Geld regiert die Welt

Man denke sich ein Land, das niedrigere Steuern hat als die meisten der umliegenden Länder. Dazu ist es ein nettes kleines Ländchen, idyllisch gelegen und sauber aufgeräumt. Es bietet gewissen Komfort für die, welche sich diesen leisten können, dass es auch viele andere hat, die kaum überleben mit dem, was sie verdienen, wollen wir mal aussen vor lassen, das ist nun nicht Thema und passt nicht ins Konzept.

Nun denkt sich doch so mancher kluge Kopf, vor allem, wenn er noch ein paar Konten hat, die gut gefüllt sind und Umsätze macht, die ein paar Nullen am hinteren Ende aufweisen, dass er das Geld nicht abgeben, sondern behalten möchte. Wäre da nicht dieser üble Fiskus, der einem die Spass an der Freud verdirbt und immer was vom Kuchen abhaben will. Je nach Land eher viel. Doch der kluge Kopf ist ja nicht umsonst klug, er kennt dieses nette kleine Land, er zieht um. Nun ist er nicht einfach ein kluger Kopf, sondern der kluge Kopf einer Firma, die er mit umzieht. Dadurch, dass diese Firma nun im kleinen Ländle sitzt, zahlt sie viel weniger Steuern als sie im Ursprungsland und in vielen anderen Ländern gezahlt hätte. So weit so gut. Man könnte fast sagen, dass sie nun glücklich bis ans Lebensende leben und das eingesparte Geld in grossen Schlucken aus den aufgetischten Champagnergläsern trinken.

Doch weit gefehlt. Nun hat man zwar was eingespart. Der Sieg macht ein oder zwei Jahre glücklich. Dann fängt man an, nach links und rechts zu schauen und sieht: Ja hallo, die Firmen, die hier ihren Ursprung haben, zahlen weniger Steuern als wir. Wir armen Zugezogenen werden quasi geschröpft. Das geht ja gar nicht, dass die in diesem Land eine solche Ungleichbesteuerung befürworten. Wir könnten noch viel mehr an Steuern einsparen, wenn wir wie die behandelt würden. Dienst am Land und andere ethischen Überlegungen sind egal, dass jede Steuerersparnis dieser Firma die Steuerkasse des Staates schwächen würde, damit den Schwächsten der Gesellschaft, die wir ja nicht erwähnen wollten, noch mehr genommen würde, bleibt ebenfalls aussen vor. Das ist ist nur idealistisches Geschwafel, das interessiert an dieser Stelle nicht. Auch die hier genutzte Infrastruktur, die ja auch den Firmen zugute kommt und deren klugen Köpfen dienlich ist, soll das Land doch bitte selber finanzieren. Darauf kann man keine Rücksicht nehmen, zumal man ja am längeren Hebel sitzt argumentationstechnisch.

Die klugen Köpfe der zum Zwecke der Steuerersparnis eingereisten Firmen überlegen sich, was sie tun könnten, um diesen Umstand zu ändern. Und merken natürlich sehr schnell, dass kein Mittel so gut wirkt, wie Drohungen. Wenn wir diesem Land drohen, dass wir wieder gehen, wenn sie unsere Forderungen nicht erfüllen, werden die schnell einlenken. Dann verlassen wir sie nämlich mit wehenden Fahnen und sie verlieren sämtliche Steuereinnahmen (und ein paar Arbeitsplätze) und nicht nur den Teil, den wir einsparen könnten, wenn wir unsere Forderungen durchbringen.

Nun hat das Argument durchaus etwas für sich, rein rechnerisch geht es auf. Das sieht natürlich auch der Wirtschaftsverband dieses kleinen Landes und hält schnell Vorträge, die den Firmen nach dem Munde reden. Gebügelt und krawattet sitzen sie da, reden davon, dass die Schweiz sich das leisten kann, leisten muss. Sind ja nur ein paar Milliarden (dass am Anfang der Gespräche um die Unternehmenssteuerreform „nur“ von Millionen die Rede war, ignorieren wir hier). Für einen guten Zweck quasi. Wir müssen uns so verhalten, wie die anderen das wollen, sonst haben sie uns nicht mehr gern. Das haben sie eh schon nicht, nur wenn sie Steuern sparen können. Und davon wollen sie noch mehr haben, sonst entziehen sie uns das letzte Bisschen Liebe.

Und das Ende der Geschicht’? Die Vortragenden werden gut entlöhnt von den klugen Köpfen der Drohenden, weil sie die Sache unter Dach und Fach gebracht haben. Und so werden immerhin die glücklich und zufrieden leben, bis dass der Tod sie scheidet. Ethik und Moral ignorieren wir mal schön weiter. Die zählen in dieser Geschichte nicht, da alle, die darauf  pochen entweder idealisierende Ignoranten der tatsächlichen harten Realität und Wirtschaft sind oder aber unvermögende Neider.

Derek B. Miller: Ein seltsamer Ort zum Sterben

Sheldon Horowitz ist 82 Jahre alt, Jude und Witwer. Nach dem Tod seiner Frau zog er von New York nach Norwegen, wo er niemanden kennt als seine Enkelin und deren Mann. Während er sich mit Erinnerungen und Gedanken abgibt, tritt plötzlich die Gegenwart in Form einer Frau und deren Sohn in sein Leben.

Alles an ihr schreit: Balkan. Sheldon kann nur raten, was für ein Leben sie führt, und doch deutet alles darauf hin, dass sie hier in Oslo völlig fehl am Platz ist. […] Seine erste Regung ist Mitleid. Nicht für die Person, die sie ist, sondern für die Umstände, denen sie ausgeliefert ist.

Nach einem Streit im Treppenhaus seines Hauses lässt er die beiden in seine Wohnung, wo die Frau kurze Zeit später getötet wird. Sheldon Horowitz flieht mit dem Jungen, um ihm dasselbe Schicksal zu ersparen. Eine Odyssee beginnt.

Derek B. Miller erzählt die Geschichte von Krieg, Verfolgung und Mitgefühl. Er lässt seine Figuren über Themen wie Heimat und Familie philosophieren, lässt sie in die Vergangenheit blicken und die Gegenwart analysieren. Ein seltsamer Ort zum Sterben vereinigt Tiefe, Angst, schwarzen Humor und liebevoll gezeichnete Figuren.  Der Roman spielt von Menschen, die ihren Platz im Leben suchen und den Sinn desselben. Ab und an sucht man denselben als Leser auch in der Geschichte, die zudem manchmal etwas langatmig ist.

Fazit:
Ein vielschichtiger, philosophischer, einfühlsamer Roman. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Derek B. Miller
Derek B. Miller ist in Boston geboren und lebt heute nach Stationen in Israel, England, Ungarn und der Schweiz in Norwegen. Er hat nach einer Promotion an der Universität Genf eine Karriere als Spezialist für Sicherheitspolitik absolviert und für verschiedene Gremien der UNO und Universitäten auf der ganzen Welt gearbeitet. Er ist Direktor eines Forschungsinstituts. Ein seltsamer Ort zum Sterben ist sein erster Roman.

MillerSterbenAngaben zum Buch:
Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Rowohlt Buchverlag (1. Juni 2013)
Übersetzung: Olaf Roth
ISBN-Nr.: 978-3499230868
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Allein oder miteinander?

