Buchhandlung „Das Labyrinth“, Basel

Alle Bilder © Oliver Borner
Alle Bilder © Oliver Borner

Die Buchhandlung „Das Labyrinth“ wurde 1984 gegründet und am Nadelberg 17 eröffnet.
Die anfänglich angeschlossene Galerie wurde Ende der 90er Jahre zu Gunsten der Bücher aufgelöst. Neben einer Spezialisierung auf diverse Fachgebiete der Geisteswissenschaften (Germanistik, Linguistik, Soziologie, Philosophie, Kunstgeschichte, Geschichte, Theologie, Religionswissenschaften, Politikwissenschaften, Medienwissenschaften, Anglistik, Altertumswissenschaften), welche sich aus der Nähe zur Universität Basel ergibt, führt die Buchhandlung „Das Labyrinth“ ein anspruchsvolles Sortiment an Belletristik und Lyrik und bietet des Weiteren lieferbare und vergriffene Bände der ‚Anderen Bibliothek‘ an, welche im Eichborn-Verlag erscheint.

Neben dem Präsenzangebot werden im Labyrinth auch Bestellungswünsche aller Art gerne erfüllt. Im Jahr 2011 wurde der Verein ‚Pro Labyrinth-Buch‘ gegründet, welcher Die Buchhandlung ideell und finanziell unterstützt.

Rolf Wetzel, der Geschäftsführer der Buchhandlung „Das Labyrinth“ hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu  beantworten.

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Eine unabhängige Buchhandlung für StudentInnen, Uni-MitarbeiterInnen, Bücher-FreundInnen und alle, welche gerne bei uns vorbeikommen.

Selbstverständlich bestellen wir alle Titel vom Kinderbilder- bis zum Alterssport-Buch.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Eine Lehre als Sortiments-Buchhändler hat für mich damals einfach gepasst.

Würden Die den Weg wieder gehen?

In der momentane Situation des Buchhandels nicht mehr, obwohl ich diesen Beruf schätze und ihn sehr gerne ausübe.

Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Das Internet und der Computer sowie die fortlaufenden Neuerungen in diesen Bereichen, welche teilweise auch für unsere Arbeiten von Vorteil sind, haben die Buchwelt sehr verändert.

Auch beobachten wir seit längerem eine stete Abwanderung staatlicher Institutionen ins Ausland. (Vor allem Bücherbestellungen in Deutschland zu Konditionen, bei welchen wir beim besten Willen nicht mithalten können.)

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Mit Engagement und der Liebe zu den Büchern und unserer Buchhandlung versuchen wir das Optimum für uns und unsere Kunden herauszuholen.

Persönliche Beratung und das Zutragen zum Wohle des Kunden sind unerlässlich.

Der 2011 gegründete Verein ‚Pro Labyrinth-Buch‘ erhält durchwegs viel Beachtung.

Zudem versuchen wir, alle Bestellungen auf dem schnellstmöglichen Weg zu erhalten und informieren unsere Kunden, sobald diese bei uns abholbereit sind.

Institutionen beliefern wir für den Kunden unentgeltlich regelmässig mit einem Chauffeur. Dringende Lieferungen in der Umgebung bringen wir auch gerne zu Fuss oder mit dem Fahrrad vorbei.
Wir bieten ein möglichst ausgewähltes Sortiment an, was aber aus finanziellen Gründen nicht ganz so einfach ist.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Das ist teilweise schon unter Punkt 5 beantwortet. Zudem sollte man immer wieder versuchen, neue Kunden-Segmente zu eruieren, wirtschaftlich kalkulieren –wobei dies nicht dem Kunden angerechnet werden darf – und viel Einsatz zeigen!

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Im Allgemeinen können wir neben einer fundierten Beratung sehr schnelle Lieferzeiten gewähren und ökologische Aspekte werden ebenso unterstützt.

DSCF6420Unsere Preise sind teilweise tiefer als bei gängigen Online-Geschäften, zusätzlich gewähren wir sowohl Studentinnen und Studenten als auch den Kundenkarten-Inhabern (Kundenkarte: Fr. 40.- pro Jahr) einen Rabatt von 10 Prozent.

Schulen, Bibliotheken und andere Institutionen haben ebenfalls einen Rabattvorteil.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Bisher hat bei uns noch niemand nach einem E-Book verlangt. Auch vertreten wir die Ansicht, dass ein haptisches Buch einiges mehr zu bieten hat.

Und: Wenn die Elektrizitätswerke aussetzen und man einerseits eine Kerze und Zündholz und andererseits ein Buch zur Hand hat, kann man die Zeit bis zur Wiederherstellung des Stromes in Ruhe überbrücken.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass die Autoren über die Verlage publiziert werden sollen. In einzelnen Fällen nehmen wir aber solche Titel in Kommission und legen sie bei uns aus.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Verlage: Inhaltlich und äusserlich (sofern die finanziellen Möglichkeiten bestehen) qualitativ wertige Bücher. Weiterhin sollen alle Segmente für eine breite Leserschaft abgedeckt sein.

Autoren: Interessante Texte und immer neue Ideen.

Leser: Das Buch als festen Wert ansehen und (wieder) neu entdecken.

Politik: Eingreifen in das System der öffentlichen von Steuergeldern finanzierten Institutionen, welche seit einigen Jahren im Euro-Raum bestellen.

Zudem wäre es schön, wenn eine Buchhandlung wie unsere als kulturelle Organisation begriffen würde.

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Wenn er/sie von diesem Beruf überzeugt ist (nach einem kurzen Schnupper-

Praktikum) und mit einem minimalen Lohn leben kann, soll er/sie versuchen,

diesen Weg zu gehen. Wichtig ist jedoch eine grosse Flexibilität, auch in einem anderen Beruf arbeiten zu können.

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Die Unterstützung des heimischen Gewerbes und das Bewusstsein, dass die Margen im Buchhandel im Gegensatz zu den meisten Detailhandels-Branchen sehr tief sind.

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Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Buchhandlung ‚Vetter‘ an der Spalenvorstadt 3 in 4051 Basel.

Ich bedanke mich herzlich bei Rolf Wetzel für diese Antworten.

DSCF6402Eckdaten
Rolf Wetzel
Buchhandlung „Das Labyrinth“
Nadelberg 17
4051 Basel
Tel: +41 (0)61 261 57 67
Fax: +41 (0)61261 5930
E-Mail: info(at)daslabyrinth.ch
Web: www.daslabyrinth.ch

Öffnungszeiten
Montag bis Freitag  8.30 – 18.30
Samstag            9.00 – 17.00

Natur und Verstand

Der Mensch sieht sich als Verstandeswesen und denkt, sich durch eben den Verstand vom Tier zu unterscheiden. Er ist stolz darauf und setzt ihn ein, wo immer er kann. Er wägt ab, berechnet, zeigt sich berechnend, verlässt sich auf alles, was der Verstand ihm eingibt, ist es doch das, was menschlich ist und damit am höchsten steht. Schlussendlich steht der Mensch ganz oben in der Hierarchie der Lebewesen, generell von allem – denkt er und verhält sich danach.

Immer wieder suchen Katastrophen die Welt heim. Sie bringen durcheinander, was der Mensch so ordentlich aufgebaut und eingerichtet hat. Der Mensch schreit auf und schimpft die Natur eine Gewalt, merkt nicht, dass er es war, der ihr vorher Gewalt angetan hatte, sie diese nicht mehr tragen konnte und nun – gar nicht berechnend, sondern aus der geschaffenen Situation heraus – zurückschlägt. Die Natur hat nie gesagt, man solle alle Bäume roden, um mehr Platz für teuer zu verkaufende Skipisten zu erhalten. Ist es also ihre Gewalt, die zig Menschenleben in den Tod riss mit der Lawine? Die Natur hiess den Bach nicht in Kanälen zu fliessen, die eigentlich viel zu eng waren. Ist es ihre Gewalt, wenn derselbe Bach nun ganze Häuserfluchten mitriss, weil er dem Kanal entfliehen musste, er keinen Platz mehr in den vom Menschen auferlegten Grenzen fand?

Der Mensch rechnet sich sein Leben, seine Umwelt aus und plant, wie es für ihn am besten passt. Er unterwirft alles dem Diktat des eigenen Profits und missachtet dabei alle natürlichen Gegebenheiten. Selbst wenn er diese mit berücksichtigt auf dem Papier, indem er sie berechnet, ignoriert er die naturgegebenen Kräfte, die jeder Berechnung widersprechen, weil sie nie vorhersehbar sind. Berechnung ist immer nur Wahrscheinlichkeit, darauf baut der Mensch seine Sicherheit und unterwirft dieser alles. Im Grossen wie im Kleinen.

