Erich Kästner: Exemplarische Herbstnacht

Ein Herbstgedicht – oder mehr?

Sandra Matteotti

(Erich Kästner 1899 – 1974)

Nachts sind die Straßen so leer.
Nur ganz mitunter
markiert ein Auto Verkehr.

Ein Rudel bunter,

raschelnder Blätter jagt hinterher.

Die Blätter jagen und hetzen.
Und doch weht kein Wind.
Sie rascheln wie Fetzen und hetzen
und folgen geheimen Gesetzen,
obwohl sie gestorben sind.

Nachts sind die Straßen so leer.
Die Lampen brennen nicht mehr.
Man geht und möchte nicht stören.
Man könnte das Gras wachsen hören,
wenn Gras auf den Straßen wär.

Der Himmel ist kalt und weit.
Auf der Milchstraße hat’s geschneit.
Man hört seine Schritte wandern,
als wären es Schritte von andern,
und geht mit sich selbst zu zweit.

Nachts sind die Straßen so leer.
Die Menschen legten sich nieder.
Nun schlafen sie, treu und bieder.
Und morgen fallen sie wieder
übereinander her.“

(aus: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke)

____

Beschreibt Kästner hier nur eine Herbstnacht, das Treiben der losen Blätter aufgewirbelt…

Ursprünglichen Post anzeigen 173 weitere Wörter

2 Comments

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  1. Wohl, weil es nicht nur die Blätter sind die jagen und hetzen.

    Und doch weht kein Wind.
    Diese Zeile hat mich mit Unbehagen ergriffen, weil sie mir, dir und vielen anderen Menschen (mit dem Gefühl, dass die Welt aus den Fugen gerät) aktueller denn je erscheinen mag, je nachdem was wir hineininterpretieren. Ich kann über die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen nachsinnen und Mut schöpfen Gesicht zu zeigen, zeitgleich aus dem Fenster schauen und die Blätter beobachten, wie sie herumwirbeln und tanzen. Sowie jetzt, wenn der Wind weht oder wie unlängst in Berlin, als 120.000 Menschen gegen Rassismus, für eine offene und freie Gesellschaft demonstriert haben. Wir sind mehr. Ich danke, dass du an Kästners Lyrische Hausapotheke erinnerst.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    Gefällt 1 Person

    • Es sind bedenkliche Tendenzen, die sich immer mehr abzeichnen. Wir sind mehr, ja, aber wir müssen, um das zu zeigen, auch hinstehen und was sagen. Immer wieder. Dagegen halten.

      Kästners Lyrische Hausapotheke ist wunderbar, daran habe ich gerne erinnert.

      Liebe Grüsse
      Sandra

      Gefällt 1 Person

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