Ein Leben wie im Pilcher-Roman

Ich hatte kürzlich auf einer Social Media-Plattform mehr spasseshalber denn wirklich ernst gemeint die Statusmeldung reingestellt, dass ich mir ein Leben wie in einem Pilcherroman wünsche. Zwar finden sich sogar da Irrungen und Wirrungen, das sich findende Paar durchläuft einige Schwierigkeiten, findet schlussendlich sich aber und die schönen Momente und guten Gefühle überwiegen bei weitem. Die Reaktion auf diese Meldung war ziemlich eindeutig. Das sei langweilig, hiess es, das könne ich mir nicht wirklich wünschen. Rosamunde Pilcher wurde als absolutes „No Go“ gesehen, zu voraussehbar, zu schön, zu süss, zu romantisch, zu kitschig, zu problemlos. Dass man es nur schon schaut (ans Lesen wollen wir gar nicht denken), schien eine Schande und bedürfte wohl vieler Momente versunken in Scham; so leben zu wollen schien an absolute Undenkbarkeit zu grenzen. Wieso? Heile Welt ist langweilig.

Schaut man in die Zeitungen, stechen einem Meldungen von Krieg, Selbstmord und anderem Leid und Übel ins Gesicht. Schaut und hört man sich um, sieht man sich mit Klagen über eine grausame, brutale, menschenverachtende, Menschen kaputt und krank machende Welt konfrontiert. Stimmen werden laut, man müsse sich mehr auf ein Miteinander besinnen, die Liebe hoch halten, den Krieg eindämmen. Es werden Parolen von Kehrtwende und Besinnung auf wesentliche Werte propagiert. Doch wenn man sich genau das wünscht, eine Welt in Liebe, in Harmonie, mit einem Happy End und gutem Gefühl, dann wird das vehement bekämpft, belächelt und verspottet.

Wieso ist eine harmonische, heile Welt langweilig? Wieso brauchen wir Ärger, Zwist, Kampf und Krieg, um ein spannendes Leben zu haben? Und selbst wenn das spannend wäre, wieso sehnen wir uns danach, da es uns ja offensichtlich krank macht? Immer mehr Menschen leiden an psychosomatischen Störungen, immer mehr Menschen kommen mit dem immer mehr fordernden, immer kälter und härter werdenden Alltag nicht klar. Immer mehr Menschen gehen unter in den Fluten von Druck, Leistungszwang, Rigorosität, Menschenunwürdigkeit und Ausrichtung an Profit, Macht und Sieg. Sich dem entziehen zu wollen wird aber als langweilig, nicht erstrebenswert und schon fast zu verachten abgetan.

Man fühlt sich bemüht, zu rufen: „Ja, was wollt ihr denn?“ Wovor fürchtet man sich, wenn man sich nicht auf die heile Welt einer Pilcher einlassen will, Mord und Totschlag von all den blutrünstigen Krimiserien (die ich durchaus sehr liebe und regelmässig schaue) gut heisst? Wieso ist Blut, Kampf und Gewalt cool, Liebe und Happy End langweilig und öd? Dass der Mensch sich eigentlich nur nach Liebe sehnt, scheint ein alter Hut und biologisch, soziologisch und psychologisch gut belegt, was hindert den Menschen also daran, dazu zu stehen?

Ode an die Schweiz

Es war einmal ein kleines Land, das sich seine Unabhängigkeit hart erkämpft hat – mit Manneskraft und erhobenen Fingern zum Schwur. So will es zumindest die Sage. Die guten Eidgenossen waren stolz auf ihre Eigenständigkeit, sie schrieben sich diese auf alle Fahnen und prahlten fortan damit. Neutral seien sie, meinten sie. Hielten sich raus. Aus allem. Augen zu und durch, geht uns nichts an. Zwar waren sie immer wieder fleissig, ihre Finger reinzuhalten, die Verantwortung für die Folgen wiesen sie weit von sich. Und überhaupt, eigentlich wussten sie ja von nichts, weil sie durch ihre ganze Neutralität mit Scheuklappen gesegnet waren.

Das ist bis heute so geblieben. Der Schweizer mischt sich nicht ein, er macht nicht mit, er ist verschlossen. Noch heute ist er der Kämpfer um die Unabhängigkeit, Netzwerk, Zusammenarbeit – das mag er nur so lange, wie es ihm nutzt, er alle im Netz kennt und ja kein neuer Kopf dabei ist. Fremdes mag er nicht, Fremden geht er aus dem Weg. Das Fremde kennt er zudem besser als dieses sich selber, er weiss alles darüber und hat das ganz alleine mit sich herausgefunden. Andere nennen das Vorurteil, der Schweizer nennt das unabhängige Meinung.  Schliesslich muss der Schweizer aufpassen, dass er nicht vom Fremden überrollt wird, ist die Schweiz doch so klein und das Fremde so gross und gefährlich. Drum bleibt der Schweizer da, wo er ist, verkehrt mit denen, die er kennt, isst das, was er seit Jahren isst, mag noch heute die Komiker, die vor Jahrzehnten lustig waren und hat so seine heile Welt.

Im Ausland mag man die Schweiz meistens. Schliesslich ist sie ja klein, niedlich und auch wunderschön. Berge und Seen, Felder und Wiesen, putzige kleine Städtchen, die sich für ganz gross halten. Sauber ist es hier, so rein wie die Schweizer Seele. Nichts, was nicht rein gehört, soll da sein. Alles Fremde wird schnell weggeputzt. Was für die Strassen schön sein mag, ist für die Seele einengend. Doch das merkt man in der eigenen Verschlossenheit nicht. Wer dagegen aufmuckt, ist halt ein komischer Vogel. Dem zeigt man gerne auch denselben. Und so kommen die Fremden gerne in die Schweiz, loben Käse, Uhren, Sauberkeit und Schönheit der Natur und gehen dann wieder heim. So kurz sind sie gerne gesehen, denn sie bringen dem Schweizer etwas, nur bleiben sollten sie bitte nicht. Dann nehmen sie ihm etwas und das geht gar nicht. Und die, die da sind, sollen bitte nett neutral bleiben, sich nicht einmischen, nichts wollen, schon gar keine Netze bauen oder Ideen haben. Der Schweizer bleibt gerne für sich. Neutral. Verschlossen. Im vertrauten Terrain.

Ronsdorfer Bücherstube, Wuppertal

logoDie Ronsdorfer Bücherstube ist eine kleine, gemütliche Buchhandlung im Südosten Wuppertals. Im Sortiment findet man Bücher für Groß und Klein, Sachliteratur zu vielen Themen, Kochbücher und Reiseführer, aber auch Hörbücher, DVDs sowie Lizenzen für den Download von E-Books. Auf der Homepage der Buchhandlung findet der interessierte Leser monatliche Buchtipps, aber auch vor Ort ist man mit allen Fragen und Wünschen gut aufgehoben. Mehrmals im Jahr öffnet die Bücherstube ihre Türen für verschiedene Veranstaltungen, seien es Lesungen oder Rezitate .
 Das Team der Ronsdorfer Bücherstube besteht aus Susanna Erb, Christian Oelemann, Sabine Täger, Manuela Romund und Michael Gebauer. Christian Oelemann hat mir ein paar Fragen zu seiner Buchhandlung sowie zur Stellung von Buchhandlungen in der heutigen Zeit beantwortet. Kurz und prägnant nimmt er Stellung zur aktuellen Situation.

COChristian Oelemann, wuchs als Sohn eines Buchhändlers und einer Violistin in Wuppertal auf und bewegte sich selber schon früh zwischen Literatur und Musik. Er ist Autor von Büchern für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, engagiert sich in Schreibprojekten mit Schulklassen und arbeitet als Buchhändler.

 

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Eine typische kleine Vorstadtbuchhandlung mit allgemeinem Sortiment und einem Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendliteratur.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Mir wurde der Beruf in die Wiege gelegt, denn sowohl Vater als auch Mutter waren Buchhändler.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Unter veränderten Umständen ja.

 Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Es wird zunehmend auf Billigkeit Wert gelegt. Die Idee des festen Ladenpreises wird seit Jahren durch Schnellverramschungen hintertrieben.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Sehr spürbar. Ich versuche, den Kunden alles das zu bieten, was die Onlinegiganten auch bieten.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Er muss sich seines eigenen Wertes wieder bewusst werden.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Er kann sich beraten lassen (ich rate oft auch von Büchern ab!) und er darf das Buch bei Nichtgefallen problemlos zurückgeben.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Nichts, weil es im Grunde keine ist. Die Frage lautet eher, ob man sich mit beiden Handlungsgütern auskennt und sie beide anbietet.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Nicht die Spur. Die Verlage vergessen zunehmend ihren gesellschaftspolitischen Auftrag!

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Mehr Nachhaltigkeit! Weniger Zeitgeistsurfen! Trifft auf alle Gruppen zu!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

„Lass es bleiben!“

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ja! Die geradezu unwürdige Behandlung von angestellten Buchhändlern seitens dubioser Geschäftsführungen.

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Buchhandlung Jürgensen in Wuppertal-Vohwinkel

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Schule

Eckdaten:
Ronsdorfer Bücherstube
Staasstrasse 11
42369 Wuppertal
Tel: +49 (0)202 246 16 03
E-Mail: info@buchkultur.de
Web: http://www.buchkultur.de

Öffnungszeiten:
MONTAGS BIS FREITAGS
09:00 – 18:30 Uhr
SAMSTAGS
09:00 – 13:00 Uhr

Marie Matisek – Nachgefragt

MatisekMarieMarie Matisek führt einen chaotischen Haushalt mit Mann, Kindern und Tieren im idyllischen Umland von  München. Neben dem Muttersein und dem Schreiben pflegt sie ihre Hobbys: kochen, ihren Acker umgraben und Kröten über die Straße helfen. Ihre große Leidenschaft allerdings gehört der schönsten aller Inseln: Heisterhoog (die in Wirklichkeit ganz anders heißt, aber das ist geheim). Von ihr erschienen sind Mutter bei die Fische (2013) und Nackt unter Krabben (2013).

Marie Matisek hat mir einige Fragen zu ihrem Werdegang und ihrem heutigen Leben und Schreiben beantwortet. Sie hat das auf eine sehr authentische, frische und natürliche Weise getan, so dass sich beim Lesen ab und an ein Lächeln einschleicht.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine Frau, Mitte vierzig, verheiratet, zwei Kinder. Obwohl ich schon einige andere Sachen beruflich gemacht habe, würde ich rückblickend sagen, dass ich mich all die Jahre auf das Schreiben vorbereitet habe. Ich war am Theater und habe viele Jahre fürs Fernsehen geschrieben – so gesehen eine solide Ausbildung für die Schriftstellerei.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe immer schon gerne Geschichten erfunden, aber auch gelesen. Die Zeit am Theater war in dieser Hinsicht ein Traum: mit der  Beschäftigung mit Figuren und Stücken habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Als ich dann zum Fernsehen wechselte, habe ich gelernt, meine Phantasien und Geschichten nicht nur zu Papier zu bringen, sondern sie auch so aufzuschreiben, dass sie ein größeres Publikum interessieren. Aber ich hätte mich NIEMALS an ein Buch getraut! Erst als die Agentin meines Mannes mich ansprach, habe ich mich an ein Exposé gewagt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Wie oben schon erwähnt: Meine Grundlage war die Beschäftigung mit Dramen. Ich bin Dramaturgin und erkenne (bei anderen :-)) schnell, ob ein Spannungsbogen stimmt, wo ein Wendepunkt sein müsste, wie man am höchsten Punkt aus einer Szene geht etc. Das ist Handwerk und wie jedes Handwerk in vielen Jahren gereift, erprobt und professionalisiert. Dennoch glaube ich, dass man mehr braucht, um schreiben zu können. Empathie, Leidenschaft, Phantasie, Intuition… Und Durchhaltevermögen! Vor allem dann, wenn einen gerade alles verlassen hat: Handwerk, Empathie, Leidenschaft, Phantasie, Intuition…

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich habe eine Geschichte und die Figuren im Kopf. Dazu gibt es meistens eine drei bis fünf Seiten lange Skizze. Dann schreibe ich drauflos, völlig planlos und bekomme spätestens in der Mitte totale Panik, ob und wie ich das Buch fertig bringe. Und nehme mir fest vor, das nächste Mal wirklich einen genauen Plan zu machen. Aber dann… s.o.

Wann und wo schreiben Sie?

Wenn die Kinder zur Schule gehen, gehe ich mit dem Hund eine Stunde Gassi. Das ist eigentlich der Arbeitsbeginn. Ohne diese mentale Vorbereitung kann ich nur sehr schlecht schreiben. Sobald ich nach Hause komme, gibt es eine Kanne Kaffee, Obst und Schokolade. Das brauche ich zum Schreiben. Ebenso einen Strauß Blumen und eine Kerze. Das steht dann alles auf dem Esstisch, um mein Laptop drapiert. Ich gucke beim Schreiben in den Garten, höre das Schnarchen von Hund und Katze, dann geht es los. Es ist immer das gleiche Ritual, jeden Tag zur gleichen Zeit, außer am Wochenende. Ich brauche diese Gleichförmigkeit. Am Nachmittag, Abend oder Wochenende arbeite ich auch, aber nicht kreative Schreibarbeit. Dann werden E-Mails geschrieben, die Facebook-Seite gepflegt, recherchiert, redigiert, Fragebögen ausgefüllt…

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich trage immer Figuren und Geschichten mit mir herum. Ich höre aufmerksam zu, bekomme die Inspiration für meine Geschichten eigentlich von überall. Also arbeite ich genaugenommen zu jeder Zeit. Das Bedürfnis, abzuschalten habe ich eigentlich nicht. Entspannen kann ich aber durchaus! Geben Sie mir ein Sofa und ich schlafe ein.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist für mich die Erfüllung schlechthin. Ich schreibe seit knapp vier Jahren. Seit einem Jahr ausschließlich, d.h. ohne mit etwas anderem Geld zu verdienen. Das ist nicht einfach, der Buchmarkt ist sehr schnelllebig geworden, die Halbwertzeit eines Buches ist leider kurz. Es gibt so viele Titel, man geht schnell unter. Das finde ich schwierig. Die äußeren Umstände – Vertrieb, Marketing, Anforderungen des Verlags – sind alle nicht einfach. Dafür habe ich beim Schreiben die größte Freiheit – und das lässt mich auch die Unannehmlichkeiten aushalten.

