Arthur Schnitzler: Blumen

Innerer Monolog eines Mannes, der einer verflossenen Liebe gedenkt. Er denkt an ihre letzte Begegnung, denkt an den Abschied, an die Gefühle, die schon lange schweigen. Er erfährt von ihrem Tod, der ihm nichts bedeutet. Er fühlt sich gefühllos, hart. Alles ist kalt, alles ist tot, bis er Blumen erhält. Wie jeden Monat an einem bestimmten Tag, ihrem gemeinsamen Tag. Diesen Blumen gegenüber empfindet er all die Gefühle, welche er vorher nicht zulassen konnte. Er steht in ihrem Bann, sieht sie langsam verwelken, kann sich nicht trennen. Und er merkt, dass er alles beherrschen konnte und kann in seinem Leben, nur die eigene Erinnerung nicht. Und diese Erinnerung haftet an den Blumen.

Gespenster! – Sie sind, sie sind! – Tote Dinge spielen das Leben. Und wenn welkende Blumen nach Moder riechen, so ist das nur Erinnerung an die Zeit, wo sie blühten, dufteten. Und Gestorbene kommen wieder, solange wir sie nicht vergessen. 

Eine Geschichte über die Macht der Gedanken. Arthur Schnitzler, im Denken Freud und seiner Psychologie verwandt, zeigt auf, wie das Unbewusste sich an Dinge klammert, die man im Bewusstsein unterdrückt. Erst wenn man sie durchlebt, sie verarbeitet, kann man sich von ihnen befreien. Die Blumen in dieser Geschichte dienen als äusserer Anstoss für diese Arbeit an der Vergangenheit und an den eigenen Gefühlen. Oft ist es einfacher, die inneren Konflikte im Aussen zu sehen und zu lösen. Sinnbildlich für das Innen. Das Innen wird dem Aussen folgen.

Fazit: 

Eine grossartige Charakterstudie eines tiefgründigen Schriftstellers.

(Arthur Schnitzler: Blumen, in: Arthur Schnitzler: Fräulein Else, Fischer Taschenbuch Verlag, 17. Auflage, Frankfurt am Main 2000.)

Anna Stothard: Pink Hotel

Der eigenen Geschichte auf der Spur

Sie war siebzehn, als sie verschwand, drei jahre nach meiner Geburt. […] Als ich von ihrem Tod erfuhr, kam sie mir das erste Mal halbwegs real vor.

Eine junge Frau erfährt mit 17 Jahren, dass ihre Mutter Lily, die vor 14 Jahren abgehauen ist, gestorben ist. Aufgewachsen beim Vater, der sich kaum um sie gekümmert hat, suchte sie Zuflucht im Schmerz und in Prügeleien, welche ihr berechenbarer vorkamen als Gefühle, welche sie nie wirklich kennen lernte. Das eigene Leben steckt in einer Sackgasse, nachdem sie von der Schule geflogen ist. Mit der geklauten Kreditkarte macht sich die junge Frau auf den Weg nach Los Angeles und will da mehr über ihre Mutter erfahren.

Im pinken Hotel ihrer Mutter stösst sie auf deren Totenwache, eine Party mit Menschen, welche durch Alkohol und Drogen mehr oder weniger weggetreten sind. Um ein Andenken an ihre Mutter zu haben, klaut sie deren roten Koffer und verlässt die Totenwache, wird dabei allerdings gesehen und später deswegen verfolgt. Eine Reise in die eigene Vergangenheit beginnt. Die junge Frau sucht die Menschen auf, welche ihre Mutter gekannt haben und kommt ihr so durch die Erzählungen näher. Und jedes Mosaiksteinchen hin zum Bild der Mutter bringt sie auch näher zu sich selber. Auf ihrer Suche nach der Mutter und sich selber trifft sie auch auf die Liebe. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie ein Gefühl wie dieses. Doch noch immer traut sie ihm nicht, braucht den Schmerz, sucht ihn.

Ich liebte ihn. Meine Haut sehnte sich danach, dass er mir weh tat, doch ich bat ihn nicht darum. Mir war zwar bewusst, dass ich beim war, ihn küsste, ihn berührte, doch manchmal wollte ich für unsere Verbindung und für meine physische Existenz stärkere Beweise haben. Ich existierte mehr, wenn er mich berührte. Doch ich war auf Schmerzen aus. Ich wollte den beweis, den Schmerz, die rauschhafte Gewissheit haben, mit einem anderen Menschen verbunden zu sein.

Eines Tages ist der Mann, den sie liebt, weg und ihre Suche nach der Mutter geht weiter. Die Antworten, welche sie auf ihre Fragen kriegt, bringen eine schreckliche Wahrheit ans Licht.

Ich glaube, es ist wirklich sehr schwierig, sich mit der Wahrheit auszukennen. Die Wahrheit zu sagen, ist genauso schwierig wie sie in einem anderen Menschen zu erkennen.

Die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach sich selber. Über einige Unstimmigkeiten und sprachliche Fehler schaut man gerne hinweg. Man findet sich im Sog dieser Suche der Tochter, welche die nie gekannte Mutter kennen lernen will, um so auch mehr über sich zu erfahren. Man sieht auf diesem Weg, wie zwei völlig unterschiedliche Wesen immer ähnlicher werden. Die junge Frau, die durch die ganze Geschichte hindurch namenlos bleibt, entwickelt sich von einem unscheinbaren Wesen, das von andern übersehen und nicht wahrgenommen wird, hin zu einer Frau, die ihren Weg für sich findet. Als Leser kann man teilhaben an ihrem reichen und nachdenklichen Innenleben, sieht ihre Kreativität, ihre Intelligenz aber auch ihre Sensibilität, Verletzlichkeit und Verletztheit. Manchmal möchte man sie in den Arm nehmen und beschützen, manchmal bangt man um sie. Eine Figur, die mit viel Liebe gezeichnet ist und die einem ans Herz wächst, auch wenn sie nicht immer nachvollziehbar handelt. Vielleicht auch gerade darum.

Fazit:

Ein Buch, das einen in eine kaputte Welt voller Schmerz, Drogen und Sumpf entführt, dabei aber nie moralisierend, abstossend oder platt wirkt. Die Geschichte packt einen und lässt einen nicht mehr los. Absolut lesenswert.

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Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 355 Seiten

Verlag: Diogenes Verlag (September 2012)

Übersetzung: Hans M. Herzog & Astrid Arz

Preis: EUR: 14.90 ; CHF 24.90

 

So bin ich

Wenn alles schläft
und niemand wacht,
Ruh’ sich senkt
und Stille lacht,
erwacht mein Geist
und trägt mich fort
in Welten weg,
die sonst verwehrt,
und warten drauf,
mir Raum zu sein,
der nur entsteht,
Wenn alles schweigt.

Wenn alles schläft,
und niemand wacht,
der Vorhang fällt,
die Zeit erwacht,
die meine ist,
nur mir allein,
ich füll’ sie aus,
nehme sie ein,
erwache selbst,
aus Alltagstrott
und tauche ein
in meinen Hort.

