Die Polizei, mein Freund und Helfer

Morgens um halb neun in Zürich, die Strassen sind gedrängt, alle fahren kreuz und quer. Da ich einen Termin auf der anderen Stadtseite habe, die Verkehrssituation kenne, fuhr ich statt der benötigten 30 Minuten 60 Minuten vorher los. Erstens habe ich Zeit, zweitens möchte ich nicht in Zeitnot kommen. Die Rollerfahrt ist traumhaft, der Sommer endlich in der Stadt, alles grün, alles sonnig, ich geniesse es. Links und rechts brausen andere Rollerfahrer an mir vorbei, egal. Ich fahre an der Uni vorbei, spüre wie immer das heimische Gefühl, schwelge ein wenig in Nostalgie, war das für mich doch über viele Jahre so etwas wie meine geistige Heimat. Ich fahre den Hang runter, am Kunsthaus vorbei, denke wieder, dass ich da auch mal rein möchte, als es passiert: Ein silberner Porsche Cayenne schiesst auf mich zu, ich rette mich auf die Tramspur. Der Schreck sitzt mir in den Knochen, ich schaue die blonde Fahrerin an, sie ignoriert mich. Auf der Tramspur kann ich nicht bleiben, bald kommt das nächste Tram, in die Kolonne kann ich nicht zurück, die ist stehend und dicht. Ich fahre runter, sehe von weitem die Polizei, werde rausgeholt. Ich steige ab, merke, ich kann nicht stehen, meine Knie schwanken noch vom Schrecken von vorher. Zum Glück fängt mich die Parkbank auf. Der Polizist herrscht mich an, ich solle wieder aufstehen. Ich erkläre, das ginge nicht, meine Knie schwanken. Ich will ihm die Situation erklären, sie interessiert ihn nicht. Was ich von Beruf bin, ist interessanter. Ich hätte eine Sicherheitslinie überfahren, meint er. Ich will mich erklären, er unterbricht mich und meint, ich könne das dem Richter erzählen, das komme nämlich vor Gericht. Ich frage wieso, er meint, das sei das Gesetz. Ich sage, ich hätte also besser meinen Roller zu Schrott fahren lassen. Er ignoriert meinen Einwand. Ich frage ihn, ob ich mich umbringen lassen soll. Er ignoriert mich. Er spricht in sein Fernsprechgerät. Ich versuche nochmals, mich mitzuteilen, er meint, das sei nicht an ihm, das könne ich alles dem Richter erzählen, ich könne gehen.

Ich versuche, meinen Roller zu besteigen, doch die Knie zittern immer noch zu stark. Ich sitze noch eine geschlagene halbe Stunde auf der Parkbank. Sehe dabei zwei Roller unbehelligt auf der Tramspur runterfahren, während die Polizisten am Strassenrand stehen.

Meinen Termin erreiche ich rechtzeitig, zum Glück hatte ich genug Zeit eingeplant. Wenn ich wieder mal zu früh bin, weiss ich, wie ich die Wartezeit überbrücke: Ich rase auf der Busspur an der Kontrolle vorbei und lasse mich dann mit wackligen Knien ignorieren von der Polizei. Der Richter muss mir dann zuhören…Soviel zu Freund und Helfer.

 

Dass der Porsche an uns vorbei fuhr, als ich mit der Polizei draussen stand, muss ich nicht erwähnen, dass es den Polizisten nicht interessierte, wohl auch nicht. Ein Anruf bei der „Feedbackstelle“ der Stadtpolizei Zürich brachte soviel, dass der Polizist den Tathergang vielleicht einfach nicht gesehen hat (hat er auch nicht, wie auch) und mir nicht glaubte (konnte er nicht, er liess mich diesen ja nie erzählen, trotzdem ich mit den Nerven völlig am Ende war). Immerhin versuchte mich der Beschwerdeempfänger (der – um ehrlich zu bleiben – durchaus nett war am Telefon) zu besänftigen, dass für mich alles gut sei, wenn ich die Busse bezahle, die mir der Richter irgendwann zuschicke….Das beruhigt doch sehr. Es bleibt noch zu sagen: Hurra, ich lebe noch. Mein Nervenkostüm hat gelitten, für heute ist mein Tag gelaufen.

Bewusst sein, bewusst handeln

Bildschirmfoto 2013-06-17 um 17.08.20

Ich wurde aufgefordert, über Bewusstsein zu schreiben. Ein Thema, das mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat und das mir auch am Herzen liegt. Man könnte es meine tägliche Lebensschule nennen. Natürlich waren die Begriffe „Bewusstsein“ und „Unterbewusstsein“ schon lange bekannt. Im Studium war Freud an allen Ecken und Enden Thema, er hat Wenden in allen möglichen Bereichen herbeigeführt und war in vielen literarischen Werken Thema – selten explizit, sehr oft aber implizit oder thematisch. Darüber hinaus habe ich mich wenig mit diesem Begriff befasst, er war rein theoretisches Gebilde, wissenschaftliche Definition. Alles weit davon entfernt, verinnerlicht zu werden.

Als ich begann, mich mit Yoga zu befassen, war Bewusstsein plötzlich in aller Munde. Alles sollte bewusst sein, das Atmen, das Essen, die Bewegungen, das Sprechen… Zum ersten Mal spürte ich damals ganz bewusst, wie Luft durch meine Nase einströmt, die Luftröhre runter bis in den Bauch, wie der Bauch sich hebt, wieder senkt, die Luft wieder den Weg zurücknimmt und zur Nase ausströmt. Ich wurde gewahr, dass meistens nur ein Nasenloch aktiv ist, die Nasenlöcher nach einer Zeit wechseln. Das war eine sehr spannende Erfahrung.[1] Das Bewusstsein war für mich auf der Matte angekommen. Ab und an nahm ich es ins Leben hinüber, atmete bewusst, wenn mir langweilig war, ich mich beruhigen wollte, ich Angst hatte und mich zu besänftigen versuchte. Es hat oft funktioniert, ich hatte dadurch ein Mittel gewonnen, mein Leben zur Ruhe zu bringen, indem ich bewusst atmete, mich ganz bewusst auf die Luft, die mir Leben und auch Ruhe einflössen kann, konzentrierte. Ich konzentrierte mich dabei auf mich und mein Sein. Eine ganz neue Erfahrung.

Durch diese kleine Übung lernte ich langsam zu sehen, was es heisst, mit Momenten bewusst umzugehen. Wie oft rasen wir durchs Leben, urteilen vorschnell über Dinge, lassen uns zu etwas hinreissen, das bei Lichte betrachtet weder gut noch sinnvoll ist. Wir sehen in dem Moment nur das, was wir gerade sehen wollen in unserer momentanen Stimmung, achten nicht in uns hinein, ob das, was da ist, in und um uns, wirklich den Tatsachen entspricht oder vielleicht doch nur eine Illusion ist. Wer kennt nicht Auseinandersetzungen mit lieben Menschen, in denen der eine ein Wort sagt, welches dem anderen schräg einfährt, dieser darauf reagiert – verteidigend oder gar schon angriffig – und schon bald ist man im schönsten Streit, ohne dass man hinterher noch weiss, wer wirklich angefangen hat und was die Ursache war. Man merkt nur, dass alles ein ganz grosses Missverständnis gewesen ist. Wie kann es dazu kommen?

