Zu sich stehen

Austausch zwischen Frauen:

„Heute treffe ich Klaus.“

„Klaus ist nett, der gefiel mir immer.“

„Stört es dich, wenn ich Klaus treffe?“

(Und wie es mich stört, ich mag das nicht.) „Nein, kein Problem, mach nur, ist ja nicht mein Besitz!“

„Ich kann es wirklich lassen, er und das Treffen bedeuten mir nichts.“

„Nein, geh nur.“ (Du kannst doch selber merken, dass du das Treffen absagen solltest, muss ich drum betteln?)

 

Szenen einer Ehe:

„Ich gehe heute noch weg, ist das ok?“

(Eigentlich wäre ich froh, heute nicht alleine zu sein) „Ja, geh nur. Ich hätte zwar noch etwas besprechen wollen, das reicht aber morgen.“

„Bist du sicher? Ich kann auch hier bleiben.“

„Nein, geh nur, ist schon ok.“ (Du kannst doch selber merken, dass du bleiben sollst, muss ich betteln?)

„Ok, dann gehe ich, wir besprechen es morgen.“

 

Und während der eine tut, was er ankündigte und was ihm so geraten wurde, zürnt der andere, dass er es tut und nicht merkte, dass die Worte nicht ehrlich, der Wunsch ein anderer war. Hatte er zu wenig Feingefühl? Wusste er insgeheim, dass er nicht sollte, überhörte das aber und machte einfach, was er vorhatte? Log er sich vor, dass es ja ok sei, man die Erlaubnis eingeholt und verbal gekriegt hatte. 

Die Folge solcher Szenen sind meist verletzte Gefühle gefolgt von Vorwürfen gefolgt von Streit, im schlimmsten Fall Zerwürfnissen. Die Schuld wird dem zugeschoben, der getan hat, was nicht gewollt war. Weil er es tat. Weil er die eigenen Wünsche nicht erfüllte, von denen er gar nichts gewusst hatte. Die er vielleicht geahnt hatte, aber dann dachte, den Worten trauen zu können. Vielleicht ahnte er sogar, dass er denen nicht trauen konnte, dachte aber, dass es nicht so schlimm sei, er ja nichts böses tue. Doch die Falle schnappt zu. 

Wieso fällt es einem ab und an so schwer, zu den eigenen Wünschen zu stehen? Wohl, weil man sich keine Blösse geben will. Man möchte nicht bitten, nicht betteln. Man möchte stark erscheinen, über der Sache stehend. Was man im Vorfeld in Worten gut hinkriegt, im Nachhinein aber in Taten zurücknimmt. Und damit noch viel mehr die eigene Verletzlichkeit demonstriert. Doch das kümmert nicht. Man ist in Wut, in Rage, fühlt sich im Recht, sieht den anderen als Schuldigen für das eigene Leid, das eigentlich durch das Verneinen der eigenen Wünsche zustande kam. 

Eigentlich weiss man schon beim Verneinen der eigenen Wünsche, dass dieses Spiel nicht gut enden kann. Man kennt den Lauf der Dinge irgendwann. Und doch haut man immer wieder in dieselbe Kerbe. Kommt aus diesem Muster nicht raus, das aus verschiedenen Komponenten besteht:

  • Sich keine Blösse geben, über den Dingen stehen
  • Sich unterzuordnen und zu denken, die eigenen Wünsche wiegen weniger als die des anderen
  • Dem Denken, dass man eigentlich nicht richtig handelt, etwas zu verbieten
  • Selbstzweifeln generell
  • Ängsten
  • Frust
  • etc.

Der erste Schritt aus dem raus ist wohl, das Muster zu erkennen, hinzuschauen, was abläuft und zu sehen, was dabei heraus kommt. Sieger gibt es auf diesem Weg keine, verlieren tun am Schluss alle. Jeder auf seine Weise. Der zweite Schritt wäre wohl, sich selber ernst zu nehmen und sich zu trauen. Sich zu trauen zu seinen Wünschen zu stehen, zu seinen eigenen Bedürfnissen zu stehen und zu sehen, dass diese gleich viel wiegen wie die des Anderen. Dass man sie ausspricht heisst nicht, dass der andere danach genau danach handelt, aber er weiss, woran er ist, wirklich ist. Und kann das in seine Entscheidung miteinbeziehen. Selbst wenn er dagegen handelt, fühlt man sich besser, weil man sich selber ernst genommen hat, für sich selber einstand. Man machte die eigenen Wünsche nicht klein, versteckte sie nicht, sondern stand hin und sagte:

„Das bin ich, das will ich.“

Das ganz normale Leben

Es gibt  Tage, da fehlen einem irgendwie die Worte. Man erlebt und erfährt Dinge, die man nicht für möglich hielt, muss sie irgendwie im Hirn sortieren, ohne dass wirklich Ordnung resultiert. Man fühlt die ganze Bandbreite der Gefühle, die je fühlbarer sie werden, desto unbenennbarer scheinen.

Mein Weg, mit solchen Dingen umzugehen, ist, darüber zu schreiben. Irgendwann, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, der Tag still wird, beginnt meine Zeit der Verarbeitung. Und so sitze ich nun hier. Es ist Nacht, alles schläft, die Eindrücke eines Konzerts wirken noch nach und langsam kommen all die Fragezeichen des Tages wieder hoch.

Mehrmals am Tag hätte ich gerne rausgeschrien. Mein Unverständnis, meine Hilflosigkeit, meine Trauer, meine Wut. Und nun, da alles in die Tasten soll, ist es nicht schreibbar. Nicht, weil es keine Worte gäbe. Aber es betrifft nicht nur mich. Es sind andere Menschen involviert. Kann ich einfach Dinge breittreten, die andere Menschen betreffen? Verletze ich damit nicht ihre Grenzen, ihre Gefühle? Klar würde sie niemand erkennen, der sie nicht kennt oder mich nicht kennt. Wenn mich jemand kennt, gut kennt, könnte er es herausfinden. Und wenn derjenige, der gemeint ist, es liest, wird er sich wiedererkennen. Und es könnte ihm nicht recht sein. Trotz der eigentlichen Anonymität. Irgendwie fühlt es sich falsch an, diese Grenze so bewusst zu überschreiten.

Zurück bleiben die Fragen. Die drehen in meinem Kopf und kommen nicht raus. Ich könnte alles in ein geheimes Tagebuch schreiben, dieses im Safe verschliessen und gut ist. Nur hilft das nicht. Irgendwie. Ich habe mittlerweile ganze Seiten gefüllt, wieder gelöscht. Über selbstgerechte Männer, die Frauen betrügen, über Frauen, die sich an verheiratete Männer heranmachen, deren Familien den Familienvater ausspannen und ihn dann drangsalieren – und damit dem Kind nochmals einen Schaden zufügen. Über Egoisten, die die Macht nutzen, die sie sehen, egal, wie unfair, unverhältnismässig und vermessen sie ist. Über den Menschen allgemein, wie er sich immer selber der Nächste ist, egal, was das für das Umfeld bedeutet.

Ich habe meinem Unmut darüber Luft gemacht, meine Wut in die Tasten gehauen. Und alles wieder gelöscht. Es scheint keine Worte zu geben, es scheint, als ob alles die öffentlich mögliche Sprache überschreitet. Doch im Innern brodelt es. Und es findet kein Ende. Findet keine Lösung, keine ER-Lösung.

