Herz und Verstand

Heute habe ich diskutiert. Sachlich, fachlich, argumentativ. Mit einem Mann. Wer nun denkt, dass dies ja ganz normal sei, dem sei gesagt, dass dem nicht so ist. Ich bedanke mich. Es hat meinen Tag gerettet. Er hat es getan.

Ich bin relativ aktiv in den sozialen Medien, schon seit einigen Jahren. Ich habe mich immer bemüht, Inhalte reinzustellen, aber ich tat es als Mensch, nie als Unternehmen. Hinter allem stand immer ich. Authentisch. Das war mir wichtig.

Was mir auch wichtig war: Es ging immer nur um mich, nie um mir nahe Menschen. So wusste eigentlich nie jemand, wie ich privat lebe, ob ich Kinder habe, was ich tue… es waren nur ich und meine Themen… man ging von den eigenen Vorstellungen aus, die ich nie befeuert habe. Ich habe nichts verschwiegen, aber es wurde kaum je gefragt…

Kontaktaufnahmen passierten meist aufgrund eines Beitrags, den jemand toll fand – wie er vorgab. Und dann lobte er meinen Intellekt. Um sehr schnell zu Erotik überzugehen. War ich im ersten Anschreiben noch kritisch denkend und thematisch spannend, war im zweiten mein Körper sexy und ich hübsch. Ab und an folgte gleich ein Liebesgeständnis, manchmal sogar eine erotische Phantasie. Die Mehrheit der Herren war übrigens verheiratet. Das ist natürlich ein rein gesellschaftlicher und moralisierender Hinweis, wie sie finden, aber in meinen Augen zeugt dieses Verhalten nur von Feigheit – zumal die Frauen zu Hause nichts von den Avancen ihrer Männer wussten. Ich habe nachgefragt.

Muss ich mich geschmeichelt fühlen, weil jemand mich aufgrund eigener Phantasien in seine Projektionen einbezieht? Ist ein „du bist so sexy und erotisch“ ohne mich zu kennen wirklich ein Lob? Ich finde nicht. Es ist degradierend und entwürdigend. Es ist sicher kein Kompliment.

Ich kenne die Argumente noch von früher: „Sei mal locker, ist doch nichts dabei; einfach ein wenig Spass haben.“ Ich pflegte damals zu sagen, dass ich Sex an jeder Strassenecke kriege, einen denkenden Geist leider kaum. Ich suche lieber den. Das Argument, dass man den Verstand nie über das Herz stellen könne, weise ich gerne zurück. Das Herz spricht, wo es angesprochen wird. Meines reagiert nicht auf plumpe und spätpubertäre Männerphantasien.

Wenn aber ein Mann mit Geist und Esprit kommt und mich herausfordert, dann… freue ich mich. Über das Gespräch, den Kontakt auf Augenhöhe. Und alles, was kommen könnte, kommt oder nicht. Ich bin Mensch und als solcher fähig, mich meiner Vernunft zu bedienen. Dafür bin ich dankbar und darauf bin ich stolz. Ich würde nie ein Tier deswegen herabsetzen, das dies nicht kann… tut es aber ein Mann nicht, war das seine Wahl. Im besten Falle….wenn er nicht anders kann, weil er ja Mann ist (das habe ich gehört, ich würde das nie sagen), wäre er auf einer Stufe mit meinem Hund. Den finde ich auch nicht erotisch. Aber natürlich süss. Er kriegt abends einen Knochen – aber auch nur, weil er schauen kann, wie er es tut… da wäre meist Übungsbedarf bei den werten Herren….

Jeder hat die Wahl. Hund oder Mensch. Der eine kriegt einen Knochen, der andere gute Gespräche. Das Herz spricht eine dritte Sprache – aber sicher keine anzügliche. Drum: Wer mir nichts zu sagen hat, der soll bitte schweigen. Ich bin weder sexy noch sonst irgendwie Objekt. Ich bin ein fühlender und denkender Mensch und möchte gerne in dieser Gesamtheit wahrgenommen werden.

