Otfried Höffe: Ethik. Eine Einführung

Was ist Ethik und wozu brauchen wir sie? Ist Ethik eine universelle Grösse oder verändert sie sich im Laufe der Zeit? Entspringt die Ethik der (menschlichen) Natur oder ist sie eine Schöpfung des menschlichen Geistes?

Diesen und anderen Fragen geht Otfried Höffe in diesem schmalen Band nach. Er beginnt bei der Begriffsdefinition und leitet ausgehend vom Ursprung „ethos“ drei Bedeutungen ab:

  1. der gewohnte Ort des Lebens, welche den Menschen in ein Kontinuum der Natur versetzt
  2. Inbegriff von Institutionen, Gewohnheiten und Sitten
  3. Die Art und Weise der Lebensführung

Die verschiedenen Bedeutungen greifen dabei ineinander über, es gibt keine klaren Grenzen.

In einem nächsten Schritt beleuchtet Höffe die anthropologischen Grundlagen und damit die Frage nach den biologischen, einschliesslich der neurobiologischen Eigentümlichkeiten, welche dafür verantwortlich sind, dass der Mensch ein Moralwesen wird. Die Moral hat einen Sollenscharakter nicht nur im vertrauten Sinne, sondern in einem grundlegenden:

Die Moral tritt nicht nur in Gestalt von vernunftbegründetem Sollen, einem Imperativ, auf. Vielmehr liegt schon ihrer Entfaltung ein deshalb noch basalerer Imperativ zugrunde. Das zur Moral fähige Wesen Mensch ist sowohl als Gattung als auch als Gruppe und als Individuum aufgefordert, sich von einem nur potentiellen zu einem aktualen Moralwesen zu entwickeln.

Es folgt die Analyse der menschlichen Eigenschaften wie die Suche nach Anerkennung, Neid, Eifersucht, Rache, Sympathie sowie von Bewertungsmassstäben wie gut und böse, Recht und Unrecht sowie Scham. Die positive Moral, welche sich entwickelte, setzte einen normativen Grundrahmen für den Menschen. Fazit der anthropologischen Betrachtung der Moral ist, dass sie eine Mischung aus Sollen, Bedürfnis und Sein ist:

Der seiner Biologie nach weltoffene, aber auch gefährdete Mensch (Bedürfnis)braucht wirksame Verbindlichkeiten (positive Moral: Sein), die die Intelligenz auf ihr Gutsein, letztlich auf ein uneingeschränktes Gutsein (Sollen) zu befragen erlaubt.

In der Folge behandelt Höffe Fragen des Guten und des Bösen, setzt sich mit der praktischen Philosophie im Allgemeinen auseinander und bestimmt die Methoden und deren Vielfalt im Zuge der Ethik, welche Teilgebiet der praktischen Philosophie ist. Es geht weiter mit Handlungstheorie, wobei er sich mit dem freien Handeln auseinandersetzt, welches bewusst und freiwillig passieren muss, um den so Handelnden als Urheber der Handlung und damit als verantwortlich und zur Moral fähig zu erachten.

Höffe nennt vier Grundmodelle/Prinzipen der Ethik:

  1. Das Moralprinzip des Glücks, das Streben nach einem gücklichen Leben
  2. Das Kollektivwohl, Utilitarismus: Streben nach dem Wohlergehen für die Gruppe
  3. Das Prinzip Freiheit und die Autonomie
  4. Moralkritik

Als letzten Punkt behandelt Höffe die Tugend, die seit Platon und Aristoteles ein Grundbegriff der Ethik ist. Dabei geht es hauptsächlich um die Charaktertugenden und die sie ergänzende intellektuelle Tugend, die Klugheit, welche in Verbindung das Ideal der Erziehung und der Selbsterziehung des Menschen zu einer Persönlichkeit ausmachen. Unterschieden wird dabei zwischen Tugenden aus Selbstinteresse, Tugenden des Geschuldeten (Gerechtigkeit) und verdienstlichen Tugenden (Solidarität und Wohltätigkeit).

Der schmale Band kommt über die Frage, wieso man überhaupt moralisch sein müsse, am Schluss zu der Frage nach der Macht der Moral in Gegenwart und Zukunft.

Auf dünnen 128 Seiten gelingt Otfried Höffe ein solider Überblick zum Thema Ethik. Er deckt die relevanten Fragen und Bereiche ab, was auf so engem Raum nicht umfassend möglich ist, trotzdem aber ausgewogen und hinreichend geschieht. Diese Einführung in die Ethik bildet eine fundierte Grundlage und erste Erkenntnisse, auf denen man aufbauen kann bei einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Ethik.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

höffeethikAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 13. März 2013
ISBN: 978-3406646300
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 14.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Bilden statt ausbilden

Kinder kriegen Depressionen, Lehrer Burnouts. Kinder hassen die Schule, Lehrer denken am Sonntag Abend mit Bauchweh daran, am nächsten Morgen wieder zur Arbeit zu gehen. Dabei ist es im heutigen Schulsystem so einfach: Es gibt einen Lehrplan, an den hat sich der Lehrer zu halten, und der Schüler muss die darin enthaltenen Punkte nach Vorgabe und in der dafür vorgesehenen Zeit abarbeiten, dabei die als solche bestimmten genügenden Bewertungen erhalten. Tun sie das nicht, werden sie vom Lehrer abgemahnt, im System zurück gestellt, von den Eltern gescholten. Hätten sie sich bloss mal mehr angestrengt und ins System gepasst. Es wäre so einfach!