Ab und an wünsche ich mich auf eine einsame Insel, auf der niemand ist. Auf der ich mit meinem Hund über die Wiesen laufen könnte, frei, unbeschwert, ohne all diesen Mist, der mein Hirn zermartert. Udo Jürgen singt in einem Lied, dass die Seele voller Narben sind, man Angst hätte, sie brechen auf und sich drum nicht auf das Leben, die Menschen, Beziehungen einlassen möchte. Wie recht er hat.

„Beziehungen sind schwierig.“ Das schrieb mir heute ein Mensch, der mir mal nahe war. Er liess mich damals durch die Hölle gehen. Im Moment scheint er da zu sein. Wieso kann ich mich nicht freuen, denken „geschieht ihm recht“? Er tut mir leid. Von Herzen. Und er hat recht. Sie sind verdammt schwierig. Weil sie in einem Spannungsfeld von Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen, Erwartungen und Überforderungen stehen. Schaut man die Sache wissenschaftlich an, weiss man, dass komplexe Systeme mit mehr als zwei Komponenten unvorhersehbar sind. Wie also soll man wissen, wie Beziehungen herauskommen, wenn so viele Punkte drin stecken? Wie kann man sich auf ein solches Risikospiel einlassen?

Weil man wohl ohne nicht leben kann. Nur sollte man sich dann vielleicht einmal darum bemühen, realistische Erwartungen daran zu setzen. Nicht ständig die rosa Wolke zu erwarten und gleich Gewitterwolken aufziehen lassen, wenn mal die Sonne fehlt. Nicht gleich den Bettel hinwerfen, wenn verlockendere Bagage an der Gepäckausgabe steht. Aber das scheint in einer Zeit, in der nichts unmöglich und die Welt so, wie man sie sich denkt, werden kann, überholt.. Komisch nur, dass immer mehr Menschen krank werden, zerbrechen gar. Vielleicht sollte man die Möglichkeiten halt doch mal endlich und das Leben nicht als Wunschkonzert, sondern als harte Realität sehen, in der es wunderbar tragend ist, eine Beziehung zu haben, die hält, nicht eine, die grad rosarot sexy in Dessous und mit drei freien Wünschen daherkommt.

Wieso ich heute gefrustet bin

Wieso? Ich habe keine Ahnung. Alles ist prima, mein Leben gut. So viele Menschen auf dieser Welt haben es viel schwerer als ich. Ich habe eigentlich alles, was ich mir wünschen kann. Eigentlich sogar mehr. Mir geht es gut. Ach so gut. 

Die Krux liegt wohl im „eigentlich“. Denn eigentlich ist nichts, wie es sollte nach eigenem Gutdünken, wenn man eigentlich schreibt. Das ist fast so schlimm wie grundsätzlich, denn sobald man sagt, dass etwas grundsätzlich ist, wie es ist, schreit das schon förmlich nach der Ausnahme und der Erklärung, wieso es gerade nun nicht so ist. Und beim eigentlich, da schreit es auch. Alles, was eigentlich gut ist, ist gerade nun nicht gut, weil eben… und dieser Grund.. der fehlt. Drum ist es ja eigentlich gut. Weil es grundlos nicht gut ist. 

Gut, vielleicht gibt es Gründe, doch die traut man sich kaum zu sagen, da sie eigentlich (schon wieder) harmlos sind, blöd sind, sinnlos sind. Sie widersprechen allem, was man als vertretbare Gründe zum Jammern anfügen könnte. Man hungert nicht, schläft warm und trocken, hat keinen Krieg, keine Krankheiten, keine wirklichen Probleme. Nur eben: Es ist nicht so, wie man es gerade gerne hätte. Und drum ist man gefrustet. Jemand tat, was er in den eigenen Augen nicht hätte tun sollen, jemand tat nicht, was man so gehofft hatte. 

Argumente gegen diesen Zustand gibt es viele. Sie reichen von „hab dich nicht so“ über „entspanne dich, morgen ist die Welt wieder in Ordnung“ bis hin zu „lerne, mit dem zufrieden zu sein, was ist“. Alles toll, alles wahr – hilft alles nichts. Es ist, wie es ist und es fühlt sich nicht gut an. Und wenn man schon in der Stimmung ist, dann regt man sich auch gleich über alles auf, was einem noch so über die Leber kriecht. Die doofe Nuss, die ihre Animositäten pflegt und Unsinn verbreitet, weil sie denkt, man hätte ihr was weggenommen, das sie in Wirklichkeit nie gehabt hat, der sture Kater, der nicht einsieht, dass der Tisch nicht sein Schlafplatz ist, der undichte Hund, der immer dann raus muss, wenn es Katzen hagelt und der Mann, der nie da ist, wenn man ihn mal braucht, dafür immer dann, wenn man seine Ruhe will. Und man selber, die man nie ist, wie man gerne wäre, weil man grade ist, wie man ist. Und das ist momentan: gefrustet. 

Biologie überbewertet?

Jede 2. Ehe wird geschieden. Dabei verlieren viele Kinder ihre Ursprungsfamilie. Neue Menschen dringen ein, wenn die Mutter sich neu bindet, der Vater zu neuen Ufern aufbricht. Was ist heute noch normal? Was ist eine Familie? Wie definiert man sie? Und wo bleibt das Kind in dem ganzen Schlamassel?

2 Minuten Spass, die Folgen sind frappant: eine Lebensaufgabe. Solch weitreichenden Konsequenzen sind kaum je zu erwarten, nur bei einem – der schönsten Nebensache der Welt. Kurz die Zweisamkeit genossen, kann daraus etwas entstehen, das alles Gedachte übersteigt. Neues Leben entsteht. Und damit fangen die Probleme an.

Im besten Fall träumt man von Familie, Kindern, dem ganzen schönen Leben, wie es im Bilderbuch erscheint. Die Realität heute sieht anders aus. Dass es ungewollte Kinder gibt, lassen wir mal aussen vor, traurig genug. Aber auch die gewollten kommen nicht mehr immer in den Genuss einer heilen Familie, wie sie in Heimatfilmen vorkommt. Man hätte den Märchen glauben sollen, denn schon diese sind nicht eitel Sonnenschein, sondern strotzen von bösen Stiefmüttern, mörderischen Vätern und dergleichen mehr.

Wenn ich zurück denke, an meine Kindheit: Woran erinnere ich mich? An gemeinsame Zeit, an Dasein, an das Taschentuch, das Tränen trocknete, die Hand, die Hustensirup reichte. Ich erinnere mich an gebaute Legostädte, an starke Schultern und kitzelnde Hände. Ich erinnere mich an Schokoladenkuchen zum Geburtstag und an gemeinsame Ausflüge. Ich erinnere mich an gemeinsame Zeit. Samen und Zellen? Blut? Davon wusste ich nichts. Ich hatte das Glück, Blutsverwandte als Eltern zu haben. War das relevant?

Es gibt Beispiele von Kindern, die bei Grosseltern aufwachsen. Es gibt Beispiele von Kindern, deren Eltern starben, die ihre Pflegeeltern lieben, wie eigene – ob es genau so ist, weiss man nie, jeder fühlt nur, was er fühlt. In den Anderen hineinschauen und –fühlen, um zu vergleichen, geht schlecht.