Martin Heidegger verzog sich in die einsame Natur, um seine Gedanken zu sortieren. Nur da konnte er, wie er dachte, seine Philosophie, seine Weltsicht entwickeln. Hannah Arendt, die ihm sehr (und mehr als das) verbunden war, folgte ihm in vielem, war fasziniert von ihm und seinem Denken, seiner Art der Gedankenführung. In dem Punkt (neben durchaus anderen) widersprach sie ihm. Sie fand, das Leben sei immer ein gemeinsames, das man nur im Miteinander, durch Gespräche erfahren, durchschauen und überhaupt sinnvoll machen könne. Allein oder gemeinsam?

Oft hört man, man solle sich auf sich besinnen, in sich gehen, da die Wahrheiten des eigenen Selbst finden und danach leben. Allerdings gibt es auch die These, dass wir uns durch den Blick von Aussen besser erkennen können, weil wir da den Spiegel sehen, das, was von aussen von uns sichtbar ist. Das verwehrt sich uns, da wir immer in uns gefangen sind und nicht unvoreingenommen aus uns heraustreten können. Insofern bräuchte man das Aussen, um das Innen, das aus uns herausspricht, erkennen zu können.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne andere Menschen wird er nicht leben können. Das konnte nicht mal Martin Heidegger, der zwar zum Schreiben in die Einsamkeit flüchtete, allerdings die Gemeinschaft (auch die von Hannah Arendt) durchaus brauchte, um eben produktiv zu sein, seine Gedanken zu finden und zu Papier zu bringen. Gerade von seinem Erstwerk sagte er, dass es ohne Hannah Arendt nicht entstanden wäre – allerdings auch nicht ohne seine Frau, die ihm den Rücken freihielt und ihm so überhaupt die Ruhe ermöglichte, die er brauchte.

Die Zeit heute ist schneller geworden. Informationen fliessen schneller, man muss sie schneller erfassen, verarbeiten, verwerten und sich dazu stellen. Das ermüdet, das härtet auch ab. Vielleicht ist die Ignoranz, die man vielerorts spürt, diesem Umstand geschuldet. Man will sich nicht mehr einlassen, weil sonst noch mehr auf einen einprasseln könnte, von dem man sowieso schon zu viel hat. Vor allem negative Dinge lässt man lieber aussen vor, man müsste sich sonst noch wirklich Gedanken machen, es könnte von einem eine Haltung gefordert sein und die könnten einen vor die Wahl stellen, ob man im eigenen Gärtchen bleibt oder dem Gewissen folgt, welches zu Mitgefühl und Anteilnahme aufruft.

Die neuen Medien erleichtern die Ignoranz. Zwar war das Innenleben noch nie so nach aussen gekehrt, man erfährt von anderen, wo sie ihr Essen kaufen, wann sie es wie zubereitet essen, mit wem sie es essen und was sie über den denken. Dass man nicht auch noch weiss, wie und wann sie es wieder loswerden, ist wohl eine Frage der Zeit (ab und an ist auch die Grenze schon überschritten). Nie war es aber auch so einfach, Dinge einfach zu überlesen – oder so zu tun als ob. Man liest sie und lässt sie im Nirgendwo des Datendschungels versanden. Dass hinter diesen Dingen Menschen sitzen, hat man wohl vergessen, verdrängt oder man denkt, die ja nicht wirklich zu kennen, da alles nur virtuell, nichts real sei. Wieso reale Anstrengung für eine virtuelle Welt verschwenden?

Ist diese Welt wirklich nur virtuell? Klar ist es über Datennetze verbunden, aber dahinter stehen reale Menschen mit realen Gefühlen. Und so sehr man die Welten trennen will, so eng sind die beiden verwoben. Die Trennung ist wohl eher dem eigenen Gewissen genehm, weil man sich dann aus der Affäre ziehen kann, denn wirkliche Realität. Und wenn die Trennung wirklich da ist, muss man sich auch fragen, wieso das so ist und was man sich dann von einer solchen virtuellen Welt erhofft, was man da will. Und vielleicht sind dann gewisse Inhalte gar nicht mehr angebracht, nämlich alles, was menschlich, nah und echt ist. Dann hätten wir eine virtuelle Kunstwelt ohne menschliche Authentizität. Ob man sich dann noch wohl fühlte darin?

Selbsterkenntnis

Wir haben nie nach uns gesucht – wie sollte es geschehen, dass wir uns eines Tages fänden? (F. Nietzsche, Genealogie der Moral)

„Wer suchet, der findet“ heisst es so schön im Volksmund. Manchmal findet man auch etwas, das man nicht gesucht hat. Des Weiteren gibt auch die Momente, in denen man sucht und sucht – die Nadel im Steckhaufen, doch sie bleibt verborgen. Alles Suchen scheint ins Leere zu laufen, höchstens vorübergehende Funderfolge zu liefern, keine überdauernden. Das mag ab und an frustrieren, wollen wir doch als Menschen alles wissen, alles kennen, über allem stehen. Wir sehen uns als Beherrscher der Welt, der Natur, stehen gerne über den Dingen und auch über anderen Menschen. Wer zuoberst steht, der hat gewonnen.

Der Mensch ist begrenzt, alles, was er findet, muss im Rahmen seiner Möglichkeiten – vor allem der sinnlichen – liegen. Zwar können wir die so wahrgenommenen Dinge weiter denken, sie durch unsere Gedanken weiter entwickeln, daraus Schlüsse ziehen, die über das direkt Wahrgenommene hinausgehen. Aber auch dieses Denken hat Grenzen, natürliche Grenzen. Der Mensch ist nicht auf die umfassende Wahrheit ausgerichtet, sondern darauf, zu überleben. Das weiss man spätestens seit Darwin, das war aber auch vorher schon immer wieder Thema und Theorie. Viele Philosophen wollten den Menschen über allem stehend sehen, ihn quasi zum Übermenschen erklären. Nietzsche hat den Menschen als Tier gesehen, der sich selber ständig überschätzt und überstilisiert. Schopenhauer hat dem Menschen seine Begrenztheit vor Augen geführt, indem dieser die Welt nur sieht, wie er sie wahrnehmen kann. Nie objektiv, immer durch die eigene Brille. Kant hat sich der subjektiven Weltsicht angeschlossen, in dem er fragte, ob man sicher sein kann, ob etwas grün ist oder nur das Auge eine grün gefärbte Glasscheibe, die den Gegenstand grün erscheinen lässt.

Was wissen wir von der Welt, woher nehmen wir so oft die Sicherheit, alles richtig zu sehen und zu wissen, wie der sprichwörtliche Hase läuft? Grundsätzlich können wir es nicht wissen, wir können es im allerbesten Fall ahnen, es uns ausmalen, aus schlüssigen Argumenten zu einer Meinung kommen, die eher Glaube als Wissen ist. Wir nennen es Wissen, weil wir unserer Argumentation glauben wollen und weil wir uns über Wissen definieren. Wissen ist Macht. Wer mehr weiss, wird es weiter bringen. Die, welche Nichtwissen zugeben, zaudern, werden den Fuss nie auf die höchste Stufe der Leiter bringen. Sie sind die ewigen Zauderer, die, welche es eben nicht wissen. Dass sie im Grunde genommen recht haben, ist dabei irrelevant.

Das mag alles stimmen, doch bleibt auch zu sagen, dass man sich für Dinge entscheiden muss, will man überleben – und nur darauf kommt es an in der Evolution. Wenn ich 5 Tage überlege, ob ich nun besser ein Brot oder einen Apfel esse, dabei nichts esse und das Trinken vergesse ob all des angestrengten Nachdenkens, wird die Frage irrelevant, da ich schlichtweg verdurstet bin. Das eigene Überleben fordert von uns Entscheidungen und die treffen wir nur dann, wenn wir das, wofür wir uns entscheiden wollen und sollen, als wahr und richtig erkennen und ihm aus diesem Grund folgen wollen und können. Dass wir dies können bedarf, dass wir wissen, wer wir sind und was wir wollen. Und schon haben wir das nächste Problem.