Die Welt des tödlichen Scheins

Ab und an frage ich mich, in was für einer Welt wir leben. Man sieht wunderschöne junge Menschen strahlend in die Kamera lächeln, ihr wunderbar buntes und meist luxuriöses Leben präsentieren. Alles glänzt, alles ist perfekt. Und dann bringen sie sich um. Weil sie – wie man dann so liest – schon lange Depressionen gehabt hätten. Aber: Sie haben einen Schein aufrecht erhalten, der andere mitriss, es ihnen gleich zu tun. Und sie sind nachher am Druck zerbrochen. Die nächsten werden es unter Umständen auch tun.

Wir sind darauf geeicht, zu präsentieren, was wir alles haben, da wir nur wer sind, wenn wir was haben – und davon bitte möglichst viel. Mein Haus, mein Boot, mein Auto. Drunter geht nichts. Die erste Frage beim Kennenlernen ist, was man beruflich mache und ob das Einkommen gut sei. Oder aber es kommt ein Monolog, was alles vorhanden ist. Danach stockt das Gespräch. Man möchte natürlich bitte nicht drauf reduziert werden. Tut es aber selber meist.

Sein und haben – die Thematik ist nicht neu, Erich Fromm schrieb ein ganzes (wirklich lesenswertes) Buch darüber. Worauf gründen wir unser Selbst-Bewusstsein? Wie bewerten wir die anderen? Wie viel zählt der Mensch noch, der Kern unter dem Leistungsträger? Böse Stimmen erachten alle, die es nicht schaffen, als Leistungsschmarotzer. Sprich: Einer, der – wieso auch immer – nicht mehr kann, ist ein Parasit. Damit wird ihm die Würde abgesprochen, denn Würde liegt in der Fähigkeit, autark zu leben. Grundsätzlich würde das in einem Sozialstaat auch der, welcher darauf angewiesen ist… da er in einem System lebt, in welchem das so vorgesehen ist. Dafür sollten wir dankbar sein, denn es kann wirklich jeden treffen. Nur:

Stimmen werden lauter, die alle, welche dann wirklich darauf zurückgreifen müssen, degradieren. Im Grundgesetzt heisst es, die Würde des Menschen sei unanstastbar. In meinen Augen müsste man das durchsetzen. Und ahnden. Ich denke nicht, dass die unsere Demokratie und unser System gefährden, die – aus meist tragischen – Gründen darauf angewiesen sind, davon getragen zu werden. Wirklich gefährdend sind die, welche die Grundwerte mit Füssen treten. Und ja, es gibt Menschen, die das System anklagen. Aber es heisst schon im Rechtssystem „in dubio pro reo“ – da wäre es im sozialen Bereich nichts als billig…

Wir scheinen in einer Welt zu leben, in der Schein alles ist. Du musst gut aussehen, um was und wer zu sein. Daran zerbrechen viele. Wie schön wäre es, wieder sein zu können. Und zu wissen, dass es Hilfe gibt, wenn es mal nicht geht. Dass man nicht einen Schein bewahren muss, bis man nicht mehr kann… zu wissen, dass man Mensch sein kann mit Schwächen. Unter Menschen. Mit Empathie.

Um welches Leben darf man sich kümmern?

Ich habe heute mehrfach gelesen, dass nun überall über die eingeschlossenen Jungen in Thailand geschrieben werde, die Flüchtlinge, die seit Jahren täglich umkommen, seien kein Thema und stürben unbemerkt. Waren es erst nur Einzeiler, dann ganze Artikel, kamen am Schluss sogar Gedichte und zynische und sarkastische Bemerkungen. Alles vor dem Hintergrund, dass man Unmenschlichkeit und Ignoranz anprangern will.

Abgesehen davon, dass ich praktisch täglich Meldungen über Flüchtlinge und ihr sinnloses Sterben auf ihrer Reise in deine hoffnungsvollere Zukunft lese, stellt sich mir die Frage, wieso man zwei Fälle von Leid in einen Topf wirft und dann die eigene Ansicht, wie gewichtet werden müsste, zum Anlass nimmt, eine Hierarchie des Leidens herauszubilden.