Was nützen alle Berechnungen, alle Bestrebungen nach was für Werten auch immer, wenn man nicht auf die reine Natur hört, auf die Stimme derselben, die immer sagt, ob etwas gut oder schlecht ist? Man läuft auf sogenannt sicheren Schienen, bis die (eigene) Natur zuschlägt und den vorher so sorgfältig ausgerechneten Weg als unbegehbar ausweist. Da steht man nun und sieht sich vor einem Berg, den man nicht sah bei den ach so rationalen Wegberechnungen. Er hatte sich über die Zeit wie von selber aufgebaut, aus allem, was das Herz und das eigene Naturell hergaben. All das, was man vorher als sentimental, irrational, emotional, nicht sicher genug abtat, türmt sich auf – weil man plötzlich fühlt.

Zwar fühlte man schon vorher, allein, man wollte es nicht wahrhaben. Hätte man es mal getan. Man stünde nicht vor Bergen, hätte sie umgehen können.  Irgendwann merkt der Mensch vielleicht, dass er die Natur nicht überlisten kann, sondern Teil davon ist und immer ihren Gesetzen unterworfen. Auch der Verstand ist schlussendlich aus der Natur geboren. Wenn wir ihn gegen sie richten, können wir nur verlieren.

John Williams: Stoner

Das Leben als harter Ackerboden

William Stoner, ein Farmerssohn, wird von seinem Vater an die Universität Columbia geschickt, um Agrarwissenschaften zu studieren. Das Studium gefällt ihm, einzig ein Literaturkurs bringt ihn an seine Grenzen und fordert ihn gerade deswegen heraus. Er wechselt ganz zur Englischen Literatur und vertieft sich mehr und mehr in die Materie.

Angesichts des Ziels, das er sich so leichtsinnig gesetzt hatte, fand er sich mit einem Mal schrecklich unzureichend und spürte eine Sehnsucht nach jener Welt, die von ihm aufgegeben war. Er trauerte um den eigenen Verlust und um den seiner Eltern, aber noch in seiner Trauer spürte er, wie es ihn fortzog.

Nach glänzend absolviertem Studium entschied er sich, als Lehrer an der Universität zu bleiben. Diesen Entscheid konnte auch der ausgebrochene Krieg nicht umstossen, während viele sich freiwillig meldeten, blieb Stoner der Universität treu, der einzigen Heimat, die er kannte ausser der alten auf der Farm, die keine mehr war. Stoner lernt eine Frau kennen, versucht sich trotz mangelnder Reaktion derselben in unbeholfenen Eroberungsversuchen und heiratet sie schliesslich – nicht zu seinem Glück. Stoners Leben scheint ein einsamer Kampf, den er unbeirrt ficht.

Er war zweiundvierzig Jahre alt; vor sich sah er nichts, auf das er sich zu freuen wünschte, und hinter sich nur wenig, woran er sich erinnerte.

Das einzige Glück, das ihm im Leben beschieden scheint, wird ihn in unglücklich machen. Und doch geht Stoner seinen Weg weiter, unbeirrt, ruhig, manchmal mit einer Spur Humor.

Stoner ist das Buch eines eigensinnigen, eigenbrötlerischen Charakters, der sein Leben und seine Leidenschaft in der Literatur auslebt, weil das Leben neben dieser sich schwierig und als Kampf erweist. Er ist ein liebenswürdiger Mann mit Herz, nach dem er aber kaum je leben kann, weil das Leben und seine Mitstreiter ihm zu viele Hürden in den Weg legen. Trotzdem bleibt er seinem Weg treu, versucht, es allen recht zu machen, und hält sich durch seine Aufgaben aufrecht.

Stoner ist ein Roman über das Leben, über die Härten, die es mit sich bringt, ein Roman über das Leben an Universitäten und die Kämpfe, die da zu führen sind, einer über die Ehe und deren Schwierigkeiten und zuletzt ein Roman über die Liebe – gelebte und unlebbare.

Als William Stoner jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegen sehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder ein Gnadenstand noch eine Illusion war, vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.

John Williams ist ein sehr ruhiges, tiefes Buch gelungen, das einen nie loslässt, das trotz wenig Handlung packend ist, einen in eine Lebensgeschichte hineinnimmt und nicht mehr rauslässt. Man sieht William Stoner bildlich vor sich, wie er durch den Campus seiner Universität geht, man fühlt mit ihm, wenn er erlebt, was er erlebt. Man weiss nie, wieso er sich nicht wehrt, möchte ihm helfen, schaut trotzdem nur zu und muss weiter lesen, wie es endet. Stoner ist ein Buch über ein Leben mit vielen Tiefen, wenigen Höhen, man lebt es lesend mit – bis zum Ende.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen, das Leben und die Liebe. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
John Edward Williams
John Williams wurde 1922 in Texas geboren. Nach einem abgebrochenen Studium wurde er eher widerstrebend Mitglied des Army Air Corps. Während dieser Zeit entstand die Erstfassung seines ersten Romans, der später von einem kleinen Verlag publiziert wurde. Nach dem Kriegsende kehrte Williams zurück an die Uni und erlangte an der University of Denver seinen Master. An dieser Uni lehrte er auch von 1954 bis zu seiner Emeritierung 1985. John Williams veröffentlichte zwei Gedichtbände und vier Romane, von denen einer mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. Er starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.

WilliamsStonerAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. September 2013)
Übersetzung: Bernhard Robben
ISBN-Nr.: 978-3423280150
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Matthias Engels – Ein Buchhändler erzählt

Matthias Engels
denkerfotoMatthias Engels wurde 1975 in Goch geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Buchhändlerlehre und ist diesem Beruf seit da treu geblieben. Matthias Engels ist Autor von Romanen und Lyrik, zahlreiche Texte erschienen zudem in Anthologien und Zeitschriften, und er führt als Referent für Erwachsenenbildung Interessierte in die Inhalte der Literaturgeschichte ein.  Matthias Engels lebt mit seiner Familie in der westfälischen Pampa, wie er sich selber ausdrückt. Mehr über sein Tun findet sich unter http://dingfest.wordpress.com.

Matthias Engels hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zum Berufsbild des Buchhändlers in der heutigen Zeit und die damit einhergehenden Herausforderungen zu beantworten. Er zeichnet mit seinen ausführlichen Antworten ein realistisches Bild der heutigen Buchhandelslandschaft, schält die schwierigen Punkte heraus und zeigt gangbare Wege  für die Zukunft auf.

 

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Ich arbeite in Teilzeit in einer großen Universitätsbuchhandlung mit Vollsortiment. Das Geschäft befindet sich in zentraler Lage in Münster/Westfalen und bietet auf 5 Etagen zahlreiche Fachabteilungen.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