Autor sein bedeutet für mich: ganz bei sich sein. Es ist mein Traumberuf, ich möchte nichts anderes mehr machen bis ich eines Tages in Grab falle – an meine Tastatur gekrallt.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles! Alles! Alles! Es ist Selbsterlebtes, Gelesenes, Gehörtes, Gesehenes. Ich habe keine Notizbücher, schreibe nichts auf. Weil ich glaube, dass die Geschichten oder Figuren, Namen und Orte, die bei mir hängen bleiben, irgendwann den Weg in ein Buch finden. Manchmal gibt es nur einen Namen, manchmal eine Figur, die man im Kopf hat. Jahre später kommt eine andere Figur hinzu, eine Geschichte setzt sich zusammen. Es muss in mir lebendig werden, nur dann kann ich ein Buch daraus machen. Ich verbringe schließlich viel Zeit damit, da muss es stimmig sein.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich kann gut verstehen, dass jemand, der entweder keinen Verlag gefunden hat oder mit seinem Ärger hatte, den Weg des Selfpublishing geht. Das ist richtig und es ist auch wichtig, dass es heute mit finanziell geringerem Aufwand möglich ist, als früher mit Books on Demand o.ä. Trotzdem wäre das für mich kein Weg. Der Verlag hält mir den Rücken frei und macht all die Sachen für mich, die ich nicht tun möchte. Ich muss mich (fast) nur mit dem Schreiben beschäftigen. Alles andere belastet mich und lähmt den kreativen Prozess. Die Vorstellung, dass ich ein Buch selbst vertreiben und bewerben müsste, wäre ein Horror für mich und würde Energien verbrauchen, die ich lieber ins Schreiben investiere. Außerdem bin ich existenziell auf die Vorschüsse der Verlage angewiesen – mein Mann ist ebenfalls Autor und wir müssen davon eine vierköpfige Familie durchbringen. Ein Buch komplett zu schreiben ohne dafür bezahlt zu werden, könnte ich mir gar nicht leisten. Insofern finde ich den Selfpublishing Markt auch etwas bedrohlich.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Marie Matisek steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Keine meiner Figuren ist autobiografisch, aber in jeder steckt Marie Matisek. Ich muss in die Rollen schlüpfen, um die Figuren schreiben zu können. Ich liebe sie alle! Auch die vermeintlich „Bösen“ wie Hubsi von Boistern.

Ihre letzten beiden Romane, Nackt unter Krabben und Mutter bei die Fische, handeln vom Leben auf einer Nordseeinsel, von Familienschwierigkeiten und Liebesdramen, alles aber immer mit viel Humor beschrieben. Ist Humor, wenn man trotzdem lacht oder was bewegt sie zu dieser kunterbunten Mischung?

Ich versuche auch im Leben, jeder Situation etwas Komisches abzugewinnen – ohne etwas lächerlich machen zu wollen. Brachialkomik kann und will ich nicht schreiben, Drama schon eher. Aber kaum habe ich eine zu Herzen gehende Szene geschrieben, schleicht sich schon wieder etwas Komisches ein, da kann ich gar nichts gegen machen.

Wieso schreiben Sie über die Nordsee, wieso erbte Falk einen Strandkorbverleih und keinen Münchner Biergarten?

Weil mein Mann und ich die Idee zu dem Buch bei einem Nordseeurlaub hatten. Im Strandkorb.

Gibt es neue Projekte? Bleiben Sie Ihrem Genre treu oder finden wir uns bald in einem Krimi von Marie Matisek wieder?

Marie Matisek ist nicht nur ein Name und eine Autorin, sondern auch eine Marke. Und die steht für Nordseegeschichten. Ich habe natürlich auch ganz andere Geschichten auf Lager, aber ein Genrewechsel ist für Autoren sehr, sehr schwer und wird von den Verlagen nicht gerne gesehen. Das wird dann unter anderem Namen sein müssen.

Im Moment habe ich den dritten Nordseeroman abgeschlossen, im nächsten Jahr schreibe ich Nummer vier. Was danach kommt – mal sehen.

Nackt unter Krabben spricht nebenbei die Lokalpolitik der Insel Heisterhoog an, wenn auch immer mit einem Augenzwinkern. Wollten Sie eine politische Botschaft vermitteln? Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich (nicht nur in ihrer Literatur) politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

 Nackt unter Krabben ist natürlich zuallererst Unterhaltung. Ich wollte damit keine politische Botschaft vermitteln, aber meine Haltung vermittelt sich indirekt. Ich habe sehr großen Respekt vor Autoren, die radikal gesellschaftspolitisch schreiben, man macht sich dadurch ja auch immer angreifbar. Und man darf die Kraft des Wortes nicht unterschätzen – wie viele Schriftsteller wurden und werden wegen ihrer Werke verfolgt! Tatsächlich sind aber oft gerade radikal persönliche Werke, in denen gesellschaftliche Realitäten einfach nur geschildert und nicht bewertet werden, sehr politisch. Ich glaube kaum, dass es einem Schriftsteller gelingt, seine Meinung vollkommen zu verbergen. Warum auch?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wumms.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich hatte immer Phasen, in denen ich alles verschlungen habe, was ein Autor geschrieben hat. Das fing mit Agatha Christie an, ging über Dostojewski zu Siegfried Lenz und Paul Auster bis zu Arne Dahl. Sie sehen schon: alles dabei!

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Nein, das kann ich nicht. Schriftstellerei ist etwas zutiefst Persönliches, es gibt so viele Werdegänge die dorthin führen, die unterschiedlichsten Biografien… Ich glaube, wer schreiben will, wird seinen Weg finden, so oder so.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Andreas P. Pittler – Nachgefragt

PittlerAndreasAndreas P. Pittler wurde 1964 in Wien geboren, hat ebenda  Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert. Schon früh bewegte er sich im Journalismus, veröffentlichte ab 1985 Sachbücher zu diversen Themen und über die verschiedensten Menschen, fungierte als Kritiker, verfasste eine satirische Geschichte Österreichs und gab einen Reiseführer über Europas Kurbäder heraus. 1990 kam der Sprung in die Belletristik, er publizierte in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien und liess 2000 seinen ersten Roman folgen. Neben seinem literarischen Schaffen betreut Pittler eine literarische Radiosendung, lehrt an der Donau-Universität Krems und gehört der Jury des Leo-Perutz-Preises der Stadt Wien an. Andreas P. Pittler ist verheiratet und wohnt – man ist geneigt zu sagen „wo sonst?“ – in Wien. Von ihm erschienen sind unter anderem Bruno Kreisky (1996), Rowan Atkinson, „Mr. Bean“ (1998), Tod im Schnee (2002), Samuel Beckett (2006), Tacheles (2008), Ezzes (2009), Tinnef (2011), Zores (2012), Der Fluch der Sirte (2013).

Andreas P. Pittler hat mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben beantwortet. Er tat das auf eine tiefgründige, sich und das Schreiben hinterfragende Weise, er legte dabei vieles offen und bot Einblicke – persönliche, sachliche, überlegte, anregende.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Die Frage „wer sind Sie?“ verleitet dazu, sich in Ausflüchten zu stürzen (also wenn man sie philosophisch auffasst und nicht damit beginnt, einfach einen Lebenslauf darzulegen). Mir fielen sofort zwei, drei Zitate ein, hinter denen ich mich verstecken könnte. „Wer bin ich?“ ist aber wohl die zentrale Frage menschlicher Existenz und das „Erkenne dich selbst“ vielleicht die spannendste Aufgabe im eigenen Sein. In der Tat glaube ich, mich durch mein Schreiben beständig ein bisschen mehr zu erkennen. Aber das ist wohl zeitlebens ein „Work in progress“.

Auch die Frage nach der Biographie ist keinesfalls einfach zu beantworten, denn diese setzt sich naturgemäß aus vielen kleinen Einzelteilen zusammen, von denen immer nur einige für eine gewisse Gruppe interessant sind. Würde ich mich etwa um eine Stelle bewerben, so würde es wohl kein Fehler sein, auf meine universitäre Laufbahn zu verweisen. Für meine LeserInnen ist diese jedoch vollkommen irrelevant.Wäre es mir hingegen darum zu tun, einem Mitmenschen aus meinem Leben zu berichten, so verwiese ich wahrscheinlich auf die Jugenderfahrungen, die dazu führten, dass ich jenen Weg einschlug, der mich eben ins Heute führte. Und vielleicht wäre „Er ging oft fehl, aber er kam ans Ziel“ ein schöner Spruch für meinen Grabstein.

Wofür steht das „P“ nach Andreas? Wieso steht es immer und wieso nie ausgeschrieben?

„P“ steht für Paul. Dies war der Vorname meines Großvaters. In der Schule, wo dieses zweite „P“ noch keine Rolle spielte, wurde ich gemeinhin „A.P.“ gerufen, woraus sich recht bald „APE“ und, daraus folgend, „Affe“ entwickelte (also „ape“ auf Englisch ausgesprochen). Nun finde ich heute die meisten Affen wirklich nett, aber als Pubertierender hat man doch seine Probleme mit einem solchen Attribut. Daher fügte ich das „P“ in meinen Namen ein und wurde zu „Apepe“, was sich (zumindest aus damaliger Sicht) schon besser anhörte. Und wie so vieles im Leben ist es mir bis heute geblieben, obwohl ich selbst es eigentlich gar nicht mehr verwende.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Als ich einmal im Rahmen eines Fragebogens diese Frage gestellt bekam, schrieb ich in jugendlicher Pose „Ich schreibe, weil ich nichts zu sagen habe“, was sich damals auf die Ohnmacht des Einzelnen in unserer Gesellschaft bezog, die einem keine Möglichkeit der (effizienten) politischen Partizipation lässt. Allerdings wäre es ein klein wenig unehrlich, meine Schreiblust allein auf diesen politischen Missstand zurückzuführen. Vielmehr war es wohl so, dass ich schon als kleiner Junge, als ich die Welt der Bücher entdeckte, so beeindruckt war, dass ich mir dachte, solche Werke will ich auch einmal schaffen. Und eines Tages war ich dann mutig genug, meine verbale Fabulierlust in Lettern zu gießen. Ein Prozess, der mit einem eigenen Tagebuch 1976 begann, sich mit Kurzgeschichten für die Schülerzeitung und pubertären Gedichten fortsetzte und seitdem ungebrochen anhält.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich denke, das Wichtigste ist, dass man seinen eigenen Stil findet. Man kann sich sehr viel von anderen AutorInnen, zumal von den Großen, abschauen, aber man wird nie selbst ein großer Autor, wenn man im Epigonenhaften stehenbleibt. Der Schlüssel zum guten Text scheint mir die Authentizität zu sein. Und vor allem muss man wissen, WAS man schreiben will. Für meine Krimis ist es mir z.B. von großer Wichtigkeit, in der Darstellung so realistisch und wirklichkeitsnah wie möglich zu sein. In anderen Genres wird es wiederum auf andere Besonderheiten ankommen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Prinzipiell schreibe ich einfach darauf los. Ein Buch von ca. 300-400 Seiten schreibe ich in ca. zwei Monaten. Allerdings ist es bei mir so, dass ich quasi mein Leben lang recherchiere, da ich praktisch pausenlos lese. Dabei stosse ich immer wieder auf anregende Passagen, interessante Geschichten und faszinierende Details, ja selbst auf gelungene Formulierungen. Diese Dinge speichere ich, um bei Bedarf auf sie zurückgreifen zu können. Und es kommt natürlich auch vor, dass mir, wenn ich gerade nicht in der Nähe eines Schreibgeräts bin, ein schöner Gedanke kommt, dann halte ich den wie im vorigen Jahrhundert mit Kugelschreiber auf einem Notizzettel fest, um ihn später einbauen zu können. Bemerkenswert erscheint mir auch der Umstand zu sein, dass ich zu Beginn meiner Krimis selbst nicht weiß, wer der Täter/die Täterin ist. Ich schreibe mit offenem Endergebnis los, und wer sich im Laufe der Geschichte als wahrscheinlichster Täter herauskristallisiert, der wird es dann (meistens) auch. Außerdem macht es mir großen Spaß, in meine Geschichten kleine „Palimpseste“ zu verweben, Anspielungen auf große Werke der Weltliteratur, vielleicht sogar direkte Zitate, die ich unerkannt einer Figur unterschiebe. Hiezu hat mich quasi Umberto Eco angestiftet, der diese Vorgehensweise bei „Der Name der Rose“ erstmals in großem Stil anwendete. Ich habe bspw. in einem meiner Romane eine Seite, die ausnahmslos aus Anfangssätzen deutscher Romane aus der Zeit zwischen 1950 und 1980 besteht. Ich bin dann immer gespannt, ob das jemand merkt, ob jemand reagiert. Natürlich dürfen solche literarische „Manierismen“ den Lesefluss nicht stören. Es ist quasi ein Extra für den Insider, ohne den Rest damit zu irritieren.

