Leere

Nun bist du weg. Die Leere scheint erdrückend. Sie schlägt mir mit einem grossen Stein auf den Magen. Lässt die Beine schwach werden. Zu schön war die Hoffnung noch gestern. Im Nachhinein wie ein Aufbäumen vor dem Zusammenbruch. Nach der langen Abwesenheit erfülltest du den Raum wieder mit deiner Präsenz. Zeigtest deine Eigenheiten, wenn auch gedämpft, still noch, so doch erkennbar. Wie freudig das Herz, das wieder schneller schlug. Weil Licht am Ende des Tunnels schien.

Der Tag war ruhig, es ging dir besser. Man merkte, das Tal ist noch nicht durchschritten, doch konnte man schon die Umrisse des Pfades aufwärts sehen. Die Nacht kam. Du lagst neben mir. Wie eh und je. Weich und flauschig. Dann kam die Unruhe. Es plagte dich. Du warst getrieben. Die Verzweiflung griff auf mich über. Fühlte ich die deine oder war es nur die meine? Ich war hilflos. Wachte mit dir. Wachte über dich. Du solltest nicht allein sein. Dich nicht so allein fühlen, wie ich mich fühlte.

Der Morgen kam. Du blicktest mich mit grossen Augen an. Warst still. Lagst da. Dann kamst du doch. Liessest dich bei mir nieder. Ein Anflug der Vertrautheit. Oder war es nur eine Bitte? Ich sah dich an, fragte mich, was in dir vorgeht. Was du wohl spürtest? Was du wohl wolltest? Ich wusste es nicht. Wollte alles richtig machen, doch wusste nicht, was das war.

Nun bist du weg. Ich musste dich wieder da lassen. Alles voll Blut. Zum Glück hatte ich dir noch Schmerzmittel gegeben. So hast du wenigstens nicht den ganzen Schmerz gespürt. Ich spüre den deinen mit. Frage mich, woher der Stein die Kraft nimmt, mich zu erschlagen. Frage mich, ob ich richtig entschieden habe. Hätte ich dich erlösen sollen? Leidest du? Heilt die Zeit? Deine Wunden? Meine? Kommst du wieder? Bleibt die Leere. Im Moment erdrückt sie. Der Hals ist zugeschnürt. Woher die Hoffnung nehmen?

Mama

Mama
Ich bau auf dich,
seit es mich gibt.
Ich kenne dich,
von Anfang an.
Stets Sonnenschein?
Nein, Wolken zogen,
Blitze schlugen
ein mit Gewalt.
Gelacht, geweint,
gekämpft;
miteinander – gegeneinander.
Geflucht, geschimpft,
nicht verstanden –
wieder versöhnt.
Ich bau auf dich
seit ich denken kann.
Ich kenne dich
und du kennst mich.
Wenn Probleme drücken,
Einsamkeit erschlägt,
Hoffnung fehlt:
Du bist da.
Bei Ausweglosigkeit,
Verzweiflung gar:
du gibst mir Halt.
Ich danke dir,
von Herzen.
Ich liebe dich!
(S.M.)

Füreinander

War es dunkel,
Warst du Licht.
Litt ich Schmerzen,
Linderung.
Ging’s mir schlecht,
so wachtest du,
braucht’ ich Halt,
du gabst ihn mir.
War ich einsam,
du warst da,
ging’s mir gut,
dann teilten wir.
Die Wende kam,
ganz unverhofft.
Aus dem Nichts,
ganz über Nacht.
Ich seh’ dich leiden,
leide mit.
Seh’ die Not,
bin einfach da.
Wach‘ über dich,
gebe dir Schutz.
Und geht’s dir gut,
dann teilen wir.

Wo liegt die Grenze?

Beim heutigen Besuch bei meinem Kater trug er einen grünen Verband. Gestern war er rot. Aus dem verband ragte der Schlauch zur Infusion. Katerchen scheint sich schon daran gewöhnt zu haben, er nagt nicht mehr am Verband und stolpert auch nicht mehr über den Schlauch. Aber er ist schwach auf den Beinen. Trotzdem kommt er zu mir, legt seinen Kof auf meinen Arm, stupst mich mit seinem Köpchen an die Stirn, die ich ihm entgegen strecke, wie wir es immer taten. Er wirkt kleiner. Er hat schon über ein Kilo verloren. Er wirkt trotz allem fast gesund – aber ich weiss, seine Werte sind es nicht. Ob sie es werden oder er mit nicht ganz guten Werten weiter leben wird – zeigt sich morgen.

