Neue Intelligenzia

Heute stellte ich bei Facebook (im letzten Post verflucht, nun zitiert) ein Bild rein, das ich bei einer Freundin fand:

 Ich sah es, fand es schön, fand es auf seine Weise wahr und es passte gerade in die Situation, die ich hatte. Ich betitelte es mit „to whom it may concern“. Für eine ganz liebe und langjährige Freundin, die mein Leben über Jahre begleitete, meine zwei dunkelsten Momente begleitete. Die ich ab und an begleitete. Der Spruch passte heute irgendwie rein. Sie wusste, sie war gemeint. Und es war gut.

Der Spruch entspringt einer Denkart, die heute populär ist. Es sind kurze Merksätze, die gut klingen, die schön klingen, die auf den ersten Blick wahr kingen. Und wenn man in einer entsprechenden Situation steckt, klingen sie sogar kraftbringend. Ein Freund von mir hat den Spruch dann zum Anlass genommen, ihn zu zerpflücken. Er fand ihn ärgerlich, platt, sinnlos und meinte, der Text rufe nur zum Egozentrismus auf. Er unterstellte, dass Menschen, die solche Sprüche mögen, kleines Selbstbewusstsein haben müssten und dieses damit ausgleichen, andere für sich zu benutzen. Das alles etwas gehobener dargestellt und ausgedrückt. 

Ich las den Blog, dachte zuerst: Ich habe was übersehen. Ich war zu schnell, habe es unbedacht reingestellt. Dann dachte ich zurück an den Kontext des Reinstellens. Und dachte für mich: Nein, es ist ok.

Es ist populär, sich gegen alles zu stellen und alles zu zerpflücken (damit meine ich nicht konkret den Blogschreiber). Die neue Intelligenzia brüstet sich gerne mit ihrer ach so klarsichtigen Scharfzüngigkeit, indem sie Dinge auseinander pflückt und das Zerpflückte in rigoros klingenden Lettern an den Pranger stellt. Was raus kommt, klingt nach Verurteilung, klingt nach messerscharfer Sezierung. Und man denkt im ersten Moment: Oh wow, der hat mehr gesehen als ich. Fiel ich auf die nett klingenden Worte rein, hat der den vollen Durchblick und mich mit meiner Oberflächlichkeit entlarvt.

Das ist wohl auch das, das der messerscharf Analysierende erreichen will. Wissenschaft agiert gerne in dieser Weise. Zerpflücken,was ein anderer tat. Argumente findet man immer, wie man die Argumentationskette stringent aufbauen muss, ist lange eingeübt und professionell indoktriniert. Wenn man dann noch ein paar Fremdworte einflicht, das ganze in gehobene Sprache packt, ist ein grosser Teil schon mundtot und fühlt sich ganz klein.

Was ist gewonnen damit? Ich denke wenig. Vielleicht fühlt man sich nach dem Schreiben eines solchen Textes ganz gut und gross. Denkt, man hätte Amerika neu entdeckt und der Welt die Augen geöffnet, die vorher noch geschlossen waren. Was aber, wenn jemand aus so einem Spruch Kraft schöpfte? Den Anstoss fand in einer schweren Zeit, mal wieder für sich zu schauen, zu sich zu stehen? Wenn sich jemand über Tage, Wochen, Monate nur aufopferte, selber an die Grenzen und drüber ging? Nicht mehr mochte, konnte? Und dann von einem Freund den Text kriegte und merkte: Ich bin auch noch da. Ich DARF mal für mich schauen? Und daraus etwas ganz Gutes und Wertvolles entstand?

Was helfen dann all die wissenschaftlichen Ergüsse? Ich kenne sie auch – man siehe oben. Ich habe, glaube ich, selten je so viele Fremdworte verwendet. Es klingt gut. Ich bin stolz. Es macht Spass. Ich halte wenig davon. Habe das in meiner ganzen wissenschaftlichen Zeit vermieden. Und mache es weiter. Und finde solche Sprüche ab und an heilsam. Sie regen zum Denken an. Sie sollen keine absoluten Wahrheiten sein, dafür greifen sie immer zu kurz. Klar kann man sie zerpflücken. Das klappt mit allem. Erfolgreich. Aber mit der Zerpflückerei geht es niemandem besser. Mit ein wenig Menschlichhkeit schon.

Beziehungsgeschichten

Beziehungen waren seit je her Anlass zu Überlegungen. Was macht sie aus, wie funktionieren sie, wie laufen sie ab? Literaten übten sich daran, sie zu beschreiben und in dem Beschreiben blosszulegen. Philosophen versuchten auf dem normativen Weg zu erläutern, was in Beziehungen gegeben sein muss, dass sie funktionieren, sei es im privaten oder auch im öffentlichen Rahmen. Psychologen gaben Anleitungen und Hilfestellungen, was man tun könnte, wenn sie eben nicht funktionieren, oder was man vermeiden sollte, damit man nie dahin kommt. Pfarrer predigen am sogenannt schönsten Tag, worauf zu achten sei, dass man sich bewusst sein solle, was man eingehe und dieses auch wertschätze. Und hinter allem steckt der Wunsch des Menschen, nicht alleine zu sein, ein Gegenüber zu haben, Liebe zu fühlen – erhaltene wie auch gegebene.

Der Wunsch ist gross, genau so gross wohl auch die Enttäuschung, wenn er eben nicht erfüllt wird oder man in diesem Wunsch eins ums andere Mal auf die Nase fällt. Wenn man sucht und sucht und sucht und  nie findet. Bald an sich zweifelt, bald am Gegenüber. Wenn man denkt, es müsse doch bald mal der kommen, der passt. Er aber nicht kommt. Und Frau verzweifelt nur noch um das eine Thema dreht, schreibend, redend, denkend. Solche Fälle gibt es und ich habe das Gefühl, das Verhalten steigert sich mit der Torschlusspanik des Alters. Orte werden nicht mehr an sich gesehen, sondern nur im Hinblick auf die Möglichkeit, den passenden Mann zu finden.

Doch wenn man ihn gefunden hat, scheint das Problem nicht aufzuhören. Dann fangen die Probleme erst an. Und dank der modernen Medien und sozialen Plattformen schaut die ganze Welt zu. Da werden Herzen ausgetauscht, Essen kritisch beäugt, über Facebook Einrichtungen diskutiert und Gutenachtwünsche platziert. Frau liest die gegenseitigen Kosenamen – fühlt sich an eine Episode im Supermarkt erinnert, als Frau dem Mann mit schriller Stimme LIIIIIIIEEEEEEEBLING hinterherrief und sieht dem eigenen Mann deutlich ins Gesicht geschrieben „hoffentlich macht meine das nie nie nie“ – und denkt sich ihren Teil.

