Gareth Stedman Jones: Das kommunistische Manifest

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Obgleich das „Manifest“ unser beider gemeinsame Arbeit war, so halte ich mich doch für verpflichtet festzustellen, dass der Grundgedanke, der seinen Kern bildet, Marx angehört. Dieser Gedanke besteht darin: dass in jeder geschichtlichen Epoche die vorherrschende Produktions- und Austauschweise und die aus ihr mit Notwendigkeit folgende gesellschaftliche Gliederung die Grundlage bildet, auf der die politische und die intellektuelle Geschichte dieser Epoche sich aufbaut und aus der allein sie erklärt werden kann.

Das Buch von Gareth Stedman Jones führt den Leser an das kommunistische Manifest von Marx und Engels heran, indem es die geschichtlichen und gedanklichen Hintergründe und Einflüsse desselben aufzeigt. Stedman Jones zeichnet ein Bild von Hegels und Marx biographischen Geschichten, zeigt die Einflüsse, denen die beiden ausgesetzt waren und wie sich ihre Gedankengänge und Ideologien entwickelt haben. Er behandelt dabei vor allem Hegel ausführlich, welcher grossen Einfluss auf Marx hatte. Auch die Einflüsse von Stirner, Adam Smith, Gottlieb Fichte, Immanuel Kant, Hugo Grotius und vieler mehr werden ausgeführt und dem Leser so ein umfassendes Bild der gedanklichen Geschichte des Manifests vorgestellt.

Der Blick auf die Geschichte mit ihren Umbrüchen, die Erklärung der Industrialisierung in der damaligen Zeit und die einzelnen Bewegungen in verschiedenen Ländern Europas werden fundiert und der Thematik angemessen präsentiert, so dass sich ein breit abgestütztes Gesamtbild ergibt, in welches der Originaltext eingeordnet werden kann.

Wenn sich ein Wissenschaftler so intensiv  mit einem Geist wie Marx auseinandersetzt, gründet das oft auf einer Faszination durch diesen und eine damit einhergehende Verehrung. Stedman Jones lässt sich den Blick dadurch jedoch nicht trüben und zeigt durchaus auch kritisch auf die Schwächen von Marx Lehre und die Probleme der sich gegenseitig aushebelnden Gedankengänge und Forderungen. Er konstatiert, dass Marx wohl von der Fertigstellung seines Werks „Das Kapital“ absah, da er selber gemerkt haben musste, dass seine Theorie Gefahr lief, zu implodieren. Nichts destotrotz gelingt es Stedman Jones, die noch heute aktuelle Schrift in einem klaren und einprägenden Licht darzustellen.

Fazit:

Eine fundierte und tiefgründige Heranführung an das Werk von Marx und Engels. Stedman Jones zeichnet sich durch fundiertes Wissen des Werkes der beiden sowie durch solide Kenntnis der Hintergründe und geschichtlichen, philosophischen und anderweitigen Einflüsse aus. Ab und an etwas langatmig und wenig auf den Punkt, insgesamt aber sehr aufschlussreich und lesenswert.

 Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 319 Seiten

Verlag: C. H. Beck

Übersetzung aus dem Englischen: Catherine Davies

Preis: EUR 14.95 / CHF 21.90

 

Zu kaufen u. a. bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

Scheidungskinder

Scheidungskinder – das Thema einer TV-Sendung heute. Experten und Betroffene sprechen über das Thema, was mit Kindern passiert, wenn die Eltern sich nicht mehr verstehen und beschliessen, getrennte Wege zu gehen. Wie sieht der richtige Weg aus, was muss sein, was vermieden werden?

Eine Scheidung ist eine Vertragsaufhebung. Es folgt eine neue vertragliche Regelung, wenn Kinder im Spiel sind. Wer sorgt für das Kind, wer zahlt? Wer sieht das Kind wann und wie oft und wer bestimmt über die relevanten Dinge? Was einst natürlich wuchs, soll nun rechtlich geregelt werden (wobei natürlich auch die innerfamiliäre Lage teilweise geregelt ist). Schwarz auf weiss. Problematisch ist nur, dass egal, was steht, das tägliche Umsetzen etwas anderes ist. Die Menschen, die ihre Ehe auflösen, weil sie nicht mehr gemeinsam können, sollen nun gemeinsam weiter gehen – in Bezug auf das Kind. Das ist eine nette Idee, die durchaus ihre Grundlagen hat, da beide Elternteile weiter Elternteile bleiben. Nur  löst man eine Ehe nicht einfach so auf in den meisten Fällen. Meist sind Zerrüttung oder sonstige schwerwiegenden Probleme der ausschlaggebende Punkt. Wo also steht da das Gemeinsame? 

Eltern sollen – so die Befürworter des gemeinsamen Sorgerechtes – die Betreuungszeit besten Falls halbe-halbe ausfüllen. Wieso soll das klappen nach einer Scheidung, wenn es vorher meist nicht ging? Karriere, Hobbies, vieles stand im Weg. Die heutige gesellschaftliche Situation sieht noch immer oft so aus, dass die Hauptbetreuungslast bei den Frauen liegt und nicht bei den Männern. Und selbst engagierte Väter sind oft 100% arbeitstätig, während die Frauen prozentual oder gar nicht (für eine gewisse Zeit) ausser Haus arbeiten. Das lässt sich auch mit netten Worten wie „Qualitätszeit“ nicht negieren. 

Schlussendlich bleibt die traurige Erkenntnis: Getrennte Eltern sind für Kinder nie gut. Und für die Eltern bedeutet es ein Umdenken. Kinder brauchen Stabilität, ein Zuhause und einen Bezugspunkt. Das ständige Hin und Her wäre für sie mehr Zerreissprobe denn Segen. Zerstrittenen Eltern eine gemeinsame Entscheidung gesetzlich aufzuzwingen würde für die Kinder kaum Positives bringen. Die Streitereien, die meist schon vor der Scheidung das Familienleben prägten, wären noch immer präsent, zusätzlich zur Verarbeitung der neuen Umstände. 

Trennungen bedeuten Verlust. Verlust von Rollen, von Mustern, von Menschen und von Nähe. Von den einen will man diese, von den anderen nicht. Wenn man sich für eine Trennung entscheidet, muss man sich bewusst sein, dass man nur das ganze Paket kriegen kann. Das im Kopf könnte man dahin gehen, bewusster mit Beziehungen (gerade, wenn man Eltern eines Kindes ist) umzugehen und sie eben nicht aufs Spiel zu setzen. Das Leben wird nach einer Trennung nicht leichter. Es eröffnen sich neue Probleme. Das Leben wird nicht besser, es wird nur anders. Und für Kinder wird es nie mehr so, wie sie es verdient hätten. 

Wert des Lebens

Was wirklich zählt in dieser Welt,
lässt sich ganz leicht erzählen.
Wie oft ist uns der Blick verstellt,
verirren wir in Wünschen, Plänen.
Seh’n, was fehlt und wollen hin,
schätzen nicht, was da schon steht,
in den Augen, aus dem Sinn,
wir wollen das, was wirklich geht..

