Wozu eigentlich? – Massstäbe des Lebens

Ab und an überkommt mich das Gefühl, dass das, was ich tue, zu  nichts nützlich ist. Ich frage mich dann, wieso ich mich tagtäglich damit abmühe, während ich doch genauso gut gleich nix tun könnte. Ich könnte die Beine hoch legen, wenn das Kind versorgt ist, könnte in den Tag hinein leben, das Leben geniessen, wie es sich grad anbietet. Der Fernseher gäbe bestimmt die eine oder andere Unterhaltung her, wenn ich mich gar zu schlecht fühlte, fände sich eine Realitysoap bei RTL, die mir zeigen würde, dass es noch schlimmere Fälle gäbe – das Leben könnte einfach sein. Trotzdem ich eigentlich von Natur aus eher faul bin, weigere ich mich, diesen Weg zu gehen. 

Ich stürze mich in Projekte, vertiefe mich in Theorien, spinne Gedanken, denke neue Welten, hinterfrage die existierende. Ich wälze Bücher und Ideen, zermürbe mich, vergrabe mich, schnappe nach Luft, bin hin und weg und zugleich explosiv und präsent. Sehe Notwendigkeiten und Denkanstösse, fühle Bedürfnisse und suche Lösungen. Und komme irgendwann wieder an den Punkt, dass es doch gar nix bringt. Wen kümmert, was mein Hirn sich ausdenkt? Wen kümmern all die Gedanken, die Theorien? Wieso sollte ich eine Lösung für Probleme finden, an denen sich so viele die Zähne ausbeissen? Und wieso sollte ich überhaupt ernst genommen werden? Das Bruttosozialprodukt unseres Landes merkt kaum, dass es mich gibt. Moderne wirtschaftliche Wertschätzungsmassstäbe orientieren sich an ebendiesem. Ergo der Beweis: Ich bin marginal und vernachlässigbar. Und alles, was ich so vor mich hindenke damit.

Die heutigen gesellschaftspolitischen Theorien stützen sich noch immer vornehmlich auf den gegenseitigen Vorteil und dieser wird in ökonomischen Grössen gemessen. Wer nichts dazu beiträgt, steht aussen vor. Rawls, Locke und Hobbes dachten es vor, es setzte sich fest und sitzt da beharrlich. Schlagworte wie Gleichberechtigung, Integration sind schön klingend, aber weit von der Realität entfernt. Noch immer werden die meisten Frontdienste (Kinderaufzucht, Altenpflege, Pflege körperlich und geistig beeinträchtigter Menschen) von Frauen erledigt und als ebensolche Dienste gering bis gar nicht geachtet. Das alles sitzt in den Köpfen fest. Die Muster sind verteilt. Muster durchbrechen langsam. Es braucht viel Zeit, Geduld, Einsicht und Stimmen. Und wenn jede Stimme denkt, sie zähle nichts, wird das Muster die Generationen überleben, zwar in Frage gestellt, aber nicht vom Sockel gestürzt. Deswegen zählt jede Stimme. Und auch die meine. Und so denke ich weiter. Sage meine Meinung. Stehe dazu. 

Wer sagt, was wichtig ist und was nicht? Wer setzt den Massstab für die Hierarchien im Leben und in der Gesellschaft? Wem muss man genügen und was soll man erreichen? Was ist erstrebenswert und was nur blosse Pflichterfüllung (wobei nicht geklärt ist, woher die Pflicht rührt und ob sie legitim ist). 

Die Welt steckt in der Krise. So das Schlagwort der Zeit. Man müsse umdenken, alles umstossen. Neue Werte finden. Alles möglichst radikal, alles möglichst neu. Das klingt gut, klingt markig, führen wird es nirgendwohin. Die Methode des viel Forderns, um wenig zu kriegen hat sich langsam selber überholt. Langsam wäre es wohl sinnvoller, gezielte und realistische Ziele zu setzen, um dann eine höheres Mass an Gerechtigkeit, an Miteinander, an individueller Befriedigung zu erreichen. Dabei kann jeder bei sich selber anfangen: Was kann ich, was will ich, was ist mir möglich? Was schulde ich anderen, wo kann ich helfen, wer hilft mir? Das Ich ist wichtig, das Du ebenso. Im Wissen, dass es ohne das Du kein Ich gibt, sollte man selbstverständlich den anderen nie aussen vor lassen bei der eigenen Zielsetzung. Aber diese sollte für einen stimmen und nicht einer wie auch immer gearteten Anspruchshaltung eines längst überholten Systems geschuldet sein. 

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