Das Argument bei den Meldungen war oft, dass man durch die Berichterstattung Menschenleben gewichte. Das der thailändischen Jungen offensichtlich – so die vertretene Meinung – höher als das der Flüchtlinge. Nun finde ich aber, dass genau durch diese Argumentation Menschenleben gewichtet wird. Und das aufgrund einer Momentaufnahme. In Thailand sitzen nicht seit Jahren permanent immer wieder neue Jugendliche in einer Höhle gefangen, die man nun retten muss. Es ist ein aktuelles und akutes Unglück, ein Wettlauf gegen die Zeit. Das Drama um die Flüchtlinge ist eine über Jahre, gar Jahrzehnte dauernde Geschichte, die immer wieder thematisiert wird, werden muss (als kategorischer Imperativ gemeint).

Nun dahin zu gehen und die beiden Fälle zu vermischen, zeugt in meinen Augen nicht von Menschlichkeit, nicht von Mitgefühl. Es ist eine buchhalterische Behandlung von Menschenleben. Das gefällt mir nicht.

Lügen und Wahrheit

 Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge.

Dieses Zitat geht vermeintlich auf Thomas Mann zurück, doch es scheint, wer es auch sagte, er steht mit der Ansicht ziemlich alleine. Zwar würde wohl jeder theoretisch der Wahrheit den Vorrang vor einer Lüge geben, allerdings oft mit kleinen Einschränkungen. Man findet Lügen dann landläufig angebracht, wenn sie nicht schaden, nur nützen, gar schützen. Nur: Ist dem wirklich so oder sind das nur Ausreden dafür, selber nicht die Wahrheit sagen zu wollen? Und wieso würde man das nicht tun wollen?

Lügen kommen wohl immer dann zum Einsatz, wenn das, was passieren würde aufgrund der Wahrheit, nicht gewünscht ist. Man fürchtet eine Reaktion, will diese möglichst nicht erleben und verstrickt sich in Lügen. Die können klein sein, wie dass das Kleid wirklich wunderprächtig ist, können wachsen bis hin zu fundamentalen Dingen wie Lebensumstände, Verbindlichkeiten und Gefühlsspielereien.

Es mag wohl angehen, dass die Wahrheit mitunter schmerzhaft ist. Keiner hört gerne, dass er in einem Kleid unvorteilhaft aussieht, auch sonst kann Kritik schmerzen – vor allem im ersten Moment, später sieht man vielleicht den Sinn und Wert darin, hilft sie doch, sich zum Besseren zu verändern.

Betrachtet man nun die Lüge unter diesem Gesichtspunkt, nimmt sie dem Gegenüber eigentlich die Möglichkeit des Wachsens. Ganz sicher aber nimmt sie ihm die Möglichkeit, frei zu entscheiden. Selbst wenn jemandem das Kleid nicht gefällt, könnte der Tragende es trotzdem schön finden. Die betrogene Ehefrau würde vielleicht bleiben wollen, obwohl der Mann untreu war, weil sie nun zusammen die Möglichkeit hätten, den Gründen auf den Grund zu gehen. Der zu füllige Mann könnte finden, sich so wohl zu fühlen oder aber Sport zu treiben. Sie alle hätten die freie Wahl. Nun kann man sagen, die haben sie immer noch, auch wenn der andere lügt, nur: Sie fusst dann auf falschen Grundvoraussetzungen.

Lügen sind respektlos. Der Lügende spricht dem Belogenen die Fähigkeit ab, mit der Wahrheit umzugehen, womit er ihn herabsetzt. Und ja, vielleicht kann dieser das wirklich nicht gut, nur: Wie sollte er es lernen? Zudem: Wenn die Lüge dann auffliegt, bekommt der Gegenstand, weswegen gelogen wurde, eine viel grössere Tragweite, ein grösseres Gewicht, war es doch so gravierend, dass man deswegen lügen musste.