Ich frage mich in letzter Zeit oft: wo ist die Grenze dessen, was man tun soll für ein Tier? Wann ist es Hilfe, Dienst am Lebewesen, wann Verlängerung des Leidens? Leidet er jetzt? Ist es nur Tortur? Wird sie was bringen? Wenn die Massnahmen nun dazu führen, dass er nachher gesund und glücklich weiter leben kann, ist das das Schönste, was es gibt. Was aber, wenn er das alles über sich ergehen lassen muss und es wird nicht besser? Was, wenn weitere Behandlungen folgen? Wie weit soll ich gehen? Wie weit darf ich gehen? Wie weit muss ich gehen?

Von den Kosten mal ganz abgesehen, die haben meine persönliche Schallgrenze schon lange überschritten, was ist für das Tier das Beste? Ich möchte ihn nicht zu früh aufgeben, aber ihn auch nicht unnötig plagen. Eine Ärztin sagte mir mal im Zusammenhang mit unserem früheren Hund: Tiere kann man erlösen, Menschen müssen leiden bis am Schluss. Wann ist der Punkt da? Morgen wird wohl der Entscheid anstehen. Und mir graut davor.

Schlag eines Schmetterlingsflügels

Das Leben plätschert dahin, eines folgt dem anderen, man ist gefangen im Alltag des ewig Immergleichen, hadert hier und hadert da, regt sich auf, beruhigt sich wieder. Man denkt, das Leben sei schwer, findet überall Fallen, sieht wieder Glück. Und das Leben, das, was einfach so da ist, nimmt man als gegeben, als selbstverständlich, es funktioniert einfach – und dann… Plötzlich passiert etwas, das von einem Moment auf den andern alles verändert. Was wichtig schien, ist belanglos, was da war, nirgends mehr. Alles ist plötzlich unwichtig.

Donnerstag Nacht.. ich schlafe, tief und fest… ein Geräusch. Ich bin wach. Katerchen macht Unsinn. Ich springe auf, scheuche ihn weg, wanke zurück ins Bett, schlafe ein. Zack. Hellwach. Katerchen macht Unsinn. Ich springe auf, scheuche ihn weg, wanke ins Bett, schlafe ein. Zack. Hellwach… das passiert noch einige Male. Katerchen, mein grosser Liebling, sinkt rapide. Wäre Somer, Grillsaison – ich könnte nicht garantieren. Denke ich.

Freitag. Katerchen will gestreichelt werden. Ich arbeite. Katerchen springt am Bein hoch. Ich ignoriere ihn stoisch. Katerchen springt weiter. Ich streichel kurz, arbeite weiter. Es hat nicht gereicht. Er beisst ins Knie. Die Freude bei mir hält sich in Grenzen.

Freitag Nacht. Ich schlafe. Es scharrt. Ich wache auf. Schlafe wieder ein. Es scharrt. Ich wache auf. Das passiert noch einige Male. Der Kater, der sonst Nacht für Nacht (ausser grad jetzt) an mich gekuschelt schläft, raubt mir ein zweites Mal den Schlaf.

Samstag. Frühstück. Der Kater, der bei jedem Frühstück um meine Beine streicht, um hochgehoben zu werden, ist nicht da. Der Morgen geht voran. Der Kater schläft. Mittag. Der Kater schlät. Nachmittag. Einige vergebliche Klogänge später schläft er immer noch. Er isst nicht. Trinkt nicht. Kann nicht. Schläft. Wo ist MEIN Kater? Anruf beim Notarzt. Alarm.

Samstag Nacht. Ich sitze im Wartezimmer. Die Tränen fliessen. Ich habe nie so geweint in meinem Leben. Über Stunden. Den Katzenkäfig auf dem Schoss. Drin mein Ein und Alles. Der Kater, der mich durch 8 Jahre begleitet hat. Der nie von meiner Seite wich, wenn es schwer wurde. Der da war, wenn alle fehlten. Der spürte, wie es mir ging, bevor ich mir selber klar war. Der wusste, wer mir gut tut, wenn ich es nicht merkte. Mein Lebensretter – mein Leben.

Samstag Nacht. Er ist wieder zu Hause. Schläft. Ich wache. Über ihn. In Tränen.

Sonntag. Er schläft. Isst nicht. Trinkt nicht. Schläft. Ich weine.

Montag. Er schläft. Nächste Behandlung. Immer noch still. Immer noch Tränen. Am Abend frisst er endlich.

Montag Nacht. Wir schlafen beide.

Dienstag Morgen: neben mir schnurrt es. Er ist bei mir. An mich gekuschelt. Freude kommt auf. Erleichterung. Glück! Mein Kater ist wieder da.

Irgendwas stimmt nicht. Nächster Tierarztbesuch. Er bleibt. Ich muss gehen. Die Nieren… Da sitzt er nun und ich hier. Allein. Was haderte ich vorher? Was war so schlimm? Gab es was? Was nahm ich alles selbstverständlich? Worauf legte ich wert? Oft merkt man erst, wenn das wirklich Wertvolle in Gefahr ist, was zählt im Leben. Schön wäre es, man sähe es früher. Ich hoffe, es ist nicht zu spät. Ich hoffe, hoffe so sehr.