Wir alle gehen durchs Leben und machen Erfahrungen. Aus diesen lernen wir und verinnerlichen Muster, wie wir in der Zukunft mit gleichen oder ähnlichen Situationen umgehen wollen. Wir legen quasi ein Raster aus Punkten und Strichen an (alles unbewusst), wie wir solche Situationen zukünftig erkennen können. Oft sind es Worte, Gesten oder Blicke, die als Auslöser für die verinnerlichten Muster genügen. Ob die so aufgegriffenen Worte wirklich der Intention entspringen, die wir dahinter sehen, sei dahingestellt. Wir haben nicht auf die momentane Situation reagiert, sondern aufgrund unserer vergangenen Muster. Dieses Verhalten hat seinen Sinn, vor allem evolutionstechnisch. Wenn der Hase immer erst überprüfen würde, ob der Fuchs ihn auch wirklich fressen will, wären Hasen ausgestorben auf dieser Welt. Deswegen ist es sinnvoll, wenn der Hase präventiv die Flucht ergreift, sobald er einen Fuchs sieht. Allerdings sind wir nicht immer Hasen im Angesicht von Füchsen und nicht immer geht es um Leben und Tod.

Ab und an täten wir gut daran, wirklich hinzusehen, was im Hier und Jetzt geschieht, bevor wir unsere innerlichen Muster ablaufen lassen. Dazu hilft es, sich die eigenen Gefühle ins Bewusstsein zu rufen und genau hinzusehen, wie sie ausgelöst wurden, was wirklich gerade passiert ist und ob wir mit unseren Gefühlen tatsächlich auf das aktuelle Geschehen reagiert haben oder aber einem alten Muster folgten. Auf diese Weise könnten wir einige Missverständnisse und auch Verletzungen – eigene und auch die anderer – vermeiden. Zudem würden wir wohl sehr viel über uns selber erfahren und darüber, was uns leitet, was uns geprägt hat, wie wir funktionieren und welchen Mechanismen wir ausgeliefert sind.

Manchmal läuft man mehrmals in dieselbe Falle alter Muster, bis man sie durchschaut. Trotzdem ist es nie zu spät, etwas dazuzulernen und sich vorzunehmen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir haben das grosse Glück, jeden Tag eine neue Chance zu haben, unser Leben neu anzupacken.

 


[1] Ich habe diese Übung in praktisch alle meine Yogastunden eingebaut und kann sie jedem nur ans Herz legen. Sich einfach mal entspannt auf den Rücken legen, atmen und dem Atem nachspüren. Versuchen, ihn in allen Bereichen, die er durchfliesst, zu spüren. Auch schön ist in einem weiteren Schritt der Versuch, ihn zu lenken wohin man ihn haben will.

Erich Segal (*16. Juni 1937)

Erich Wolf  Segal wird am 16. Juni 1937 in Brooklyn, New York City als Sohn eines Rabbis geboren. Er studiert ab 1955 in Harvard klassische Philologie und promoviert 10 Jahre später über antike klassische Komödien. Danach arbeitet er als Gastdozent und Assistent an verschiedenen Universitäten, unter anderem in Yale und München und publiziert eine Vielzahl literaturwissenschaftlicher Werke, wie es zur akademischen Karriere gehört. Er hat neben Drehbüchern und Romanen auch ein Musical geschrieben. 1970 gelingt ihm der Durchbruch als Romanschriftsteller mit seinem Roman Love Story.

Der Ruhm ist nicht nur Segen. In seiner Funktion als Literaturprofessor muss sich Segal dem oft harten Urteil seiner Studenten stellen und auch die Literaturkritik ist nicht nur voll des Lobes, es wird im Gegenteil als „dümmstes, zynischstes und langweiligstes Buch“ (FAZ) und bezeichnet und es heisst, nichts daran sei interessant, ausser dem Erfolg (Spiegel). Der Erfolg der durchaus seichten Geschichte liegt wohl in dem vermittelten Gefühl, welches der Zeit entspricht.

Nach einer Schaffenspause, die Segal braucht, den Tumult um seine Liebesgeschichte zu verarbeiten, fährt Segal fort zu schreiben, sowohl im wissenschaftlichen wie auch im belletristischen Rahmen, beides auf immer höherem Niveau, allerdings mit weniger Erfolg. Erich Segal erkrankt an Parkinson, unterrichtet aber weiter. Zuletzt lehrt er in Oxford und lebt in London, wo er am 17. Januar 2010 an einem Herzinfarkt stirbt.

Werke:
Belletristik:
Love Story (1970; dt: Love Story)
Oliver’s Story (1977; dt: Olivers Story)
Man, Woman and Child (1970; Mann, Frau und Kind)
Class (1985; …und sie wollten die Welt verändern)
Doctors (1988; dt: Die Ärzte / Die das Leben lieben)
Acts of Faith (1992; dt: Die Gottesmänner)
Prizes (1995; dt. Der Preis des Ruhms)
Only Love (dt: Only Love)

Drehbücher:
1967: Yellow Submarine
1970: The Games
1970: Kampf der Talaren
1971: Jennifer on my Mind
1980: Jahreszeiten einer Ehe (A Change of Seasons)

Literarische Vorlage zu einem Film:
1969: Love Story
1978: Olivers Story
1982: Herzen im Aufruhr (Man, Woman and Child)
1998: Nur die Liebe hält ewig (Only Love)

Theodor Fontane: Die Poggenpuhls

Adel, Geld und andere Befindlichkeiten

Sämtliche Poggenpuhls – die Mutter freilich weniger – beassen die schöne Gabe, nie zu klagen, waren lebensklug und rechneten gut, ohne dass sich bei diesem Rechnen etwas störend Berechnendes gezeigt hätte.