Wenn alles schläft
Und niemand wacht,
Gedanke fliesst,
und Freud’ entsteht,
das Herz mir tanzt
im Busen wild,
der Kopf wird heiss
die Kunst nur spriesst,
entsteht mein Leben,
täglich neu,
ich lebe auf,
ich bleib mir treu.

Wenn du weg bist

Nicht Kilometer trennen,

die Seelen treiben weg.

Wo vorher Liebe war und Licht,

ist Stille bloss und Leere.

Wolken hangen, tief und dunkel,

statt der Sonne, die du warst.

Tage, die schier endlos scheinen,

ausgelutscht und öde nun.

Einsamkeit – sie will erdrücken,

Ersticken droht mir – nach und nach;

Ich will es schreien, dass du’s hörst,

doch es bleibt still, es kommt kein Ton.

Und plötzlich fühl’ ich mich nur  noch allein,

sollt’ es das gewesen sein?

In guten wie in schlechten Tagen

Der Mensch ist ein Beziehungstier. Je näher einem andere Menschen sind, desto enger ist die Beziehung, desto grösser ist auch das Gefühl von Verbundenheit, von Miteinander, von Verantwortung. Man geht gewisse Stücke des Weges gemeinsam, schwört sich vielleicht, wenn es der Ehemann, die Ehefrau ist, ewige Treue, Zusammenhalt, in guten wie in schlechten Zeiten. Und die guten Zeiten sind toll, man durchlebt sie, feiert sie, geniesst sie, liebt sich, ist froh. Es gibt auch schlechte Zeiten, man übersteht sie, im Wissen, es kommen wieder andere. Man geht durch die Tiefen im Hinblick und in der Hoffnung auf bessere Tage. Und man geht am Schluss stärker daraus hervor. Man hat es geschafft.

Eines Tages kommt das nächste Tief. Eines, das kein Hoch mehr bringt. Eines, das nur noch tiefer geht. Immer tiefer, bis zum Schluss. Krankheit, Zerfall – unheilbar. Und man hat sich geschworen, dass man auch in schlechten Tagen da ist. Fühlt sich verpflichtet, aus Dankbarkeit für die guten gemeinsamen Tage, Wochen, Monate und Jahre, die ohne den anderen nie so gut gewesen wären, wie sie es waren. Man fühlt sich verpflichtet aus Liebe, die wuchs, über all die Jahre mit all den Höhen und Tiefen, durch all das Gemeinsame, das verbindet. Und man geht es an. Verspricht dem Partner: Ich bin da, ich trage dich, ich lasse dich nicht fallen. Ich bin an deiner Seite. Und man will das. Will es mit dem ganzen Herzen und erachtet es als gut und richtig.

Und es geht bergab. Mal mehr, mal weniger, die eigenen Kräfte schwinden, die Anforderungen steigen. Doch es gibt noch immer wieder gute Momente. Und noch immer die Erinnerung an das, was war und an das, was man schuldet. Und man macht weiter. Aufgeben gilt nicht. Man kann doch den Menschen, den man liebt, nicht einfach fallen lassen. Man hat es versprochen. Man will es halten. Und irgendwie ist man es auch schuldig. Ihm, sich selber und man denkt, auch die Gesellschaft erwartet es. Was denken die, wenn man einfach aufgibt, ein Heim sucht? Man wäre ein Verräter. Man hätte versagt, aufgegeben, das Versprechen gebrochen. Man hätte den Menschen, der da war, als er konnte, fallen gelassen, als er sich nicht mehr wehren konnte.

Im Moment gibt es gerade eine Kampagne von sogenannten Promis, die für menschenwürdigen Umgang mit Alzheimerpatienten werben, die von Freude im Umgang und positiven Erlebnissen sprechen. Ein Mensch, der nicht mehr weiss, wie er heisst, wie seine Kinder heissen, dass er Kinder hat, der spürt in seinem kurzen hellen Moment selber, dass er nicht mehr ist, wer er einmal war. Und das ist das, was die eigene Würde schrumpfen lässt. Und diese Kampagne verstärkt den Druck auf die Angehörigen, der eh schon immens ist. Sie macht nichts besser. Die Situation bleibt, wie sie ist. Daran ändern tolle Sätze und strahlende Gesichter nichts.

Doch: Wo bleibt der Angehörige? Wer kümmert sich um seine Rechte? Sein Leiden? Oft gehen die Angehörigen durch die Hölle und drunter. Sie erleben hautnah den Zerfall des geliebten Menschen, was an sich schon eine Qual ist. Dazu kommt die Belastung der Pflege und in gewissen Fällen auch die Unberechenbarkeit des Kranken. Wer schon mal erlebt hat, wie man sich fühlt, wenn ein nicht mehr selbständig denken und handeln könnender Mensch verschwunden ist, weiss, wovon ich schreibe. Das ist keine Freude, das ist kein positives Erlebnis. Das ist Panik: Lebt er noch? Wo ist er? Wie finde ich ihn wieder? Das ist Verzweiflung. Ist Selbstzweifel: Habe ich versagt? Und Hilflosigkeit: Ich bin ihm, dem Schicksal und allem ausgeliefert. Es ist Resignation: Ich habe kein eigenes Leben mehr.

Was schuldet man einem anderen Menschen? Was ist Pflicht? Würde ich wollen, dass jemand sein Leben und sich selber aufgibt, um sich aufzuopfern für mich, die ich sowieso nicht mehr das Leben führe, das ich führen will? Die ich sowieso nicht mehr ich bin? Ich würde mir wünschen, dass der von mir geliebte und mich liebende Mensch alles tut, dass es mir meinen Umständen entsprechend gut geht. Niemand mich plagt, niemand mich verletzt. Aber mich pflegen? Vor allem, wenn er selber nicht mehr kann? Das wäre nicht das, was ich dem  geliebten Menschen wünschen würde.

Man kann nun dahin gehen und sagen, das sagt sie so leicht, sie ist gesund. Oder: Sie steckt nicht drin. Ja, das ist momentan so. Und ich bin sehr dankbar dafür. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es nichts bringt, sein eigenes Leben zu opfern für das Leben des anderen, vor allem, wenn man ihm damit nicht hilft. Oft steckt viel mehr Pflichtgefühl, Stolz und Zwang dahinter als wirkliche Pflege- und Hilfskompetenz. Wieso nicht diese Bereiche Menschen überlassen, die darin geschult sind, selber den Part der Liebenden und Sorgenden behalten? ich operiere ja auch nicht des Partners Beinbruch, nur weil ich sagte, immer für ihn da zu sein. Wieso denke ich, ich muss seine noch viel tiefer greifenden Krankheiten pflegen, im Griff haben?

Das Thema ist schwer. Und es ist traurig. Ich kenne es theoretisch und praktisch. Am Schluss bleibt immer das Gefühl, dass es kein gut oder schlecht gibt. Am Schluss bleibt die Trauer.

