Ich bin, wie ich bin

Der Mensch sucht nach Liebe, nach Anerkennung, nach Bestätigung. Findet er die nicht, sucht er intensiver oder er wird krank. Der Mangel an dem, was er sich so sehr wünscht, wiegt so schwer, dass er ihn nicht tragen kann. Er flüchtet sich ins Vergessen, klappt das nicht, ins Verdrängen. Auch das ist mitunter schwer, ab und an helfen kleine Helferlein, beim ersten Mal ist man erfreut, beim zweiten auch, beim dritten Mal nimmt man sie gezielt, man bleibt dabei, nimmt sie mehr und mehr und sitzt irgendwann in der Falle. Dadurch hört das Streben nach Gefallen nicht auf, aber man dämpft den Schmerz beim Nichtgefallen. Die Helfer sind vielfältig, bei den einen ist es Schokolade, bei den andern sind es Zigaretten, Alkohol, Medikamente oder gar härtere Drogen. Alle helfen sie ertragen, was schmerzt.

Schon als kleines Kind lernt man, dass man Leistung bringen muss, um zu genügen. In der Schule sind es Noten, zu Hause oft auch, da nur das gut benotete Kind Lob kriegt, das schlecht benotete im besten Fall kein Lob, im schlechtesten Prügel. Das Kind, das sich anpasst, ist das gute Kind, das, welches rebelliert, das schwarze Schaf. Das Kind, welches ordentlich und lieb und nett ist, ist das Lieblingskind, das aufmüpfige, unordentliche, motzende das, welches aneckt, gerügt wird, immer weiter weg steht. Und so lernt man, vor allem, wenn man eigentlich gefallen möchte, auch nah dran sein möchte, sich den Wünschen und Anforderungen anzupassen. Man tut alles, um auch geliebt zu sein, um auch gelobt zu sein, um auch zu genügen.

Was, wenn es doch nicht genügt? Was, wenn man nicht aus seiner Haut kann? Was, wenn die Ansprüche der anderen nicht so sind, dass man sie erfüllen kann? Das macht Angst. Man hat Angst, alleine dazustehen. Hat Angst, fallen gelassen zu werden, niemanden mehr zu haben. Und eigentlich weiss man, dass man so geliebt werden müsste, wie man ist. Eigentlich weiss man, dass man sich für niemanden verstellen müsste, denn das wäre nicht der richtige Mensch für einen. Und doch versucht man es oft gerade da am meisten, wo es eben mangelt. Kriegt man alle Liebe der Mutter, buhlt man um die des Vaters, ist oft sogar ungerecht gegen die Mutter in diesem Buhlen. Man versucht später, die Menschen zu beeindrucken, die eigentlich nicht zu einem passen, vermutlich, weil sie einen Knopf in einem drücken, der schon hochsensibel ist.

Wo liegt der Ausweg? Gibt es ihn? Theoretisch sicher: Lernen, sich selber zu lieben, lernen, sich selber so zu akzeptieren, wie man ist und so zu leben, wie man für sich findet, dass es passt. Die, welche das akzeptieren, begleiten das Leben, die, welche nicht, leben ihres auf einem anderen Weg. Das wäre die Art zu leben, die vernünftig wäre, die, welche sicher auch die erfüllteste wäre, da sie eine Selbstzufriedenheit herstellen würde, etwas, das einem niemand nehmen kann. Mit sich und dem eigenen Leben im Reinen sein – was gibt es Schöneres?

Und doch: Der Mensch ist kein Einzelkämpfer, er braucht Gesellschaft, er braucht Zuneigung. Und die Angst, die nicht zu haben, lässt ihn aus seinem eigenen Kreis heraustreten und sich Forderungen stellen, die er vielleicht nicht erfüllen kann oder aber nicht erfüllen wollte, ginge es nicht darum, nicht alleine dazustehen. Vielleicht kann man das für sich selber nicht ändern, weil die Muster zu tief sitzen, aber nur schon das Bewusstsein hilft vielleicht, dieses Muster nicht weiter zu geben. Was zeige ich meinem Kind? Wie gehe ich mit meinem Umfeld um? Erwarte ich, dass dieses meine Werte erfüllt? Mag ich die, die passen, lasse die anderen fallen? Muss jemand meine Anforderungen erfüllen, damit ich ihn mag? Zu einem gewissen Grad wohl schon, wo wäre sonst die Basis, wo der gemeinsame Nenner? In anderen Bereichen wohl weniger. Vielfalt ist auch toll und wichtig ist doch das Grundgefühl. Wichtig ist, dass der andere mir gefällt, mir sympathisch ist. Schön ist, wenn ich mich freue, ihn zu sehen, egal, ob er nun gut in Mathe ist, einen Salto kann oder Klavier spielt. Bereichernd ist doch, wenn er als Mensch mir entspricht, unabhängig von seinen Hobbies und Fähigkeiten. Und wenn er mir etwas gibt, ich ihm was gebe – die Begegnung eine Bereicherung ist.

Und wenn ich an dem Punkt bin und denke: so ist es, so gefällt mir das, dann kann ich mich auch fragen: Wieso denke ich, dass andere das nicht auch gut finden? Wieso denke ich, dass ich gewisse Dinge tun muss, gewissen Ansprüchen genügen muss, um zu gefallen, geliebt zu werden? Es könnte doch sein, dass mich jemand mag, weil ich einfach bin, wie ich bin. Wie schade wäre es, würde ich mich dann ändern? Wenn ich es denn könnte….

Das Leben in all seinen Facetten

Aus gegebenem Anlass plante mein Sohn für heute alles toll, er wollte, dass dieser Tag ein spezieller ist, einfach, weil er sich freute und so seiner Freude Ausdruck verleihen wollte. Leider haben äussere Umstände den Zeitplan durcheinander gebracht, so dass vieles nicht mehr reinpasste, zumindest nicht so, wie er sich das so schön ausgemalt hatte. Die Enttäuschung war gross. Und statt einfach enttäuscht zu sein, dass gewisse Dinge nicht gingen, breitete sich diese Enttäuschung aus und wurde immer grösser, immer dominanter und nahm noch mehr Platz ein, der nicht für den geplanten Tag genutzt werden konnte, sondern mit Auseinandersetzungen, schlechten Gefühlen, Disputen gefüllt war.