Die Majorin von Poggenpuhl lebt nach dem Tod ihres Mannes, der Major fiel an der Spitze seines Bataillons bei Gravelotte, mit ihren drei Töchtern Therese, Sophie und Manon und dem treuen Dienstmädchen Friederike in ärmlichen Verhältnissen in Berlin. Durch die tatkräftige Unterstützung der drei ungleichen Schwestern – Therese ist standesbewusst und auf den guten Namen bedacht, Sophie praktisch veranlagt und Nesthäkchen Manon lieb und beliebt in jüdischen Bankkreisen – schaffen es die drei Frauen gerad so zu überleben. Neben den weiblichen Poggenpuhls existieren noch Wendelin und Leo, der erste und ältere Sohn pflichtbewusst und ehrgeizig, der jüngere ein charmanter Luftikus und ständig in Geldnöten, beide im Dienste desselben Regimes, in dem schon ihr Vater diente. Nach einem Besuch des Schwagers der Majorin nimmt dieser Sophie mit sich, sie soll als Gesellschafterin für seine Frau auf deren Landgut leben. Der Kontakt nach Berlin bleibt in Briefen bestehen, in einem solchen informiert Sophie ihre Familie auch vom Ableben des Onkels. Dieser Tod läutet denn auch das versöhnliche Ende ein, die hinterlassene Witwe will die Poggenpuhlschen Frauen fortan mit einer kleinen Rente bedenken und Sophie bei sich behalten.

Glücklich machen ist das höchste Glück. Es war mir nicht beschieden. Aber auch dankbar empfangen können ist ein Glück.

Die Poggenpuhls ist ein Roman mit sehr wenig Handlung. Es ist mehr eine Charakterstudie der Familie sowie eine hervorragende Zeitstudie (erschienen ist es 1896). Fontane selbst sagte dazu:

Das Buch ist kein Roman und hat keinen Inhalt, das ‚Wie’ muss für das ‚Was’ eintreten.

Und weiter:

Dass man dies Nichts, das es ist, um seiner Form willen so liebenswürdig anerkennt, erfüllt mich mit grossen Hoffnungen, nicht für mich, aber für unsere liter. Zukunft.

Fontane beschreibt in der ihm eigenen Art die Atmosphäre der verarmten Adelsfrauen. Er zeigt, wo und wie sie wohnen, wie sie sprechen, was sie denken, wo sie sich sehen und womit sie hadern. Dabei entwickelt er seine Figuren hauptsächlich in Dialogen, lässt sie sich selber darstellen in ihren Aussagen oder durch die Einschätzungen anderer. Trotz der eigentlich bedrückenden Lage der Poggenpuhls ist es ein fast heiter zu nennendes Buch, indem vieles in Ironie gepackt und mit einem feinen Humor präsentiert wird. Abgerundet wird das Ganze durch psychologisch-philosophische Erkenntnisse, die nie belehrend, sondern wie nebenbei eingestreut wirken sowie die aktuellen Themen der damaligen Zeit wie die Judenproblematik, Standesdiskussionen sowie das Künstlertum und dessen Wert und Bild in der Gesellschaft.

Fazit:
Detaillierte und unterhaltsame Zeit- und Charakterstudie, grosse Literatur von einem herausragenden Schriftsteller. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Theodor Fontane
Theodor Fontane wird am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, wo er später auch das Gymnasium besucht. Nach einem abgebrochenen Besuch der Gewerbeschule beginnt er 1836 eine Ausbildung zum Apotheker, um in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und arbeitet nach deren Abschluss als Apothekergehilfe. Daneben erscheinen bereits erste literarische Werke. 1949 hängt er den Apothekerberuf an den Nagel, um als freier Schriftsteller zu arbeiten. Mangels Aufträgen lässt er sich von der Centralstelle für Presseangelegenheiten anstellen, reist in deren Auftrag nach London und berichtet von da unter anderem über Kunst. Es folgen Reisebücher und Theaterkritiken, dann der Beschluss, wieder als freier Schriftsteller arbeiten zu wollen, was in einer Reihe bis heute bekannter Bücher resultiert. Theodor Fontane stirbt am 20. September in Berlin. Werke Fontanes sind unter anderem Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862), Vor dem Sturm (1878), Grete Minde (1880), L’Adultera (1882), Irrungen, Wirrungen (1888), Unwiederbringlich (1892), Effi Briest (1896), Die Poggenpuhls (1896), Der Stechlin (1899).

FontanePoggenpuhlsAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag (18. Februar 2013)
Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

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Wolfgang Röd: Heureka! Philosophische Streifzüge im Licht von Anekdoten

Was uns Galilei sagen wollte

Als Galilei im Jahre 1633, im Alter von neunundsechzig Jahren, widerstrebend, aber durch die Androhung der Folter eingeschüchtert, der Annahme abgeschworen hatte, dass die Erde ein Planet sei, der sich um die Sonne bewege, soll er in seinen Bart gemurmelt haben: „Und sie bewegt sich doch!“

Ob diese Anekdote historisch wahr ist, lässt sich nicht mehr belegen, da das Murmeln so leise gewesen wäre, dass niemand es hörte, weil ein lautes Ausrufen dieser Meinung damals nicht geduldet und höchstwahrscheinlich mit erneuten Sanktionen bedacht worden wäre. Trotzdem ist diese Anekdote nicht einfach nur eine nette Geschichte, sondern sie lehrt uns mehrere Dinge. Einerseits zeigt sie uns deutlich die damalige Spaltung zwischen Wissenschaft und Kirche, welche nicht vor Gewalt zurückschreckte, ihr Bild der Welt als das einzig anerkannte hinzustellen. Andererseits zeigt die Anekdote, dass sogar bislang anerkannte wissenschaftlich gestützte Ansichten gestürzt werden können, dass nichts einfach in Stein gemeisselt sein muss, sondern alles der erneuten Prüfung ausgesetzt werden darf, sogar soll. Die Anekdote um Galilei zeigt die Wichtigkeit der Denkfreiheit und auch, dass es nicht immer ein angenehmer Weg ist, sich gegen die landläufige Meinung zu stellen.

[Einer von Aristoteles überlieferten Anekdote zufolge] sah Sokrates, als er einmal nach Delphi kam, am Giebel eines Tempels die Inschrift „Erkenne dich selbst“. Dieser Aufforderung nachzukommen erwies sich aber als schwierig; er war in grosser Verlegenheit (aporia). Offenbar erfüllte ihn die Tatsache, dass die scheinbar einfache Frage: Wer bin ich= so schwer zu beantworten ist mit Staunen, und dieses Staunen wurde zum Anstoss für sein Philosophieren.

Wolfgang Röd sammelt in diesem Buch Anekdoten und beleuchtet sie philosophisch. Dabei ist es nicht relevant, ob die erzählten Anekdoten historische Tatsachen wiedergeben oder erfunden sind, der Schwerpunkt liegt immer auf der Erkenntnis, die durch die Anekdoten zum Ausdruck gebracht wird.

In Heureka! ist Sokrates’ Staunen ebenso Thema wie Archimedes Gang durch die Strassen, welchem wir den Titel dieses Buches verdanken. Wolfgang Röd versteht es, auf unterhaltsame und lesbare Weise in die grossen Fragen der Philosophie einzutauchen, er besticht sowohl durch ein breites Wissen wie auch logische Schlussfolgerungen und vermittelt beides auf verständliche Weise.

