Abgang

Ab und an
würde ich gerne ausbrechen
aus dem Leben.
Aus allem

Ich möchte verlassen.
Dich! – alles,
wohl auch mich…
Ja – so ganz.

Und dann sitze ich hier
und schreibe Briefe
zum Abschied.
Gemeinte.

Ich schicke sie nicht ab.
Weil ich weiss,
ich bleib’ ja doch
Irgendwie.

Ein Teil geht immer.
Der Rest bleibt hier.
Es wird weniger.
Ich geh aus.

Matthias Claudius: Der Mensch

Der Mensch

Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret;
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar,
und alles dieses währet,
wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.

1783 schrieb Matthias Claudius dieses Gedicht. Es umfasst das Menschsein von Geburt bis Tod, eine ganze Lebensspanne. 80 Jahre soll es dauern, dieses Leben und am Schluss endet es da, wo auch die Leben der Vorfahren endeten und die der Nachfahren enden werden. Eine zweite Chance gibt es nicht.

Der Mensch wird nicht gezeugt, er wird empfangen. Die Frau als Empfangende, der Mensch als Empfangenes. Nimmt man den Titel und die ersten zwei Zeilen, scheint der Mensch Mann zu sein, die Frau tritt nach dem Empfangen nicht mehr auf.

Sobald der Mensch auf der Welt ist, sieht und hört er viel und merkt dabei nicht, dass eigentlich alles Schein ist, er die Wahrheit dahinter nicht erblickt. Er sitzt Trugbildern auf, die er für die Wahrheit hält, sehnt sich nach Dingen, um die er weint, wenn er sie nicht kriegt.

Das Leben bietet Gefahren und auch Freuden, alles, was der Mensch baut, zerbricht irgendwann und trägt dabei die Ahnung des endgültigen Abschieds in sich, der jedem irgendwann blüht. So wird das Leben ein ständiges sich Quälen: Aufbau und Zerstörung, nichts währt ewig. In diesem Kreislauf nagt die Zeit an einem, hinterlässt ihre Spuren, bis man eines Tages das Zeitliche segnet. Für immer. Ein anderer Mensch wird irgendwo von einem anderen Weib empfangen, das Menschsein beginnt von neuem, alter Wein in neuen Fässern.

Claudius zeichnet hier eine trostlose Sicht des Lebens und des Menschseins. Sie trägt etwas Hilfloses, etwas Passives in sich. Die Dinge geschehen, man tut als Mensch nichts dazu: man wird empfangen, genährt, betrogen. Zwar versucht man immer wieder, dagegen anzugehen mit Begehren, Lüsten, Lehren. Man sieht alles nur immer wieder zerbrechen, so oft man auch wieder ansetzt. Dieses doch sehr quälende Leben dauert bis zum Tod, welcher endgültig ist.

So gesehen ist der Tod eine Erlösung. Das Gedicht von Claudius nimmt ihm seinen Schrecken, indem es aufzeigt, welches Leiden er beendet. Er zeigt, dass auch das Leben nicht frei gewählt ist, genauso wenig wie der Tod. Während man meist am Leben hängt, den Tod verdammt, kehrt er die Sicht um: Das Leben ist das Grausame, der Tod erscheint als erlösende Gnade.

Man kann das Gedicht als Umgang mit der Angst vor dem Tod sehen, als Relativierung der eigenen Sicht, als Perspektivenwechsel. Das Leben ist auch nicht nur negativ, es bietet Freude, Wachen, Aufbau – aber auch das Gegenteil. Nur der Tod ist endgültig. Dabei aber nicht grausam, sondern ein Zur-Ruhe-Kommen bei den Vorfahren.

Die Reise

Sie packte ihren Koffer. Nicht ordentlich, eher willkürlich. Sie griff, was ihr vor die Augen kam, und legte es rein. Schnell. Sie wollte endlich los. Dann schloss sie den Koffer und ging. Sie schloss die Tür hinter sich. Zweimal. Als ob sie mit der Tür noch mehr verschliessen wollte. Abschied nehmen.

Sie lief los. mit jedem Schritt schien sie freier atmen zu können. Der Druck auf ihrer Brust löste sich. Sie wusste insgeheim, dass es keine Reise war. Es war eine Flucht. Nicht hin. Weg. Getrieben. Nicht gezogen. Die letzten Wochen waren schwer gewesen. Alles hatte an ihr genagt.

Sie stieg in den Bus. Setzte sich. Sie war fast allein. An einem Sonntagmorgen schlafen die meisten noch. Oder sie sitzen mit ihren Familien am Früchstücksrisch. Sie nicht. Sie ging. Sie hatte schon lange daran gedacht. Immer, wenn ihr alles über den Kopf zu wachsen drohte, kam es in ihr hoch: „Bloss weg hier!“ Doch sie war nie gegangen. Bis jetzt.

Was war dieses Mal anders? War es einfach die immer grösser werdende Anspannung? War zu viel zusammengekommen? War das Fass nun übergelaufen?

War es richtig, was sie tat? Was würden die anderen denken? War das wichtig?

Sie sah nach draussen. Es war kalt. Die Autos waren mit einem weissen Film überzogen. Die Welt schien still zu stehen. Ruhe. Endlich. Kamine rauchten. Sie war müde. Ach so müde. Ihr Ziel erschien ihr plötzlich beliebig. Was sollte sie da? Und wie lange würde sie bleiben? Wie lange könnte sie bleiben? Und dann?