Ich bin stark

Ich bin sensibel. Sehr sensibel. Das hörte ich schon als Kind, fast wie ein Schimpfwort wurde es mir ins Gesicht gesagt. Hypersensibel wurde ich genannt und kriegte den gut gemeinten Rat, mir ein dickes Fell zuzulegen. Ich solle die Dinge nicht persönlich nehmen, nicht alles so nah an mich heranlassen. Ich ginge unter im Leben, hiess es, die Welt nehme keine Rücksicht auf mich. In der Welt gebe es nie Lob, nur Tadel. In der Welt nehme mich niemand in den Arm. Da müsse ich selber dastehen. Niemand helfe, alle seien neidisch. Und man war wie diese Welt, um mich auf eben diese vorzubereiten. Und vielleicht war man so, weil man es selber nicht anders kannte.

ich blieb sensibel. Dass es nicht immer einfach war, kommt hin. Ich hörte es auch später noch oft. Man sucht sich wohl unbewusst immer Menschen, die die alten Muster erfüllen. ich fand sie zielgerichtet. Suchte den Fehler  immer bei mir. Sie alle sind im Recht. Ich bin nur zu sensibel. Und vielleicht auch sonst schräg gewickelt. Irgendwann liess ich sie alle hinter mir. Ging meinen Weg alleine. Schlussendlich ist man eh immer alleine – vor allem, wenn man sensibel ist. Und ich wurde stark. Liess mir nichts mehr anmerken. Meisterte mein Leben. Meisterte es wohl sogar ganz gut. Hörte von allen Seiten, wie stark ich sei. Bewunderung schwang mit. Ich schwächte ab. Ich bin nicht stark, ich habe nur keine andere Wahl. Irgendwer muss dieses Leben ja leben und niemand nimmt es mir ab. Zudem habe ich Pflichten und Verantwortung. Aber sie blieben dabei: Ich sei stark.

Stark sein erntet also Bewunderung, Sensibilität wird vorgeworfen, verachtet, ausgenutzt.

Sensibel bin ich immer noch, ich zeige es wohl weniger. Zudem hat das Leben halt gezeigt, dass die Dinge funktionieren müssen, man selten eine Wahl hat. Das Kind will essen, die Arbeit will gemacht sein, die Rechnung bezahlt. Daneben noch Haushalt, Nebenjobs, alles alleine, im Kampf gegen Windmühlen verschiedener Art. Und ich habe es geschafft. Ich merkte, am Schluss schafft man alles, selbst wenn es nicht so aussieht. Selbst wenn man zweifelt, fast verzweifelt, jammert – es geht. Aber es kostet Kraft. Immer ein wenig mehr. Und sie geht aus. Und man denkt, ich kann nicht mehr. Man sagt, ich kann nicht mehr. Alle nicken. Verstehen. Man macht weiter. Was würde man sonst tun? Was könnte man tun?

Und dann kommt die nächste Hürde. Man wird sogar gefragt: Packst du das? Klar, kein Thema, ich pack das. Es ist ja gut und richtig, es wird schwer. Aber ich packe es. Zu sagen, es nicht zu packen, wäre sensibel. Wäre unvernünftig. Wäre falsch. Wäre schwach. Und vielleicht auch egoistisch. Andere müssten sich nach mir richten, würde ich es nicht schaffen. Das will ich nicht. Und es wird wahr. Und ich sitze hier. Und ich denke: Ich will das nicht schaffen. Ich will das alles nicht. Klar werde ich auch das wieder schaffen. Bleibt ja nichts. Aber ich will das so nicht. Und nein, ich bin nicht zufrieden damit. Und es geht mir nicht gut damit. Und ich will nicht stark sein. Ich bin nicht stark. Ich muss immer stark sein. Aber ganz tief drin bin ich immer noch sensibel. Und verletzlich. Und das schreit in mir. Und tobt. Und jammert. Bis es wieder schweigt. Und ich nicke. Und sage: „Ja, geht gut, ich pack das. Ich bin ja gross und stark.“

Schlechte Laune

Ich habe heute schlechte Laune. Sie kam so über mich und blieb. Der gefällt es bei mir besser als es mir mit ihr gefällt. Üblerweise hat sie mich nicht mal gefragt, ob sie kommen darf, sie war einfach da, schlich sich so ein, Schritt für Schritt. Und blieb dann. Vermutlich wusste die ganz genau, dass ich sie nicht haben wollte, drum fragte sie gar nicht erst. Mein Sohn hat dieselbe Taktik. Wenn er weiss, es kommt ein Nein, fragt er gar nicht erst, sondern macht einfach. Später darauf angesprochen, wieso er nicht gefragt hat, kommt: „Du hättest eh nein gesagt.“ Die Logik ist bezwingend.

Heute war ein Tag des Wartens. Ich hasse warten. Dass es dann gleich gehäuft kommt, macht es nicht besser, man gewöhnt sich nicht wirklich dran. Denkt nicht: „Warten, ach, das kenne ich schon, das ist mittlerweile mein Leben, so mag ich das, weil es immer so ist.“ Nein. Auch wenn ich sonst sehr auf Gewohnheiten und Alltag stehe, es gibt so gewisse Dinge, die ich da nie dazu zählen würde. Warten ist eines davon. Klar könnte man sich der östlichen Philosophie folgend darauf einigen, man meditiert die Zeit. Nervt sich nicht, dass man warten muss, sondern geniesst die Zeit als geschenkte Ruhe. So quasi. Nur: wenn ich Zeit für mich möchte, findet das nicht zwingend am Rand eines Fussballplatzes statt, wo man nix tun kann, als den hin und her trippelnden Kinderchen zuzusehen. Klar, wäre ich eine absolut begeisterte Übermutter, die mit vollem Eifer hinter den wie auch immer gearteten Talenten ihres Fussballsprosses steht und alle durch die Anfeuersalven in Grund und Boden schreit, dann wäre das was anderes. Leider gehöre ich nicht zu dieser Gattung, bin sogar ziemlich weit davon entfernt.

In der Annahme, das Training dauere eine Stunde (es war das erste Mal) nahm ich nichts mit, die eine Stunde, so dachte ich, geht vorbei. 30 Minuten waren um, ich berdauerte diesen Entscheid. 45 Minuten – ich flehte den netterweise abwesenden Herrn des Hause Cosima an, mich doch bitte anzurufen, wenn er schon vorzog, das Land zu verlassen statt das Kind zum Fussball zu bringen. Das tat er auch. Da ich nicht wirklich gerne telefoniere, er dazu noch Termine hatte, dauerte das Telefonat nicht wirklich ausreichend lang.

Und dann. Kam sie. Die Hiobsbotschaft. Das Training dauert nicht eine Stunde. Das dauert ganze 100 Minuten. Der Akku des Handys neigte sich zum Ende, der Hintern schmerzte, der Kopf brummte. Der Hund mit Durchfall wartete zu Hause. Die Gedanken, wie die Wohnung aussieht, wenn man endlich mal wieder zu Hause ist, überschlugen sich. Die Stimmung war nicht wirklich steigend.