Fazit:
Philosophisches Staunen in anekdotischen Bildern. Eine wahre Lesefreude. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Wolfgang Röd
Wolfgang Röd war bis zu seiner Emeritierung Ordinarius für Philosophie am Philosophischen Institut der Universität Innsbruck und ist Herausgeber der Reihe Geschichte der Philosophie. Von ihm erschienen sind unter anderem Dialektische Philosophie der Neuzeit (1986), Erfahrung und Reflexion (1991), Der Gott der reinen Vernunft (2009).

RödHeurekaAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 260 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13.März 2013)
ISBN-Nr.: 978-3406645297
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 27.90

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Wollen und Können

Unsere Wünsche sind die Vorboten der Fähigkeiten, die in uns liegen.
(Goethe)

Was Goethe hier sagt, entspricht in weiten Teilen dem, was man heute in den wie Pilze aus dem Boden schiessenden „Ich kann-Schulen“ hört. Wenn man nur genug an etwas glaubt, wird es wahr, heisst es da. Energie folge Energie und der Glaube an die versetzten Berge mache denen Beine. So sehr ich Goethe verehre, in diesem Punkt kann ich ihm nicht zustimmen. Es klingt gut, dass alles in uns angelegt ist, das wir gerne hätten und wollten. Aber ist es tatsächlich so? Ist der Mensch so wenig Individuum, dass in jedem alles steckt, er es nur nicht ausschöpft?

Das erinnert stark an die Einfangparolen der Scientologen früher. Wir nutzen nur einen Bruchteil unserer Fähigkeiten, mit den nötigen Kursen ihrer ach so hilfsbereiten Organisation könne man das ändern. Meist hat nicht das eigene Können zugenommen, eher die Geldbörse ab, aber zu dem Zeitpunkt war es schon zu spät und man sass in den Fängen fest.

Jeder Mensch hat Wünsche und unerfüllte Wünsche können das gefühlte Lebensglück massgeblich beeinträchtigen. Wünsche und Ziele sind die Motivatoren des Handelns im Leben, hätten wir sie nicht, würden wir lethargisch, bewegungslos und damit leblos. So gesehen sind Wünsche etwas Positives und sollten gar nicht alle erfüllt sein. Trotzdem ist es sicher wichtig, die eigenen Wünsche zu hinterfragen. Wünsche können ihre Tücken haben:

Nicht alle Wünsche entspringen einem selber, viele sind dem Umfeld geschuldet, der Zeit oder sie sind Überreste von elterlichen Ermahnungen, die man so sehr verinnerlicht hat, dass man sie als eigene Wunschvorstellungen annimmt. Berufe, sportliche Karrieren, Prüfungsdruck – alles kann dem gefallen Wollen geschuldet sein und nicht dem eigenen Wollen. Die Erfüllung dieser Wünsche wird kaum eine tiefe Befriedigung hervorrufen, da die kurze Bestätigung von aussen, von denen, die den Wunsch eigentlich durch uns hindurch gelebt haben, schnell vorbei ist. Da das eigene Herz bei diesem Wunsch eher unbeteiligt war, vergeht auch die Befriedigung schnell.

Es gibt Wünsche, die hegt man zwar selber, sie sind trotz allen Wollens unrealistisch. Ich würde gerne einen Picasso malen (qualitativ), doch dazu wird es nie kommen. Ebenso wenig werde ich je den New Yorker Marathon gewinnen, werde keine Primaballerina und auf dem Klavier keinen Rachmaninov spielen. Bei den einen (sicher nicht sehr tiefen, aber durchaus vorhandenen) Wünschen fehlt es an Talent, bei den anderen an Disziplin und Leidensfähigkeit. Diese Wünsche entsprechen mir einfach nicht, da ich nicht der Mensch bin, diese Wünsche zu verwirklichen. Wenn ich mich nun darauf versteife, dass mein Lebensglück von solchen Wünschen abhängt, wird es ein von mir selber verursachtes Unglück sein, denn mit ein wenig Selbsterkenntnis könnte ich diese Wünsche als meiner Natur fremd abtun und mich auf mich selber und meine wirklichen Stärken im Leben besinnen. Das wäre überhaupt die beste Basis für gefühltes Glück.

Zu guter Letzt gibt es Wünsche, die schlicht nicht erfüllbar sind, weil die äusseren Faktoren nicht passen. Wünsche können aufgrund von Lebensumständen, Geld- oder Zeitmangel unerfüllbar sein und wohl auch bleiben. Die Villa am Zürichsee als allein selig machend wird das genaue Gegenteil sein: nichts als Unglück über mich bringend. Auch die neun Monate dauernde Weltreise oder die Auszeit auf den Malediven sind momentan eher unrealistisch, von Kronjuwelen oder George Clooney als Mann ganz zu schweigen.

So gesehen denke ich nicht, dass alle Wünsche unsere Fähigkeiten offenbaren, sie können aber helfen, uns besser kennen zu lernen, indem wir in uns hineinhorchen, wieso wir sie haben und ob sie für uns und jetzt realistisch sind. Unser Glück hängt selten von einzelnen Wünschen ab, selbst wenn wir das glauben. Viel mehr ergibt sich Glück dann, wenn wir mit dem, was ist, in Einklang leben können und das Leben so einrichten, dass es uns selber entspricht. Sich nicht verbiegen zu müssen und zu sich stehen zu können ist wohl das Grösste, was man im Leben erreichen kann. Das klingt auf den ersten Blick sehr einfach, ist es aber für viele bei Lichte betrachtet gar nicht – zu stark sind die Prägungen, Muster, (äusseren) Zwänge, welche in und auf uns wirken.

Anne Frank (*12. Juni 1929)

Liebe Kitty!

Wenn du meine Briefe einmal hintereinander durchlesen würdest, würdest du merken, in welchen verschiedenen Stimmungen sie geschrieben sind. Es ist dumm, dass ich hier im Hinterhaus so abhängig bin von Stimmungen. Aber ich bin es nicht allein, wir sind es alle.

Diese Zeilen stammen von einem Mädchen, das sich vor einem unbarmherzigen Regime verstecken muss, weil es sonst umgebracht würde. Seine Schuld ist es, als Kind der falschen Religion geboren zu sein, einem Volk zuzugehören, das als unwert geachtet wird und ausgerottet werden soll.

Am 12. Juni 1929 erblickt Annelies Marie (Anne) Frank als Tochter jüdischer Eltern in Frankfurt am Main das Licht der Welt. Die Franks sind eine assimilierte jüdische Familie, die den Glauben zwar in wenigen Bräuchen pflegt, allerdings ist er nie zentral. Vor allem Vater Frank legt grossen Wert auf die Bildung seiner Töchter (Anne hat eine drei Jahre ältere Schwester), hält die Mädchen immer wieder zum Lesen an.