Doch eines Tages, knüppeldicke,
holt uns schon das Schicksal ein,
reisst unser Sein in viele Stücke,
hinterlässt bloss Wut und Pein.
So langsam dämmert’s, wir seh’n ein,
dass was wir suchten und begehrt,
war nichtig und auch blosser Schein,
denn wo dein Herz sitzt, liegt nur Wert.

Gleiche Rechte, unabhängig vom Geschlecht?

In Anlehnung an den Spiegel-Titel Nr. 1 diesen Jahres (Oh, Mann, Das starke Geschlecht sucht seine neue Rolle), möchte ich ein Brainstorming und eine Diskussion starten, die die Ursachen des auf uns zurollenden enormen Wandels der Geschlechterrollen hinterfragt. Dieser Wandel, der sich mit erstaunlichen Zahlen bereits in der US-amerikanischen Gesellschaft dokumentiert (in fast 40% verdienen Frauen in amerikanischen Ehen mehr als der Mann, siehe auch Hanna Rosin, The End of Men) wird sich bald, in Folge der auch hierzulande überwiegend durch Frauen erworbenen Hochschulabschlüsse, sehr deutlich auch bei uns bemerkbar machen. Die Kernfrage ist für mich weniger der Wandel, den ich nicht als gefährlich erachte, sondern vielmehr die philosophische Frage der Identitätsfindung, die schon immer für jeden einzelnen Menschen wesentlich war und ist. Wer man ist, was man sein möchte und was möglich ist.

Das ist der einleitende Absatz eines Blogartikels des Zeitspiegels. Der ganze Blogartikel ist unter Männer? – Frauen? nachzulesen. Ich möchte hier meine Sicht der Dinge in der Debatte der Geschlechterdiskussion anfügen. Ich habe dieses Thema lange gemieden, war teilweise genervt, wenn auch oft betroffen, was in der Natur der Sache liegt. In den letzten Jahren haben sich Vorfälle gehäuft, die mich selber persönlich an die Wichtigkeit des Themas erinnerten, in den letzten Monaten kam ich über verschiedene Kanäle und in verschiedenen eigenen Forschungsthemen auf dieses Thema zurück.

Liest man den Artikel des Zeitspiegels schnell durch, liest er sich wie der steile Erfolgsflug der Frauen auf Kosten der Männer. Zwar stellt Zeitspiegel diese Entwicklung nicht per se in Frage, trotzdem fügt er die so klingenden Informationen an und leitet daraus eine Identitätsfindungsproblematik ab. Ich möchte diese Informationen etwas beleuchten und dann auf die global noch immer vorherrschende tatsächliche Situation eingehen. Dabei geht es mir wenig um Hormonausschüttungen und biologische Kriterien (welche aber durchaus in gewissen Themen wie der Fortpflanzung und der damit verbundenen Folgen gesellschaftliche Folgen haben).

Im Artikel ist zu lesen, dass in knapp 40% der amerikanischen Ehen Frauen mehr Einkommen haben als Männer. Das klingt fast nach einem Vorwurf. Bei Lichte betrachtet haben so aber in über 60% der Ehen Männer mehr Einkommen als Frauen. Will man wirklich in den Wettbewerb eintreten, wer nun mehr verdient und daraus irgendwie geartete Schlüsse ziehen, so sind noch immer 2/3 der Männer im Vergleich mit ihren Ehefrauen besser gestellt. Was aber bringt der innereheliche Vergleich? Grundsätzlich besagt er gesamtgesellschaftlich nichts, denn relevant ist die erbrachte Leistung und der dafür erhaltene Lohn. Da stehen Frauen global noch immer hinter den Männern zurück. In der Schweiz stösst der Vorstoss, Firmen müssten ihre Lohnpolitik offen legen, auf Widerstand – zu gross wären die Aufwände, müsste man diese Unterschiede ausgleichen (es sei denn, man holte den Männerlohn so weit runter, wie der Frauenlohn raufgesetzt werden müsste – was wiederum zu Widerstand bei den Männern führen würde, da ihre Leistung plötzlich weniger honoriert würde und sie schlussendlich auch mit einem Budget ihren Lebensbedarf berechnet hatten).

Noch immer sind weltweit Frauen benachteiligt, wenn es darum geht, Zugang zu Bildung, freier Meinungsäusserung und gesundheitsförderlichen Massnahmen zu erhalten. Selbst in Ländern, die diese Freiheiten in den Gesetzen haben, ist im tagtäglichen Leben Frauen die tatsächliche Wahrnehmung dieser Rechte unmöglich, da sie innerfamiliäre Sanktionen fürchten müssten, in einigen Ländern bis hin zum Tod.

Eine weitere Ungleichheit, die global ist, ist die Betreuung von abhängigen Menschen. Seien das Kinder, Alte, Behinderte. Diese Arbeiten liegen meist in Frauenhand. Die einseitige Verteilung beraubt die Frau einerseits der Zeit, andere Ziele zu verfolgen, eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten auszuschöpfen, und stellt sie vor der Gesellschaft dadurch als untätig bloss, weil sie eben kein wirtschaftliches Einkommen erzielen oder sich weiterbilden. Auch hier ist es noch ein weiter Weg hin zu einer Gleichstellung.

Frauen haben mittlerweile in einigen westlichen Ländern einen Status erreicht, der ihnen die Türen zu gleicher Bildung und gleichen Arbeitsmöglichkeiten geöffnet hat. Der Weg dahin war lang und schwer und das Jammern der Männer, die sich nun dadurch in Gefahr und das eigene Bild am Schwanken sehen, ist laut. Betrachtet man das Jammern aber ehrlich und hinterfragt es mal, muss man einsehen, dass das Jammern eigentlich nur eine Ursache hat: Der Thron ist gestürzt, die Gleichberechtigung ist nicht das, was sie wollen. Wenn sich jemand beklagt, weil ein anderer plötzlich gleiche Rechte hat und er deswegen sein Selbstbild in Gefahr sieht, muss er sich mal fragen, worauf dieses Selbstbild überhaupt gründete. Und sich vielleicht an der eigenen Nase nehmen.

Der Feminismus hat mitunter traurige Früchte gebracht. Es gab in der Tat Frauen, die für alle Rechte der Frauen kämpften, den Männern gerne keine mehr lassen wollten. Die Schere Mann = böse, Frau = gut wurde weit und weiter gespreizt und dem Mann kein Stück heile Erde mehr gelassen. Gerechtfertigt wurden solche Vorstösse mit der Aussage, dass man krasse Forderungen stellen müsse, um danach minimale Erfolge zu erreichen. Dass diese krassen Vorstösse der Sache ideell mehr schaden als nützen, sollte auf der Hand liegen, da sie nur Defensive herausfordern. Dass vor solchen Forderungen Ängste geschürt werden können, dass sich Männer damit nicht wohl fühlen, sich irgendwann fragen, wo sie noch stehen, wenn all das durchgesetzt werden würde, liegt auf der Hand. Das schmälert aber nicht die gerechtfertigten Ansprüche der Frau auf gleiche Chancen und Möglichkeiten im Leben.