Klar kann man einfach tun, was von anderen für richtig gehalten wird. Sie werden schon Recht haben und da sie alle überlebt haben (zumindest die heutigen Entscheidungsträger bis jetzt) kann ihr Entscheid so falsch nicht sein. Zumindest nicht tödlich und überleben ist schon mal die halbe Miete. Um aus Überleben Leben zu machen, braucht es aber eine Nuance mehr – nämlich das eigene Zutun. Wer bin ich und wer will ich sein? Das ist bei der „Brot oder Apfel“-Frage nicht wirklich relevant, bei tiefer gehenden Fragen wie „Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um?“, „Welcher Zweck heiligt welche Mittel?“, „Wo liegt die Grenze des Erlaubten? Wo die des Gewollten? Wo die des Gekonnten?“ wird es schon wichtiger.

Wir werden uns nie ganz erkennen können, dazu ist unser Denken und Sein zu beschränkt. Die moderne Hirnforschung kommt zu immer neuen Schlüssen, will aufdecken, wer der Mensch ist, wie er funktioniert. Sie behauptet ab und an, es gäbe gar kein „Ich“ im Menschen, alles sei blosse Aneinanderreihung von chemischen und physikalischen Prozessen. Auch sie bleibt die letzte Antwort schuldig, so wird es nach der hier vertretenen Auffassung auch immer bleiben. Das ist aber kein Beinbruch, denn die umfassende Wahrheit ist in meinen Augen nicht nötig. Wir leben gut mit der Meinung, dass es uns als „Ich“ gibt und wir über einen freien Willen verfügen, der es uns ermöglicht, die Dinge in Frage zu stellen, uns selber damit. Wir leben gut damit, zu glauben, dass wir wissen und wir uns an diesem Wissen orientieren können. Selbst wenn das alles eine Illusion sein sollte, wenn wir also keine freie Wahl haben, so bleibt doch eine Tatsache, dass es immer zwei Möglichkeiten gibt, zu entscheiden: Dafür und dagegen. Welche wir treffen, liegt irgendwie bei uns und damit an der Frage, wer wir sein wollen, wenn wir entscheiden, wie wir handeln sollen.

Liebe

Ich liebe ihn. Ich kann es ihm nicht sagen. Was wird er von mir denken? Wir kennen uns kaum. Und vielleicht liebt er mich ja nicht. Findet mich nett, ja, aber mehr? Was denkt er dann, wenn ich so raus presche, einfach sage, was ich fühle, was ich will. Er denkt, ich sei vorschnell, voreilig, er will gar nichts. Er findet mich lächerlich, belächelt mich. Vielleicht erzählt er seinem Freund. Er erzählt es allen, die lachen dann hinter meinem Rücken. Wenn ich komme, verstummen sie, weil sie vorher grad noch darüber lästerten, dass ich so eine naive verliebte Kuh bin. Nein, diese Blösse gebe ich mir nicht. Ich werde nichts sagen. Werde warten. Wenn nichts kommt, wird mich das bestätigen und ich werde froh sein, nichts gesagt zu haben.

Wie oft halten wir mit positiven Gefühlen hinterm Berg. Dem anderen zu sagen, was er falsch macht scheint fast einfacher, als die positiven Gefühle offenzulegen. Wir mauern uns ein, schützen uns vor Spott und Häme. Wir fürchten, uns blosszustellen, wenn wir zu uns stehen, weil wir denken, dass wir mit unseren Gefühlen schwach aussehen, vor allem, wenn sie nicht erwidert werden. Wenn ich liebe und nicht geliebt werde, so denken wir, dann ist der andere der Grosse, er ist mehr wert, weil er von mir geliebt wird, ich von ihm nicht. Wir setzen uns damit schon von vornherein in die kleine Position, in die des Schwächlings. Wir denken, unsere Fassade wahren zu müssen, indem wir mit dem Innersten nicht nach aussen treten. Wir nennen es Selbstschutz. Stellen ihn in den Dienst des Gesichts nach aussen, das es zu wahren gilt. Wir merken dabei nicht, dass wir uns selber klein machen, dass wir uns selber nicht Wert genug sind, zu uns zu stehen. Wie soll es ein anderer?

Sind Gefühle wirklich Ausdruck von Schwäche? Ist es wirklich Unterlegenheit, zu lieben und nicht widergeliebt zu werden? Ich denke nicht. Liebe ist das grösste Gefühl überhaupt. Dazu fähig zu sein hebt den so Fühlenden schon über sehr viele Menschen hinweg, die nur noch dem eigenen Profit nachrennen und diesem alles unterordnen, bis sie auf dieser Jagt nach Ruhm, Ehre und Erfolg straucheln und sich ganz tief in Loch sitzen sehen – allein und einsam.

Sind wir schwach und klein, nur weil uns der, den wir lieben, nicht genauso liebt? Hat das irgendetwas mit unserem eigenen Wert zu tun? Auch da denke ich, dass dies nicht der Fall ist. Klar tut es weh und klar wünscht man sich Liebe gegenseitig. Aber wenn man nur darauf abzielte, geliebt zu werden, wäre das Lieben kein Gefühl, schon gar nicht bedingungslos, es wäre ein Tauschgeschäft. Und so funktioniert sie nicht. Liebe fordert nicht, sie gibt. Und ja, man selber wird gerne geliebt. Aber es gibt sicher Menschen, die einen lieben. Nur gerade der eine nicht, den man nun halt gerne hätte. Damit muss man umgehen lernen. Das bedeutet nicht, Mauern bauen und keine Gefühle mehr nach aussen dringen zu lassen. Das bedeutet, sich selber zu lieben, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen. Dankbar zu sein, dass man sie hat und an sich zu glauben. Liebe ist kein Tauschgeschäft. Gegenseitige Liebe ist die Sahnehaube, Liebe an sich ist das, was das Leben lebenswert macht. Und wenn man sich wieder mal ungeliebt fühlt, sollte man einfach ganz ehrlich hinschauen und sehen, wer alles da ist, der einen liebt. Und meist sind das ganz viele Menschen. Und wenn es auch nur einer wäre – es beweist: man ist liebenswert.

Wichtig ist, das selber einzusehen und gleich anzufangen, sich selber so zu sehen und sich selber zu lieben. Wenn man das nicht tut, können noch so viele Liebende einem beteuern, wie toll man ist, man wird es nicht glauben und damit irgendwann Keile in diese Liebe drängen. Wenn man es tut, braucht es keinen, weil man zu sich steht. Aber jeder, der mit Liebe kommt, ist dann ein Geschenk, welches das Leben bunter macht – und lebenswert.

Sterne am Himmel

Heute sass ich so da und träumte mich durch die Welt. Ich stellte mir vor, wo ich hin könnte und was ich da alles erleben, erreichen wollte. Ich malte mir mein Leben in der neuen Welt bunter aus, als es hier je werden könnte, sah all die Möglichkeiten, Schönheiten, Neuheiten, Abenteuer in den glänzendsten Farben und Lichtern. Wie Sterne glitzerten sie am Himmel. Sterne, die ich greifen wollte, erfassen wollte, an mich reissen, nie mehr loslassen.

