Es könnte schief gehen

Frau, Single, damit arrangiert, fast schon zufrieden, trifft Mann. Erstes Beschnuppern, weitere folgen, passt prima. Eigentlich könnte nun die Geschichte langsam oder auch schneller auf ein Happy End hinsteuern, wenn da nicht dieser kleine Pessiwicht auf der linken Schulter beständig ins Ohr flüsterte: „Es könnte schief gehen.“ Ach was, Frau hört nicht hin. „Er könnte doch nicht passen, so wie die letzten. Du hast dich grad so gut eingerichtet mit deinem Leben alleine.“ Frau denkt, der soll mal schweigen. „Was, wenn er dich plötzlich nicht mehr nett findet? Oder eine andere netter? Was, wenn du wieder auf die Nase fällst? Dein Leben danach wieder von Grund auf neu einrichten musst? Was, wenn du verletzt wirst, belogen wirst, betrogen wirst?“

Der Pessiwicht ist ein hartnäckiges Wesen, er gibt nie Ruhe, bohrt immer weiter. Und man kommt nicht umhin, ihm zuzuhören, ihm gar recht zu geben. Möglich, dass er recht hat, ist es allemal. Frau macht einen Schritt zurück. Schliesslich wurde sie im Leben oft genug verletzt. Klar traut sie das dem Mann nicht zu, doch tat sie das in der Vergangenheit? Und es passierte doch. Besser vorsichtig, denkt sie. Abwarten. Nichts riskieren. Damit leider auch nichts gewinnen.

Mann geht auf Geschäftsreise. Frau bleibt zu Hause. Eigentlich kein Problem. Sie ist ja schon gross. Selbständig. Und sie vertraut ihm. Blind (wissend, dass sie es kann). Alles gut, würde man denken. Hier hat dieser eklige Kerl nix zu sagen. Denkste, der findet immer was: „Dann bist du ganz allein. Alles, was nun zu zweit schön war, wird nicht mehr sein.“ Ach was, Frau ist gerne allein. Kein Problem. Packt sie schon. Er kommt ja wieder. Und dann wird er ganz fies: „Was, wenn sein Flugzeug abstürzt? Wenn plötzlich ein Amoklauf in diesem verrückten Land, in dem er ist, passiert? Was, wenn der Hurrikan seine Hütte wegwendet?“ Irgendwie nervt dieser Wicht, aber was wäre wenn?

Steiler Hang, Kind steht oben, auf dem Trottinett. Rennt runter, springt aufs Gefährt, jauchzt, freut sich. Mama möchte sich mitfreuen. Doch in ihr drin: „Was, wenn er umfällt? Er wird sich verletzen. Er wird weinen.“ Mama sieht schon das weinende Kind vor sich, blutverschmiert, grosse Tränen, grosse Augen. Mama schreit: „Pass auf, nicht so schnell!“

Das Leben wäre einfacher, positiver, wäre da nicht immer diese innere Stimme, dieser Pessiwicht auf der Schulter, welcher einem alle Gefahren und möglichen Risiken vorbetet. Man könnte sich an dem freuen, was ist, das, was nicht gut kommt, zeigt sich noch früh genug. Aber nein, man lässt sich schon das Gute im Jetzt vermiesen, indem man das potentiell schlechte von morgen heranzieht, durchkaut, als realistisch glaubt und schon mal vorsorglich negativ denkt und leidet. Fast als hätte man Angst, mit dem Leiden zu spät zu kommen, etwas davon zu verpassen. Dass man dabei die Freude verpasst oder zumindest schmälert, sieht man gar nicht und wenn, kommt man nicht drum rum.

Ich schalte ein Inserat: „Wicht zu vergeben. Sieht alle Gefahren, die kommen könnten. Erzählt sie laut und unnachgiebig. Treu, überall mit dabei, schläft nie, zuverlässig.“ Will ihn jemand haben?

3 Kommentare zu „Es könnte schief gehen

  1. Sehr schön erläutert! Ich wage nur bezweifeln, dass das Leben ohne Pessiwicht positiver wäre. Einfacher ja, aber auch glanzloser. Wie es halt so geht, ohne Pessiwicht lassen sich die wenigen schönen Momente auch nicht fassen. Wir brauchen den Deppen also, leider.

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    1. Ich bin ja sogar der Meinung, wir brauchen alle Deppen, die uns über den Weg laufen, da sie uns immer wieder etwas zeigen nur schon durch die Art, wie wir auf sie reagieren. 😉

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