Lügen sind feige. Der Lügende will sich selber nicht der Reaktion des anderen aussetzen und versteckt sich drum lieber hinter einer Lüge. Dass man den anderen schützen wollte mit der Lüge wegen des Kleides, ist kaum vorstellbar und vermutlich nur vorgeschoben, um sich nicht der  Reaktion aussetzen zu müssen, die je nach Kritikfähigkeit des Angesprochenen durchaus unangenehm sein kann – von der Reaktion eines gehörnten Ehemannes oder einer fülligen Frau ganz zu schweigen (die Rollen wurden absichtlich vertauscht, der gerechten Verteilung wegen).

Die Wahrheit kann schmerzen. Es gilt drum in der Tat, zu versuchen, sie so vorzubringen, dass sie möglichst rücksichtsvoll und mitfühlend vermittelt wird. Man kann Menschen mit der Wahrheit erschlagen, man kann ihnen aber auch helfen, durch den Blick von aussen sich selber besser zu verstehen – indem sie die Fähigkeit trainieren können, mit (auch unbequemen) Wahrheiten umzugehen. Und sie können vor allem die Fähigkeit trainieren, zu beurteilen, ob das Ausgesprochene wirklich eine Wahrheit oder aber nur eine subjektive Meinung eines anderen ist – und zu entdecken, wie sie dazu stehen.

Die Würde des Menschen besteht in seiner Wahl.

Dieser Ausspruch geht auf Max Frisch zurück. Lügen nehmen dem Menschen seine Wahl und damit auch einen Teil seiner Würde. Ob das eine gute Basis für ein Miteinander ist? Nun weiss man, dass jeder Mensch lügt, wer behauptet, nie zu lügen, lügt bereits. Vielleicht sollte man sich aber bewusster werden, dass man es tut und schauen, wann man es tut. Und dann könnte man sich fragen, wieso man es tut und ob es wirklich sinnvoll ist und gut. Und vielleicht kommt man dabei auch sich selber ein wenig mehr auf die Schliche, sieht die eigenen Schwächen, Ängste, Unsicherheiten, um derentwillen man lügt. Wie so vieles im Leben führt uns auch die Frage nach der Lüge zu dem zurück, was die Basis von allem ist:

Erkenne dich selbst.

Nur wenn wir wissen, wer wir sind, es immer wieder neu entdecken, können wir wissen, was wir wollen – und was nicht. Selbsterkenntnis hilft, das Leben so zu führen, dass es ein gutes und sinnvolles Leben ist. Das heisst nicht, dass es immer angenehm ist, zum Beispiel, wenn man Menschen mit Wahrheiten konfrontieren muss, die unangenehm sind, aber: Es ist die einzige Möglichkeit, ein freies, würdevolles und aufrichtiges Leben zu führen. Und was könnte man sich mehr wünschen? Und wenn man es sich wünscht, sollte man es anderen dann nicht auch wünschen?

Grossstadt – einer stirbt für sich allein

„Hans, es ist heiss.“

„Hans, die Blumen sind dieses Jahr besonders schön.“

„Hans, diese Hitze, ich halte das nicht aus.“

So klang es aus dem Nachbarhaus. Die laute markige Stimme einer älteren Frau, die offenbar vom Balkon ihrem Mann im Innern der Wohnung die Welt draussen erklärte, die für den Rest derer, die es zwangsläufig hörten, offenbar war. Es hatte was Berührendes, sie wuchs mir ans Herz.

Ich habe irgendwann erfahren, dass ihr Mann schon lange im Pflegheim war, sie verwirrt. Ich erinnere mich an einen Sommer, in dem ich plötzlich nichts mehr hörte. Und unsicher wurde. Ich hatte keinen Namen, nichts, aber eine gefühlte Verbindung. Sie rief manchmal vom Balkon zu mir in den Garten, wie süss mein Hund sei. Wir redeten über Blumen und den Sommer, das Wetter – Smalltalk einerseits, aber es war mehr. Ich machte mir Sorgen, als es so still war. Zum Glück klang es plötzlich wieder vom Balkon

„Hans, es ist heiss.“

Ich war beruhigt.

