Locker, cool und alles easy

Wenn sie über die Büroflure deinen Namen rufen, fühlst du dich willkommen. Wenn sie dich loben für deine Taten, deine Dienste, fühlst du dich wertvoll. Wenn sie dir versichern, wie sehr sie dich brauchen, fühlst du dich nützlich. Wenn sie dir versichern, dass sie immer für dich da sind bei Problemen, fühlst du dich aufgehoben. Wenn sie dich enttäuschen, weil sie die Firmenpolitik über Werte wie Gerechtigkeit, Fairness, Loyalität stellen, den eigenen Nutzen über moralischen Handlungsgrundsätzen stehend werten, fühlst du dich verdammt alleine und betrogen.

Firmen haben Ziele. Diese sind meist dem firmeneigenen Profit geschuldet. Firmen verfolgen diese Ziele, streben Optimierung an, die immer den firmenpolitischen Vorteil im Auge hat, nicht Werte wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Fairness. Das nennt sich wohl Kapitalismus, wäre es anders, wäre es Humanismus. Es wäre eine einfache Sache, den Kapitalismus als bösen Bruder des Humanismus zu sehen. Es wäre leicht, ihn zu verdammen und ihm alle bösen Absichten wie ausnutzen, ausbeuten und Menschenwürde verletzen zu unterstellen. Es wäre wohl zu einfach. Der Kapitalismus hat durchaus positive Entwicklungen gebracht. Wo aber liegt das Problem? Der, welcher gestern noch freudig deinen Namen rief, verrät dich heute kaltblütig, wenn er sich dadurch einen Vorteil verschaffen kann. Und oft unterliegt er Zwängen, die von weiter oben kommen, weil da wieder einer sitzt, der sonst ihn über die Klinge springen lässt, wenn er sein Soll nicht erfüllt. Leider ist dieses Soll selten auf der menschlichen Seite, sondern auf der wirtschaftlichen zu suchen.

Profit ist nicht per se schlecht. Rentabilität kann durchaus angestrebt sein. Die Frage des Masses ist die eine, die der Mittel, die zum Zwecke gewählt werden, die andere. Die Tendenz momentan geht dahin, Menschen förmlich zu verheizen, indem man sie unendlichem Druck aussetzt, sie mit Versprechen ködert, die dann wegen wirtschaftlich schlechten Zeiten nicht eingehalten werden, um dann in der Quartalsbilanz einen Rekordgewinn zu verzeichnen. Man stellt die Wirtschaftlichkeit nach aussen über alles. Und ignoriert dabei, dass man die eigenen Ressourcen verheizt. Die fallen weg durch Burnout oder Depression. Kein Problem, es warten 100 andere, die ihre Chance im Job packen wollen, weil sie an anderen Orten wegrationalisiert wurden. Die Chance erweist sich oft als Schritt vom Regen in die Traufe, man kuscht und strampelt oder fällt um und sinkt. Ob man den Weg des Frosches von der Milch hin zum Butter oder aber den vom sterbenden Schwan geht, ist eine Frage von Glück und vor allem eine Gratwanderung zwischen Resignation, Anpassung und genug Schnauf und Standfestigkeit, den Übeln der Zeit zu trotzen.

Diese Gedanken sind wohl schwarz und düster. Man mag mich einen Pessimisten schimpfen und mir zu viel Nachdenklichkeit unterstellen. Man mag mich fragen, wo die Lösung läge. Schliesslich ist kritisieren einfach, besser machen schon schwerer. Ich bin zu wenig naiv, an eine Kehrtwende zu glauben. Ich bin zu pessimistisch, zu denken, dass der Mensch einsieht, was er tut, um dann im Sauseschritt die Missstände zu beheben. Menschlichkeit statt eigener Vorteil. Das wäre die ideale Parole. Im Herzen ist sie da, in der realen Wirtschaftswelt ist die Schwelle (zu?) hoch. Vielleicht hilft es schon, sich ab und an bewusst zu werden, dass alle die, welche in den Bürofluren ein und aus gehen, Menschen sind. Menschen mit Wünschen, Bedürfnissen. Menschen, die Familien zu ernähren haben, gerne stolz auf sich, ihren Betrieb und das gemeinsam erreichte wären. Und vielleicht hilft das ein wenig mit, statt der Arbeitskraft um des Firmenprofites Willen auch den Menschen mit seinen (berechtigten) Ansprüchen zu sehen. Ich denke, langfristig wird das der einzige Weg sein, dieses immer fragiler werdende Konstrukt der globalen Wirtschaft zu stützen. Schlussendlich ist alles nur so stark wie das schwächste Glied. Wenn man die Arbeitskraft, den Maurer, in den Boden stampft, wird das Haus über kurz oder lang einstürzen. Das täte es aber erst, nachdem viele Maurer unter den fallenden Backsteinen begraben wurden. Ist der Preis nicht zu hoch für einen kurzzeitigen Erfolg nach aussen?

Und bis es soweit ist, rufen sich die netten Leute in den Firmen erfreut die Namen zu, wenn sie sich sehen, loben sich über den grünen Klee und sägen hinterrücks gegenseitig an den Stühlen.

4 Comments

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  1. Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe was du beschreibst letztes Jahr sogar als Berufsanfänger zu deutlich erfahren dürfen. Habe für mich persönlich aber entschieden, zu der gemobbten Kollegin zu stehen und die Firma zu verlassen.

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    • Mobbing ist eine grausame Waffe, da sie den Menschen in seiner Bedürftigkeit packt und ihn niederdrückt. Tolle Haltung von dir, viele schauen lieber weg.

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  2. Ja – unangenehm solchen Kapriolen ausgesetzt zu sein. Es kann sehr verletzend sein, wenn deine Arbeit mit einer Quote, Massnahme oder so was einfach ignoriert wird.
    Die Frage wird hier wohl sein, ob es jemals eine Form geben wird, die im Kapitalismus eine „gerechte“ Art liefert. Hier müsste wohl aber die Börse ein System einführen, wo langfristige Planung mehr Gewinn bedeutet. Denn nur in der langfristigen Planung ist die Ressource „Arbeitskraft* aus meiner Sicht von Bedeutung. Kurzfristig bis zum nächsten Quartalsende kann viel optimiert werden…

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    • So lange der Mensch als blosse Arbeitskraft gesehen wird, wird sich wohl keine Wendung hin zu einer gerechteren Arbeitswelt realisieren lassen. Der Mensch müsste wieder als Wesen mit Würde und Bedürfnissen gesehen werden, das durch seine Leistung das tragen hilft, was man als Unternehmen erreichen will. So lange er aber auszubeutende Ressource und damit blosses Mittel ist, welches dem Zwecke Profit geopfert werden kann, steht es schlecht bestellt um mehr Menschlichkeit. Das ist in meinen kurz-, mittel- und langfristig dasselbe. Arbeitskräfte sind gesichtslose Nummern – daran krankt das System und das Individuum – und mit dem Individuum das System wieder doppelt. Irgendjemand muss nämlich schlussendlich die aussortierten Arbeitskräfte auffangen…

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