Und ab und an kriegt man auch die Leiden und Herzschmerze mit. Und hilft. Hört zu, rät, ist da. Nimmt es ernst. Weil man fühlt. Mitfühlt. Es entsteht ein Band, eine Freundschaft? Man könnte meinen. Dass die eine oder andere Anmerkung drüber hinausgeht, ignoriert man, in der Hoffnung, es sei ein Versehen. Und freut sich, wenn alles wieder im Lot, der Herzschmerz getilgt – mit einem kleinen Fragezeichen im Kopf der Anmerkung wegen. Das grössere Fragezeichen bleibt, weil plötzlich Stille herrscht. Das Band zerschnitten. Wieso? Was blieb von all den Worten? Phrasen nur? Schlechtes Gewissen? So oder so: was wirklich blieb ist das Gefühl, dass vieles leicht daher gesagt ist, man oft zweimal  überlegen sollte, ob man sich wirklich einhängen soll, Hilfe anbieten soll, wie man es im wahren Leben sofort täte. Und was noch viel mehr bleibt: man kriegt verdammt viel mit über andere Menschen. Über deren Beziehungen, deren Probleme, deren Lebenslügen. Und das ist erschreckend, weil man denkt: was kriegen die da draussen von mir mit? Und will ich das? Vor allem, wer kriegt es alles mit? Und wie tief? Und was macht er damit?

Soziale Medien sind sowieso Teufelszeug. Was mein bals 8ojähriger Papa schon lange unkt, scheint ein paar Wahrheiten zu haben. An dieser Stelle ein grosses Sorry zu meinem Papa, den ich immer mit genervtem Schnauben bedachte bei seinen Tiraden über das Internet und dessen Gefahren, über seine Warnungen vor Kinderfressern, Betrügern und Dieben, die da ihr Unwesen trieben. Ganz unrecht mag er nicht haben. Das Internet hat vieles erleichtert. Den Zugang zu Daten, den Zugang zu Menschen, den Zugang zu Herzen – oder wenn nicht Herzen so doch zur Versuchung. Ab und an vielleicht nicht mal bewusst, verstrickt man sich im Spiel mit dem Feuer. Beziehungen gehen in Brüche, weil der eine plötzlich den Mann/die Frau der Träume im Netz findet. Wenn das nur eine Illusion war, schaut man ganz schön doof in die Röhre (heute Flachbildschirm).

So sitzen dann Tag für Tag hunderte und tausende Menschen vor dem Bildschirm, twittern, facebooken vor sich hin, taggen, hooken, machen neue Freunde – und löschen sie wieder. Ganz cool, ganz unverbindlich, einfach mal so. Macht Spass. Der Begriff der Spassgesellschaft aus den 90er Jahren geht in eine neue Epoche. Und man muss wohl lernen, sich anzupassen. Sonst könnte man das noch ernst nehmen. Man könnte denken, Freunde seien Freunde und wollen nicht verletzen um des Spasses willen. Man könnte auch denken, Aussagen sind ernst gemeint. Da würde man wohl meist einer ganz grossen Illusion aufsitzen. Eigentlich schade. Und umso schöner, wenn man die Ausnahmen findet. Drum auch mal ein ganz grosses Dankeschön an die, welche ich über diese Medien kennen lernte und die mich doch teilweise über Jahre begleiten in meinem (realen) Leben.

Das nächste Jahr wird besser

Es ist wohl komisch, im Juni ein Silvester-Thema anzuschneiden. Trotzdem kam es mir heute in den Sinn. Ich dachte nach. Das kommt ab und an vor. Bei mir zumindest. Und ich ging in Gedanken Jahre zurück. Ich erinnerte mich an all die Silvester, an denen ich dachte: Das nächste Jahr wird besser. Ich sass da und liess das vergangene Jahr Revue passieren, sah alles, was schwer war, was düster war, was Kraft kostete und war der festen Überzeugung: Das Jahr, das kommt, ist meines. Nun kann es nur noch aufwärts gehen. Und irgendwie… traf das nie ein. Im Gegenteil, es kam fast noch schlimmer. Enttäuschungen, Krankheiten, Todesfälle, schwierige Situationen pflasterten den Weg. Kämpfe an verschiedenen Fronten, ums Überleben, um Gerechtigkeit, um Liebe… und es hörte nie auf.

Man könnte denken, dass man das ein Jahr macht und eines Besseren belehrt wird. Vielleicht ein zweites Mal… aber Jahr für Jahr? Und doch: auch letzten Silvester sass ich wieder da und dachte: Das nächste Jahr wird besser. Es wird mein Jahr. Und das Jahr war wie jedes andere. Hatte schwierige Seiten. Herausforderungen, Rückschläge, Tiefschläge. Nur: es gab auch unendlich viele schöne Dinge. Immer wieder Highlights. Momente des Glücks. Kleine, grosse, wertvolle. Momente, in denen man die ganze Welt umarmen könnte. Einige zerbrachen wieder. Einige blieben. Aber sie waren da. Und gaben Kraft. Weiterzumachen. Weiterzuhoffen.

Und bei all dem kommt mir langsam die Erkenntnis: Das ist das Leben. Niemand sagte, es sei leicht. Niemand versprach das Paradies auf Erden (ausser vielleicht irgendwelche Heil versprechenden Märchenbücher). Das Leben ist ein Wachsen. An uns selber, an äusseren Umständen, an Beziehungen, an einsamen Momenten – am Leben selber. Wohin wir wachsen weiss niemand so genau. In die Erleuchtung? Die wahre Erkenntnis? Eigentlich ist es nicht wichtig. Wichtig ist, zu erkennen, dass wir es nicht ändern können. Wir können nur das in unserer Macht Stehende tun, das Beste draus zu machen.

Die Frage, die sich aufdrängt ist: Was ist das Beste? Ich denke, ein grosser Teil ist schon damit getan, sich einzugestehen, dass das Leben seine eigenen Gesetze hat, denen wir nicht entkommen. Es gibt Dinge, die liegen schlicht nicht in unserer Hand. Und die, welche in unserer Hand liegen, können wir nach bestem Wissen und Gewissen angehen. Im Wissen darum, dass das, was wir tun, das Beste ist, was wir geben können – für uns und andere. Und darum mit gutem Gewissen. Selbst wenn es dann schief geht, das Ergebnis nicht das erhoffte, erwünschte ist: wir haben uns nichts vorzuwerfen.

Mein Sohn sagte mal: „Weisst du Mama, ich kann nicht immer alles geben. Manchmal geht einfach nur ein Teil davon. Und dann gab ich ja nicht das Beste.“ Ich fand den Gedanken gut. Denn: Was ist das Beste? Es ist nicht das beste überhaupt Mögliche, sondern das, was in einem bestimmten Moment geht. Ab und an fehlt die Kraft, alles zu geben. Woher soll man also alles nehmen, wenn nichts da ist? Wenn man aber denkt, ich geb mal ein wenig, sehe dann, ob es reicht, kann wieder nachreichen, wenn nicht – dann darf man sich gerne an die eigene Nase fassen. Klar kommt man so ab und an durchs Leben, einige Glückspilze sogar sehr lange. Doch irgendwann wird man anstehen. Und merken, es geht nicht weiter. Im Gegenteil. Und dann wird man sehen, dass man nie gelernt hat, an seine Grenzen zu gehen. Einsatz zu zeigen. Man ruhte sich auf halber Strecke aus. Gab sich zufrieden. Es reichte. Und selbst wenn man so ab und an bessere Ergebnisse erreichte als andere: Sie waren nicht höher zu bewerten. Weder nach aussen noch nach innen. Denn im Innern, irgendwo, bleibt die Stimme: Ich habe das nicht verdient. Und sie nagt. Am Anfang unbemerkt, später lauter. Glücklich macht das nicht. Und auch all das Geld, aller Reichtum, alle äussere Achtung nicht. Wirklich zählen tut die innere Achtung. Schlussendlich. Wenn alles andere wegfällt, weil es platt wurde. Und dann steht man da. Nackt. Vor sich. Und fragt sich.