Wann und wo schreiben Sie?

Da ich auch (noch) einen Brotberuf ausübe, nachts und an den Wochenenden. Als beste Zeit hat sich dabei für mich jene zwischen 22 Uhr und Mitternacht entwickelt, weil da schon allgemeine Ruhe herrscht, niemand mehr anruft oder sonstwie Kontakt aufnimmt und man daher ungestört arbeiten kann.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich einen Roman abgeschlossen habe (wie jetzt gerade den sechsten „Bronstein“), dann lehne ich mich zurück und befinde mich für mich selbst im Urlaub. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich nicht sofort an den Schreibtisch zurückkehre, wenn ich eine Idee habe, die nach Umsetzung schreit.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein empfinde ich als meine ureigene Berufung. Gerne wäre ich ausschließlich Autor, doch das ist in unserem System ökonomisch schwierig. Immerhin aber gibt mir die Schriftstellerei das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen, das mir zudem auch noch Freude bereitet (was ich von meinem Brotberuf in doppelter Hinsicht verneinen muss). Frustrierend sind für mich jene Momente, in denen ich erkennen muss, dass ich mich in einer Szene verrannt habe, so dass ich einen längeren Abschnitt einfach kübeln muss. Aber diese Emotion wiegt niemals die Freude auf, die ich empfinde, wenn ich einen neuen Roman fertiggeschrieben und dabei das Gefühl habe, eine Geschichte so gut wie mir möglich erzählt zu haben.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich habe das Gefühl, ich bin von Ideen nahezu umzingelt. Jedesmal, wenn ich die Zeitung öffne, springen mich drei, vier Themen an, aus denen man einen Roman machen könnte. Im Vorjahr las ich plötzlich eine kleine Notiz über einen libyschen Politiker, der tot aus der Donau gezogen worden war. Sofort und wie von selbst entstand in meinem Kopf eine Story rund um Verschwörung, Korruption, Unterschlagung und Mord. Die brauchte ich dann nur noch nach dem Diktat meiner Ganglien aufzuschreiben (mein aktueller Roman „Der Fluch der Sirte“). Ich kann das nicht wirklich begründen, aber in solchen Momenten sehe ich die handelnden Personen regelrecht vor mir und kann dabei auch hören, was sie sagen und wie sie es sagen.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Persönlich habe ich überhaupts nicht gegen Selfpublishing einzuwenden. Ich würde nur (derzeit) jeder/jedem davon abraten, weil die Branche an dieser Stelle immer noch die Nase rümpft, sich der erhoffte Erfolg also nur allzu selten einstellt. Mit den E-Books tu ich mich persönlich auch nicht so leicht, weil ich in der Ära der Stand-PCs großgeworden bin, die für mich immer noch primär eine bessere Schreibmaschine sind. Ich will blättern, riechen und im Wortsinne be-greifen. Aber ich bin natürlich nicht unglücklich, dass es meine Romane auch als E-Book gibt, denn eine neue Generation hat ihre eigenen Medien und so mögen die Jungen eben scrollen, wo ich blättere.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Andreas P. Pittler steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Als ich vor über fünf Jahren meinen Ermittler David Bronstein erfand, ging ich davon aus, dass ich hier jemanden porträtiere, der rein gar nichts mit mir zu tun hat. Eine bewusste Antithese sozusagen. Und dann stellte ich im Laufe der einzelnen Bände mehr und mehr fest, wie dieser Bronstein Zug um Zug von mir annahm. Mittlerweile könnte ich mich schon fast mit ihm identifizieren. Allerdings bietet das Schreiben auch die perfekte Gelegenheit, sich gefahr- und folgenlos ein Alterego auszudenken, dass tun und lassen darf, was immer es will, womit man auch ein klein wenig die eigene Phantasie ausleben kann, indem diese Figur Dinge tut, die man selbst vielleicht gerne einmal ausprobiert hätte, die man sich selbst aus welchen Gründen auch immer versagt.

Ihr Weg führte vom Journalismus über Sachbücher hin zur Belletristik. Was hat sie immer weiter bewegt? Sind sie nun angekommen? Was zeichnet die Belletristik im Gegensatz zum Sachbuch aus? Gibt es etwas, das ihnen fehlt aus den Bereichen Journalismus und Sachbuch?

Also eigentlich gäbe es ohne meine Ausbildung zum Historiker die „Bronstein“-Reihe gar nicht. Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass meine Geschichtsbücher stets nur jene Leser fanden, die ohnehin schon Bescheid wussten. Wollte man also gewisse gesellschaftspolitische Fragen einem größeren Publikum bewusst machen, so schien es angezeigt, dies in einem Format zu tun, das dem Publikum geläufiger ist und zu dem es einen Zugang hat. Ich glaube, ich habe mit meinen Romanen als Historiker mehr bewegt als zuvor mit meinen Sachbüchern, die außerhalb der Fachkreise weitgehend unbeachtet blieben.

Sie sind Österreicher, genauer Wiener. Beeinflusst ihre Herkunft ihren Stand auf dem deutschsprachigen Markt?

Unbedingt. In meinem Fall sogar noch mehr als sonst, da ich recht umfangreich vom Wortschatz des Wiener Dialekts Gebrauch mache, den man nördlich von Nürnberg wohl kaum mehr versteht. Das ist vergleichbar mit Krimis, in denen sich die Menschen des „Züri-Dütsch“ bedienen, womit man in Hamburg oder Flensburg auch eher auf Unverständnis stoßen wird. Gleichzeitig habe ich aber die angenehme Erfahrung gemacht, dass die „eigenen“ Leute es sehr zu schätzen wissen, wenn man in ihrer Sprache schreibt, denn hier in Wien sind meine Romane konstant geschätzt, wie sich an den jeweiligen Verkaufszahlen ablesen lässt.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

An dieser Stelle sind wir jetzt wieder bei den Sachbüchern und bei meinem erlernten Beruf als Historiker. Ich habe einfach festgestellt, dass ich mit meinem historischen Abhandlungen stets nur jene Menschen erreichte, die ohnehin schon um geschichtliche Zusammenhänge wussten. Daher nahm ich mir einen Satz von Dashiell Hammett zu Herzen, der einmal sagte, dass ein guter Krimi mehr bewirkt als dutzende politische Pamphlete. Tatsächlich ist es so, dass mich die politische Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte persönlich sehr beunruhigt und ich als Historiker erschreckende Parallelen zu den späten 20er und frühen 30er Jahren sehe. Daher will ich mit meinen Geschichten nicht nur unterhalten, sondern auch vor den Folgen warnen, die einer Gesellschaft drohen, wenn sie zu lange der Willkür einzelner tatenlos zusieht.

Ihre Krimis spielen in der Zwischenkriegszeit. Wieso haben Sie sich auf diese Zeit konzentriert? Was gefällt ihnen oder packt sie an der Zeit?

Viele gehen davon aus, dass diese Zeit abgeschlossene Vergangenheit ist. Doch nimmt man sie genauer unter die Lupe, so stellt man mit Schrecken fest, wie viele Ähnlichkeiten die Jahre 1927 bis 1933 mit unseren Tagen aufweisen: Bankenkrach, Massenarbeitslosigkeit, untätige Politiker, Demagogen, Perspektivlosigkeit der Jugend, all das gab es schon einmal und wir wissen, wohin das nach 1933 geführt hat. Persönlich denke ich, dass der Schock der Jahre 1933 bis 1945 eineinhalb Generationen lang wirklich tief saß und alle, wo immer sie auch politisch standen, sich dahingehend einig waren, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Seit etwa 1990 ist aber eine neue Generation herangewachsen, der die Ereignisse des Nationalsozialismus so fremd sind wie die Christenverfolgung der Antike und die Hexenprozesse des Mittelalters. Daher erscheint es mir geboten, der heutigen Sorglosigkeit gegenüber historischen Zusammenhängen etwas Bewusstsein entgegenzustellen – und die charmanteste Weise, in der man das tun kann, scheint mir im Rahmen einer spannenden Geschichte zu sein.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Es ist jedenfalls keinen Nachteil, wenn er einen hat. Es ist allerdings kein Muss. Viele hervorragende Schriftsteller haben sich ausnahmslos mit Themen wie Liebe oder Spiritualität befasst, und ihre Werke sind dennoch großartig. Auch kann politischer Auftrag nicht heißen, Moralkeulen zu schwingen oder mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten. Der „Auftrag“ erfüllt sich, wenn die Leserschaft von sich aus zu dem Schluss kommt, dass eine Änderung beschriebener Missstände wünschenswert ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend und intelligent geschrieben sein. Es muss Dinge beinhalten, die mich selbst zu eigenen Gedanken anregen. Es muss meinen Horizont erweitern. Manchmal genügt es aber auch voll und ganz, dass es mich gut unterhält oder mich einfach nur köstlich amüsiert. Letztlich ist es auch stimmungsabhängig, welches Buch mich wann wie anspricht. Nach einem harten Tag kann auch „Hägar der Schreckliche“ die richtige Lektüre sein. Andererseits ist es eine sportliche Herausforderung, wieviele historisch-philosophisch-theologische Anspielungen man in Joyces „Ulysses“ findet.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Die gibt es nicht nur, sie werden laufend mehr. Die Palette reicht hier von Samuel Beckett und James Joyce über den frühen Christoph Hein und Thomas Bernhard bis zu den großen Russen wie Puschkin, Gorki oder Majakowski. Es ist auch schön, immer wieder Neues zu entdecken, wo man dann quasi den Werdegang eines Autors/einer Autorin von Werk zu Werk mitverfolgen kann. Das ging mir bspw. bei Thomas Brussig so, aber auch bei Tanja Dückers oder Juli Zeh. Als Krimiautor beeindrucken mich natürlich die Großen des Genres von Hammett, Chandler und Glauser bis hin zu Vazquez-Montalban, Camilleri, Marklund und Markaris. Und natürlich eine ganze Menge deutschsprachiger Krimi-AutorInnen, die ich hier aber nicht nenne, um mir nicht den Unmut jener zuzuziehen, die ich vielleicht zu nennen vergessen habe.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

* Finde heraus, was Du schreiben/erzählen willst. * Schiele nicht auf Marktauglichkeit oder auf Vorgaben, die vermeintlich schnelleren Erfolg versprechen. * Übernimm von anderen Schriftstellern, was dir gut erscheint, kopiere sie aber nicht. * Lasse dich von Rückschlägen nicht entmutigen. * Bleibe dir unbedingt treu – besser, der Text bleibt (vorläufig) unveröffentlicht, als es erscheint ein Buch unter deinem Namen, das nicht (mehr) dein Buch ist.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Andreas P. Pittler für diese Antworten.

Sunil Mann: Familienpoker

Woher man stammt, wohin man geht

„Was führt dich zu mir?“ Ich breitete auffordernd die Arme aus.
Abschätzend taxierte sie mich und sagte schliesslich in bestimmendem Ton: „Finde mich!“
„Wie bitte?“
„Du sollst mich finden!“
Ich starrte sie an, während ich in Gedanken alle Erklärungsmöglichkeiten für diese hirnrissige Forderung durchging […]

Noemi Winter ist ein Teenager wie er im Buche steht; sie fühlt sich von ihren Eltern unverstanden und denkt, nicht zu ihnen zu gehören, nicht ihr Kind zu sein. Was Vijay Kumar, Privatdetektiv indischer Herkunft, zuerst als typische Teenageridee ansieht, lässt ihn trotzdem nicht los und führt ihn schon bald nach Madrid, in die Verstrickungen von dubiosen Ärzten und kämpferischen Nonnen. Eine Suche nach Hintergründen beginnt, die mehr als einmal lebensbedrohlich wird.

Zum monotonen Klatschen gesellte sich jetzt das knirschende Geräusch eines Baseballschlägers, den ein anderer Bursche mit blond gefärbtem Haar lässig hinter sich her über das Kies schleifte. Die Bande schrie uns Schimpfwörter auf Spanisch hinterher, die garantiert nicht in meinem Sprachführer aufgelistet waren.

Sunil Mann gelingt mit Familienpoker ein Krimi, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Der Plot ist stimmig, besticht durch seine immer wieder neuen Wendungen, die ihn spannend machen. Am Schluss fügen sich die einzelnen Fäden vielleicht ein wenig zu schön ineinander, doch auch ein Krimi lebt schlussendlich vom Happy End und man liest es mit einem guten Gefühl. Die Charaktere in Familienpoker sind plastisch gezeichnet, man kann sich in sie hineinfühlen und sich mit ihnen identifizieren. Die Schauplätze sind anschaulich gezeichnet und lassen Bilder vor einem entstehen, egal ob das Buch in Zürich, Bern, Madrid oder im Berner Oberland spielt.

Familienpoker schneidet grosse Themen wie die Herkunft des Menschen, Menschenhandel und Familiengefühle an, behandelt diese aber mit einer Leichtigkeit, so dass der Lesefluss nicht gestoppt wird. Dadurch erhält der Krimi eine tiefe Note, welche in Kombination mit dem immer wieder durchscheinenden Witz Lesegenuss pur verspricht.

