Öffne die Tür

Ich komme als Mensch
und ich will zu dir.
Lass mich herein,
öffne die Tür.

Nimm mich ganz an,
so wie ich halt bin,
sieh meinen Kern,
so den ganz tief drin.

Oft sind wir nur so,
wie’s and’ren gefällt,
wir passen uns an,
der ganzen Welt.

Vergessen dann schnell,
wer wir wirklich sind,
vergessen ganz schnell,
das innere Kind.

Dann spielen wir Rollen,
mal jene, mal die,
nur den, der wir sind,
den spielen wir nie.

Drum brauchen wir einen,
der uns so nimmt,
der uns erkennt,
wenn alles stimmt.

Und wie er bei uns,
so wir auch bei ihm,
von Mensch zu Mensch,
es führt nichts umhin.

So sitzen dann ich
und du vis-à-vis,
hätt’ ich nen Wunsch:
Es wär nur dies!

©Sandra Matteotti

An den Geliebten

Es gab eine Zeit,
so dunkel und leer,
da dachte ich bei mir,
das Leben sei schwer.

Es gab viele Tage,
die drückten so sehr,
ich sah weder Licht noch
Hoffnung gar mehr.

Du tratst in mein Leben,
nie hätt’ ich gedacht,
dass einer allein so
was Schönes entfacht.

Wo grade noch Dunkel,
ist nun ganz viel Licht,
wo grade noch Schweres,
ist Leichtigkeit schlicht.

Und wenn ich im Leben
was wünschte für mich:
Ich möchte dir geben,
was ich hab durch dich!

©Sandra Matteotti

Erich Kästner: Das Blaue Buch

Das geheime Kriegstagebuch des Erich Kästner

KästnerBlau1933 wurde Erich Kästner von den Nationalsozialisten als Autor verboten. Trotzdem blieb er als einer der wenigen prominenten und intellektuellen Gegner des Systems in Deutschland, sicherte sich sein finanzielles Überleben durch schreiben unter Pseudonym, entstanden sind in der Zeit einige Drehbücher zu unterhaltsamen Komödien. Dass ein kritischer Geist wie Kästner aber nicht einfach zuschaut, ohne sich Gedanken zu machen, liegt auf der Hand. Zwar konnte er diese nicht mehr schriftlich unter die Leute bringen, aber er hielt sie in einem blauen Buch fest.

„Der Entschluss ist gefasst. Ich werde ab heute wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags aufzeichnen. Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“

Kästner hütete das kleine Buch wie seinen Augapfel, schrieb oft auch stenografisch, damit das Entziffern des Geschriebenen nicht so leicht fiele, sollten es in falsche Hände geraten. So entstand zwischen 1941 bis zum Kriegsende ein Buch mit persönlichen Aufzeichnungen Kästners zu den Ereignissen an der Front in Berlin sowie zum Kriegsgeschehen allgemein. Auch Kneipenwitze, Zeitungsmeldungen und der Alltag der Zivilisten fanden Eingang in das blaue Buch, wurden von Kästner wiedergegeben und kommentiert. Der Tonfall reicht dabei von deprimiert bis hin zu bissig und böse.

Das Blaue Buch ist nun als geschmackvoll gestaltetes Buch mit vielen erklärenden Anmerkungen im Atrium Verlag erschienen. Es stellt sich die Frage, wieso Kästner seine Aufzeichnungen nicht selber in Buchform publizieren wollte, als der Krieg vorbei war. Ein Grund dafür mag sein, dass man sich gleich nach Kriegsende mit der Erinnerungskultur noch eher schwer tat. Es mussten einige Jahre vergehen, bis diese sich ausbreitete und auch Gehör fand. Dass dieses doch sehr persönliche Werk nun doch noch seinen Weg zum Publikum findet, ist eine Bereicherung, da es einen sehr direkten, eindringlichen und kritischen Blick auf das Kriegsgeschehen des Zweiten Weltkrieges präsentiert.

Fazit:
Ein persönliches, informatives, eindrückliches ab und an auch humorvolles Buch eines kritischen Geistes. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und starb 1974 in München. Der Schriftsteller, Satiriker, Dramatiker und nicht zuletzt Autor der berühmten Kinderklassiker ›Das doppelte Lottchen‹, ›Das fliegende Klassenzimmer‹, ›Pünktchen und Anton‹, ›Emil und die Detektive‹ und ›Die Konferenz der Tiere‹ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (u.a. mit dem Büchner-Preis und der Hans-Christian Andersen-Medaille).

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranicki

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 405 Seiten
Verlag: Atrium Verlag AG (9. Februar 2018)
ISBN-Nr.: 978-3855350193
Preis: EUR 32 / CHF 44.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Grenzen überschreiten

Wandeln im Raum,
die Zeit durchschreitend
luftleer und zwischen
Glockenschlägen.

Fahren durch Strassen
wir alle gemein
und doch ein jeder
für sich allein.