Nur: Wenn es so einfach ist, wo also liegt das Problem? Wieso leiden Kinder und Lehrer? Welche Rolle spielen die Eltern? Welche Rolle spielen alle in diesem Schulsystem und wer hat diese Rollen definiert? Nach welcher Massgabe?

Das heutige Schulwesen mit seinen Bildungsplänen hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch zweckdienliche Selektion für die Privatwirtschaft funktionierende Arbeitskräfte zu generieren. Es geht nicht um die Ausbildung von individuellen Fähigkeiten und Talenten oder gar die Möglichkeit des Einzelnen, ein gutes Leben zu führen. Es geht darum, wie man Menschen für die ökonomischen Anforderungen passend macht. Dazu werden Hierarchien von Bildungsstufen definiert, deren höchste die ist, bei welcher die Schüler am längsten in den Schulbetrieben sassen. Die mit den weniger langen Schulwegen sind damit in den Köpfen und in der Bewertung unterlegen. Sie werden dann Pflegepersonal für kranke Menschen, Maurer, damit die Menschen, sind sie nicht grad krank und in Pflege, ein Dach über dem Kopf haben.

Mein Sohn fragte mich mal, als er noch klein war, wieso ein Maurer weniger verdient als ein Architekt. Schlussendlich könnten wir nur in einem Haus wohnen, weil ein Maurer die Mauern hingestellt habe. Es seien doch also beide wichtig, um ein Haus zu bauen.

Wir leben in einem System, in dem das nicht so gesehen wird. Der Architekt, der das Haus zeichnet, verdient mehr, als der Bauleiter, welcher den Bau desselben überwacht. Dieser verdient wiederum mehr als der Maurer, der Stein auf Stein legt. Und alle verdienen sie wohl meist weniger als der Banker, der darüber entscheidet, ob Geld für den Bau fliessen darf oder nicht. Und: Geld ist wichtig. Und es zählt was. Darum ist so wirklich toll nur der, welcher entscheidet, wer den Kredit kriegt, um das Haus überhaupt bauen zu können.

Wer also was sein will in dieser Welt, sollte sich gut ausbilden. Nach Norm und Lehrplan. Er muss dazu Tonnen an unnützem Wissen in den Kopf stopfen, nur um es gleich nach der hoffentlich erfolgreich bestandenen Prüfung wieder zu vergessen. Er lernt schon früh, dass die Mitschüler Konkurrenten sind, weil der Notenschnitt mathematisch verschlüsselt, nicht nach Fähigkeiten eruiert ist.

Unsere Schulen bilden nicht mehr aus, sie stellen Arbeitskräfte nach Bedarf und in der Wertigkeit klar unterteilt zur Verfügung. Wer nicht passt, wird passend gemacht, klappt das nicht, fliegt er. Erst vor die Tür, später in Therapien, dann in Sondersettings, notfalls aus der Schule. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Schliesslich hat man einen Lehrplan zu erfüllen. Kinder müssen Sinuskurven berechnen und Infinitesimalrechnungen bewältigen können. Sie müssen wissen, wie ein Vogel sein Gefieder einfettet und welcher Baum in Nachbars Garten steht. Sie müssen Schillers Glocke aufsagen können und alle Flüsse Uruguays blind in einer Karte eintragen. Das ist heute Bildung. Man streicht dann lieber Sport und Kunst (bei Platon begänne da die Schulbildung erst. Nur, wer das in sich aufgenommen hat, kommt weiter auf dem Bildungsweg. Doch das ist eine andere Geschichte und die hat in diesem Artikel keinen Platz.), die taugen nichts, um noch ein wenig mehr chemische Formeln reinzupacken. Alles, was der Seele gut tut und das Leben und selber Denken und Tun befördert, streicht man aus den Lehrplänen, um das passive Gehorchen und Erfüllen aufs Podest zu heben.

Und dann stehen wir in dieser Welt und fragen uns, wieso sie so krank ist. Wir fragen uns, wieso immer mehr Kinder an Depressionen leiden, wieso sich Kinder umbringen, weil sie keinen Sinn mehr sehen im Leben – kein Auskommen mit ihm. Kinder! Wir fragen uns, wieso wir uns als Erwachsene nicht wohl fühlen in diesem Hamsterrad, für das wir doch all die Infinitesimalrechnungen, Formeln und Glocken-Gedichte auswendig gelernt haben und dann mit Burnout aussteigen.

Und: Wir fragen uns, wieso Lehrer selber mit ihrer Aufgabe nicht mehr leben können, sie oft nach wenigen Jahren aufgeben, aufgeben müssen. Weil alles ein Kampf ist, weil das Geradebiegen von Menschen schlicht kaputt macht. Alle Beteiligten.

Rousseau beschrieb den Menschen als „edlen Wilden“, der durch die Zivilisation verdorben würde. Besonders erfolgreich im Verderben ist die Erziehung. Sollte sie eigentlich dem Kind zur Fähigkeit der Selbstbestimmung verhelfen, nimmt sie ihm die natürliche Unbefangenheit und legt es quasi – wie der Staat nach Rousseau auch – in Ketten.

Kinder müssten geschützt werden, so Rousseau, sie müssten ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und sich nicht in Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt wiederfinden. Rousseau ist sicher nicht unumstritten. Er stellte hohe Ansprüche in den Raum, denen er selber im eigenen Leben nicht folgte, gewisse Ansichten klingen auch sehr naiv und verklärend, aber: Statt sich auf die Unzulänglichkeiten zu konzentrieren, wäre es zweckdienlicher, sich den durchaus sinnvollen Postulaten zu widmen und zu sehen, wie es heute darum steht. Die Antwort ist ernüchternd: Nicht zum Besten.