Doch irgendwann schien es soweit. Sie standen still auf dem Rasen. Mein Herz schlug höher. Ich stand auf, fing auch an zu trippeln – von einem Fuss zum andern. Zu früh gefreut. Penalty Schiessen. Wie die nur schon ihre Bälle büschelten. Sich sammelten. Den Abstand ausmassen. Alles reine Zeitmache. Ich habe es durchschaut. Die wollen mich fertig machen. Die schaffen das. Dann die Diskussionen, wer nun dran sei. Die Trainingszeit ist abgelaufen. Ich hätte es geschafft. Aber nein. Die wollen wohl besonders enthusiastische Trainer sein. Die überziehen. Mist. Ich will das nicht. Ich will nun heim. Sofort. In mein wohl ziemlich verschi…enes Zuhause. Wobei das Zuhause nichts dafür kann, das liegt eher am Hund. Aber auch der kann nichts dafür. Der hat Durchfall. Und war noch nie so lange alleine. Und hätte auch nie so lange alleine bleiben sollen, wäre das Training nur eine Stunde gegangen. Oder wenigstens nicht noch in Überlänge zelebriert worden.

Ich erinnere mich kurz an mein vorgängiges Telefonat mit dem Trainer. Er wolle keine Kinder von Müttern, die ihre Kinder zu sehr pushen, zu sehr auf Erfolg trimmen und drum ins Fussball zwingen. Wer hat eigentlich mal an die Mütter gedacht, die gezwungen sind, am Spielrand zu sitzen und die Zeit totzuschimpfen? Gut, dass niemand an uns denkt, daran könnten wir uns mal gewöhnt haben. Schon wenn wir bei der Geburt sagen, das soll nun einfach aufhören, weh zu tun, der Mitbewohner soll nun einfach rausflutschen und gut ist. Niemand hört auf einen. Der Mitbewohner am wenigsten. Und das wird später zum Programm. Das weiss man zum Glück nicht, man behielte ihn wohl sonst drin. Stiller wäre es allemal. Und man sässe nie am Fussballfeldrand.

Sagte ich schon, dass ich heute schlechte Laune habe? Es war mir so. Ich muss wohl abgeschweift sein. Aber ist nun auch egal. Ich bin nun zu Hause, das war heil, der Hund dicht. Das Kind schläft. Ruhe herrscht. Eigentlich ein schöner Tag, nicht?

Anthony McCarten: Ganz normale Helden

Der Junge hat Jim den Rücken zugewandt, er starrt gebannt auf den Monitor.
Jeffrey. Er war nicht immer ein Computerkid. Erst seit Donalds Tod. Vielleicht war es der jähe Verlust oder das Leichentuch, das sich danach auf die Familie gelegt hat und nie wieder gelüftet wurde. Jedenfalls hat Jeff sich, genau wie Jim auch, vom Familienleben zurückgezogen.

Familie Delpe lebt in London, Vater, Mutter, zwei Söhne. Das Leben ist angenehm, bewegt sich in der besseren Gesellschaft, bis der Tod des jüngeren Sohnes alles verändert. Jeder der drei zurückbleibenden Familienmitglieder geht anders mit der Trauer um und jeder scheint den anderen vorzuwerfen, dass diese nicht richtig trauern. So driften sie alle langsam auseinander, es gibt immer weniger Verbindendes. Wo einst eine Familie war, sind heute drei verzweifelte Individuen, die jeder für sich den Forderungen des Lebens nicht mehr nachkommt, sich in eine eigene Welt zurückzieht.

Als Jeffrey merkt, dass er auch durch seine Präsenz die Eltern weder trösten noch wieder versöhnen kann, verschwindet er eines Tages ohne ein Wort und lässt seine Eltern verzweifelt zurück. Auch mit diesem Verlust gehen die beiden unterschiedlich um, so dass dieser einen noch grösseren Keil zwischen sie schiebt.

Die Rückzugswelten sind bei allen drei Delpes mehr oder minder virtueller Natur. Jeffrey spielt sich in einem Computerspiel durch die Phantasiewelten, wo ihn sein Vater findet und entgegen seiner Abneigung gegen das Internet einsteigt, um seinem Sohn nahe zu kommen. Die Mutter reflektiert ihre Probleme im Internet mit einer Figur, die sich Gott nennt und lebt sonst nur für ihre Trauer. Der Computer spielt nicht nur in der Familie eine zentrale Rolle, er hält auch als Metapher für das reale Leben immer wieder sein Vokabular bereit.

…der aufsässige Junge, der lebte, als hätte er permanent die FESTSTELLTASTE GEDRÜCKT, alles war ÜBERTRIEBEN UND SUPERDRINGEND UND ZU GROSS GESCHRIEBEN, GEFÜHLE WICHTIGER ALS DER VERSTAND, TRÄUME WICHTIGER ALS DAS GEWISSEN, ANGETRIEBEN VON SO VIEL ÜBERZEUGUNGSWILLEN UND HYPE, DASS DIE GRENZE ZWISCHEN KRAFT UND FITKION SCHLIESSLICH…VERPUFFTE.

Überhaupt geizt der Roman nicht an Metaphern, die teilweise etwas weit hergeholt erscheinen. Auch Klischees werden häufig bemüht, was etwas platt wirkt.

Der Leser pendelt zwischen der realen Welt der Delpes oder spielt im Computerspiel mit, in welchem er über viele Seiten der strategischen Kriegsführung und den Dialogen beiwohnen muss. Dies macht den Roman zeitweise sehr langatmig und nimmt die Spannung, welche in der „realen“ Geschichte der Delpes durchaus immer wieder wie aus dem Lehrbuch aufgebaut wird.

Fazit:
Ein lesenswerter Roman, bei dem man wissen möchte, wie er ausgeht. Weniger (virtuelle Welt sowie Metaphern und Klischees) wären mehr gewesen.

(Antony McCarten: Ganz normale Helden, Diogenes Verlag, Zürich 2012.)

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Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 454 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (September 2012)
Preis: EUR: 22.90 ; CHF 38.90

Zu kaufen bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

Fähnchen im Wind

Kann man nicht alle Werte umdrehn? und ist Gut viefleicht [sic!] Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles vielleicht im letzen Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht ebendadurch auch Betrüger?

Denken in Gefässen, versorgen in Schubladen. Normierte Klassen von gut und böse, gültig durch die Mehrheit der so Denkenden, akzeptiert durch die lauten Töne, in denen alles verkündet und damit festgesetzt wird.

solche Gedanken führen und verführen ihn, immer weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, würgender, herzzuschnürender

Bricht man aus, ist man draussen. Nicht nur im Denken, sondern im Sein. Verstossen, verlacht, verachtet oft. Was nicht sein darf, kann nicht sein, ist es doch, ist es falsch. Falsches will man nicht haben, nur das Richtige hat Platz. Und was richtig oder falsch ist, steht fest.