Meine These in dem Ganzen ist: Die gemeinsame Zeit, gemeinsame Erinnerungen, der sichere Hafen, der Halt in der Not – das sind die Dinge, die binden, die Familie ausmachen. Was kümmern da zwei Minuten Spass am Anfang, was kümmert Blut? Es ist die Herkunft, bringt vielleicht ein paar Veranlagungen mit sich (wie viele ist noch umstritten, die Wissenschaftler arbeiten dran). Doch lebendige Verbindungen sind anderswo zu suchen.  Sie entstehen da, wo ein Miteinander stattfindet. Wo Vertrauen aufgebaut wird. Wo ein Austausch ist. Das alltägliche Umfeld ist das, was prägt. Was das Zuhause ausmacht.

Familie wächst, sie ist nicht durch einen quasi Urknall geschaffen. Familie entsteht mit der Zeit und mit der Bereitschaft, sich einzulassen, sich einzusetzen. Man kann sich nicht durchschmuggeln. Man kann sich nicht einkaufen. Das funktioniert kurzfristig, aber nie auf Dauer. Am Schluss siegen Gefühle. Und die entstehen, wenn das Kind sich aufgehoben fühlt und sich ernstgenommen wähnt. Das hat jeder in der Hand, dazu braucht es keine Gesetze, die an alten Mustern festhalten wollen.

Nimmt man das und schaut auf die heutige Welt, ergeben sich neue Modelle: Kinder können viele Bezugspersonen haben.  Jeder kann sich seine Rolle selber zuschreiben. Und wenn man das im Kopf hat, niemand denkt, ein anderer nimmt einem was weg, sondern sieht, dass der dem Kind was gibt, dann wäre ein Miteinander möglich, das im Sinne des Kindes wäre. Und damit mittel- und langfristig im Sinne der Gesellschaft.

Der Mensch als Störfaktor im Idealismus

Wir träumen von einem Leben in Gerechtigkeit, einem Leben in einem Land, in welchem alle die gleichen Rechte haben, es allen so gut geht, dass sie ein menschenwürdiges Leben leben können, ein Leben, welches durch Rechte gesichert und geschützt ist. Wir wünschen uns ein Miteinander in Frieden und ohne Krieg. Und machen eigentlich ständig genau das Gegenteil von all dem. Woran liegt es?

Der Mensch stellt gerne ideale Konzepte auf, ohne zu berücksichtigen, dass sie an einem immer scheitern: Am Menschen selber.

Die Divergenzen zwischen Wunsch und Realität finden sich auf allen Stufen des Zusammenlebens. Die ideale Staatsform wird theoretisch immer wieder neu gesucht und gar gefunden. In der Praxis zeigen sich immer Schwächen, zeigt sich immer, dass jedes ideale Modell von einigen ausgenutzt werden kann und auch wird, was dann auf Kosten der anderen geschieht. Und einige fallen dabei durch die Masche in einen Zustand, der dem gewünschten nicht nur nicht ähnlich ist, sondern ihm entgegengesetzt ist.

Wo liegt der Ausweg? Zuerst müsste man die Variable Mensch in dem Spiel beachten und zur Kenntnis nehmen, dass der Mensch kein Übermensch ist, der nach moralischen Grundsätzen, frei von egoistischen Ansprüchen und ständig auf der Suche, Gutes zu tun, durchs Leben geht. Man müsste die menschlichen Abgründe mit in die Waagschale werfen und ihnen Rechnung tragen. Jedes Modell, das auf idealen Menschen fusst, wird zur Utopie verkommen.

Als Zweites müsste man sich wohl den realen Gegebenheiten stellen. Es bringt nichts, von Idealvorstellungen auszugehen, um neue Lebensmodelle zu verwirklichen, welche Ansprüchen genügen sollen. Was Sand gebaut wird, wird nie halten. Die heutige Realität ist weit davon entfernt, ein Idealzustand zu sein. Armut ist verbreitet, die Schere zwischen arm und reich tut sich immer mehr auf. Zwar hätte es genug Ressourcen für alle, niemand müsste hungern, doch sie sind so verteilt, dass einige immer noch mehr kriegen, andere immer ärmer werden.

Staaten sind über Jahrzehnte im Krieg, es gibt Länder, die über Jahre keinen Frieden mehr kennen oder aber nach einer langen Unterdrückung direkt in Unruhezustand übergingen. In anderen Ländern geht die ganze Wirtschaft kaputt, sie stehen kurz vor dem Bankrott. Krise klingt es von überall.

Auch im Kleinen drückt die Krise durch. Familien sind zum Auslaufmodell geworden, sie zerbrechen am laufenden Band. Der Kampf um das Danach wird gross. Wie soll man es regeln, was ist fair? Dabei geht man vom althergebrachten Modell aus und will möglichst wieder zusammenkleben per Gesetz, was der Mensch entzweite. Und alle sehen sich als Verlierer. Der Vater klagt, seine Kinder nicht mehr zu sehen, die Mutter klagt, keine Freiheit mehr zu haben, keine Stelle mehr zu kriegen, weil sie gebunden ist. Einer von beiden oder beide laufen in die Gefahr, zum Sozialfall zu werden. Die Kinder? Stehen mittendrin und leiden. Je grösser der Streit, desto grösser das Leiden. Der Staat will eingreifen. Will gerecht sein. Will per Gesetz regeln, wie die beiden zerstrittenen oder im besten Fall nur getrennten Parteien miteinander umzugehen haben. Er vergisst dabei, dass kein Gesetz Frieden bringen kann, wenn Gefühle verletzt sind. Kommunikation lässt sich nicht per Gesetz erzwingen und jede neue Regelung birgt wieder neue Unrechtsmöglichkeiten.

Wo liegt die wirkliche Lösung?  Wohl in einem kompletten Umdenken. Die Richtung wird noch zu finden sein, was offensichtlich scheint: Wir sind noch weit davon entfernt und bewegen uns eher davon weg als darauf zu.

Pure Illusion?

Seit heute weiss ich es: Ich habe keinen freien Willen, den gibt es gar nicht, das ist eine blosse Illusion, die aber insofern hilfreich ist, als sie mir beim Überleben hilft, da alles nur Evolution und dieser geschuldet ist. Ich selber bin sogar eine Illusion, eine Funktion meines Gehirns. Sagt Franz M. Wuketits in seinem Buch „Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion. Wie ich ein Gehirn sein kann, wenn ich nur Illusion bin, wessen Gehirn das dann ist, steht freilich nirgends. Es liegt also nahe, dass nur das Ich in einem bestimmten Verständnis Illusion sein kann. Ich bin – offensichtlich. Und ich musste nun schreiben. Dass mein Pult dunkel ist, mein Computer silbrig, war keine freie Wahl, ich MUSSTE die förmlich nehmen. Weil meine Erfahrungen, Gene, mein Umfeld, die Evolution mich so vorgespurt hat.

Biologisch sei das erwiesen. Ist es das? Bestimmt die Biologie, ob ich ein rotes oder grünes Kleid trage, auf einem weissen oder schwarzen Sofa sitze? Die Biologie ist – soviel ich weiss – bis heute nicht sicher, ob unser Charakter vererbt oder erlernt ist. Die Standardantwort ist: Beides – zu Teilen. Zwar können wir auch nach Wuketits lernen, allerdings nur aus dem, was passiert ist, nicht aus freien Stücken. Wo bliebe Moral, wo das Recht? Haben wir eine Möglichkeit, uns moralisch zu verhalten? Wir wären nie mehr an etwas Schuld. Schuld sei nur ein Begriff, um Dinge zuzuordnen und damit für uns zu erklären. Verantwortung wäre noch schwieriger, wie soll man für etwas verantwortlich sein, das man nicht aus freien Stücken tat und genauso hätte unterlassen können?