schardtporträt2Ehrlich gesagt ist die Entscheidung im Ausschlußverfahren zustande gekommen. Nach dem Abi und dem Zivildienst habe ich mir überlegt, welche Jobs ich mir NICHT für die nächsten 40 Jahre vorstellen konnte. Bei den Dingen, die mich interessierten, Kunst und Literatur, fielen mir wenig „vernünftige“ Jobs ein, die ein Auskommen versprachen. Ich las gern, Literatur faszinierte mich und insgeheim war auch der Wunsch nach dem eigenen Schreiben da-so kam ich auf den Buchhändler. Sicher ist es Heinrich Böll, Hermann Hesse und Wolfgang Borchert ähnlich gegangen, die ja alle zunächst eine Buchhandels-Lehre begonnen hatten. „Der Junge liest gern- steck` ihn in einen Buchladen.“
Ich lernte den Beruf nach einem anfänglichen Schock schon in meiner Ausbildung lieben. Zuerst sah ich mich als Kafka-Liebhaber vor Kleintier-Ratgebern und Landkarten, die ich verkaufen musste. Als ich mein erstes Schaufenster dekorieren durfte, wählte ich dafür ausschließlich Titel von Suhrkamp und Insel aus, die wir z.T. nur mit einem einzigen Exemplar vorrätig hatten. Die Chefin lächelte und ich merkte bald, dass der Buchhandel so nicht funktioniert. Wirklich schmackhaft wurde mein Beruf durch den Kontakt mit Menschen und die Auseinandersetzung mit dem Sortiment. Ich habe meine Ausbildung und die ersten Berufsjahre in einer kleinen Buchhandlung verbracht, in der ich bald vom Einkauf über das Bestellwesen bis zum Verkauf alles allein gemacht habe. Danach tingelte ich durch verschiedene Antiquariate und bin nun seit der Geburt meiner Kinder vor über 10 Jahren in Teilzeit bei einer großen  Kette beschäftigt, in der ich massgeblich für den Verkauf zuständig bin. Ich kenne also verschiedene Ausprägungen des Buchhandels.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Schwer zu sagen. Mit dem heutigen Wissen um die Schwierigkeiten, in denen der Beruf heute steckt, vielleicht eher nicht. Dennoch halte ich den Buchhändler, wenn er vernünftig ausgebildet ist und für den Beruf brennt, immer noch für den akademischsten aller unakademischen Berufe. In meinen Augen wird er heute zu Unrecht als beinahe überflüssige Bestellmaschine angesehen. Ich habe mittlerweile die für mich perfekte MIschung gefunden: Ich schreibe und veröffentliche selbst Bücher, lese immer noch manisch und kann meine Kenntnisse an einigen Tagen in der Woche durch Beratung und Verkauf an andere Leser weitergeben. Für mich persönlich ist der buchhändlerische Alltag immer noch spannend: der Zugang zu neuer Literatur, neuen Büchern, die unbegrenzte Informations- und Recherchemöglichkeit. Auch die Veränderungen in der Branche empfinde ich als Herausforderung. Was schwierig ist, ist der neu entstandene Druck und das deutlich herabgesetzte Ansehen meines Berufs.

Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?

Meine Liebe zu Büchern begann, rückblickend, eigentlich schon als Kind. Ich las nicht nur, ich bastelte eigene Bücher, Nachschlagewerke über Dinge, die mich damals interessierten. In Kladden klebte ich Bilder und schrieb dazu; mit etwa 15 kam ich darüber und über das Tagebuch-Schreiben zu kleinen Gedichten, die selbst illustrierte, heftete oder band.

Das Buch -und damit meinte ich die Einheit von Inhalt und Form- ist als Medium perfekt für den Transport unterschiedlichster Informationen. Es wurde schon so oft totgesagt und lebt noch immer, weil es kaum ein vergleichbar vielseitiges Medium gibt. Es kann die gesamte Bandbreite an Leserwünschen erfüllen -von der Unterhaltung bis zur Vermittlung von komplexem Wissen. Es ist mit seinen Bildern, Karten, Skizzen und den unendlichen Möglichkeiten des Satzes unglaublich variabel und war schon interaktiv, bevor es den Begriff überhaupt gab: Durch Unterstreichungen, handschriftliche Einträge und eingeklebte Zettel nimmt der Leser am Text teil und greift in ihn ein. Aus der Massenware Buch wird somit ein individuelles Objekt. Ein Buch kann so klein sein, dass es in der Tasche, eng am Körper, fast wie ein Teil davon transportiert werden kann und es kann so groß sein, dass es eigene Möbelstücke erfordert. Ein und derselbe Text kann in einer kleinen Form genauso funktionieren wie als riesige Ausgabe mit Bildern. Bücher können, wenn die Einheit von Form und Inhalt stimmt, zu einer Art Fetisch werden; einem Objekt, das unheimlich viel mehr in sich trägt als Buchstaben auf Papier.

 Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?

Das sind unglaublich viele und unterschiedliche. Mein Revier als Buchhhändler ist wohl am ehesten die gehobene Unterhaltung. Ich schätze Bücher, die handwerklich gut gemacht und flüssig zu lesen sind, deren Ambition dennoch höher liegt als nur zu unterhalten. Natürlich schätze ich einige moderne Klassiker und privat auch eine Art Geheim-Kanon, der im Handel praktisch nicht auftaucht. Was für mich gar nicht geht, sind Bücher ohne irgendeine Art von Humor.

 

Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Seit dem Auftauchen des Online-Handels wird das Sterben des Buchhandels prognostiziert. Trotzdem lebt er noch, denn mit diesem lediglich anderen Vertriebsweg ließ sich leben. Mit der Verbreitung des Internets in  weiteren Bevölkerungsgruppen als den sowieso schon Technik-Affinen kam aber eine andere Problematik dazu. Der Buchhändler ist nicht mehr alleiniger Hüter der Kataloge und die Bandbreite der Bezugsquellen UND Anbieter von Literatur nahm zu. Früher kam das Buch vom Verlag, der Buchhändler bestellte es dort oder über den Zwischenhändler -weder zu dem einen noch dem anderen hatte der Endkunde wirklich Zugriff. Heute kommt das Buch vielleicht von BOD oder einem kleineren Anbieter dieser Art, von einem Selfpublisher oder oder oder. Für den Käufer ist es ein Leichtes, sich im Internet das gewünschte Buch zu bestellen. Dank dem Internet ist es für jedermann möglich, in seinem Bereich zum Experten zu werden. Der Markt hat darauf reagiert und ist in den letzten Jahren mit einem Feuerwerk neuer Genres explodiert. Ein Buchhändler kann aber, bei aller Liebe, nicht Experte sein für sämtliche Schweden-Krimis, homoerotische Fantasy, Chick-Lit UND lesbische Vampirromane. Oft wird aber genau das vom Kunden erwartet. Während der Kunde selber in der Regel ein oder zwei Interessengebiete hat, über die er im Netz recherchiert, soll der Buchhändler in ALLEN fit sein, denn jeder Kunde hält seinen Geschmack (und das ist durchaus verständlich) für massgeblich und ist enttäuscht, wenn der Buchhändler SEIN Buch nicht kennt.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Unsere Buchhandlung hat als große Kette natürlich schon lange einen Online-Vertrieb, der mit seinen Lieferzeiten, Konditionen etc. Amazon in nichts nachsteht. Wir weisen darauf hin und bieten den kostenlosen Versand nach Hause an. Viel wichtiger ist aber in unserem Konzept die Beratung. Anders als andere Ketten setzen wir auf eine recht hohe personelle Besetzung, die fast ausschließlich aus gelernten Buchhändlern besteht. Weiterhin spezialisieren wir Verkäufer uns auf verschiedene Genres, um gewährleisten zu können, dass in aller Regel für jeden Kunden ein kompetenter Verkäufer anwesend ist. Da wir am gleichen Ort eine weitere Filiale mit etwas anderem Konzept haben, ist es in unserem Fall so, dass die Kunden die Wahl haben, ob sie eine gute Beschilderung zum Selbst-Finden der Ware oder eine persönliche Auskunft und eventuelle Beratung haben möchten. Bei aller selbstverständlichen Anpassung unseres Konzeptes an die neuen Gegebenheiten sind wir also im besten Sinne auch „old-school“ und setzen auf die ehemals geschätzten Qualitäten des Buchhandels: Kompetenz, Beratung und Betreuung.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Er muss, ganz vereinfacht gesprochen, den Spagat schaffen, sich einerseitsmit dem Verkauf von Bestsellern zu finanzieren, andererseits aber dennoch Qualität zu bieten. Das gilt übrigens auch für die Verlage. Der Leser, der eben nicht die Massenware möchte, darf nicht das Gefühl bekommen, er sei in einer Buchhandlung fehl am Platz oder unerwünscht. Das Prinzip der Mischkalkulation muss m.E. wieder ernster genommen werden. In unserem Laden bieten wir natürlich Dan Brown und Dora Heldt auf prominenten Plätzen an, führen aber auch Manesse-Bücher, ein großes Lyrik-Regal und Titel  von kleinen und Nischen-Verlagen. Des Weiteren muss der Buchhändler sich wieder das Vertrauen der Leser erarbeiten, wieder zum kompetenten Ratgeber werden, der mehr beherrscht als Algorithmen. Das heißt konkret: er muss auch abseits des Mainstreams bewegen und den Mut haben, diese Titel auch anzubieten, wenn sie in Frage kommen. Nur Bestseller kann auch Amazon empfehlen. Heute muss der Buchhändler weit über den Tellerrand des Vlbs hinausschauen und die vielfältigeren Recherchemöglichkeiten des Internets nutzen. Ein “Das gibt es aber nicht.“ sollte nur nach Ausschöpfen aller möglichen Quellen fallen. Kennt der Kunde Autor und Titel nicht, weiß aber, dass der Autor am Samstag in der Talkshow XY aufgetreten ist, muss der Händler auf der Seite des jeweiligen Senders nachsehen, wer es gewesen sein könnte. Qualitität im Programm und in der Beratung sind gefragt.

 Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Für den durchschnittlichen Kunden, der einen konkreten Buchwunsch hat, macht es vielleicht keinen Unterschied. Bei uns nennt er Autor und Titel und in aller Regel kann ich ihm das Buch persönlich in die Hand drücken und ihm einen schönen Tag wünschen. Meine Kolleginnen an der Kasse packen es ihm dann gerne als Geschenk ein und schenken ihm ein Lesezeichen oder ähnliches. Allerdings muss er dafür das Haus verlassen und – wenn er einen speziellen Lesegeschmack hat, ist es eher unwahrscheinlich, dass wir das Buch vorrätig haben. Ein solcher Kunde neigt wahrscheinlich direkt zur einfachen Variante des Online-Kaufens. Für den Kunden allerdings, der noch nicht so genau weiß, was er will, bietet unser Konzept einen mächtigen Vorteil, wie ich finde. Oft erlebe ich, dass Kunden nur eine vage Vorstellung haben, was sie gerne lesen würden, aber keine Ahnung, was dem entsprechen könnte. Sie haben vielleicht einen Lieblingsautor, aber alle dessen Bücher bereits gelesen. Die Algorithmen Amazons können da evtl. noch Bücher anzeigen, die von anderen Lesern dieses Autors gekauft wurden. Aber wenn unter diesen sehr unterschiedliche Querbeet-Leser waren, ist das wenig aussagekräftig. Wir können ihm durchaus sagen, wer dem Stil seines Lieblingsautors nahekommt oder wer ähnliche Themen behandelt. Für die allermeisten Titel, so möchte ich behaupten, kenne ich eine gute Ergänzung. Ob sie jetzt ähnlich oder eben komplett anders und daher interessant ist, sei mal dahingestellt. Viele Leser sind froh, wenn sie auf neue Autoren aufmerksam gemacht werden, die sie sonst nicht so schnell entdeckt hätten. Allerdings erfordert dies ein Aufeinander-Einlassen von Buchhändler und Kunde, das m.E. nicht mehr selbstverständlich ist.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Ein Stück weit gilt hier meine Antwort auf die Frage Nr. 4. Das E-book ist eine Darreichungsform des Textes. Es ist schnell verfügbar, leicht transportabel und hat somit durchaus seine Vorteile. Das gedruckte Buch geht m.E. weit darüber hinaus. Aber auch hier gilt: mit schlecht gemachten, billigen Büchern voller Druckfehler sticht man das ebook nicht aus. Billiger Druck auf billigem Papier und mit billigem Kleber aus China geleimte Bücher rechtfertigen nicht den Nimbus, den das Buch als Objekt einmal hatte. Für mich ist das Lesen eines E-books in etwa so, als schaue ich einen großen Kinofilm auf dem Laptop -ich kenne natürlich hinterher den Film, aber das Erlebnis ist ein anderes.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Generell versuchen wir alle Bücher, für die Nachfrage besteht, anzubieten. Wenn der Titel eines Selfpublishers für uns interessant sein sollte und er ist auf einem zumutbaren Weg zu besorgen-warum nicht? Allerdings würden wir keinem Titel hinterherjagen, der nirgendwo gelistet oder nur zu für den Laden unzumutbaren Konditionen zu beziehen ist. Ein gewisses Einhalten der Regeln muss gegeben bleiben. Die Fronten in diesem Konflikt haben sich ja sehr verändert. Früher galt der Verlag als Qualitätssicherung und wer keinen fand, konnte folglich nicht gut genug sein. Heute wiederum gilt es schon fast als Qualitätsmerkmal, NICHT in einem Verlag zu erscheinen. Die neuesten Plagiatsfälle rücken diese Euphorie schon wieder etwas gerade. Hier müssen sich die Verlage ein wenig an die Nase fassen und sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Es wird zu viel, zu schnell und zu günstig produziert. Lektorate etc. werden ausgelagert und eine umfassende Qualitätssicherung scheint oft nicht mehr gegeben zu sein. Die Profile der Verlage müssen wieder schärfer werden und ratsam wäre es eventuell, einfach mengenmäßig weniger und weniger austauschbare Bücher zu produzieren.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Das ist eine komplexe Frage und ich bin mir überhaupt nicht sicher, wer der eigentlich richtige Ansprechpartner wäre. Die einfache Wahrheit: Wer schlechte Arbeit macht, sollte Pleite gehen- greift hier meines Erachtens nicht. Die Größenverhältnisse und finanziellen Mittel innerhalb der Branche sind sehr unterschiedlich. Ein Stück weit fehlt die Aufklärung. Warum ist die Buchpreisbindung in Deutschland wichtig? Wie läuft das überhaupt mit dem Buchhandel und warum sind einige Titel schwierig zu bekommen und andere nur über Amazon? Viele Kunden denken heute noch, dass ich nur zu faul zum holen, bin, wenn ich sage, das Buch könne morgen da sein. Von allen Seiten: den Händlern selbst, den Verlagen, dem Börsenverein wäre ein Schritt hin zu, Kunden ratsam. Amazon und andere Anbieter kopieren zu wollen ist keine Lösung. In nicht allzu ferner Vergangenheit staunte ich bei der Pleite des Schlecker-Konzerns darüber, wie sehr sich Öffentlichkeit und Politik für die sog. Schlecker-Frauen engagierte. Bei einer insolventen Buchhandlung, der die Kunden zum Online-Anbieter weggelaufen sind, sagt man: „Pech gehabt-Trend verschlafen!“ Obwohl momentan eine leichte Dosis Amazon-Bashing Mode ist, gibt es zu viele Kunden, die sich im Laden ausführlich beraten lassen, um dann freudestrahlend zu danken und zu sagen: „Ich bestelle es gleich im Internet!“ Letztlich ist wohl eine Sensibilisierung des Kunden von Nöten, von welcher Seite auch immer.

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Mach es, es ist ein interessanter Job, der dir die Möglichkeit bietet, dir Wissen zu verschaffen und es weiterzugeben und der sich enorm entwickeln wird. Die nächsten Jahrzehnte werden Veränderungen bringen, an denen man teilnehmen und lernen kann. Such dir ein Spezialgebiet, auf dem du wirklich gut bist, engagiere dich. Erwarte aber keinen sicheren Job, in dem du 8 Stunden absitzen kannst. Lass dich auf Menschen ein und sei Dienstleister. Die ehemals hier und da vorgefundene Haltung, alleiniger Besitzer einer Art Geheimwissen zu sein, ist nicht mehr angemessen!

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ich möchte generell von Schwarzweißmalerei abraten. Es gibt, bei Verlage, Selfpublishern, Buchhandlungen und Buchhändlern immer gute und weniger gute. Nicht alles, was in einem Verlag erscheint, ist gut und nicht jeder Selfpublisher verzapft nur Schrott. Andersherum ist auch nicht zwingend jedes selbstverlegte Buch der große Wurf, wie es mittlerweile beinahe dargestellt wird, einfach nur, weil es KEIN Verlag haben wollte. Man kann von der Kleinstadtbuchhandlung nicht das Sortiment einer Uni-Buchhandlung erwarten, wenn man ein hoch spezialisierter Leser ist- wenn man aber eher Mainstream liest, gibt es eigentlich keinen Grund, seine Vorort-Buchhandlung, die vielleicht nur einmal um die Ecke liegt, zugunsten Amazons zu verlassen.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Gestern, morgen, nur nicht heute

Das Gestern ist nicht mehr, das Morgen noch nicht hier. Alles, was du hast, ist das Heute.

So oder so ähnlich lernt man es in der östlichen Philosophie. Wie manche Yogastunde habe ich eingeleitet mit dem Spruch. Wie viele Meditationen drehten sich um das Hier und Jetzt als einzig lebbare Zeit. Der Sinn ist klar, seine Wahrheit offensichtlich. Ich kann nicht widerrufen, was war, ich kann es auch nicht nochmals leben. Ich kann nicht vorwegnehmen, was noch nicht ist, ich kann es nicht mal wirklich wissen, nur ahnen, spekulieren. Alles, was ich habe, ist das Heute. Nur im Hier und Jetzt kann ich wirklich etwas tun. Klar hat dieses Hier und Jetzt Folgen, die in die Zukunft reichen und sollte drum bedacht sein. Klar erwächst es aus etwas, das mal war, fusst also auf der Vergangenheit. Aber jetzt ist immer nur jetzt, es ist alles, was ich habe.

