es Hoffnung. Leider ist die mit dir am 21. Februar gestorben. Ich habe kurz davor noch mit dir telefoniert. Du gabst dich positiv, aber es schwang eine leise Ahnung in der Stimme mit – oder hörte ich die nur? Ich habe es heute erfahren, nachdem ich dich mehrfach vergebens zu erreichen versuchte. Wir werden nie mehr zusammen im Migros-Café in Oerlikon sitzen. Wir werden nie mehr in „unserem Café“ am Sternen sitzen und uns über die Menschen um uns amüsieren. Und über uns selber. Wir werden so viele Dinge nicht mehr machen, die wir noch machen wollten.

Ich werde nun das Lied hören, das ich durch dich kennen und lieben lernte – eines der vielen. Und ich werde an dich denken. Und mein Glas zum Himmel heben.

Mach’s gut, Gerri. In meinem Herzen hast du einen grossen Platz, der bleibt.