Sollte das irgend jemand lesen und noch ein paar gute Gedanken und Wünsche übrig haben: wir könnten sie brauchen. Was wäre mein Leben, wenn mein Leben nicht mehr heim käme?

Das Leben kommt in Wellen

Als mir der Titel in den Sinn kam, dachte ich an die Geschichte mit der kleinen Wellte, die betrübt sah, wie all ihre Freunde am Ufer zerschellten. Eine andere Welle kam zu ihr und fragte sie, wieso sie so betrübt sei. „Schau doch, alle zerschellen am Ufer und werden vom Ozean verschlungen. So wird es auch mir eines Tages gehen.“ Die andere Welle sagte: „Hab keine Angst, du bist keine Welle, du bist Teil des Ozeans.“

Die Geschichte hat eigentlich nichts mit dem zu tun, was ich schreiben wollte, sie lief in meinem Kopf nur wie ein Film ab, als mir das Wort „Welle“ in den Sinn kam. Das passiert ja oft im Leben. Es geschieht etwas, wir sehen oder hören etwas und schon läuft unser Hirn weiter. Macht Assioziationen, greift in einen tiefen Fundus aus Erfahrungen und Prägungen und entwickelt Geschichten, Meinungen, Überzeugungen. Oft haben die nicht viel mit dem aktuell Erlebten zu tun, sondern viel mehr mit der Vergangenheit. Die Automatismen tragen uns zurück und lassen uns  auf die ewig sich abspulenden vergangenen Erlebnisse reagieren, nur dass die Reaktion nicht auf diese trifft, sondern auf die aktuelle Situation – wo sie oft gar nicht wirklich angebracht ist.

Doch eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Komme aber nicht dazu, weil ich immer und immer wieder abschweife. Etwas anderes tue, also zu schreiben, etwas höre, das meine Gedanken wegschweben lässt, etwas überlege und ständig zu neuen Themen komme. Dann besinne ich mich und frage ich mich, wo ich eigentlich stehen geblieben war und merke, dass ich noch nicht einmal angefangen habe. Ich merke, dass mein Hirn selbständig wie ein Eichhörnchen von Baum zu Baum hüpft, ohne Rast, ohne Einhalt. Wie oft hatte ich ihnen zugesehen, wie sie sich elegant, schwerelos auf den dünnsten Ästchen bewegten, innerlich bebend, in der Angst, sie könnten abstürzen. Was aber nie passierte und vermutlich selten wirklich passiert. Sie scheinen einen herausragenden Instinkt zu haben, der in Sekundenbruchteilen erfasst, ob ein Ast sie trägt. Oder aber sie sind so schnell, dass sich der Ast nicht entschliessen kann, abzubrechen, denn bis er sich bewegt hat, ist das flinke Tierchen auch schon wieder weg.

Und so bin ich wieder irgendwo gelandet, bloss immer noch nicht da, wo ich hin wollte. Hin wollte ich zum Abschied und den Veränderungen im Leben. Ich wollte schreiben vom Gehen in eine Richtung, die sich irgendwann als Sackgasse herausstellte, so dass Umkehr oder aber Richtungsänderung notwendig wird. Wollte schreiben von all den verletzten Gefühlen, den Ängsten, wie weiter, von all dem Schmerz über verlorene Zeit, verlorene Träume, verlorene Ideale. Ich wollte schreiben von der Hoffnungslosigkeit, die sich breit macht, wenn solche Änderungen immer wieder kommen, von der Resignation teilweise. Ich wollte schreiben von der Enttäuschung über vertane Liebesmüh, über nicht gangbare Wege, über Lebenswege, die nicht realisierbar waren. Und ich wollte schreiben über Neuorientierungen, neue Hoffnungen, gepaart mit dem Schmerz der enttäuschten Hoffnungen. Von der Unsicherheit, den neuen Hürden, den Anfangsschwierigkeiten, den Motivationstiefs, den leisen Stimmen, die erneutes Scheitern unken. Über all das wollte ich schreiben und kam von einem zum andern. Vielleicht morgen. Vielleicht klappt es morgen besser. Für heute belass ich es hierbei.