Gehe ich dann weg von der Yogamatte und hinein ins Leben, sind da plötzlich all die Ziele, all die Wünsche, all die Hoffnungen und all die Prognosen. Ich ertappe mich dabei, zu denken, dass ich glücklich bin, wenn nur erst die Woche um ist. Ich male mir den Freitag Abend, das Wochenende aus. Ich denke, dass alles einfacher wird, wenn nur erst mal etwas nicht mehr ist oder etwas anderes erreicht. In den buntesten Farben erscheint mir das angestrebte Ziel. Der Mensch in unglücklicher Beziehung sehnt sich deren Ende herbei und sieht dann die Zeit für Glück und Freiheit, der einsame Single sieht sich am Ziel seiner Träume, wenn er endlich das passende Gegenüber hat, welches natürlich immer perfekt  und in allen Belangen ideal ausgemalt wird. Bis es soweit ist, darbt man dahin, suhlt sich im Unglück, weil noch nicht ist, was sein sollte. Man macht alles davon abhängig und vergisst das Heute, welches man als Wartegleis definiert. Warten auf bessere Zeiten.

Was, wenn die besseren Zeiten nie kommen? Man hätte das Heute vergebens geopfert. Man hätte all das Gute und Schöne verachtet, weil man nur auf das Eine, das noch nicht ist, ausgerichtet war. Man war so versteift auf diese eine ausschlaggebende Veränderung, die einem ganz spezifischen Bedürfnis erwuchs, dass man alles andere ignorierte und das Bedürfnis selber und dessen Glückstauglichkeit gar nicht in Frage stellte.

Was, wenn es käme und man wäre noch immer nicht glücklich? Was, wenn das Glück beim Erreichen des Gewollten zwar da wäre, aber schnell auch wieder weg? Das Leben auf der Wartebank. Warten auf Godot, welcher hier  synonym für Glück verwendet wird. Es wird nie kommen, wenn man es nicht einfach jetzt packt.

Morgen, morgen, nur nicht heute…

Ein alter Spruch und doch so aktuell. Man bedenkt dabei nie, dass es morgen zu spät sein könnte.

Lillemors Frauenbuchladen, München

laden2Lillemors wurde 1975 als erster deutscher Frauenbuchladen gegründet und ist auf Literatur für Frauen im Allgemeinen, Literatur weiblicher Autoren sowie Sachbücher mit frauenspezifischem Inhalt im Besonderen spezialisiert. Vor allem Bücher von kleinen Verlagen, welche sonst in der Stapelware untergehen, erhalten hier ihren grossen Auftritt. Lillemors Frauenbuchladen ist Buchhandlung und Kommunikationszentrum in einem; ein Treffpunkt für Frauen, wo frauenspezifische Themen lebendig werden, sei es durch die Präsentation der entsprechenden Bücher, welche sowohl vor Ort vorhanden sind und auch unkompliziert bestellt werden können, sei es im gegenseitigen Austausch aktueller Themen und Belange.

laden11987 wurde die Arbeit der Lillemors mit dem Münchner Förderpreis für Frauenforschung und Frauenkultur ausgezeichnet.

Neben all dem stellen bei Lillemors regelmässig Künstlerinnen ihre Werke aus und es werden Lesungen mit Autorinnen für ein kleines aber feines Publikum veranstaltet.

Bücherhund Gina*
Bücherhund Gina*

Porträt 
Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Lillemors Frauenbuchladen ist ein lebendiger Ort für Frauen, die sich für Literatur von Frauen interessieren. Hier finden sie Bücher von Autorinnen zu allen relevanten Themen der heutigen Zeit, also nicht nur „den schönen Roman“.

 Wieso braucht es eine Buchhandlung für Frauen?

Lillemors Frauenbuchladen war und ist eine bewusste Antwort auf das öffentliche Verschweigen weiblicher Lebenswirklichkeiten in Literatur, Kunst und Medien. Frauen sind weltweit die Mehrheit der Bevölkerung. Solange unsere Gleichheit nicht verwirklicht ist braucht es Feministinnen und auch Frauenbuchläden.

 Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Wir sind keine Buchhändler sondern Buchhändlerinnen!

Unser Weg zu Lillemors steht im engen Zusammenhang mit der neuen deutschen Frauenbewegung. Wir wollten und wollen aktiv Frauenpolitik mitgestalten, d.h. für uns, das Denken von Frauen via Buch sichtbar und zugänglich zu machen.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Selbstverständlich JA

  Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?

Ein Leben ohne Bücher können wir uns nicht vorstellen. Lesen ist Dünger für den Kopf. In unseren Elternhäusern wurde sehr viel gelesen.Daher stammt sicherlich die Liebe zu Büchern. Außerdem sind wir noch die Generation, die fast ohne Fernsehen etc. aufgewachsen ist und das Buch daher der Ausflug in die weite Welt, in die Gedanken anderer Menschen war.

 Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?

SchriftstellerInnen haben uns am meisten geprägt. U.A. Alice Schwarzer „der kleine Unterschied….“ Und Verena Stefan „Häutungen“ waren solche Schlüsselerlebnisse.

 Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Leider ist in den letzten Jahren das Interesse von Frauen an emanzipatorisch-wissenschaftlichen Texten sehr zurückgegangen. Dafür ist die sogenannte „Unterhaltungsliteratur“ in den Vordergrund gerückt. Wir führen nach wie vor feministisch-emazipatorische Bücher aber auch literarisch gute Unterhaltungsliteratur. In unserem online-katalog sind u.a. alle relevanten Feministischen Sachtitel gelistet, die per Warenkorb bestellt werden können.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Spürbar ist das selbstverständlich.
Dieser Tatsache können wir nur durch sehr gute persönliche Beratung, schnellsten Bestellservice sowie gezielte Auswahl unseres Sortiments entgegen treten. Als Bestell- und Versandbuchhandlung mit eigenen Katalog sowie Website im Internet sind wir gut aufgestellt.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Sehr gute Präsentation im Internet ist eines. Der Kundschaft besten Service bieten, auch wenn vieles nicht bezahlt wird. KundInnenbindung durch gute Beratung, Aufmerksamkeit, Und vor allem : Geht nicht gibt’s nicht!

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Die Kundin und der Kunde sprechen mit einer versierten Buchhändlerin. Das Gespräch ist oft das Wichtigste, um herauszufinden, was gewünscht wird. Bei uns wird Beratung sehr geschätzt und gewünscht.

 Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Beides hat in der heutigen Zeit seinen Platz. Wir sehen da keine Kontroverse

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Ja, warum nicht. Das kommt wie immer auf die Inhalte an.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Von der Politik erwarten wir, dass sie an der Buchpreisbindung festhält. Verlage könnten etwas großzügiger mit den Rabatten sein. Leserinnen sollen uns die Treue halten. Autorinnen sollen weiter so gute Bücher schreiben.
Unser Wunsch: Lillemors Frauenbuchladen soll noch lange bestehen.

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Ein toller Beruf ist das. Aber ohne gute Ausbildung schwer zu gestalten. Also: lesen und lernen.

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ein Aufruf an alle LeserInnen und Leser: Leute, kauft Eure Bücher bei eurer Buchhandlung vor Ort. Redet und fragt, lasst Euch beraten, damit nicht nur der Mainstream eine Chance hat. Bestellen könne Ihr auch bei jeder Buchhandlung und die ist meist schneller als Amazon u.a.

 Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Glockenbach Buchhandlung
Petra Schulz
Hans-Sachs-Str. 11
80469 München
www.glockenbachbuchhandlung.de

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview und den Einblick in Lillemors Frauenbuchhandlung.

Schriftzug
@Heike Bogenberger
Andrea Gollbach*
Andrea Gollbach*

Eckdaten:
Lillemors Frauenbuchladen GmbH
Andrea Gollbach
Uschi Neubauer
Barerstrasse 70
80799 München
Tel: +49 (0)89 272 12 05

E-Mail: lillemors@frauenliteratur.de
Web: http://www.frauenliteratur.com

Uschi Neubauer*
Uschi Neubauer*

Öffnungszeiten:
Montag-Freitag: 10.00 – 19.00
Samstag: 10.00 – 14.00

*Bilder ©Heike Bogenberger

Ein Engel auf Erden

Und als sie so da sass, erschien  ihr plötzlich ein Engel und sagte ihr, er sei hier, um sie zu holen. Sie schaute ihn ungläubig an, konnte zwar hören, was er sagte, verstehen, was er meinte, aber nicht glauben, dass es real sei.