Sie wurde traurig. Und irgendwie auch hoffnungslos. Und dann sah sie klarer. Draussen ging die Sonne auf. Als der Bus seine Runde vollendet hatte, stieg sie aus. Sie lief nach Hause und schloss die Tür auf. Sie ging hinein.

Ein Licht

Ich bin ein Licht.
Ein kleines nur.
Ich leuchte hell
in meinem Kreis.

Ich bin ein Licht.
Mein Kreis ist klein.
Doch ich bin da
und schaue hin.

Ich such das Licht.
Die Welt ist grau.
Sie sucht nach Licht
ich such’ es auch.

Ich bin ein Licht
Und suche stets
nach Sonnenschein
in meiner Welt.

Und wär ein Licht
in jeder Welt,
dann wär sie hell
und lebenswert.

Wir suchen Licht
und sehen nicht,
dass wir es wär’n
im Hier und Jetzt.

Sandburg

Worte nur,
just aus dem Nichts,
weckten auf
das grosse Sehnen
nach so viel,
das niemals war.

Es gab die Zeit,
da möglich schien,
was nur erträumt,
doch nie gelebt.
Trügerisch,
bloss Illusion.

Den Wolken gleich,
zerstob sogleich,
was Burg mal schien
und Sand nur war.
Doch manchmal kommt
ein Korn zurück.

Der Falke

Der Falke fliegt,
weit über mir,
trägt Hoffnung mit,
die da noch ist.

Wie tonnenschwer
wiegt doch die Angst,
die runterzieht,
mich fest umschlingt.

Es kämpft der Falke
mit Gewicht,
mal schweb ich mit,
mal sink ich ab.

Ich pendle hin
und dann zurück,
ich such das Licht,
ich hoff auf Glück.

Drum Falke, flieg! –
ganz hoch hinaus,
dass keine Kette
dich noch hält.

Und sink ich doch,
dann sei es so.
Jedoch bis dann,
da hoffe ich.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Wenn man vermisst,
was niemals ging,
wenn man ersehnt,
was noch nie war.

Wenn man stets will,
aber nie kann,
wenn man stets geht
und immer nur fällt.

Dann sitzt man da,
zwischen den Stühlen,
schielt mal hier hin
und mal da.

Wo man auch sitzt,
es ginge weicher,
wo man auch schaut,
da wär’ das Glück.

Und doch bleibt nur
das Sehnen zurück,
es bleibt ganz stark
der eine Wunsch.

Dass da was wäre,
was nicht ist,
dass da mal ginge,
was nie ging.

Wenn man vermisst,
was noch nie ging,
und doch immer hofft,
dass es mal würd.

Am Ende der Worte

Worte geh’n aus und es bleibt,
nicht Gesagtes
und Schweigen zurück.

Es brodelt in mir, es will was hinaus,
es fehlt mir die Sprache,
sie ging mir grad aus.

Die Worte, sie enden,
Sie kommen an Grenzen,
wo nur noch Gefühl.

Ich mal es in Bildern,
ich schrei es auf Wände,
es schiesst aus mir raus.

Wo Sprache versagt,,
da sprechen nun Hände.
Zurück bleibt ein Bild.

Hier im Dort

Alles schreit
und alles drückt,
alles fällt
und alles stirbt.

Was mal war,
ist längst nicht mehr.
Was mal war,
ist längst passé.

Drum lass uns ziehen,
lass uns geh’n.
Ferne Lande,
weit von hier.

Lass uns sehen
was noch geht,
lass uns fühlen,
was noch ist.

Wenn das Ende
ist gekommen,
gibt es nur
den Neuanfang.

Lass ihn packen,
lass uns träumen,
lass den Zauber
wirken nun.

Und so ziehen wir
wir brechen auf,
um im Dort
im Hier zu sein.

Ich hab‘ die Wahl

Was ihr mir tut,
was ich hier trag,
was das nur soll,
ich weiss es nicht.

Ich sitze hier
und frag mich nur,
die Antwort fehlt,
ein gähnend Loch.

Ich rufe aus,
ihr hört mich nicht,
ihr tut einfach,
was ihr tun wollt.

Ich gebe auf,
es bringt ja nichts,
ich habe nur
mein Leben noch.

Es bleibt die Wahl:
Lass’ ich euch zieh’n?
Gebe ich
mein Leben hin?

Ich bleibe hier,
denn alles mehr
wär euer Sieg,
den kriegt ihr nicht.

Ich lebe fort,
wie ich es will,
so lebt denn wohl,
das war’s für mich.

Ich fühl’ mich frei,
seit langem mal,
ihr könnt mir nichts,
ich hab die Wahl.

Ich darf sein

Ich schau in den Spiegel,
ich schaue mich an.
Ich blick durch mich durch
und doch nur heran.

Ich suche das Wesen,
ich suche den Kern,
ich frag mich „wer bin ich?“ und
hab’ ich mich gern?

Ich sehe die Haare,
ich sehe den Mund,
ich sehe die Augen,
was tun sie mir kund?

Ich schau in den Spiegel,
ich schaue mich an,
schau in die Augen,
und schliesse sie dann.

Ich suche die Töne,
ich suche den Klang,
ich hör auf mein Herz
und bleibe noch lang.

Ich fühle tief drinnen,
ich spüre hinein,
Ich merk’ ich bin gut so,
ich fühl, ich darf sein.