Ja, es kann besser werden. Immer wieder. Anfangen kann man nur in sich selber, bei sich selber. Indem man tut, was man tun kann. Und diese Gewissheit bewahrt: Ich habe mein Bestes gegeben. Und stolz auf sich ist. Sein kann. Denn dann erkennt man auch: Wahre Zufriedenheit kommt nie von aussen. Sie wächst aus einem selber. Und klar ist es schön, wenn äussere Dinge sich ergeben, schön sind, Freude machen. Wenn aber das innere Feuer der Freude und der Zufriedenheit nicht brennt, werden die äusseren in Rauch aufgehen, ohne je Wärme abgegeben zu haben.

Wider die Vernunft

Als ich heute die Treppen hochstieg zu meiner Wohnung, sinnierte ich über die Vernunft. Vom Menschen als ihm eigene und ihn über das Tier erhebende Eigenschaft erkannt und gewertet. Wer kennt nicht Sätze wie:

  • Du musst doch vernünftig sein!
  • Ist das wirklich vernünftig?
  • Du verhältst dich absolut unvernünftig. 

Wer hat nicht schon geschwankt zwischen dem, was vernünftig wäre und dem, was er will. Und sich vielleicht dann zum Satz geflüchtet:

Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point.

Was aber ist eigentlich Vernunft? Mir kam auf die Schnelle folgende Definition in den Sinn:

Vernunft ist das, was bleibt, wenn alle Gefühle rationaler Berechnung gewichen sind. 

Und wenn ich dann in mich gehe und mich frage, ob ich das will, schreit alles in mir ganz laut: NEIN. Ich möchte gar nicht vernünftig sein. Ich möchte meinem Herzen folgen und tun, was ich tun möchte. Ich möchte nicht bei allem meine Gefühle wegpacken und die Dafürs und Dawiders gegeneinander stellen, möchte nicht ständig im Widerstreit der gegenteiligen Argumente hin und her geschleudert sein und innerlich denken: Aber ich will doch.

Und doch, bei all dem Wollen und Sehnen und innerlichen Schreien und Freistrampeln von all den ach so vernünftigen und rationalen und so unromantischen Begründungen und Argumentationsketten ist neben der Stimme, die doch eigentlich will, auch oft die Stimme, die sagt: Ich kann doch aber nicht. Die Stimme kommt von tief unten. Zwar ist sie vielleicht nicht so sehnsüchtig, nicht so lustvoll, aber doch sehr präsent. Und eingeübt. Und eingeimpft. Von klein auf. Bei vielen dieser Stimmen hört man noch den Tonfall des sie ursprünglich Aussprechenden und damit Einimpfenden mit.

  • Du kannst nicht einfach schnell barfuss zum Briefkasten laufen, du erkältest dich – Papa drückt durch. 
  • Du kannst das Geschirr nicht stehen lassen, was du heute aufräumst ist morgen nicht mehr da – wieder Papa. 
  • Du kannst nicht einfach laut singen, deine Stimme ist hässlich – Barbara aus der zweiten Klasse (ich sang nachher nie mehr laut, zumindest nicht, wenn jemand zuhörte)

Aber ich will doch! Aber was, wenn ich mich dann erkälte? Was, wenn ich morgen in die Küche komme und mich ärgere, dass der Abwasch noch nicht gemacht ist? Was, wenn alle lachen, weil ich so schrecklich singe und sich fragen, ob ich nicht wisse, dass meine Stimme ganz schrecklich ist?

Du kannst dem nicht einfach sagen, dass du dich verliebt hast. Was, wenn er nur Spass will („der will doch nur spielen, der bleibt nicht“ – Frei nach Hundebesitzer)? Was, wenn ich ihn damit vergraule? Was, wenn ich mich bloss stelle? Lächerlich mache? Ich kriege schon hochrote Ohren, wenn ich daran denke. Ich kann doch wirklich nicht. Und sitze da. Aber ich will doch? Also eigentlich will ich ja nicht, aber ich möchte wissen, was er will und das weiss ich ja nur, wenn ich endlich mal sage, was ich will, denn er sagt ja nichts. Wobei eigentlich könnte auch er etwas sagen, ich meine, er ist ja der Mann. Wobei, es könnte ja auch ein gutes Zeichen sein, dass er nichts sagt, weil das würde ja darauf hinweisen, dass er vielleicht schüchtern ist. Und nicht so geübt. Würde er gleich rauspreschen und mir die Sterne vom Himmel holen, könnte das ja durchaus sehr routiniert aussehen. Aber trotzdem will ich eigentlich, dass er was sagt. Und eigentlich will ich auch selber was sagen. Das ist alles verdammt schwierig.

Vernunft ist irgendwie die sichere Seite, bei der man immer schön ohne Risiko, weil berechnet und damit rational durchs Leben geht. Leider bleibt dabei auch viel auf der Strecke. Und schlussendlich ist all die Berechnung auch nur Wahrscheinlichkeit, da sie immer den eigenen Gedanken entspringt, vielleicht abgestützt auf eigene oder fremde Erfahrungen, die auch wieder nur eine Wahrscheinlichkeit ist, da sie singulär und damit nicht absolut gültig.

Was bleibt? Es lebe die Unvernunft? Herz voran, Herz auf die Zunge und drauf los? Wer nichts wagt, der nichts gewinnt? Vermutlich ist ein Mittelweg das beste (wobei nur schon der Satz wieder sehr vernünftig klingt und damit die Vernunft schon wieder siegreich scheint). Das Herz lenkt, das Herz bestimmt, die Vernunft kann Fallschirm sein. Wenn einen nur eigene Ängste hindern, etwas zu tun, das man gerne tun möchte, die Gefahren nicht wirklich schlimm, sondern vielleicht ein wenig gebrochenes Herz und verletzter Stolz sind, ist das, was man gewinnt, wenn man dem Herzen folgt, um einiges wertvoller, denn man hat sich getraut, zu sich selber zu stehen. Und selbst wenn nicht das dabei rauskam, was man sich erträumt hat, so doch das Gefühl, ganz sich selber gewesen zu sein. Und irgendwann wird man auch merken, dass das das Schönste überhaupt ist. Und witzigerweise auch das, was einen meist weiter bringt. Niemand lacht einen aus, weil man Gefühle zeigt. Selbst wenn sie nicht erwidert werden. Und tut es einer, dann wäre er es sowieso nicht wert gewesen. Menschen, die auf deinen Gefühlen rumtrampeln, sie mit Füssen treten, sich darüber lustig machen oder sie schlicht nicht behutsam behandeln, sind es nicht wert, sich nicht zu trauen, zu ihnen zu stehen. Denn schliesslich und endlich zeigt es nur die Schwäche der anderen, indem sie nämlich sehr wenig gefühlvoll umgehen – und wie sie das mit dir tun, tun sie das mit grösster Wahrscheinlichkeit mit sich selber.

Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, diesen Blogbeitrag zuerst zu gliedern im Kopf, stichwortartig zu Papier zu bringen, den roten Faden zu suchen, statt ihn in wenigen Minuten im Akkord in die Tasten zu hämmern. Aber mir war grad danach. Ich wollte einfach. Und so tat ich. Und immerhin, wer das noch liest, blieb  bis zum Schluss. Danke!