Was ist mit all den Verbrechen der Vergangenheit? Müssen wir Geschichtsbücher neu schreiben? War Hitler nur ein willenlos biologischer Zellhaufen, der nicht anders konnte? Quasi eine Naturgewalt wie eine Flut, ein Erdbeben? Alle seiner Anhänger waren gezwungen, von ihren Veranlagungen und Neigungen, denen sie nichts entgegen halten konnten? Eine erschreckende Sicht.

Nun habe ich Hunger. Ich könnte nun essen oder auch nicht. Die Entscheidung dafür oder dagegen – ist sie frei? Klar gibt es Argumente dafür und dagegen (mehr dafür als dagegen). Es wäre also vernünftiger, zu essen. Irgendwann werde ich müssen, sonst sterbe ich. Also ist ein Zwang da. Wie steht es mit der Entscheidung, was ich esse? Das Angebot meiner Speisekammer ist vielfältig. Auch da gibt es sicher Kriterien, die helfen zu entscheiden. Ganz frei ist die Entscheidung nicht. Äusserer Rahmen ist, was ich mal eingekauft habe. Die Gelüste und meine Vorlieben spielen sicher auch mit. Schlussendlich wird es etwas werden. Wie frei war die Wahl?

Absolute Freiheit ist eine Utopie, es ist immer etwas da, was prägt, was leitet, Grenzen setzt. Sollte aber wirklich alles meiner eigenen Wahl entzogen sein, ich nur eine Marionette von verschieden gearteten Zwängen? Wuketits versucht zu trösten, dass uns das im alltäglichen Leben nicht betrifft, wir die Illusion des freien Willens hätten und behalten könnten und dadurch frisch fröhlich frei weiter leben könnten wie bisher. Die Illusion helfe, weiter motiviert durchs Leben zu gehen. Also doch alles mehr Schein als Sein und das ist sogar evolutionär gewollt?

Fallen der Liebe

Wer hat es nicht schon erlebt im Leben? Er liebte, vertraute und wurde enttäuscht, wurde fallen gelassen. Lag dann da, sah zurück, fragte, was er übersehen hatte, fragte sich, ob er leichtfertig vertraut hat, hätte vorsichtiger sein müssen. Ist Vertrauen Leichtsinn? Müsste man immer auf der Hut sein? Liesse sich damit leben? Liesse sich damit lieben? Sich hingeben? Funktioniert Liebe ohne Hingabe? Funktioniert eine Liebesbeziehung, wenn man ständig lauert, auf der Hut ist? Was also tun? Wieder blind ins nächste Loch fallen? Die Dinge selber in den Sand fahren durch die eigenen Vorbehalte?

Was heisst es überhaupt, fallen gelassen zu werden? Man fühlt sich wohl fallen gelassen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sie sich selber ausmalt. Man fühlt sich verstossen, schlecht behandelt, wenn jemand anders agiert, als man sich das wünscht. Das hat mit dessen Gefühlen oft wenig zu tun, zumindest nicht mit denen gegen einen. Es hat wohl mehr mit diesem Menschen und mit den eigenen Erwartungen an ihn zu tun. Doch wie bedingungslos liebe ich, wenn ich etwas vom anderen erwarte, mich benachteiligt fühle, wenn das nicht eintritt? Dann ist doch der andere streng genommen nur eine Marionette meines Wollens, bricht er aus, bin ich enttäuscht. Was hat er falsch gemacht? Sein Fehler war, in einer Weise zu handeln, die nicht meinem Wollen entsprach.

Verstösst er gegen Dinge, die vorgängig ausgemacht waren, ist man im Recht. Man hat sich verlassen, hat auf eine Abmachung gebaut, die wurde gebrochen. Wenn man aber nur auf die eigenen Ansprüche baut, ohne die je geklärt zu haben: Mit welchem Recht ist man enttäuscht? Mit welchem Recht verletzt? Man selber hat die eigenen Ansprüche zur Regel erhoben, sie unumstösslich hingestellt, ohne dass der andere davon wusste. Vielleicht wusste man das selber nicht, bis etwas passierte. Merkte es erst, als es passiert war. Wie hätte es der andere wissen können? Der handelte vielleicht nach bestem Wissen und Gewissen, wollte alles richtig machen, machte in den eigenen Augen alles falsch. Und man selber sitzt da wie ein verwundetes Reh und leidet. Wer hat Schuld?

Schuld ist wohl das, was am meisten Zündstoff beinhaltet ohne dass es etwas löst. Was bringt es, zu wissen, wer nun falsch handelte, wer richtig? Die Gefühle sind da. Selbst wenn der andere alles richtig gemacht hat, leide ich. Selbst wenn er alles falsch machte, ohne es zu wollen, leide ich. Was ist Schuld? Ein Konstrukt, um früher christliche Ansprüche von Sühne und Absolution zu ermöglichen. Ein Konstrukt, um Strafe im rechtlichen Sinne zu rechtfertigen. Ein Konstrukt, das theoretisch praktisch ist, praktisch zu theoretisch ist.

Ich erwähnte die bedingungslose Liebe. Ich denke, Liebe ist nie bedingungslos. Kann sie nicht sein. Wäre sie es, würde sie zerstören. Man kann nicht unbeschadet lieben, egal, was der andere tut, lässt, einem antut. Das würde man nicht aushalten. Wichtig ist aber, sich der eigenen Bedingungen bewusst zu sein und sie auszusprechen. Was erwarte ich von meiner Liebe, von meinem Geliebten? Was brauche ich zum Leben, was möchte ich erfüllt haben. Weiss der andere das nicht, wie soll er anders leben, als ständig Enttäuschungen zu produzieren? Nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Unwissen, oft gar aus gutem Willen, alles richtig zu machen.

Und ab und an weiss man selber nicht, was man sich wünscht. Und merkt erst durch das Handeln des anderen, dass man das, was passiert ist, gerade nicht wollte. Weil es Bedürfnisse verletzte, die einem elementar waren. Man leidet, zürnt. Möchte wegrennen, dem anderen vorher ins Gesicht schreien, was er einem angetan hat, traut sich nicht, schliesst sich ein, tief in sich. Verletzt. Verwundet – oft auch sich selber. Hört nicht mehr die Liebe, die Schwüre. Glaubt sie nicht. Wie kann der andere lieben, wenn er einem das antat. Und würde man hinschauen, merkte man: Er hat nichts gegen einen getan. Er hat nur nicht das getan, was man selber gebraucht, gewünscht hätte. Vielleicht wusste er es sogar, dass man es brauchte, aber vielleicht hatte er keine Wahl. War es seine Schuld? Was bringt mir wegrennen? Gewinne ich? Gewänne ich nicht mehr, schaute ich hin, sähe meinen Anteil, nähme ihn an und liebte weiter, liesse lieben?