Wir haben seit Rousseau nichts gelernt. Wann werden wir es tun? Schon John Locke meinte, dass der Mensch als „Tabula Rasa“ auf die Welt kommt (man sollte ein bisschen Gen-Material durchaus mit berücksichtigen). Alles, was dann kommt, lernt er aus Erfahrungen, durch sein Umfeld, vom Leben. Wir hätten eine Verantwortung und wir hätten es in der Hand, es besser zu machen. Es wäre an der Zeit.

 

11. April

„Man muss den Dingen gegenüber Gleichmut bewahren und sich das Leben nicht mit überflüssigem Grübeln und Philosophieren verbittern.“ (Maxim Gorki)

Eine Situation lief nicht, wie sie sollte, jemand sagte etwas zu uns, das wir nicht mochten. Und schon geht es los: Das Gedankenkarussell dreht sich, wir käuen immer und immer wieder, was passiert ist, stellen uns vor, was dahinter stehen, was daraus folgen könnte. Wir malen uns in allen düsteren Farben das Leben aus und stecken in einer Gedankenspirale fest.

Wenn du wieder einmal in einer solchen Gedankenspirale sitzt, reicht es vielleicht nicht, dir einfach nur vorzunehmen, nicht mehr daran zu denken, weil es nichts bringt. Helfen kann in dem Moment, etwas anderes zu machen, etwas, von dem du weisst, dass es dir gut tut, dich ablenkt, dir Freude bereitet: Musik oder Sport machen, spielen, malen, Freunde treffen (um über anderes zu sprechen und nicht in den gleichen Gedanken weiter zu drehen), einfach etwas, bei dem du im aktuellen Tun aufgehst, so dass das Grübeln von selber aufhört.

Perspektiven

„Meine Meinung,
meine Sicht und
alles fertig, alles
schlicht grad so,
wie ich es will.“

„Du armer Mensch,
der du nur diese
eine Sicht des Lebens
hast und dich dafür
noch weise nennst.“

„Komm mir nicht blöd,
ich weiss genau,
wovon ich rede
schliesslich bin ich,
wer ich bin.

Bin schlicht allwissend
und auch neunmal
klug und weise
von mir selbst
ernannt – nun staunst du?

„Ob staunen oder wundern
bleibe nun dahin gestellt,
doch sicher ist das eine nur:
Gar einfach ist sie,
deine Welt!

@Sandra Matteotti

Philosophische Begleitung

Oft werde ich gefragt, was ich in einer Philosophischen Praxis mache, wie man sich eine philosophische Begleitung vorstellen muss. Die Antwort ist einfach und schwer zu gleich: Zentral ist, dass im Zentrum der Mensch steht, der zu mir kommt (oft übers Netz via Skype). Er hat ein Anliegen, fühlt sich mit etwas in seinem Leben nicht wohl. Grundsätzlich stehen dann grundlegende Fragen an:

  • Wo stehe ich im Leben?
  • Wie will ich leben?
  • Was kann ich dafür tun?
  • Was für ein Mensch bin ich?
  • Bin ich der Mensch, der ich sein kann?

Wenn wir im Leben anstehen, fühlen wir uns oft richtig aus der Bahn geworfen an: Wir sind vom Weg abgekommen, etwas ist in Unordnung geraten. Was wir anstreben, ist Ordnung, ist ein Leben, das wir als gelingendes, als rundes, stimmiges bezeichnen für uns. Nur sehen wir den Weg dahin oft nicht. Die Fragen können helfen, das eigene Bild wieder zu erkennen – mit allen Facetten.

Wir können uns das Leben wie ein Pult vorstellen. Wenn sich Blättergeigen türmnen, alles drunter und drüber liegt, finden die einen gar nichts mehr, für die anderen ist das erst der passende Arbeitsplatz. Wir haben unterschiedliche Ansprüche an eine für uns passende Ordnung, so dass wir zuerst die Unordnung analysieren und feststellen müssen, was wir selber unter Ordnung verstehen – und wieso wir das so sehen. Hier setzt die Philosophische Begleitung, das Philosophische Coaching an:

Dein Leben scheint gerade aus den Fugen? Du hast keine Kraft mehr, fühlst dich am falschen Platz, bist von deinem Partner verlassen worden oder weißt nicht, ob du gehen sollst? Ein lieber Mensch liegt im Sterben oder du erlebst dein Leben schlicht nicht als sinnvoll? Du hast viele Fragen und wenige Antworten? Du weißt nicht, wie mit einer Situation umgehen oder wie zu einer Entscheidung zu gelangen? Du sehnst dich nach Ordnung, doch überall siehst du nur Chaos?

Was auch immer in deinem Leben los ist: Du erzählst davon. Du erzählst von deinen Sorgen, von den Stellen, die dir Mühe bereiten. Du erzählst, was dir wichtig ist und ich höre dir zu.  Zusammen versuchen wir, im Dialog weiter und tiefer zu gehen, prüfen deine Geschichte von allen Seiten. Das kann zu neuen Perspektiven führen, auch neue Wege zeigen. Wichtig dabei ist, dass wir auf Augenhöhe kommunizieren. Deine Situation ist einzigartig, weil du es bist. Da hilft keine vorgefertigte Methode oder Anleitung. Dein individuelles Problem verdient eine massgeschneiderte Lösung. Und ich werde dich auf dem Weg begleiten, diese zu finden und umzusetzen.