Fazit:
Stimmiger Plot, plastische Figuren, packend erzählt – Lesegenuss pur; leider viel zu schnell zu Ende. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sunil Mann
Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

Interview mit dem Autor auf denkzeiten: hier

MannFamilienpokerAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (16. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254254
Preis: EUR  10.99 / CHF 16.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH sowie in jeder Buchhandlung

 

Bachletten Buchhandlung, Basel

bachletten1Am 16. September 1993 eröffnete Ursula Wernle Jenny die kleinste Buchhandlung Basels und führte diese bis zu ihrem Tod im Jahr 2007. Ihr Mann Matthyas Jenny führt sie seit dem Zeitpunkt weiter und hat neben dem normalen Tagesgeschäft einige innovative Ideen umgesetzt. In der Bachletten Buchhandlung kann man am Wochenende nach Ladenschluss gediegen zu Abend essen, zwischen Büchern übernachten und so Kindheitserinnerung vom nächtelangen Lesen und in Büchern Stöbern neu erleben.

MJ2Matthyas Jenny ist Autor, Verleger und Literaturliebhaber. 1976 gründete er den Verlag Nachtmaschine, er ist Initiator der Buchmesse BuchBasel, und des Basler Literaturhauses. Er lebt in einer Wohnung, die gleich an die Buchhandlung angrenzt, wobei die Grenzen wohl nicht wirklich starr sind, sondern alles ineinander übergeht. Ein literarisches Leben möchte man sagen. Ein Besuch lohnt sich definitiv!

Das Porträt

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Kleine Quartierbuchhandlung mit breitem, allgemeinem Sortiment.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

War/bin Autor, Verleger, Buchdrucker, arbeitete bei Verlagsauslieferungen, in Verlagen, war Einkaufschef für Bücher bei der Kiosk AG und Ex Libris Dietikon, Buchmarketing für Verlage etc. Gründete die BuchBasel Messe Schweiz, Literaturfestivals etc. Nach dem Tod meiner Frau Mai 2007 führte ich ihre Buchhandlung weiter.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Ja!

 Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Grundsätzlich hat sich der Buchmarkt verändert: Erscheinungsrhythmus, Produktion, Marketing, Verbreitung, elektronische Bestellsysteme, Amazon, E-Book… Die Stammkundschaft gibt es kaum mehr – man muss ständig neue Kundschaft bewerben.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Auch auf der Website bachletten.ch kann man E-Books herunterladen (Bezhalung via PayPal), aber der Kunde bestellt lieber bei Grosshändlern, weil er das Gefühl hat, dass es dort besser und günstiger ist – was nicht zutrifft. Schritt halten mit den Konzernen ist für eine Kleinbuchhandlung rein finanziell nicht möglich.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Kenntnisse über Aktualitäten, Kenntnisse über wichtige oder spezielle AutorInnen, Veranstaltungen, unternehmerisches und unverkrampftes Flair verströmen – nie gegenüber der Kundschaft klagen. Die Kunden beim Namen begrüssen. Die Ladentüre für den Kunden öffnen… Höflichkeit.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Es kostet oft weniger, keine Verpackungsrückstände, volles unkompliziertes Rückgaberecht auch ohne Kaufnachweis, oft viel schneller bei Bestellungen (innert 12 Stunden ist ein lieferbares bestelltes Buch in der Buchhandlung).

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

E-Book ist bequem, aber auch langweiliger zu lesen. Es wird sich einpendeln wie damals mit den Hörbücher – allerdings wird es den stationären Buchhandlung nicht mehr unbedingt brauchen, weil man sowohl das Buch wie das E-Book beim selben Internet-Grossanbieter bestellen, respektive herunterladen kann.
Die nächste Generation wird nur noch ausnahmsweise zu einem Buch greifen.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Nein – wenn die Publikationen nicht oder nicht richtig lektoriert werden, ist es sowieso schlecht. Und nicht der/die AutorIn sollte entscheiden, ob ein Buch erscheint, sondern VerlegerIn/LektorIn.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Bücher lesen und schreiben!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Wenn er/sie nicht an einen romantischen Irrtum bezüglich Bücher, Buchhandel etc. glaubt, dann sollte er nebst Buchhandel noch einen anderen Beruf erlernen. In einigen Jahren wird die Situation im Buchhandel eine ganz andere sein. Der stationäre Buchhandel wird möglicherweise, wie Drogerien und andere Geschäfte, verschwinden.

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Labyrinth, Nadelberg Basel

Herzlichen Dank, Matthyas Jenny, für dieses Interview.


Bachletten4

Eckdaten:
Bachletten Buchhandlung

Matthyas Jenny
Bachlettenstrasse 7
4054 Basel
Tel: +41 (0)61 281 81 33
E-Mail: bachletten@bachletten.ch
Web: www.bachletten.ch

 

Öffnungszeiten:
Montag: geschlossen
Dienstag-Freitag: 09.00-12.30 / 14.00-18.30
Samstag: 09.00-16.00

Heimat oder: Theorie und Praxis

Ich bin von Natur und von Beruf Philosoph. Was das ist, werde ich oft gefragt. Ich sage immer: Ich denke. Immer. Über alles nach. Über mich, andere, das Leben, Umstände des Lebens. Ich hinterfrage alles. Mich, andere, das Leben, Umstände des Lebens. Und ich hadere durch das Denken oft. Mit mir, anderen, dem Leben und dessen Umständen.

Du denkst zuviel.

Das ist wohl der Satz, den ich am meisten hörte. Und ich sagte mir denselben auch oft. Ich wünschte mir manchmal, weniger denken zu können, die Dinge einfach hinzunehmen, danach zu handeln, wie die Dinge erscheinen, und so locker flockig durchs Leben zu gleiten. Es gelang nicht. „Déformation professionelle“ oder Natur – oder eine Mischung aus beiden.

Ich denke, also bin ich.

Der Satz ist nicht meine Erfindung, offensichtlich. Ihn zuzuordnen ist fast obsolet, da er mit dem Namen Descartes verbunden ist wie das Ei mit dem Huhn. Das Gefühl dahinter ist aber ganz meines. Würde ich nicht denken, würde mir etwas Grundlegendes fehlen. Es wäre nicht mehr mein Leben. Selbst wenn ich ganz klar weiss, dass das Leben wohl einfacher wäre, träte das Denken ein wenig zurück, möchte ich es nicht missen, da es mich ausmacht, ich mich ohne dieses gar nicht kenne, mich mir gar nicht vorstellen könnte.

Und so dachte ich in all’ den vergangenen Jahren immer wieder über ein Thema nach:

Was ist Heimat? Wo bin ich zuhause?

Und ich wälzte Theorien, fühlte mich zerrissen. Ich schwankte zwischen dem Ort, an dem ich geboren wurde und die Schule besuchte, dem Ort, den ich später für Studium und Beruf wählte, dem Ort, an dem ich die glücklichsten Momente der Kindheit verlebte und an dem meine Eltern heute wohnen und verschiedenen Orten, in die ich aus irgendwelchen Gründen gezogen bin. Die Zerrissenheit in dieser Frage brachte eine innere Unruhe mit sich, ich fühlte mich immer da fremd, wo ich war und sah da Heimat, wo ich sie mir hindachte. Das Verbindende der Gedankenwelt war immer stärker als das gerade Erfahrene, da ich als denkender Mensch viel tiefer in den Gedanken verhaftet war als in der Realität. Denken ist einsam. Es passiert im Stillen und für sich. Das Leben spielt sich draussen ab. Das ist irgendwie offensichtlich und das unterschreibe ich und unterschrieb ich immer.

Ich bin oft umgezogen. Immer aus Überzeugung, immer aus Gründen. Das Gefühl, zu Hause zu sein, kam selten auf, und wenn, blieb es nicht lange. Die Vorzüge eines anderen Ortes überwogen schnell. Die Einsamkeit des Denkens und des Berufs, der sich darum bildet, hatten sicher ihren Anteil daran. Im Moment wohne ich so lange an dem Ort hier, wie noch kaum je an einem anderen Ort der letzten Jahre. Umzugsphantasien kamen oft. Wurden ausgemalt, geplant, Wohnungen gesucht, Energie in Begründungen investiert, wieso das besser wäre als der Ort hier. Sie wurden alle verworfen. Denn eigentlich gefällt es mir hier ganz gut. Es ist nicht perfekt. Vieles fehlt. Vieles ist nicht so, wie ich es möchte. Und doch ist mein Leben gut. Ich kann es drehen und wenden. Ich kenne hier noch niemanden wirklich. Aber das kann ich ändern. Das habe ich geändert, indem ich mich gerade heute in der Schule meines Sohnes engagiert und für ein Jahr verpflichtet habe. Das hätte ich früher nie getan. Ein ganzes Jahr. Ich kann nicht weg. Ich muss hier bleiben. Und es fühlt sich verdammt gut an. Komischerweise.

Es gibt viele tolle Orte. Jeder hat etwas für sich. Und alle haben sie etwas, das fehlt. Mal sind es Menschen, mal Plätze, mal Erinnerungen, mal Atmosphäre. Was wirklich zählt ist aber, was man draus macht. Man kann sich seine Heimat selber schaffen. Das passiert einerseits in Gedanken, das passiert aber hauptsächlich real durch Taten. Durch ein Sich-Einlassen. Durch den Entscheid:

Hier bin ich Mensch, hier will ich sein.

Bei Herrn Goethe hiess es, er dürfe da sein, ich wandle ab  hin zu „hier will ich sein“. Was andere denken, dass ich es dürfe oder soll, ist irrelevant. Ich hörte oft, ich sei zu oft umgezogen, das hätte ich nicht fürfen, schon meines Sohnes wegen. Wir haben das gut gepackt, weil wir es gemeinsam wollten. Nun bleiben wir. Weil wir es wollen. Wir lassen uns ein und bauen was auf. Vielleicht wird es irgendwann wieder ändern. Für heute stimmt es so. Was das Leben bringt, werden wir sehen. Mein Fazit für heute?

Heimat ist, wo man sein will, weil es sich gut anfühlt.

Dass das so ist, braucht es mehr als nur Gedanken, es braucht Taten und ein sich drauf einlassen. Immer wieder, immer von Neuem. Und wenn es sich gut anfühlt, dann ist es gut. Denken kann man dann wieder, wenn das ändert. Und nicht immer stimmt der Ort nicht.

Vorhang auf für den Buchhandel

Ich freue mich, bald mit einer neuen Reihe hier auf Denkzeiten zu beginnen. Denkzeiten gibt kleinen (und auch grösseren) Buchhandlungen und den Menschen, die ihr Herzblut in diese stecken, eine Plattform. Sie stellen sich vor und plaudern aus dem Nähkästchen des buchhändlerischen Alltags.

Ich bin gespannt, was im Zeitalter von elektronischen Medien und Internetbestellungen über grosse Plattformen die Läden und deren Betreiber bewegt, wie sie sich positionieren, was sie an- und umtreibt.

Den Anfang wird Matthyas Jenny von der Bachletten Buchhandlung in Basel machen, danach folgen regelmässig weitere. Wer eine Buchhandlung kennt, die unbedingt ein Porträt kriegen sollte, darf die gerne melden. Ebenso dürfen sich auch Buchhandlungen und Buchhändler selber melden, die von ihrem Alltag berichten wollen, die auch den Präsenzbuchhandel vor Ort im Netz präsentieren wollen.

Ich freue mich drauf!

GROSS und klein

Und dann sind da diese Menschen, die dich warten lassen, weil sie gerade etwas besseres zu tun haben, oder die meinen, sie melden sich dann mal, wenn sie mal Zeit finden in ihrem ach so turbulenten und beschäftigten Leben. Da sind die Menschen, die denken, dir sagen zu müssen, wie der Hase läuft und dir ständig sagen, dass deiner falsch läuft. Es sind die Menschen, die sich so gross fühlen und machen und dich so klein. Sie tun es, indem sie mit einer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass sie nur zu rufen brauchen und du springst. Sie tun es, indem sie einfach mit deiner Zeit agieren, wie es gerade in ihren Zeitplan passt, deiner ist dabei nicht gefragt. Und sie tun es, indem sie einfach davon ausgehen, besser zu wissen, was richtig und was falsch, was gut und was schlecht, was nennenswert und was nicht ist.

Und dann sind da noch die Menschen, die das mit sich machen lassen. Sie warten geduldig, bis der andere getan hat, was er eben tun wollte, bevor er wie verabredet bei ihnen ist. Sie springen, wenn der andere meint, nun mal ganz spontan und unvermittelt Zeit zu haben, weil sie denken, dies ausnutzen zu müssen, wann gäbe es sonst wieder mal eine Chance. Sie glauben ungesehen an die als richtig genannte Hasenlaufspur und geben ihre auf. Sie fühlen sich klein, weil sich der andere so gross macht. Sie lassen den anderen die Regie ihres Lebens übernehmen und gehen einfach davon aus, dass der andere schon weiss, was er tut, weil er es ja laut und bestimmt auftritt.

 

Wer ist Opfer, wer ist Täter?