„Was meinst du damit: Mich holen?“

Der Engel blickte sie an und sagte: „Du wolltest doch hier weg. Also komm mit mir, ich hole dich hier raus und bringe dich an einen schöneren Ort.“

Sie überlegte kurz. Er hatte recht, es gab nichts, was sie lieber wollte als raus. Raus aus all den Mauern, raus aus all den Zwängen, den Ängsten und raus aus all den Nöten. Aber sollte es wirklich möglich sein, dies alles hinter sich zu lassen? Gab es eine Welt, in der diese Mauern, Zwänge, Ängste und Nöte nicht mehr da wären? Eine Welt, die besser wäre als die, welche sie kannte? Sie hatte in der Vergangenheit Stück für Stück den Glauben an eine solche Möglichkeit verloren.

„Wo bringst du mich hin? Was wird mich da erwarten? Ist das nicht alles ein Luftschloss und am Schluss sitze ich einfach an einem anderen Ort und alles ist genau gleich, wie es hier auch war? Vielleicht noch schlimmer?“

Der Engel schaute sie traurig an: „Du musst mir schon vertrauen. Ich weiss, was du willst und ich will es dir ermöglichen. Ich will, dass du glücklich bist, endlich leben kannst, was du leben willst. Ich möchte, dass du frei bist und ich werde dir diese Freiheit schenken. Weit ab von all den Mauern, Zwängen, Ängsten und Nöten.

Sie schaute ihn staunend an. Woher kannte er ihre Gedanken? Woher wusste er, was sie hier und jetzt als  so ermüdend, so zermürbend, so niederschlagend empfand?

„Du fragst dich wohl, wieso ich weiss, was in dir vorgeht, wieso ich deine Gedanken kenne. Ich kann fühlen, was du fühlst und ich weiss, was du willst. Darum weiss ich auch, dass der Ort, an den ich dich bringen will, dir das bringst, was du dir wünschst.“

Sie hatte nun genau zwei Chancen. Sie konnte bleiben, wo sie war. Zwar war sie nicht glücklich und wollte eigentlich weg, hatte aber bislang nie gedacht, dass es einen Weg gäbe und dass er gangbar wäre. Sie hatte sich fast schon damit abgefunden, dass dies ihr Leben sein würde, kein glückliches, aber ein vorhersehbares – mit seinen Nöten, Zwängen und allen Mauern. Trotzdem war es das, was sie kannte und diese Kenntnis verlieh diesem Leben ein Stück Sicherheit. Die andere Möglichkeit war, sie packte die Hand des Engels, vertraute auf ihn und liesse sich leiten.

Und da sitzt sie noch heute und weiss nicht, was sie machen soll. Mittlerweile fiel dem Engel der Arm ab vom ewigen ausstrecken, die Stimme wurde heiser, vom ständigen überzeugen wollen und sie hatte Kopfweh vom Abwägen der Argumente dafür und dagegen. Ein Happy End sähe wohl anders aus, aber das ist schliesslich die Realität.

Milena Moser – Nachgefragt

MoserMilena Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

Milena Moser beantwortete mir Fragen über ihre Schreibanfänge und ihren Schreiballtag; sie will  Mut machen, indem sie zeigt, dass auch ein Profi mal kämpft, mal einen schlechten Tag hat. Wichtig ist, so Milena Moser: weiter schreiben.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich heisse Milena Moser und bin Schriftstellerin. Meine Biographie findet man einfach im Netz, wenn man an Orten und Jahreszahlen interessiert ist.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe angefangen zu schreiben, als ich lesen lernte, oder schon vorher. Mit ungefähr drei soll ich gefragt haben, wie man Preiselbeere buchstabiere. Ich habe Kreise und Striche auf ein Blatt Papier gemalt um die Geschichte einer fleissigen Erdbeere aus einem Kinderbüchlein, die mir nicht gefallen hat, umzuschreiben. Lesen und Schreiben sind bei mir sehr eng miteinander verknüpft.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

By doing. Ich hätte mir damals gewünscht, es gäbe für angehende Schriftsteller dasselbe Angebot wie für bildende Künstler.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich lasse mich von den Figuren leiten, die irgendwann in meinem Kopf auftauchen, sich dort breit und breiter machen bis ich sie nicht mehr ignorieren kann. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo sie mich hinführen, das macht den Prozess für mich so spannend. Natürlich schreibe ich den ersten Entwurf drei bis fünf Mal um.

Wann und wo schreiben Sie?

Wann und wo ich kann. Am liebsten morgens gleich nach dem Aufstehen aber ich richte mir das Leben nicht konsequent genug dafür ein und schreibe deshalb sehr oft im Zug.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Haha! Gute Frage. Sie beschäftigt mich seit zwei oder drei Jahren.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Das kann ich nicht so analysieren, das ist einfach mein Leben. Ich bin jemand, der schreibt. Die Hochs und Tiefs meines Lebens sind unauflösbar mit dem Schreiben verbunden – oder umgekehrt.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe grosses Glück, mich bei Nagel und Kimche endlich gut betreut und zuhause zu fühlen. Allgemein beklage ich mangelnden Mut, mangelnde Risikobereitschaft, mangelnde Freude am Buch. Stattdessen beherrscht die Angst den Betrieb. Man geht den sichersten Weg, den der Lizenzausgaben. Ich würde heute ebensowenig einen Verlag finden wie vor 23 Jahren.

Sie wohnen in der Schweiz, einem kleinen Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Damit beschäftige ich mich überhaupt nicht, mich interessiert das Schreiben an sich, das Gelesenwerden freut mich, aber meine Stellung????

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich weiss nicht. Mein Kopf ist einfach immer voll.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Milena Moser steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich zitiere die amerikanische Autorin Pam Houston: „Exakt 78%!“

Ihre Bücher handeln oft von Brüchen im Leben. Hauptsächlich Frauen brechen aus der gewohnten Umgebung aus, stellen sich vielleicht auch gegen das gesellschaftlich akzeptierte Leben. Was reizt sie an diesen Lebensumbrüchen?

Gerade, gefreute Leben sind angenehm zu leben, aber schwer zu erzählen.

Sie betreiben einen Blog, schreiben eine Kolumne. Was treibt sie an, sich auf so vielen Kanälen schreibend zu betätigen? Welchen Stellenwert hat der Blog für sie? Öffentliches Tagebuch, Einblick für die Leser in das Leben und Denken Milena Mosers oder die pure Schreiblust, die befriedigt sein will?

Der Blog – der momentan still liegt – war ursprünglich für die Teilnehmer meiner Kurse gedacht. Ich wollte ihnen die Möglichkeit geben, die Entstehung eines Buches von der ersten Idee bis zur letzten Überarbeitung mitzuverfolgen. Damit wollte ich vor allem Mut machen, die Leser sollten sehen: Ach, die hat ja auch ein totales Puff/zuwenig Zeit/das Gefühl, sie schreibe nur Schrott ….. Das ist also kein Grund, alles hinzuschmeissen!

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Nur der politische Autor. Andererseits ist ja auch das Private politisch.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss mich packen und nicht mehr loslassen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

In der Jugend waren es vor allem die alten Franzosen, die Surrealisten, die Dadaisten, die Oulipisten und die Pataphysiker. Die machen mir bis heute gute Laune und Mut zum eigenen, zum bisher ungeschriebenen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben, schreiben, schreiben, schreiben, schreiben.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Hinter Mauern

Fühlte ich mich nur nicht geliebt, weil ich dachte, nicht liebenswert zu sein? Dachte ich, du wendest dich von mir ab, weil ich dachte, es sei unmöglich, dass man sich mir voll und ganz zuwenden kann? Sah ich mich selber als schlecht und verstand drum nicht, wie du mich gut finden könntest?

Ich sitze hinter Mauern und sehe nur grau. Ich möchte hinüber, doch es gibt keine Leiter. Ich möchte hindurch, aber es fehlt eine Lücke. Es ist diese Mauer, die mich immer und immer blockiert. Ich stehe davor und sehe kein Ende, denn drehe ich mich, wäre sie auch da. Sie geht rundherum und ich habe sie gebaut. Ich suchte den Schutz und bildete ein Gefängnis. Nun sitze ich drin und fühle mich nicht sicher, sondern klein und ohnmächtig.

