Das nächste Jahr wird besser

Es ist wohl komisch, im Juni ein Silvester-Thema anzuschneiden. Trotzdem kam es mir heute in den Sinn. Ich dachte nach. Das kommt ab und an vor. Bei mir zumindest. Und ich ging in Gedanken Jahre zurück. Ich erinnerte mich an all die Silvester, an denen ich dachte: Das nächste Jahr wird besser. Ich sass da und liess das vergangene Jahr Revue passieren, sah alles, was schwer war, was düster war, was Kraft kostete und war der festen Überzeugung: Das Jahr, das kommt, ist meines. Nun kann es nur noch aufwärts gehen. Und irgendwie… traf das nie ein. Im Gegenteil, es kam fast noch schlimmer. Enttäuschungen, Krankheiten, Todesfälle, schwierige Situationen pflasterten den Weg. Kämpfe an verschiedenen Fronten, ums Überleben, um Gerechtigkeit, um Liebe… und es hörte nie auf.

Man könnte denken, dass man das ein Jahr macht und eines Besseren belehrt wird. Vielleicht ein zweites Mal… aber Jahr für Jahr? Und doch: auch letzten Silvester sass ich wieder da und dachte: Das nächste Jahr wird besser. Es wird mein Jahr. Und das Jahr war wie jedes andere. Hatte schwierige Seiten. Herausforderungen, Rückschläge, Tiefschläge. Nur: es gab auch unendlich viele schöne Dinge. Immer wieder Highlights. Momente des Glücks. Kleine, grosse, wertvolle. Momente, in denen man die ganze Welt umarmen könnte. Einige zerbrachen wieder. Einige blieben. Aber sie waren da. Und gaben Kraft. Weiterzumachen. Weiterzuhoffen.

Und bei all dem kommt mir langsam die Erkenntnis: Das ist das Leben. Niemand sagte, es sei leicht. Niemand versprach das Paradies auf Erden (ausser vielleicht irgendwelche Heil versprechenden Märchenbücher). Das Leben ist ein Wachsen. An uns selber, an äusseren Umständen, an Beziehungen, an einsamen Momenten – am Leben selber. Wohin wir wachsen weiss niemand so genau. In die Erleuchtung? Die wahre Erkenntnis? Eigentlich ist es nicht wichtig. Wichtig ist, zu erkennen, dass wir es nicht ändern können. Wir können nur das in unserer Macht Stehende tun, das Beste draus zu machen.

Die Frage, die sich aufdrängt ist: Was ist das Beste? Ich denke, ein grosser Teil ist schon damit getan, sich einzugestehen, dass das Leben seine eigenen Gesetze hat, denen wir nicht entkommen. Es gibt Dinge, die liegen schlicht nicht in unserer Hand. Und die, welche in unserer Hand liegen, können wir nach bestem Wissen und Gewissen angehen. Im Wissen darum, dass das, was wir tun, das Beste ist, was wir geben können – für uns und andere. Und darum mit gutem Gewissen. Selbst wenn es dann schief geht, das Ergebnis nicht das erhoffte, erwünschte ist: wir haben uns nichts vorzuwerfen.

Mein Sohn sagte mal: „Weisst du Mama, ich kann nicht immer alles geben. Manchmal geht einfach nur ein Teil davon. Und dann gab ich ja nicht das Beste.“ Ich fand den Gedanken gut. Denn: Was ist das Beste? Es ist nicht das beste überhaupt Mögliche, sondern das, was in einem bestimmten Moment geht. Ab und an fehlt die Kraft, alles zu geben. Woher soll man also alles nehmen, wenn nichts da ist? Wenn man aber denkt, ich geb mal ein wenig, sehe dann, ob es reicht, kann wieder nachreichen, wenn nicht – dann darf man sich gerne an die eigene Nase fassen. Klar kommt man so ab und an durchs Leben, einige Glückspilze sogar sehr lange. Doch irgendwann wird man anstehen. Und merken, es geht nicht weiter. Im Gegenteil. Und dann wird man sehen, dass man nie gelernt hat, an seine Grenzen zu gehen. Einsatz zu zeigen. Man ruhte sich auf halber Strecke aus. Gab sich zufrieden. Es reichte. Und selbst wenn man so ab und an bessere Ergebnisse erreichte als andere: Sie waren nicht höher zu bewerten. Weder nach aussen noch nach innen. Denn im Innern, irgendwo, bleibt die Stimme: Ich habe das nicht verdient. Und sie nagt. Am Anfang unbemerkt, später lauter. Glücklich macht das nicht. Und auch all das Geld, aller Reichtum, alle äussere Achtung nicht. Wirklich zählen tut die innere Achtung. Schlussendlich. Wenn alles andere wegfällt, weil es platt wurde. Und dann steht man da. Nackt. Vor sich. Und fragt sich.

Ja, es kann besser werden. Immer wieder. Anfangen kann man nur in sich selber, bei sich selber. Indem man tut, was man tun kann. Und diese Gewissheit bewahrt: Ich habe mein Bestes gegeben. Und stolz auf sich ist. Sein kann. Denn dann erkennt man auch: Wahre Zufriedenheit kommt nie von aussen. Sie wächst aus einem selber. Und klar ist es schön, wenn äussere Dinge sich ergeben, schön sind, Freude machen. Wenn aber das innere Feuer der Freude und der Zufriedenheit nicht brennt, werden die äusseren in Rauch aufgehen, ohne je Wärme abgegeben zu haben.

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