Er war wie gefangen in seiner Enttäuschung, konnte nicht mehr ausbrechen. Die ganze Ungerechtigkeit des Planumsturzes wollte aus ihm heraus, er brauchte einen, der Schuld ist und da man weder die Zeit noch Umstände anklagen kann, klagt man den an, der greifbar ist. Im Falle des Kindes ist das die Mutter, sonst im Leben der, welcher grad da ist. Man nennt das wohl Sündenbock. Das ist der, welcher da ist, den Dreck wegzukriegen, wenn der wahre Schuldige nicht verfügbar ist, es vielleicht keinen gibt, die Gefühle aber doch unter einer Ungerechtigkeit, einer Unfairness, negativer Umstände wegen leiden.

Von der östlichen Philosophie habe ich einst gelernt, dass man loslassen können muss. Gelassenheit an den Tag legen, die Dinge nehmen, wie sie kommen, sich nicht an etwas haften, nicht an etwas hängen, sondern wie ein Beobachter des eigenen Lebens dasitzen müsste und sehen, was kommt, es geniessen und wieder ziehen lassen. Es ist eh alles vergänglich und nichts sicher. Wieso also gewisse Dinge wollen, sie gar festhalten wollen? Der Ärger ist vorprogrammiert. Ich muss sagen: Da steckt viel Wahres drin. Ändern können wir vieles nicht. Ich gehe nicht so weit, dass alles determiniert ist, nein, der Weltlauf ist nicht festgesetzt, es gibt in meinen Augen jederzeit viele mögliche Verläufe, und doch: Gewisse Dinge kommen – auch wenn sie hätten anders kommen können, tun sie das nicht. Wir müssen sie annehmen. Es fällt jedoch nicht leicht, einfach dazusitzen und zu denken: Ich hätte es zwar anders gewollt, aber egal, es ist, wie es ist, ich nehme es hin, gelassen, ohne Emotion, ohne Enttäuschung, es ist alles prima.

Vermutlich sollte der ganze Prozess schon früher anfangen. An diesem Punkt eingesetzt ist die Gelassenheit wohl unmöglich, die Ursache der Aufregung liegt in der Vorwegnahme. Man hatte sich etwas vorgestellt, gewünscht, sich darauf eingestellt. Das war der Anfang des Verderbens. Das sollte man unterlassen, will man nicht leiden. Keine Erwartungen haben, dann kommen auch keine Enttäuschungen. Das lernt man nicht nur in der östlichen Philosophie, das lernt man auch in jedem zweitklassigen Beziehungsratgeber.

Ich bin leider Ratgeberresistent. Die Theorien kenne ich zwar, allein mit der Praxis hapert es. Diese Emotionen lassen sich nicht wegatmen, sie lassen sich nicht mal wegdenken, sie sind da. Und in mir spüre ich ab und an auch den Wunsch, sie einfach so rauszulassen, zu toben, zu schimpfen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nur dass meist der den Zahn lässt, der nicht viel dafür kann, zumindest nicht als Ursache. Und so konnte ich nach anfänglichem Ärger über die Motzerei des Kindes sehr gut nachfühlen, was in ihm vorging. Die grosse Vorfreude, die in den Plänen Ausdruck fand, wurde jäh gebremst. Ich musste umplanen um (der Umstände wegen), die Spirale war losgetreten. Sie fing ihn ein, hüllte ihn ein, umhüllte ihn, von unten bis oben, ein Entkommen sah er nicht. Er drehte mit, im Roten. Erst versuchte ich, gegenzudrehen, auch zu schimpfen, wurde auch frustriert, da nun mein Plan von friedlichem Tag durchbrochen war. So tat ich eigentlich dasselbe in grün.

Wo liegt die Lösung? Keine Erwartungen mehr? Loslassen? Haben die Ratgeber und Philosophien recht? Ich denke schon, nur denke ich ebenso, dass sie vielen Naturellen zuwiderlaufen. Dazu kommt, dass ich es irgendwie schade fände, keine Vorfreude mehr spüren zu dürfen, keine Pläne mehr machen zu können. Ich fände es öde, nur noch still und stumm beobachtend sitzen zu können und das Leben an mir vorbeiziehen zu lassen. Denn so wäre es in meinen Augen und nach meinem Verständnis von Leben, hielte ich nichts fest, erwartete ich nichts, liesse ich alles ziehen.

Das Leben hat alle Facetten, die traurigen, die enttäuschten, die fröhlichen, die glücklichen. Das komplette Loslassen würde sie alle nehmen. Und ich denke nicht, dass ich dann ohne Leid wäre, dann wäre ich wohl tot. Zumindest innerlich. Es fühlte sich so an. Schlussendlich geht es wohl nicht darum, sich jede (Vor-)Freude zu nehmen, um keine Enttäuschung zu erleben. Wichtiger ist, nach der ersten grossen Enttäuschung, die durchaus auch mal nach allen Seiten ausschlägt, die Kurve zurück zu kriegen, um einen neuen Plan zu starten, der sich den neuen gegebenen Umständen anpasst. Und diesen Plan dann mit neuer Freude zu verfolgen und das Glück, das draus resultiert, zu geniessen – statt es nur beobachtend gleichmütig zu beobachten. Das ist das Leben, wie ich es verstehe.

Anker setzen

Anker setzen

Wie ein Schiff
auf hoher See –
ohne Ziel,
und Horizont.

Uferlos –
so fühl‘ ich mich.
Ohne Hafen,
ohne Anker.

Ein Pirat
im Wellengang –
ohne Zuflucht,
nie daheim.

Wogen schaukeln
meinen Bug,
bringen mich
ins Schwanken.

Winde rütteln
an den Masten,
lenken ab
und treiben weg.

Nebel schweben
auf dem Meer
verhüllen mir
den Blick.

Land in Sicht,
ersehn‘ ich mir –
Segel und dann
Anker setzen.

Anker setzen – das ist die Sehnsucht. Ankommen, zu Hause sein, wissen, wo man hingehört. Nur: wo gehört man hin? Was heisst Zuhause? Wo ist der Hafen, wo kann, wo will ich bleiben? Diese Fragen beschäftigen mich seit Jahren, weniger als Fragen, mehr als Gefühle. Gefühle des nirgends Dazugehören. Gefühle der Einsamkeit. Auch Gefühle der Zerrissenheit. Ich erlebte schon meine Kindheit an zwei Orten. Die Schulzeit im einen Kanton, die Freizeit im anderen. Die Berge wurden Heimat, die Schule war der Alltag.