1933, kurz nach Hitlers Machtergreifung, kommt es in Frankfurt zu antisemitischen Ausschreitungen, was die Familie Frank bewegt, nach Aachen zu ziehen. Ein berufliches Angebot führt sie später nach Amsterdam. Der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft kümmert die Familie nicht gross, da sie sich in den Niederlanden wohl fühlt. Die Kinder besuchen die Schule, die Geschäfte laufen gut. Hitlers Arme greifen langsam auch über die niederländischen Grenzen, nach und nach verlieren die ansässigen Juden ihre Rechte, die Lage wird ernst.

1942 erhält Anne Frank zu ihrem Geburtstag ein Tagebuch, welches sie noch am selben Tag zu führen beginnt. Fortan wird sie ihm mitteilen, wie es ihr in der immer bedrückenderen Lage geht, wird ihre Sorgen und Nöte mit dem Tagebuch teilen.

Du merkst sicher, dass ich mich wieder in einer ganz niedergeschlagenen und mutlosen Periode befinde. Warum, kann ich Dir wirklich nicht sagen, denn es liegt kein Grund vor, aber ich glaube, es ist eine gewisse Feigheit, die ich eben zeitweise nicht überwinden kann.

Schon bald ist an eigenständiges Wohnen nicht mehr zu denken, die Familie Frank muss sich verstecken. Mies Giep, ehemalige Sekretärin von Otto Frank, hilft ihnen dabei, obwohl sie damit ihr eigenes Leben riskiert.[1] Hoffen die Versteckten zuerst noch, nach wenigen Monaten wieder frei leben zu können, zieht sich die Zeit im Untergrund in die Länge. Anne leidet sehr darunter, psychische wie körperliche Probleme zeigen sich. Die immer neuen Nachrichten von noch schlimmeren Zuständen lasten allen auf der Seele. Anne lenkt sich mit lesen ab, verschlingt förmlich Bücher. Daneben klammert sie sich an jeden Strohhalm, welcher ein wenig Hoffnung verspricht.

Liebe Kitty!

Nun habe ich Hoffnung, nun endlich geht es gut! Ja, wirklich, es geht gut! Tolle Berichte! Es wurde ein Attentat auf Hitler verübt, aber nicht einmal von jüdischen Kommunisten oder englischen Kapitalisten, sondern von einem edelgermanischen deutschen General, der Graf ist und überdies noch jung!

Leider ist die Hoffnung umsonst. Das Versteck der Franks, davon geht man aus, wird verraten, die Familie wird am 4. August 1944 gefunden und nach einem Verhör am 5. August ins Gefängnis gesteckt. Es folgt das Durchgangslager Westerbork, wo sie als Verbrecher in Strafbaracken unterkommen und Strafarbeiten verrichten müssen. Noch immer hoffen sie, einem noch schlimmeren Schicksal entgehen zu können. Auch diese Hoffnung wird zerschlagen, als am 2. September ihr Transport nach Auschwitz beschlossen wird. Am 3. September 1944 fährt der Zug los, er kommt zwei Tage später in Auschwitz an. Zwar entkommt Anne dem direkten Tod, weil sie bereits älter als 15 ist (die jüngeren Kinder werden direkt in Gaskammern gebracht und getötet), fällt aber im März 1945 einer Typhus-Epidemie zum Opfer und stirbt wenige Tage nach ihrer Schwester. Otto Frank ist der einzige Überlebende der Familie.


[1] Sehr zu empfehlen dazu: Miep Gies: Meine Zeit mit Anne Frank

Perfektes Leben

Gaby ist einsam und schrecklich gemein, denn Klaus ist ein Schwein. Davon singen die Prinzen und viele erkennen sich wieder. Die als Schwein geouteten Kläuse finden das wohl ungerecht, da sie Gaby als höchst undankbar und sich selber als toll erachten. Die Gabys nicken zustimmend mit dem Kopf. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, doch die ist weder spektakulär noch spannend und schon gar nicht prägnant in ein Lied zu verpacken. Schlussendlich steckt wohl ein wenig Wahrheit drin – in beiden Seiten.

Gaby lernt Klaus kennen und er ist einfach perfekt. Einfühlsam, sensibel, sieht gut aus, trägt sie auf Händen. Gaby fühlt sich am Ziel ihrer Träume. Sie heiraten, kriegen Kinder. Klaus hilft, wo er kann, nimmt ab, was er kann, ist da, wo er gebraucht wird. Gaby kann sich glücklich schätzen. Tut sie nicht. Ihr ist langweilig und Klaus ist ein Weichei. Gibt nie Paroli, steht nie hin. Wo ist da der Mann im Klaus? Der, welcher weiss, wo es lang geht?

Gaby lernt Klaus kennen und er ist einfach perfekt. Wilder Streuner, Wolf im Wald, Hecht im Teich. Gross, stark, beschützend steht er da und sie weiss: Neben dem bin ich nie mehr allein und klein, er wird immer neben, vor und hinter mir stehen und ich fühle mich geborgen. Klaus und Gaby heiraten, kriegen Kinder. Gaby könnte glücklich sein, ist sie nicht. Klaus wildert noch immer, ist gross und stark, aber nie da, grad mit Mann Sein beschäftigt.

Gaby steht da und sieht all das, was fehlt. Wo ist der Mann, der so perfekt war? Zurück bleibt nur, was noch zusätzlich gewünscht wäre. Und meist sieht Gaby dann einen Klaus, der genau das hat, was nun fehlt. Und sie findet diesen neuen Klaus so viel besser als den alten, der so mangelhaft ist. Sie fragt sich, wie sie je auf den alten reinfallen konnte und dass das Leben noch so viel mehr bereit hält als das, was sie gerad erlebt. Gaby hat nun zwei Möglichkeiten: Sie kann feige sein und bleiben oder aber ganz mutig und sich vom alten Klaus trennen, um zum neuen Klaus zu wechseln – oder zu einem, der genauso gut ist wie der.

Wir folgen der mutigen Gaby und sehen, wie sie den neuen Klaus wählt. Sie kommen zusammen und Gaby ist auf Wolke sieben. Alles, was sie vermisste ist da, sogar im Übermass. Sie geniesst diesen bislang nur ersehnten Segen und schwebt hoch und höher. Bis sie fällt. Denn nun fehlt plötzlich was anderes. Der alte Klaus hatte das gehabt, das war ihr gar nie aufgefallen. Logisch, es war ja immer da. Und langsam schwindet das Schweben ob der neu gefundenen Qualitäten und das nun neu Fehlende wird gross und grösser. Wolke um Wolke schwindet – von sieben auf sechs auf fünf auf vier auf drei, zwei, eins, bis Gaby unsanft auf dem Boden aufschlägt.

