Ich schaffe mir meine Welt

oder: Heute wird ein schöner Tag

Wenn wir durchs Leben gehen, nehmen wir uns wahr als den Mittelpunkt all unseren Seins und Denkens. Alles, was wir sehen, ist um uns, bei allem, was wir tun oder gedenken zu tun, denken wir uns als den, der es tut. Und, alles, was wir erleben, erleben wir, weil die Welt ist, wie sie ist, und sie als solche auf uns einwirkt.

Wenn uns jemand fragt „Wer bist du?“, nennen wir unseren Namen, den Beruf, unser Muttersein oder die Nationalität. Wir zählen Eigenschaften auf und Besitztümer, Wohnorte und Rollen. Wir definieren uns anhand von Kategorien und Merkmalen, die wir uns zuschreiben, von denen wir denken, sie entsprechen uns, sie machen uns gar aus. Ich bin das. Ich bin so.

Im Buddhismus lernen wir, dass dem nicht so ist. Erstens sind wir viel mehr, als wir denken zu sein. Unser Körper, das, was wir unser Leben und unser Ich nennen, sind nur die äusseren Merkmale von etwas viel Grösseren, das tief in uns ist. Und: Die Welt um uns, ist nicht einfach, wie sie ist. Sie wirkt nicht einfach als etwas absolut Feststehendes auf uns ein. Wir selber erschaffen die Welt um uns erst.

Wir sind, was wir denken.
Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken.
Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.

(Buddha)

Die Art, wie wir uns fühlen, die Art, wie wir die Welt ansehen, so wirkt sie auf uns zurück. Unvorstellbar? Aber: Die Erkenntnis ist wahrlich nicht neu, wir müssen nicht mal in den Osten reisen, sondern können auch in unseren Breitengraden in der Zeit zurückgehen. Schon Immanuel Kant sagte, dass die Gegenstände in der Welt nur als Reflex des Menschen auf diese erscheinen. Er sah die Wahrnehmung als Mischung von Sinneseindrücken und inneren Zuständen. Die Welt erscheint uns dabei immer so, wie WIR sie wahrnehmen. Kleist packte das in anschauliche Worte:

Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr — und alles Bestreben, ein Eigenthum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich —[1]

Wie wir die Welt sehen, hängt also von uns selber ab. Daraus nun zu schliessen, dass man dann nur eine rosarote Brille anziehen müsste und alles nur noch schön und ohne Schmerz sei, wäre zu kurz gegriffen. Schade, aber nicht schlimm, denn: Es bleibt ganz viel Gutes bestehen.

Wir können nicht alles steuern, was passiert auf dieser Welt. Ganz vieles, das nicht schön ist, das Schmerzen bereitet, können wir nicht ändern. Was wir aber ändern können, ist unsere Sicht auf die Dinge. Wir messen ihnen den Wert zu. Wir geben ihnen den Platz in unserem Leben. Es liegt an uns, woran wir uns reiben, worüber wir uns aufregen, was uns den Schlaf raubt, weil wir es immer und immer wieder im Kopf drehen. Wir haben es in der Hand, wie wir auf die Welt reagieren. Wir haben es auch in der Hand, ob wir nur die Müllablagerungen, grimmige Menschen und die zerzauste Frisur am Morgen im Spiegel sehen, oder aber die Blumen am Strassenrand, das Lächeln eines Kindes und das fröhliche Schwänzeln unseres Hundes. Je nachdem, wem oder was wir unsere Aufmerksamkeit schenken, wird das Fazit unseres Tages anders ausfallen.

Vielleicht beschliessen wir einfach mal schon am Morgen, dass es ein guter Tag wird? Vielleicht gehen wir mit offenen Augen durch den Tag und sagen uns innerlich immer, wenn etwas Schönes passiert:

Das ist schön.

Und vielleicht setzen wir uns am Abend mit einer Tasse Tee hin, lassen den Tag vor dem inneren Auge nochmals ablaufen und rufen uns all die schönen Dinge wieder ins Gemüt. Und vielleicht können wir uns dann sagen:

Das war ein schöner Tag.