Später wurde das verstärkt, da meine Eltern in dem Freizeitkanton ihr Zuhause aufschlugen, mein Familienheim zog also um. Ich blieb alleine zurück. Alleine war ich auch sonst. Weitere Familie als meine Eltern habe ich keine. Auf alle Fälle keine, zu der Kontakt bestünde. Ich weiss nicht, an welchem Punkt der versandete und wieso. Er war wohl nie tief und damit auch nicht stabil. Die früheren einmaligen Jahrestreffen blieben aus, man gehörte quasi nicht mehr dazu. Die Zerrissenheit einerseits, berufliche und private Umbrüche andererseits führten zu Umzügen kreuz und quer durchs Land. Schön war es überall auf eine Art, überall fand ich etwas, überall vermisste ich etwas. Ein Ankommen war es nie. Wenn der Ort passte, stimmten die Umstände nicht, wenn die Umstände passten, gefiel der Ort nicht oder die Umstände änderten. Eine innere Unruhe wuchs, mit ihr die Suche nach dem, was so dringend ersehnt war: Der Hafen. Wo gehöre ich hin? Ist es ein Ort? Und welcher könnte es sein? Ist es ein Mensch? Wer wäre das? Fängt mich wer auf? Muss ich das nicht selber tun? Gibt mir wer Halt? Aber ich fiel immer, wenn ich vertraute. Nochmals von vorne? Wage ich das? Ertrage ich den erneuten Fall?

Mein Leben heute ist gut. Es hat viele guten Seiten, für die ich dankbar bin. Es gibt auch die anderen. Das nennt sich wohl Realität. Der Ort, an dem ich wohne, gefällt mir, ich kenne mich aus, fühle mich dadurch „vertraut“. Er bietet viel an Möglichkeiten, an Dingen, die mir gefallen, mir was bedeuten. Dinge von anderen Orten fehlen mir, in schlechten Momenten traure ich ihnen nach. In noch schlechteren Momenten würde ich am liebsten packen und der Sehnsucht folgen. Mit etwas Abstand wissend, dass am andern Ort die Sehnsucht nach den nun hier guten Dingen aufkäme.

Genau so ist es wohl mit den anderen Bereichen des Lebens: Alles hat immer zwei Seiten. Bei keiner hat man alles. WIchtig ist, herauszufinden, was man lieber will und den Entscheid dafür zu fällen. Entscheide danach nicht immer und immer wieder zu hinterfragen, sondern sie mal als gesetzt zu sehen. Damit würde schon viel an Zerrissenheit abfallen. Das fällt mir wohl ab und an schwer. Gerade weil es für nichts einen wirklichen Grund gibt, nur meine eigenen Wünsche und Entscheidungen. Es gibt keinen Heimathafen, den ich unbedingt ansteuern muss, weil da das Heimatsgefühl ist. Es gibt nichts, das zieht, zwingt, drückt. Drum irre ich umher, getrieben von Sehnsüchten und Wünschen.

Und auch dieses Getriebensein hat zwei Seiten. So wenig es einen Halt gibt, so sehr lässt es die Freiheit. Die Freiheit, selber zu entscheiden. Und dabei merkt man, dass Freiheit nicht immer nur ein grosses Gut ist, sondern ab und an auch eine Last sein kann. Rousseau beklagte den freigeborenen Menschen als in Ketten gelegt durch den Staat. Und meist wird er noch durch viele andere Dinge angekettet. Ketten können aber auch Halt geben. Das ist wohl der Grund, wieso Menschen sich in Gemeinschaften begeben, weil sie da in den Strukturen Halt finden. Religionen leben davon: Sie stützen den Menschen in seiner Schwäche, geben ihm die Leitplanken für sein Leben und Handeln. Ketzer nennen das Hirten für unmündige Schafe, freundlicher ausgedrückt wären es wohl einfach Lebenshilfen. Wer braucht sie nicht, wer will entscheiden, welche besser ist als die andere.

Ich mag keine Ketten. Ich schüttle sie ab, löse mich draus und renne weit weg. Sind sie da, dreht sich mein ganzes Denken darum, sie aufzulösen. Und doch sehne ich mich ab und an nach Banden. Nach dem Hafen. Nach dem Gefühl: Hier gehöre ich hin, hier bin ich Zuhause. Hier ist mein Halt, das hält mich.

Hans und die Zufriedenheit

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Stimmt das wirklich? Wird das Leid weniger, wenn wir es teilen? Vielleicht erscheint es einem so, weil man denkt, jemanden zu haben, der einen versteht, einem zuhört, für einen da ist. Dann fühlt man den Druck des Leids nicht mehr so stark, weil er durch die guten Gefühle des Gehörtwerdens gemildert wird. Das Leid bleibt aber – so denke ich – dasselbe. Probleme sind nicht gelöst, nur weil jemand da ist. Vielleicht hat der einen Weg, einen Rat, wie man sie angehen könnte und dann nehmen sie ab. Doch gibt es auch Leid, das nicht gemildert werden kann, wo alle Ratschläge nur ins Leere laufen. Tote auferstehen nicht, Geld regnet es nicht vom Himmel und Gesundheit kann nicht herbeigeredet werden. Relativitätstheorien mag man oft nicht hören und Dinge wie „Zeit heilt alle Wunden“ und „Kopf hoch“ sind kaum hilfreich. Oder bin ich alleine mit dieser Sicht? Mich machen all die gut gemeinten Sprüche eher wütend als dass sie mir helfen. Überhaupt habe ich eine eigene Theorie:

Zu zweit hat man die doppelten Sorgen, aber alleine nur die halbe Freude.