Keiner ist Opfer, keiner ist Täter, beide sind beides. Während der eine sich über den anderen stellt und sich dabei gross fühlt, fühlt sich der andere klein und stellt sich unter den einen. Er lässt den Möchtegerngross agieren, weil er selber ein Ichweissichbinklein ist. Selbst wenn er auch gerne gross wäre und es ab und an zu sein denkt, begibt er sich immer wieder in die Rolle des Kleinen und unterwirft sich dem Grossen, indem er tut, was dieser ihn tun lässt oder tun lassen will. Ab und an denkt der Kleine zwar bei sich, auch gross zu sein. Er denkt an all die Sätze, die er dem anderen sagen könnte, stellt sich vor, sich einfach zu weigern und seine Rolle nicht mehr zu spielen, um dann doch wieder zu schweigen, wenn die Situation eintritt. Und wieder springt er, wieder wartet er, wieder lässt er mit sich machen und sich klein reden. Wieder glaubt er, nicht zu wissen und fühlt sich dumm, weil der andere so offensichtlich weiss. Oder er denkt zwar, zu wissen, traut sich aber nichts zu sagen, weil der andere dann ja weg wäre oder er sich blamieren könnte oder er es sich schlicht nicht wert ist, zu sich selber zu stehen.

Und je länger der Kleine klein spielt, desto mehr wird aus diesem Spiel ernst. Je länger er die Rolle des Kleinen immer und immer wieder einnimmt, desto mehr wird sie Gewohnheit, Muster, Pflicht und Zwang. Unausweichliches Korsett. Bis er endlich mal hinsteht, sich bewusst wird, dass der andere genauso klein ist wie er selber und er genauso gross wie der andere. Auch DER kocht nur mit Wasser und auch DER wird das Gekochte auf demselben Weg wieder los, wie er selber. DER atmet dieselbe Luft wie er und DER stösst dasselbe Gas wieder aus. DER wird ersticken, fehlt die Luft, verdursten fehlt das Wasser und verhungern, fehlt die Nahrung. Und ohne Liebe wird auch DER verkümmern. DER braucht die Menschen genauso wie sie ihn.

Wo also kommt SEINE Grösse her, wenn nicht aus SEINER Selbsteinschätzung und aus unserer Bereitschaft, ihm diese zu lassen und uns zu unterwerfen? Wieso glauben wir IHM alles und uns nichts? Trauen IHM alles zu und uns wenig? Wieso sind wir so schnell bereit, uns zu verbiegen und bangen so sehr um SEINE Aufmerksamkeit, dass wir uns nicht trauen, zu uns zu stehen?

Es ist nie zu spät, das zu ändern. Es hilft schon, es zu wollen und anzufangen, zu sich zu stehen. Das erste Mal ist es noch schwer. Es gelingt nicht immer, aber es ist es wert. Es ist jede Überwindung wert, denn sie führt uns mehr und mehr zu uns selber und macht uns selber gross. Und dann stehen wir auf Augenhöhe mit den anderen und wissen, dass sie nicht grösser sind als wir, dass ihre Zeit nicht wertvoller ist als unsere, dass wir ihren Respekt verdienen, wie sie den unseren. Und dann fängt das Leben an, menschlich zu werden. Für alle. DICH und MICH. dich und mich.

Nina George – Nachgefragt

 GeorgeNinaNina George
Nina George wird am 30. August in Bielefeld geboren. Sie beginnt mit 14 Jahren im Service zu arbeiten, verlässt die Schule vor dem Abitur, um beim Männermagazin Penthouse eine journalistische Ausbildung zu absolvieren. Die Arbeit im Service behält sie bei, bis ein unverschämter Gast sie so in Rage bringt, dass ihr erstes Buch Gute Mädchen tun’s im Bett –  böse überall entsteht und unter dem Pseudonym Anne West veröffentlicht wird. Seit 1999 arbeitet Nina George als freie Journalistin und Schriftstellerin, schreibt sowohl unter ihrem Mädchennamen Romane um Themen wie die Liebe und das Leben, als Anne West Bücher zu Themen der Sexualität und Erotik, unter ihrem verheirateten Namen Nina Kramer Thriller sowie mit ihrem Mann unter dem Pseudonym Jean Bagnol einen Provencekrimi. Sie hat seit 1992 etwa 24 Romane, Krimis, Science-Thriller sowie ca. 90 Kurzgeschichten und über 500 Kolumnen veröffentlicht. Nina George ist mit dem Schriftsteller Jens „Jo“ Kramer verheiratet und lebt im Hamburger Grindelviertel. Von ihr erschienen sind unter anderem als Nina George Der Weg der Kriegerin (2003), Die Mondspielerin (2010), Das Lavendelzimmer (2013); als Anne West Gute Mädchen tun’s im Bett – böse überall (1998), Schmutzige Geschichten (2004), Sex für Könner (2009), als Nina Kramer Ein Leben ohne mich (2008). Im Oktober erscheint ihr neuer Roman  Commissaire Mazan und die Erben des Marquis, den sie mit ihrem Mann Jo Kramer unter dem Pseudeonym Jean Bagnol geschrieben hat.

Nina George hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat das auf eine erzählende, persönliche und authentische Weise, die einen  wunderbaren Einblick in ihr Schreiben und Denken gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin die Tochter eines ehemaligen Polizisten, der zu früh starb. Ich bin die Künstlerin, die sich selten so nennt. Ich bin die Moderne Fünfkämpferin, die aus dem Skilift fiel und Olympia im Schnee begraben hat. Ich bin die Nichtstudierte, die sich manchmal nach dem Hörsaal sehnt. Ich bin die, die sich selbst selten mit drei Worten beschreiben kann, außer mit solchen wie: „widersprüchlich, liebend, dual“. Ich habe das Gefühl, mehr als eine Biografie zu haben – eine politische, eine feministische, eine schreibende, eine mit vielen persönlichen Niederlagen, eine mit erstaunlichen Erfolgen; in jedem Fall aber eine ungerade.

Ich denke, ich würde, sofern ich mit 93 noch alle Latten am Zaun hätte, mich von Buch zu Buch, von Mann zu Mann, von Schub zu Schub vortasten, um mein Leben zu erzählen; vor allem aber möchte ich die Dinge erzählen, die eine Wendezeit einleiteten. Tod, Schmerz, Liebe – und die Augenblicke, in denen ich einfach ins Ungewisse sprang.

Ich glaube, zum Schluss wäre es eine Geschichte darüber, was ich alles ausprobiert habe, um am Ende des Lebens nicht zu hadern: Warum habe ich es nicht einfach getan?

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe, glaube ich, schon hundert Mal auf diese Frage geantwortet – und suche immer noch nach DER Antwort. Sie verändert sich von Jahr zu Jahr, so, als ob ich erst mit dem Schreiben erfahre, warum zum Teufel ich diesen Beruf gewählt habe. Und nicht einen, der mit weniger Kränkung, Risiko, Geschmacksauseinandersetzungen und Gefühlsuntiefen behaftet ist.

Ich schreibe – unter anderem – weil ich zu viel fühle. Ich nehme Menschen überdeutlich wahr und muss irgendwohin damit. Ihre Trauer, ihren Witz, ihre Hoffnungen, ihr Ins-Leben-geworfen-Sein. Wenn ich von ihnen erzähle, geht es mir besser.

Ich schreibe, weil ich so gern Geschichten erzähle, die trösten, amüsieren, Mut machen. Ich wollte einst die Welt retten, so rette ich vielleicht die eine oder andere Stunde.

Ich schreibe, weil ich gern in den Abendstunden und noch lieber allein arbeite, mir aber ein Job als Concierge im Hotel nur als drittbeste Idee vorkam.

Ich schreibe, weil ich es bereits die längste Zeit meines Lebens tue (21 Jahre von bald 40) und da nicht mehr rauskomme. Ich bin es gewohnt.

Ich schreibe, weil ich dann ständig etwas Neues sehen, erleben, erfahren und davon berichten kann.

Ich schreibe auch, weil Journalistin, Reporterin zu sein, sich so anfühlte, als packte ich die Welt fest mit beiden Händen und als erstickte ich nicht in der Beschränktheit meines Horizonts.

Ich schreibe, weil ich dann mehr Leben als nur meines lebe.

Und weil Stephen King und John Irving so unendlich saucool sind.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich unterscheide gern zwischen kreativem Schreiben und professionellem, sprich: erzählendem, fiktionalem, durchdachtem, überarbeitetem Schreiben.

Bei dem ersteren geht es um den Entwicklungsanschub, um die Fähigkeit, aus dem Gebrauchsschreiben heraus zu kommen, seine emotionale, empathische, kreativ-chaotische Seite zu entdecken und in Schwung zu bringen. Das ist wudnerbar, um sich „zu befreien“ und zu entdecken, ob man in sich eine Wortliebe, eine Fabulierlust, ein unentdecktes Feld von Eindrücken, Beobachtungen und Themen besitzt, die man schreibend ausdrücken will. Anstatt sie beispielsweise zu tanzen, zu malen oder in Frickeleien an Sandkunstwerken auszuleben.

Aber um Schreiben als Beruf auszuüben, muss das Handwerk gelernt werden. Niemanden befällt die Muse und er oder sie „weiß“ auf einmal ganz geschmeidig, wie das geht mit der Dramaturgie, der Figurenentwicklung, dem Aufbau von Spannung, der Wirkung von langen Sätzen im Gegenteil zu den kurzen.

Mit 19 gelang mir aufgrund meiner Einsendung einer sehr kraftvollen, sehr wütenden Kurzgeschichte an ein gewisses Magazin meine erste Veröffentlichung. Die Redaktion bildete mich später knapp drei Jahre (bis 1995) aus, danach arbeitete ich – seit 1999 frei – als Redakteurin, Reporterin, Interviewerin für Tageszeitungen und Zeitschriften.

Ich bin es durch den journalistischen Weg gewohnt, das Schreibhandwerk als solches zu betrachten. Ich beschäftigte mich im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr mit Techniken, Instrumenten, Kniffen und Ansichten über das fiktionale Erzählen; außerdem entwickelte ich parallel dazu „meine“ Themen, meine Stimme und meinen Stil.

Noch heute kann ich an keinem Buch vorbei gehen, das mir etwas über das Schreiben erzählt, ohne nicht zumindest rein zu schauen.

Und ich lese jeden Roman, jedes Essay, jede Glosse, zweimal: einmal mit Genuss, und einmal mit dem analytischen Blick: Wie hat sie das gemacht? Wie hat er das hingekriegt?

Heute weiß ich, dass das professionelle Schreiben aus fünf Elementen besteht.

Talent, um sich überhaupt dafür zu interessieren. Disziplin und Zähigkeit, um das Langwierige daran auszuhalten. Resilienz, um nach Rückschlägen, Niederlagen, Ablehnungen oder Kritik wieder aufzustehen. Eine „Erzählreife“. Ja, ein gewisses Lebensalter. Um nicht nur etwas erlebt zu haben, sondern auch, um es durchdacht, durchfühlt zu haben; die wirklich interessanten Dinge habe ich persönlich zum Beispiel erst zu erzählen, seitdem ich rascher auf die Vierzig zuschreite.

Und letztlich: Eine sichere Handhabe der eigenen Schreibe, die, wenn man es zusammen zählt, um siebzig bis hundert größere Fertigkeiten und kleinere Taschenspielertricks umfasst. Von Metaebene bis Wortwitz.

Fragen Sie mich noch mal nächstes Jahr, dann weiß ich schon wieder etwas anderes – oft ist es so, dass der Schriftsteller das, was er Montags konnte, am Mittwoch schon nicht mehr beherrscht. Und was er am Donnerstag nicht probiert, Freitag schon nicht mehr weiß.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich habe zwei getrennte Schreibleben; das journalistische und das belletristische. Das erstere ist termingebunden, konzepttreu und so dienstleistungstauglich, dass ich es in jeder Gemütslage überall tun kann. Ich habe „ständige Konstrukte“ im Kopf, wie ich was erzählen kann – als Glosse, als Märchen, als These, als Report, als Reißer oder als Story, die vor allem durch ihre schmackhaften Wörter wirkt.

Bei dem belletristischen Weg heißt es im ersten Wurf: zwei Drittel nachdenken und durchfühlen und ein Drittel der Zeit schreiben.

Ich konstruiere und schaffe die Figuren, ich denke solange über ihre Biografien, Verhältnisse und Aufgaben untereinander nach, bis es stimmt. Das kann Monate dauern, manchmal Jahre.

Ich zurre das „Metathema“ jedes Romans vorher ganz, ganz fest – erst, wenn ich mit einem einzigen Satz (bestehend aus nicht mehr als 10, 15 Wörtern ) ausdrücken kann, worum zum Teufel es in der Geschichte wirklich geht – erst dann beginne ich.

Geht es darum, den Platz im eigenen Leben zu finden?

Geht es darum, nach dem Tod der Liebe wieder Mut für ein zweites Mal lieben zu sammeln?

Geht es um die Kleinheit in der großen Welt?

Geht es darum, dass auch Rache nicht tröstet?

Wenn ich dieses unsichtbare Rückgrat nicht habe – und wenn ich nicht das Ende weiß – fange ich erst gar nicht an.

Denn an diesem unsichtbaren Rückgrat mit dem Ende als Anker orientieren sich der Hauptplot und die Nebenstränge, die Wortwahl und die Stilebenen, der Humor und das Tempo.

Im zweiten Wurf folgt das Überarbeiten (und das Buch zur Hälfte neu schreiben).

Im dritten kürzen, umstellen und schleifen. Und zweifeln. Und heulen. Und den Laptop aus dem Fenster werfen und mich am liebsten gleich hinterher.