Frei – unfrei

Es gibt Studien zum Verhalten von Kleinkindern und deren Bindung zu den Eltern. In einer Art Jojo-Effekt bewegen sie sich von den Eltern weg, um wieder zu ihnen hin zu laufen, danach etwas weiter weg zu gehen, wieder hinzulaufen. So werden die Abstände immer weiter, im Wissen, wieder zurückkommen zu können. Ich denke, dieses Wissen um den Halt in der Mitte lässt das Erkunden des Aussen, der Weite, der Welt möglich werden. Die Weite ist unsicher, haltlos, sie braucht einiges an Anstrengung. Das Zurückkommen ist die Erlösung der Anspannung, die Erleichterung. Das Kind kann wieder auftanken, Mut schöpfen, Geborgenheit tanken und damit die eigenen Batterien auffüllen. Es fühlt wieder den Schutz, die Liebe, die Sicherheit. Es lotet so aus, wie weit es gehen kann, ohne das Gefühl zu verlieren. Es lotet aus, wie weit es geht, bis es an Grenzen stösst. Grenzen des eigenen Vertrauens, des eigenen Mutes und an die Grenzen des Dürfens, des Erlaubten.

Der Mensch wird diesen Mechanismus wohl nie ganz los. Immer strebt er nach aussen, sucht das Weite, sucht die Freiheit. Er will Ketten sprengen, eigene Wege gehen, ungehindert, ganz nach seinen eigenen Wünschen, dem eigenen freien Willen (wie er denkt) folgend. Dieser Wunsch ist umso grösser, je stärker die Fesseln drücken, die der Alltag schnürt. Je mehr man sich unter Zwang fühlt, desto mehr sehnt man sich nach Freiheit. Möchte mal ausbrechen, einfach frei sein, tun und lassen können, was man will. Nicht um 6 aufstehen, nicht um 8 bei der Arbeit sitzen, nicht um 12 Mittagessen kochen, um um 2 wieder zu arbeiten. Man möchte frei weg gehen, ohne alles drum rum zu organisieren, möchte einfach mal in den Zug steigen und nach Irgendwo fahren, ohne zu denken, dass die Zeit nicht reicht, die Blumen verdursten, der Mann verhungert und das Konto überzogen wäre. Man möchte im Schlafanzug aufs Sofa liegen und ein Buch in einem Zug durchlesen, ohne dass irgendwer was von einem möchte. Und man möchte vor allem niemandem Rechenschaft ablegen müssen, wieso man das tut, was das bringt, wo der Sinn liegt in all dem.

Doch stellen wir uns das vor: Pflichten weg, Mann weg, Kind weg – kein Zwang, kein Muss, nur Sein. Was ist dann noch? Ok, ich schlafe bis 8, stehe auf, lese. Es ist ruhig. Sehr ruhig. Ich könnte in den Zug steigen. Wohin sollte ich? Eigentlich ist es gut hier. Also bleibe ich. Lese weiter. Ich geniesse es, keine Frage. Um 12 müsste ich eigentlich kochen. Wozu? Ist ja keiner da. Ich denke an die gemeinsamen Mittagessen. An die schönen braunen Augen des Kindes. An sein Lachen. Ich habe gar keinen Hunger, ich kann ja lesen. Endlich mal. Lese weiter, geniesse es. Kein „Mama, wo ist…..?“, kein „Mamaaaaa, darf ich……?“ und kein „Mamaaaaa, kannst du…..?“. Einfach ich. Ganz frei.

Und doch fehlt was. Es fehlt das Gewohnte. Das, was Halt gibt. Das, was da ist, worauf man bauen kann. Ohne diesen Halt wird das Leben haltlos, uferlos, es ufert aus. Wieso suchen so viele Menschen Zuflucht in Religionen, Sekten, Institutionen? Weil sie genau da ihren Halt finden, die Geländer für ihr Leben, die Grenzen, innert derer sie sich bewegen können. Mein Halt im Leben war lange Zeit mein Studium. Alles brach, alles ging drunter und drüber – das Studium war immer da. Der Abschluss war keine Freude. Mir fehlte mein Sinn. Mein Halt. Was ich vorher immer mied, Druck, Zwang, von aussen auferlegte Aufgaben, das war weg. Ich hatte Glück, ich konnte weiter forschen.

Daneben war mein Kind. Eine sichere Konstante. Sie beide schrieben meinen Rollen: Philosophin und Mutter. Einerseits Last – aber ohne wäre ich wohl untergegangen, sie waren auch identitätsstiftend. Wenn ich das so denke, merke ich, dass ich wohl eher sonderbar bin. Ab und an wünschte ich, die Dinge gar nicht zu hinterfragen, das Leben wäre wohl einfacher. Wen kümmert schon Identität, man ist, wer man ist. Was gibt es da zu denken? Muttersein ist biologische Tatsache, wieso muss man das philosophisch hinterfragen? Nun gut, ich bin, wie ich bin, ich werde aus dem Hinterfragen kaum ausbrechen.

Was also ist der richtige Weg? Freiheit wird oft als höchstes Gut gewertet und doch scheint sie der Mensch nicht auszuhalten. Er sucht nach Halt, er sucht nach Schutz und Sicherheit. Nimmt man einem Menschen jeglichen Halt, fühlt er sich haltlos und damit hilflos. Zwänge und Einschränkungen scheinen zwar auf der einen Seite einzuengen, auf der anderen Seite geben sie eine Orientierung. Etwas, woran man sich halten kann.

Der Mensch sucht förmlich danach. Er sucht nach dem Partner, der diesen Halt versprechen kann, er sucht nach dem Status, der ihm diesen Halt in der Gesellschaft gibt. Die heutige Zeit löst immer mehr auf, was mal Halt war. Ehen werden zur Massenware, Arbeitskräfte austauschbar. Werte wechseln wie Unterhosen und Trends überleben kaum noch ihre Niederschrift. Die Menschheit krankt, mit ihr der Mensch an sich. Die einen streben hoch und höher, die anderen besinnen sich auf sich und kämpfen  mit dem Untergang. Glücklich ist keiner und die Lage ist ernst. Wo ist die Lösung? Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel am Kleinkind nehmen. Es weiss, dass es den Halt braucht, es weiss, dass gewisse Grenzen lebensnotwendig sind und es sucht nach den Grenzen. Es muss nicht immer weiter gehen, es reicht, die Grenzen zu suchen, sie auszuloten, mit ihnen zu spielen. Im Wissen, dass der Halt, der Mittelpunkt wichtig ist. Ohne diesen sind wir verloren.

Neues zu entdecken, weiter zu kommen, ist nicht schlecht. Schwierig wird es dann, wenn das, was ist, was hält, was gut ist, abgelehnt wird, nur weil es schon da ist, weil es nicht neu ist, weil es nicht spannend ist. Neu ist nicht immer besser. Es ist anders. Es mag weiter bringen. In einem Bereich. Etwas wird wegfallen. Und dieses Etwas ist immer ein Teil von einem selber, da man selber immer Teil von dem ist, was war. Wirklich frei ist man nie, zum Glück. Wirkliche Freiheit wäre unendliche Einsamkeit. Alles, was hält, wäre dahin, alles, was stützt, eingebrochen. Wer wäre man dann noch?

Überkochende Töpfe oder von Ängsten gesteuertes Verhalten

Das Misstrauen gegenüber anderen widerspiegelt oft deutlicher die eigenen Ängste als die angeblichen Verhaltensweisen der anderen.

Ich bin eifersüchtig. Ich behaupte, es ist ein gesundes Mass von Eifersucht, rational, begründet, ab und an auch unbegründet, aber nie rabiat, Teller schmeissend, Szene machend. Einfach da.

Das ist die Theorie. Kommt dann eine Gelegenheit, da brodelt es. Brodelt hoch, kocht über wie eine Pfanne mit Wasser, das siedet, schäumt, überkocht. Wieso lächelt mein Mann die Frau an? Redet mit der? Wieso schaut sie ihn so an? Das geht ja gar nicht. Meine Blicke werden tötend. Meine Sprüche spitzig, giftig, treffend. Ich weiche aus. Lasse nichts mehr zu. Maure.