Das klingt pessimistisch? Ich finde nicht, ich finde es realistisch, weil logisch nachvollziehbar. Jeder Mensch hat Sorgen, Probleme. Jeder Mensch hat Leid, das auf ihm lastet, das er durch irgendwelche Erfahrungen, Erlebnisse, ab und an sein blosses Sein im Leben hat. Sind nun zwei Menschen zusammen, wird das eigene Leid kaum weniger. Vielleicht fällt ab und an die Einsamkeit weg (wobei der andere auch nicht ständig verfügbar ist), dafür kommt der mangelnde Freiraum hinzu (weil der andere doch nicht nur dann nicht verfügbar ist, wenn man ihn vermisst). Dazu kommt, dass er auch sein Leid hat und in einem Team teilt man die Sorgen, die dadurch nicht halbiert werden, sondern nur mitgeteilt. Und fortan von beiden getragen, einer leidet aktiv, der andere mit. Und so leiden beide doppelt, am Eigenen und am Anderen. 

Ebenso verhält es sich mit der Freude. Dasselbe Spiel mit umgekehrten Vorzeichen: Der eine freut sich, der andere mit, der andere freut sich, man selber mit, gemeinsam hat man ein paar Freuden. Unterm Strich bleibt am Schluss das Resultat wie oben beschrieben. 

Der Mensch sehnt sich nach Beziehung, er ist nicht gerne alleine. Viele suchen krampfhaft Beziehungen, um bloss nicht alleine zu sein. Lohnen sich Beziehungen nach obiger Rechnung? Sind wir frei, das überhaupt zu entscheiden oder leiten unsere biologischen Vorgaben unser Verhalten? Können wir frei wählen zwischen mehr Leid für mehr Freude oder leiten die Gene und der Verstand trottet willig hinterher? 

Ab und an kommt es mir so vor, als ob der Mensch generell am Leben verzweifelt. Die einen haben nichts und leiden, weil sie nichts haben, die anderen scheinen (vordergründig) alles zu haben und verzweifeln auch. Der Unterschied zwischen den Extremen ist nur, dass die einen obdachlos mit Bierdose unter der Brücke sitzen, die anderen mit Heroin und Champagner abgefüllt im Penthouse. Natürlich gibt es noch die vielen Grauzonen mittendrin, doch alle jammern sie auch vor sich hin. Alle sehen beim anderen mehr Glänzendes und sich selber im Elend. Alle haben von irgendwas zu wenig und von irgendwas zuviel. Und meistens ist das, was zu wenig ist, das, was sie am höchsten ersehnen und das, was zu viel ist das, was sie am wenigsten wollen. 

Und so bestätigt sich der Ausspruch vom Menschen, der ein Mängelwesen sei. Doch wenn man ab und an hinschaut, möchte man fast sagen, dass der grösste Mangel, den er hat, der Mangel an Zufriedenheit ist. Mein Sohn zeigte mir das heute eindrücklich, als er sagte: „Mama, weisst du, wenn es Sommer ist und so heiss, dann wünsche ich mir den Herbst herbei, der kühl und erfrischend ist. Wenn dann der Herbst da ist und der Nebel feucht in die Kleider dringt, die Sonne fehlt, dann wünsche ich mir den Sommer zurück, der mich wärmte.“ Am Schluss bleibt wohl: 

 

Hans im Schneckenloch hat alles was er will. Und was er will, das hat er nicht und was er hat, das will er nicht.

Ode an mein Zuhause

Ich habe aufgrund diverser Gründe (die immer alle zu interessieren scheinen, vornehmlich die, welche es nichts angeht) schon an diversen Orten gelebt. Die Reise führte von Osten nach Westen und in die Mitte zurück. So sass ich dann Mitte diesen Jahres in der Schweizer Mitte (ich nannte es immer in der Mitte von allem, von wo man überall schnell ist und doch nirgends) in einem kleinen Kaff (welches sich allerdings seit neustem zu einem grossen dazugehörend nennen darf). So weit so gut. Nach all der Umzieherei war klar, irgendwann möchte ich ankommen und möchte mich niederlassen. Dass dafür dieser Ort nicht taugte, war immer klar und so beschlossen wir (!  wir sind ja demokratisch denkend), nach Zürich zu ziehen. Die Stadt, aus der ich meine Odyssee startete. Entgegen aller Unkenrufe fand sich auch relativ schnell eine bezahlbare Wohnung, die Freude war gross. Bald wieder Kultur in der Nähe, meine Uni nah, all die alltäglichen Bedürfnisse in Gehdistanz, nicht nur mit dem Auto erreichbar. Ich freute mich riesig. 

Dann betitelte eine weitläufig (eigentlich UN-)Bekannte den Kreis als „Little Istanbul“, schickte mir noch ein Bild von einem orientalischen Restaurant dazu. Meine Gehirnmühlen begannen zu rotieren: „Habe ich einen Fehler gemacht? Wo gerate ich hin? Ist der Kreis nicht gut? Was tue ich meinem Kind an?“ Mein Gluckenmutterherz malte sich all die negativen Seiten für das Kind aus, die dieser Entscheid mit sich bringen könnte, so dass ich gar nicht weiter über die Aussage nachdenken konnte. Die nachfolgende Feststellung besagter (UN-)Bekannten, dass sie froh sei, da nicht wohnen zu müssen, liess die Mühlen nicht ruhiger laufen. 

Die Natur richtet es günstig ein, irgendwann beruhigen sich Stürme und mit den Stürmen auch die Mühlen, das Denken läuft wieder folgerichtiger. Als Erstes merkte ich, wie abschätzig überhaupt die Aussage „Little Istanbul“ war. Als Zweites musste ich mir sagen, dass es legitim ist, irgendwo nicht wohnen zu wollen, ich würde mit jemandem, der so ignorant ist, auch nicht in der Nachbarschaft wohnen wollen. Und als Drittes: es liess sich eh nicht ändern, ich hatte mich so sehr gefreut, wir alle haben uns gefreut, wieso sich das von irgendwelchem dummem Geschwätz kaputt machen lassen?

Der Umzug kam, er lief gut, wir waren bald eingerichtet, der Alltag konnte beginnen. Als Erstes erfreute das viele Grün in Gehdistanz. Ein paar Minuten gegangen standen wir inmitten von Feldern und Wäldern. Auf der Strasse wurden wir gegrüsst, die Leute waren freundlich. Ausländer? Klar, die gab es, doch die gab es im MIttelschweizkaff auch. Söhnchen war da einer der wenigen Schweizer in der Klasse, seine besten Freunde von weit her.