Vor kurzem hörte ich mitten in der Nacht ihre Stimme. Sie rief um Hilfe. Vom Balkon. Sie käme nicht runter und nicht raus und überhaupt. Es solle wer helfen. Sie rief einen Namen, offenbar jemand, der in der Umgebung wohnt. Nichts passierte. Ich hörte nur ihre Stimme. Eine Verzweiflung. Ich habe dann die Polizei gerufen, damit sie zu ihr vordringen können. An dieser Stelle ein ganz grosses Dankeschön an die Stadtpolizei Zürich – sie kamen sofort und konnten ihr helfen.

Seit einiger Zeit ruft niemand mehr nach Hans. Die alte Frau ist gestorben. Sie war schon lange verwirrt gewesen. Allein. War es eine Erlösung für sie? Das liest man von aussen gerne rein. Sie lebte in einer eigenen Welt. Schon lange. Mir fehlen die Rufe vom Balkon. Weil ein Mensch nicht mehr da ist. Das mag ich am Leben in der Stadt nicht. Man wohnt so eng, und kümmert sich nicht.

Immer, wenn ich aus der Wohnung trete, geht mein erster Blick zu ihrem Balkon hoch. Und ich höre ihr kehliges

„Hans, es ist heiss“

Ich wünschte, ich hätte sie besser gekannt. Ich wünschte, sie hätte nicht in der Nacht um Hilfe rufen müssen und keiner half. Ich wünschte so oft, die Welt wäre wärmer, mitfühlender. Und schelte mich einen Idioten, denn ich kriege zu hören, ich soll mal hart sein, realistisch. Das kriege ich in diesem Leben nicht mehr hin. Wenn ich richtig liege, gibt es kein zweites. Machen wir das eine zum besten, das es sein kann, wie Leibniz sagte, die Welt sei die beste aller Welten. Mehr liegt wohl nicht drin. Aber vielleicht halten wir mal die Augen  offen, wer so um uns lebt. Und nehmen Anteil. Keiner lebt für sich allein. Keiner sollte es müssen.

Du bist, was du sprichst

Die Sprache verroht, es
ist ein Vergehen.
Worte, sie sterben,
was kommt, ist nur Bruch.

Was früher mal hold, ist
heute voll krass und
Schönes, das nennen sie
fett und voll geil.

Ich wünschte, es gäb’
eine Sprachpolizei, die
kümmerte sich um
diesen Verfall.

Dann würden wir reden,
wie Goethe einst schrieb und
hätten uns sicher
auch wieder lieb.

Denn Sprache, sie bildet
Charakter und Denken,
sie formt so den Menschen
in seinem Sein.

Drum wähle die Worte
behutsam und klug, denn
was du heut sagst, wirst
du morgen sein.

©Sandra Matteotti

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Für die abc.etüden, Woche 27.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 27.18 kommt von Werner Kastens (wkastens.wordpress.com)

Sie lautet: Sprachpolizei, verroht, vergehen

Der Ursprungspost: HIER

Die kleinen Illusionen des Lebens

Ich lebte über viele Jahre mit diesem so schon alten Vater, bei dem man immer denken musste, dass er bald mal sterben würde. Klingelte das Telefon zu Zeiten, die ungewohnt waren, malte ich mir die Hiobsbotschaft aus. Aber er war fit. Und munter. So viele Jahre. Sah auch so aus, übertraf im Aussehen gar alle die, welche 20 Jahre weniger auf dem Buckel hatten.