Sex sells

Wieder einmal wurde ich durch einen Blog von Gesine zum Nachdenken gebracht. Ist ein Buch sexy? Muss es das sein?

Dass die Gesellschaft immer mehr sexualisiert wird, macht schon lange die Runde. Sex sells – so das alte Wort und es hat viel Wahres. Autos und Motorräder werden mit nackten Frauen aufgewertet, Filme mit Bettszenen gespickt, Fotomodelle haben immer weniger Stoff und immer mehr Haut. Joghurtwerbung zeigt den flachen sexy Bauch und Schokoriegel werden von ultraschlanken Joggerinnnen in knappen Höschen beworben. Die Strategie scheint Erfolg zu haben, sonst wäre sie einer neuen gewichen. Ich denke aber nicht, dass sie überall funktioniert und ich denke zudem, dass irgendwann mal Schluss ist, das Mass voll. Langsam macht sich auch Überdruss breit. Hörte man am Anfang noch die Feministinnen aufschreien und sich über Sexismus beklagen – was wohl das Interesse daran eher steigerte denn minderte -, so sieht man immer mehr gelangweilte Gesichter. Krimis werden nicht spannender, wenn sich der Kommissar die halbe Zeit statt dem Fall der netten Praktikantin zuwendet und auch Actionfilme nicht mitreissender, wenn die Agentin mehr Wert auf den Schlitz im Rock als auf die Verfolgung des ewig Bösen legt.

Wie steht es beim Buch? Das Cover ist sicher ein Kriterium für den Buchkauf. Spricht es an, ist schon mal der erste Blickkontakt hergestellt und der erste Eindruck ist doch immer auch ein prägender. Ob das aber sexy sein muss? Ich wage es zu bezweifeln. Ich denke, gerade bei Büchern ist das Argument eher nicht massgebend. Das Cover und die Aufmachung sollten das widerspiegeln, was drin ist. Wenn ich ein Sachbuch zum Unergang des Dritten Reiches lesen will, wird mich ein Cover mit einem amerikanischen, leicht bekleideten Pinup Girl eher abschrecken, denke ich mal. Da könnte es so sexy sein, wie es wollte. Bei Büchern und ihrem Erscheinungsbild gilt es also, den Inhalt prägnant, eingängig, geschmackvoll und treffend zu präsentieren.

Ist ein Buch an sich sexy? Spontan kam mir das in den Sinn:

Die kühle Seide des Lakens schmiegt sich an den Körper, während das Papier des Buches neben mir ein verlockendes Rascheln von sich gibt. Was verbirgt sich hinter der nächsten Seite? Womit werde ich beglückt? Meine Spannung steigt ins Unermessliche, langsam fahre ich mit der Zunge über die Lippen. Der Buchdeckel liegt warm durch die Berührung in meiner Hand. Er fühlt sich so vertraut an. Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss es wissen. Ich blättere um uns stürze mich gierig in die Buchstaben.

Ist ein Gegenstand an sich sexy? Ich denke kaum. Das sind Zuschreibngen, die die Werbeindustrie macht. Sie will damit erreichen, dass etwas mehr Anklang findet und damit gekauft wird. Das habe ich oben schon erläutert. Muss ein Buch sexy sein? Die Frage wäre: wieso? Was bringt mir ein sexy Buch? Denke ich dann beim Lesen, wenn ich nicht mehr weiter mag, weil es ätzend ist, dass es aber sexy ist und lese beschwingt weiter? Klar, man könnte sagen, das Buch ist dann schon gekauft und damit die Rechnung aufgegangen. Langfristig wird das sicher nicht klappen. Bücher sind sicher eher nicht sexy. Ihnen haftet was streberhaftes an, etwas langweiliges, ruhiges. Und heute muss alles schnell, cool, trendig sein. Daher wohl die neue Schiene, auf die man das Buch zwingen will. Man erhofft, einen neuen Markt zu eröffnen. Den der coolen Menschen. Man vergisst dabei, dass das, was man mit dem wenn auch noch so sexy Gegenstand machen kann, immer dasselbe bleibt: lesen. Und das mag man oder mag es nicht. Man greift sicher eher zum Buch im Laden, wenn das Cover anspricht. Aber das tut es auch ohne Sexappeal – ich wiederhole mich.

Bin ich sexy, wenn ich lese? VIelleicht, wenn ich wirklich in kühler Seide mich räkelnd da liege. Aber auch das hat dann eher wenig mit dem Buch zu tun. Was bleibt? Buch bleibt Buch. Und damit wohl eher unsexy. Und das ist in meinen Augen auch gut so, Zwar verstehe ich den verzweifelt anmutenden Kampf um den immer kleiner werdenden Markt durch die immer grösser werdende Konkurrenz, allerdings wird man den in meinen Augen nicht gewinnen, indem man auf Attribute setzt, die mit dem Produkt wenig gemein haben. Sinnvoller wäre es, die Stärken des Produkts hervorzuheben und derer gibt es genug. Auf das von allen anderen Kampagnen schon eher abgenutzte Konstrukt des „Sex sells“ zu setzen, kommt eher einer Abwertung des Buches gleich, da man ihm damit die eigenen Vorzüge abspricht und es über andere Wege an den Mann/die Frau zu bringen hofft.

Abu Jahia al-Libi – Mord oder Notwehr?

Wieder hat mich ein Blog zum Nachdenken gebracht. Die Gedanken sind noch nicht ausgereift, sondern eher spontane Durchzüge durch meine Gehirnwindungen. Aber vielleicht regen sie den einen oder anderen auch zum Nachdenken an und wer weiss, vielleicht kriege ich die eine oder andere Resonanz, die mich wieder anregt? Denken im Austausch führt in meinen Augen weiter als das Denken im stillen Kämmerlein. Das ist eher ein Selbstgespräch und führt – man sah es in Sils Maria – oft in unerwünschte Abgründe der menschlichen Psyche, die auch Krankheit genannt werden.

Abu Jahia al-Libi ist tot. Der Tagesanzeiger berichtete darüber und mein Freund Thomas entsetzte sich in seinem Blog über die Handhabe der Amerikaner, deren Präsident Friedensnobelpreisträger ist und bewilligte, dass ein Mensch ermordet wird. Hat er damit ein Menschenrecht verletzt? War es verwerflich? Ein nicht zu rechtfertigender Übergriff, der das Grundrecht eines anderen auf Leben torpedierte? 

 Es ist ein schwieriges Thema. Ich war mal an einer Wissenschaftlichen Arbeit dran, die untersuchen sollte, ob humanitäre Einsätze in besetzten Staaten nicht die Souveränität des Landes untergraben. Und ob man sie trotzdem rechtfertigen kann. Die erste Frage, die sich dabei stellt: Was ist ein humanitärer Einsatz? Welche Einsätze kann man mit moralischen (so klingenden?) Argumenten hinreichend begründen, dass man die Souveränität eines anderen Landes aushebeln kann?