In der neuen Schule fühlte sich das Kind sofort wohl, die Lehrerin ist gut, der Schulweg wunderschön. Ich traf bald jeden Morgen dieselben Frauen auf dem Hundespaziergang und wir gehen seit da Teilstücke gemeinsam. Wo ich stehe und gehe: ich begegne wohlwollenden und freundlichen Gesichtern. 

An einem Tag gingen wir ins nahe gelegene Gemeinschaftszentrum Pingpong spielen. Ich schmetterte einen gekonnt gedachten, geschnittenen Ball nicht gar so gekonnt, so dass er in den Ästen des Baumes hängen blieb. Sämtliche Anstrengungen waren vergebens: der Ball gefiel sich im Geäst. Ein paar (nicht urchig schweizerisch aussehende) Jugendliche kamen des Wegs, sahen das Dilemma, zeigten sich hilfsbereit und so kümmerten wir uns gemeinsam um den abtrünnigen Ball. Er gab irgendwann auf, begab sich in unsere Niederungen. Es war toll. 

Ich wohne also in „Little Istanbul“ und ich muss sagen: Es ist super schön hier. Ich mag meine Hundefrauen am Morgen, den Herrn mit der Freitagtasche, der mir immer entgegen kommt und grüsst, ich mag den Jungen auf dem Schulweg, der „Grüezi“ sagt und ich mag es, dass mein Sohn sich wohl fühlt in seiner Klasse, die Namen beherbergt, die bunt und fremd und melodisch klingen. Ich mag es, dass ich nur ins Tram sitzen muss und kreuz und quer durch die Stadt gondeln kann, dass meine Uni wieder nah ist. Ich schätze die Kultur, die zum greifen nah ist und liebe es, trotzdem Bäche, Seen, Wälder und Felder nah zu haben. Ich bin froh, hier zu wohnen. Ob es nun Little Istanbul ist oder einfach Zürich Seebach – egal. Es ist wunderschön. 

Wenn Warten zur Nervenprobe wird

Seit 9 Uhr sitze ich hier und warte darauf, dass es halb 12 Uhr wird, ich anrufen kann. Ich versuche mich abzulenken. Weiss, es ist nur ein Routineeingriff bei beiden. Weiss, ich habe das schon oft erlebt, ging immer gut. Ich weiss, ich habe einen super Tierarzt, gehe ja extra zu ihm, weil ich ihm vertraue, weil ich ihn toll finde. Vor Ort hätte es viele, sogar nette… aber nein. Er ist der beste – für mich. Und doch: ich sitze auf Nadeln.

Um 11 Uhr krampft mein Herz zusammen. Ich werde traurig. Aus heiterem Himmel. Ich kann es nicht mehr abwenden, mein Bauch krampft mit. Ein Kloss im Hals. Ich kann nicht mehr warten. Ich rufe an.

„Der Hund hat alles gut überstanden, beim Kater können wir es noch nicht sagen….“

Ich weiss, ich war zu früh. Ich muss noch eine halbe Stunde warten. Und doch fliessen nun die Tränen. Ich kenne diese Situation nur zu gut. Anfangs Mai war es, keine 5 Monate her, als ich auch zu Hause sass. Mein Kater war beim Tierarzt. Man konnte auch nicht sagen, wie es kommt. Es sah da allerdings bedenklich aus. Trotzdem immer wieder die Hoffnung. Die irgendwann starb – weil er starb. Ich hätte nicht gedacht, dass das alles wieder hoch kommt. Mit der Intensität und Gewalt.

Alles ist wieder da, dieser unbändige Schmerz von damals, der mich überwältigte. Ich höre noch heute die spöttischen Stimmen: „Wie trauerst du denn erst, wenn es ein Mensch wäre?“ – Wer will schon Mensch und Tier in die Waagschale werfen? Wer kann schon wissen, was dieser eine Kater für mich war? Und zur Trauer um Pascha kommt nun die Angst um Schiller. Schiller, der so klein und frech in unser Leben kam. Der sich nachts ins Herz schnarchte, tagsüber hinein schnurrte. Der uns zum lachen bringt durch seinen Übermut, ab und an zur Verzweiflung mit seiner Frechheit.

Noch 15 Minuten. Die Zeit schleicht. Die Tränen versiegen langsam, die Hoffnung und die Zuversicht kommen wieder. Die Erlösung kommt, der nächste Anruf bringt Erleichterung.

Beide sind wach, beide sind wohlauf, alles gut überstanden.

Ich kann die beiden am Nachmittag heimholen.

Zuerst schrieb ich diesen Text, stellte ihn online. Dann zog ich ihn zurück. Ich kam mir komisch vor, dachte, ich übertreibe. Fragte mich, was er überhaupt bringt, wer das lesen will. Die Weinerlichkeiten einer überbesorgten Tierbesitzerin. Doch was ist so schlimm daran? Die Tiere sind in mein Leben gekommen und haben dieses unglaublich bereichert. Sie sind da, wenn es mir nicht gut geht, trösten mich; sie bringen mich zum lachen, sie füllen die Leere, die ab und an aufkommt. Sie bringen Leben in die Wohnung, wenn diese still ist, ab und an zu viel, aber es ist schön. Sie vertrauen mir, glauben an mich, bauen auf mich. Was also sollte ich tun, wenn mich nicht sorgen, wenn es ihnen nicht gut geht?

Schein und Sein

Von aussen sieht man nur, wie etwas scheint; wie es ist, weiss nur, wer es erlebt.

Ich bin mit Krimis wie „Der Alte“, „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ und wie sie alle hiessen, aufgewachsen. Auch deutsche Komödien schaute ich dann und wann. In allen traf man immer wieder auf dieselben Schauspieler, man wusste so schon bald am Anfang des Krimis, wer der Mörder ist, weil dieser immer von denselben Schauspielern gespielt wurde. Ein Problem war das keines, im Gegenteil, wir erheiterten uns und schauten mit Freude weiter. 