Moral von der Geschicht’? Alles haben kann man nicht. Neue Heilsversprechen wollen das zwar bestreiten und versprechen die allseligmachende Realität, wenn man ihnen nur folgt und schön dran glaubt (und genügend bezahlt, um wirklich dazuzugehören). Das reale Leben ist weder Ponyhof noch Schokoladenkiste. Es gilt, eine Entscheidung zu treffen, was man vom Leben wirklich will, was schön zu haben wäre und worauf man notfalls verzichten kann. Träumt Gaby also von einem Häuschen mit Familie, Hund und Urlaub in den Bergen, wird der draufgängerische Klaus von nebenan zwar sehr verlockend erscheinen, weil er so stark und selbstbewusst dasteht, aber auf Dauer wird er eher anstrengend und enttäuschend sein – Leidenschaft hin oder her. Und umgekehrt wird man als Revoluzzerin mit dem häuslichen und sicherheitsbewussten Klaus nicht das Paradies auf Erden finden, so verliebt und auf Händen tragend er auch ist.

Nun gibt es natürlich trotz alledem die unermüdlichen Optimisten, die noch an die grosse und alles erfüllende Liebe und das dazugehörige perfekte Leben mit all den erfüllten Träumen, Wünschen und Zielen glauben. Denen empfehle ich eine gute Backstube. Und wenn es klappt: Unbedingt patentieren. Ansonsten bleibt wohl nur hinzuschauen und zu sehen, was man hat. Meist ist es mehr, als man sich bewusst ist. Wir neigen wohl dazu, das, was ist, gering zu schätzen, weil das, was fehlt, unendlich grösser scheint im Gefühl des Mangels. Eigentlich schade.

Thomas Mann: Lotte in Weimar

Besuch bei Goethe

Mit der ordinären Post von Gotha trafen an diesem Tage, morgens kurz nach 8 Uhr, drei Frauenzimmer vor dem renommierten Hause am Markte ein, denen auf den ersten Blick – und auch auf den zweiten noch – nichts Sonderliches anzumerken gewesen war.

Bei den drei Frauenzimmern handelt es sich um Charlotte Kestner samt Tochter und Zofe. Unter dem Vorwand, ihre Schwester besuchen zu wollen, ist die in die Jahre gekommene Lotte nach Weimar gereist und lässt sich im Gasthof „Zum Elephanten“ nieder. Der hauseigene Kellner kann sein Glück kaum fassen, dem Urbild von Werthers Lotte gegenüber zu stehen. Auch eine Zeichnerin buhlt um ihre Gunst. Viele weitere Besuche tragen die Aura und das Werk Goethes in Kestners Hotelzimmer, vom grossen Meister und eigentlichem Grund des Besuchs in Weimar fehlt aber bis zum 7. Kapitel jede leibliche Spur.

Im 7. Kapitel erwacht Goethe zum Leben, im wahrsten Sinne des Wortes, indem man ihn nämlich im Bett liegend und in einem Seiten langen Monolog über Tod, Teufel, Zeit und Leben nachdenkend erlebt. Von seinem Sohn erfährt er von Charlottens Ankunft, seine Reaktion ist wenig erfreut:

Konnt‘ sie sich’s nicht verkneifen, die Alte, und mir’s nicht ersparen?

Goethe gibt Lotte die Ehre eines Zwiegesprächs nicht, lädt sie nur zu einer grossen Tafelrunde. Das einzige persönliche Gespräch mit Goethe führt sie an einem der nächsten Abende im Traum auf dem Rückweg von einem (immerhin von Goethe gesponserten) Theaterbesuch. Dieses Gespräch ist ein Spiel der Verwandlungen, eine Mischung von Realität und Traum, von Gegenwart und Vergangenheit. Es zitiert dabei fleissig aus dem Divan. Durch dieses Gespräch  erhält Lotte die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits und findet sich beim Erwachen wieder vor dem „Elephanten“. Die Geschichte schliesst ihren Kreis.

Thomas Mann zeigt in diesem sehr amüsanten, an ein Schauspiel erinnernden Werk seine grosse Kenntnis und tiefe Liebe zu Goethe und seinem Werk. Er lässt Goethe in dessen eigener Sprache sprechen, verweist auf die diversen Werke des grossen Dichters, zitiert daraus und lässt ihn so durch die Zitate und Worte über ihn lebendig werden.

Lotte in Weimar thematisiert wie die meisten von Thomas Manns Werken das Spannungsverhältnis von Kunst und Leben, macht das Erzählen durch Goethes eigenen Erzählungen zum Thema. Neben einer Darstellung Goethes spiegelt sich Thomas Mann in der Figur des Goethe auch selber, indem er autobiographische Momente einfliessen lässt, seinen eigenen Schreibprozess thematisiert. Thomas Mann schreibt dazu selber an Ferdinand Lion:

[ich] geniesse die Intimität, um nicht zu sagen: die unio-mystica, unbeschreiblich.

Fazit:
Eines von Thomas Manns leichtesten, humorvollsten Werken, das trotz der Leichtigkeit nicht die künstlerische Grösse und das fundierte Wissen der dargestellten Inhalte vermissen lässt. Eines meiner Lieblingsbücher von Thomas Mann.

MannLotteAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (23. Mai 2012)
ISBN-Nr.: 978-3596294329
Preis: EUR: 9.95 ; CHF 16.90

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Saul Bellow (*10. Juni 1915)

Am 10. Juni 1915 erblickt Solomon Bellows in Lachine, einem Vorort von Montréal, das Licht der Welt. Als er neun Jahre alt ist, zieht er mit seiner Familie nach Chicago, wo er aufwächst und später an der Northwestern Universität seinen Bachelor in Anthropologie und Soziologie macht. Danach arbeitet er an der University of Wisconsin, als Journalist und ist später Universitätsprofessor für Literatur.

 Das Judentum prägt sein Aufwachsen sehr, seine erste erlernte Sprache ist Hebräisch. In seinem literarischen Werk nimmt das östlich-jüdische Thema im Grossstadtmilieu eine zentrale Rolle ein. Da Bellow selber einer aus Russland nach Kanada eingewanderten jüdischen Familie aus bescheidenen Verhältnissen  entstammt, später an Colleges unterrichtet, lernt er Menschen aus den verschiedensten Schichten kennen. Die Verarbeitung derselben als Nebenfiguren in seinen Romanen (hervorragend gelungen in seinem wohl erfolgreichsten Roman Herzog) hilft, das soziale Spektrum seiner Zeit plastisch darzustellen. Die Suche männlicher, jüdischer Intellektueller in den USA nach ihrem Platz in dieser Welt, ihr Kampf mit dem Leben und der Liebe prägen als Leitthemen Bellows gesamtes Werk.

 Saul Bellow erhält 1976 den Nobelpreis für Literatur. Er stirbt am 5. April 2006 in Brookline, Massachusetts.