Dabei ist mir ganz wichtig, dass du neben dem Problem auch deine guten Seiten siehst. Wo liegen deine Stärken, wo deine Fähigkeiten? Womit bist du zufrieden und woher holst du Kraft? Wie kannst du all das nutzen dabei, das Leben wieder in die Ordnung zu bringen, die für dich stimmt? Wie kannst du genügend Resilienz entwickeln, um trotz einiger Probleme sagen zu können: „Es geht mir gut!“

Philosophisches Coaching kann helfen bei

  • Entscheidungsunsicherheiten
  • Burnouttendenzen
  • Scheidung
  • Verluste
  • Tod
  • Umbrüche im Leben
  • Psychische Belastungen

Behandelt werden Lebensthemen wie

  • Wie will ich leben?
  • Was bin ich für ein Mensch?
  • Wie lebe ich Beziehungen?
  • Was ist ein gelingendes Leben?
  • Was kann ich tun?
  • Was schulde ich anderen?
  • Was schulde ich mir selber?
  • Was ist Glück?
  • Wie kann ich mehr Freude in mein Leben bringen?
  • Wie komme ich zu mehr Gelassenheit?
  • Wie kann ich vergangene Wunden heilen?
  • Wie entwickle ich mehr Resilienz?

Zum Angebot: Philosophische Begleitung / Philosophisches Coaching

10. April

„Freu dich, Herz am Heute, das Morgen lasse ruh’n, und mit gleichgültigem Lächeln mildre was dich kränkt; vollkommen Beglücktes gibt es nirgend auf Erden.“ (Horaz)

Wie oft gehen wir durch den Tag, denken dabei an einen Streit von gestern, eine Erledigung von Morgen und merken gar nicht, dass das Heute ungesehen an uns vorbei zieht. Statt in Ruhe unseren Kaffee zu trinken und ihn zu geniessen, weil wir ihn auch wirklich schmecken, machen wir innerlich eine Liste, was morgen alles zu tun ist. Oder weil wir uns in Gedanken an die Vergangenheit verlieren.

Es mag nicht alles immer eitel Sonnenschein sein, trotzdem gibt es immer Schönes in der Welt. Wir können nicht nur blind in den Tag hineinleben, ab und an ist auch Planung nötig.: Aber es gibt etwas, das wir geniessen können, wenn wir genau hinschauen und uns auch mal die Zeit nehmen und geben, es zu tun. Gestern ist vorbei, Morgen kommt noch schnell genug, was heute zählt ist das Heute. Das ist das einzige, was wir wirklich geniessen können, denn das Morgen ist noch nicht da. Und sollte es dann da sein, ergeht es ihm womöglich wie dem Heute heute, wenn wir nicht aufpassen.

Sei mutig, wild und wunderbar

„Sobald du dich für etwas entscheidest, kommt das Universum zusammen, um es Realität werden zu lassen.“ Ralph Waldo Emerson

Wenn wir uns dafür entscheiden, etwas zu tun, geschieht es oft, dass wir plötzlich überall Dinge erleben, die dem in die Hand spielen: Wir treffen auf gleichgesinnte Menschen, lesen plötzlich etwas, das hilft, kriegen von unerwarteter Seite Unterstützung. Als ob sich das Universum verschworen hätte, uns bei unserem Vorhaben zu helfen.

Wenn also wieder einmal eine Entscheidung ansteht, wir noch zweifeln: Wieso nicht drauf vertrauen, dass das Universum schon zur Stelle sein wird, wenn wir unser Vorhaben wirklich anpacken?

Wie heisst es doch so schön:

Den Mutigen gehört die Welt.

Drum: Sei mutig, wild und wunderbar – und die Welt ist auf deiner Seite!

9. April

„Die Gesundheit des Leibes und die Beruhigtheit der Seele ist die Erfüllung eines seligen Lebens.“ (Epikur)

Wir kennen es alle: Kaum schmerzt ein Zahn, der Kopf oder der Bauch, geht alle Aufmerksamkeit dahin und die Ruhe ist es ebenfalls: Dahin. Wir leiden, überlegen, was wir tun können, damit die Schmerzen aufhören, bemitleiden uns ein wenig vielleicht. Die Gedanken rasen hin und her, kommen nicht zur Ruhe. Ebenso ist es, wenn etwas unsere Seele plagt. Wir befinden uns im Strudel der Gedanken und davon ausgelösten Gefühlen. Weit weg vom inneren Frieden.

Was wir also tun können, wollen wir diesen finden: Darauf achten, bei möglichst guter Gesundheit zu bleiben (und diese auch zu schätzen, wenn wir sie haben) und immer wieder den Geist zur Ruhe bringen. Kleine Oasen der Achtsamkeit und des Innehaltens können schon ausreichen, wir müssen uns die Zeit dazu nur nehmen. Eine gute Methode kann ein Wecker sein, der in gewissen Abständen klingelt und uns daran erinnert, dass es Zeit ist, kurz ruhig durchzuatmen.

Lebensschichten

Manchmal seh ich mich
als Tulpenzwiebel,
Schicht um Schicht und
irgendwo ein Kern.

Von aussen unsichtbar,
doch tief gefühlt.

Ich entferne Blatt für Blatt
und dringe vor,
entdecke mich selbst
im kurzweiligen Tun.

Gedankenlos hingegeben
und doch ganz ich.

Es ist, als ob ich auferstünde
aus den Gräbern meines Seins,
in Normen gepresst
und Regeln von aussen.

Man kennt mich da nicht,
drum passen sie nicht

Ich lege sie ab, all diese
Zwänge, Ge- und Verbote,
und lasse nach aussen,
was drinnen ich fand.

Ich lebe mein Leben
als wie ein Spiel.

Es gibt sehr wohl Regeln,
vor allem Gefühl,
es gibt viel, das Spass macht,
und Freude, auch Ernst.