Der Umstand, dass diese Schauspieler so präsent waren, liess darauf schliessen, dass sie Erfolg hatten. Dass sie auf der Sonnenseite des Lebens standen. Ab und an kriegte ich von meiner Grossmutter Regenbogenpresse, von deren Cover sie mir entgegen lächelten. Sie strahlten all ihr Glück vom Magazin in mein Wohnzimmer. Und es gab Momente, in denen ich dachte: „Ich hätte auch gerne so viel Glück!“ Nicht dass ich Schauspielerin werden wollte oder sonst berühmt, den Gedanken hatte ich nie. Es ging mir eher um das offensichtliche Glück, das sie im Leben zu haben schienen. Sie konnten den Beruf verfolgen, den sie wollten (ich ging davon aus, dass niemand Schauspieler wider Willen ist, da es doch der Traum vieler ist und doch Glück und Einsatz erfordert, ihn wirklich auszuüben). 

Viele Jahre später gelangte mir ein Buch in die Hände. Ich forschte zum Thema, wie man heute mit der Vergangenheit umgehen soll, vor allem, wenn diese Vergangenheit eine so schreckliche wie der Holocaust ist. Ich las Überlebendenbiographien, las Bücher über die Lager, über die Zeit. Und dabei auch eine Biographie, die mir nahe ging. Es war Michael Degens „Nicht alle waren Mörder“. Er schilderte darin seine Kindheit in Berlin, eine Kindheit auf der Flucht, eine Kindheit in Verstecken, eine Kindheit ausgesetzt den Launen und der Übermacht anderer. 

Wie oft hatte ich ihn in die Kamera lächeln sehen? Wie oft hatte ich gedacht: „Wow, toller Mann, toller Schauspieler, Glückspilz!“? Hatte ihn auf der Sonnenseite des Lebens gewähnt? Das Buch ist nicht wehleidig. Es ist nicht im Stil „Ich bin ein armes Opfer“ geschrieben. Es beschreibt eine Mutter mit ihrem Sohn, der voller Zuversicht durch diese schwierige Zeit geht, weil seine Mutter ihm verspricht, dass sie heil aus ihr hervorgehen. Eine tolle Frau. Wie viel Kraft muss es sie gekostet haben?

Er hatte sicher viel Glück im Leben. Trotz dieser unglaublich düsteren Zeit, welche aber nicht ausschliesslich eine düstere Kindheit war, wie er sagt. Er konnte für sich positive Momente daraus ziehen. Er hat überlebt. er hat einen Beruf ergriffen, der ihm lag, der ihn erfüllte. Er hatte Glück, hat sich eingesetzt. Und steht noch heute in diesem Beruf. Und wenn man ihn darüber sprechen hört, spürt man das Herzblut. Spürt man die Freude und die Leidenschaft. 

Also doch Sonnenseite des Lebens? Das wäre in meinen Augen zu kurz gegriffen. Leid war da. Ist sicher immer mal wieder da gewesen über die Jahre. Gesehen hat man von aussen nur den strahlend fotografierten. Und sich gedacht: „Was für ein Glückspilz. Wenn es mir so gut ginge, könnte ich auch so lachen.“ Dahinter blickt man nie, nur dran hin. Und dessen sollte man sich immer bewusst sein. 

Mit Kritik umgehen

Ich mag keine Kritik. Mochte ich nie. Zumindest im ersten Moment trifft sie mich. Ich fühle mich schlecht, denke, ich hätte was nicht gut gemacht (offensichtlich). Es ist ein Gefühl des Versagens, das aufkommt. In diesem ersten Moment denke ich nicht, dass der Kritisierende vielleicht falsch liegen könnte. Ich denke auch nicht, dass er es nur gut meint, ich etwas lernen könnte aus seinen Worten. Ich kann mir auch nicht sagen, dass niemand perfekt sein muss, Fehler gemacht werden dürfen – von mir und von anderen. Ich sitze da und das schlechte Gefühl, das sich aus Trauer, Verletztheit, Wut, Enttäuschung und noch einigem mehr zusammensetzt. 

Ich kritisiere ungerne. Je lieber mir das Gegenüber ist, desto schwerer fällt mir Kritik. Ich möchte nicht, dass der andere sich schlecht fühlt. Ich möchte aber auch nicht, dass ich ihn in ein Unglück laufen lasse, indem ich etwas gut rede, das vielleicht nicht gut ist. Und ich möchte schon gar nicht lügen. Das ist vor allem dann schwer, wenn man von Berufes wegen eher kritisch eingestellt sein muss, die Dinge eher hinterfragen und nach Fehlern durchforsten muss. Nur sind es da meist Texte, Denker, die nie lesen werden, was ich schreibe, Schriftsteller, die entweder längst tot sind oder aber nie von meinen Zeilen erfahren. Und doch – es fällt mir manchmal schwer, weil ich denke: Wer bin ich, dahin zu gehen und zu kritisieren, was jemand mit Herzblut und ganzem Einsatz machte? Was bilde ich mir ein, mich über den zu stellen? 

Genau so fühlt es sich auch an bei der Kritik an meiner Person und meinem Tun: Jemand stellt sich über mich und will mir sagen, dass er besser wisse als ich, was gut wäre. Ich frage mich nur: Wieso hat er es nicht getan? Dahin stellen kann sich jeder. Es tun ist was anderes. 

Kürzlich war mein Sohn beim Fussball. Ein Freund von mir begleitete ihn, ersparte mir das stundenlange Spielfeldrandsitzen und machte dem Kind die Freude, mit ihm Zeit zu verbringen. So weit so gut. Als sie zurück kamen, kritisierte besagter Freund den mangelnden Einsatz des Kindes. Für mich nichts wirklich Neues, ich kenne meinen Sohn und der ist nie bei der Gruppe, die schreit „Extra Bewegung? Ich will sie haben!“. Der kluge Junge liess das aber nicht einfach auf sich sitzen und meinte zum Kritiker, der als Sport- und Bewegungsmuffel bekannt ist: „Mach es doch besser!“ Er hörte darauf:

Ein Kritiker ist keiner, der etwas praktisch besser kann, er weiss nur theoretisch, wie es besser ginge. 

Mein Sohn wollte das nicht gelten lassen, er fand das eine billige Ausrede. Ist es das? Ja und nein. Es gibt Menschen, die meinen andere kritisieren zu müssen, nur weil sie denken, sie hätten selber die Weisheit mit Löffeln gegessen (mündlich klänge das stärker). Sie wollen aus einer selbst erstellten Machtposition heraus auf andere herabschauen und ihnen zeigen, dass sie alles wissen, der andere nichts. Das ist die Machtdemonstration des eigentlich frustrierten Besserwissers und da hat mein Sohn ganz recht: „Macht es doch besser!“ Diese Art der Kritik ist absolut destruktiv. 