Der schnöde Mammon

Geld
Was sind Gefühle
in einer kalten Welt,
in der man bloss
den Schein noch sucht.
Sich zu offenbaren,
als Schwäche gilt,
sich zu öffnen,
zum Angriff ruft.
Was sind Gefühle
in einer harten Welt,
in der man stark sein
und bestehen muss,
um nicht unterzugehen.
Wo als Schwäche gilt,
wenn man offen
fühlt.
Was sind Gefühle
in einer schnellen Welt,
die antreibt nur
zu Höchstleistung.
Wo Romantik als Geplänkel scheint,
Geld nur herrscht
und Macht
gesucht.
Was sind Gefühle 
in einer toten Welt,
wo jedes Fühlen
abgewürgt
und der der fühlt
in Ketten darbt,
als Idealist beschimpft
und ruhig gestellt,
auf dass er schweige.
Was sind Gefühle 
in dieser heut’gen Welt?
Gibt man auf
Und ist nur Schein?
Gewinnt Verstand,
das Herz soll Schweigen?
Oder wagt man doch
Und ist.
Das Geld alles ist in dieser Welt, ist nichts neues. Und auch in der Wirtschaftskrise reden alle von Geld, entscheidet Geld über Sein oder nicht Sein. Wer nichts hat, gilt wenig, wird von oben herab beäugt. Wer hat, dem wird gehuldigt, der ist wer, der taugt was. Wert wird mit Geld bemessen. Einkommen generiert ihn. Und selbst wenn dem widersprochen wird, so drückt der Geldwert immer wieder durch. Beim Geld hören Freundschaften auf, geht man über Gefühle hinweg, vergisst man Sitte und Anstand. 
Und selbst wenn man dem Kapitalismus abschwören will, sich dagegen stellen will, bleibt man ihm ausgeliefert, da man ihm überall im Leben begegnet. Das Leben funktioniert nicht ohne Geld und will man es leben, ist man darauf angewiesen. Und damit dem Wertesystem dieser Gesellschaft. Unkenrufe verkünden den Untergang des Systems und neue Werte. Werden diese besser sein? War es nicht immer so, dass die Oberen die Unteren verlachten? Ob das Mittel dazu Geld, Adel oder sonstwie heisst ist eigentlich egal. Der Mechanismus bleibt derselbe. 

Tod und Leben

Kürzlich sassen mein Sohn und ich am Küchentisch und sprachen über den Tod. Wir sprachen darüber, wie es ist, jemanden zu verlieren und ich erzählte ihm die Geschichte meines Wellensittichs, der von Tag zu Tag immer schwächer wurde und an einem Tag, als ich aus der Schule kam, am Käfigboden sass, nicht mehr hochkam. Ich hob ihn auf, nahm ihn in meine Hand. Er schaute mich an – und starb. Beim Erzählen kullerten mir ein paar Tränen übers Gesicht. Mein Sohn stand auf, holte ein Taschentuch und brachte es mir. Das tut er immer. Er ist ein toller Sohn. Mit einem riesengrossen Herzen.

Sohnemann meinte, dass man, wenn man ein Haustier haben möchte, auch bereit sein muss, es loszulassen. Dass man dankbar für die Zeit sein soll, die man mit ihm hatte und dies das Wichtige sei. Dasselbe, so meinte er, sei auch mit Menschen. Beerdigungen sollten nicht traurig sein, sondern voller Freude. Man müsste an all die schönen Momente mit dem Menschen, der starb denken, und nicht nur den Verlust beweinen. Eine schöne Sicht. Ich hoffe, er kann sie sich bewahren.

Wie oft ertappen wir uns auch sonst im Leben dabei, das Negative zu sehen statt das Positive? Statt dankbar zu sein für all das Gute, das uns im Leben passiert ist und gerade passiert, hadern wir mit all dem, was nicht passt, das wir gerne anders hätten, sehnen uns nach den Dingen, die fehlen, statt die zu geniessen, die wir haben. Wie viel froher wäre das Leben, würden wir diese Perspektive ändern? Dabei müsste gar nichts im Aussen ändern, es wäre nur unsere eigene Haltung dazu, die diese Umkehr bewirken würde.

Etwas nicht zu haben, das man gerne hätte, ist immer doof. Je wichtiger das Gewünschte wäre, desto doofer. Aber oft kann man es nicht ändern, zumindest selten sofort. Was also hilft es, dem Mangel noch schlechte Gefühle hinterher zu schicken? Verbessern wird das nie. Würde man stattdessen sich an dem freuen, was schon gut ist, wäre dem Mangel ein viel geringeres Gewicht gegeben. Das Unervänderliche wäre weniger schlimm in seiner Tragweite. Und durch die positive Haltung setzt man vielleicht auch positive Energien frei, die man dazu nutzen kann, dem Mangel entgegen zu wirken. Und ab und an stellt sich heraus, dass das Leben auch ohne das gewünschte Gut schön ist.