Nietzsche hat es beschrieben, doch die Aussage hat an Aktualität nichts verloren. Noch immer herrschen Normen, wie jemand sein soll. Die Optik ist reglementiert durch einen BMI, welcher sich in einer festgelegten Spannweite bewegen darf. Ist er drunter, ist man Hungerhaken, Bohnenstange, Skelett oder Kleiderbügel, ist man drüber ausgegrenzt, bei jedem Bissen argwöhnisch und spöttisch beäugt, ausgelacht und oft verachtet. Und auf dieselbe Weise werden die übrigen Belange des Lebens in Massstäbe aufgeteilt. Man kann auf der Skala immer anschauen, wo man steht, es gibt Kurven, die anzeigen, in welchem prozentualen Bereich man sich bewegt und Statistiken, die das in schönen farbigen Balken darstellen. Das wirkt vertrauenswürdig, das wirkt fundiert, das wirkt sicher. Keine Unsicherheiten, keine Ausbrüche, keine Abstürze. Alles geregelt, alles nachvollziehbar. Wo kämen wir hin, wenn jeder täte, wie er wollte? Man wüsste nicht mehr, wo man stünde, wüsste nicht, wer man ist. So aber weiss man: ich bin gut oder ich bin daneben. Und man kann sich freuen. Wenn man gut ist. Wenn man aber daneben ist, dann Gott behüte. Dann ist man wirklich ab der Spur und sollte sich was schämen.

Wir befinden uns doch ein paar Jahre nach Herrn Nietzsches Niederschrift. In einer Zeit, die wir so gerne als aufgeklärt, offen, tolerant sehen. Die aber noch immer voller Vorurteile und Verurteilungen ist. Alles, was anders ist, wird kritisch betrachtet. Es macht Angst. Stört die vermeintliche Sicherheit des mühsam aufgebauten Konstrukts dessen, was gut und richtig ist. Das, woran man sich halten kann und weiss, alles ist gut. Alles kommt gut. Wäre dieser Halt nicht da, fühlte man sich haltlos. Wo gehörte man hin? Man müsste sich selber definieren und daran glauben, dass es gut ist. Denn niemand würde es einem sagen. Besser also, man hört von aussen, dass man gut ist, man passt sich an, passt sich ein. Dann muss es ja gut sein. Die anderen können nicht irren. Man selber vielleicht schon. Wenn man sich aber anpasst, irrt man sicher nicht, man ist im Recht.

Wo bleiben die Sehnsüchte, die eigenen Träume, Wünsche? Meist unterdrückt, sublimiert. Durch all die Reize und Krücken, durch Hilfsmittel, die decken, unterdrücken, hochhalten. Eisern hält man sich dran, um nicht unterzugehen. Der Einbruch von etwas Unvorhergesehenen, Unakzeptierten wäre verheerend. Drum darf nicht sein, was nicht sein darf. Es muss weg, es muss in die Schublade des nicht Erwünschten, nicht Guten. Und der Mensch, der es bringt, damit. Er ist eine Gefahr für einen selber, für die Gesellschaft der Immergleichen und ein Störfaktor im System. Und man ignoriert, was Nietzsche treffend sagt:

Alles aber ist geworden; es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt.

Irgendwann dreht die Norm. Was heute gut ist, ist morgen schlecht. Die Geschichte zeigt mehrere solche Beispiele. Was dann? Wer sind wir dann? Einfach die neuen Guten? Wohl schon. Unbedacht, angepasst. Und die Fahne, die nicht dreht, die weht allein. Gegen den Wind.

Es könnte schief gehen

Frau, Single, damit arrangiert, fast schon zufrieden, trifft Mann. Erstes Beschnuppern, weitere folgen, passt prima. Eigentlich könnte nun die Geschichte langsam oder auch schneller auf ein Happy End hinsteuern, wenn da nicht dieser kleine Pessiwicht auf der linken Schulter beständig ins Ohr flüsterte: „Es könnte schief gehen.“ Ach was, Frau hört nicht hin. „Er könnte doch nicht passen, so wie die letzten. Du hast dich grad so gut eingerichtet mit deinem Leben alleine.“ Frau denkt, der soll mal schweigen. „Was, wenn er dich plötzlich nicht mehr nett findet? Oder eine andere netter? Was, wenn du wieder auf die Nase fällst? Dein Leben danach wieder von Grund auf neu einrichten musst? Was, wenn du verletzt wirst, belogen wirst, betrogen wirst?“

Der Pessiwicht ist ein hartnäckiges Wesen, er gibt nie Ruhe, bohrt immer weiter. Und man kommt nicht umhin, ihm zuzuhören, ihm gar recht zu geben. Möglich, dass er recht hat, ist es allemal. Frau macht einen Schritt zurück. Schliesslich wurde sie im Leben oft genug verletzt. Klar traut sie das dem Mann nicht zu, doch tat sie das in der Vergangenheit? Und es passierte doch. Besser vorsichtig, denkt sie. Abwarten. Nichts riskieren. Damit leider auch nichts gewinnen.

Mann geht auf Geschäftsreise. Frau bleibt zu Hause. Eigentlich kein Problem. Sie ist ja schon gross. Selbständig. Und sie vertraut ihm. Blind (wissend, dass sie es kann). Alles gut, würde man denken. Hier hat dieser eklige Kerl nix zu sagen. Denkste, der findet immer was: „Dann bist du ganz allein. Alles, was nun zu zweit schön war, wird nicht mehr sein.“ Ach was, Frau ist gerne allein. Kein Problem. Packt sie schon. Er kommt ja wieder. Und dann wird er ganz fies: „Was, wenn sein Flugzeug abstürzt? Wenn plötzlich ein Amoklauf in diesem verrückten Land, in dem er ist, passiert? Was, wenn der Hurrikan seine Hütte wegwendet?“ Irgendwie nervt dieser Wicht, aber was wäre wenn?

Steiler Hang, Kind steht oben, auf dem Trottinett. Rennt runter, springt aufs Gefährt, jauchzt, freut sich. Mama möchte sich mitfreuen. Doch in ihr drin: „Was, wenn er umfällt? Er wird sich verletzen. Er wird weinen.“ Mama sieht schon das weinende Kind vor sich, blutverschmiert, grosse Tränen, grosse Augen. Mama schreit: „Pass auf, nicht so schnell!“

Das Leben wäre einfacher, positiver, wäre da nicht immer diese innere Stimme, dieser Pessiwicht auf der Schulter, welcher einem alle Gefahren und möglichen Risiken vorbetet. Man könnte sich an dem freuen, was ist, das, was nicht gut kommt, zeigt sich noch früh genug. Aber nein, man lässt sich schon das Gute im Jetzt vermiesen, indem man das potentiell schlechte von morgen heranzieht, durchkaut, als realistisch glaubt und schon mal vorsorglich negativ denkt und leidet. Fast als hätte man Angst, mit dem Leiden zu spät zu kommen, etwas davon zu verpassen. Dass man dabei die Freude verpasst oder zumindest schmälert, sieht man gar nicht und wenn, kommt man nicht drum rum.

Ich schalte ein Inserat: „Wicht zu vergeben. Sieht alle Gefahren, die kommen könnten. Erzählt sie laut und unnachgiebig. Treu, überall mit dabei, schläft nie, zuverlässig.“ Will ihn jemand haben?