Wir haben heute Mittel wie Frauenquoten eingeführt, um gewisse Ungleichheiten zu eliminieren. Ich bin kein Freund von Quoten, da ich denke, Leistung solle generell gewertet werden und auf keine Seite geschlechterspezifisch. Ich sehe nicht ein, wieso im Zweifelsfall die Frau eine Stelle kriegen sollte, wenn ein Mann genauso qualifiziert wäre. Da in den Köpfen aber der Mann noch so verankert ist als bevorzugtere Arbeitskraft, scheint das die einzige Möglichkeit zu sein, dagegen vorzugehen. Ich denke, dieses Mittel zur Problemlösung setzt falsche Zeichen, es macht angreifbar und schürt Ängste.

Diskriminierungen aufgrund von Rasse, Religion oder anderweitiger Zugehörigkeiten wird heute aufs Gröbste verurteilt und mit vielen Mitteln bekämpft. Die Diskriminierung aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit gilt noch immer als quasi Kavaliersdelikt, die Aufwände, sie wirklich anzugehen, werden gescheut. Es ist besser geworden, aber es ist noch immer ein weiter Weg. So lange diese Missstände noch so gravierend sind, so lange sehe ich das Jammern um eine gefallene Identität des Mannes als Thema, das noch warten kann. Dieser Mann sollte sich zuerst mal fragen, was er genau beklagt und was so schlimm daran wäre, wenn die Frau auf gleicher Stufe stehen dürfte wie er auch. Wichtig wäre, wirklich umzudenken, wirklich auf die Leistung zu schauen, die Menschen als Menschen und nicht als Mann und Frau zu betrachten.

 

Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form auch im Ein Achtel Lorbeerblatt

Die Rechte als Mensch

Glaubt man vielen führenden politischen Philosophen, so ist die Legitimation des Staates auf einem Vertrag gleicher Menschen begründet. Die Vertragspartner zeichnen sich aus durch gleiche Fähigkeiten, gleiche Ansprüche, gleiche Macht. Mit diesem Fundament zeichnen sie sich als rationale Menschen aus und damit fähig, einer gerechten Basis eines Staates zuzustimmen, dessen Bürger sie danach sind. Einige hilfreiche Tricks bringen noch moralische Einlagen wie Unparteilichkeit und ab und an sogar Fürsorge mit ins Spiel, das reicht, so sind sie sich einig, um eine umfassende Gerechtigkeitstheorie aufzustellen. Sie merken zwar an, dass gewisse Fälle aussen vor bleiben, so zum Beispiel Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, welche durch mangelnde soziale Einrichtungen in ihrem Leben behindert werden. Eine Lösung für dieses Problem bleiben sie schuldig. (Es geht nicht drum, den Wert der Theorien der  hier gemeinten Philosophen in Frage zu stellen. Sie haben das Nachdenken über Gerechtigkeit, das Hochhalten dieses Werts und die Legitimation von staatlichen Institutionen in den letzten Jahren angeregt und geprägt. Sie haben gute Anstösse gebracht und hervorragende Gedankengänge einer Öffentlichkeit präsentiert, um diese mitzuprägen.)

Dass man für diese Probleme aber eine Lösung finden muss, steht fest. In der Vertragstheorie sieht man für sie (zumindest bei Rawls) nachträgliche Leistungen vor, die das Leben der Betroffenen lebenswerter machen sollen. Das ist ein netter Versuch. Die Bürger und Mitbestimmenden des Staates gehen also dahin und bestimmen, wie sie das Leben der auf sie Angewiesenen besser gestalten können. Dies natürlich nur, wenn die Kosten nicht zu hoch und der Nutzen dem Aufwand angemessen ist. Vielfach bleibt es bei einem halbpatzigen Versuch, doch selbst wenn er ganz erfolgte, bliebe ein schales Gefühl.

In diesem nachträglichen Eingreifen liegt eine Degradierung der Menschen mit einer Beeinträchtigung. Sie sind dadurch de facto vom Bürgerstand ausgeschlossen und zu Anhängseln der Gesellschaft degradiert, welchen man zwar hilft, die aber nicht wirklich Teil dieser Gesellschaft sind. Alle Worte von Integration und dergleichen sind so blosse Worte. Ausgeführt werden Taten, die eine andere Sprache sprechen: Ich bin ein Bürger, ich habe das Sagen. Ich kümmere mich um dich, weil du es brauchst. Das ist zwar ein netter Zug, doch nimmt es dem dieser Fürsorge Anhängigen die Möglichkeit, sich selber in seiner Möglichkeit zu kümmern. Es nimmt ihm die Stimme und es nimmt ihm das aktive Selbstbestimmungsrecht. Er hat dann nur noch das Recht, dass ihm geholfen werden sollte, nicht aber ein Recht, dazu beizutragen, selber eine Stimme zu haben. Er ist in die Passivität verdammt.

Nun kann man anfügen, dass es Formen von geistiger Beeinträchtigung gibt, die eigenes (rationales) Handeln ausschliessen. Das mag sein. Doch ist das davon betroffene Wesen kein Mensch mehr? Ihm wird oft grössere Nähe zu Tieren zugesprochen denn zu Menschen. Nun kann man sagen, dass das allein kein Drama wäre, da der Mensch selber nur eine Tierart mit bestimmten Fähigkeiten ist. Da wir aber dazu neigen, Tiere zu unterdrücken, fallen die Menschen mit Beeinträchtigung auch in diese Kategorie. Es entsteht eine klare Machtstruktur mit einem Oben und Unten, einem Herrscher und einem Beherrschten.

Das Argument, dass Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung nicht in der Lage sind, mitzuentscheiden und darum aussen vor gelassen werden müssen, liegt weit vorne. Schweden zeigt, dass  es anders möglich wäre. (Auch andere Länder haben sich solchen Lösungsansätzen angeschlossen.) In Schweden gibt es eine Mentorschaft. Der Mentor vertritt die Bedürfnisse und Interessen des Behinderten. Damit wird dieser nicht übergangen, sondern erhält eine Stimme. Sollte er dazu gar nicht in der Lage sein, erhält er einen Vertreter, der seine Stimme wahrnimmt. Natürlich kann dieses System ausgenutzt werden durch böswillige Verwalter, Beispiele für bösartige Vormunde sind gerade in der jüngsten Aufarbeitung der Schweizer Verdingkindergeschichte ans Tageslicht gekommen. Man sollte aber ein System nicht von vornherein verurteilen, nur weil es ausgenutzt werden könnte. Die Gefahr besteht immer, wichtig ist, sie zu kennen und Mittel und Wege zu finden, dem entgegen zu wirken, um eine eigentlich gute Idee zu fördern.