Loslassen ist auch da die Devise. Wie man im Leben Menschen loslassen muss, muss man ab und an auch Vorstellungen und Wünsche loslassen. Viel Leid resultiert aus dem festhalten an Menschen, an Gefühlen, an Wünschen, an Situationen. Man will sich gegen das Unausweichliche stellen und hält alles fest, was man haben will. Wenn es geht, leiden wir. Wir leiden, weil wir uns dagegen sträuben, anzunehmen, was ist. Wir leiden, weil wir krampfhaft etwas haben wollen, das nicht ist oder nicht mehr sein wird. Wir leiden, weil wir enttäuscht sind in unseren eigenen Vorstellungen, weil wir nicht das haben, was wir haben wollen, weil etwas von uns geht, das wir nicht gehen lassen wollen. Aber wir können den Gang der Zeit nicht ändern. Vieles ist nicht planbar, nicht steuerbar. Das Festhalten wird das nicht ändern, es wird uns nur Leiden bringen. Drum sollte man geniessen, was man hat, denn irgendwann wird es aufhören und dann wird die Erinnerung an den Genuss bleiben. Und diese wird das Wegfallen übertreffen.

Wer etwas haben will, muss bereit sein, es gehen zu lassen.

Menschlichkeit oder Sein und Wollen

Oft hört man den Wunsch nach einer menschlicheren Welt. Die Frage ist: was ist eine menschlichere Welt? Was ist Menschlichkeit? Dem Wortlaut nach wäre es eine Welt nach der Art des Menschen. Doch wie ist ein Mensch? Wäre eine menschlichere Welt eine bessere Welt?

Schaut man im Alltag, kommen mir da Zweifel. Wie oft sieht man Menschen, die ein wenig Macht in die Hände kriegen und diese gleich ausnutzen, sich daran erfreuen? Ist der Mensch nicht immer sich selbst am nächsten und versucht, seine eigenen Interessen möglichst gut durchzubringen? Ganz im Zeichen der Evolution und ihrem Survival of the fittest? Oft ist es auch eine Kompensationshandlung, indem man, endlich ein wenig Macht spürend, bewusst oder unbewusst, diese nützt, um all die machtlosen Situationen, die man in der Vergangenheit erleiden musste, ausbügeln will. Alles, was einem selber an Machlosigkeit zuteil wurde, lebt man nun an einem anderen aus. Der Beamte in einer Amtsstelle weiss genau, dass jeder, der zu ihm kommt, von ihm abhängig ist und der ganze Bürokratiewahn scheint eine Ausgeburt genau dieses Wissens zu sein.

Geht man in der Geschichte zurück, wird das noch viel augenscheinlicher. Wie oft werden die Machenschaften in Kriegen als barbarisch, als grausam bezeichnet, welche Superlative des Bösen wurden gebraucht, die Machenschaften im Zweiten Weltkrieg zu beschreiben. Hannah Arendt setzte dem den Begriff „Banalität des Bösen“ gegenüber. Es waren keine Ungeheuer, die am Werk waren, keine Entarteten, es waren Menschen. Familienväter, ehemalige Kaninchenzüchter, Beamte, ganz normale Menschen, welche in die Position kamen, Macht leben zu können – und es taten. Rädchen im Getriebe. Und zusammen ergab das eine unbeschreibbare Ausgeburt an Grauen.

Was also ist Menschlichkeit? Ist das wirklich gut und lieb, sozial und mitfühlend? Oder doch nur ein Kampf jeder gegen jeden – liesse man den Menschen nach seiner Natur handeln? Ich bin überzeugt, der Mensch will gut sein. Er möchte mitfühlend sein, den anderen lieben. Aber wäre er es wirklich von Natur, bräuchte es dann Gebote und ständige Ermahnungen, es auch wirklich zu sein? Wäre er es dann nicht von Natur und bedürfte keiner Aufforderungen dahingehend? Ich habe meine Zweifel. Ich denke, das Soziale ist eine Forderung der Gemeinschaft, weil nur so ein Zusammenleben möglich ist. Damit dieses Zusammenleben funktioniert, braucht es Regeln, braucht es Werte, braucht es Grundsätze. Diese entspringen nicht der Menschlichkeit, sondern der Vernunft. Menschlichkeit an sich wäre animalisch und selbstbezogen. Macht, Kampf und Sieg wären ihre Ziele. Eine solche Welt wäre (und ist es wohl  leider, da trotz Vernunft das Menschliche immer durchdrückt, wenn es die Chance dazu kriegt) nicht die, welche man sich herbei sehnt. Von daher wäre es wohl sinnvoller, eine vernünftige Welt des Miteinanders statt eine menschlichere Welt zu wünschen.