München – meine Liebe

Vor mittlerweile 15 Jahren kam ich das erste Mal nach München. Ich weiss nicht, was es war, doch die Stadt nahm mich ein – vom ersten Moment. Mein damaliger Freund, er kannte die Stadt durch seine Exfreundin, kam mit Freunden sporadisch nach München zum Biertrinken, jassen, das Leben geniessen. Und in unserer gemeinsamen Zeit ging ich mit. Die Beziehung ging in die Brüche, die Liebe zu München blieb. Sie wurde gestärkt durch viele weitere Besuche, durch eine grosse Liebe, die leider mit dem Tod endete. Der Wunsch wuchs, da zu wohnen. Ich suchte einen Professor an der Uni, der mein Projekt unterstützt, fand ihn. Suchte eine Wohnung, fand sie. Ich hätte gehen können. Im letzten Moment, den Vertrag schon in den Händen, schreckte ich zurück. Was mache ich ganz allein mit kleinem Kind in München? Ohne Familie. Ohne Freunde. Ohne niemanden und nichts. Ich hatte Angst, ich sagte alles ab. Blieb.

Immer, wenn ich München sehe oder davon höre, spüre ich ein Ziehen im Herzen. Die Sehnsucht blieb. Was es ist? Ich weiss es noch immer nicht. Ich mag Wien, mag Berlin, beide wegen unterschiedlicher Eigenschaften. Ich mag die Stadt, in der ich lebe. Sie ist Heimat, vertraut, laut Statistik die Stadt mit der grössten Lebensqualität aber auch die teuerste der Welt. Sie ist toll. Und doch: München bleibt. Ab und an etwas weiter weg, ab und an etwas näher. Im Herzen. Nie ganz weg.

Heute las ich folgendes Zitat:

von Walther Rathenau
(29.09.1867 – 24.06.1922)

„Das höchste Glück des Menschen ist die Befreiung von Furcht.“

Wäre ich heute glücklich, hätte ich damals meine Ängste ignoriert, den Vertrag unterschrieben und lebte nun in München? Rein ideologisch ja. Ich wäre in meiner Herzensstadt, alles wäre prima. Ein Umfeld findet sich. Das Argument hörte ich immer nachher und das wird wohl so sein. Obwohl: ich bin schüchtern. Und ich bin eigentlich eher zurückhaltend. Und ab und an gerne alleine. Und ich habe ein Kind. Ich kann nicht einfach weg. Und die Mütter lernt man nicht kennen, da das Kind schon so gross ist, dass es alleine geht. Und doch nicht alleine bleiben kann.

Wäre ich glücklicher? Die Frage trägt alles in sich, unglücklich zu machen. Sie fragt nach etwas, das man nur in seinen Idealen und Gedanken ausmalen kann. Sie vergleicht den Istzustand mit allen Schwierigkeiten, die grad sind mit dem Wunschzustand mit allem, was man gerne hätte. Das Ist kann nur verlieren. Es kämpft gegen Windmühlen, die noch nicht mal gebaut sind.

Und doch: würde man mich heute fragen, ich würde packen und gehen. Hund, Koffer, alles unter den Arm und weg. Das Leben ganz von Null, das Leben als eigenständiger Mensch, ohne die Fesseln der Vergangenheit, des hier alltäglichen Alltags, das denkt sich gar verlockend. Doch auch hier wieder: man idealisiert. Sieht sich in einer kleinen Wohnung, jobbend, schreibend. Das Leben lebend, unabhängig. Das, was man zurück lässt blendet man aus. Das eine nervt. Das andere… kann nicht mit. Und bleiben geht nicht.

Sind es nur die Ängste, die hindern? Wäre ich furchtlos, würde ich gehen? Oder steckt auch Vernunft drin? Sind Ängste nicht oft auch die Auswüchse von nicht ganz unrealistischen Prognosen? Klar nicht der positivsten, aber auch nicht der verklärendsten. Stellen wir uns vor, ich zerschnitte hier alle Fäden, zöge von dannen. Wäre ich glücklich? Würde mir nichts fehlen? Sicher würde es das. Nur schaue ich ab und an nur darauf, was drückt und vernachlässige das, was trägt. Nicht dass ich es nicht kenne, so weit bin ich schon. Aber wenn alles drückt, blende ich es kurzzeitig aus. Und wünschte mir, ich wäre weit weg. In München.

Könnte ich das eine oder andere meines Lebens hier mitnehmen – ich wäre weg. Lieber heute als morgen. Wobei ich genau so gerne das eine oder andere ins Pfefferland schicken würde – und hier bleiben. Trotzdem: München… wird immer meine Liebe bleiben. Die ganz ganz grosse. Wieso? Ich weiss es nicht. Es ist einfach so. Und es ist gut so.

Lehrer und Lehren des Lebens

Heute hatte ich zwei Erlebnisse und beide führten zu einer Erkenntnis. Man kann sich noch so viel vornehmen, noch so viel planen – am Schluss kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. Und das muss nicht mal schlecht sein. Wenn man ganz viel Glück hat, ist es sogar gut, sehr gut. Und wenn man noch mehr Glück hat, lernt man noch was draus.

Das erste ist eine Geschichte, die sich seit Langem hinzieht. Als geschiedene Mutter ist man immer gewissen Kräften ausgesetzt, die man nicht kontrollieren kann. Man hat ein Kind, das zu einer Organisationsfrage wird. Diese Organisationsfrage rührt daher, dass Eltern, die gemeinsam für das besagte Kind verantwortlich sind (zumindest bei der Entstehung) getrennt die eigenen und die Belange des Kindes unter einen Hut zu bringen versuchen. Ist man zusammen, geschieht das in gegenseitiger Absprache und unter Rücksichtnahme (im besten Fall), getrennt unabhängig und damit sehr anstrengend. Und mittendrin steht immer das Kind.

Nun gibt es alle möglichen Kombinationen dieses Spiels: Die Sorgerecht innehabende Mutter, die den Vater an der langen Leine zappeln lässt und ihm jeglichen Kontakt vermiest bis verunmöglicht, wenn er nicht zu Kreuze kriecht, den Vater, der sich aus dem Staub macht – und dazwischen alle denkbaren Schattierungen. Immer aber sind irgendwo Ärger, Frust, verletzter Stolz, getroffene Schwachstellen und versteckte oder offene Machtspiele zu spüren. Wieso? Wir haben ein Bild von einer Familie, vom Kinderhaben und von unserer Rolle darin. Wird dieses gestört, gerät unser System ins Wanken. Und wir erleben Stress. Fühlen uns ungeliebt, vernachlässigt, ungerecht behandelt. Wir rebellieren, wir wollen Gerechtigkeit, wir toben – innerlich oder äusserlich. Wir fühlen uns hilflos. Und merken irgendwann: Es bringt nichts. Es ist, wie es ist. Und das wird nie mehr ändern. Das sollte sich jeder, der sich trennt, bewusst sein. Es wird nicht besser. Es wird anders. Man ist einen Ärger los – den Partner, den man so empfindet, hat aber 1000 neue, denn der Expartner ist immer noch da, nun auf der Gegenseite, per definitionem.