Es ist eine Mischung,
es ist, wie ich bin.

©Sandra Matteotti

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Für die abc.etüden, Woche 15/16 des Jahres 2019: Die Worte stammen in dieser Woche von Veronika und ihrem Blog Vrojongliert und lauten: Tulpenzwiebel, kurzweilig, auferstehen

Der obligatorische Etüden-Disclaimer: Die Headline heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Der Ursprungspost: HIER

Ich schaffe mir meine Welt

oder: Heute wird ein schöner Tag

Wenn wir durchs Leben gehen, nehmen wir uns wahr als den Mittelpunkt all unseren Seins und Denkens. Alles, was wir sehen, ist um uns, bei allem, was wir tun oder gedenken zu tun, denken wir uns als den, der es tut. Und, alles, was wir erleben, erleben wir, weil die Welt ist, wie sie ist, und sie als solche auf uns einwirkt.

Wenn uns jemand fragt „Wer bist du?“, nennen wir unseren Namen, den Beruf, unser Muttersein oder die Nationalität. Wir zählen Eigenschaften auf und Besitztümer, Wohnorte und Rollen. Wir definieren uns anhand von Kategorien und Merkmalen, die wir uns zuschreiben, von denen wir denken, sie entsprechen uns, sie machen uns gar aus. Ich bin das. Ich bin so.

Im Buddhismus lernen wir, dass dem nicht so ist. Erstens sind wir viel mehr, als wir denken zu sein. Unser Körper, das, was wir unser Leben und unser Ich nennen, sind nur die äusseren Merkmale von etwas viel Grösseren, das tief in uns ist. Und: Die Welt um uns, ist nicht einfach, wie sie ist. Sie wirkt nicht einfach als etwas absolut Feststehendes auf uns ein. Wir selber erschaffen die Welt um uns erst.

Wir sind, was wir denken.
Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken.
Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.

(Buddha)

Die Art, wie wir uns fühlen, die Art, wie wir die Welt ansehen, so wirkt sie auf uns zurück. Unvorstellbar? Aber: Die Erkenntnis ist wahrlich nicht neu, wir müssen nicht mal in den Osten reisen, sondern können auch in unseren Breitengraden in der Zeit zurückgehen. Schon Immanuel Kant sagte, dass die Gegenstände in der Welt nur als Reflex des Menschen auf diese erscheinen. Er sah die Wahrnehmung als Mischung von Sinneseindrücken und inneren Zuständen. Die Welt erscheint uns dabei immer so, wie WIR sie wahrnehmen. Kleist packte das in anschauliche Worte:

Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr — und alles Bestreben, ein Eigenthum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich —[1]

Wie wir die Welt sehen, hängt also von uns selber ab. Daraus nun zu schliessen, dass man dann nur eine rosarote Brille anziehen müsste und alles nur noch schön und ohne Schmerz sei, wäre zu kurz gegriffen. Schade, aber nicht schlimm, denn: Es bleibt ganz viel Gutes bestehen.

Wir können nicht alles steuern, was passiert auf dieser Welt. Ganz vieles, das nicht schön ist, das Schmerzen bereitet, können wir nicht ändern. Was wir aber ändern können, ist unsere Sicht auf die Dinge. Wir messen ihnen den Wert zu. Wir geben ihnen den Platz in unserem Leben. Es liegt an uns, woran wir uns reiben, worüber wir uns aufregen, was uns den Schlaf raubt, weil wir es immer und immer wieder im Kopf drehen. Wir haben es in der Hand, wie wir auf die Welt reagieren. Wir haben es auch in der Hand, ob wir nur die Müllablagerungen, grimmige Menschen und die zerzauste Frisur am Morgen im Spiegel sehen, oder aber die Blumen am Strassenrand, das Lächeln eines Kindes und das fröhliche Schwänzeln unseres Hundes. Je nachdem, wem oder was wir unsere Aufmerksamkeit schenken, wird das Fazit unseres Tages anders ausfallen.

Vielleicht beschliessen wir einfach mal schon am Morgen, dass es ein guter Tag wird? Vielleicht gehen wir mit offenen Augen durch den Tag und sagen uns innerlich immer, wenn etwas Schönes passiert:

Das ist schön.

Und vielleicht setzen wir uns am Abend mit einer Tasse Tee hin, lassen den Tag vor dem inneren Auge nochmals ablaufen und rufen uns all die schönen Dinge wieder ins Gemüt. Und vielleicht können wir uns dann sagen:

Das war ein schöner Tag.

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[1] in einem Brief an seine Verlobte, Wilhelmine von Zenge

8. April

„Was ohne Ruhepausen geschieht, ist nicht von Dauer.“ (Ovid)

Wenn man im Sport Muskeln aufbauen will, muss man ein gezieltes Training einhalten, zu welchem auch die nötigen Pausen gehören, damit die Muskeln regenerieren können. Hält man die nicht ein, frisst sich der Muskel quasi selber auf, weil ihm die Energie von aussen fehlt für den Aufbau, er also Energie aus sich selber holt.

Ressourcen sind immer beschränkt. Es gilt, sie zu nutzen und immer darauf zu achten, sie auch wieder aufzufüllen. Denn: Woher soll Energie kommen, wenn alle aufgebraucht ist? Immer mal wieder Innezuhalten, Kraft zu tanken, ist keine verlorene Zeit, sondern der Schlüssel zum Erfolg.

Franz M. Wuketits: Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion

Die Grundthese dieses Buches lautet: Die Vorstellung vom freien Willen ist eine Illusion. Aber Illusionen sind durchaus nützlich. Sie können als Resultate der Evolution durch natürliche Auslese gedeutet werden und haben ihren Sinn im Dienste des Überlebens.