______

[1] in einem Brief an seine Verlobte, Wilhelmine von Zenge

7 Comments

Schreibe einen Kommentar

  1. Vera Birkenbihl hat dazu einmal eine sehr anschauliche Vorlesung gehalten. Die Filter, die wir zwischen Innen- und Außenwelt packen, bestimmen die Wahrnehmung. Diese Blenden sind konstruiert aus Erwartungen, Erinnerungen, Verletzungen unter Umständen und all dem, was wir bisher erlebten. Nur was da durch dringt, kommt bei uns an – und das muss nicht die Wahrheit sein. Unabhängig davon lehrt uns der Konstruktivismus, dass selbst das, was durchdringt nur physikalische Impulse sind und unser Hirn bastelt daraus das Bild der Welt. Der Eindruck einer objektiven Wahrnehmung der Welt ist also auf so vielen Ebenen verkehrt. Trotzdem reden wir miteinander über Dinge, von denen wir glauben, dass der andere sie so wahrnimmt wie wir. Dass wir trotzdem nicht dauernd streiten uns uns irgendwie verständigen können, darf schon fast als Wunder angesehen werden. Danke für den Denkimpuls. Liebe Grüße, Alice

    Gefällt 2 Personen

    • Ich danke dir für deinen Kommentar und auch für den Hinweis auf Birkenbühl, die ich sehr mag. Ich denke, wir sind das, was wir uns erzählen, Paul Ricoeur hat das als narrative Identität beschrieben. Das Schöne daran ist, dass uns so ganz viele Geschichten zur Verfügung stehen – wir müssen sie nur sehen. Das Ändern einer Geschichte kann auch neue Perspektiven eröffnen, gerade dann, wenn wir denken, festzustecken.

      Und ja, dass wir uns untereinander verstehen, ist oft ein Wunder, ist doch jeder anders, geht aber irgendwo davon aus, dass der andere doch ein wenig wie man selber ist. Hannah Arendt nannte schon das Denken einen Dialog von zweien, die sich in einem befinden, wie viele reden dann bei mehreren durcheinander? 😉
      Liebe Grüsse, Sandra

      Gefällt 3 Personen

      • Das ist ein schöner Blickwinkel, ich glaube, deshalb erzähle ich so gerne Geschichten. Und bei den Rückmeldungen bin ich ganz fasziniert, was der andere da erlesen hat, wo sein Fokus lag. Und das Denken, wir alle sind mehr als einer. Ich spiele auf meinem Blog mit meinen beiden Identitäten, der Bianka, die ziemlich normal lebt und meinem alter Ego, Alice, die hinter dem Spiegel hervorgekrochen kam und mir ihren Blick auf die Welt schenkt. Lieben Gruß, Alice

        Gefällt 2 Personen

  2. Danke, Sandra, für dieses immer wieder wichtige Thema!
    Unser Weltbild ist ja an die Physik (des 19. Jahrhunderts) geknüpft. Den springenden Punkt beschreibt Werner Heisenberg (unisono mit Wolfgang Pauli oder Niels Bohr): Physik ist nicht die Beschreibung der Natur, sondern unseres Sehens der Natur. Die Frage, ob es den Mond gibt, wenn niemand hinschaut ist genauso sinnlos wie die Frage, ob es Gott gibt. Darum geht es in der Physik nicht und auch in den Religionen nicht.
    Die Frage ist, wie funktioniert unsere Wahrnehmung? (Und die Frage der Religionen: (Wie „funktioniert“ Menschwerdung). Das ist aber nicht die Frage: Wie sehe ICH die WELT? Diese falsche Frage kann nur zu falschen Antworten führen, und derer gibt es genug.
    Es gibt Dinge/Objekte so wenig wie es ein isoliertes Ich gibt. Das sagen nicht nur Yoga und Buddhismus, sondern auch die Physik des 20. Jahrhunderts. Wir müssten von einem Wahrnehmungsfeld ausgehen, das Hirn, Körper und Umwelt umfasst. Da irgendwo eine Grenze zu ziehen hat nichts mit der „Natur“ zu tun, in der es keine Grenzen gibt.
    In der Mikrowelt gibt es keine Teilchen, „sondern nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“ (Hans-Peter Dürr). Und in unserer Lebenswelt gibt es keine isolierten Ichs, sondern ebenfalls nur Beziehung. Da weiterzudenken wäre wirklich konstruktiv…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s