Unterm Strich bleibt: Der Mensch hat Rechte. Diese stehen im zu aufgrund seines Menschseins. Das Menschsein hört nicht auf, wenn der Mensch krank oder beeinträchtigt ist. Krank und beeinträchtigt kann er auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenem Ausmass sein. Geistig, körperlich, von Geburt an, durch Unfall oder einfach auch durchs Alter. Wann hat der Mensch eine Stimme? Wann ist er voll zählendes Mitglied der Gesellschaft? Ist ein Mensch mit Beeinträchtigungen wirklich weniger wert als ein „normaler“? Hat er weniger Rechte und ist dem guten Willen der anderen ausgeliefert? Fair ist das nicht. Und menschenwürdig schon gar nicht. Wer Menschen mit Beeinträchtigung gering schätzt verkennt die Tatsache, dass schon morgen er selber in ihren Schuhen gehen könnte. Die Zeit nagt an jedem, wer heute gesund lebt, kann morgen krank oder beeinträchtigt sein und damit auf andere angewiesen.

Wenn man sich dessen bewusst ist, merkt man vielleicht, dass es an der Zeit wäre, jedem Tier (menschlich wie nichtmenschlich) die ihm angemessene Wertschätzung entgegen zu bringen, denn schon morgen könnte man an dessen Stelle stehen und froh sein, die anderen hätten diese Lektion schon gelernt.

Status Quo

Jahresrückblicke hatten wir viele, ebenso  Vorsätze fürs neue Jahr oder aber Bilanzen des letzten. Es wird hier weder das eine noch das andere folgen, einfach ein paar Gedanken, die mir in letzter Zeit kamen. Alles willkürlich, alles hatte Auslöser und Gründe, nichts ist weltbewegend, trotzdem lag es mir im Sinn:

– Ich bin 40. Damit bin ich alt. Ich habe gestern den deutschen Bachelor gesehen und die Frauen da könnten teilweise meine Töchter sein. Erschreckend. 

– Ich dachte immer, ich kann nicht singen. Ich vermied zu singen aus eben diesem Grund. Nachdem ich gestern das Casting zu DSDS schaute, muss ich zwar nicht mein Urteil revidieren, dazu stehe ich noch immer, aber ich kann beruhigt singen, denn es gibt welche, die singen effektiv schlechter und tun das noch öffentlich. 

– Ich schaue zu viele schlechten Sendungen. Das sind alles Formate, die man tunlichst vermeiden sollte, wenn man etwas auf sich und seinen kulturellen Bildungsstand hält. Selbst wenn man diesen aussen vor liesse, fänden sich genügend ethische, moralische und  anderweitige Gründe, es nicht tun zu dürfen. Ich muss gestehen: Ich mag die. Sie unterhalten mich besser als ein Krimi, bei dem ich von Anfang an den Täter kenne oder eine Liebessülze, deren Ausgang genauso vorhersehbar ist (inklusive zwischenzeitliche Verstrickungen). 

– Eigentlich bin ich noch ganz gut in Schuss. Da ich heute schnell heim wollte, rannte ich den ganzen Weg zurück mit dem Hund. Andere würden das joggen nennen. Dazu bin ich zu faul. Ich nenne es effizientes Heimkommen. Und das klappte doch ganz gut. So alt ist 40 also doch nicht. Mir fällt grad ein Stein vom Herzen. Ob ich den mit übrig gebliebenen Weihnachtskeksen auffüllen darf?

– Ich bin verfressen. Ich denke an Weihnachtskekse im Januar. Und ich will entgegen aller Empfehlungen aus Hausarztwartezimmerzeitschriften keine Januardiät machen. Das geht gar nicht. Damit degradiere ich mich zum Einzelkämpfer. Ich bin wohl asozial. 

– Ich bin gar nicht so, wie die mich sehen, die mich gar nicht kennen. Letztes Jahr regte ich mich noch drüber auf. Dieses Jahr schmunzel ich schon. Wenn das so weiter geht, kriegen die bald den Schweizer Comedy Award, weil selten wer so gelacht hat. 

– Das Singleleben ist toll. Gerade erzählte mir mein guter Freund, dass er das ganze Wochenende lesen würde. Meine Meute würde mir was  husten, täte ich das tun wollen, was ich eigentlich auch tun wollte, täte ich es denn tun können. Leider tu ich es nicht tun können, tu schon nicht mal davon träumen aus Gründen der Nichttubarkeit. Aber tun können täten täte ich es gerne. Ok, wenn ich Glück habe, werde ich bekocht. Da greift dann der Punkt von vorher. Und alles kann man wohl nicht haben… wobei: ich könnte lesen, während ich bekocht werde. Und vorher müssten die Zutaten eingekauft werden, sprich: noch mehr Lesezeit. Irgendwie klingt mein Wochenende grad sehr gut. 

– Das Leben ist eigentlich ganz in Ordnung. Zwar auferlegt es einem immer mal wieder Prüfungen, man hadert, zaudert, zürnt. Doch bringt es einem doch immer auch so viele positive Dinge, dass man unterm Strich sagen kann: Eigentlich geht es uns gut. Klar kann man nun einwenden, dass ich nicht weiss, wie es denen geht, die das grad lesen, doch zeugt nur schon der Umstand des Lesens davon, dass sie lesen können, einen Computer besitzen, Zugang zum WWW haben und wohl momentan wohlgenährt in der warmen Stube sitzen, was sie zu den Privilegierten dieser Welt zählen lässt. Insofern: Es geht uns gut. 

– Zu guter Letzt: ich sollte früher schlafen gehen. Jeden Morgen kämpfe ich mit der Gravitation, überlege mir, wieso ich genau diesen Morgen liegen bleiben könnte, müsste, dürfte, um mich dann ächzend und stöhnend (und nein, das hat nichts, aber auch gar nichts mit Punkt eins dieser Liste zu tun) aus den Laken zu schälen und mit zugekniffenen Augen den täglichen Pflichten zu stellen. Wenn ich es mir so richtig überlegen würde, käme hier der Punkt mit dem Singleleben wieder ins Spiel: Ich müsste gar nicht aufstehen… andererseits müsste ich nun noch mit dem Hund raus, statt einfach ins Bett zu purzeln (wieder mal zu spät). 

Irgendwas scheint immer zu sein, aber grundsätzlich ist alles gut. Also eigentlich. Ausser… aber  eben….

Mit Gedichten durchs Jahr. Ein lyrischer Kalender mit 365 Gedichten

 

Goethe: Zum neuen Jahr
Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüsst,
Doch vor allen Dingen,
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.

Als Geschenk und noch als gelungenes dazu darf man das Buch „Mit Gedichten durchs Jahr“ des DioBildgenes Verlag sehen. Quer durch die mit wenigen Ausnahmen deutsche Poesie führt uns dieser literarische Kalender, hält für jeden Tag des Jahres ein Gedicht bereit. Manche Gedichte beziehen sich explizit auf die Zeit, in der sie im Kalender stehen, andere fügen sich belebend in die Reihe ein, entführen den Leser für kurz in eine andere Welt.

Das Buch bietet sich an, sich ein tägliches Ritual zu schaffen, eine kleine poetische Oase im Alltag einzurichten. Ob man mit dem Gedicht in den Tag starten will oder ihn damit beenden, jeder Tag ist ein guter Tag für ein Gedicht.