Seit Jahrhunderten grenzt sich der Mensch vom Tier durch seinen freien Willen ab. Schwinden die Grenzen und Unterscheidungskriterien immer mehr, so bleibt der Glaube an den freien Willen, der dem Menschen eigen ist, beharrlich bestehen. Die biologischen und vor allem die neurologischen Erkenntnisse der letzten Jahre sprechen eine andere Sprache. Experimente zeigen auf, dass einer Handlung ein Willensakt vorausgeht und diesem wiederum das Bereitschaftspotenzial.

Ist der Mensch nur eine Verkettung von Synapsen? Alles Handeln gesteuert von Hormonen, Genen und biologisch dem Überleben geschuldeten Veranlagungen? Kann man gar nicht frei wählen, was man will, sondern gründet Wollen immer auf Erfahrungen, Ereignissen, Veranlagungen, Zwängen? Und wenn ja, was wäre mit den Begriffen von Schuld und Sühne? Wer hätte die Verantwortung für Unrecht? Wären Gesetze überholt, da keiner anders tun kann, als er tut?

Wuketits kommt zu diesem Schluss, er führt menschliches Verhalten und Handeln auf biologische Ursachen zurück, da alles schlussendlich Ausdruck der Biologie ist und alles nur durch die natürliche Auslese besteht. Da der Mensch aber ein soziales Wesen ist, gilt es, das Miteinander zu regeln und den einzelnen Menschen vor den anderen zu schützen. Aus diesem Grund bedarf es der Gesetze und Normen, die nicht mehr Strafe und Rache darstellen sollen, sondern Schutzcharakter haben. Akzeptiert werden sie von den Amoralischen deswegen, da sie diesen Schutz für sich selber auch wollen. Trotz biologischer Prägung ist der Mensch fähig, moralisch und unmoralisch zu handeln, kann eine Sicht von Moral entwickeln.

Doch auch wenn unser Wille nicht frei ist – wovon wir nunmehr ausgehen dürfen -, werden wir keineswegs von jeder Verantwortung entbunden. Als soziale Lebewesen bleiben wir mit der Fähigkeit zu moralischem und unmoralischem Handeln ausgestattet.

Nur danach handeln kann er nicht frei – nach der von Wuketits vertretenen Meinung –, er ist quasi biologisch und evolutionär getrieben.

Die gute Nachricht ist, dass der Mensch lernfähig ist und sich ändern kann. Dieses Lernen basiert wohl wieder auf Erfahrungen, die dann das nächste Verhalten mit steuern. Die Aussicht auf Strafe reicht aber, so Wuketits, nicht aus, um den Menschen zu verändern. Begründet wird dies mit dem Blick auf Länder mit Todesstrafe, welche die Verbrecher nicht von ihren Taten abhält.

Der freie Wille ist also blosse Illusion. Als solche ist er aber, so Wuketits, durchaus nützlich, da er den Menschen antreibt, ihm ein gutes Gefühl gibt. Zudem hätte diese Illusion nicht überlebt, wäre sie nicht zum Überleben brauchbar – so die evolutionäre Begründung.

Neben dem freien Willen ist auch das Ich eine Illusion. Eine bloss funktionale Realität des Gehirns. Irgendetwas handelt aber unbestritten, ob frei oder unfrei. Eine Materie setzt sich im Handeln in Bewegung. Diese Materie ist mit einem Gehirn (auch Materie) ausgestattet, in welchem ein Bewusstsein sitzt, das wahrnimmt, was um die Materie vorgeht und auch teilweise, was in der Materie vorgeht. Dieses Ganze von Materie und Bewusstsein (mitsamt sämtlicher genetischen, hormonellen, evolutionär überlebenden Prägungen) nennen wir Ich. Dies alles als Illusion und quasi nicht existent zu sehen, führte zu der Frage: Was lebt, wenn alles Illusion ist? Was genau ist daran die Illusion? Sind das alles nicht nur sprachliche Spitzfindigkeiten, die schlussendlich auf das eigentliche Leben wenig Einfluss haben?

Ein informatives Buch, gut lesbar geschrieben, breit abgestützt und inhaltlich begründet. Wuketits Werk bringt das menschliche Selbstverständnis ins Wanken und lässt Fragen nach Schuld, Moral und Recht aufkommen. Die Begründungen in diesem Bereich sind zu flach, zu wenig fundiert und damit philosophisch unhaltbar. Die Basis für eine weitergehende philosophische Diskussion ist damit aber gelegt, die Fragen „Was ist ein Mensch? Wie soll er handeln? Was ist Schuld? Wer trägt die Verantwortung?“ liegen neu zur Beantwortung bereit. Staats- und Rechtsphilosophie sowie Ethik sind gefordert, Stellung zu beziehen.

Fazit:

Einige Hypothesen stehen unbegründet, gewisse Schlussfolgerungen sind zu wenig abgestützt, trotzdem erscheint der Autor kompetent und belesen. Er argumentiert schlüssig und verweist auf die für seine These notwendigen Erkenntnisse in verschiedenen Wissenschaftsgebieten. Absolut lesenswert – wenn auch verwirrend (was am Thema, nicht am Buch liegt).

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 181 Seiten

Verlag: S. Hirzel Verlag

Preis: EUR 24.80 / CHF 35.90

Franz M. Wuketits: Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2008.