Suchen nach Worten und
Antworten gar.
Haben nur Fragen,
doch davon zuviel.

Wandeln im Rahmen
und drüber hinaus,
fallen aus diesem
und nirgends hinein.

Fliegen zum Mond
und sitzen dahinter,
sehen die Welt,
verstehen sie nicht.

Nur dann und wann
hebt sich ein Schleier
und zeigt dir das Eine:
Es gibt noch viel mehr.

©Sandra Matteotti

In Gedenken

Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.
Masche Kaleko*

Als mein Vater dieses Jahr starb, war mir dieses Gedicht wie aus dem Herzen geschrieben. Ein Weiterleben erschien fast undenkbar, meine Welt war dunkel und voller Schmerz. Wer könnte meinen Schmerz verstehen? Wer könnte wissen, was ich bis hier hin durchgemacht habe, wer nachvollziehen, wo ich nun stand? Ich fühlte mich trotz vieler gut gemeinter Worte allein – im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Zum Glück bin ich es nicht. Und doch hat mich der Weg geprägt, hat mir diese Erfahrung einiges mit auf meinen weiteren Weg gegeben.

Der Tod entreisst. Er trennt, was mal zusammen war. Er nimmt den einen mit und lässt den anderen ohne diesen zurück. Nun wissen wir alle nicht, was der Tod wirklich ist, was danach kommt – wir haben unsere Vorstellungen, Ideen, schöpfen auch Halt daraus. Was wir aber wissen – heute erinnern wir uns daran – ist, wie es für uns (für jeden einzeln von uns) ist, zurück zu bleiben, wenn einer geht.

Wo mal etwas (oder gar ganz viel) war, ist nichts mehr. Und doch auf eine andere Weise auch ganz viel. Wo grad noch jemand stand, steht keiner mehr – und doch ist er noch da. Irgendwie. Und oft ganz heftig gefühlt, fast schon überwältigend. Dann wieder still und leise – und… auch ab und an freudvoll. Was wäre da, wäre all das, was mal war, nicht gewesen? Wie dankbar kann man sein für das, was war, wenn es noch nachhallt? Und doch ist da auch der Schmerz, weil es gut war, und man das Gute gerne bewahren würde. Genau so, wie es gut war.

Menschen treten in unser Leben. Manche gehen gleich wieder, andere bleiben eine Weile, gehen dann, weitere bleiben lange. Weil es passt. Umso schwerer fällt der Abschied. Und doch bleibt die Dankbarkeit, dass sie da waren.

„Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“

Die Frage ist anfangs drängend, oft wohl auch überwältigend. Sie weicht mit der Zeit zurück, steigt nur ab und an am eigenen Firmament wieder auf im Sinne eines „ich vermisse dich“. Was bleibt ist die Erinnerung. Und damit der, der nicht mehr ist. Schön, wenn man sie lebendig halten kann, schön, wenn sie weiter Teil des Lebens ist. Und wunderbar, wenn sie zu einer friedvollen und freudvollen wird im Sinne einer Dankbarkeit dafür, dass war, was war, und noch sein darf, was ist. So leben Menschen weiter. Vielleicht ein bisschen ewig.

Rilke dichtete einst – das Gedicht ist übrigens mein Lebensmotto:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Und wer weiss: Vielleicht ist der letzte Ring auch der Ring, den andere für uns weiter ziehen. Durch ihre Erinnerung. Und wir gestalten diese Erinnerung durch unsere Gegenwart. Der, der ging, hat das durch sein Sein getan. Er lebt dadurch in jedem, der sich an ihn erinnert, auf seine Weise weiter.

_____
Gedanken anlässlich einer Lichterfeier
*zitiert nach Mascha Kaleko, Verse für Zeitgenossen

ich und du

ich bin ich
und du bist du.
und ich bin ich
nur weil du bist.

ohne dich
bin ich schlicht nicht,
nicht nur nicht ich.
gilt auch für dich.

denn erst das du
macht mich zum ich.
und ich mach dich
zum du durch mich.

drum einer nur
ist keiner denn
ein jemand ist
nur der zu zweit.

Zu zweien ist
ein jeder ich
und zeugt das du
durch dieses ich.

Das Leben leben

Nie werde ich wissen,
was gewesen wäre, wenn.
Auch kann ich nie sagen,
was geworden wäre, denn:

Was nicht ist, bleibt ewiglich
ein Bild der Illusion.
Was nie war, existiert als
blosse Imagination.

Und in jedem wenn und wäre,
in jedem hätte, täte und so fort,
zeigt sich bloss mit jedem Wort:
Das was ist, ist nicht gewollt.

So suhlt man sich im Konjunktiv
und malt mit Farben bunte Bilder
von alledem, was man nicht wollte,
und redet es sich schön.

Viel besser wäre doch,
man schaute da, wo man grad steht,
prüfte, welcher Wind jetzt weht,
um dann die Segel neu zu setzen.

©Sandra Matteotti