Die Sterne erschienen verlockend und unerreichbar. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr fehlende Tritte auf der Leiter hin zu den Sternen sah ich. Ich sah sie da oben, mich hier unten, sah sie glitzern, während meine Welt sich immer mehr verdunkelte.  All die Wünsche, Pläne, Träume – unerreichbar? Ich an diese Welt gebunden, gekettet, darin eingesperrt?

Ich sah mich in einer Welt, in der so viel fehlte, das ich gerne hätte. Ich sah diese Welt, die so klein, so eng, so düster schien. Ich fühlte mich ihr ausgeliefert, gehalten nur von äusserlichen Ketten, da mich innerlich nichts an sie band. Zuhause, Heimat, Wurzeln – alles dieses hatte ich nie und fühlte ich nie. Nicht hier. Nicht jetzt. Nie und nirgends. Ich war nicht mal entwurzelt, ich war ganz und gar wurzellos und doch gebunden.

Was wäre, wenn ich einfach die Ketten sprengte, sie hinter mir liesse, ohne zurückzublicken drauf los liefe, den Sternen entgegen? Wenn ich mich befreite von all den Zwängen, all den Einengungen, mein Leben gestaltete, wie ich es mir wünschte? Die fehlenden Tritte auf der Leiter könnte ich bauen und so einen Schritt nach dem anderen näher an die Sterne gelangen, bis ich sie hätte, da wäre. Es wäre machbar.

Ich ging in mich und fragte mich, wieso ich das nicht schon längst gemacht hatte. Was hat mich gehindert? Andere? Ich? Ketten? Ängste? Vermutlich ein bisschen von allem. Und die Frage: Was, wenn die Sterne, bin ich erst da, wieder weiter weg hängen? Wenn sie quasi eine Fata Morgana meines eigenen Wunschdenkens sind und mir immer knapp vor der Nase hangen? Vielleicht sind Sterne ja dazu da, in der Ferne zu funkeln, um uns anzutreiben und zu schwelgen. Und wenn wir lange genug geschwelgt haben, besinnen wir uns wieder darauf zurück, was wichtig ist und was nur Illusion. Sterne am Himmel – was wäre noch, wären sie alle gepflückt? Der Himmel wäre schwarz und leer. Aber bräuchten wir die Sterne da oben noch, wenn wir alle für uns gewünschten in der Hand hielten? Wären wir dann glücklich?

Tom Winter: Unbekannt verzogen

Lebenswege und Kreuzungen

Carol will sich befreien. Endlich will sie Bob sagen, dass sie ihn nicht mehr liebt, ihn nie geliebt hat, dass sie sich trennen will. Dass sie auch ihre Tochter nicht liebt, macht diesen Schritt noch einfacher, sie weiss nur eines, sie muss endlich weg. Just an dem Tag, an dem sie diese Botschaft überbringen will, entdeckt Bob einen Knoten in seiner Hode, welcher sich als Krebs entpuppt. Die ersehnte Freiheit muss warten.

Bobs Diagnose platzt wie eine Bombe in Carols Leben, reisst ihr den keimfreien Boden der schicken Praxis mit einem Ruck unter den Füssen weg.

In ihrem Frust schreibt sie Briefe ans Universum, die sie aber per Post verschickt. Albert, kurz vor der Pension stehend und mit der Aufgabe betraut, unzustellbare Briefe zu sortieren, fängt die Briefe auf, liest sie und nimmt so an ihrem Leben teil.

Obwohl ich ihn nicht LIEBE […], hat mich der Krebs daran erinnert, was ich an ihm liebe. Und damit meine ich nicht etwa seine sympathischen Marotten oder seine lustigen Witze, weil er nämlich keine sympathischen Marotten hat und seine Witze eher lahm sind. Ich glaube, ich will eher darauf hinaus, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben.

Da er selber einsam ist seit seine Frau vor 40 Jahren starb, hat er nun einen neuen Lebensinhalt gefunden. Die Briefe verändern sowohl Carols wie auch Alberts Leben. Beide erkennen sie etwas über sich selber und ihre Geschichte und fassen Vorsätze für den weiteren Lebensweg.

Tom Winter erzählt mit viel Humor, teilweise feinem, teilweise herben, nie aber bösartigem Humor die Geschichte von zwei Menschen, die sich in ihr Leben ergeben und damit eigentlich zu leben aufgehört haben. Die Geschichte selber lebt hauptsächlich von den Figuren, welche sehr liebevoll gezeichnet sind und einem damit ans Herz wachsen. Ihr Vermeiden von Entschlüssen, welche lebensverändernd sein könnten, haben etwas zutiefst menschliches, das wohl jeder schon mal selber erlebt hat.

Fazit
Die Geschichte zweier Menschen, deren Wege sich durch Briefe kreuzen, ohne dass sie sich kennen, erzählt mit viel Humor und Liebe. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Tom Winter
Martin Walker wurde 1974 in der Nähe von London geboren. Nach 15 Jahren in Hongkong und Shanghai lebt er nun in Berlin, wo er als Werbetexter für internationale Firmen arbeitet. Unbekannt verzogen ist sein erstes Buch, der zweite ist gerade in Arbeit.

winterunbekanntAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 281 Seiten
Verlag: Insel Verlag (13. März 2013)
Übersetzung von: Regina Rawlinson und Sabine Lohmann
ISBN-Nr.: 978-3458359166
Preis: EUR  12.99 / CHF 21.90

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Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt

Die tollsten Menschen sind immer etwas verrückt

Diesen Satz las ich gestern und fragte mich – wie immer, wenn ich so etwas lese, ich kann es ja nie einfach nur lesen und gut ist, nein, die Gedanken gehen weiter -, ob das stimmt. Und ich kam, wie so oft, zum Schluss, dass diese Frage der Klärung bedürfe, da man dabei zuerst definieren müsse, was verrückt bedeutet.

Als verrückt gelten Menschen dann, wenn sie der geltenden Norm oder der Norm der sie so bewertenden Menschen nicht entsprechen. Sie sind dann im wahrsten Sinne ver – rückt, von der Norm abgerückt, in eine Nebenstrasse abgebogen, die nicht zulässig ist – zumindest nicht als zulässig gesehen wird von denen, die werten. Je mehr Macht nun die Wertenden haben oder je grösser ihre uniforme Masse ist (was oft gleichbedeutend ist), desto schwieriger wird der Stand für den als verrückt erkannten Menschen. Er wird sich fortan ihren Blicken, ihrem Lachen, ihrer Verurteilung auf allen Ebenen ausgeliefert sehen. Im geringsten Fall ist das ein leises oder auch lauteres Belächeln, kann aber hin zu einem Verburteilen des ganzen Menschen führen oder gar zur Exklusion aus der Gesellschaft.

In früheren Zeiten wurden die weiblichen Exemplare verbrannt. Was nicht sein darf, darf nicht sein, weg damit und das radikal. Im Fegefeuer sollte dann wohl die Abartigkeit gleich mitverbrannt werden, nicht dass sie noch in Geisterform auf andere, am wenigsten bitte auf die ach so gesunde Gesellschaft übergreife. Danach wurde man menschlicher und steckte sie nur noch in Heime und Anstalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden sie verwahrt, von der Gesellschaft ferngehalten (oder diese von ihnen befreit, wie man den Blickwinkel auch richten wollte), in ganz schweren Fällen kastriert, damit auch ja keine Weiterverbreitung solchen Irrsinns passieren konnte.