Der hier Ermordete hat sich mehrfach gegen die USA ausgesprochen. Propagierte Angriffe, die mehrere Tote in den Staaten zur Folge hätten. War es Notwehr? Im weitesten Sinne? Ist es legitim, dass er deswegen auf der Abschussliste stand? Im zivilen Recht wäre es das in der Schweiz nicht, der Abschuss sicher nicht, nicht mal eine Sanktion sonst. Keine Strafe ohne Tat. Und vor allem „Nulla poena sine lege“ – keine Strafe ohne Gesetz. Es müsste erst was passieren und das müsste einen rechtlich verankerten Tatbestand erfüllen.

Was aber, wenn die Drohnungen in diesem Falle wahrgemacht worden wären? Ein neuerliches 09/11? Wären die Stimmen nicht laut, es sei angekündigt gewesen, wieso man nichts gemacht hätte?

Wer ist Täter? Wer ist Opfer? Sind die Bösen die, die ihr Land schützen? Sind die Mittel zu grob? Was wären angebrachte Mittel? Was hinreichende? Ist das Opfer der nun Tote? Hätte er das Menschenrecht auf das eigene Lebens gehabt und das hat man bösartig genommen? Hat er im Gegenzug Menschenrechte geachtet? Hat seine Organisation es je getan? Aber gilt deren Haltung als Entschuldigung? Auge um Auge, wie du mir, so ich dir?

Ich denke, es ist ein schwieriges Problem, dem man mit ein wenig Entsetzen und Schuldzuweisungen nicht Herr wird. Thematisieren muss man es aber und nachdenken drüber auch. ICH kenne keine Lösung und keine Antwort. Wer kennt sie wirklich? Ich bin aber sicher, im Diskurs kommt man ihr näher. Und dazu sind solche Gedankenanstösse super.

Sind Bücher out?

Angeregt durch den Blogeintrag von  Gesine von Prittwitz bei SteglitzMind machte ich mir heute meine Gedanken zum Thema Buch und ob es nicht langsam out wäre. Die Stimmen hallen ja schon lange durch die Regale und Buchläden, die Verlage unken es und fürchten sich. Die neuen Medien scheinen auf dem Vormarsch und dabei das gute alte Buch zu verdrängen. Die einen betrauern die guten alten Zeiten und fürchten, sie seien unwiederbringlich dem Untergang geweiht, die anderen verstehen den Aufruhr nicht und fragen sich, wieso einem simplen Gegenstand wie einem Buch so viel Aufmerksamkeit zukommt.

Wieso wird das Buch so hochgehalten? Wieso hat e einen höheren Status als ein Autoreifen, eine Zahnbürste? Ich denke, die Gründe sind vielfältig.
Wer ist nicht schon mit einem Buch in eine andere Welt entschwebt? Hat genossen, neue Gedanken kennen zu lernen, Abstand vom Alltag zu kriegen? Bücher sind kleine Oasen und als solche haben sie einen hohen Stellenwert.

Bücher sind Kunst. Wie Bilder. Wie Musikstücke. Damit heben sie sich von einer Zahnbürste als blossem Gebrauchsgegenstand ab. Klar könnte man den Inhalt des Buches anders transportieren, auf dem Computer, auf Tablets. Trotzdem behält das Buch seinen Stellenwert neben diesen neuen Wegen der Übermittlung. Ein Teil dieses Wertes ist wohl der Nostalgie geschuldet. Man wuchs (heute noch) damit auf, man ist gewohnt, in Büchern zu blättern. Man weiss noch, wie man als Kind unter der Bettdecke las, geniesst das ganze Drumrum des Buches mit.

Bücher haben Substanz. Die hat ein Tablett auch, aber eine andere. Es ist kälter, ferner. Das Buch liegt warm in den Händen, ich kann reinschreiben, kann die Seiten riechen, die Druckerschwärze riechen. Ich kann von Hand blättern. Es ist unmittlbarer. Beim Tablett steckt viel Technik dahinter. Das ist immer noch fremd. Trotz aller praktischen Seiten wie Hintergrundbeleuchtung, die das Lesen unter der Bettdecke vereinfacht (selber schon probiert). Man fühlt sich damit nicht vertraut und spätestens, wenn die Technik streikt, ist alles aus.

Wieso muss man die beiden überhaupt gegenüberstellen? Sie können ja nebeneinander bestehen bleiben. Das Auftauchen der Fotokameras war auch nicht das Ende der gemalten Kunst, Fernsehen hat das Theater nicht ausgeblendet. Klar, es fanden Verschiebungen statt. Der Markt musste geteilt werden. Aber schlussendlich fanden alle ihren Platz – mit Verschiebungen, mit Veränderungen zu früher, aber sie hatten weiter Bestand.

Noch nie mochten alle Menschen Bücher. Es gibt sehr viele Menschen, denen Bücher egal bis hin zu einer Plage sind. Das war immer so und wird wohl immer so bleiben. Diese Menschen machen sich aber auch kaum Gedanken über das Büchersterben, sie sind nur froh, wenn sie keine lesen müssen. War man früher auf Bücher angewiesen, um ein wenig BIldung zu kriegen,  geht das heute auf anderen Wegen. Das ist durchaus ein Gewinn, da Bildung trotz allem wichtiger ist, als gerne zu lesen. Sage ich als Buch- und Literaturliebhaber. Schon da hat der Wert des Buches abgenommen, man muss keine Bücher mehr haben, um als gebildet zu gelten. Trotzdem vermittelt ein volles Bücherregal im Wohnzimmer diesen Eindruck noch heute. Das sind Bilder in Köpfen, Assoziationen. Die sterben nicht so schnell aus. Und das ist vielleicht auch gut so. Denn sie haben auch ein Stück Wiedererkennungswert und Stabilität in sich.

Es bringt in meinen Augen nichts, in einen Trauergesang um das Büchersterben auszubrechen. Sterben werden sie nicht. Sich neu einordnen in einem immer grösser werdenden Dschungel an Möglichkeiten aber schon. Es findet quasi eine Art Evolution im kulturellen Bereich statt.

Teilhaben am Leid anderer oder einfach mal fröhlich sein

Kürzlich am Küchentisch fanden im Hause Cosima wieder einmal die üblichen philosophischen Diskussionen statt. Auslöser war ein ganz profanes Thema: „Mama, was für Filme schaust du gerne im Kino?“ Also mein Sohn das nicht wüsste, stossen wir doch zu Hause beim Fernsehprogramm wie auch im Kino immer wieder an unsere Kompromissgrenzen. Er schaut alles gerne, das mit Action, Science Fiction, Agenten, Spannung zu tun haben, ich schaue – das Lied „weil ich ein Mädchen bin“ kommt mir grad in den Sinn – gerne Liebeskomödien oder aber Filme über die Shoah, das Dritte Reich, die Zeit des Krieges und der verfolgung. Dieses Interesse fängt nicht bei den Filmen an, das tut es in der Wissenschaft, erstreckt sich über die Literatur bis in den Film hinein. Mein Sohn schaut mich gross an und sagt mit noch grösserem Ernst: „Mama, wieso beschäftigst du dich mit diesen Dingen? Die sind vorbei und so traurig. Wir sollten fröhlich sein heutzutage und fröhliche Dinge schauen.“ Ich versuchte etwas von historischer Verantwortung und nicht vergessen dürfen zu erklären, die Argumente griffen wenig. Nicht dass mein Sohn nicht interessiert an Geschichte wäre, das ist er sogar sehr, die einzigen Bücher, die mein nicht lesendes Kind liest, sind Geschichtsbücher (vornehmlich über Römer). Trotzdem bleibt er dabei: Es bringt nichts, sich mit traurigen Dingen zu beschäftigen, die nehmen einem die Freude und es ist besser, zu lachen und fröhlich zu sein.

