Wider die Vernunft

Als ich heute die Treppen hochstieg zu meiner Wohnung, sinnierte ich über die Vernunft. Vom Menschen als ihm eigene und ihn über das Tier erhebende Eigenschaft erkannt und gewertet. Wer kennt nicht Sätze wie:

  • Du musst doch vernünftig sein!
  • Ist das wirklich vernünftig?
  • Du verhältst dich absolut unvernünftig. 

Wer hat nicht schon geschwankt zwischen dem, was vernünftig wäre und dem, was er will. Und sich vielleicht dann zum Satz geflüchtet:

Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point.

Was aber ist eigentlich Vernunft? Mir kam auf die Schnelle folgende Definition in den Sinn:

Vernunft ist das, was bleibt, wenn alle Gefühle rationaler Berechnung gewichen sind. 

Und wenn ich dann in mich gehe und mich frage, ob ich das will, schreit alles in mir ganz laut: NEIN. Ich möchte gar nicht vernünftig sein. Ich möchte meinem Herzen folgen und tun, was ich tun möchte. Ich möchte nicht bei allem meine Gefühle wegpacken und die Dafürs und Dawiders gegeneinander stellen, möchte nicht ständig im Widerstreit der gegenteiligen Argumente hin und her geschleudert sein und innerlich denken: Aber ich will doch.

Und doch, bei all dem Wollen und Sehnen und innerlichen Schreien und Freistrampeln von all den ach so vernünftigen und rationalen und so unromantischen Begründungen und Argumentationsketten ist neben der Stimme, die doch eigentlich will, auch oft die Stimme, die sagt: Ich kann doch aber nicht. Die Stimme kommt von tief unten. Zwar ist sie vielleicht nicht so sehnsüchtig, nicht so lustvoll, aber doch sehr präsent. Und eingeübt. Und eingeimpft. Von klein auf. Bei vielen dieser Stimmen hört man noch den Tonfall des sie ursprünglich Aussprechenden und damit Einimpfenden mit.

  • Du kannst nicht einfach schnell barfuss zum Briefkasten laufen, du erkältest dich – Papa drückt durch. 
  • Du kannst das Geschirr nicht stehen lassen, was du heute aufräumst ist morgen nicht mehr da – wieder Papa. 
  • Du kannst nicht einfach laut singen, deine Stimme ist hässlich – Barbara aus der zweiten Klasse (ich sang nachher nie mehr laut, zumindest nicht, wenn jemand zuhörte)

Aber ich will doch! Aber was, wenn ich mich dann erkälte? Was, wenn ich morgen in die Küche komme und mich ärgere, dass der Abwasch noch nicht gemacht ist? Was, wenn alle lachen, weil ich so schrecklich singe und sich fragen, ob ich nicht wisse, dass meine Stimme ganz schrecklich ist?

Du kannst dem nicht einfach sagen, dass du dich verliebt hast. Was, wenn er nur Spass will („der will doch nur spielen, der bleibt nicht“ – Frei nach Hundebesitzer)? Was, wenn ich ihn damit vergraule? Was, wenn ich mich bloss stelle? Lächerlich mache? Ich kriege schon hochrote Ohren, wenn ich daran denke. Ich kann doch wirklich nicht. Und sitze da. Aber ich will doch? Also eigentlich will ich ja nicht, aber ich möchte wissen, was er will und das weiss ich ja nur, wenn ich endlich mal sage, was ich will, denn er sagt ja nichts. Wobei eigentlich könnte auch er etwas sagen, ich meine, er ist ja der Mann. Wobei, es könnte ja auch ein gutes Zeichen sein, dass er nichts sagt, weil das würde ja darauf hinweisen, dass er vielleicht schüchtern ist. Und nicht so geübt. Würde er gleich rauspreschen und mir die Sterne vom Himmel holen, könnte das ja durchaus sehr routiniert aussehen. Aber trotzdem will ich eigentlich, dass er was sagt. Und eigentlich will ich auch selber was sagen. Das ist alles verdammt schwierig.