 

Von Saul Bellow u.a. erschienen sind:

  • Dangling Man (1944, dt: Der Mann in der Schwebe)
  • The Victim (1947, dt: Das Opfer)
  • Herzog (1964)
  • The last Analysis (1965)
  • Mr. Sammler’s Planet (1970, dt: Mr. Sammlers Planet)
  • Humboldt’s Gift (1974, dt: Humboldts Vermächtnis)
  • The Dean’s December (1982, dt: Der Dezember des Dekans)
  • A Theft (1989, dt: Ein Diebstahl)
  • The Actual (1997, dt: Das einzig Wahre)
  • Ravelstein (2000)

Carlin Flora: Richtig gute Freunde

Eine freundschaftsähnliche Beziehung ist eine soziale Beziehung, in der sich die Partner in Zeiten der Not entsprechend ihren Fähigkeiten unterstützen und in der dieses Verhalten zum Teil durch positive Emotionen zwischen den Partnern motiviert ist.

Diese universal gültige Definition von Freundschaft stammt vom Anthropologen Daniel Hruschka. Sie zeigt Freundschaft als eine Beziehung zwischen Menschen, die füreinander da sind und sich wohlgesonnen sind. Carlin Flora geht in ihrem Buch Richtig gute Freunde dem Thema Freundschaft auf den Grund. Sie beleuchtet, wie Freundschaften entstehen, worauf sie gründen, wie sie bestehen bleiben und was sie dem einzelnen Menschen bringen.

Dass Menschen sich anfreunden hat verschiedene Gründe. Die einen sind sicher evolutionärer Natur, da schon früh klar war, dass man miteinander bessere Chancen zu überleben hat als alleine. Auch im Gehirn lassen sich Strukturen feststellen, die Freundschaften fördern. Je nach Grösse des Gehirns ist das entsprechende Lebewesen zu einem grösseren oder kleineren Freundeskreis angelegt. Wonach aber sucht man Freunde aus? Misst man der Partnerwahl sehr viel Zeit und Überlegungen zu, scheint das bei Freundschaften nicht der Fall zu sein, sie passieren eher zufällig.

Flora nennt verschiedene Parameter, welche Freundschaften wahrscheinlicher werden lassen. Einerseits ist die Nähe und das häufige Sehen sicher ein ausschlaggebender Punkt, damit eine Freundschaft überhaupt entstehen kann. Des Weiteren ist die Ähnlichkeit bei Interessen, Wertvorstellungen und Verhaltensmustern oft ausschlaggebend, hilft zumindest, langfristige Beziehungen entstehen zu lassen. Indem man den anderen einschätzen kann, weil er Ähnlichkeiten mit einem selber aufweist, ist es leichter, ihm zu vertrauen, sich ihm auch nahe zu fühlen.

Freundschaften sind nicht nur schön zu haben, weil man sich nicht alleine, sondern immer aufgefangen fühlt. Sie haben auch positive Effekte auf den einzelnen Menschen. Freundschaften scheinen aus Menschen gesündere, selbstbewusstere und fröhlichere Menschen zu machen, während mangelnde Freundschaften zu Depressionen, kognitivem Verfall und gar Suchtverhalten führen kann. Des Weiteren prägen Freundschaften unser Denken, Fühlen und Handeln, dies sogar oft mehr als Verwandte oder Beziehungen.

Richtig gute Freunde beleuchtet das Thema Freundschaft von verschiedenen Seiten, verweist auf unterschiedliche Studien und Theorien, greift zu Beispielen mitten aus dem Leben, um die einzelnen Themenkreise bildhaft darzustellen. Neue Erkenntnisse gewinnt man dadurch nicht, das Buch hilft aber, den Wert von Freundschaften wieder deutlich vor Augen zu sehen und dankbar für die eigenen zu sein.

Fazit:
Gut lesbares, breit abgestütztes Buch zum Thema Freundschaft.

FloraFreundeAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (25. März 2013)
Übersetzung: Gabriele Lichtner
Preis: EUR 8.99 ; CHF 14.90

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Beziehungen von gestern?

Früher wurden Beziehungen aus verschiedenen Gründen eingegangen. Liebe war selten zentral dabei, ökonomische und (familien)politische Überlegungen waren vordergründig. Durch die übliche und gesellschaftlich einzig akzeptierte Rollenverteilung war Frau, einmal geheiratet, gar nicht mehr in der Lage, sich anders zu entscheiden. Hätte sie es getan, wäre sie nicht nur gesellschaftlich geächtet gewesen, sondern auch wirtschaftlich ruiniert, hing sie doch am Mann dran. Sie war aber selber durchaus zu was gut, galt doch ein verheirateter Mann vor allem auch beruflich als gefestigter, hatte er noch eine Vorzeigefamilie, stieg er gar zum Bilderbuchmann auf. Was er nebenher so laufen hatte, kümmerte keinen, denn das hatte jeder, man wusste es, man sah drüber weg. Man hatte wohl nicht den Anspruch, dass es anders wäre, da man gar nicht die Hoffnung hatte, es könnte anders sein.

Die Zeiten haben sich geändert, die herkömmlichen Rollenmuster sind aufgeweicht und politische und finanzielle Heiratsgründe verpönt. Die Liebe zählt – und nur sie allein. Was auf Liebe gründet, soll ewig währen. Nebengeschäfte sind tabu. Dass es sie noch immer gibt, weiss man, will man aber nicht wirklich wahrhaben oder aber man hofft, dass der Kelch an einem vorüber zöge. Frau hat den Vorteil, einfach gehen zu können, sie hat heute Möglichkeiten und Wege, hängt nicht mehr zwangsläufig am Mann dran. Mann findet sich als nicht verheirateter in guter Gesellschaft, je höher die Karrierestufe – so liest man – in umso zahlreicherer.

Die Scheidungsraten sind gestiegen, Beziehungen sind nicht mehr Dauerware, sondern höchstens Etappen füllend. Woran liegt es? Bauen Beziehungen auf dem falschen Grund auf? Ist Liebe zwar wunderbar zu haben aber nicht dauerhaft? Ist es mit den Gefühlen zu Menschen wie mit dem Geschmack beim Essen? Das heutige Leibgericht ist morgen ersetzt? Wechseln wir nicht nur unsere eigenen Wesensarten, sondern damit auch das, was wir im Aussen suchen? Möglich wäre es.

Die heutige Unabhängigkeit von Mann und Frau könnten aber auch die Erwartungen ans Gegenüber wachsen lassen. Da ich den anderen nicht wirklich brauche, muss er noch viel besser sein, damit ich bleibe, denn ich muss ja nicht. Wenn man bleiben muss, sieht man (gezwungener Massen) über mehr hinweg als wenn man gehen kann. Sicherte früher das Bleiben das (zumindest gesellschaftliche) Überleben, so kann heute schneller der Gedanke aufkommen, dass Bleiben eher das Leben belastet. Wozu etwas behalten, das man nicht braucht und das nicht ist, was man gerne hätte?