Nun ist es nicht so, dass ich nie lache, im Gegenteil. Aber die Beschäftigung mit diesen doch eher düsterern Themen nehmen einen grossen Platz in meinem Leben ein. Dass ich mich an dieses Gespräch erinnere, kommt nicht von ungefähr, sondern wurde durch den Blog eines lieben Freundes angestossen: http://lautenist.livejournal.com/58000.html?view=138640#t138640 Er stellt sich auch die Frage, ob es Voyeurismus ist, Freude am Leid anderer, wenn man sich damit beschäftigt.

Was packt mich an dem Thema – bei mir dem Thema der Judenverfolgung, der Vernichtung, des Leids von Millionen von Menschen? Es ist nicht ein Gefühl der Freude über ihr Leiden, eher schon Trauer, Wut, Entsetzen. Interesse ist nicht immer positiven Gefühlen geschuldet. Woher aber rührt die Trauer, die Wut? Icih denke, sie lässt sich auf das Unverständnis zurückführen, wie Menschen so sein können. Es ist das wissen Wollen, wie es dazu kommen kann. Was die einzelnen Menschen angestachelt hat. Ich möchte die Mechanismen dahinter erkennen, sie durchschauen – um immer wieder zu sehen: sie sind nicht zu verstehen. Vielleicht ab und an zu erklären. Ab und an zu bechreiben. Aber zu verstehen? Nicht im Herzen. Ganze Regale zu dem Thema habe ich gelesen, jedes neue Buch drängt sich mir wieder auf, jeder neue Film muss gesehen werden. Das Thema hat eine Gewalt. Und in mir den Zwang, dran zu bleiben. Aus einer inneren Pflicht heraus, einer Verantwortung. Als Mensch. Das, was mein Sohn nicht als Argumente gegen die Freude gelten liess, stimmt doch ein Stück weit für mich. Es darf nicht vergessen werden. Es muss weiter gehen. Weiter bedacht werden, dessen muss weiter gedacht werden. Es darf nicht sein, dass so viele Menschen in den Tod befördert wurden, damit man ie nachher noch ganz vergisst. Und damit quasi zum zweiten Mal tötet. Denn was bleibt, ist die Erinnerung. Die Überlebenden spürten die Pflicht, Zeugnis abzulegen, die Erinnerung zu bewahren ganz deutlich. Und wenn diese Überlebenden auch nicht mehr leben, ist es an den nachkommenden Generationen, weiter zu gedenken.

Trotzdem hat mein Sohn natürlich recht. Freude darf und soll sein. Wir tun niemandem einen Gefallen, uns die Freude am Jetzt zu nehmen, nur weil im Gestern Menschen litten – es auch im Heute noch tun. Was wir aber tun können ist, unsere Freude bewusst zu sehen, sie bewusst zu leben und dankbar zu sein, dass wir in der Lage sind. Und dabei nie zu vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, ein Privileg  gar.

Zusammenbleiben

Eine schlaflose Nacht brachte es mit sich, dass ich einen Film schaute, zuerst in der Hoffnung, dabei einschlafen zu können, dann mit immer mehr Gefallen am Gesehenen selber. Ein Kleinunternehmer, gutaussehend, Familienvater von drei Kindern, verheiratet mit einer eigentlich hübschen, ihm aber wohl zur Gewohnheit gewordenen Ehefrau, welche mehr an Alltag denn an Erotik denken liess, verliebte sich (nicht zum ersten Mal in seiner Ehezeit) in eine Frau (die, man hat es erahnt, nicht die seine war). Die Liason dauerte ein paar Monate, die Ehe daneben plätscherte dahin, die Frau fühlte sich allein gelassen, keifte, was sie nicht attraktiver machte für den Mann. Ganz Unschuld von Lande war sie auch nicht, auch ihre Ehekarriere war durchbrochen mit sicher zwei Affairen. Reingeschlittert aus dem Wunsch, begehert zu werden, aus der Vernachlässigung heraus, vielleicht auch aus Frust über den Alltagstrott.

Irgendwann das Unvermeidliche: die Sache kam ans Licht. Vorher zwar erahnt, war nun klar für die Frau: da ist eine andere Frau. Und der Mann stand in der Situation, dass diese andere Frau eine Entscheidung haben wollte. Die Trennung wurde beschlossen, man redete erst emotional, den anderen verletzen wollend, vielleicht um ihm ein wenig von der eigenen Verzweiflung, die in diese Situation geführt hatte, abzutreten, dann sachlich. Trennte sich in derselben Nacht, die Frau noch nüchtern, er eher weniger, was ihm im Auto nicht gut bekam. Er landete in der Ausnüchterungszelle. Da weinte sie nun zu Hause aus Trauer über das, was sie verloren hatte, was doch nicht nur Alltag, Gewohnheit war, sondern auch Erinnerung, Lebensinhalt, eigenes Leben. Er tat das Gleiche in der Zelle, plötzlich bewusst, dass ihn doch mehr mit dieser Frau verbindet als die Kinder und die Zahl der Jahre. Am nächsten Morgen trennt er sich von der Nebenfrau, die ins Schlittern geratenen Geschäfte können dank der Hilfe der Nochfreu aufgefangen werden und am Schluss sieht man die beiden in den lange geplanten und immer verschobenen Urlaub fahren. Im Wissen, dass es nicht nur einfach werden wird und eitel Sonnenschein, aber doch nachdenklich geworden.

Die Filme und Bücher über das Zusammenbleiben scheinen sich zu mehren. Waren früher eher Kennenlerngeschichten aktuell, stolpere ich immer mehr über die, welche die Fortsetzung der Anfangsromantik thematisieren. Zufall? Zeichen der Zeit? Ich weiss es nicht, nutze es aber zu eigenen Gedanken.

Früher war mir eines klar: Ein Seitensprung wäre das unweigerliche Ende. Treue als oberste Maxime, ohne Toleranz. Ich bin älter geworden. Vielleicht ruhiger. Bestimmt ruhiger. Und wohl auch nachdenklicher. Zudem hat die Erfahrung des Lebens einiges mit sich gebracht. Eine Beziehung, welche aus Liebe entsteht, aus Romantik auch, aus vielen Wünschen und Träumen des Miteinanders, des Wachsens, gemeinsam, aneinander ist etwas Wertvolles. Das zu erkennen dürfte noch keine Hexerei sein. Was aber so blumig und schön anfängt, bleibt selten so, das Leben geht weiter, das Leben ist nicht immer einfach, äussere Einflüsse tun das ihre, innere Stimmungen zu erzeugen, nicht immer nur positive. Zwei Menschen sind nie identisch, Wünsche prallen aufeinander, Bedürfnisse, widersprechende, sich ab und an ausschliessende. Kompromisse sind wichtig, nicht immer befriedigend. Ab und an kommt die Sehnsucht nach Unabhängigkeit dazu, nach Neuem, nach Abenteuer. Verlockungen sind nicht selten, wenn gar Möglichkeiten da sind… wird das Schwierige noch schwieriger, der Schlussstrich scheint der einfachere Weg.