Ich könnte sie einreissen, doch mir fehlt die Kraft. Ich könnte Löcher hineinaschlagen, finde aber kein Werkzeug. In mir wächst der Unmut und Wut macht sich breit. Trauer umspült mich und Einsamkeit frisst mich auf. Ich suche nach Mitteln und suche nach Wegen. Ich möchte hier raus und suche die Welt. Und wenn ich ein Licht sehe, will ich ihm folgen. Ich stürze mich drauf und gehe ihm nach. Ich suche nach Werkzeug, will den Mauern entfliehen. Und dann finde ich es. Der Ausweg scheint nah.

Dann frage ich mich, was wohl hinter der Mauer ist und wie es sich anfühlt. Ich denke an alles, was war und nie mehr sein sollte. Ich sehe Gefahren und male sie aus. Sie sind in meinem Kopf und nehmen allen Raum ein. Sie weiten sich aus und sprengen mich fast. Die Angst wächst heran, meine Kraft geht dahin. Der Weg scheint unbegehbar, das  Werkzeug untauglich. Ich lege es weg und setze mich hin. Die Gefahr ist gebannt.

©Rainer Bald
©Rainer Bald

Für kurze Zeit fühle ich mich sicher und gut. Aufgehoben in meinen Mauern, gebildet als Schutz vor allem, was mich erwarten könnte, brächen sie ein. Als Schutz vor all den Schmerzen, die ich schon erfahren habe und nie mehr erleben möchte. Langsam kehrt Ruhe ein, das Leben ist so, wie ich es mag. Das Leben ist ruhig und ich kenne meinen Platz. Und ich sitze da und starre auf die Mauern. Und sie kommen näher und näher, bald drohen sie, mich zu erdrücken. Und ich fühle mich wieder eingeengt und ungeliebt. Niemand hat Platz in diesen Mauern, ich bin ganz alleine. Niemand kann mich lieben.  Niemand tut mir weh, niemand kann mir was anhaben. Nur ich mir selber. Und ich tue es durch diese Mauer.

Milena Moser: Das wahre Leben

Was vom Leben bleibt, wenn man die Masken ablegt

Eine Siedlung in Zürich Seebach, ein Projekt des Miteinanders. Hier treffen problematische Jugendliche auf die an MS erkrankte Yogalehrerin Nevada, zu ihnen stösst Erika Keiner, eine sich als nichts und nichtig empfindende Frau aus gutem Hause, dem sie gerade den Rücken gekehrt hat, um ihr eigenes Leben zu finden.

Man kannte Max und Erika als eingespieltes Paar, das reibungslos funktionierte. Jeder Seitenblick sass, jede Berührung, jede halblaute Bemerkung. Es war gar nicht unbedingt so, dass diese Intimität, diese Vertrautheit gespielt war, es war mehr so, dass sie sich nur in Gesellschaft an sie erinnerten. Erika dachte, dass sie schuld sei an dieser Entfremdung.
Sie fühlte sich nicht geliebt, weil sie nicht liebenswert war. Das musste es sein.

Doch Erika verlässt nicht nur Max – wobei sie nicht mal sicher weiss, ob sie ihn wirklich verlassen kann oder nur, wie er sagt, eine Auszeit nimmt –, sie verlässt auch Suleika, ihre Tochter, für die sie sich insgeheim schämt, zu der sie keinen Zugang mehr findet, weil diese ihn vielleicht nicht will und sich unter Fettschichten davor schützt.

Auch Nevada sucht ihr eigenes Leben, eine Möglichkeit, mit den ständig stärker werdenden Schmerzen umzugehen. Als sie sich in einem Projekt mit schwierigen Jugendlichen wiederfindet, merkt sie, dass sie nicht alleine steht mit ihrer Behinderung, dass nicht alle anderen gesund waren, nur sie krank.

Nevada hatte verstanden, dass, in unterschiedlichem Ausmass, jeder versehrt war. Den einen war es bewusst, den anderen nicht. Die einen litten darunter, die anderen merkten es nicht. Die einen kämpften dagegen an, die anderen liessen es laufen.

Das wahre Leben ist ein modernes Märchen über die Schwierigkeiten des Lebens und die wundersamen Heilkräfte, die es ertragbarer machen. Es ist ein Märchen, das von Menschen handelt, die kein alltägliches Leben führen, in denen man sich aber trotzdem wiedererkennt, weil sie mit denselben Ängsten und Gefühlen zu kämpfen haben, wie man selber. Es ist ein Märchen des möglichen Miteinanders in Siedlungen, in dem jeder seinen Platz hat und jedem geholfen wird, weil alle hinschauen und helfen wollen. Es ist ein Märchen von Menschen, die ihre Fehler haben und lernen, dass Fehler zum Menschsein dazugehört. Die Menschen sehen in Zürich Seebach, dass sie, wenn sie sich ihren Schwächen stellen, ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und damit glücklich sein können. Das Leben ist nachher nicht rosarot und ohne Probleme, aber es ist ein „wahres Leben“, das sich durch diese Wahrheit gut anfühlt.

Das wahre Leben erzählt eine Geschichte, bei der man sich beim Lesen wünscht, dass sie kein Märchen sei, sondern Realität. Man möchte die Koffer packen und in dieses Zürich Seebach ziehen, im Kopf hat man es lesenderweise bereits getan. Milena Moser ist ein Buch gelungen, das man nicht mehr aus der Hand legen mag, weil man tief und tiefer in die Geschichte eintauchen will. Es ist ein Buch, das man aber doch immer wieder beiseite legt, damit die Geschichte nicht zu schnell endet. Die Liebe, mit der Milena Moser ihre Figuren zeichnet, die feinfühlige Art, mit der sie aus deren Leben erzählt, lassen vor den Augen des Lesers eine Welt entstehen, die sich real anfühlt. Man ist geneigt zu sagen, dass hier eine Autorin zugange war, die ihr Handwerk versteht, die es vermag, Märchen zumindest für eine kurze Zeit real erscheinen zu lassen.

Fazit:
Ein einnehmender, feinfühliger Roman, in den man eintaucht und nicht mehr auftauchen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Milena Moser
Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

MoserLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3312005765
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90
Erhältlich bei jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH.

 

 

Zoë Beck – Nachgefragt

©Victoria Tomaschko
©Victoria Tomaschko

Zoë Beck
Schon mit 3 Jahren begann die 1975 geborene Zoë Beck Klavier zu spielen, hatte mit ihrem Spiel Auftritte und gewann Auszeichnungen bei Wettbewerben. Nach dem Abitur folgte das Studium der deutschen und englischen Literaturwissenschaft, welches mit einer Magisterarbeit zu Elisabeth George abgeschlossen wurde. Nach dem Studium arbeitete Zoë Beck als Lektorin, TV-Producerin, Dramaturgin und Autorin in verschiedenen Bereichen. Zoë Beck lebt als freie Autorin, Übersetzerin und Redakteurin in Berlin. Von Zoë Beck erschienen ist unter anderem Wenn es dämmert (2008), Das alte Kind (2010), Der frühe Tod (2011), Das zerbrochene Fenster (2012).

Zoë Beck gewährt mit ihren Antworten einen spontanen und sehr authentischen Einblick in ihren Schreiballtag und die (Hinter-)Gründe, wieso sie tut, was sie tut.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich heiße Zoë Beck und wurde 1975 irgendwo in Mittelhessen geboren. Damals kannte man mich noch unter einem anderen Namen. Mit drei warf ich mich ans Klavier, mit fünf wäre ich am liebsten ausgewandert, und irgendwann bin ich dort auch weg, allerdings im Zickzack und ohne festes Ziel. Ich habe Literatur studiert, am Theater, beim Film, in Verlagen, beim Radio und für Zeitungen gearbeitet, und jetzt schreibe ich Bücher.

Ist Zoë Beck Ihr Pseudonym? Wenn ja, was hat sie dazu bewegt, eines anzunehmen?