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Erziehung heute – oder: Gegen die menschliche Natur

Wenn Kinder zur Welt kommen, herrscht landläufig Einigkeit darüber, dass diese erzogen werden müssen – schliesslich sollen sie Mitglieder einer Gesellschaft werden und sich darin auch bewegen können. Erziehung geht immer von der menschlichen Natur aus, vom Verständnis davon, wie diese ist, und wird dann verstanden als die Möglichkeit, Menschen in einer bestimmten Art und Weise zu formen, um sie dadurch zu sozialisieren.

Es liegt auf der Hand, dass man, um den Menschen in einer ihm in seinen Anlagen entsprechenden Weise zu erziehen, von einer Frage ausgehen muss, die zugleich die wohl zentralste in der Philosophie ist:

Was ist der Mensch?

Nun driften schon die Ansichten darüber, was der Mensch von seiner Natur her sei, auseinander. Die Bandbreite reicht vom in seinen Anlagen bösen Wesen (Homo homini lupus est) über die neutrale Sicht (tabula rasa) bis hin zum in den Grundzügen guten Menschen. Nimmt man nun noch die kulturell unterschiedlichen Ansichten dazu, wie ein sozialisierter und in die jeweilige Kultur und Gesellschaft passender Mensch zu sein hat, verwundert es nicht, dass man sich mit einer grossen Bandbreite an möglichen Erziehungsmodellen konfrontiert sieht.

Betrachtet man die heutige Gesellschaft, scheint der Mensch ein Rad in einer Maschine zu sein, ein Leistungserbringer in einer immer mehr fordernden Maschinerie. Er wird von aussen danach beurteilt, wie gut seine Leistungen sind, wie stark er sich in die für ihn vorgesehene Struktur einpassen kann. Es liegt auf der Hand, dass der Mensch selber sein Selbstbild auch davon abhängig macht, zumal Menschen immer auch von der Bestätigung von aussen abhängig sind in ihrem Selbstbild.

Immanuel Kant stellte einst folgende Maxime auf:

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“*

Diese Maxime erfüllen wir in unserer heutigen Gesellschaft und den von ihr geprägten Blick auf die Natur des Menschen definitiv nicht. Das ist nicht neu. Die Tendenz, den Menschen und seine Natur und damit die in ihm angelegten Möglichkeiten nach den Bedürfnissen der Gesellschaft zu definieren, auf welche der Mensch durch Erziehung ausgerichtet werden sollte, liegt auf der Hand. Durch die sich immer wieder wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnisse änderte dadurch auch die Ansicht über die Natur des Menschen.

Nun sind Lebewesen zwar in der Tat anpassungsfähig, dadurch sichern sie ihren Fortbestand in sich verändernden Umgebungen, allerdings ist diese Anpassungsfähigkeit nicht beliebig und schon gar nicht durch äusserlichen, der wahren Natur entgegenlaufenden Zwang zu bewirken. Gewisse Faktoren der menschlichen Natur sind unveränderlich, so zum Beispiel die notwendige Befriedigung bestimmter körperlicher Bedürfnisse oder der Bedarf an zwischenmenschlichen Beziehungen zur Vermeidung der seelischen Vereinsamung. Daraus resultiert ein Menschenbild, das zwar in gewissen Belangen durchaus formbar ist durch äussere Faktoren, das aber der Rücksicht auf die in der menschlichen Natur angelegten unveränderlichen Anlagen bedarf.**

Lebendige Systeme streben immer danach, sich zu vervollkommnen, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen. Der Mensch bildet da keine Ausnahme. Dies sieht man schon bei kleinen Kindern, die zuerst nur auf dem Rücken liegen, schon bald aber ihre Möglichkeiten ausbauen wollen, um sich fortzubewegen. Was auf einer körperlichen Ebene so deutlich sichtbar ist, passiert auch auf der von aussen weniger sichtbaren geistigen Ebene. So gesehen kann man also davon ausgehen, dass der Mensch (dazu)lernen will, dass Lernen in seinen Anlagen steckt, man ihn nicht erst dazu erziehen muss.

Das sieht die heutige Schule anders. Sie will Kinder dazu bringen, das für sie Wichtige und (vermeintlich) Richtige zu lernen. Das tut sie mit der menschlichen Natur nicht angemessenen Strukturen und Mitteln. Sie füllt kleine Kinderköpfe mit Wissen nach in Lehrplänen festgehaltenem Umfang auf, will etwas nicht rein, wird das Kind abgestuft, es genügt den Anforderungen offensichtlich nicht. Es sind nicht mehr kindliche Neugier und Wissbegier gefragt, sondern Kinder werden konditioniert und in repressive Strukturen eingeschlossen, was die menschliche Entfaltung behindert, wenn nicht gar verhindert.

Nun gibt es durchaus Kinder, die mit diesen Methoden umgehen können, die (dadurch oder trotzdem) zu gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen. Viele Kinder bleiben dabei aber auf der Strecke. Während einige zwar noch die Leistungen erbringen, dabei aber psychisch leiden, fallen andere ganz durch die Maschen und werden zu so genannten Schulversagern. Betrachtet man die Menge an therapierten Kindern, spricht diese Zahl eine deutliche Sprache. Wenn bereits Kinder verhaltensgestört, enttäuscht, unzugänglich, depressiv sind, spricht dies dafür, dass Kindern etwas angetan wird. Betrachtet man des Weiteren die zunehmenden psychischen Erkrankungen im Erwachsenen-Alter (bis hin zur Selbstmordrate auch bei so genannt erfolgreichen Managern), wird noch offensichtlicher, dass etwas falsch läuft.