Das mag in jungen und umabhängigen Jahren noch zutreffen, doch selbst dann kommt nicht immer etwas Besseres nach. Je älter man wird, je mehr in einer Beziehung auch verbindet, desto weniger trifft es in meinen Augen zu, dass Gehen die bessere Alternative ist. Erstens wird alles erst mal Neue irgendwann alt, zweitens werden mit jedem neuen Menschen auch neue Probleme auftauchen und drittens ist im Alten nie alles nur schlecht, so dass einem irgendwas ganz schrecklich fehlen wird, wenn der Mensch erst mal weg ist. Dazu kommt – und das wiegt viel schwerer: Die Vertrautheit, die man über die Zeit aufgebaut hat, wird in einer neuen Beziehung nie so da sein. Selbst wenn man denkt, den Seelenverwandten getroffen zu haben, der einen blind versteht. Nach dieser anfänglichen Blindheit gehen beiden meist die Augen auf und von dem Verstehen bleibt nicht mehr ganz so viel, Unterschiede tauchen auf.

Es gibt viele Sprüche heute darüber, dass man viel zu schnell aufgibt, nicht mehr kämpft, sich nicht mehr zusammenrauft. Man möchte es als leere Weisheiten abtun, möchte dagegen halten. Das Argument der neuen Möglichkeiten der Frau, die das erst realisierbar machten, ist schnell bei der Hand, auch nicht ganz von derselben zu weisen. Und doch bleibt ein Funken Wahrheit dabei. Ob man heute wirklich glücklicher ist damit? Ich wage es zu bezweifeln.

Was ich aber ganz konkret durch diesen Film überlegte, war: wieso ist der Umstand der sexuellen Treue so relevant, so wichtig? Vieles andere wäre man bereit, zu verzeihen, aber bei dem sagt man: Game over. Ist Sexualität so viel wichtiger in einer Beziehung als Liebe, als Miteinander, als Freundschaft, als Vertrauen. Klar, dieses Vertrauen wurde verletzt durch einen Seitensprung, aber andere Vertrauensbrüche würde man leichter wegstecken. Sie wären schmerzhaft, aber nicht das Ende. Grundsätzlich sind sie aber alle dasselbe. Alle Vertrauensbrüche gehen darauf zurück, dass man etwas tat, von dem man wusste, der andere wäre verletzt, der andere würde leiden. Und man tat es doch. Heimlich. Weil man a) nicht verletzen möchte und b) nicht verlieren, was man hat. Sei es aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit oder doch auch Liebe. Trotz allem. Ich bin durch all das zum Schluss gekommen für mich, dass ich es heute wohl nicht mehr so rigoros sagen könnte. Klar erwarte ich nach wie vor Treue – genauso aber auch Ehrlichkeit auf anderen Ebenen. Ich habe keine Hierarchie mehr in diesem Wunsch. Die sexuelle Ehrlichkeit wiegt dabei nicht höher als jede andere, denn der Verlust an Vertrauen ist bei allen Brüchen derselbe. Wäre diese eine Ebene die alleinausschlaggebende, wäre es ja auch die einzige Ebene, die die Beziehung zusammenhält. Aber da ist so viel mehr. An Austausch, an Halt, an Gefühlen, an Herausforderung – und auch an Gewohnheit.

Gewohnheit hat oft einen langweiligen Touch. Alles muss immer neu sein. Aufregend. Dabei übersieht man, dass Gewohnheit auch ganz viel Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Und damit auch ein Stück Ruhe. Auch das kann wertvoll sein. Aufregend genug ist das Leben meistens selber. Und wenn der geliebte Mensch es auch ab und an ist, weil er es sein will, sich die Mühe gibt, es zu sein, dann ist eigentlich schon viel erreicht. Den Wert der Zeit wird Neues nie aufwiegen können. Beziehungen werden nie tief, wenn der Faktor Zeit fehlt. Und gerade diese Tiefe lässt wachsen – sich und den andern und beide zusammen. Drum sind eigentlich diese neuen Liebesgeschichten die interessanteren. Weil sie mehr über den Menschen an sich aussagen. Und damit auch über einen selber.

Das alles ist blosse Theorie. In diesem Punkt liebe ich die Theorie mehr als den Praxisbezug – wie es sich für eine Philosophin wohl auch gehört. 🙂

Endlich leben

Das Leben war oft grausam mir,
Hürden, ganze Berge standen.
Als ich begegnete dann dir,
sich alle meine Glieder wanden,
davon zu kommen, schnell und schneller,
da nicht sein konnt‘, was ich fühlte.
Doch es wurde hell und heller,
wie wenn Flut den Sand wegspülte,
der über mein Leben sich gelegt,
mich immer tief und tiefer drückte,
ihn aber trotzdem noch gehegt,
als ob er mich seit je beglückte.
Es war Zuhause mir, dies düstre Loch,
in das ich kroch tagaus, tagein,
und sehnte mich wehmütig doch,
das konnt nicht all’s gewesen sein.
Sachte fing ich an die Mauern
einzubrechen, Stein für Stein,
ab und an auch mit Bedauern,
liess ich nun das Licht herein.
Lernt‘ es schätzen, lernt‘ es lieben,
fühlte bald, wie gut es tut,
Sand und Dunkel war’n vertrieben,
in mir regt‘ sich neuer Mut.
Zwar kehrt die Angst zeitweise wieder,
dass das Dunkel kehrt zurück,
dass sie stimmen, all die Lieder,
die besing’n verlornes Glück.
Doch bleibt nur eins – es heisst, vertrauen,
dass du bleibst, ich werd’s erleben,
möchte lieben, auf dich bauen,
denn nur so ist leben Leben.

Hintenrum

Was kümmern mich Menschen, die hiner meinem Rücken über mich sprechen? Die schaue ich eh nur mit dem Hintern an.

Wieso sprechen so viele lieber hinter dem Rücken von andern, statt sich direkt mit dem Menschen auseinanderzusetzen? Wo liegt der Kick? Gibt es eine innere Befriedigung? Oder weiss man selber, dass das, was man sagt, eigentlich falsch ist, man es deswegen nicht vorne rum der entsprechenden Person ins Gesicht sagen kann? Weil man fürchtet, die Antwort könnte einen selber mehr treffen, als man den anderen trifft?

Wenn ich etwas nicht vorne rum sagen kann, müsste ich mich fragen, wieso das so ist. Es gibt verschiedene Gründe:

  •  Ich will mit der Person nichts zu tun haben – dann stellt sich die Frage, wieso sie so wichtig ist, dass ich mich dennoch mit ihr beschäftige und ihr meine Zeit widme, indem ich über sie spreche.
  •  Ich weiss, dass das, was ich sage, nicht richtig ist – wieso will ich es dann erzählen? Was will ich damit erreichen? Rache? Selbstbefriedigung? Aber wird es eine sein, wenn ich wissentlich Lègen erzähle? Wenn ich jemanden mutwillig schlecht mache? 
  • Ich weiss, dass ich den anderen Menschen damit verletzen würde – wieso sage ich es dann hintenrum? Die Gefahr, dass er es über Ecken trotzdem erfährt und dann umso verletzter ist, liegt auf der Hand.
  • Es macht Spass – wo genau liegt der Spass, hinter dem Rücken anderer zu sprechen? Weil man dann ungehemmt lästern kann? Worin muss die Lästerei bestehen, wenn man die Inhalte nicht auch vorne rum loswerden kann und gemeinsam lachen? 