Ich denke, Nachdenken, Zweifeln und Überarbeitung sind die größten Blöcke, das Schreiben dazwischen ein ewiger Versuch.

Wann und wo schreiben Sie?

Täglich in zwei Schichten, die erste (journalistische) nach der Korrespondenz am Morgen, die zweite Schicht von 17 bis 23 Uhr. Mal am Küchentisch, wie jetzt, mal im Wohnzimmer am Esstisch, mal im Arbeitszimmer. Oft auf Reisen und in Schreib-Exilen, auch dort vorwiegend an Esstischen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein. Ja. Weiß nicht.

Das sind Antworten, in die ich Jahr für Jahr anders hinein lebe.

Ich bin immer auf Empfang, auch wenn ich träume, es gibt keine Grenzen zwischen Sein und darüber Schreiben. Ständig geschieht die Welt, vom Tahirplatz bis zum Streit meiner Nachbarn.

Andererseits sind Pausen extrem wichtig und nötig, weil das Schreiben, das Fühlen, das sich für Themen so intensiv interessieren bis man taub und blind für anderes ist, auch wund macht. Zudem braucht es für das Denken dringend die Zeiten, in denen man einfach nix tut, sondern auf das Meer starrt und im Kopf auf Sommerpause stellt. Man muss manchmal leer sein, um sich wieder zu füllen.

Ich erhole mich vom Schreiben vermutlich beim Lesen, es sei denn, das, was ich lese, ist so wunderbar, dass ich sofort wieder Lust zu schreiben habe! Das passiert mir bei Anna Gavalda zum Beispiel ständig. Oder bei Irene Nemirowsky.

Ich schwimme, ich starre aufs Meer, ich koche, ich atme, ich zähle die Wiederholungen beim Rückentraining.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich kämpfe mit Bandscheibenvorfällen, E-Bookpiraten, unverschämten Vertragsbedingungen, Selbstzweifeln, eingeschlafenen Händen, unterkühlten Füßen, Wutanfällen, Selbstmordgedanken, Eitelkeiten, Todesangst („lebe ich lang genug, um alles zu erzählen was wichtig ist?“), Faulheitsattacken, Krea-Tiefs ohne auch nur einen einzigen zündenden Einfall. Ich kämpfe mit mir und gegen mich, gegen Vorurteile über das schreibende Leben, ich kämpfe um jeden Cent. Ich freue mich, wenn ich LeserInnen berühre, tröste und zum Lachen bringe, wenn ich Mut mache und wenn ich verstanden werden. Ich freue mich, wenn ich genug Geld gespart habe, um eine Reise zu machen. Ich freue mich, wenn ich mein Buch im Schaufenster sehe oder mir jemand sagt, er habe Sätze darin unterstrichen. Ich bin dann so verlegen und diese Verlegenheit ist unfassbar grandios.

Was es für mich bedeutet? Es ist nicht so, dass „Autorin sein“, gar „Bestsellerautorin“, ständig durch den Tag mitschwebt. Meist merke ich nicht mal, dass ich Autorin, Schriftstellerin bin; ich tue es und gut. Es ist ein bisschen wie mit der Liebe: Ich kann es nicht erklären, warum mir mein Beruf so nah, so wichtig, so überlebensnotwendig ist. Ich vermute, ich bin am meisten ich, wenn ich schreibe. Sonst gehe ich verloren, wenn ich keine Wörter und Buchstaben habe, die mich halten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ geht da nur selten etwas. Ich habe inzwischen sieben Romane geschrieben, und bei jedem gab es einen eigenen Weg, einen eigenen Auslöser und ein eigenes Tempo, wie sich daraus eine ganze, tragende Story über 300 oder mehr Seiten entwickelte.

Mal eine Beobachtung in einem Café: fünf angesäuselte Rentner am Montagmittag in der Bretagne (Die Mondspielerin). Mal eine bekloppte Frühlingsdiät-Anzeige: „Fünf Kilo weniger in drei Tagen: so geht’s!“ (Wie der Teufel es will). Mal eine Zeitungsmeldung auf der letzten Seite unter „Vermischtes“: 52-Jährige Italienerin bringt gesunden Sohn zur Welt – künstlich befruchtetes Ei war zwölf Jahre tiefgefroren (Ein Leben ohne mich, ein Thriller über den Handel mit Sperma und Eiern, unter Nina Kramer). Mal ein Büchlein von Kästner: Die lyrische Hausapotheke (So enstand das Bücherschiff von Perdu in Das Lavendelzimmer). Mal eine Katze, die in einem provencalischen Fünf-Sterne-Hotel höchst elegant eine Thunfischpastete stahl (der Auslöser für den Provencethriller Commissaire Mazan und die Erben des Marquis, den ich mit meinem Mann Jo Kramer gemeinsam unter dem Pseudonym Jean Bagnol schrieb).

Wenn eine Idee trägt, dann ist sie haltbar, über Tage, Wochen, Monate. Wenn sie einfach nur „schön“ ist, aber leider kein Potential hat, sich weiter zu entfalten, vergeht sie von selbst.

Manchmal sind Ideen wie Türen zu Zimmern und Fluren: Bei manchen, oft den funkelhübschen Toren, lande ich nach wenigen Seiten in der Abstellkammer, wenn ich sie weiter verfolge. Bei anderen Ideen, den oft auf den ersten Blick unscheinbaren wie eine Pressspantür, lande ich auf einmal in einem großartigen, weitläufigen Garten mit Schloss, Pool und angeschlossenem Minotaurus-Labyrinth. Wunderbar.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Vorsichtig optimistisch. Als Wortaktivistin empfinde ich die digitale Literaturwelt als enormes, grandioses Spiel- und Entwicklungsfeld.

Die Möglichkeit, sich selbst mit wenigen technischen Hürden und relativ wenig monetärem Einsatz selbst zu publizieren, rettet all die AutorInnen, die vorher viel zu viel Geld den Pseudoverlagen und Druckkostenzuschuss-Verlagen in den gierigen Schlund gestopft haben. Wer nicht weiß, was genau ich damit meine, schaut bitte einmal hier vorbei: http://www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com/web/

Ansonsten gibt es, wie immer im Leben, zwei bis tausend Seiten dieser literaturtechnischen Entwicklung. Es ist erlaubt, mehrere Perspektiven zu haben.

Die kritische: Natürlich wird es viel Banales, Schrottiges, Langweiliges, Eitles, Sperriges, Unlesbares oder sogar frech zusammen Kopiertes (Gercke-Gate) und Nachgeahmtes (Shades of Schlag mich die siebenundzwanzigste) unter den rund 200.000 selbstpublizierten deutschsprachigen E-Books geben.

Sich als LeserIn da durchzusuchen, womöglich Zeit und Geld zu verschwenden, ist ärgerlich und trägt nicht gerade zum Ruf der SP-AutorInnen bei.

Die handwerkliche: Als digitale SP-AutorIn ist man der Frage ausgesetzt: Was selber machen? Was sein lassen? Es ist ja nicht nur Schreiben und Hochladen; die Leistungen eines Verlages sollte man nicht unterschätzen.

Lektorat, Korrektorat, Cover, Schriftbild, Reklame, Vertrieb, Vertrieb, Vertrieb; Abrechnung, Lizenzmodelle – was von dem muss sein, was kann sein, was ist zu vernachlässigen? Welcher Leserschaft reicht das, was ich ohne größeren Aufwand zu bieten habe, wie kalkuliere ich mein 1,99-Euro-Werk, könnte ich davon textliche Verbesserungen bezahlen, z.B. einen LektorIn für rund 2000 Euro oder wenigstens ein anständiges Korrekturprogramm für 300? Kann ich es mir leisten, in Vorleistung zu gehen, ohne Vorschuss, und mir ein „Zubrot“ verdienen, lohnen sich Aufwand und Ergebnis?

Und wie erreiche ich all die Leute (und vor allem die 20 Prozent VielleserInnen!!), die lieber noch auf Papier lesen? Wie gehe ich damit um, dass am Ende des Monats die Rückgaben der E-Books reinkommen? Wie wehre ich mich gegen Plagiate, gegen E-Book-Piraterie? Denn leider machen die Portale nicht vor SP-KollegInnen halt, was ich persönlich noch gemeiner finde: Da stellt sich jemand auf eigene Füße, ohne Verlag, und wird dann frech von Leutchen beklaut, die ihr Tun damit rechtfertigen, der pösen pösen „Content-Mafia“ die Geschäftsgrundlagen entziehen zu wollen. Aber dann bei Indies klauen?!

Die befürwortende: Nicht jede/r SP-AutorIn ist ein von renommierten Verlagen aufgrund von mangelnder Qualität oder Lektoratsresistenz abgelehnter Autor. Die Qindie-Bewegung etwa setzt sich vehement für Qualitätsbewusstsein ein. Und so mancher etablierte Autor versucht, seine Backlist zu pflegen oder mal eine neue Idee, ein neues Genre, per SP auszuprobieren.

Die literatur-künstlerische: SP und digitale Echtzeitveröffentlichung ermöglichen das Erkunden von neuen Genres, eröffnen neue, dynamische äußere Formen des Erzählens. E-Books mit Bildern, Musik oder Links, Twitterstories, Handyromane, digitale Miniaturen, interaktives Erzählen, Fanfiction, Crossover-Projekte, Figuren „besuchen“ andere Romane, kollektives Erzählen in Echtzeit, Probelesen, Protagonisten mit eigenem Facebookprofil, flexible Kommunikationsmöglichkeiten mit den AutorInnen, Brainpools, Fishbowls, Titelgeneratoren … es ist immer gut, wenn Literatur in Bewegung bleibt. Das heißt nicht, dass das Neue besser ist – es ist erst mal nur „anders“.

Gerade wir SchriftstellerInnen haben eine (künstlerische, politische) Verpflichtung, unsere Wahrnehmung dicht am Leben zu haben, auch an den Veränderungen, die unsere eigene Lebenswelt betrifft.

Das Wort ist unsterblich, egal mit welchem Trägermedium es daher kommt – gesungen, in Marmor gemeißelt oder über Satellit aufs Streicheltablet übertragen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Nina George steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich bin zu 100 Prozent in allen Geschichten – und nirgends ist etwas aus meiner Biografie.

Geht das? Das geht! Natürlich filtert sich das, was ich erzähle, durch meine Gefühls- und Wissenswelt hindurch, sonst wäre es ja einfach nur abgeschrieben, stimmlos, beliebig.

Aber andererseits habe ich als Nina nichts in den Stories zu suchen. Die Figuren haben eine eigene Persönlichkeit, ihre Lebensstationen haben mit meinen nichts gemein und ich habe nicht vor, meine Erzählungen als Friedhof enttäuschter Eitelkeit oder gar als Flaschenpost meiner „Weisheiten“ zu benutzen. Dieses „Was will die Autorin uns damit sagen?“ hat mich als Schülerin schon abgestoßen. Muss der Autor denn immer „was zu sagen“ haben? Kann er nicht einfach mal erzählen, was andere zu sagen haben, oder vom Alltag befreien? Muss er denn immer eine Botschaft haben?

Manchmal ist ein Hauch Echo zu verspüren; doch ob ich in Jean bin oder er in mir? Ich hatte eine Zeit, in der ich wie diese Figur keine Musik hörte, nicht sang, nicht Klavier spielte, und weinend zusammen brach, wenn mich jemand umarmte. Ich hütete mich vor jedem sinnlichen Eindruck, der meine Schutzhülle durchbrechen konnte, die ich aber brauchte, um zu überleben. Das war in den zwei Jahren nach dem zu plötzlichen Tod meines Vaters.

Und es gab auch eine Regung von Marianne, der Mondspielerin, die ich teilte mit Mitte, Ende Zwanzig: Das Gefühl, an der Seite eines ich-bezogenen Mannes gefangen zu sein, der mich niemals mit Koseworten umwerben würde, und an seiner Seite lebendig zu verenden.

Ihre letzten beiden Romane, Das Lavendelzimmer und Die Mondspielerin, handeln beide von unglücklicher Liebe, von Flucht vor dem eigenen Leben und den eigenen Gefühlen, aber auch davon, sich dem Leben (wieder) zu stellen. Wieso haben Sie sich den Geschichten nach dem sogenannten Happy End gewidmet?

Weil das Happy End im Leben nicht vorkommt.

Sie schreiben unter verschiedenen Pseudonymen zu verschiedenen Themen und in verschiedenen Genres. Wie kam es zu dieser Vielfalt? Dürfen wir auf eine multiple Persönlichkeit schliessen? Gibt es ein Lieblingsfach oder ist es immer das aktuelle?

Viefalt empfinde ich als zutiefst menschlich. Wir alle haben ja einen Hang zu mehr als nur einem Lebensthema; und es interessiert mich einfach wahnsinnig vieles. Alles! Und jedes Thema will auf „seine“ Art erzählt werden. Wenn ich über das Klassensystem Frankreichs erzählen will, kann ich das im Krimi spannender als innerhalb eines Beziehungsdramas. Wenn ich über die Macht der Bücher schreiben will, wähle ich den „Entwicklungsroman“, die Queste, in der mein moderner Odysseus, in dem Fall Jean Perdu, sich selbst auf den realen Flüssen und an den virtuellen Meeren von Wörtern sucht. Und wenn ich über die Psychologie der Anziehung oder von der verqueren Erotik von Beziehungsdesastern schreiben will, wähle ich mein Alter Ego Anne West. Es ist alles aus einem Kopf, nur schiebe ich mal die eine, mal die andere Facette mehr nach vorne.