Heutige Welt

Irgendwie bin ich noch zu jung für die Aussage, dass früher alles besser war und so absolut stimmt das bestimmt auch nicht. Wenn ich an die Zeit meiner Grosseltern oder die Jugend meines Vaters denke, mit den Weltkriegen, der Wirtschaftskrise, vielen anderen Beschwerlichkeiten, dann war das bestimmt nicht einfacher als heute. Die eigene Kindheit und Jugend war da wohl schon um einiges ruhiger, nur hat man da auch nur einen Bruchteil mitgekriegt, weil man gar nicht wirklich in den Ernst des Lebens involviert war, sondern, wenn überhaupt, höchstens in der Manier der beiden Alten bei der Muppet Show kommentierte, was man so mitkriegte, es aber selber nicht wirklich durchlebte.

Trotzdem überkommt mich ab und an ein wenig Wehmut. Oft in meinem erwachsenen Leben überkam mich das Gefühl, viele Baustellen offen zu haben. Mal stand ich privat vor Umbrüchen, wusste nicht, wie weiter, ob allein, zu zweit, überzeugt allein, überzeugt zu zweit, mal abwartend, was sich entwickelt. Dann wieder sah ich beruflich kein Land, fühlte mich wie ein Segler im Nebel bei Windstille. Ab und an wusste ich, wo ich gerne hin möchte, sah den Weg nicht, dann wieder war sogar das Ziel undefiniert. Projekte hatte ich immer viele, kreativer Geist schläft nie, allerdings haperte es oft auch an der Umsetzung. Und selbst wenn diese klappte – irgend ein Eisberg trat immer auf, selbst in der Südsee. Und wenn eigentlich alles mal gut war – dann trat sicher sonst etwas in mein Leben, das wieder vieles umstiess, Dinge vage machten, Unsicherheiten brachte. Und ich haderte und überlegte, zappelte wie ein Frosch im Milchtopf, doch der Butter liess oft auf sich warten und ich war noch nie geduldiger Schwimmer.

Blickt man kurz nach aussen, sieht man überall Leben, die viel gemächlicher verlaufen als das eigene. Man denkt, die Sonne scheint dort heller und es ist einfacher. Man sieht die Oberfläche und wünscht sich, auch da zu stehen und besonnt zu werden. Bei einem näheren Blick tun sich aber oft auch bei anderen Menschen Untiefen auf. Das hilft zwar nicht bei den eigenen, die sind nach wie vor da. Auch wünscht man es den anderen nicht. Trotzdem hat es den einerseits beruhigenden Aspekt, dass das Leben vielleicht einfach so ist, wie es ist. Hat aber andererseits den beunruhigenden Aspekt: Vermutlich ist das Leben wirklich so, wie es ist.

Heute scheint nichts mehr in Stein gemeisselt. Waren Paare früher ein Leben lang zusammen, hatten Arbeiter von der ersten Arbeitsstunde bis zur letzten dieselbe Stelle in derselben Firma inne, machten Menschen eine Ausbildung und arbeiteten danach selig bis zur Pension, so hat sich das doch sehr gewandelt. Der erste Partner ist selten je der letzte, sondern der erste einer langen Kette von Irrtümern, Lebensabschnittspartnern, Interimsfreunden und Etappenbegleitern. Die erste Stelle ist selten die letzte. Sie zu behalten macht eher den Anschein, nichts besseres mehr gekriegt zu haben als Durchhaltewillen zu zeigen. Und die erste Ausbildung ist meist nur ein Startschuss für viele noch zu folgende. Der Mensch scheint zur Ware verkommen, die in jedem Lebensbereich nach Belieben ausgetauscht wird, abserviert, ersetzt, entsorgt. Es scheint, man sitzt beständig auf einem Schleudersitz. Der Hebel zum Abflug kann durchaus jederzeit betätigt werden.

Nette Lebensphilsophien von positiven Menschen besagen, dass man das Leben immer selber in der Hand hat und die eigenen Gedanken das Leben prägen, man kriegt, was man denkt. Der Gedanke ist nett. Und so beruhigend. Und wenn man ihn ganz fest glaubt, geht man fortan mit einem seligen Lächeln durchs Leben. Und selbst wenn es mal nicht so eintritt – dann musste das ganz ganz ganz sicher so sein und ist nur zum Besten des Denkenden. Ich finde das nett – ich teile die Philosophie trotz heftigem Bemühen und wirklich viel Lektüre, in mich gehen, mich selber überzeugen nicht. Ich denke, ich könnte noch so oft sagen, dass ich morgen mit George Clooney aufwachen werde und auch wirklich dran glauben. Die Chance wäre doch relativ klein, dass das eintrifft. Auch Richard Gere wird nicht vor meiner Tür stehen, der schwarze Hengst nicht vor dem Gartentor warten und mein Auto wird sich auch nicht in einen XXX (eigentlich mag ich mein Auto und es wollte mir schlicht kein anderes, das ich unbedingt haben möchte, in den Sinn kommen) verwandeln.