Auch heute noch, wo man sich gar aufgeklärt und tolerant schimpft, sind die Normen starr. Es gibt Lebenswege, die als normal gelten und solche, die einfach verrückt sind, weil sie sich nicht in die ausgetretenen Pfade pressen lassen. Noch immer wird man beäugt, belächelt und argwöhnisch durchgekaut in den Kreisen der Normalen. „Wie kann der nur? Was denkt die sich? Hast du gesehen?“ Schon bei kleinen Kindern fängt es an. Sie müssen in ihrer Entwicklung in eine zeitliche Kurve passen, in der Grösse in eine Perzentile und im Gewicht proportional dazu. Tun sie das nicht, ist man mit einer Armee von Therapiemöglichkeiten (und oft –pflichten) bei Fuss, auch hier kann nicht sein, was nicht sein darf. Zwar sehe ich die Sorge um die Gesundheit unserer Kleinen ein, gewisse Entwicklungen sind ungesund und bedürfen der Hilfe, welche gut und wichtig ist, allerdings sollte man darüber den gesunden Menschenverstand nicht abschalten und im Auge behalten, dass Menschen durchaus langsamer und schneller sein können, dass nicht alle alles können, dass nicht jedes Sprachgenie zugleich auch Feinmechaniker sein muss oder kann und dabei Tonleitern über 4 Oktaven singt.

Eigene Wege zu gehen braucht Mut. Ab und an ist es auch der einzige Weg, den ein gewisser Mensch gehen kann, weil jeder andere für ihn noch schwieriger (oder unmöglich) wäre. Dann ist es doppelt schwierig, weil selbst ohne Mut keine Alternative bleibt.

Sind nun diese Menschen toll? Auch hier kommt es drauf an, was wir unter toll verstehen. Ein Mensch, der zu sich und seinem Weg steht, ihn geht, den Unbill der anderen auf sich nimmt und an sich festhält, ist toll (dass dieser eigene Weg niemandem schaden sollte und sich in gewissen gesetzlichen Normen bewegen sei vorausgesetzt, denn wenn ein Mörder sich plötzlich als Künstler und seine Toten als Werke sieht, wäre dieser Weg durchaus zu stoppen – früher hätte ich solche Einschübe weggelassen, heute nehme ich sie rein, weil sich immer findige Köpfe finden, die dann mit solchen Dingen kommen, die man offensichtlich nicht gemeint haben kann, wie ich denke). Ob er ein besserer Mensch ist, weiss ich nicht. Es gibt auch gute und tolle Menschen unter denen, die den Weg gehen, der als normal erachtet wird. Vielleicht ist es genau ihr Weg und er entspricht nunmal dem normalen oder aber sie fühlen sich mit ihm so wohl, dass dieses Wohlgefühl ausreicht, den Weg zu gehen, da der andere Weg sich schlechter anfühlte, auch wenn er besser entspräche. Dass etwas zur Norm wird, resultiert meist (im gesündesten Falle) daraus, dass es der Mehrheit entspricht.

Wenn die Mehrheit dasselbe will, tut und kann dann geht man in einer statistischen Welt davon aus, dass dies der Normalfall ist, das andere die Abweichung. Darin liegt eine gewisse Logik. Ich denke aber, dass genau hier der Knackpunkt ist. So lange wir in Statistiken über normal und abnormal (verrückt) entscheiden, so lange werden wir Menschen nicht als Menschen wahrnehmen sondern als Statistiken füllende Punkte, aus denen am Schluss ein Diagramm entsteht, aus der wir unsere Welt abzulesen glauben. Schlussendlich sind es aber alles Menschen mit ihren Eigenarten, Wesen und Bedürfnissen. Und jeder soll sich seinen Weg selber suchen dürfen und ihn gehen, ohne dabei belächelt zu werden – weder die Verrückten von den Normalen (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem niemand treffenden Ausdruck) oder aber die Normalen von den Verrückten, die sich als mutiger, besser, weil anders sehen.

Wenn die Menschen einsehen, dass es zwar verbreitetere und weniger verbreitete Lebensweisen gibt, diese aber alle Menschen entsprechen, die sie leben, dann kommen wir vielleicht dahin zu sehen, dass jeder auf seine Weise toll ist. Ist das zu idealistisch?

Fau C auf Reisen

Es war einmal eine Frau, nennen wir sie Frau C, die wohnte in Z. Frau C hatte einen Hund, der war weiss und die meiste Zeit stimmte die Vergangenheitsform „war“ sehr gut mit der aktuellen Zeit zusammen, da war er nämlich schwarz, braun, gepunktet oder gefleckt. Aber eigentlich war der Hund, nennen wir ihn Caruso, weiss.

Eines Tages hatte Frau C aus Z. einen Termin in B. Abgesehen davon, dass Frau C keine Termine mag, ist sie ab und an etwas reisemüde. Nun lag der Termin in B. von Haustür zu Haustür sage und schreibe 105 Minuten entfernt, für Frau C eine halbe Weltreise. Sie überlegte hin und her, je näher der Termin rückte, ob der Termin wirklich wichtig wäre, ob er was brächte, ob sie ihn nicht besser absagen könnte und ordnete schon fleissig die möglichen Argumente, die sich gegenseitig an Stichhaltigkeit und Folgerichtigkeit und auch an Logik und Realitätssinn überboten. Bald schon hatte Frau C eine ganze Liste sinniger Argumente gegen eine Reise nach Bern. Zwei blieben, nämlich des Sohnes „bringt es nichts, so schadet es nichts“ und das eigene „du könntest es bereuen“.

Frau C schob die Entscheidung bis kurz vor knapp hinaus und entschied im letzten Moment zu gehen. Sie packte die Tasche, den Hund und den Mantel, rief dem Sohn alle Ermahnungen zu, die man einem zu Hause bleibenden Sohn zuruft und machte sich auf den Weg zum Bus. Gestresst wie immer, in der Angst, den Bus zu versäumen, was das Verpassen des Zuges zur Folge und dann das Verpassen des Termins als Resultat hätte, eilte sie im Stechschritt Richtung Haltestelle. Der Hund schnüffelte da, pinkelte dort, machte alsbald Anstalten, sich niederzukauern für ernsthaftere Geschäftstätigkeiten. Die Zeit dafür musste reichen, schliesslich ist er auch nur ein Hund und hat Bedürfnisse. Diese ausgelebt, wieder in Originalstelle, streckt er Frau C erleichtert ein braunes Hinterteil zu.

Frau C sah das Hinterteil, überschlug die Folgen eines solchen auf eine Zugreise mit besagtem Hund auf dem Schoss, überlegte, wie ihr Terminator (oder wie man einen Termingeber nennen sollte) auf ein stinkendes Hundetier an der Leine und eine Frau mit ebenso stinkenden Hosen reagieren würde und kehrte unverrichteter Dinge um, um wieder heimzugehen. Da angekommen, schnitt sie alles braun raus, was problemlos ging, um dann zu merken, dass der Termin damit nicht gestorben sein musste, wenn sie noch ein wenig schneller lief, konnte sie den Bus noch immer erreichen. Frau C kehrte also wieder um, rief dem Sohn nochmals alles erdenklich Wichtige zu und eilte wieder zum Bus, den sie in der Tat erwischte. Der Startschuss für die Weltreise war gefallen.

