Lehrer und Lehren des Lebens

Heute hatte ich zwei Erlebnisse und beide führten zu einer Erkenntnis. Man kann sich noch so viel vornehmen, noch so viel planen – am Schluss kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. Und das muss nicht mal schlecht sein. Wenn man ganz viel Glück hat, ist es sogar gut, sehr gut. Und wenn man noch mehr Glück hat, lernt man noch was draus.

Das erste ist eine Geschichte, die sich seit Langem hinzieht. Als geschiedene Mutter ist man immer gewissen Kräften ausgesetzt, die man nicht kontrollieren kann. Man hat ein Kind, das zu einer Organisationsfrage wird. Diese Organisationsfrage rührt daher, dass Eltern, die gemeinsam für das besagte Kind verantwortlich sind (zumindest bei der Entstehung) getrennt die eigenen und die Belange des Kindes unter einen Hut zu bringen versuchen. Ist man zusammen, geschieht das in gegenseitiger Absprache und unter Rücksichtnahme (im besten Fall), getrennt unabhängig und damit sehr anstrengend. Und mittendrin steht immer das Kind.

Nun gibt es alle möglichen Kombinationen dieses Spiels: Die Sorgerecht innehabende Mutter, die den Vater an der langen Leine zappeln lässt und ihm jeglichen Kontakt vermiest bis verunmöglicht, wenn er nicht zu Kreuze kriecht, den Vater, der sich aus dem Staub macht – und dazwischen alle denkbaren Schattierungen. Immer aber sind irgendwo Ärger, Frust, verletzter Stolz, getroffene Schwachstellen und versteckte oder offene Machtspiele zu spüren. Wieso? Wir haben ein Bild von einer Familie, vom Kinderhaben und von unserer Rolle darin. Wird dieses gestört, gerät unser System ins Wanken. Und wir erleben Stress. Fühlen uns ungeliebt, vernachlässigt, ungerecht behandelt. Wir rebellieren, wir wollen Gerechtigkeit, wir toben – innerlich oder äusserlich. Wir fühlen uns hilflos. Und merken irgendwann: Es bringt nichts. Es ist, wie es ist. Und das wird nie mehr ändern. Das sollte sich jeder, der sich trennt, bewusst sein. Es wird nicht besser. Es wird anders. Man ist einen Ärger los – den Partner, den man so empfindet, hat aber 1000 neue, denn der Expartner ist immer noch da, nun auf der Gegenseite, per definitionem.

Das wird nun keine Klage über meinen Exmann, Gott bewahre. Er lebt in seiner Welt, ich in meiner. Werten über diese Welten möchte ich nicht, sie sind einfach unterschiedlich. Daher rührt wohl das Ex. Aber da ist dieses eine Glied, das verbindet: das Kind. Und mir ging es heute auf: Es gibt nur eines – loslassen. Ich kann es nicht kontrollieren. Je mehr ich es in den Händen haben will, desto mehr bringt es meine Ruhe aus dem Konzept. Ich habe dieses eine Leben. Es ist MEIN Leben. Gewisse Dinge sind gegeben, gewisse kann ich steuern. Die, welche ich steuern kann, nehme ich in die Hand, die anderen nehme ich hin. Sonst bringen sie mich doppelt um den Verstand. Erstens, weil sie sind, wie sie sind, und zweitens, weil ich damit hadere.

Die zweite Situation war noch näher. Es ging um mich, meine Pläne. In einem Auf und Ab von Gefühlen und Wünschen entschied ich mich für einen Weg, weil ich dachte, ein anderer sei sowieso verschlossen. Nun taten sich plötzlich die Türen des anderen auf. Was nun? Eigentlich  gefiel mir meine Entscheidung, ich hatte sie mir gut zurechtgelegt und sah viel Positives (ehrlich!) drin. Die Verlockung zum Andern war gross, denn es war seit Jahren mein Traum. Ich schwenkte um. Schaute mir den lang ersehnten Weg nochmals an, mit der Bedingung, dass er genau so, wie ich das will, auszusehen hätte. Dann kam: Meine Sicht sei möglich, aber es wäre sinnvoller, den Weg anders zu gehen. Da stand ich nun. In mir noch das Festgefahrene meiner eigenen Argumente. Vor mir die Argumente eines Menschen, dem ich vertraue. Aber ich bin stur. Ich sagte: „Nein, ich will das so. Ich will nicht davon abrücken.“ Zurück kam (er kennt mich ein paar Jahre): „Ihr Nein kommt immer schnell und rigoros, überdenken sie es  noch einmal.“ Da war sie, die Lehre Nummer zwei: Loslassen. Hier im Guten. Und er hatte recht. Je länger ich mir überlege, was er sagte, desto eher denke ich: Es wäre sogar aus meinem eigenen Gesichtspunkt gut.

Als mein Sohn noch klein war, konnte ich gut von meinen eigenen Plänen abrücken – es war mein Modell, mit dem Muttersein umzugehen. Während andere sture Pläne hatten, wann die Kinder schlafen sollen und wann wach sein, liess ich meinen Sohn machen. Passte meine Rhythmus dem seinen an und wir hatten eine sehr harmonische Baby- und Kleinkindphase. Ich arbeitete, wenn er schlief, war mit ihm, wenn er wachte. Zeit war egal. Raum war egal, wir liessen es gleiten und witziger Weise hatten wir einen sehr regelmässigen Rhythmus, man hätte wohl fast die Uhr danach stellen können. Wann dachte ich, das ändern zu wollen? Wieso? Sich gegen Dinge zu stellen, die sind, wie sie sind, bringt nur Ärger. Und wenn man sich richten kann – wieso es nicht tun? Weil man selber mal bestimmen will? Um welchen Preis? Ärger, Kraftverlust, Kampf? ich sage nicht, dass man alles hinnehmen soll, aber wie oft kämpft man um irgendwelcher Prinzipien Willen, weil man selber festgefahren ist, und nicht um der wirklichen Sache wegen.

Ich werde mich nun wieder aufs Loslassen konzentrieren und den Weg einschlagen, den ich heute gezeigt kriegte. Und ich bin dankbar für die beiden Lehrer. Den, der mir ab und an Lehren aufzeigt, weil er mein Leben schwer macht und den, der mir in den vielen Jahren, die ich ihn nun kenne,  immer wieder mit viel Güte und Menschlichkeit zur Seite stand.

2 Kommentare zu „Lehrer und Lehren des Lebens

  1. Das ist so klug und vernünftig, was Du schreibst. Man hofft fast, dass Du auch einen Ausgleich hast, wo Du Dich richtig unvernünftig verhalten darfst. Asiatische Kampfkunst? (unter Streichung der rationalen Philosophie, die oft dahintersteckt). Da könntest Du auch das Stoische ausleben 😉
    Nein, ernsthaft! Das war wieder sehr klug geschrieben. Aber manchmal sollte man auch mal unvernünftig sein dürfen.

    Gefällt mir

    1. Oh, ich danke dir für diese Einschätzung. Ich wünschte, ich wäre immer so vernünftig und würde das auch so leben. Oft tobe ich erst, da ich ein eher temperamentvolles Gemüt bin 😉 Die Einsicht kommt dann immer im zweiten Schritt. Vielleicht schaff ich es mal, sie in den ersten zu bringen 😉

      Danke dir!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s