Rilke: Guter Tag
Guter Tag. Da prüft man noch:: was bringt er?
Und wie langsam liest man seine Schrift.
Rascher, reiner, kühner, unbedingter:
Oh wie uns die Freude übertrifft.

Mein Sohn und ich hatten schon einmal die Tradition, mit Gedichten beim Frühstück in den Tag zu starten. Leider schlief sie ein, wurde aber mit diesem Gedichtband wieder ins Leben gerufen. Wir lesen das Gedicht, überlegen, was es uns sagen will und nehmen diese Gedanken mit in den Tag. Manche Gedichte gehen tiefer, manche sind leicht, einige sind bekannt, andere persönliche Neuentdeckungen. Eine schöne Idee für Menschen, die Lyrik lieben und solche, die gerne mehr davon kennen lernen wollen und nicht wissen, wo suchen, womit anfangen.

Fazit:
Ein wunderbares Geschenk für jeden Tag. Zwar sind die meisten Gedichte der Deutschen Literatur entnommen, nur wenige stammen von ausserhalb des deutschsprachigen Raumes, doch tut dies dem Wert des Buches keinen Abbruch. Absolut empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 507 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (Dezember 2012)
Sprache: Deutsch
Preis: EUR: 11.90 ; 18.90 CHF
Zu kaufen u.a. bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

Locker, cool und alles easy

Wenn sie über die Büroflure deinen Namen rufen, fühlst du dich willkommen. Wenn sie dich loben für deine Taten, deine Dienste, fühlst du dich wertvoll. Wenn sie dir versichern, wie sehr sie dich brauchen, fühlst du dich nützlich. Wenn sie dir versichern, dass sie immer für dich da sind bei Problemen, fühlst du dich aufgehoben. Wenn sie dich enttäuschen, weil sie die Firmenpolitik über Werte wie Gerechtigkeit, Fairness, Loyalität stellen, den eigenen Nutzen über moralischen Handlungsgrundsätzen stehend werten, fühlst du dich verdammt alleine und betrogen.

Firmen haben Ziele. Diese sind meist dem firmeneigenen Profit geschuldet. Firmen verfolgen diese Ziele, streben Optimierung an, die immer den firmenpolitischen Vorteil im Auge hat, nicht Werte wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Fairness. Das nennt sich wohl Kapitalismus, wäre es anders, wäre es Humanismus. Es wäre eine einfache Sache, den Kapitalismus als bösen Bruder des Humanismus zu sehen. Es wäre leicht, ihn zu verdammen und ihm alle bösen Absichten wie ausnutzen, ausbeuten und Menschenwürde verletzen zu unterstellen. Es wäre wohl zu einfach. Der Kapitalismus hat durchaus positive Entwicklungen gebracht. Wo aber liegt das Problem? Der, welcher gestern noch freudig deinen Namen rief, verrät dich heute kaltblütig, wenn er sich dadurch einen Vorteil verschaffen kann. Und oft unterliegt er Zwängen, die von weiter oben kommen, weil da wieder einer sitzt, der sonst ihn über die Klinge springen lässt, wenn er sein Soll nicht erfüllt. Leider ist dieses Soll selten auf der menschlichen Seite, sondern auf der wirtschaftlichen zu suchen.

Profit ist nicht per se schlecht. Rentabilität kann durchaus angestrebt sein. Die Frage des Masses ist die eine, die der Mittel, die zum Zwecke gewählt werden, die andere. Die Tendenz momentan geht dahin, Menschen förmlich zu verheizen, indem man sie unendlichem Druck aussetzt, sie mit Versprechen ködert, die dann wegen wirtschaftlich schlechten Zeiten nicht eingehalten werden, um dann in der Quartalsbilanz einen Rekordgewinn zu verzeichnen. Man stellt die Wirtschaftlichkeit nach aussen über alles. Und ignoriert dabei, dass man die eigenen Ressourcen verheizt. Die fallen weg durch Burnout oder Depression. Kein Problem, es warten 100 andere, die ihre Chance im Job packen wollen, weil sie an anderen Orten wegrationalisiert wurden. Die Chance erweist sich oft als Schritt vom Regen in die Traufe, man kuscht und strampelt oder fällt um und sinkt. Ob man den Weg des Frosches von der Milch hin zum Butter oder aber den vom sterbenden Schwan geht, ist eine Frage von Glück und vor allem eine Gratwanderung zwischen Resignation, Anpassung und genug Schnauf und Standfestigkeit, den Übeln der Zeit zu trotzen.

Diese Gedanken sind wohl schwarz und düster. Man mag mich einen Pessimisten schimpfen und mir zu viel Nachdenklichkeit unterstellen. Man mag mich fragen, wo die Lösung läge. Schliesslich ist kritisieren einfach, besser machen schon schwerer. Ich bin zu wenig naiv, an eine Kehrtwende zu glauben. Ich bin zu pessimistisch, zu denken, dass der Mensch einsieht, was er tut, um dann im Sauseschritt die Missstände zu beheben. Menschlichkeit statt eigener Vorteil. Das wäre die ideale Parole. Im Herzen ist sie da, in der realen Wirtschaftswelt ist die Schwelle (zu?) hoch. Vielleicht hilft es schon, sich ab und an bewusst zu werden, dass alle die, welche in den Bürofluren ein und aus gehen, Menschen sind. Menschen mit Wünschen, Bedürfnissen. Menschen, die Familien zu ernähren haben, gerne stolz auf sich, ihren Betrieb und das gemeinsam erreichte wären. Und vielleicht hilft das ein wenig mit, statt der Arbeitskraft um des Firmenprofites Willen auch den Menschen mit seinen (berechtigten) Ansprüchen zu sehen. Ich denke, langfristig wird das der einzige Weg sein, dieses immer fragiler werdende Konstrukt der globalen Wirtschaft zu stützen. Schlussendlich ist alles nur so stark wie das schwächste Glied. Wenn man die Arbeitskraft, den Maurer, in den Boden stampft, wird das Haus über kurz oder lang einstürzen. Das täte es aber erst, nachdem viele Maurer unter den fallenden Backsteinen begraben wurden. Ist der Preis nicht zu hoch für einen kurzzeitigen Erfolg nach aussen?

Und bis es soweit ist, rufen sich die netten Leute in den Firmen erfreut die Namen zu, wenn sie sich sehen, loben sich über den grünen Klee und sägen hinterrücks gegenseitig an den Stühlen.

Wozu eigentlich? – Massstäbe des Lebens

Ab und an überkommt mich das Gefühl, dass das, was ich tue, zu  nichts nützlich ist. Ich frage mich dann, wieso ich mich tagtäglich damit abmühe, während ich doch genauso gut gleich nix tun könnte. Ich könnte die Beine hoch legen, wenn das Kind versorgt ist, könnte in den Tag hinein leben, das Leben geniessen, wie es sich grad anbietet. Der Fernseher gäbe bestimmt die eine oder andere Unterhaltung her, wenn ich mich gar zu schlecht fühlte, fände sich eine Realitysoap bei RTL, die mir zeigen würde, dass es noch schlimmere Fälle gäbe – das Leben könnte einfach sein. Trotzdem ich eigentlich von Natur aus eher faul bin, weigere ich mich, diesen Weg zu gehen. 