Die nächste Stufe ist unter vier Augen. Ich stichle. Unterstelle. Tobe innerlich und agiere äusserlich mit immer groberen Aussagen. Weiss selber, dass ich mich versteige, kann nicht aufhören. Bin verletzt, getroffen. Wieso? Er hat nichts gemacht. Sie vielleicht was gewollt, es nicht gekriegt. Was also geht ab? Die pure Angst. Meine Angst. Die ich auslebe anhand von gefürchteten Gefahren, nicht eingetretenen Projektionen.

Vielleicht habe ich es erlebt, dass ich verletzt werde, verlassen werde, betrogen werde. Ich fürchte, das könnte wieder passieren. Fürchte, ich könnte wieder leiden. Misstraue, weil ich erfuhr, dass Vertrauen missbraucht werden kann und dass dies passierte. Ich lege einen Schutzmantel an, schärfe meine Sensoren, damit das nicht nochmals passiert. Die Sensoren reagieren auf Kriterien, die ich festlege, die Gefahren zeigen. Ich will nicht nochmals blöd da stehen. Lieber gleich reagieren. Die Sensoren sind hochsensibel. Sie reagieren. Aufgrund von Erfahrungen. Zwar sind die Auslöser präsent, gegenwärtig, aber es sind keine wirklichen Ereignisse, Betrüge, es sind nur Dinge, die dahin führen könnten, Ängste zu bestätigen, die bereits in mir schlummern aufgrund von Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe.

Mein Mann war wohl nur nett, konnte die Frau ja nicht einfach anschweigen oder grimmig anschauen. Die Frau war wohl ebenfalls nett, was für einen Grund hätte sie, meinen Mann anzumotzen, fies zu ihm zu sein oder unfreundlich. Und ich  – sitze hier mit meinen Ängsten, die mir selber Gefängnis werden, aus dem ich nicht ausbrechen kann. Ich sitze hier und durchschaue mein Tun, verfluche es und tue es doch. Weil es kocht und brodelt. Und die Angst besteht. Dass eine kommt, die besser, toller, klüger, schöner ist. Eine, die geschickter wirbt – ich bin ein Trampel. Eine, die es drauf anlegt – ich bin einfach ich, man mag’s oder nicht. Eine, die wirklich will und es zeigt. Das liegt mir nicht.

Diese Ängste haben wir in vielen Bereichen. Jeder hat seine Schwachstelle, die verletzlich ist. Das Leben ist nicht immer fair. Es prägt. Die Prägungen graben sich ein, werden zu Spuren, die wie Schienen das Verhalten steuern. Und wir rattern die ewig selben Muster ab. Manchmal schon beim Tun wissend, dass es nicht richtig ist, doch ausbrechen geht nicht. Spätestens nachher wissen wir: Da lief ein Muster. Das war nicht gut. Das war nicht angebracht. Und doch kochte der Topf über. Oder bin nur ich so?

Freiheit oder Überleben

Der Mensch ist frei. Sein freier Wille ist es, das ihn von den Tieren abhebt. Er kann entscheiden, was er tut, kann wollen, kann wählen. Tiere können das in einem begrenzten Mass auch, aber nicht so ausgeprägt, wie der Mensch. So die Theorie bis vor kurzem. Es gab zwar Stimmen dagegen, die der Determinsten, die alles als vorgegeben sahen, sei es durch die Natur oder göttliche Fügung. Die Gegenspieler beharrten drauf: Der Mensch ist frei.

Ich kann also wählen, was ich will. Ich kann frei entscheiden, was ich tue und frisch fröhlich drauflos gehen. Freiheit ist, wenn keine Hindernisse da sind – äussere wie innere. Soweit so gut. Ich will also auf einen Berg steigen. Ich bin aber nicht schwindelfrei. Nun kann man sagen, ich will das gar nicht, wieso sollte ich das wollen, wenn ich doch die Höhe nicht mag? Ich könnte lesen wollen. Einen ganzen Roman. Er ist spannend. Ich will nicht aufhören. Eigentlich müsste ich arbeiten. Kann ich schwänzen. Das hat Konsequenzen vielleicht, aber das könnte ich so entscheiden. Irgendwann müsste ich mal was essen. Nun gut, Diät ist auch nicht schlecht, ich lese weiter. Ich sollte aufs Klo. Ich verklemme das. Unendlich geht das nicht. Wo ist mein freier Wille nun? Ich will doch lesen. Nicht aufs Klo gehen. Kinder lassen laufen, im Spiel versunken. Als Erwachsener? Könnte man… kann man nicht. Man könnte doch… man geht aufs Klo. War das Entscheid? Musste ich? War ich frei? Ich war wohl frei in der Wahl, wo ich es laufen lasse, aber dass ich es laufen lassen muss, das war erzwungen. Wo also ist diese Freiheit? Doch schlussendlich Triebe, die Motive sind, die antreiben, die Handlungen erzwingen?

Vielleicht ein Zusammenspiel von vielem? Natürliche Grundtriebe lassen sich nicht steuern, doch wie man damit umgeht, hat man in der Hand? Eine Teilfreiheit? Ein Jein? Das befriedigt nie. Man möchte ganz – besser als gar nicht, wobei das immer noch eine klare Linie wäre. Ein bisschen hier und bisschen da ist so lau, so fad. Das mag man nicht, es hat den langweiligen Anstrich des Unentschieden. Und doch ist es wohl am Ende das, was überlebt. Die Balance zwischen den Extremen, die Anpassung. Anpassung ist Überleben und das ist das höchste Ziel.

Das war es zumindest mal. Als man genug damit zu tun hatte, zu sehen, dass man überlebt, waren Themen wir Freiheit und Glück kaum je im Gespräch. Es ging um pure Notwendigkeiten. Lebensnotwendigkeiten. Wenn die gesichert sind, wendet man sich neuen Projekten zu. Die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist oder man einfach nur froh sein könnte, dass es einem so gut geht und man überlebt, ist wohl eine sehr ketzerische, die Antworten wie: „Das wäre Stillstand“ oder: „Wir wären nie so weit gekommen, wie wir sind“ aufs Tapet rufen würden.

Ja, vermutlich hätten wir einige Entdeckungen und Erfindungen nicht gemacht. Vermutlich wäre der Büchermarkt um einige theoretischen Werke ärmer. Sehr wahrscheinlich wären die Psychiater seltener und schlechter verdienend und die Menschheit vielleicht immer noch auf dem Plumpsklo. Was wäre schlimm daran? Wir wüssten ja gar nicht, dass es mehr gäbe, aber wir würden alle leben.

Das Gute und das Schlechte – ein Regenbogen des Lebens

Bin ich gut, wie ich bin? Geht es mir gut, so wie es mir geht? Ist mein Leben ein gutes Leben oder müsste etwas besser sein? Wie entscheide ich, was gut ist und was schlecht? Was sind generell Kriterien für gut und schlecht?

Ganz schnell gesagt wäre gut das, was ich gerne möchte. Ich möchte es, weil es gut ist. Und schlecht wäre dann das, was ich gerne miede, wovon ich Abstand nehme. Das liegt auf der Hand, man weiss dabei noch nicht, ob ich etwas möchte und es drum gut ist oder aber ob es gut ist und ich es drum möchte. Wird etwas erst durch das Wollen gut oder ist es das schon und das Wollen strebt nach dem Guten? Offen bleibt noch immer: Was macht das Gute zum Guten?