Dann gibt es den sachlichen Kritiker. Der eigentlich aus Liebe zur Sache kritisiert, im Dienste der Sache auch und nie, um jemandem weh zu tun, jemanden abzuwerten. Das ist in meinen Augen eine durchaus legitime Art des Kritisierens, da es a) um die Sache geht, b) keine egoistischen Motive hat, c) nicht verletzen will, indem es nicht gegen jemanden, sondern für etwas ist. Es kann auch helfen, etwas zu verbessern, etwas zu durchschauen. Von aussen sieht man ja ab und an mehr als wenn man selber tief in etwas steckt. Diese Kritik ist konstruktiv, sie ist lehrreich. 

Und es gibt den wohlwollenden Kritiker. Er kritisiert aus Liebe zum Kritisierten, weil er ihm vielleicht auch helfen will, ihn vor etwas bewahren will. Er will seine Meinung zeigen, eine Meinung, die nicht zwangsläufig richtig sein muss, aber eine andere Sicht der Dinge darstellt. Er will den geliebten Menschen nicht verletzen, sondern ihm helfen durch seine ehrlichen Worte. An dieser Kritik kann man wachsen. 

Und noch immer gebe ich zu, dass mich Kritik im ersten Moment trifft. Das wird sie wohl immer. Die Momente werden aber kürzer. Und ich habe durch meinen Weg so viel Gelassenheit gelernt, nicht alles gleich in die Tonne zu treten, sondern es nach einem kurzen Durchatmen anzuhören und zu reflektieren. Erst vielleicht noch gepaart mit Trotz, mit spitzen Bemerkungen, innerlich schon hinterfragend „hat er recht?“. Dann genauer hinhörend, überlegend: „Kann ich das auch so sehen?“

Am Schluss nehme ich mir das Recht heraus, zu sagen: „Nein, ich bleibe bei meinem. Danke für die Kritik, aber für mich stimmt es, wie es ist. Dies geschieht zumindest bei den konstruktiven Kritiken. Bei den anderen schmunzle ich innerlich und denke mir das Meine. Sicher auch, weil ich weiss, dass ich genug Leute habe, die ehrlich sind zu mir und konstruktiv. Dafür bin ich dankbar, dafür möchte ich danken! Danken dafür, dass sie meine Spitzfindigkeiten im ersten Getroffensein auf sich nehmen, danken dafür, dass sie immer und immer wieder bereit sind, mir zuzuhören, mit mir zu denken, mit mir zu hinterfragen. Und dafür, dass sie da sind. 

Von der Freiheit des Willens – Work in Progress

Meine momentane Forschungstätigkeit befasst sich mit dem freien Willen und inwiefern er existiert. Ich habe momentan noch mehr Fragen als Antworten, da beim Lesen diese immer drängender in den Vordergrund stechen, ich aber noch zu wenig Material habe, wie ich finde, eine wirkliche Meinung zu vertreten, zu der ich stehen kann. Ich nenne das Work in Progress. Ich werde hier in unregelmässigen Abständen von dieser Arbeit erzählen, vielleicht auch mal Fragen stellen oder Bücher dazu vorstellen.

Ein Blogartikel in einem meiner Lieblingsblogs befasste sich unlängst auch mit dem Thema:

Zeitspiegel: Der freie Wille

Gestützt auf Franz M. Wuketits Buch Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion (Hirzel Verlag) geht der Zeitspiegel der Frage nach, ob der Wille wirklich frei ist und kommt zum Schluss, dass diese als sicher geglaubte Tatsache gehörig ins Schwanken geraten ist durch die neueren Erkenntnisse aus Natur- und Sozialwissenschaften. Der freie Wille sei gar eine evolutionäre Evolution, befindet Wuketits.

Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, weiss ich noch nicht, noch bin ich skeptisch. Einige Fragen kamen aber auch mir durch meine aktuelle Lektüre von Harry G. Frankfurts Sich selbst ernst nehmen.

Was genau bedeutet Willensfreiheit? Wann ist sie gegeben, wann nicht. Kann es eine absolute Willensfreiheit geben oder ist sie gar nicht erstrebenswert? Ist sie überhaupt relevant oder ist sie nur ein Mittel zu einem höheren Zweck? Wie sieht der aus? Ich würde mal sagen, ganz platt: Ein schönes und gutes Leben. Das Schöne und das Gute als höchste Ziele des Lebens – zu definieren wären die Begriffe auch noch. Es gibt einiges, aber ohne konzise Begrifflichkeit ist das Ziel unklar. Stellen wir die Hypothese aber in den Raum, es sei so. Dann wäre der freie Wille dazu da, genau dieses Ziel zu erreichen. Wir bestimmen, was wir als schön und gut empfinden (tun wir das? Nach absolut freiem Willen sicher) und wählen den Weg frei, der dahin führt.

Wir schliessen aus, was vom Pfad abbringt, streben an, was ihn verfolgt. Damit negieren wir gewisse Dinge, schliessen sie aus unserem Leben aus, weil sie nicht den Weg verfolgen, den wir gehen wollen. Das können Einflüsse sein, können eigene Eigenschaften sein. Lassen die das einfach so zu? Und wenn nicht, sind wir dann immer noch frei, da sie ja entgegen unserem Willen doch noch aktiv sind?

Harry G. Frankfurt sagt, in dem Fall wären wir nicht mehr dafür verantwortlich, da wir diese Eigenschaften nicht wollen, sie sich über unseren Willen stellen. Nur wäre damit die Freiheit schon eingegrenzt in meinem Verständnis. Er hat keine absolute Durchsetzungsmacht, insofern ist er doch begrenzt. Oder sehe ich das falsch?

Work in Progress

Zweiter Versuch – Was ist ein Mensch?

Der Mensch ist Mensch dadurch, dass er sein Verhalten hinterfragen kann, dass er quasi in zweiter Instanz denken kann und so das primäre Denken und Handeln zum Gegenstand des eigenen Denkens macht. Diese Selbstreflexion macht den Menschen aus und hebt ihn vom Tier ab. 