Das wird nun keine Klage über meinen Exmann, Gott bewahre. Er lebt in seiner Welt, ich in meiner. Werten über diese Welten möchte ich nicht, sie sind einfach unterschiedlich. Daher rührt wohl das Ex. Aber da ist dieses eine Glied, das verbindet: das Kind. Und mir ging es heute auf: Es gibt nur eines – loslassen. Ich kann es nicht kontrollieren. Je mehr ich es in den Händen haben will, desto mehr bringt es meine Ruhe aus dem Konzept. Ich habe dieses eine Leben. Es ist MEIN Leben. Gewisse Dinge sind gegeben, gewisse kann ich steuern. Die, welche ich steuern kann, nehme ich in die Hand, die anderen nehme ich hin. Sonst bringen sie mich doppelt um den Verstand. Erstens, weil sie sind, wie sie sind, und zweitens, weil ich damit hadere.

Die zweite Situation war noch näher. Es ging um mich, meine Pläne. In einem Auf und Ab von Gefühlen und Wünschen entschied ich mich für einen Weg, weil ich dachte, ein anderer sei sowieso verschlossen. Nun taten sich plötzlich die Türen des anderen auf. Was nun? Eigentlich  gefiel mir meine Entscheidung, ich hatte sie mir gut zurechtgelegt und sah viel Positives (ehrlich!) drin. Die Verlockung zum Andern war gross, denn es war seit Jahren mein Traum. Ich schwenkte um. Schaute mir den lang ersehnten Weg nochmals an, mit der Bedingung, dass er genau so, wie ich das will, auszusehen hätte. Dann kam: Meine Sicht sei möglich, aber es wäre sinnvoller, den Weg anders zu gehen. Da stand ich nun. In mir noch das Festgefahrene meiner eigenen Argumente. Vor mir die Argumente eines Menschen, dem ich vertraue. Aber ich bin stur. Ich sagte: „Nein, ich will das so. Ich will nicht davon abrücken.“ Zurück kam (er kennt mich ein paar Jahre): „Ihr Nein kommt immer schnell und rigoros, überdenken sie es  noch einmal.“ Da war sie, die Lehre Nummer zwei: Loslassen. Hier im Guten. Und er hatte recht. Je länger ich mir überlege, was er sagte, desto eher denke ich: Es wäre sogar aus meinem eigenen Gesichtspunkt gut.

Als mein Sohn noch klein war, konnte ich gut von meinen eigenen Plänen abrücken – es war mein Modell, mit dem Muttersein umzugehen. Während andere sture Pläne hatten, wann die Kinder schlafen sollen und wann wach sein, liess ich meinen Sohn machen. Passte meine Rhythmus dem seinen an und wir hatten eine sehr harmonische Baby- und Kleinkindphase. Ich arbeitete, wenn er schlief, war mit ihm, wenn er wachte. Zeit war egal. Raum war egal, wir liessen es gleiten und witziger Weise hatten wir einen sehr regelmässigen Rhythmus, man hätte wohl fast die Uhr danach stellen können. Wann dachte ich, das ändern zu wollen? Wieso? Sich gegen Dinge zu stellen, die sind, wie sie sind, bringt nur Ärger. Und wenn man sich richten kann – wieso es nicht tun? Weil man selber mal bestimmen will? Um welchen Preis? Ärger, Kraftverlust, Kampf? ich sage nicht, dass man alles hinnehmen soll, aber wie oft kämpft man um irgendwelcher Prinzipien Willen, weil man selber festgefahren ist, und nicht um der wirklichen Sache wegen.

Ich werde mich nun wieder aufs Loslassen konzentrieren und den Weg einschlagen, den ich heute gezeigt kriegte. Und ich bin dankbar für die beiden Lehrer. Den, der mir ab und an Lehren aufzeigt, weil er mein Leben schwer macht und den, der mir in den vielen Jahren, die ich ihn nun kenne,  immer wieder mit viel Güte und Menschlichkeit zur Seite stand.

Erika Mann – Der Zauberlehrling

Die gewisse Vorliebe, die er für mich hatte, lag daran, dass ich ein so grosser Aff’ war […] die zweite Eigenschaft, die mich ihm irgendwie nahebrachte, dass ich ganz schlichte Lösungen – manchmal, nicht immer, manchmal – wusste für Situationen, die schwierig schienen.

 

Erika Mann spricht und schreibt über ihren Vater, den Zauberer, Thomas Mann. Sie zeichnet ein Bild, dass sich gänzlich von denen ihrer Geschwister unterscheidet. Dies wohl vor allem deswegen, weil sie nie um dessen Zuneigung, um dessen Aufmerksam kämpfen musste. Sie war  – nach anfänglichem Unmut, weil er gerne einen Sohn als Erstgeborenen gehabt hätte – sein Liebling. Und wie der Vater sie, so vergötterte auch sie den Vater, brachte ihn zum lachen, sah ihm seine Schwächen nach, hatte für alles eine Erklärung, eine Entschuldigung.

 

Zwar kam es auch einmal in ihrer gemeinsamen Geschichte zu einem Zerwürfnis, als sich Thomas Mann in den 30er-Jahren nicht deutlich von den politischen Zuständen in Deutschland distanzierte, was sich aber wieder einrenkte. Erika Mann verschrieb ihr Leben ganz dem Vater Thomas Mann und dessen Werk. Dies über seinen Tod hinweg. Sie war die Hüterin seines Nachlasses, an ihr kam niemand vorbei.

 

Ein Buch, das eine andere Sicht auf den grossen Schriftsteller wirft. Es ist eine sehr subjektive Sicht, die vieles wohl mit den Augen der liebenden Tochter verklärt, aber auch eine private Sicht. Sie stellt nie bloss, legt aber trotzdem einen privaten Thomas Mann offen. Durch Interviews, Originalbriefe und Aufsätze gewinnt der Leser einen Eindruck vom Leben und Schaffen Thomas Manns, der sich zu den von den anderen Familienmitgliedern gezeichneten abhebt und diesen komplementiert.

 

Fazit:

Man spürt in diesem Buch die Liebe und die Achtung Erika Manns zu ihrem Vater. Ein schönes Buch einer humorvollen und intelligenten Frau und eine Hommage an einen herausragenden Schriftsteller und geliebten Vater. 

 

(Erika Mann: Mein Vater, der Zauberer, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2005.)

Von der Überlistung der Evolution

Mein Sohn hatte am Montag Schulanfang in einer neuen Schule. Wir zogen kurz vor den Sommerferien um, nun ging es am neuen Ort los. Je näher der Anfang kam, desto bedrohlicher wurde er. Söhnchen ist generell eher schüchtern und zurückhaltend, und er hatte Angst vor dem, was ihn erwartet, von dem er nicht wusste, was es genau war, was ja genau die Angst auslöste. Er stellte sich vor, er könnte keine Freunde finden, die Kinder könnten gemein sein, die Lehrerin nicht gut. Und noch viel schlimmer war, er wusste nicht mal was konkret Angst macht, es war einfach das Neue, das nicht wissen, was kommt, wie es ist, was ihn erwartet.