Ergo: Alles ist doch nicht möglich. Auch bei Menschen. Mein Partner wird wohl nie in allen Belangen genau so sein, wie ich ihn genau dann haben will. Schliesslich und endlich ist er ein Mensch mit eigenen Gedanken und Wünschen, Bedürfnissen und Einstellungen. Das Leben ist trotz allem kein Wunschkonzert. Das heisst nicht, dass man fortan nur noch negativ denken soll, weil eh alles keinen Sinn hat. Ich denke durchaus, dass positive Gedanken einen Einfluss haben, da sie positive Energien freisetzen und man so einfach anders durchs Leben geht, anderes anzieht, als wenn der Mief schon aus dem Gesicht scheint. Trotzdem finde ich das Leben ab und an ganz schön anstrengend und beunruhigend. Was ich daraus mache? Weiter strampeln und mich freuen, wenn ich doch immer wieder ein Butterstückchen zum ausruhen finde. Und irgendwann – ja irgendwann – wird alles Butter sein. Dann fehlt nur noch das Brot drunter zum Glück 😉

Literatur

Wann ist Literatur gut und wann nicht? Wer entscheidet das? Und wieso wird Literatur, die von vielen gelesen wird oft als Schund betitelt und eher abfällig beäugt? Welchem Anspruch muss Literatur genügen, um in die gute Literatur aufgenommen zu werden?

Ich habe da meine eigenen Kriterien: Was ich gerne lese, was mich packt, mitreisst, was ich lesen will, weil es mir Spass macht, das ist für mich gute Literatur. Literatur ist Kunst und welchem anderen Anspruch sollte diese genügen, als zu gefallen? Natürlich hat Kunst auch immer eine Botschaft, doch was nützt die Botschaft, wenn niemand es auf sich nehmen will, sie zu erfahren, weil das Kunstwerk so daher kommt, dass man es lieber weit von sich weist? Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele denken, Kunst sei dann unglaublich wertvoll, wenn man sie nur mit grosser Mühe (oft schon Not) aufnimmt. Ich erachte das als eher masochistische Kunstsicht. Und ich sehe den Sinn hinter diesem Anspruch nicht. Nöte und Pflichten zeigen sich schon im alltäglichen Leben genug, wieso also sollte ich mich in meiner Freizeit auch noch damit plagen? Wieso sollte ich mich Dingen widmen, die mir keine Freude bringen, die mir nichts sagen, durch die ich mich nur kämpfe, weil sie einem wie auch immer gearteten Anspruch genügen? Und wer hat diesen Anspruch definiert? Und wieso sollte ich mich einem Anspruch beugen, von dem ich nicht mal weiss, woher er kommt und wie er genau aussieht? Oder sollte ich etwas verpasst haben? Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren und würde mich dann gegebenenfalls auch einem neuen Kunstverständnis öffnen.

Bis dahin bleibe ich dabei: Lesen muss Spass machen und es muss mich packen. Tut ein Buch das nicht, landet es zurück im Regal. Nach wenigen Seiten. Ich bin da rigoros und unbarmherzig. Dabei interessiert mich auch nicht, wie gross der Name ist, der auf dem Umschlag prangt. Ab und an gibt es auch Bücher, die mehrere Anläufe brauchen, um wirklich gelesen zu werden. Gewisse Bücher und auch Autoren scheinen ihre Zeit zu haben. Zur richtigen Zeit gelesen, öffnen sie einem neue Welten, Welten, für die man genau zu dem Zeitpunkt bereit ist, die man genau zu dem Zeitpunkt braucht, sucht, während sie zu anderen Zeiten eben nicht passten. Auf diese Weise habe ich mich durch unzählige Bücherregale gelesen, mit Freude, mit Begeisterung, mit Hingabe. Literatur ist etwas grossartiges, das mir manche Erkenntnis brachte, manche Stunde versüsste, Emotionen weckte, besänftigte, mitleben liess, bewegte. Seit ich denken kann.

Schön in diesem Zusammenhang:

Irgendwann
braucht jedermann
ein Buch mit dem er
reden,
lachen,
weinen,
träumen
reisen
kann.

Hartmut Kulick

Es ist gut, wie es ist

Oft sieht man im Leben zurück und denkt sich, man hätte doch besser anders entschieden. Oft denkt man im Leben, durch einen Fehlentscheid sei etwas anders gekommen, als man es sich eigentlich wünscht, hofft, haben möchte. Bei mir war es mein Studium. Ich haderte dann und wann mit meinem Philosophie- und Literaturstudium. Dachte, das Studium sei brotlos, sei für nichts, sei in der heutigen Gesellschaft mit ihrer einzig zählenden Geldmacht unnütz.