Und dann war es soweit. Er starb so wirklich. Nicht ganz unterwartet, aus heiterem Himmel war neun Monate vorher die Krebsdiagnose gekommen, der Abstieg war kontinuierlich. Anfangs noch Hoffnung und Lebensmut bei ihm (ich wusste es schon da aufgrund der Diagnose, die ich schon mal genauso erlebt hatte), wurde beides immer weniger, die Energie in der Stimme weniger. Ich hätte gerne mit ihm darüber gesprochen, was nun kommt, hätte gerne gewusst, was er fühlt. Ich kannte ihn zu gut. Ich wusste, er will es nicht. Ich habe ihm ab und an Angebote gemacht, dass er sprechen kann. Er zeigte mir, dass er nicht will. Ich liess ihm diesen Willen. Denn: Es ging um ihn. Ich plauderte also im leichten Ton, liess den Humor sprechen. Streute hier und da eine ernste Frage ein, so dass er mir sagen musste, was er sich wünscht. Das war mir wichtig. Es war sein Weg. Ich habe ihn nur begleitet. Wenn auch sehr betroffen.

Mein Vater ist gestorben. Es ist nun über einen Monat her. Und ich sitze hier und schaue zurück. Was ist passiert? Es gibt ein Davor und ein Danach. Aber das gab es schon vorher. Ein Davor und Danach bei der Krebsdiagnose. Nachher war nie mehr wie vorher. Er war noch da, aber nicht mehr als Mensch, wie man ihn kannte, sondern als einer, für den man plötzlich da war. Vorher war er es. So als Vater für das Papakind – egal, wie alt es war. Klar habe ich seine Sorgen immer angehört, war seine erste Ansprechperson, wir hatten einen speziellen Draht. Und doch… nach der Diagnose wurde es zur Einbahnstrasse.

Der zweite Schnitt war der Tod. Es kam gar nichts mehr zurück. Dachte ich früher, ich würde diesen Tod nicht überleben, wurde ich eines Besseren belehrt: Ich habe überlebt. Anfangs mehr schlecht als recht. Es brach auch bei mir alles zusammen. Körperlich, psychisch, medizinisch. Aber ja, ich sitze hier und schreibe. Mein Leben ging weiter. Weil es musste. Wohl auch, weil es sollte.

Wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, geht mein erster Blick vor der Tür zum Himmel. Und immer mal wieder auf dem Weg schaue ich hoch. Und denke, da sitzt er nun und schaut runter. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. ich würde es mir auch nicht wünschen. Könnte ich wünschen, sollte es dann fertig sein. So das Nichts nach dem Sein. Das wäre mein Ideal und daran glaube ich auch. Und hole mir da meinen Trost. Und doch schaue ich zum Himmel. Und finde auch darin was Tröstliches. Es ist so meine Illusion, die ich ganz bewusst pflege. Als vor kurzem mein Hund starb, der die letzten Jahre bei meinen Eltern lebte und immer SEIN Hund war, war mein erster Gedanke: „Nun sind sie zusammen.“

Dies trotz meines wirklich tiefen Glaubens, dass es ein „Nun“ nicht mehr gibt nach dem Tod. Wir alle haben unsere Illusionen. Sie geben uns Kraft. Sie bringen was Tröstliches ins Leben. Sie müssen nicht immer wohl durchdacht sein. Es reicht, wenn sie Kraft geben. Und so dieses kleine „SO ist es gut, so darf es sein.“

Nachdenken tue ich dann über andere Dinge, Quantenphysik, den Satz vom Grund, den kategorischen Imperativ und ab und an über Off Side im Fussball. Ich kann sie alle erklären, aber: Ab und an mag ich meine kleinen Illusionen – im Wissen, dass sie welche sind.

Wer ist ein richtiger Schweizer?

Diese Frage las ich heute.[1] Und ich machte mir Gedanken.

Ich heisse Matteotti. Ich bin aber wohl – nach den Rechten Kriterien (das ist mit Bedacht so geschrieben, da „Rechten“ nicht nur Adjektiv ist) – das, was man so als Urschweizer bezeichnen würde. Den Namen habe ich mal angeheiratet und nicht abgeschieden. Die Mutter kommt familiär zurückgehend aus einem Berner Oberländer Kaff (sie würden sich wehren, da durchaus touristisch bekannt), mein Vater aus einem ebensolchen (aber durchwegs unbekannten, 5 Höfe, ein Restaurant, mehr ist da nicht). Zurückverfolgen kann man beide Zweige bis tief ins Mittelalter und wohl weiter, würde man sich die Mühe machen.