Ihr Mann schreibt auch. Überwiegt der Komfort des sich verstanden Fühlens dadurch, dass der andere die eigene Welt kennt oder kommen sie sich eher in die Quere, weil beide immer wieder in anderen (fiktiven) Welten unterwegs sind?  Wie steht es mit dem Wettbewerb? Vergleichen sie?

Es überwiegt die tiefe Dankbarkeit, verstanden zu sein. Man ist ja sehr asozial in der Hochproduktionsphase eines Romans. Fixiert auf die Figuren, gefangen in der Stimmung und Gemütswelt, versunken in Recherche und zu Tageszeiten am Computer gefesselt, wo andere Menschen gern Freunde treffen, Essen gehen oder ins Kino.

Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, mich während der Schreibphasen – mehrere Wochen bis Monate – mit echten Menschen treffen zu müssen. Oder nur mit ihnen zu telefonieren, aus meinem „Denkarium“ heraus kommen zu müssen, aus dieser ganz bestimmten Denkfühlschöpfungskonzentration.

Natürlich vergleichen mein Mann und ich uns, es wäre verrückt, nicht hinzuschauen, was der andere tut. Wir erzählen einander immer von unseren Figuren, was die gerade so vorhaben, oder besprechen uns, wenn es bei einem von beiden hakt, er sich in einer Abstellkammer befindet (siehe oben) oder ihm die Ideen davon galoppieren und er nicht weiß, welche er einfangen, welche er ziehen lassen soll. Mit Jo zusammen zu plotten ist ein fast schon erotischer Genuss, und als Scriptdoctor und Motivator ist er mir näher als jeder andere Mensch. Und ich ihm.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Wenn er sich dem gewachsen fühlt, ja. Aber eine Zwangsbeglückung der LeserInnen durch politische Mahnungen muss nicht unbedingt sein. In der Literaturwelt sollte Platz für alles sein: für die Politik und für die Unterhaltung. Ein Autor, eine Autorin, MUSS nicht politisch sein, um etwas zu sagen zu haben – und, auf der anderen Seite, darf der Autor sich auch nicht als „besser“ empfinden, wenn er den erhobenen Zeigefinger durch seine Elaborate durchschimmern lässt.

Diese Arroganz der Berufsmahner ist mitunter etwas peinlich, wenn sie auf ihre unterhaltenden KollegInnen herunter schauen und nicht begreifen, dass Belehrung auch amüsant, emotional und spannungsreich sein darf.

Man darf aber eines nie vergessen: Oft haben erst die Ausdrucksmöglichkeiten durch die Schrift, durch Bücher Regierungen gestürzt, Missstände aufgezeigt und Freiheit errungen. AutorInnen sind bis heute für ihren Mut, die Wahrheit zu sagen, in Gefängnissen weggesperrt, in Exilen, sie werden verfolgt, ermordet und in Misskredit gebracht.

Weit jenseits von Eitelkeit, Fanfiction und Forbes-Einkommenslisten ist Literatur ein Instrument der Rebellion und der Aufklärung.

Wenn man sich in dieser Tradition sieht, verändert sich automatisch auch die Schreibe, die Haltung und das Selbstverständnis.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut riechen. Es muss eine U4 (Rückseite, Umschlaggseite Vier) besitzen, die nicht mit dem üblichen U4-Text-Generator geschrieben wurde, ein Thema haben, das mich interessiert, wobei ich oft überrascht bin, was mich alles interessiert. Zuletzt habe ich ein Buch über eine Sandbank vor Ostfriesland gekauft, davor ein Buch über Synästhesie, und davor einen Krimi, der in den 80er Jahren im schwulen Polizeimilieu spielt. Ich mag es außerdem, die Romane meiner Krimi- und Liebesroman-KollegInnen zu lesen, damit ich weiß, was sie beschäftigt und wie sie die Welt sehen.

Ich mache oft den Aufschlagtest: Das Buch nehmen, auf einer beliebigen Seite aufschlagen und die Seite lesen. Wenn es dort nichts gibt, was mich spontan irritiert oder nervt (wie zu viele Adverbien, Adjektive, verbrauchte Metaphern oder die Unart, keine Satzzeichen zu benutzen und auf Dialoge zu verzichten), dann hat es gute Chancen, mit mir sein weiteres Leben zu verbringen.

Zudem muss die Sprache stimmen, der Erzählrhythmus muss „schwingen“. Es darf gern verrückt sein, ich mag keine Geschichten, die brav in ihren Formaten bleiben. Je non-genriger ein Buch, desto besser. Es wird eh Zeit, dass wir uns mal aus den Formatschubladen befreien.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Stephen King – Mark Helprin – Dominqiue Manotti – John Irving – Frederick Forsyth – Harold Robbins – Anais Nin – Simone de Beauvoir – Enid Blyton – Elizabeth George – Andrea Camilieri – Elizabeth Dunkel – Anka Radakovich – George R. R. Martin – Asterix & Obelix – Erika Fuchs – Johannes Mario Simmel – Rilke, Lessing und Else Lakser-Schüler – und die Franzosen, die Engländer, die Russen, die griechischen Sagen und Legenden, die Bibel, Gilgamesch und Talmud, John Lassiter und Charles Bukowski, Virginia Woolf und die Herzblattgeschichten in der FAS – ach, verdammt, jedes der bisher rund achttausend Bücher die ich las, die abertausende Zeitungsartikel, haben mich geprägt, verändert, verbessert, ermutigt, sind meine Lebensbegleiter gewesen. Mal nur eine Affäre, mal eine tiefe Liebe, und manchmal auch eine Freundschaft / Feindschaft auf Zeit.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

1)   Es geht nie um dich. Es geht immer um die Geschichte.

2)   Besorg dir jede Menge Schreibratgeber, besuche Seminare, tausche dich in Foren über Tricks, Kniffe und gute Literatur-Agenturen aus, und übe. Schreiben wird besser, je öfter man es tut.

3)   Lies. Lies so viele Stunden wie du schreibst. Und umgekehrt. Wer kein guter Leser ist, wird kein guter Schreiber. Besorg dir einen Bibliothekspass.

4)   Such dir deine Kritiker während des Schaffensprozesses sorgfältig aus. Wenn möglich liebevolle Menschen, die sich mit dem Schreibgewerbe auskennen, oder selbst schon mal professionell geschrieben haben, oder solche, denen du zutraust, dass sie nicht nur geschmäcklerisch urteilen, sondern handfest: „da sind Längen, die Figur ist noch nicht ganz „da“, und hier ist der Dialog etwas hölzern.“

5)   Schreib was du willst. Nicht, was angeblich Trend ist, Trend wird oder Trend sein sollte, noch was andere meinen, was du schreiben kannst, musst oder solltest, um ihnen, dem Feuilleton oder deiner Mama zu gefallen. Schreib, was du willst, und such dein ganzes Leben lang so genau wie möglich danach, immer wieder, und frag dich das auch zwischendurch: Will ich das wirklich schreiben, was ich da gerade schreibe? Wenn nicht: Lösch es und fang noch mal an.

Ich möchte mich ganz herzlich bei Nina George bedanken!

Michael Robotham: Bis du stirbst

Ein Unglücksrabe kämpft sich durch

An seinem letzten Morgen im Knast wachte Sami Macbeth früh auf, putzte sich die Zähne, faltete seine Decken ordentlich zusammen und setzte sich wartend auf das Bett.
Er hatte sich gesagt, dass er alles, was er machte, zum letzten Mal machte. […] Heute Mittag ist er hier raus. Nicht vollkommen frei, aber so gut wie.

Nach drei Jahren Knast für einen Juwelendiebstahl, den er nicht begangen hat, will Sami Macbeth nur zwei Dinge im Leben: nie mehr in den Knast zurück und ein berühmter Gitarrist werden. War ihm Das Glück schon drei Jahre vorher nicht hold, so hat sich das nicht geändert. Seine Schwester Nadja, die einzige, die von seiner Familie noch lebt und für die er sich verantwortlich fühlt, ist entführt worden und nur er kann sie retten. Allerdings hat das seinen Preis.

Der pensionierte Detective Inspector Vincent Ruiz   erfährt von der Geschichte durch seine Exfrau Miranda Wallace, welche Samis Bewährungshelferin ist. Er macht sich auf die Suche nach Sami und Nadja und sieht sich immer grösseren Herausforderungen gegnüber. Mittlerweile wird Sami Macbeth als gefährlicher Terrorist gesucht, welcher nach einem Bombenanschlag in der U-Bahn in einem Restaurant Geiseln genommen hat und nun auf der Flucht ist. Dabei ist die Polizei nicht allein darum bemüht, ihn unschädlich zu machen.

„Erlauben Sie mir, Folgendes zu sagen, Mr Macbeth. Ich habe die letzte Nacht damit verbracht, die genaueren Umstände dieses Falles zu studieren, und kann daraus nur schliessen, dass Sie ohne Zweifel einer der grössten Unglücksraben sind […]. Sie scheinen ausserdem über die unglückliche Gabe zu verfügen, eine verzweifelte Situation in eine hoffnungslose zu verwandeln. Könnte ich damit recht haben?“

Michael Robotham macht in Bis du stirbst alles richtig. Die Geschichte besticht durch durchdachte und lebendige Charaktere, einen spannenden und folgerichtigen Plot, sie hat die nötigen Aufhänger, Spannungsträger und Nebenhandlungen. Sami Macbeth ist ein Verbrecher wider Willen, der durch seine menschliche, trotz allen Unglücks humorvolle und vielschichtige Art die Sympathie und das Mitgefühl des Lesers auf seiner Seite hat. Die Motive seines Handelns sowie auch des Handelns der anderen Figuren sind nachvollziehbar und realistisch, die Grenzen zwischen gut und böse weichen langsam auf, zurück bleibt die Frage, wie das alles bloss enden soll. Und bis man das weiss, legt man das Buch nicht aus der Hand.

Fazit
Ein Thriller, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Robotham
Michael Robotham wird 1960 in New Sout Wales, Australien geboren. Er arbeitet zuerst in Sydney als Journalist, geht später nach London, um dort für verschiedene Zeitungen zu schreiben. 1993 hängt er seine Karriere als Journalist an den Nagel und schreibt als Ghostwriter Biografien für Politiker und Prominente, darunter Geri Halliwell und Rolf Harris. Später folgt der Wechsel zur fiktiven Literatur. Sein erster Roman The Suspect schläft gleich ein, wird in 22 Sprachen übersetzt und wird zum Bestseller. Robotham lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Avalon bei Sydney. Von ihm erschienen sind unter anderem The Suspect (2004; dt. Adrenalin 2005), Lost (2005; Amnesie 2006), Shatter (2008; Dein Wille geschehe 2009), Bombproof (2009; Bis du stirbst 2013).

  

RobothamBisdustirbstAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. Mai 2013)
Übersetzung: Sigrun Zühlke
ISBN-Nr.: 978-3442473397
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Marie Matisek: Nackt unter Krabben. Ein Küsten-Roman

Sommer, Sonne und neue Lebenswege

„Wenn du das Zeitliche segnest, kannst du das ebenso gut unterschreiben“, sagte Frekksen gerade. Er hatte sich den Zigarillo angezündet und blies eine dicke Rauchwolke in Stens Gesicht. „Dann kann dir doch egal sein, was auf der Insel passiert. Hier, unterschreib, du oller Sturkopf.“

Frekksen, schon seit Jahren hinter Stens Grundstück mit dem Strandkorbverleih her, wittert an dessen Sterbebett seine Chance. Allerdings bevorzugt es Sten, zu sterben und seinen besitz seinem Neffen Falk zu vermachen. Dessen Freundin liegt ganz auf Frekksens Linie, auch sie ist für den Verkauf, möchte sich mit dem Geld eine Reise nach Goa leisten. Falk, stur nach Familienart, trennt sich lieber von der Freundin als vom Paradies an der Nordsee, mit dem er Kindheitserinnerungen verbindet. Kurzerhand steigt er ins Auto und freut sich auf seine neue Karriere als Strandkorbverleiher, wenn er auch nicht abschätzen kann, wie sich sein Leben nun entwickeln wird.

Bald schon sieht er sich ungeahnten Schwierigkeiten gegenüber und zwischen den Fronten sich streitender Inselbewohner. Dank der Hilfe von neu gewonnenen Freunden und einer neuen Liebe am Horizont fällt er nicht auf die Nase, sondern stellt sich der Herausforderung.

„Ich bin sicher, du machst das Richtige“, sagte Grit. „Und du wirst wissen, was das ist, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Überstürze nichts. Okay?“

Marie Matisek gelingt mit Nackt unter Krabben ein unterhaltsamer Roman, der den Leser an die Nordsee entführt und das ganz normale Leben in einer Kleinstadt erleben lässt. Liebenswürdig beschriebene Figuren, Lokalkolorit und eine witzig-leichte Erzählweise vereinen sich zu einem unterhaltsamen Lesegenuss.

Fazit
Locker flockige Geschichte für die leichte Lektüre zwischendurch. Flüssig geschrieben, mit einer Prise Humor, holt das Buch Ferienfeeling in die Lesestube.

Zum Autor
Marie Matisek
Marie Matisek führt einen chaotischen Haushalt mit Mann, Kindern und Tieren im idyllischen Umland von  München. Neben dem Muttersein und dem Schreiben pflegt sie ihre Hobbys: kochen, ihren Acker umgraben und Kröten über die Straße helfen. Ihre große Leidenschaft allerdings gehört der schönsten aller Inseln: Heisterhoog (die in Wirklichkeit ganz anders heißt, aber das ist geheim). Von ihr erschienen sind Mutter bei die Fische (2013) und Nackt unter Krabben (2013).