Oft sind es Wertvorstellungen. Diese sind vielschichtig genährt. Kulturell, gesellschaftlich und auch teilweise ideell. Und ab und an streiten diese Kriterien miteinander. Was gesellschaftlich gefordert ist, geht eher den ökonomischen Weg, der ideelle Weg eher den romantischen. Was genau ist dann gut? Wäre es nicht ein Zirkelschluss, könnte man sagen, dass das gut ist, was gut ist. Eine neue Komponente käme dazu, wenn man sagte, dass gut ist, was man als gut erachtet. Da ist eine Instanz, die bestimmt, was gut ist. Gut wird zum Normbegriff. Dinge müssen erfüllt sein, damit etwas gut ist. Welche sind das?

Es darf keinen Schaden anrichten. Dann ist es ethisch gut. Es darf kein Leid verursachen. Das ist das Wohlfühlgut. Es ist erstrebenswert, das Nachfragegut. Es muss was bringen, das Vermögensgut. Und es gäbe wohl noch viele guten Güter. Bringt uns das weiter? Wieso streben wir nach dem Guten? Woher hat es seinen Reiz? Und wenn wir all das Gute haben, was haben wir dann?

Oft hilft ein Blick auf das Gegenteil dessen, was man zu eruieren sucht: Das wäre hier das Schlechte. Wir meiden es. Wieso? Das Schlechte wird mit all dem in Beziehung gebracht, das wir nicht haben wollen. Es bringt Leid (wir fühlen uns nicht wohl), es bringt Verlust (wir vermissen das Vermögen), wir wollen es nicht haben (wir rennen davon, erstreben das Gegenteil), wir wollen so nicht sein oder handeln (es widerspricht unserer Vorstellung von Moral und Ethik).

Sind wir nun weiter? Es ist zu sehen, dass das Gute all das ist, was wir wollen und das Schlechte all das, was wir nicht wollen. Von unserem Standpunkt aus sind es zwei Seiten ein und desselben – unseres Wollens. Und unseres Wertens. Wir schauen hin, sortieren aus, streben nach dem Einen, meiden das Andere. Wie die Tauben bei Aschenputtel – die guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – nur dass wir es gerne andersrum hätten – die Guten essen, die Schlechten wegwerfen, wir sind ja nicht Mutter Wohlfahrt. Oder wäre gerade das gut? Die Schlechten essen, die Guten weitergeben? Dann wäre ja gut, das Schlechte zu behalten, das Gute zu geben? Und schlecht wäre, am Guten zu haften, das Schlechte zu geben?

Aus egoistischer Sicht behalten wir das Gute, aus altruistischer geben wir es her.  Realistisch wäre wohl, dass alles zwei Seiten hat, man keine verneinen kann, da die andere sonst nicht existiert. Das Streben nach dem Guten muss misslingen, wenn man dabei das Schlechte ausblenden und meiden will. Das Schlechte ist der Preis für das Gute, dass es überhaupt als Gutes existiert und wahrgenommen werden kann. Geschätzt werden kann. Dabei ist es irrelevant, was nun gut und was schlecht ist. Alles gehört dazu und macht in seiner Fülle, seiner Ganzheit das Leben aus. Das nie nur schwarz oder weiss ist, sondern ein Sammelsurium aus den verschiedensten Farben. Einige mögen wir, andere weniger, alle gehören sie zum Regenbogen.

Auswüchse der Profitgier oder: Jeder ein Manager

Da man vom Kader unentgeltliche Überstunden erwarten kann (schön geregelt im OR), erhebt ein Unternehmen alle seine Mitarbeiter gut und gerne in den Managerstatus(so wird zum Beispiel aus dem Hausabwart ein Facility Manager, der weiteren Beispiele wären viele…). Alter Wein in neuen Fässern.

Das bringt den so Beförderten im ersten Moment den Stolz des Titels, im zweiten das Nachsehen im eigenen Portemonnaie. Das Unternehmen auf der anderen Seite kann auf eine grosse Dichte an ausgewiesener Führungsqualität verweisen (man sehe die vielen Titelträger) und spart Ende des Jahres an Ausgaben, was dem Umsatz wiederum zu  Gute kommt. 

 

Es lebe die Wirtschaft. Oder doch: Mehr Schein als Sein?

Sexismus – Ausbeutung der Frau

Kaum sieht man ein eher freizügiges Bild einer Frau oder eines, das gewisse Körpermerkmale deutlich operiert zeigt, geht ein Aufschrei durch die Reihen der emanzipierten Schreiberinnen von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften. Es wird angeprangert, dass die Werbeindustrie sexistisch sei, dass der Körper der Frau ausgebeutet werde, dass Assoziationen heraufbeschworen würden, die zu anzüglich seien, da sie die Frau zum Sexobjekt degradierten. 

Mir sind diese Plakate nie wirklich aufgefallen. Vielleicht schaute ich mal hin und fand die Kleidung schön, den Bikini hässlich oder die Figur gut – oder nicht. Meistens machte ich mir kaum Gedanken darüber. Bin ich oberflächlich? Ignorant? Weil ich mich als Frau nicht degradiert fühlte durch solche Instrumentalisierungen von Frauenkörper, die sich noch dazu freiwillig angeboten haben, so abgelichtet zu werden zu Zweck, das damit beworbene Produkt an den Mann und die Frau zu bringen? 

Oft wird das Argument nachgereicht, dass diese Bilder junge Mädchen zu falschen Körperidealen führten, somit Magersucht und sonstige Essstörungen befördert würden. Noch nie war die Menschheit so dick (durchschnittlich) wie heute… Magersüchtige gibt es, Esstörungen nehmen zu. Doch sind sie wirklich solchen Bildern geschuldet? Dass eine Esstörung eine Krankheit und kein Nachahmungswahn ist, ist hinlänglich bekannt. Sie hat psychische Ursachen und es ist ein Suchtcharakter, der dahinter steckt. Diese Bilder mögen einen Schritt auf dem Weg in die Krankheit ausmachen, aber sie sind weder Grund noch Ursache und schon gar nicht ausreichende Erklärung. 

Was also ist so problematisch an diesen Bildern? Sie werden freiwillig gemacht von Frauen, die sich ihren Traum als Fotomodell zu arbeiten erfüllt haben. Sie werden von Fotografen gemacht, die sich ihren Traum von ästhetischen Bildern und was sie und die Werbeindustrie dafür halten erfüllt haben. Und sie werden gesehen von Menschen, die sich frei entscheiden können, ob sie das Produkt aufgrund dieser Werbung kaufen wollen oder nicht.

Wo bleibt eigentlich der Aufschrei beim Cola Zero Mann, der mit nacktem, muskulösem Oberkörper rumstolziert? Wie viele Männer sehen wirklich so aus? Wird der Ärmste instrumentalisiert, um unterbediente Hausfrauen beim Cola-Genuss zu erfreuen und dieses damit mehr zu verkaufen? Oder ist das ganz was anderes, weil man sich nun mal auf Frauen und ihre Rechte konzentriert und der Rest schauen kann, wo er bleibt? Chippendales und Callboys erwähnen wir hier gar nicht mehr, das ginge in die selbe Richtung. Auch sie kaum erwähnt bei der dahingehenden Diskussion um Feilbieten von Körpern. 