Vernunft ist irgendwie die sichere Seite, bei der man immer schön ohne Risiko, weil berechnet und damit rational durchs Leben geht. Leider bleibt dabei auch viel auf der Strecke. Und schlussendlich ist all die Berechnung auch nur Wahrscheinlichkeit, da sie immer den eigenen Gedanken entspringt, vielleicht abgestützt auf eigene oder fremde Erfahrungen, die auch wieder nur eine Wahrscheinlichkeit ist, da sie singulär und damit nicht absolut gültig.

Was bleibt? Es lebe die Unvernunft? Herz voran, Herz auf die Zunge und drauf los? Wer nichts wagt, der nichts gewinnt? Vermutlich ist ein Mittelweg das beste (wobei nur schon der Satz wieder sehr vernünftig klingt und damit die Vernunft schon wieder siegreich scheint). Das Herz lenkt, das Herz bestimmt, die Vernunft kann Fallschirm sein. Wenn einen nur eigene Ängste hindern, etwas zu tun, das man gerne tun möchte, die Gefahren nicht wirklich schlimm, sondern vielleicht ein wenig gebrochenes Herz und verletzter Stolz sind, ist das, was man gewinnt, wenn man dem Herzen folgt, um einiges wertvoller, denn man hat sich getraut, zu sich selber zu stehen. Und selbst wenn nicht das dabei rauskam, was man sich erträumt hat, so doch das Gefühl, ganz sich selber gewesen zu sein. Und irgendwann wird man auch merken, dass das das Schönste überhaupt ist. Und witzigerweise auch das, was einen meist weiter bringt. Niemand lacht einen aus, weil man Gefühle zeigt. Selbst wenn sie nicht erwidert werden. Und tut es einer, dann wäre er es sowieso nicht wert gewesen. Menschen, die auf deinen Gefühlen rumtrampeln, sie mit Füssen treten, sich darüber lustig machen oder sie schlicht nicht behutsam behandeln, sind es nicht wert, sich nicht zu trauen, zu ihnen zu stehen. Denn schliesslich und endlich zeigt es nur die Schwäche der anderen, indem sie nämlich sehr wenig gefühlvoll umgehen – und wie sie das mit dir tun, tun sie das mit grösster Wahrscheinlichkeit mit sich selber.

Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, diesen Blogbeitrag zuerst zu gliedern im Kopf, stichwortartig zu Papier zu bringen, den roten Faden zu suchen, statt ihn in wenigen Minuten im Akkord in die Tasten zu hämmern. Aber mir war grad danach. Ich wollte einfach. Und so tat ich. Und immerhin, wer das noch liest, blieb  bis zum Schluss. Danke!

3 Kommentare zu „Wider die Vernunft

  1. Feiner Beitrag, feines Blog!
    Was wäre eigentlich, wenn man die Sache andersherum betrachtet: Für mich klingt diese Stimme von ganz unten völlig nach Unvernunft. Nach anerzogenen inneren Zensoren. Ist es nicht vernünftig, auf sein Herz zu hören?

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  2. Die Frage ist: was ist Vernunft? Und ist sie wirklich der richtige Gradmesser für das eigene Tun. Sogar Kant sagte ja, dass Moral um der Moral willen passieren muss und nicht um der vernünftigen Abwägung willen, was sie einem selber und dem anderen bringt. Und in dieses Statement lese ich so etwas wie Vernunftabkehr hinein. Es muss aus dem Herzen heraus passieren, weil es gut ist. Für einen selber, für den anderen. Das weiss der Verstand oft nicht, er verstrickt sich in den ewigen Abgründen der Gehirnwindungen, alle Pros und Cons erläuternd.

    Ob es vernünftig wäre, auf sein Herz zu hören? Klingt nach Widerspruch in sich. Aber man kann – wenn man schon dem herzen oft nicht traut, sich verstandesmässig darauf besinnen, dass es der beste Weg ist. Und dann geht der Grundsatz auf, dass es vernünftig wäre, auf das Herz zu hören 🙂

    Danke für deinen Kommentar!

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