Heute fragte mich mein Sohn: „Wenn du nochmals studieren könntest, was würdest du studieren wollen?“ Die Antwort? Ich würde nochmals genau das studieren, was ich studiert habe. Denn es war einfach nur gut. Es gibt nichts Schöneres als genau das, was ich studiert habe – für mich. Und ich hatte das Glück, es zu können. Hatte die Möglichkeit, es zu tun. Und ich tat es mit Freude. Und liebe es noch. Ich bin, wie ich bin, weil ich denke, wie ich denke. Ich studierte, was ich tat, weil ich in die Tiefe wollte. Weil denken mein Leben ist, ich ohne denken nicht mehr bin – Descarte hatte recht: Ich denke, also bin ich. Denken ist nicht immer angenehm. Es schmerzt ab und an. Es zermürbt. Es lässt Achterbahn fahren. Es macht kompliziert – einen selber und das Leben. Aber es ist genial. Weil so weit führend. Von einem zum andern. Das Denken der Gedanken. Ich bin. Ich denke. Drum bin ich. Und ich denke weiter. Mal prägnant. Mal poetisch. Mal verworren. Mal klar. Immer auf den Punkt.

Es ist gut, wie es ist. Ich mache weiter. Danke!

Wir müssen lieben oder sterben

All I have is a voice
To undo the folded lie,
The romantic lie in the brain
Of the sensual man-in-the-street
And the lie of Authority
Whose buildings grope the sky:
There is no such thing as the State
And no one exists alone;
Hunger allows no choice
To the citizen or the police;
We must love one another or die.
(W.H.Auden)

Auf dieses Gedicht stiess ich durch ein Buch und einen Film: Thursdays with Morrie. Ein schwer kranker Soziologieprofessor, der dem Tod ins Auge sieht, lehrt seinen Studenten von früher, Mitch Albom, zu leben. Zusammen reden sie über die wichtigen Dinge im Leben, die, welche das Leben lebenswert machen. Und gerade die Dinge sind es, die uns oft Angst machen.

Über allem steht die Liebe. Was wäre ein Leben ohne Liebe – sagt auch Morrie – ich bin also nicht alleine damit. Und obwohl er – wie es aussieht – ein Mensch war, der die Liebe lebte, Liebe gab, Liebe hochhielt (wohl, weil er als Kind zu wenig davon kriegte), so sah er auch das Risiko in der Liebe – die Angst, genau das zu verlieren, was man liebt. Da erscheint einem – Mitch tut das im ersten Teil seines Lebens erfolgreich – die Flucht vor der Liebe der sicherere Weg – der schmerzfreiere. Und doch sagt Morrie im Angesicht des Todes: Was wäre dieses Leben wert, wäre da keine Liebe? Wie könnte er durchstehen, was er durchsteht, wären da nicht die Menschen, die ihn lieben, die für ihn da sind, allen voran auch seine Frau, seine Kinder? Und wo wären die, hätte er nicht sein Leben lang Freundschaften gepflegt, Liebe gelebt?

Oft rasen wir durchs Leben, denken, dies und das erledigen zu müssen, vernachlässigen dabei die, welche uns am nächsten wären, die uns wichtig wären, weil wir alles über sie stellen, all die kleinen und grossen Pflichten des Alltags, all die Aufgaben, die wir noch erledigen wollen, die Ziele, die wir glauben, erreichen zu müssen. Und sehen dabei nicht, dass wir damit auch am Leben vorbeirasen. Und dann, wenn das Leben eine Wende nimmt, es vielleicht auch schwerer wird, sind wir alleine, auf uns zurück geworfen, und suchen einen Halt, wünschen uns all die herbei, die wir vorher in sunserem Schnelldurchgang auf der Strecke liessen.

Es wäre falsch, Liebe nur zu leben, um dann, wenn man sie braucht, nicht alleine zu sein. Es ist aber gut, sich dann, wenn man denkt, der Schnellzug wäre spannender als der Umgang mit Menschen, vor Augen zu führen, was man wäre, wären da die Menschen nicht, die einen umgebenen. Der Mensch ist nicht geschaffen, alleine zu sein. Er kommt hilflos zur Welt, wird im Alter wieder hilflos – und mittendrin ist er alleine genau so hilflos – weil ihm das Wesentliche fehlt.

Das Buch hat mir die Augen iin vielerlei Hinsicht geöffnet, es hat mich nachdenklich gemacht, hat mich innehalten lassen, hat mich Entscheidungen treffen lassen. Und Zuversicht fassen. Der Film stand dem Buch in nichts nach. Wirklich sehr empfehlenswert. Auf der ganzen Linie.

Wir müssen lieben oder sterben. Und auch wenn wir lieben, müssen wir irgendwann sterben, lieben wir aber nicht, sind wir längst tot.