Ich stürze mich in Projekte, vertiefe mich in Theorien, spinne Gedanken, denke neue Welten, hinterfrage die existierende. Ich wälze Bücher und Ideen, zermürbe mich, vergrabe mich, schnappe nach Luft, bin hin und weg und zugleich explosiv und präsent. Sehe Notwendigkeiten und Denkanstösse, fühle Bedürfnisse und suche Lösungen. Und komme irgendwann wieder an den Punkt, dass es doch gar nix bringt. Wen kümmert, was mein Hirn sich ausdenkt? Wen kümmern all die Gedanken, die Theorien? Wieso sollte ich eine Lösung für Probleme finden, an denen sich so viele die Zähne ausbeissen? Und wieso sollte ich überhaupt ernst genommen werden? Das Bruttosozialprodukt unseres Landes merkt kaum, dass es mich gibt. Moderne wirtschaftliche Wertschätzungsmassstäbe orientieren sich an ebendiesem. Ergo der Beweis: Ich bin marginal und vernachlässigbar. Und alles, was ich so vor mich hindenke damit.

Die heutigen gesellschaftspolitischen Theorien stützen sich noch immer vornehmlich auf den gegenseitigen Vorteil und dieser wird in ökonomischen Grössen gemessen. Wer nichts dazu beiträgt, steht aussen vor. Rawls, Locke und Hobbes dachten es vor, es setzte sich fest und sitzt da beharrlich. Schlagworte wie Gleichberechtigung, Integration sind schön klingend, aber weit von der Realität entfernt. Noch immer werden die meisten Frontdienste (Kinderaufzucht, Altenpflege, Pflege körperlich und geistig beeinträchtigter Menschen) von Frauen erledigt und als ebensolche Dienste gering bis gar nicht geachtet. Das alles sitzt in den Köpfen fest. Die Muster sind verteilt. Muster durchbrechen langsam. Es braucht viel Zeit, Geduld, Einsicht und Stimmen. Und wenn jede Stimme denkt, sie zähle nichts, wird das Muster die Generationen überleben, zwar in Frage gestellt, aber nicht vom Sockel gestürzt. Deswegen zählt jede Stimme. Und auch die meine. Und so denke ich weiter. Sage meine Meinung. Stehe dazu. 

Wer sagt, was wichtig ist und was nicht? Wer setzt den Massstab für die Hierarchien im Leben und in der Gesellschaft? Wem muss man genügen und was soll man erreichen? Was ist erstrebenswert und was nur blosse Pflichterfüllung (wobei nicht geklärt ist, woher die Pflicht rührt und ob sie legitim ist). 

Die Welt steckt in der Krise. So das Schlagwort der Zeit. Man müsse umdenken, alles umstossen. Neue Werte finden. Alles möglichst radikal, alles möglichst neu. Das klingt gut, klingt markig, führen wird es nirgendwohin. Die Methode des viel Forderns, um wenig zu kriegen hat sich langsam selber überholt. Langsam wäre es wohl sinnvoller, gezielte und realistische Ziele zu setzen, um dann eine höheres Mass an Gerechtigkeit, an Miteinander, an individueller Befriedigung zu erreichen. Dabei kann jeder bei sich selber anfangen: Was kann ich, was will ich, was ist mir möglich? Was schulde ich anderen, wo kann ich helfen, wer hilft mir? Das Ich ist wichtig, das Du ebenso. Im Wissen, dass es ohne das Du kein Ich gibt, sollte man selbstverständlich den anderen nie aussen vor lassen bei der eigenen Zielsetzung. Aber diese sollte für einen stimmen und nicht einer wie auch immer gearteten Anspruchshaltung eines längst überholten Systems geschuldet sein. 

Dankbarkeit

Die Ferien sind vorbei. Ich erinnere mich gut, als sie bevor standen. Sie waren so lang, so gross, so erschreckend anders als der Alltag. Ich bin ein Mensch, der seinen gewohnten Ablauf schätzt, die Freiräume, die Engpässe, die geregelten Strukturen. Man weiss, was kommt, man ist es gewohnt, läuft in den vorgespurten Pfaden. Manche mögen das langweilig finden, ich mag es – brauche es ein Stück weit.

Mein Alltag ist eher einsam. Ich wurstel mich so durch den Tag, vermeide es, zu viele Menschen zu sehen, geniesse meine Ruhe. Für diese Ferien hatte ich Programm geplant. Das macht man so. Vor allem an Festtagen. Besuche quer durch die Schweiz, Familie hier, Familie dort. Je näher die Tage kamen, desto grösser wurde der Schrecken des Vorgenommenen. Nicht nur sollten wir ständig unterwegs sein (ich mag keine Reisen), wir würden überall unter Menschen, teilweise vielen Menschen, sein.

Nun gut, es war nicht aufzuhalten, die Zeit nahm ihren Lauf, die Ferien kamen – und alles wurde noch viel schwieriger als geplant. Pläne wurden umgestossen, ganze Gruben taten sich auf. Dass alles noch viel Schlimmer wurde, als je ausgemalt, hatte sehr traurige Gründe. Diese Ferien haben mich aber Vieles gelehrt und in mir eine sehr grosse Dankbarkeit zurück gelassen. 

Ich habe einmal mehr gelernt, was wirklich zählt im Leben. Gemerkt, worauf man bauen kann, was blosse Hülsen sind. Ich habe gesehen, wie viel Wertvolles ich im Leben habe und worauf ich meinen Schwerpunkt setzen sollte, statt meine Zeit mit unnützen Dingen zu vertun. Prioritäten setzen heisst es so schön. Man weiss es und tut es so selten. Wieso nicht? Was bringt einem der ganze Rest? Hofft man auf Anerkennung? Von wem? Sind es die wert, die man so „erobern“ muss? Handelt man aus Pflichtgefühl? Tut man wirklich Gutes, wenn man es nicht aus freiem Herzen, sondern reiner Pflichterfüllung tut? Will man dazu gehören? Wozu eigentlich, wenn es einem gar nicht entspricht? 

Ich bin unendlich dankbar für die Menschen, die da waren in dieser Zeit. Menschen, die Halt gaben, Zuspruch und Liebe. Ich bin dankbar für die Hilfe, das Mitgefühl und die positiven Gedanken und Worte, die ich erfahren durfte. Und ich bin dankbar für das Gefühl, nicht alleine zu sein, auf Menschen bauen zu können. 

