Überkochende Töpfe oder von Ängsten gesteuertes Verhalten

Das Misstrauen gegenüber anderen widerspiegelt oft deutlicher die eigenen Ängste als die angeblichen Verhaltensweisen der anderen.

Ich bin eifersüchtig. Ich behaupte, es ist ein gesundes Mass von Eifersucht, rational, begründet, ab und an auch unbegründet, aber nie rabiat, Teller schmeissend, Szene machend. Einfach da.

Das ist die Theorie. Kommt dann eine Gelegenheit, da brodelt es. Brodelt hoch, kocht über wie eine Pfanne mit Wasser, das siedet, schäumt, überkocht. Wieso lächelt mein Mann die Frau an? Redet mit der? Wieso schaut sie ihn so an? Das geht ja gar nicht. Meine Blicke werden tötend. Meine Sprüche spitzig, giftig, treffend. Ich weiche aus. Lasse nichts mehr zu. Maure.

Die nächste Stufe ist unter vier Augen. Ich stichle. Unterstelle. Tobe innerlich und agiere äusserlich mit immer groberen Aussagen. Weiss selber, dass ich mich versteige, kann nicht aufhören. Bin verletzt, getroffen. Wieso? Er hat nichts gemacht. Sie vielleicht was gewollt, es nicht gekriegt. Was also geht ab? Die pure Angst. Meine Angst. Die ich auslebe anhand von gefürchteten Gefahren, nicht eingetretenen Projektionen.

Vielleicht habe ich es erlebt, dass ich verletzt werde, verlassen werde, betrogen werde. Ich fürchte, das könnte wieder passieren. Fürchte, ich könnte wieder leiden. Misstraue, weil ich erfuhr, dass Vertrauen missbraucht werden kann und dass dies passierte. Ich lege einen Schutzmantel an, schärfe meine Sensoren, damit das nicht nochmals passiert. Die Sensoren reagieren auf Kriterien, die ich festlege, die Gefahren zeigen. Ich will nicht nochmals blöd da stehen. Lieber gleich reagieren. Die Sensoren sind hochsensibel. Sie reagieren. Aufgrund von Erfahrungen. Zwar sind die Auslöser präsent, gegenwärtig, aber es sind keine wirklichen Ereignisse, Betrüge, es sind nur Dinge, die dahin führen könnten, Ängste zu bestätigen, die bereits in mir schlummern aufgrund von Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe.

Mein Mann war wohl nur nett, konnte die Frau ja nicht einfach anschweigen oder grimmig anschauen. Die Frau war wohl ebenfalls nett, was für einen Grund hätte sie, meinen Mann anzumotzen, fies zu ihm zu sein oder unfreundlich. Und ich  – sitze hier mit meinen Ängsten, die mir selber Gefängnis werden, aus dem ich nicht ausbrechen kann. Ich sitze hier und durchschaue mein Tun, verfluche es und tue es doch. Weil es kocht und brodelt. Und die Angst besteht. Dass eine kommt, die besser, toller, klüger, schöner ist. Eine, die geschickter wirbt – ich bin ein Trampel. Eine, die es drauf anlegt – ich bin einfach ich, man mag’s oder nicht. Eine, die wirklich will und es zeigt. Das liegt mir nicht.

Diese Ängste haben wir in vielen Bereichen. Jeder hat seine Schwachstelle, die verletzlich ist. Das Leben ist nicht immer fair. Es prägt. Die Prägungen graben sich ein, werden zu Spuren, die wie Schienen das Verhalten steuern. Und wir rattern die ewig selben Muster ab. Manchmal schon beim Tun wissend, dass es nicht richtig ist, doch ausbrechen geht nicht. Spätestens nachher wissen wir: Da lief ein Muster. Das war nicht gut. Das war nicht angebracht. Und doch kochte der Topf über. Oder bin nur ich so?

3 Kommentare zu „Überkochende Töpfe oder von Ängsten gesteuertes Verhalten

  1. Ein mutiger und entwaffnender Artikel. Wie schnell wird das Wort Eifersucht als lächerliche Schwäche abgetan, von den meisten verleugnet. Dabei ist sie, die Eifersucht, so komplex, so wandelbar, so vernichtend. Ich wünsche mir mehr mutige Menschen, wie dich! Ich bin an deiner Seite.

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    1. Ich danke dir für diesen Kommentar. Ja, ich habe gezögert. Soll ich mich blossstellen? Soll ich es breit treten? Mache ich mich nicht angreifbar, mache mich zur Zielscheibe von Spott. Dann wieder dachte ich, dass doch jeder irgendwo seine Schwächen hat, jeder irgendwo getrieben ist, Dinge tut, die er nicht möchte, aber nicht umhin kann, sie zu tun. Wieso fürchten wir uns so, zu unseren Schwächen zu stehen? Wieso wollen wir immer stark sein, unbetroffen sein? Ich bin weit davon entfernt, in mir brodelt immer viel. Ich denke für mich, dass das heisst, zu leben – mit allem, was dazu gehört. Es zu verleugnen würde es nicht eliminieren, ich würde wohl nur dran ersticken.

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