Der Bus war pünktlich, der Zug erreicht, ein Sitz gefunden, der Hund platziert, das Buch in den Händen, reisen fühlte sich gar nicht mehr so schlimm an. Im Gegenteil, es hatte was für sich. Bald schon war das erste Buch zu Ende gelesen, das zweite hervorgeholt – der nächste Hammer: Das war langweilig. Das falsche Buch dabei auf Reisen, mangels vorhandenes Bücherregal zur Hand kein Ersatz – schlagartig kam ihr wieder in den Sinn, wieso sie nicht gerne reiste. Der falschen Bücher wegen. Die waren immer dabei. Zielgerichtet schummelten sie sich in den Vordergrund, wenn Reisen oder gar Ferien anstanden und waren dann in der Lage, die Laune von 180 auf 0 in 1 Sekunde zu bringen. Porsche wäre neidisch. Die Reise zog sich hin wie Kaugummi, etwa so wie der, welchen der Mann gegenüber unübersehbar kaute (wobei kauen noch stark übertrieben war, die Blasen, die er blies, ganz zu schweigen, von dem Jucken in den Finger, diese in sein Gesicht zu pressen, erzähle ich besser auch nicht).

Irgendwann hatte der Zug Erbarmen und erreichte B. Frau C stieg aus, eilte die Treppe hinauf (eilen musste sie, weil der Zug 11 Minuten Verspätung und ihr Termin ohne solche geplant war) überquerte die STrasse, hatte Glück (darf auch mal sein), der Bus kam grad, fuhr drei Stationen, überquerte die Strasse, betrat das Gebäude, fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock, rannte den Gang hinunter, klopfte an die Tür des Terminators. Nichts. Sie schaute links, schaute rechts, die Tür ging auf, ein freundlich strahlender Kopf kam heraus: „Einen Moment bitte.“ Natürlich. Kein Problem. Frau C las alle nur erdenklichen an der Wand hängenden Blätter, Poster und Werbungen, bis die Tür sich wieder öffnete, der Kopf wieder herauskam, der Mann, der dran hing, dieses Mal mit. Sie nahmen beide drinnen Platz, der Terminator lächelte sie nett an (und das Lächeln war wirklich nett) und fragte nach den Wünschen und Anliegen, legte die Stirne in Falten, den Zeigefinger ans Kinn und richtete die Augen interessiert auf Frau C.

Es sei alles sehr schwierig, meinte er, wenn auch interessant. Er hätte vollstes Vertrauen in Frau C, aber es gäbe doch zu bedenken… und erzählte Argumente auf, gute, stichhaltige, logische, sinnhafte, Frau C schon bekannte Argumente. Er gab seiner Freude Ausdruck, dass er Frau C persönlich kennen gelernt hatte, versprach, sie mehr als nur im Hinterkopf zu behalten und verabschiedete sich. Weniger als 10 Minuten später stand Frau C wieder vor besagter Tür, der lächelnde Kopf dahinter. Und vor ihr lag der Rückweg. Was sie wohl alles erwarten mochte? Ganz kurz ratterten ihr die Argumente, welche sie am Anfang gegen die Reise gesammelt hatte, durch den Kopf, sie verscheuchte sie schnell, um sich diese ach so tolle Reise nicht am Ende noch durch negatives Denken zu vermiesen und sagte sich: „Mein Sohn hatte recht, geschadet hat es sicherlich nicht, bereuen, dass ich nicht gegangen bin, kann ich nun nicht.“ Und damit schaltete sie das Gehirn schnell aus, nicht dass sich noch das zuvorderst auf der Zunge liegende „Aber“ Luft verschaffen konnte.

Grosse und kleine Welten

Die Welt ist schlecht und sie ist laut. Alle denken, je lauter sie schreien, desto besser werden sie gehört. Die leisen Töne sichern ungehört ins Nirgendwo, fast als wären sie nie gesprochen worden. Pessimisten unken, dass das immer so war und immer so sein würde. Der Mensch ist träge und faul, er geht lieber mit der Masse, folgt dem, der am lautesten die Parolen verkündet, weil den die meisten hören und ihm auch folgen. So geht die Masse im Gleichschritt, unhinterfragt, unbedacht, unbewusst – wie Marionetten.

Dass die Welt so sein mag, die Geschichte das belegt, die Gegenwart es bestätigt, mag stimmen. Dahinzugehen und die ganze Welt und alle Menschen ändern zu wollen, wäre ein Anspruch, der mit dem Kampf gegen Windmühlen vergleichbar wäre. Was aber immer in unserer Macht liegt, ist im Kleinen anzufangen, bei sich selber und in seinem Umfeld. Es ist nie zu spät, hinzuhören, wie man selber agiert und hinzuhören, was andere sagen. Man kann auch genauer hinhören, wenn man nur leise Töne hört, sie annehmen, aufnehmen, hinterfragen. Man kann mit einem neuen Bewusstsein ans Leben und ans Miteinander gehen und damit den leisen Tönen und ihren Verkündern wieder eine Plattform bieten. Und dabei entwickelt man vielleicht auch ein Bewusstsein für sich selber und dafür, was man im Leben will, wie man dieses gestalten will und wem oder was man wirklich Platz einräumen will, was draussen bleiben soll.

Nicht immer hat der recht, der am lautesten ruft, oft ist er nur am besten gehört. Wenn man im Kleinen anfängt, auf den Inhalt zu hören statt sich der Bequemlichkeit anheimzugeben, kann man im eigenen Leben sicher einige Weichen umstellen – für sie und seine Nächsten. Glaubt man der Yogaphilosophie, dann wird sich dieses Verhalten auch verbreiten. Vielleicht nicht im Sauseschritt, aber in kleinen nachhaltigen Schritten. Bewusstsein zieht Bewusstsein nach sich, das Erfahren von Dingen im Umfeld setzt sich im Inneren nieder und verändert da die Strukturen des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens. Dass die Welt von heute auf morgen revolutioniert ist, wäre utopisch, aber wieso will man immer gleich die Welt ändern?

Meist ist der Anspruch, das Grosse anpacken zu wollen und alles zu lassen, wenn das nicht geht, eine Flucht vor der eigenen Verantwortlichkeit. Das unmögliche Grosse gibt einem die Rechtfertigung, das Kleine zu lassen. Man muss sich nicht drum kümmern, weil man belegen kann, dass es eh nichts bringen wird, die Welt dieselbe bleibt. Für die ganze Welt mag das (sicher kurz- und mittelfristig) so sein, für die kleine Welt stimmt das in meinen Augen nicht. Wir haben sehr viel in der Hand, wir müssen es nur wahrnehmen und uns dessen bewusst werden. Oft sind die vielen kleinen Schritte für das eigene Sein unendlich heilsam, weil sie eine neue Qualität bringen. Wo vorher Geschrei und Gleichschritt herrschte, könnten plötzlich leise Klänge und Eigenverantwortung stehen. Und damit könnte ein Weg sich öffnen, den man selber gewählt hat, statt ihn nur blind mitzugehen. Man muss nur den ersten Schritt machen.

Israel und Palästina

Mein Sohn fragte mich, was passieren müsste, dass die Palästinenser und die Israeli friedlich leben könnten, dass der Krieg da beendet würde. Ich sagte, dass sie einsehen müssten, dass es genug Platz hätte für beide, dass sie einen Weg finden müssten, in einem Land miteinander leben zu können, jeder die Andersartigkeit des jeweils Anderen akzeptierend.

Mein Sohn meinte darauf, dass es aber vielleicht wirklich nicht genug Platz hätte für beide. Dass vielleicht wirklich einer weichen müsste, sich zumindest einschränken. Wie könnte man dann friedlich einfach miteinander wohnen? Wie war es zu dieser Situation gekommen?