Nun stellt sich natürlich die Frage: Indem er sich hinterfragt, sollte er auf das Gute stossen. Sollte sehen, ob das, wie er handelt, dem entspricht, wie er sein will. Wäre dies nicht der Fall, könnte er mittels seines Willens das Handeln dahin steuern, so zu handeln, wie er es für seinen Wunsch des Seins als angebracht erachtete. 

Ist der Wille so stark? In jeder Sekunde unseres Seins? Kann mein Wille wirklich frei über mein Handeln bestimmen und ist dieses nicht auch anderen Einflüssen unterworfen? Solchen von innen wie von aussen? Was prägt das Ich? Was prägt mein Sein? Mein Handeln? Mein blosser Wille? Ist er Teil einer Kette von Faktoren? Wie sehen die aus? Kultur, Familie, Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse? Ist mein Wille frei von all diesen oder beeinflussen sie nicht nur mich, sondern auch den Willen? Wäre er frei, stünde er gleichberechtigt neben den restlichen Einflüssen. Wäre er beeinträchtigt, würde seine Kraft mit der steigenden Masse von Einflüssen an Kraft einbüssen. 

Was ist der Mensch? Was macht ihn aus? Wie frei ist er in der Bestimmung seines Seins? Seines Handelns?

 

Work on Progress…

Alltagstrott

Oft hört man bei Paaren, sie hätten sich getrennt, weil der Alltag eingekehrt sei, Langeweile herrschte, man sich in dieser Langweile wohl auch nach mehr Spannung sehnte und die im Aussen suchte. Wenn man in einer Gewohnheit drin steckt, kann die gut und gerne mal eingerostet erscheinen, man selber denkt, der Rost greife auf einen über, man fühlt sich erstarrt, eingeschlafen, nicht mehr lebendig. Findet man dann eine Herausforderung, ein kleines Aufblitzen von etwas Neuem, etwas Spannendem, dann erwachen die vorher noch so starren Sinne und Glieder, man fühlt sich wieder am Leben, voller Tatendrang, voller Freude, voller Aufbruchsstimmung. Der Weg dahin, das alte und gewohnte Leben als noch langweiliger und noch festgefahrener zu sehen, ist nicht weit. Noch weniger weit ist das Gefühl, in eben diesem Leben gefangen zu sein.

In den buntesten Farben malt man sich aus, was alles auf dieser Welt nur darauf wartet, von einem gesehen, erfasst, gelebt zu werden. Man sieht all die Chancen, die im momentanen Leben nicht möglich sind. Man sieht die Träume, die man noch verwirklichen möchte. Man sieht die Schlösser, die man bauen könnte und sieht sich drin sitzen als Prinzessin im Reich der eigenen Wünsche. Man hört als verheiratete Frau zum Beispiel von Singles, die ein abenteuerliches Leben führen, die Männer kennen lernen, in den Ausgang gehen, das Leben geniessen. Man hört von witzigen Flirts, bereichernden Kontakten. Man hört von einem Leben ohne Alltagstrott, ohne die Fehler des anderen, ohne Socken am Boden und ungebügelte Hemden. Die Welt ausserhalb des eigenen Trotts wirkt so verlockend. Man bricht aus. 

Zuerst das Aufatmen. Alles ist neu zu organisieren, alles ist frisch. Befreiung pur. Wo sind nun aber all die netten Männer? All die witzigen Kontakte? Wo die Chancen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden? Wo die geselligen Abende in grosser Runde? Irgendwie hat man sich das alles anders vorgestellt. Und neben der ganzen Umorganisation des eigenen Lebens macht sich langsam Einsamkeit breit. Die vorher so interessant wirkenden Möglichkeiten scheinen sich in Luft aufzulösen, die vorher attraktiven Männer haben alle eine Macke (oder mehrere), die Welt ist auch als Single nicht nur locker, flockig und rosarot und überhaupt – das alte Leben war im Nachhinein gar nicht so übel. Die ach so langweiligen Werte wie Beständigkeit, Verlässlichkeit, Verantwortung hatten ihre sehr guten Seiten. 

Ich kenne diese Welt auch, allerdings kenne ich auch die umgekehrte: Ich liebe Alltagstrott. Ich liebe all die verlässlichen und beständigen Dinge, die täglich wiederkehren. Ich mag es, wenn ich weiss, wie alles ist, wie es wird, wenn ich weiss, was die Tage mir bringen. Neues macht mich unruhig, liegt mir nicht. Ich mag die mir vertrauten Dinge um mich, weiss, wo alles ist, weiss, dass es da ist. Ferien sind mir ein Graus. Nie habe ich all das dabei, was mir irgendwann im Laufe der Zeit fehlt. Nie habe ich meine Ruhe für mich, kann einfach nur in den Tag hinein leben, der mir vertraut ist, wo alles seinen Platz  hat. Es sind schliesslich Ferien, man muss was erleben, muss etwas sehen, muss die Welt erkunden und Freizeitbeschäftigungen abhaken. Dazu hat man ja Ferien.

Neuerungen im Alltag sind  mir ein Gräuel. Termine, die meinen Alltagstrott durchbrechen und über den Haufen werfen eine Plage. Ich werde giftig. Unleidlich. Schimpfe, tobe. Bis das Neue da ist, durch ist und ich sehe: ging ganz gut. Und dann kehrt wieder Zufriedenheit ein. Bin ich sonderbar? Mag sein. Vielleicht auch borniert, verkalkt, langweilig. Möglich. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich mag den Trott, ich schick mich drein und wenn man mich da lässt, bin ich absolut pflegeleicht, zufrieden und fröhlich. 

Ok, meistens. Ab und an sehe ich in der Welt draussen Dinge. Die sehen neu und spannend aus. Und machen Lust, sie zu erkunden, sie zu ergreifen. Und ich sehe die andern, die sie ergreifen, höre, wie sie davon sprechen und denke, es wäre genau das, was ich auch wollte, damit ich auch wäre, wie sie, hätte, was sie haben. Spüre die Unzufriedenheit aufsteigen. Stelle mir vor, wie alles wäre, wäre ich genau da, hätte genau das, denke mir, was das für mich bedeuten würde – und bin schlagartig geheilt. Gehe zurück in meinen Alltagstrott, bin dankbar, ihn zu haben. Er ist mein Stück Heimat, mein Stück Geborgenheit, mein Halt und mein Leben. Und das ist gut so, genau so brauche ich es – für mich.