Ich bin dankbar, in einem Land wie der Schweiz leben zu dürfen. Wir haben ganz grosses Glück im internationalen Vergleich. Als Künstlergeist finde ich es ab und an etwas eng hier. Und dann und wann motze ich auch sonst. Und doch: Ich habe viel Grund zur Dankbarkeit. Obwohl ich heisse, wie man nicht heissen sollte, will man so ein echter Schweizer sein… in gewisser Menschen Augen.

Und ja, ich kenne Menschen, keine Schweizer, welche die Welt überall da verteidigen, wo ich sie anklage. Die dankbar sind, hier leben zu dürfen, die viel mehr von allem Guten hier sehen als so mancher, der hier einfach mal geboren wurde.

Wer ist so wirklich Schweizer? So tief drin? Wer sind wir überhaupt? So tief drin? Worauf gründet unser Zugehörigkeitsgefühl?

Aber ja, das ginge zu weit… so für die Alltagspolitik. Und so landläufig. Das Leben ist halt doch komplizierter.

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[1] Einer fragte es, weil er sich herausgefordert fühlte von Aussagen, die andere tätigten. HIER der Text, der mich anstiess

https://www.facebook.com/notes/andreas-m%C3%B6sli/wann-ist-ein-schweizer-echt/1808330692561925/

Toleranz auf dem Prüfstand

Immer wieder schön finde ich Diskussionen, wo es drum geht, dass man die Intoleranz anderer anklagt.

Menschen mit mehr Kilos als der BMI erlaubt, finden, dass sie diskriminiert werden, dass sie verspottet werden. Um ihre Sicht zu unterstützen, schiessen sie gegen Menschen, die schlank oder gar dünn sind. Bei sich machen sie geltend, dass sie sich so wohl fühlen oder aber an einer Krankheit leiden. Das gestehen sie den Dünnen nicht zu.

Menschen, die keinen Alkohol trinken. Sie regen sich auf, dass sie sich erklären müssen oder gar als Alkoholiker abgestempelt werden. Wenn Menschen ihnen Alkohol bringen als Gastgeschenk, sehen sie das als Fettnäpfchen. Verteidigt man als Weintrinker den Weinkonsum, kriegt man Studien um die Ohren geworfen, wie viele Alkoholiker es gäbe, was Alkohol alles anrichtet und überhaupt.

Wenn Väter nach einer Scheidung klagen, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen. Weil Männer per se diskriminiert werden bei Trennungen. Man darf nicht sagen, dass es auch andersrum geht, dass Väter sich nicht kümmern, nur immer drohen, sich aufspielen, Steine in den Weg werfen, sie nicht bereit sind, zu zahlen dafür, dass jemand zum Kind schaut, weil das ja immer nur der Frau, nie dem Kind zu Gute kommt. Besser, sie zahlte, man hätte aber alle Rechte.

Liebe Leute. Wenn ihr Toleranz wollt, lebt sie. Dicke sind Menschen wie Dünne. Alle haben Gefühle. Keiner kann riechen, ob ihr trinkt oder nicht. Egal, welche Religion oder welchen Hintergrund ihr habt. Es sind weder Männer noch Frauen schlecht.

Schlimm sind die, welche denken, dass andere ahnen müssten, was sie sich aufs Tapet geschrieben haben. Und die, die dann die verurteilen, die es nicht rochen. Schlecht sind die, welche für sich Dinge einfordern, die sie anderen nicht zugestehen. Schlecht sind all die, welche mit ungleichen Massstäben messen. Dafür muss man aber erst mal hinsehen. Was ist mein Massstab? Woran messe ich andere? Bin ich fair?

„Erkenne dich selbst“

Wurde bei vielen Philosophen als Maxime genannt. Es ist wohl immer angebracht, zuerst bei sich zu schauen, bevor man auf andere zeigt und gegen sie schiesst.