Ich habe in diesen Ferien:

– viel erhalten

– etwas geschaffen und mich dabei toll gefühlt

– die ganze Bandbreite an Gefühlen durchlebt

– viel gelernt

– Pläne umgestossen und gemerkt, es geht

Ich denke nicht, dass ich mich grundlegend geändert habe. Der Alltag kommt nun wieder; da der Wechsel von den Ferien hin zum Alltag wieder ein Wechsel ist, liegt er mir auf dem Magen. Aber ich bin guter Dinge, denn ich weiss: ich bin nie allein. Und dafür bin ich sehr sehr dankbar. 

 

Vater – Tochter

Vor 40 Jahren zog mein Vater zwei Wochen lang durch Winterthurs Gassen, stiess auf seine Tochter an, die soeben das Licht der Welt erblickt hatte. Er war so voller Freude, so voller Stolz, so voller Liebe. Alle sollten daran teilhaben. Diese Tochter war sein Sonnenschein, seine Prinzessin. Alles wollte er tun für sie. Immer für sie da sein.

Er hat gehalten, was er sich vornahm. Er war immer da. Lehrte mich Rad fahren, schwimmen, Ski fahren. Er bastelte mit mir, wir liessen Drachen steigen, streiften durch die Wälder, bauten Waldhütten. Er tröstete meine Tränen bei Liebeskummer, holte mich aus Wohnungen von gescheiterten Beziehungen. Er baute mich auf, wenn ich am Boden war, stellte sich vor mich, wenn Gefahr drohte. Er trieb mich an, wenn mir der Mut fehlte, er holte mich auf den Boden, wenn ich abzuheben drohte. Er hat mir mehr als einmal das Leben gerettet, nachdem er es mir schon geschenkt hat.

Was ich oft dachte, sprach er aus und umgekehrt. Wir lachten über dieselben Dinge, verstanden uns stets blind. Kleine Zeichen reichten, ganze Welten zu erklären. Ein Blick, eine Geste – das Band war da und es war stark.

Er war ab und an stur, ab und an unverständlich pingelig und rechthaberisch. Da ich nicht weniger stur bin, war nicht immer eitel Sonnenschein. Wir konnten Tage nicht miteinander sprechen, innerlich dadurch zerrissen. Und plötzlich brach das Eis und alles war vergessen. Meine arme Mutter geriet in solchen Situationen oft zwischen die Fronten.

Was er für mich als Vater war und ist, ist er für meinen Sohn als Grossvater. Wenn dieser Trost sucht, Ärger hat, Zuspruch braucht: der Grossvater hat ein offenes Ohr. Wenn er sich alleine fühlt, unverstanden: Anruf genügt und sein Grossvater rückt die Welt wieder ins Lot. Wenn die Mutter nervt, die Fetzen fliegen, der Grossvater rückt ihm zwar den Kopf zurecht, aber von ihm lässt er es sich sagen. Und die Wogen glätten sich.

Weihnachten dann der Schock: Notfall. Probleme machten sich schon lange bemerkbar, nun war es akut. Der erste Arzt machte nichts. Die Schmerzen stiegen. Zweiter Arzt. Erste Alarmglocken, doch immer noch abwartend. Dann der Zusammenbruch. Meine Welt steht Kopf, droht zu sinken. Mein Fels in der Brandung stürzte, brach zusammen.

Habe ich ihm oft genug gesagt, was er mir bedeutet? Wie dankbar ich bin, ihn als Vater zu haben? Hätte ich mir meinen Vater backen müssen, er wäre genau so gewesen, wie er ist. Ich hätte mir keinen anderen oder gar besseren wünschen können. Weiss er, wie sehr ich ihn liebe? Wie sehr ich ihn brauche? Dass ich ihn nicht verlieren will?

Wieso fällt es uns oft leichter, zu streiten, zu sagen, was nicht passt, als einfach mal zu sagen: Ich liebe dich. Schön, dass es dich gibt. Ich will dich nicht verlieren? Wieso widmen wir der Dankbarkeit für das Gute und Schöne oft weniger Worte als den Vorwürfen, Streitereien, Unfreundlichkeiten?

Ich hoffe, ich kann ihm bald wieder in die Augen sehen und ihm sagen, wie lieb ich ihn habe.

Allein

Was passiert,
wenn Bäche wachsen,
zu Flüssen werden,
Strömen gleich?
Wenn alles flieht,
alles stürzt,
mit sich reisst?

Was passiert,
wenn Mauern stürzen,
Dächer fallen,
Böden aufgeh’n?
Wenn alles drückt,
und alles drängt,
mich erschlägt?

Was passiert,
wenn Fässer bersten,
Fluten drohen,
Luft wegbleibt?
Wenn alles strudelt,
mich ertränkt,
mich erstickt?

Was passiert,
wenn nichts mehr ist,
nur Leere schreit,
ein grosses Nichts?
Wenn alles weg,
ich ganz allein
und haltlos bin?

Was passiert,
wenn es nicht endet,
ohn‘ Erbarmen,
ohne Gnade,
Ich nur sehne,
ich nur lange,
ganz allein.

Macht der Gewohnheit

Wie oft verharrt man in Situationen, die einem nicht gefallen, die einen leiden lassen, die weh tun. Wie oft versagt man sich ein Glück, das eigentlich zum Greifen nah sein könnte, das man sich aber nicht zu greifen getraut. Wieso? Weil man dafür etwas aufgeben müsste. Etwas, das da ist, das man kennt. Man kennt es mit all seinen negativen Seiten, all seinem Schmerz, all seinen Schwierigkeiten. Aber man kennt es.

Das Neue klingt toll, aber was, wenn es nicht hält?Was, wenn es auch schwierige Seiten hat, die man nicht kennt? Solche, die man erst erfahren muss, damit umgehen lernen muss? Mit den alten Schwierigkeiten hat man sich – mehr schlecht als recht, aber doch – arrangiert. Drum bleibt man dabei, leidet vor sich hin, sucht weiter nach dem Glück, um es jedes Mal wieder gehen zu lassen, wenn man nur eine blasse Ahnung davon hat. 

Lebe deine Träume, träume nicht dein Leben.

Es klingt so gut, es klingt so wahr und vor allem klingt es einfach. Aber alles andere als das ist es. Man wünscht sich ein Leben nach seinen Plänen, nach seinen Massstäben, nach seinen Zielen. Erfüllt soll es sein, voller Liebe, voller Zufriedenheit, lebendig.

Leben bedeutet immer auch Veränderung. Mal im Kleinen, mal etwas grösser. Wir jedoch halten krampfhaft fest, was ist. Brechen ab und an vielleicht in Gedanken aus, vielleicht auch ein wenig real, um dann schnell und unbemerkt wieder zurück zu krebsen. Im Schoss der Gewohnheiten, des Althergebrachten fühlen wir uns geborgen. Ein Gefühl, das wir nicht mehr im Stande sind, uns selber zu geben, weil wir uns und der Welt nicht trauen, weil sie so gross, so schnell, so unbeständig scheint. Alles, was wir haben, ist das, was ist. Und wir krallen uns förmlich fest. Nichts soll entgleiten. Auch wenn es nicht wirklich das ist, was wir uns wünschen.  Es ist alles, was wir haben. Und:

Schlimmer geht immer.