 

MatisekKrabbenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: List, Verlag der Ullstein Buchverlag GmbH (12. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-354828547
Preis: EUR  8.99 / CHF 14.90

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Sunil Mann – Nachgefragt

©Eke Miedaner
©Eke Miedaner

 Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

Sunil Mann hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Herausgekommen ist ein Interview, das – obwohl er nicht zuviel Privates an die Öffentlichkeit geben möchte mit seiner Selbstbeschreibung –  tiefe Einblicke in sein Schreiben gewährt und den Menschen und Autoren Sunil Mann authentisch und sympathisch erscheinen lässt, so dass man gerne der wäre, der das eine oder andere Bier mit ihm trinkt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Mit der ersten Frage beschäftigte ich mich schon seit ein paar Jahrzehnten, ohne dass ich dabei eine endgültige und allumfassende Antwort gefunden hätte. Ein Mensch, der sich nach längerer Suche eine mehrheitlich glücklichmachende Beschäftigung und eine ebensolche Lebenssituation geschaffen hat, würde es wohl am ehesten treffen.

Meine Biografie würde ich dennoch nie erzählen wollen, soviel Privates mit der Öffentlichkeit zu teilen ist nicht mein Ding  – ausser natürlich das Angebot wäre wirklich sehr, sehr lukrativ und es bestünde die reelle Chance, dass das Buch von David Fincher verfilmt würde.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe, weil sonst mein Leben arm an Inhalt und Freude wäre. Weil ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene und weil ich es gut kann (glaube zumindest ich).

Entgegen der hin und wieder geäusserten Meinung Aussenstehender, ich hätte doch „ein hübsches Hobby“, ist Schreiben viel essenzieller für mich als beispielsweise Kanarienvögel zu züchten oder eine Tomatenplantage auf dem Balkon anzulegen. Halten mich äussere Umstände ein paar Tage davon ab, werde ich ziemlich unleidlich, auf der anderen Seite erfüllt mich ein gelungener Text mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen. Und ja, ich wollte das schon immer, genau das und nichts anderes. Bereits mit sechs habe ich meinen Eltern zu Weihnachten selbstgebastelte Bücher mit Text und Zeichnungen geschenkt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Prinzipiell glaube ich, dass alles lernbar ist. Allerdings braucht es dazu je nach Veranlagung viel Durchhaltewillen und Ehrgeiz. Und ein Funke Talent schadet sicher auch nicht.

Ich persönlich habe einfach einen Text nach dem anderen geschrieben, bis ich das Gefühl hatte, das Schreiben eingermassen im Griff zu haben. Wahrscheinlich eignet man sich jede andere Fertigkeit genauso an.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich entwickle erst einen Plot, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Der kann durchaus vage sein, der Verlauf einer Geschichte verändert sich nach meiner Erfahrung während des Schreibprozesses ohnehin, manchmal sogar mehrmals.
Mit der Recherche beginne ich erst kurz vor Beginn der Schreibarbeit, wenn ich weiss, was ich genau brauche. Auch später tauchen immer wieder Fragen auf, sodass ich oft parallel zum Schreiben recherchiere. Dank Internet ist das aber meist keine grosse Sache mehr.

Wann und wo schreiben Sie?

Zuhause, an meinem wunderschönen Sumpfeichentisch im Esszimmer. Normalerweise zu gängigen Bürostunden, nur manchmal erlaube ich mir gleitende Arbeitszeit oder sogar unbezahlten Urlaub.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein. Feierabend ist der Zeitpunkt, wo die Denkarbeit einsetzt. Irgendein Teil des Gehirns ist immer am Text, an dem man gerade arbeitet, festgezurrt und manchmal kommen mir die besten Ideen erst, wenn ich den Arbeitsplatz verlassen habe. Ferien im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, denn die Aufnahmetaste ist immer gedrückt. Alles um mich herum ist bereichernd und spannend, möglicherweise sogar potenzielles Material für einen Roman oder eine Kurzgeschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein, bedeutet für mich zu tun, was ich am liebsten tue und am besten kann. Man kämpft dabei vor allem mit finanziellen Engpässen, zeitweise mit Akzeptanz (>Ach so, „nur“ Krimiautor< oder die oben erwähnte Hobbyfrage), andererseits ist das gute Gelingen einer Textpassage oder eines Dialogs pures Endorphin. Und wenn man später vor Publikum liest und die Leute genau an den richtigen Stellen lachen oder einem wissen lassen, dass das Buch sie berührt, amüsiert oder gut unterhalten hat, dann hat man das Gefühl, doch etwas richtig gemacht zu haben.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich kann mich in der Hinsicht nicht beklagen. Man lässt mich grundsätzlich schreiben, was ich möchte und mir wichtig ist, bezahlt mich anständig und pünktlich und sorgt dafür, dass sich meine Bücher verkaufen. Und kurz vor Weihnachten gibt es ein Essen mit den Verlagsmitarbeitern und allen anderen Autoren, was eigentlich immer feuchtfröhlich endet.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Ich glaube, Deutschland und Österreich warten nicht unbedingt auf Schweizer Krimiautoren, dazu haben beide Länder eine zu lebendige und vielfältige Szene. Allerdings kann man sich über Jahre hinweg durchaus eine Fangemeinde im deutschsprachigen Ausland aufbauen, unter anderem auch mit Themen, die nicht nur lokal verankert sind, sondern in Berlin, Köln oder Wien genauso gut funktionieren wie in Zürich.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lese täglich mindestens eine Zeitung. Gerade die kleinen Meldungen sind es oft, die mich inspirieren. Dazu kommen Gespräche, auch belauschte (z.B. Handybenutzer im Tram), (Dokumentar-)Filme, Bücher … die Liste liesse sich beliebig verlängern. Am Ende steckt in allem eine mögliche Story. Meine Arbeit ist es, diese herauszufiltern, mit anderen Elementen zu verbinden und mit meinen eigenen Worten zu erzählen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Sunil Mann steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich steckt eine gute Portion Sunil Mann in Vijay Kumar, der nicht rein zufällig ebenfalls indischstämmiger Schweizer ist. Auch wenn er mir sehr nah steht, ist die Figur aber keineswegs autobiografisch angelegt, seine Erlebnisse sind nur ganz selten auch meine.

Allerdings muss ich mich in alle meine Figuren hineinfühlen, was sie denken und fühlen, wie sie agieren – das stammt alles von mir. Von dem her findet man in jedem Buch eine ganze Menge von mir, meist ist es aber gut versteckt.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Krimis sind eine beinahe alles umspannende Literaturgattung. Da finden sich Liebesgeschichten, Sozialdramen, Frauen- und/oder Männerthemen, manchmal werden sogar Katzen oder Schafe eingesetzt, es gibt Krimis für Kinder- und Jugendliche und so weiter. Das reizt mich an dem Genre. Dass es nicht allein um die Aufklärung eines Verbrechens geht, sondern man noch viel mehr reinpacken kann. In meinen Romane sind das unter anderem eine Einwanderergeschichte und eine Love Story, die neben der jeweiligen Krimihandlung über mehrere Bücher hinweg erzählt werden.

Natürlich macht es Spass, auch mal in die Rolle eines Bösewichts zu schlüpfen und sich vorzustellen, wie das sein könnte, wie so jemand denkt. Aber etwas ausleben, was ich mir im realen Leben versage, tue ich damit nicht.

Was meine Lektüre betrifft: Ich lese alles, querfeldein, Hauptsache, es fesselt mich.

Ihre Krimis bewegen sich zwischen kleinen familiären Themen wie einer verschwundenen Katze oder Putzfrau und politschen Schauplätzen wie einem ermordeten Politiker oder dem Bankenwesen. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen?

 Mich reizt es zu zeigen, dass Menschen sich grundsätzlich immer gleich verhalten, unabhängig von ihrem sozialen und beruflichen Status. Auch wenn das Umfeld variiert, die Beweggründe für ein Verbrechen bleiben immer dieselben. Zudem finden sich die Ursachen für grosse Skandale und Untaten oft im Kleinen, im Privaten.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Von einem Auftrag würde ich nicht sprechen. Aber es schadet sicher nicht, wenn ein Autor eine politische Meinung hat und diese öffentlich vertritt. Als Autor ist man in der Hinsicht wesentlich freier als ein Politiker und kann sich durchaus auch mal selbstironisch oder sarkastisch äussern. Dies ist auch ein Grund dafür, dass ich in meinen Krimis immer wieder meine persönlichen politischen Ansichten einfliessen lasse, oftmals aber mit einem Augenzwinkern.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Einen ansprechenden Schreibstil, interessante Figuren und eine Geschichte, die mich zwingt, weiterzulesen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Unzählige. Ich kann an dieser Stelle nur einige nennen: Stephen King, Alice Munro, Ralf Rothmann, Raymond Chandler, Richard Yates, Gabriel Garcia Marquéz, Friedrich Dürrenmatt, Jakob Arjouni, Jan Costin Wagner, Tana French …

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Als Erstes eine hohe Frusttoleranz entwickeln. Der Weg eines Autoren ist ein steiniger und deine Meinung, dass du mit deinem ersten Roman einen garantierten Weltbestseller geschrieben hast, teilen in den meisten Fällen nicht einmal deine besten Freunde.
  • Weiterschreiben, egal, was geschieht. Denn nur Übung macht den Meister. Dabei sollte aber immer die Geschichte im Vordergrund stehen, keinesfalls du.
  • Lesen! Andere haben Weltbestseller geschrieben und genauso mit einer leeren Seite angefangen wie du.
  • Das Privatleben nicht vernachlässigen, denn wenn es mal nicht so gut läuft, brauchst du unbedingt Leute, die mit dir ein Bier trinken gehen. Oder auch zwei.
  • Sich nicht so wichtig nehmen. Die Erde dreht sich auch in ein paar Millionen Jahren noch, aber ganz sicher nicht um dich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Morgen fange ich an

Ich sollte etwas tun. Ich habe es mir fest vorgenommen. Und da das, was ich tun sollte, eigentlich das ist, was ich tun möchte, ist das gar nicht so schlimm – würde man meinen. Man würde denken, ich gehe mit beschwingtem Mut und Schaffenskraft daran, zu tun, was getan werden soll und will. Doch weit gefehlt. Ich habe Termine. Überall Termine. Und habe ich keine, habe ich Projekte. Immer wieder neue. Sie werden mit Feuereifer gesucht und verfolgt. Sie fressen Zeit und Energie und freuen auch, wenn sie gelingen. Doch schon bald kommt wieder das Gefühl: Ich sollte etwas tun. Das, was ich schon lange wollte, immer wegschob, es wäre nun an der Zeit und diese reif, es zu tun.

Wie lange denke ich schon, ich möchte es tun. Wie lange studiere ich daran herum. Und was auch immer ich tue, das Eine kommt wieder als das eigentliche, das, was wirklich getan werden sollte, wollte, möchte – somit müsste. Die leisen Zweifel am Anfang, ob ich es denn auch tun könnte, wurden mit der Zeit lauter. Einfach, weil so viel Zeit verstrich und es immer noch nicht getan war. Es musste einen Grund haben, dass ich es nie tat, es nur immer wieder tun wollte. Und ich analysiere, was es war, das mich hinderte und merke: Es ist der blosse Umstand, dass ich nie angefangen habe. Und ich hinterfrage, wieso dem so ist und komme zum Schluss, dass die Ursache des Nichtanfangens darin begründet liegt, dass ich jedes Mal neue Projekte startete, die so viel Zeit und Energie kosteten, dass ich den Anfang hinausschieben musste, weil es an Kraft, Ruhe, Musse fehlte. Und mit jedem Aufschub wurden die Zweifel lauter, ob ich es denn überhaupt könnte, was wiederum die Suche nach neuen Projekten förderte. Und so biss sich der Fuchs in den Schwanz.

Was, wenn ich wirklich damit anfangen würde? Ich wäre ja ganz am Anfang und selbst wenn ich es nicht gar nicht könnte, ich könnte es wohl nicht so meisterhaft, wie ich es können wollte. Was, wenn ich es zwar täte, aber es wäre schlecht? Wenn ich es danach sähe und mich schämte, so etwas getan zu haben? Was, wenn es jemand anders sähe und mir sagte, dass es nichts wert sei, einfach nur nutz-, sinn- und alles los? Ich würde mich klein fühlen. Kleiner als klein. So klein, wie ich mich immer fühle, wenn ich denke, es nicht zu können. Oder noch kleiner? Vor allem: Wäre es schlecht, dann hätte ich es ja doch nicht gekonnt. Zwar wäre es getan, aber nicht gekonnt. Und diese Niederlage, die könnte ich nicht ertragen. Der möchte ich mich nicht stellen. Und je mehr Zeit ins Land geht, desto realistischer sehe ich sie. Aber ich weiss: Loslassen wird es mich nie. Ich will es tun. Ich muss es tun. Und ich weiss, ich werde es tun. Heute aber frage ich mich noch, ob ich eigentlich lieber mit Bleistift, Kuli oder Tintenroller schreibe. Wenn die Frage geklärt ist, habe ich noch ein paar offene Projekte. Aber dann – dann fange ich an. Vielleicht schon morgen. Ganz bestimmt.