Wozu also geht man heute noch Beziehungen ein, wenn man sie nicht mehr braucht (zum Überleben) und Liebe selten ewig hält? Ist der Mensch von heute Einzeltierchen mit zeitweiligem Bedürfnis nach Austausch, jegliche weiterführende Verbindlichkeit mehr Ballast denn Lust?

Ellen Berg: Ich koch dich tot. (K)ein Liebesroman

Nicht nur Liebe geht durch den Magen

Auf Zehenspitzen näherte sie sich ihm. Beugte sich über die reglose Gestalt. Sah die starren, weit aufgerissenen Augen. Dann liess sie die Dessertschüssel fallen. Scheppernd zerbrach sie auf dem Natursteinboden. Werner atmete nicht. Er würde nie wieder atmen. Er war tot.

Vivi ist soeben ihren Gatten und Haustyrannen Werner losgeworden. Er starb am Rattengift, welches ins Essen gelangt ist. Ist sein Tod noch ein Zufall, welcher Vivi aber durchaus gelegen kommt, so sind die nächsten toten Männer, welche sich als Enttäuschung entpuppen, geplant. Es wird gekocht, was das Zeug hält, die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Bis das Blatt sich wendet und der Richtige kommt. So sieht es zumindest aus.

Auf locker flockige Weise erzählt Ellen Berg die Geschichte ihrer mörderischen Köchin Vivi. Ihre Suche nach dem richtigen Mann fürs Leben endet immer mit dem Tod. Die im Anhang nachgereichten Rezepte laden zum Nachkochen ein, die nötigen Zusätze für alle Fälle erfährt man im Buch.

Fazit:
Leichte und amüsante Unterhaltung für zwischendurch. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Ellen Berg
Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reisebegleiterin und in der Gastronomie, wo sie auch die erotische Küche kennenlernte. Sie lebt mit ihrer Tochter auf einem Bauernhof im Allgäu. Von ihr erschienen sind Du mich auch. Ein Rache-Roman (2011), Das bisschen Kuchen. (K)ein Diät-Roman (2012), Den lass ich gleich an. (K)ein Single-Roman (2013).

BergkochdichAngaben zum Buch:
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag GmbH (20. Mai 2013)
ISBN-Nr.: 978-3746629315
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90

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Pfauen und andere Tierchen

Sieht man das männliche Pfauentier mit stolz geschwellter Brust daher schreiten, den Schweif in bunter Farbenpracht gespreizt, förmlich schreiend nach Bewunderung, nimmt sich das eher blasse, kleine Weibchen daneben sehr unscheinbar aus. Ihn scheint das nicht zu stören, sie offensichtlich auch nicht, ist sie sich des Umstandes wohl auch nicht bewusst. Und so leben die beiden glücklich und einträchtig in ihren von der Natur zugedachten Rollen.

Da stehen wir Menschen und haben dieses Ding, das Bewusstsein heisst. Und wir merken all das, was die kleine Pfauenfrau nicht merkt. Und wir nehmen Anstoss daran. Zumindest heute und in unserer westlichen Zivilisation. Früher war auch hier die oben genannte Rollenverteilung normal, der Mann das grosse Tier nach aussen, die Frau im stillen Kämmerlein. Schulbildung war versagt, Weiterbildung sowieso. All das musste mühsam erkämpft werden. Dass dieser Kampf heute ab und an merkwürdige Blüten treibt, ist hier nicht Thema.

Der Mann[1] fühlte sich wohl in dieser Rolle, sah sich von den Frauen bewundert und in der starken Rolle des Ernährers, Beschützers und Mann von Welt. Er sonnte sich in seiner Rolle und noch mehr in der Bewunderung der Frau. Sie definierten sich und ihren Selbstwert dadurch. Durch die veränderten Bedingungen heute, in denen Frauen (rein theoretisch zumindest) dieselben Wege und Möglichkeiten offen stehen wie den Männern, sie diese auch gehen und ergreifen, kommt dieses Selbstverständnis ins Wanken. Was ist der Mann, wenn er nicht mehr der Grosse ist? Ist er dann noch ein Mann? Wird er noch als solcher wahr und ernst genommen?

Hannah Arendt hatte eine viel beschriebene Beziehung zu Martin Heidegger. Er der grosse und charismatische Professor, sie die kleine und unsichere Studentin. Die Beziehung blieb, als sie an eine andere Uni wechselte, auch später noch hatte sie Bestand. Zwischen den beiden galt die ungeschriebene Regel, dass sie ihm nie sagen durfte, dass sie auch nur eine Zeile selber geschrieben hatte. Nie durfte sie sich selber als (grosse oder erfolgreiche) Denkerin offenbaren, sie musste in der Beziehung die Kleine bleiben, die zwar seine Schriften kommentieren durfte (bevorzugt loben), selber aber nichts zustande bringt. Sie hat sich über viele Jahre daran gehalten. Als sie die Regel umging und ihm ein Buch von sich schickte, stiess sie auf Mauern.

Noch heute ist dieses Verhalten in vielen Köpfen drin. Der Mann als grosser Held möchte über der Frau stehen. Er möchte bewundert sein, denn daraus schöpft er noch immer seinen Selbstwert, damit identifiziert er noch oft sein Mannsein, weil es ds ist, was er kennt, das, was bislang die Regel war. Selbst wenn er das bestreitet, es drückt oft durch und ist mittlerweile auch Thema vieler Abhandlungen, Zeitungsartikel und psychologischen Studien geworden. Alte und hergebrachte Muster lassen sich nicht so einfach durch theoretische Wertänderungen ersetzen. All die Gedanken von Gleichberechtigung und Gleichstellung, von gleicher Augenhöhe und gleichen Möglichkeiten sind durchaus anerkannt und werden als wichtig erachtet. Im menschlichen Miteinander hinken wir emotional noch hinterher. Der Mann möchte tief drin immer noch seinen Federkranz mit geschwellter Brust präsentieren, die Frau soll bewundernd von unten aufschauen.

Die (menschliche) Natur ist träge in ihren Veränderungen und auch der Geist und das von diesem gesteuerte Verhalten reagiert nur langsam. Die Synapsen im Gehirn müssen sich erst neu bilden und festigen, bevor ein neues Verhalten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bis dahin hilft wohl nur, sich immer wieder bewusst zu werden, was man eigentlich will im Leben. Und das betrifft beide Geschlechter. Es sind nicht nur die Männer, die sich gerne brüsten, es gibt auch immer noch genug Frauen, die nur den als Mann achten, der genau das tut. Damit wird dieses Verhalten immer wieder von Neuem bestärkt und die Veränderung (auch der Gesellschaft und damit der tatsächlichen Möglichkeiten, nicht nur der theoretisch gedachten) wird nach hinten geschoben.


[1] Es ist durchaus klar, dass jeder Mensch anders ist und nicht jeder Mann dem anderen gleicht. Es geht hier mehr drum Tendenzen zu beschreiben als Individuen zu klassifizieren.