Ein Umdenken ist dringend nötig. Kinder werden frei und mit vielen Möglichkeiten und Anlagen geboren. Es gilt, sie in der Entfaltung dieser Möglichkeiten und Anlagen zu begleiten, sie mit ihrer Neugier ernst zu nehmen und diese zu befeuern. Es gilt als Schule und vor allem für Lehrer, mit Kindern in Beziehung zu treten und Fähigkeiten und Werte zu fördern, statt reine Wissensvermittler zu bleiben. Wir wissen nicht, welches Wissen in der Welt von morgen gefragt ist, zu schnell entwickelt sich alles. Was immer gefragt bleiben wird, sind Fähigkeiten und Werte. Es geht darum, Menschen lernfreudig zu erhalten, ihre Fähigkeiten zur Empathie, Kooperation, Freude und Liebe zu empfinden zu stärken. Es geht darum, das Gefühl für die eigene Identität und Individualität zu stärken, da nur ein starkes Individuum auch ein starkes Mitglied eines Miteinanders (und damit einer Gesellschaft) ist.

Auf diese Weise haben wir eine Chance, Kinder gesund aufwachsen zu sehen, haben wir eine Chance, dass aus diesen gesunden Kindern gesunde (und dadurch auch leistungsfähige) Mitglieder der Gesellschaft werden. Leistung ist dann etwas, das jeder von sich aus erbringen will qua seines Menschseins, denn im Menschsein ist Tätigsein angelegt, nicht etwas, das durch Zwang und Unterdrückung von aussen auferlegt wird.

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* Vgl. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
**Vgl. dazu Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit

7. April

„Man muß bisweilen fünf gerade sein lassen.“ (Deutsches Sprichwort)

Es gibt so Tage, da wachsen die Listen der zu erledigenden Dinge in den Himmel. Wir stehen davor und denken: Wie soll ich das nur alles schaffen. Und ja, vielleicht ist nicht alles zu schaffen, vor allem nicht alles an einem Tag. Und wenn wir dann etwas nicht geschafft haben, gehen wir mit uns ins Gericht.

Aber: Statt zu verzweifeln oder hinterher zu schimpfen, hilft es, Prioritäten zu setzen:

  • Was duldet keinen Aufschub?
  • Was kann auch noch morgen erledigt werden?
  • Was kann ich delegieren?
  • Was ist eigentlich generell überflüssig und könnte gestrichen werden?
    • Muss die Wohnung wirklich auf Hochglanz poliert sein oder reicht sauber auch?
    • Müssen auch Unterhosen gebügelt werden, damit man im Falle eines Unfalls einen guten Eindruck macht?

Und dann heisst es: Nichts wie los mit gutem Mut und Zuversicht.

Achtsame Kommunikation: Was ist ein philosophischer Dialog?

„Das grösste Problem in der Kommunikation ist die Illusion, sie hätte stattgefunden.“ (George Bernhard Shaw)

Wir reden den ganzen Tag viel und oft aneinander vorbei. Achtsame Kommunikation kann Beziehungen retten, das Verhältnis am Arbeitsplatz angenehmer und damit auch die Arbeit produktiver machen, das Leben mit sich allein und im Miteinander friedlicher gestalten.

Oft nutzen wir Gespräche nur zum Informationsaustausch. Ich habe etwas zu sagen, der andere soll es hören. Und meist bin ich davon überzeugt, dass meine Meinung, meine Information richtig ist. Ich will den anderen davon überzeugen. Dieser aber geht mit derselben Haltung daran. Er hat seine Meinung, die hält er entgegen. Im besten Fall teilen wir eine Meinung und nicken uns wohlwollend zu.

Wie viel ist uns entgangen. Wir haben nichts über den anderen erfahren, nichts über uns selber, keine neue Sicht dazugewonnen – wir stehen noch immer am selben Punkt wie vorher, es flossen nur ein paar Worte hin und her.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Er erfordert aber auch mehr. Ein wirklicher Dialog bedingt, dass wir einander begegnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir lassen uns auf den anderen ein als der, welcher er ist. Wir nehmen ihn ernst und wissen uns selber auch ernst genommen. Wir sind offen dafür, was er zu sagen hat, setzen ihm nicht gleich unsere Sicht entgegen. Wir sind offen für seine Botschaft, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Beide kommentieren oder werten wir nicht gleich. Wir nehmen beides wahr. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen.

Ein wirklicher Dialog hilft, unsere doch sehr begrenzte Sicht zu erweitern. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Sicht – auf sich und auf die Welt. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert. Erst durch den anderen können wir überhaupt auch etwas über uns selber erfahren, denn: Die blindesten Flecken haben wir bei uns selber. Andere zeigen sie uns auf – weil wir durch sie uns selber besser wahrnehmen. Wir brauchen andere Menschen, ohne sie wären wir nichts, ganz sicher nicht lebensfähig.

Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Dinge:

  • die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
    • Begegnung auf Augenhöhe
    • die Bereitschaft, sich selber einzubringen
    • Authentizität in Wort und Gefühl
    • direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
    • Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
    • Wirkliches Zuhören
    • Gegenseitiger Respekt
    • Offenheit
    • Verantwortung übernehmen
    • Gegenseitiges Lernen
    • Mitgefühl

Nur wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen, als Mensch zu Mensch, wenn wir aktiv zuhören und präsent sind, offen bleiben gegenüber anderen Sichtweisen und Meinungen und nicht nur auf vorgefertigte Meinungen und Muster zurückgreifen, kann achtsame Kommunikation entstehen.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Wir sind offen für die Botschaft des anderen, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert.

Achtsame Kommunikation wird etwas verändern. Bei allen Beteiligten.

Zum Angebot: Achtsame Kommunikation