Eines Tages suchten die Alliierten eine Lösung für die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg. Man einigte sich ziemlich schnell, sah sich im Recht und errichtete den Staat Israel. Man berief sich auf historische Tatsachen, die Juden waren schon mal hier, die gehören hier her. Dass auch die Araber hier gewesen wären, vielleicht schon früher, war irrelevant. Dass schon vor Vertragsbeschluss Unheil angekündigt wurde, ignorierte man. Man brauchte eine Lösung, fand auf dem Papier eine und setzte sie um.

Es kam, wie es kommen musste. Die schon Dagewesenen öffneten nicht einfach freudig die Türen, sondern sie liessen die Eindringlinge missmutig kommen. Der Platz wurde rarer, verschiedene Anspruchsrechte trafen aufeinander. Was soll daraus resultieren als Konflikt? Natürlich stellt man sich eine heile Welt vor, in der Blumen vom Himmel fallen und man die verlorenen Brüder willkommen heisst. Dieses Willkommen war aber keines, weil niemand von Brüdern wusste, keiner die daher Kommenden als solche sah. Man sah nur, was sie einem nahmen. Plötzlich sollte der Staat ihrer sein. Auch wenn es auf dem Papier von einem zweigeteilten Staat hiess – was schon schlimm genug war – Thema war nur immer der eine. Und der eine existierte nur, weil man dem anderen etwas weggenommen hatte.

Mein Sohn und ich stellten uns so vor, wie wir uns fühlen würden, wenn plötzlich jemand an der Tür klingelte und sagen würde, die Schweizer Regierung hätte beschlossen, dass unsere Vormieter wieder in unsere Wohnung dürften. Sie wären vor uns dagewesen und aus national wichtigen Gründen sähe man eine solche Massnahme als wertvoll an, zumal sonst das Problem bestünde, dass diese Familie auf der Strasse wäre, kein Zuhause hätte, was nach dem ganzen Leid, das sie und Ihresgleichen in den letzten Jahren hatten, nicht zumutbar wäre und man ihnen als Zeichen des Respekts von Staates Wegen helfen wolle, helfen müsse.

Die Not leuchtet ein: Da muss ein Zuhause her. Zuhause bildet sich aus Erinnerungen, aus Werten, die sich überliefern im Zusammenhang mit einem Volk. Was  also sollte Israel im Norden Kanadas? Da waren die Juden nie gewesen, da hatten sie keine Wurzeln. In Israel schon. Nur sassen da nun andere. Worte von Miteinander und Nächstenliebe sind toll, die fühlt man und findet man gut. Nur wenn sie einem das Zuhause streitig machen, wird das wohl schwieriger.

Und so sitze ich noch immer hier und frage mich: Wie soll man das lösen? Wer ist im Recht? Opfer sind sie alle irgendwie. Und Opfer schlagen um sich, weil sie sich verteidigen wollen. Und beide Seiten haben einen Wunsch: Ihr Zuhause zu bewahren, eines überhaupt zu haben. Wer ist hier also der Böse? Wer der Gute? Und wie will man da von aussen kommen und Stellung beziehen? Vom warmen Zuhause aus lässt sich das gut entscheiden. Man steckt nie drin und fühlt nie mit. Man hat Theorien, die blumig und gut klingen. Sie mögen sogar viel Wahres in sich tragen. Das Menschliche Leben besteht nicht nur aus Faktenlagen und theoretischen Argumentationsketten. Beschlüsse von aussen können noch so überlegt sein, sie vernachlässigen oft das elementar Wichtige: Die menschlichen Befindlichkeiten, die Bedürfnisse, Schwächen und Gefühle.

Gibt es eine Lösung? Ich weiss es nicht. Ich möchte nicht urteilen wollen, würde mir aber Frieden wünschen. Denn bei allem Verständnis für beide Seiten, verlieren durch diese Auseinandersetzung schlussendlich beide mehr, als sie überhaupt noch gewinnen können.

Moritz Rinke: Wir lieben und wissen nichts

Lebenslügen und Ausbruchsversuche

Du sitzt ja immer noch da! Es kann jeden Moment losgehen…

Hannah muss für einen Job nach Zürich, Sebastian soll gegen seinen Willen mit, weil Hannah ihre Wohnung für die Zeit mit Roman getauscht hat, welcher beruflich in die Stadt kommt und seine Frau Magdalena mitbringt.

Sebastian, pack bitte deinen Koffer, unsere Tauschpartner sind in einer Stunde da! Und ich weiss nicht, ob die hier wohnen wollen mit einem fremden Mann in der Abstellkammer!

Die Wohnungsübergabe ist alles anderes als reibungslos, Sebastians Unwille zeigt sich in mangelndem Antrieb und ausufernden Wortergüssen, welche sich meist gegen die Welt von Romans und Hannahs Geschäftsumfeld wenden, Roman und Hannah treiben zur Eile an und Magdalena fühlt sich von Sebastians Unkonventionalität angezogen, was sich nach einigen Gläsern Champagner noch verstärkt.

Schon bald liegen sämtliche Abgründe der beiden Beziehungen offen, teilweise durch die Dialoge unter den Partnern, teilweise durch die Verständigung übers Kreuz zwischen den jeweils verwandten Charakteren.

Moritz Rinke gelingt mit seinem Theaterstück quasi ein Mikrokosmos, welcher ein Abbild der Gesellschaft darstellt. Die vier Personen widerspiegeln sowohl die einzelnen Klassen der Gesellschaft (Wirtschaft/Technik, Kunst, Spiritualität, welche sich allerdings in den Dienst der Wirtschaft stellt und anpassungsfähige Ehefrau) und die Kräfte, die dazwischen wirken. Man sieht sich mittendrin in den gegenseitigen Abhängigkeiten und Verachtung. Auf der tatsächlichen Beziehungsebene wird man Zeuge von lange gehegten Lebenslügen, die über die Jahre aufrecht erhalten wurden, um die Beziehung zu stützen, die sie aber langsam unterhöhlten und den gegenseitigen Respekt absterben liessen. Die Ahnung, die von Anfang an geschürt wird, bestätigt sich: Das kann kein gutes Ende nehmen. Und irgendwie nimmt es keines, weil die Geschichte noch nicht fertig ist, die Gesellschaft noch nicht am wirklichen Scheidepunkt. Alles ist möglich, der Preis zeigt sich schon im bislang gesagten, doch man hat ihn so lange gezahlt, man wird es weiter tun.

Fazit:
Ein Theaterstück über eine Beziehung, welche der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Sehr gelungen.

Zum Autor
Moritz Rinke
Moritz Rinke wurde 1967 in Worpswede bei Bremen geboren und studierte in Giessen Angewandte Theaterwissenschaft. Danach arbeitete er für verschiedene Zeitungen wie Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, FAZ, u.a., wurde da für seine Tätigkeit zweimal mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet. Seit 1999 schreibt Moritz Rinke Theaterstücke. Sein Bühnenstück Republik Vineta wurde 2001 zum besten deutschsprachigen Theaterstück gewählt und 2006 verfilmt. 2003 debütierte er als Schauspieler und schaffte es bis nach Cannes. 2010 erschien sein erster Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Moritz Rinke lebt als freier Autor in Berlin. Von ihm erschienen sind unter anderem Republik Vineta (2000), Die Nibelungen (2002), Die Optimisten (2003), Cafe Umberto (2005), Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel (2010), Wir lieben und wissen nichts (2013).