Ich kenne das nur zu gut. Ich mag keine neuen Dinge, Ich liebe das Gewohnte. Zwar kann das auch ab und an langweilig anmuten, klar kann man manchmal denken, Spannung, Neues im Leben, das wäre toll. Und doch, wenn es dann kommt, mag ich es nicht. Fürchte mich, hadere mit mir und dem Neuen, versuche es doch noch zu umgehen, werde unleidlich. Bis es da ist. Dann schick ich mich drein und nehme es hin. Und es kommt eigentlich immer gut.

Die letzte Nacht von Sonntag bis Montag konnte er nicht mehr schlafen. Die Angst war zu gross geworden. Sonst eher streng in diesen Angelegenheiten, liess ich die Nacht sausen, setzte mich zu ihm ins Bett, die Kater waren bald auch zugegen und wir plauderten und lachten uns durch die Stunden. Der Morgen kam, der Schulweg wurde unter die Füsse genommen. Dann sass ich zu Hause. Wartete, hoffte, bangte. Merkte, wie sehr ich mit dem Kind mitfiebere, mit hoffe. Merkte, dass ich wohl als Glucke geboren bin und eine bleibe. Dann endlich die Erlösung: Alles gut, die Lehrerin nett, die Kinder ok, mein Kind zufrieden. Tag zwei noch besser, er freute sich gar drauf.

Und was lehrt uns die Geschicht‘: Zermartere dich wegen ungelegter Eier nicht. Wie oft zerbrechen wir uns den Kopf über Dinge, die noch nicht da sind. Malen uns aus, was kommen könnte, kommen sollte, kommen wird und sind in unserem Denken in der Zukunft gefangen, die noch nicht da ist und von der wir nie wissen können, wie sie sein wird. Dabei vernachlässigen wir das einzige, was wir wirklich haben: das Heute. Denn heute ist noch nichts schlecht, gefährlich. Das Leben wäre gut, alles schön. Aber wir sorgen uns. Haben Angst. Rauben uns damit den Schlaf und die Möglichkeit, das Heute wirklich zu leben.

Zu diesem Thema gibt es viele nette Kalender- und Yogitee-Sprüche, zum Beispiel: Gestern ist vorbei, morgen noch nicht da, alles, was du hast, ist das Heute. Und auch Meister Eckehart rief dazu auf, den Moment als den wertvollsten zu sehen, der gerade ist. Logisch ist das so und die Wahrheit in dieser Aussage liegt auf der Hand. Nur: Kann man nur im Heute leben? Dann könnte man keine Ziele mehr haben. Wieso was tun? Wenn ich nur das Heute hätte, läge ich in der Hängematte am Meer und liesse Gott einen lieben Mann sein. Ok, vielleicht auch in den Bergen am See und an Gott glaube ich nicht. Oder wäre ich doch hier, wo ich bin? Da ich ja eigentlich ganz zufrieden damit bin, liegt das nahe.

Was lehrt mich diese ganze Sache? Sohnemann sagte ich ganz weise: Siehst du, deine Angst war ganz unbegründet, alles kam gut. Wenn ich wieder einmal in einer solchen Situation bin, könnte ich mich daran halten. Tue ich aber nicht. Ich kenne mich mittlerweile doch ein paar Jährchen und obwohl ich mir rein intellektuell all die Kalendersprüche merken und sie sogar noch logisch begründen kann, spielt mir die Natur einen Streich und ich reagiere immer wieder exakt gleich: ANGST!

Sind das die alten Schutzmechanismen des lieben Grossvater Neandertalers, welcher Gefahren abschätzen musste, um zu überleben? Ein Tribut an die Evolution, in welcher man nur durch genaue Kenntnis der Gegebenheiten und damit auch Gefahren zum Fittesten und damit zum Überlebenden wird? Oder sind andere anders und können ganz relaxt an Dinge rangehen? Ich glaube fast. Ich kann es nicht. Aber ich lebe noch. Vielleicht habe ich die Evolution überlistet.

Vergangenheit und Wiederkehr

Wie geringfügig ist, verglichen mit der Zeitentiefe der Welt, der Vergangenheitsdurchblick unseres eigenen Lebens.

Diese Zeilen Thomas Manns zeigen die relative Grösse des eigenen Lebens. Im Vergleich zu dem, was in der Welt passiert, sind wir zu vernachlässigen, so klein. Und doch nehmen wir uns oft unglaublich wichtig. Sehen uns im Zentrum, sehen die Welt um uns. In der östlichen Welt ist alles eins. Die Welt sind wir und wir sind die Welt. Das würde die Grösse der Welt in das Individuum versetzen und dieses wiederum Welt sein lassen. Der Gedanke ist nicht nur tröstlich, er hat viel Wahres. Die Welt ist, wie sie ist, weil die Individuen bestehen. Klar kann man sagen: „Ich bin klein, ich bin unwichtig, ohne mich ginge alles genau gleich weiter.“ Wen aber bräuchte es? Wenn das alle sagen würden, gäbe es niemanden. Die Welt bestünde wohl trotzdem, aber auf eine andere Weise, sie wäre eine andere. Und wenn man von dieser grossen Welt ohne Menschen in eine kleine, persönliche Welt geht, zählt jeder Mensch darin, egal wie gross oder klein er sich fühl, gleich viel. Denn ohne ihn wäre diese persönliche Welt eine andere. 

Man denkt ab und an, die unliebsamen Zeitgenossen könnte man gut entbehren. Die Welt wäre ohne sie eine bessere. Doch auch sie haben wohl ihren Zweck in dieser Welt. Sind einem anderen Menschen lieb und teuer. Genauso wie auch wir nicht allen passen. Wenn wir den Mann haben, den eine andere gerne hätten, hätte die uns auch gerne weg. Trotzdem sind wir für diesen Mann vielleicht die Welt. Oder für das Kind, oder für den Vater. So oder so, wir tragen immer etwas dazu bei, dass die Welt ist, wie sie ist. 

Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben. Ich wollte über die Vergangenheit schreiben, die sich ab und an wieder meldet, an die Tür klopft, Hallo sagt und Möglichkeiten zeigt, wieder Gegenwart zu werden. Ich wollte über das Leben schreiben, das sich immer wiederholt, das immer wieder Wiedererkennungswerte mit sich bringt. Es gibt im Leben gewisse Grundthemen, die immer wieder auftauchen, das Leben prägen, kurz verschwinden, von anderem verdrängt werden, um dann wieder da zu stehen und noch mehr zu leuchten. 

Genau das passierte mir durch eine Mail meines Professors. Und so denke ich, mein Schreiben nochmals der Akademie zu widmen, genauer Thomas Mann. Eine Liebe und Faszination, die mich vor Jahren einnahm, nie ganz losliess, neu wieder ausbrach und nun gar unterstützt wird. Ich bin dankbar. Ich bin froh. Für die Möglichkeit. Was draus wird? Wir werden seh’n. Für die Welt wenig bedeutend, für mich eine grosse Welt. Eine schöne Welt.