Vielleicht verstehe ich es einfach nicht. Wo genau liegt das Problem?

Der Halt im Leben

Man ist Kind, wächst auf unter der Obhut der Eltern. Zwar findet man nie alles toll, was die tun, findet vieles sogar ungerecht, falsch, zu streng, völlig daneben. Und doch sind sie ein sicherer Hafen (im guten Fall), ein Halt, ein Auffangnetz.

Irgendwann setzt die Pubertät ein. Man strampelt sich frei, rebelliert, setzt sich gegen die Eltern, steht auf, will eigene Wege gehen. Und doch sind sie im Ernstfall immer noch da (im besten Fall) und sind Halt, Stütze, Zuhause. Der sichere Wert, auf den man bauen kann.

Man wird erwachsen, zieht aus, geht wirklich eigene Wege. Die Eltern bleiben da. Auf Distanz, mal mehr, mal weniger, sie sind ein fester Bestandteil des Lebens. Sogar wenn man verkracht ist, sind sie ein Orientierungspunkt. Entweder will man sein wie sie oder gerade anders. Immer aber sind sie der Punkt, der ein sicherer Wert ist. Man fühlt sich nie verloren.

Beziehungen kommen, sie gehen. Die zu den Eltern bleibt. Ob gut oder schlecht, sie ist da. Was wäre man ohne Eltern? Haltlos? Man suchte wohl einen anderen Halt. Menschen brauchen irgendwo einen, sonst fühlten sie sich haltlos, würden ungehalten, gerieten in die Gefahr, zu fallen. Manchmal empfindet man den Halt als einengend, zürnt, hadert. Denkt, er schränke einen zu stark ein, man möchte ihn los sein. Doch wenn es hart auf hart kommt, wie froh ist man dann um ihn?

Wann wird man erwachsen? Wann kann man diesen Halt ablegen? Was, wenn er einfach entzogen wird? Wenn es von einem Tag auf den anderen heisst: Dein Platz hier ist nun weg. Wir geben ihn auf? Wir lieben dich, aber da ist einfach kein Platz mehr? Früher hatte man immer im Hinterkopf: Wenn alle Stricke reissen, da ist noch ein Platz, ich stehe nie im Schilf. Und dann ist der weg. Anderes war wichtiger (zurecht, es ist ihr Leben – oder sind Eltern ein Leben lang dazu da, ihre flügge gewordenen Kinder zu halten?), man musste sich entscheiden.

Der Verstand sagt: Alles gut, es war richtig und ich habe kein Recht, etwas anderes zu sagen. Das Herz blutet. Die Seele wankt. Alt genug bin ich. Etwas verlangt habe ich nie. Von niemandem. Ich bin so doof. Vielleicht gehofft… und vertraut. Und ein ums andere Mal gemerkt: Wenn es hart auf hart kommt, ist sich selber jeder der Nächste. Wieso also auf andere bauen? Kann man das?

Yoga – der Weg ins Glück?

Yoga ist Kult. Jeder betreibt Yoga, der was auf sich hält. Wie es früher zum guten Ton gehörte, zu Teegesellschaften oder in Salons zu gehen, so geht man heute zum Yoga. Die Dame von Welt ist auf der Suche nach sich selber, nach Ruhe und Stille durch Meditation und wohltuende Körperübungen. Man will der westlichen Welt mit all ihrem Leistungsdruck, ihrem Statusdenken, ihrem Kapitalismus abschwören und sich in der alten Tradition der Innenschau schulen.

So die Theorie. Waren es anfangs noch ein paar Aussteiger und kurlige Vögel, so betreiben heute Lady Highsociety und der Herr Geschäftsmann Yoga. Und alle erzählen sie von ihrem Aha-Erlebnis, von all den positiven Nutzen, die Yoga in ihr Leben brachte. Das Leben im Hier und Jetzt wird propagiert, der achtstufige Weg von den Verhaltensnormen bis hin zur Erleuchtung runtergebetet, einzelne Yogasutras zitiert und die Mala am Handgelenk gebüschelt.

Die frühen Vögel fingen den Wurm, indem sie Richtungen mit ihrem Namen und ihrem Konzept prägten. Weitere Vögel folgten und sprangen auf den Ast auf. Studios spriessten aus dem Boden, eines glänzender und grösser als das andere. Ausbildungen kamen nach, alle mit noch universaleren Namen. Allianzen entstanden national und international, Standards wurden geschaffen, so viele, dass keiner mehr den Durchblick hat. Bücher bevölkerten die Ladentische, alle mit den ewig selben Inhalten, alter Wein in neuen Fässern.

Was ist Yoga? Die Besinnung auf das Hier und Jetzt, der Weg nach Innen. Die Auseinandersetzung mit sich selber und die Erlangung eines stillen Geistes. Wo in dieser schreienden Yogawelt von Designeryogakleidern, Edelmatten, Nobelstudios ging das hin? Ist die Yogalehrerin mit diamentenbesetzten Malaketten und rotgeschminkten Lippen wirklich auf ihrem Weg oder aber auf dem Weg, der in ihr selbstgemachtes Glück führt, das kaum etwas mit Yoga, mehr mit Business zu tun hat?

Klar kann man sagen, dass auch Yogalehrer leben müssen. Sie bauen ein kleines Imperium auf, hoffen auf ein grösseres und bedienen sich des Yogas, dieses zu erreichen. Der Boom hält an, er wird wie jeder auch mal abnehmen. Schneeballprinzip. Wenn jeder die Ausbildung zum Lehrer machen, danach selber loslegen kann, dann gibt es bald mehr Studios als Schüler. Ob dann die  grosse Freude an der angestrebten Erleuchtung noch dieselbe ist, wage ich mal ganz kess zu bezweifeln.

Was heute in der Yogaszene passiert, hat leider wenig mit dem ursprünglichen Gedanken von Yoga zu tun. Man kann nun sagen, der Yoga macht es im Gegensatz zu unseren Kirchen richtig: Er passt sich den Gegebenheiten und Ansprüchen des heutigen westlichen Lebens an und adaptiert die da portierten Werte. Verkauft wird immer noch östliche Philosophie, dahinter steht Profit und westlicher Spirit. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, das ist Ökonomie und damit heute und hier anerkannt. Ob es glückselig machend ist, sei dahin gestellt. Unterm Strich kann man sagen, dass niemandem damit geschadet wird. Die Menschen, die die Maschinerie nähren, bewegen sich, finden etwas für sich, das ihnen (für den Moment zumindest) gut tut und nehmen etwas in ihr Leben hinein.

Zum anderen kann man sagen: Zum Glück sind nicht alle so. Es gibt auch noch die Yogis und Yoginis, die nicht mit 100 Ausbildungen prahlen, in jede Kamera lächeln und sich über den Klee loben. Es gibt noch die, welche durch ihr Wesen strahlen, die leben, was sie lehren und den Weg für sich gehen. Innerlich und ehrlich. Es sind die, welche sich nicht etwas überstülpen, sondern wirklich denken, was sie sagen und glauben, was sie beschwören. Allerdings hat das dann wenig mit Yoga zu tun, sondern mit Authentizität. Es hat damit zu tun, dass man ist, wie man fühlt und das nach aussen darstellt. Das wird jedem, der damit konfrontiert wird, etwas geben. Und das ist wohl auch die wirkliche Philosophie des Yoga. Unabhängig von glänzenden Räumen, glitzernden Tops und klirrenden Malas.