4B56696D677C7C33353230323836377C7C434F50Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (2. Mai 2013)
ISBN-Nr.: 978-3499245190
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Wiedergutmachung

Kürzlich kam es zu einer Diskussion darüber, ob die Schweiz den ehemaligen Verdingkindern Geld zahlen müsse, ob es mit einer Entschuldung nicht getan sei. Die Stimmen wurden gleich laut, dass man natürlich nur mit Geld aufwiegen könne, was je passiert ist. Das Unrecht war gross, keine Frage, die damaligen Kinder litten, viele haben die Narben in die Gegenwart (oder schon in den Tod) mitgenommen. Macht Geld da was gut? Wiegt es etwas auf? Ist dann alles wieder gut?

Heute las ich den Entsetzensschrei über eine geforderte Steuererhöhung für höhere Einkommen. Die dies Fordernden wurden als Neidhammel bezeichnet, die den besser gestellten den Lohn nicht gönnen. Wie man in der heutigen Zeit noch mehr Steuern fordern könne.

Zurück bleibt die Frage: Wer soll alles bezahlen? Keiner will Steuern bezahlen, Unecht soll mit Geld abgegolten werden, die Infrastrukturen ausgebaut, alles muss funktionieren. Lebt man in einem EU-Staat, muss man noch andere Staaten sanieren (sofern man nicht saniert wird, dann kümmert man sich wohl auch weniger um das Gestern, sondern kämpft mit dem Heute).

Geld regiert die Welt. Am Besten fliesst es vom Himmel, denn es muss einfach da sein, sonst geht gar nicht. Ein „es tut mir leid“ reicht nicht, es muss Geld fliessen. Geld zahlen will aber keiner. Es ist irgendwie verdammt einfach, vom Moralstandpunkt aus zu sagen, wo Geld hinfliessen soll, wenn man das Geld nicht selber zahlt. Täte man das, sähe es sicher anders aus. Moral ist ein verdammt zweischneidiges Schwert. In der Theorie glänzen wir alle drin. Haben Theorien, Ideale. Sehen uns als Widerstandkämpfer im Dritten Reich und Rächer der Opfer im Heute. Praktisch bleiben es leere Worte, die die Handlung anderen zuschreiben.

Nun kann man sagen, mit dem Wort fängt der Kampf an. Zuerst muss etwas benannt sein, bevor es sich setzt, Wirkung zeigt, Handlungen folgen. Nur müsste beim Aussprechen des Wortes in meinen Augen schon die Tragweite der geforderten Handlung miteinbezogen werden. Nur zu fordern, ohne zu sehen, wo die Forderung hinläuft, könnte böse Abstürze zur Folge haben. Aber für den Fall gibt es sicher wieder genug, die in der Theorie alles besser gewusst hätten oder aber einfach nur die Folgen ohne die dahinter liegenden Forderungen anschauen und sie verurteilen.

Gibt es Widergutmachung? Nein, nicht im kollektiven Rahmen. Im Einzelfall kann man geschehenes Unrecht nach Normen abgelten. Gut ist es dann noch nicht, aber das Unrecht wurde sanktioniert. Das ist das Prinzip des Rechts angewendet auf den Einzelfall. Bei kollektivem Unrecht im Stile eines Kriegs, eines Völkermords kann man sicher auch allgemein gültige Gesetzeslaute formulieren. Aber nur da, wo es um allgemeine Forderungen geht. Und auch dann ist nicht alles wieder gut. Wieder gut wird es nie. Man kann es nur in Zukunft besser machen. Und die Fehler der Vergangenheit einsehen. Und beide Seiten müssen lernen, damit umzugehen.

Martin Walker: Femme fatale. Der fünfte Fall von Bruno, Chef de police

Frauen und andere Ungereimtheiten

Eine nackte Frauenleiche treibt in einem Boot durch Périgord, mit an Bord ein toter Hahn und grosse schwarze Kerzen. Schnell werden Stimmen laut, es handle sich um das Werk von Satanisten. Die einen fürchten um den Ruf von Périgord, die anderen freuen sich über Touristenströme. Aks kurz darauf in der örtlichen Höhle eingebrochen wird und ein blutiger Ziegenkopf sowie eine schwarz angemalte Madonna den Tatort zieren, sieht sich Bruno, der örtliche Chef de police, inmitten eines undurchschaubaren Falles welcher nicht nur mit Mord und möglichen Teufeln, sondern auch mit dubiosen Finanzgeschäften und vielen schönen Frauen mit verführerischen Absichten im Zusammenhang steht.

Die Fäden reichen immer weiter, bis nach ganz oben, was die Ermittlungen zusätzlich erschwert. In welche Richtung Bruno auch ermittelt, immer wieder führen ihn die Spuren zur Roten Komtesse, die auf einem Schloss in Périgord lebt. Früher eine blühende Schönheit, Kämferin für den Widerstand und Kommunistin, liegt sie heute mit Alzheimer unansprechbar im Bett. Neben all dem beruflichen Chaos sind da auch noch die Frauen in Brunos Leben. Wohin das alles führen soll?

Martin Walkers neuster Fall für seinen Chef de Police Bruno ist ein Krimi wie er im Bilderbuch steht. Er lebt von seinem überaus sympathischen Polizisten Bruno, bei dem man gerne einfach an den Tisch sitzen würde, sein Kochkünste bewunderte und den Hund zwischen den Ohren kraulte. Man sieht ihn vor sich und man mag ihn. Dabei wird der ganze Rest schon fast zweitrangig, das Buch hat den Leser quasi adoptiert.

Martin Walker passt prima in die Reihe der traditionellen Krimiautoren. Ihm gelingt es, eine charismatische Hauptfigur zu entwerfen, die er in ein liebliches französisches Dörfchen mit all seinen Eigenheiten und typischem Dorfcharakter setzt.

Mischt man dann noch ein paar männliche Probleme eines in die Jahre geratenen gutherzigen Mannes hinzu und lässt die entsprechenden Frauen mitspielen, wird die Handlung eigentlich fast nebensächlich, man ist gefangen. Trotzdem entbehrt der Krimi keineswegs der Spannung. Zwar hat man immer eine Ahnung, wer denn der Gesuchte sein könnte, erkennt aber die  Zusammenhänge nicht und tappt so immer wieder erneut im Dunkeln. All das macht Femme fatale zu einem Lesevergnügen.

Geht man nach Schreiblehrgang vor, kann man sagen: Protagonist perfekt gezeichnet, Antagonisten relativ farblos, aber ausreichend, Schauplatz lebendig, man fühlt sich mittendrin, Plot stringent.

Fazit:
Schlicht ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite. Unbedingt empfehlenswert.

Zum Autor
Martin Walker
Martin Walker wurde 1947 in Schottland geboren. Er studierte in Oxford Geschichte, wechselte dann nach Harvard, um internationale Beziehungen und Wirtschaft zu studieren. Nach dem Abschluss war er viele Jahre im Journalistischen Bereich (The Guardian, Global Businell Policy Council) tätig. Und veröffentlichte daneben Werke über politische Themen. 1999 folgte der Umzug nach Périgord, wo er durch die Umgebung und ihre Bewohner zu seinen Kriminalromanen rund um Bruno, Chef de Police, inspiriert wurde.  Von ihm erschienen sind unter anderen Bruno, Chef de police (2009), Grand cru. Zweiter Fall für Bruno, Chef de police (2010), Schatten an der Wand (2012), Femme fatale. Der fünfte Fall für Bruno, Chef de police (2013).

WalkerFemmeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 426 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. April 2013)
Übersetzung von: Michael Windgassen
ISBN-Nr.: 978-3257068627
Preis: EUR  22.90 / CHF 34.90

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