Allerdings könnte es auch besser werden. Wenn man sich traute, wenn man sein Leben in die Hand nimmt und versucht, das aus seinem Leben zu machen, was man sich davon auch wirklich erhofft. Dazu hilft es, auch mal hinzusehen, was ist. Das Leben ist nicht einfach, wie es immer war, man hat es selber in der Hand, es aktiv mitzugestalten, wie es sein soll. Ab und an bedeutet das, Abschied nehmen von lieb gewonnen oder nur einfach vertrauten Gewohnheiten. Etwas zu wagen, einen Schritt nach vorne zu gehen. Nicht jeder Schritt geht direkt ins Glück, einige gehen auch in die Irre. Doch wäre ein Verharren im Leid, im ungewollten Leben wirklich besser?

Drum wünsche ich mir fürs neue Jahr Mut, Zuversicht, Willenskraft und gutes Schuhwerk, um meinen Weg zu gehen. Ich wünsche mir die eine oder andere Hand, die mir hilft, wenn ich falle, hoffe auf viel Licht, damit ich den richtigen Weg sehe und auf viel Freude, ihn mit leichtem Herzen gehen zu können. Ich wünsche mir gleich gesinnte, gut gewillte Wegbegleiter und auch das eine oder andere Hindernis, damit ich die Leichtigkeit des Seins im Gegenzug zu schätzen weiss. 

Was bringt einen Autor zum Schreiben?

Ein Schriftsteller könne nicht aus einem Entschluss heraus oder auf Zuruf produktiv werden. Er werde vielmehr von seinen Projekten befallen, und zwar mit Vorliebe zum unpassendsten Zeitpunkt, schreibt der Schriftsteller Matthias Politycki in seinem Aufsatz.*

Ein spannender Einblick ins Leben als Schriftsteller von  Matthias Politycki. Was bewegt ihn zum Schreiben, wie kam er dazu, wieso blieb er dabei?

 

Artikel in der NZZ vom 15. Dezember 2012.

 

*Quelle: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur-und-kunst/der-autor-und-die-schraeglage-zur-welt-1.17891042

Wege, Wünsche und Bilanzen

Momentan liest man rundum dieselben Themen: Weihnachten, Weltuntergang, neues Jahr. In ewig neuen Texten das gleiche Thema und so mancher mag sich denken: Nicht schon wieder. Und doch ist es das, was grad beschäftigt, weil es halt präsent ist. Auch bei mir. Der Weltuntergang weniger, wenn, dann nur in Witzform, Weihnachten schon eher, das neue Jahr kommt und damit auch der Rückblick auf das Jahr, das war. Dieser fällt bei mir immer doppelt aus, da gleich nach dem Neujahr auch noch der Geburtstag kommt, welcher 2013 ein spezieller sein wird.

Es ist ein bewegtes Jahr gewesen, ein Jahr voller Herausforderungen, Niederlagen, Siegen, Verlusten. Ein Jahr mit Tränen, solchen aus Freude und aus Leid. Ein Jahr mit vielen Menschen, die in mein Leben traten, wieder gingen, erneut kamen, weg blieben, fehlten, mich freuten, mich auch mal enttäuschten. Ich habe viel gelernt von diesen Menschen, Dinge, die ich lieber nicht gelernt hätte, solche, die wichtig waren, welche, die tief gingen. An gewissen Dingen bin ich noch dran.

Es war ein Jahr mit verschiedenen Rollen. Von Märchenprinzessin bis hin zum gefallenen Engel war alles dabei. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Vertrauen wurde gebrochen, neues gebaut. Wunden heilten, andere brachen auf. Aus einigen wurden Narben, andere pflege ich noch und hoffe, sie gesunden. Einige werden wohl auch bleiben.

Es war ein Jahr der Suche. Nach mir, nach meinem Platz, nach meinem Weg. Ich stand an vielen Gabelungen, bog oft ab, kehrte zurück, ging wieder vor. Ich überwand Hindernisse, stolperte, kämpfte, kraxelte, kletterte, sprang und lag am Boden. Um wieder aufzustehen und weiter zu gehen. Neue Wege zu suchen und einen zu finden, der passt. Er wird nicht einfach werden, aber er ist der Weg, den ich gehen will. Weil ich ihn immer gehen wollte. Von Anfang an, von ganz klein. Und was im Dickkopf mal drin ist, das sitzt tief und treibt an. Noch stehe ich am Anfang und sehe den hohen Berg vor mir. Es ist nicht der erste Berg und ich habe sie immer bezwungen. Ich hoffe, auch den zu meistern.

Es war ein Jahr mit vielen Wünschen, vielen Träumen. Sie erschienen anfangs so rosig, alles perfekt. Dann kamen Risse, Luftschlösser brachen ein. Zurück blieb eine Realität, die nicht immer einfach, aber trotzdem gut war. Ab und an schaut man zurück und denkt mit Wehmut, was so rosig schien. Doch ist, was ist und vermutlich ist es gut so. Der Boden der Realität ist immer der sicherste. Seifenblasen platzen wohl und Märchen wurden geschrieben, nie gelebt.

Es war ein Jahr im Wechselbad der Gefühle. Ein Jahr, das mich ab und an verdammt einsam fühlen liess, um dann wieder gerührt zu sein ob unglaublich viel Freundschaft, Zuneigung und Hilfe in der Not. Es war ein Jahr, das mir zeigte, dass es Menschen gibt in diesem meinem Leben, die zu mir stehen und einfach da sind. Menschen, die an mich glauben und mich unterstützen, in allen Bereichen und allen Belangen. Es war ein Jahr, das mich viel Dankbarkeit spüren liess und damit auch Glück. Oft entwuchs es Leid, doch das ist wohl die Bipolarität des Lebens: In allem Leid steckt auch ein Glück. Man muss es nur sehen.

Und so geht das Leben seinen Weg und das Jahr zu Ende. Das neue Jahr steht vor der Tür und wie so oft steckt man Hoffnungen, Wünsche, Vorsätze in dieses Jahr. Im Wissen, dass man es sowieso nicht ändern können wird. Was ist, das ist, was kommen muss, das muss. Und doch wird es ein Jahr sein, das meinem Weg gewidmet ist. Im Wissen, dass es kein leichter sein wird. Im Wissen, dass wohl viel Kraft, viele Tränen, viele Zweifel diesen Weg begleiten. Und doch fühlt er sich gut und richtig an.

Es wird ein Jahr sein, in welchem sicher auch Vieles fehlen wird, das ich mir so wünschen würde. Ein Jahr mit Entbehrungen in einigen Bereichen, aber auch Überfluss und Fülle in anderen. Das Luftschloss, das ich gerne bauen würde, steht in den Wolken, ich schaue ab und an sehnsüchtig hoch, um mich dann wieder auf den Platz am Boden zu besinnen. Und es ist ein guter Platz. Ein fruchtbarer noch dazu. Ich bin gespannt, welche Blumen wachsen werden rund um mich. Und ich freue mich über jede Blüte. Und gehe dabei meinen Weg.

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