So gesehen gibt es wohl keinen wirklichen Grund, hintenrum zu sprechen. Tut man es doch, liegt das Problem eher bei einem selber als bei dem, über den man redet – meistens schlecht redet. Und vielleicht wäre es sinnvoll, die Zeit, die man für das Gerede aufwendet, sich also mit einem anderen beschäftigt, mal für sich selber einzusetzen und zu schauen, was einen treibt. Was einen antreibt, gegen andere zu schiessen. Man könnte unter Umständen sehr viel mehr über sich selber lernen dabei als man über den andern zu wissen glaubt.

Und sollte je über einen selber hintenrum geredet werden: was kümmert es schon, wer mit unserm Hintern spricht. Schön ist es, wenn vor den Augen die Menschen stehen, die einem wichtig sind.

Ich und du

„Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen!“
„Au ja, wann?“
„Mir egal, ich bin immer hier.“
„Ich bin auch hier.“
„Nein, du bist dort, hier bin ich.“
„Nicht wahr, ich bin hier, zudem bin ich  ich, du bist du.“
„Das stimmt doch einfach nicht. Ich bin ich und du bist du. Und ich bin hier, du nicht, ich seh dich nicht.“
„Weil du nicht hier bist, sondern dort.“
„Ich bin ich. Ich bin hier. Beweis erbracht.“
„Welcher Beweis?“
„Dass ich hier bin.“
„Sag ich doch, ich bin hier, du bist dort.“
„Nein, ich bin hier, und ich bin ich. Du bist du und du bist dort.“
„Du nervst!“
„Finde ich auch.“
„Wo sehen wir uns denn nun?“
„Na hier, bei mir.“
„Gut, also hier bei mir.“
 „Also, dann komm her.“
„Nein eben nicht, du musst kommen.“
„Wieso, ich bin ja schon hier.“
„Nein, du bist dort.“
„Ich komme nicht mehr draus.“
„Stimmt doch gar nicht, ich komme sehr wohl draus, du kommst nicht draus.“
„Du auch nicht?“
„Nein,du sagtest, ich komme nicht draus, aber ich komme draus.“
„Du bist doof.“
„Finde ich auch.“
„Endlich sind wir uns mal einig.“

Was trägt der Mensch?

Was passiert,wenn Bäche wachsen,
zu Flüssen werden,
Strömen gleich?
Wenn alles flieht
alles stürzt,
mit sich reisst?
Was passiert, wenn Mauern stürzen,
Dächer fallen,
Böden aufgehn?
Wenn alles drückt,
und alles drängt,
mich erschlägt?
Was passiert, wenn Fässer bersten,
alles strudelt,
mich ertränkt.
Wenn Fluten drohen
und Luft wegbleibt,
ich ersticke?
Was passiert, wenn nichts mehr ist,
nur Leere schreit,
ein grosses Nichts?
Wenn alles weg,
ich ganz allein
und haltlos bin?
Was passiert, wenn es nicht endet,
ohn‘ Erbarmen,
ohne Gnade,
Ich nur sehne,
nach dem Ende,
nach dem Aus.

Ode an die Belanglosigkeit

Ein Wort ist ein Wort. Das war einmal, wie mir scheint. Floskeln nehmen überhand. Dass man fragt, wie es einem geht, ohne es eigentlich wissen zu wollen, ist schon lange nichts mehr Neues. Im Englischen wird es schon synonym für „Hallo“ verwendet, im Deutschen sind wir nahe dran. Der Trend scheint weiter zu gehen und in allen Bereichen des alltäglichen Miteinanders Fuss zu fassen.

„Wir müssen uns bald mal wieder treffen!“ heisst bei Weitem nicht, dass man den anderen bald mal sehen wird, geschweige denn was von ihm hören wird. Es klingt nett, es ist vielleicht sogar so gemeint in dem Moment, ein bisschen zumindest, aber schliesslich und endlich doch eher nur so daher gesagt. Wozu eigentlich? Wieso erzählt man jemanden, ihn treffen zu wollen, wenn man das gar nicht wirklich vor hat? Denkt man, dem anderen damit einen Gefallen zu tun? Denkt man, so eine gute Tat für den Moment zu tun, egal, dass diese bei Nichteinhaltung zerstört wird? Denkt man, der andere hätte eine so dahergesagte Floskel so dringend nötig? Das wäre schon fast überheblich. Aber vermutlich ist es pure Gedankenlosigkeit. Nachdenken? Überholt. Sprache wird nicht mehr bewusst verwendet, sondern gewohnheitsmässig dahergeplappert. Oft hört man selber nicht mal mehr, was man wirklich genau sagt. Alles Automatismus.

Vielleicht ist das ein Zeichen der Zeit. Eine Zeit, die selber immer schneller und haltloser wird. Was früher fürs Leben gedacht war, reicht heute höchstens für Abschnitte davon. Was früher verbindlich war, ist höchstens noch Wahrscheinlichkeit. Der einzelne Mensch fühlt sich selber haltlos und kann aus dieser Haltlosigkeit heraus keine eigenen Verbindlichkeiten mehr aufbauen. Er versucht, innerlich frei zu bleiben, um so jeder Eventualität gewachsen zu sein. Er sieht das Leben mit den vielen Änderungen und sorgt vor. Jedes eigene Festlegen wäre dabei eine Statik, die man nicht zu tragen wagt. Weil man sich selber offenbaren würde dabei in einem grossen Nebel von Ungewissheit. Weil man damit eine Stellung beziehen würde, die man nicht sicher halten kann. Und nie weiss, wie lange sie überhaupt haltbar ist. Lieber auf der sicheren Seite bleiben. Alles offen lassen. Sich nicht festlegen. Mal sehen, was kommt. Notfalls kann man noch einlenken. Und so wird aus dem „Wir sehen uns mal!“ ein „Alles ist möglich!“ Leider verliert so das Wort auch die Bedeutung. Und damit endet Kommunikation irgendwann im Sumpf der Inhaltslosigkeit. Zurück bleiben blosse Buchstabenhülsen, deren Meinung so weit ist, dass sie nicht mehr fassbar ist.

Was in dem Ganzen auch mehr und mehr abnimmt sind Werte wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit – und allen voran Anstand und Respekt dem anderen gegenüber. Da die Welt oft Spiegel ist, darf man sich dann aber auch nicht wundern, wenn man in dem Ganzen immer haltloser wird, da andere genauso handeln, sich den eigenen Gepflogenheiten anpassen. Und so gehen immer mehr Menschen als Individualisten ohne echte Bindungen durchs Leben, halten diesen Wandel als grösstmögliche Freiheit hoch und sehen nicht, wie viel Leere sie damit in und um sich aufbauen. Schliesslich und endlich ist und bleibt der Mensch ein soziales Wesen. Nicht nur  Säuglinge überleben nicht, wenn ihnen keine Liebe und Zuneigung entgegengebracht wird, das zieht sich bis ins Erwachsenenalter hinein. Jeder Mensch verkümmert langsam, wenn er einsam durchs Leben geht. Nicht einsam ist man nicht in grosser Gesellschaft, sondern in wahrer. Verschliesst man sich dieser, bleibt Einsamkeit – selbst im grössten Getümmel.