Das ist mein Name. Ich habe noch ein geschlossenes Pseudonym, zu eben diesem Zweck – dass es geschlossen bleibt und niemand weiß, wer dahintersteckt. Aber Zoë, das bin ich. Ich habe damals einen anderen Namen angenommen, weil ich beispielsweise den ursprünglichen noch nie wirklich mochte und mich irgendwie auch mit diesem Namen in einem Kontext sah, in dem künstlerisches Schaffen weder gewünscht noch gewürdigt wurde. Außerdem wollte ich etwas anderes als zuvor schreiben, da brauchte ich einen Neustart. Auf vielen Gebieten. Hinzu kam, dass die Entscheidung in einen Zeitraum fiel, in dem ich sehr krank war und nicht wusste, wie es weitergehen würde. Zoë heißt übrigens Leben. Das passte dann irgendwie alles.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Nein, ich wollte nicht Schriftstellerin werden. Pianistin, ja, aber sonst wäre mir nicht so viel eingefallen. Es war eher Zufall. Eine Freundin arbeitete für eine Literaturagentur und fragte mich, ob ich nicht mal ein Buch schreiben wollte. Ich hatte zu der Zeit viel Erfahrung im Bereich Stoffentwicklung, Dramaturgie, Drehbuch und hätte nie gedacht, dass es funktioniert. Aber ein paar Wochen später war meine Leseprobe fertig, und ich bekam einen Vertrag über drei Bücher.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich lerne immer noch. Es ist vor allem Handwerk. Wie beim Klavierspielen. Wie bei den meisten anderen Berufen. Es heißt ja immer: Bis zu einem gewissen Grad kann man alles lernen, der Rest ist Begabung oder Talent. Die einen lernen es nie, die anderen sehr schnell. An der Uni hatte ich Creative Writing-Kurse, aber weniger, weil ich damals schon vorgehabt hätte zu schreiben, sondern wirklich einfach so. Klang gut, fand ich, und der Kurs lag zu einer bequemen Zeit, außerdem war die Frau, die es unterrichtete, nett. Als ich beim Film war, habe ich oft Drehbuchkurse belegt, aber auch das nicht, weil ich Schreiben lernen wollte, sondern um mich zu informieren, schließlich sollte ich Stoffe entwickeln und Drehbücher bearbeiten. Ich fand, da sollte ich auch ein wenig mehr darüber wissen, wie ein Drehbuch überhaupt geschrieben wird. Ich glaube, durch die praktische Arbeit an Filmstoffen, durch die Arbeit am Theater, durch viel Lesen habe ich eine Menge gelernt, und ich lerne wie gesagt immer noch.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Vorbereitung ist sehr wichtig. Recherche, Notizen, eine Outline schreiben – sehr, sehr wichtig. Natürlich ändert sich dann beim Schreiben immer noch etwas, manchmal sogar die ganze Geschichte. Aber ich muss wissen, was ich erzählen will. Wessen Geschichte ist es, und warum soll ich sie erzählen?

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe meist zu Hause, wobei das „zu Hause“ nicht mein eingetragener Wohnsitz sein muss. Manchmal miete ich mich für ein paar Wochen oder Monate wo ein. Im Café oder so kann ich nicht schreiben. Ich bin Nachtarbeiterin. Da kann ich am besten denken. Und ich muss allein sein.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein, Feierabend, Ferien, nein. Phasen, in denen ich was anderes mache, ja. Aber abschalten? Wovon denn?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Oh, das ist aber eine schwierige Frage. Autorin sein ist eine Freude und ein Kampf und Glückssache und vor allem ein Knochenjob. Das will natürlich jetzt wieder keiner hören. Ist aber so, jedenfalls, wenn man es ernst nimmt. Sich ständig selbst hinterfragen, ständig am Stil arbeiten, ständig bewusstmachen, in welchem – auch und besonders gesellschaftlichen – Bezugssystem man steht, was man ausdrücken will. Ich schreibe ja nicht aus dem luftleeren Raum oder für ein ideelles Vakuum. Kämpfen muss ich jeden Tag an allen Fronten: gegen die eigene Nachlässigkeit oder Faulheit, gegen alles, was mich runterzieht und dazu bringen könnte zu sagen: ich schmeiß den Kram einfach hin, gegen Gemecker von Leuten, die es lieber hätten, dass ich mehr/weniger Blut/Sex/Gewalt/Leichen reinschreibe, gegen Vorwürfe, ich sei zu politisch/zu feministisch/zu lakonisch oder von allem einfach zu wenig. Der größte Kampf ist es, auf meinem Weg zu bleiben. (Oder ihn zu finden?) Die Freude, damit das nicht vergessen geht: die Freiheit, das zu tun, was mir Spaß macht.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ entsteht eine Geschichte wohl nicht, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Aber dann hat es vorher schon lange in einem gearbeitet … Drei Dinge finde ich wichtig: Welche Figur will ich erzählen, welches Thema hat sie, und wo geschieht es? Von dort ausgehend entwickle ich die Geschichte. Was sich manchmal in der Tat „plötzlich“ ergibt ist, dass man weiß: Dies ist der richtige Ort, an dem die Geschichte stattfindet. Oder: Jetzt weiß ich endlich mehr über meine Figur. Nur so als Beispiele.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Da kann jede nur für sich selbst sprechen. Ich persönlich schätze die Zusammenarbeit mit einem Verlag/einem Team sehr. Aber warum soll nicht jemand sagen: Ich hab meine eigene Lektorin, jemanden fürs Cover, etc. etc., also probiere ich es jetzt selbst. Der Publikationsweg sagt nicht zwingend aus, ob eine Geschichte gut oder nicht gut ist. Es gibt in beiden Bereichen entsetzlich schlechte Geschichten. Und richtig gute. Da müsste man eher mal definieren, was nun eine gute Geschichte ausmacht. Ich muss allerdings sagen, dass für mich ein ordentliches Lektorat und Korrektorat dazugehört. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik finde ich den LeserInnen gegenüber zumindest höflich. Eine funktionierende Dramaturgie tut jeder Geschichte gut. Am Stil zu arbeiten ist auch nicht verkehrt. Für vieles davon kann ein Verlag sorgen. Oder man sucht sich Menschen, die einem dabei helfen, die nicht verlagsgebunden sind.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ja, viele Figuren haben irgendeinen Teil von mir oder von Menschen, die ich kenne.

Sie haben 2012 den von der Autorenvereinigung DeLiA zum besten Liebesroman gekürten Roman Für immer und ledig geschrieben, hauptsächlich liest man von Ihnen aber Krimis. Wieso Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Nein, das ist wahrscheinlich auch so ein Klischee wie der Gedanke, dass alles irgendwie autobiographisch und damit sozusagen selbst erlebt sein muss. Ich schreibe schon über Themen, die mich beschäftigen, und bringe sie in Geschichtenform. Was das „Böse“ angeht, gibt es doch im wahren Leben um einen herum genug „Böses“, das eben nicht unterdrückt wird, so dass man es im Roman oder in einer Kurzgeschichte verarbeiten kann. Man müsste auch erst einmal das „Böse“ definieren. Da denke ich immer an Stephen King und so, und der schreibt ja keine Krimis. Oder ist damit das „Böse“ gemeint, das den Serienkiller dazu bringt, ein Serienkiller zu sein? Das wäre dann ein psychologischer Ansatz … Hm. Für meine Geschichten eignen sich da eher gesellschaftliche Schieflagen, Ungerechtigkeiten, Ungeheuerlichkeiten, Missstände. Die sind mir böse genug.

Sie spielen Klavier (sogar mit Auszeichnungen), haben studiert (als Stipendiatin), schreiben Drehbücher, sind als Filmproduzentin tätig, übersetzen, schreiben selber Kurzgeschichten, Krimis, Thriller – gibt es etwas, das sie nicht können oder gelingt einfach alles, was sie anpacken? Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Mir gelingt eine ganze Menge nicht. Deshalb konzentriere ich mich lieber ausführlich auf das, was halbwegs klappt J Ich langweile mich nicht gerne, und ich habe keine zeitaufwändigen Hobbys. Ich mache einfach den ganzen Tag das, was ich gerne mache.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut geschrieben sein.

Sie haben Ihre Magisterarbeit über Elisabeth George geschrieben. War es schwierig, die Professoren von einer Krimiautorin zu überzeugen? Wieso gerade Elisabeth George?

Der Professor hatte Kriminalliteratur als Forschungsgebiet, von daher war es eher umgekehrt – er hat mich an das Thema herangeführt. Elizabeth George bot sich damals an, sie stand durch ihre Verbindung von Krimi einerseits und Adeligensoap andererseits in einer bestimmten Tradition, die sie weiterentwickelt hat. Sich diesen Weg anzusehen, fand ich interessant: Was hat sich getan auf dem Weg vom einsamen Detektiv hin zum Ermittlerteam mit den ganzen privaten Problemen? Das war das Thema meiner Arbeit. Klingt heute schon wieder schrecklich überholt.

Gibt es sonst Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Elizabeth George lese ich gar nicht mehr. J Irgendwo gibt es Listen von mir, für die ich meine fünf, sieben, zehn Lieblingsirgendwas nennen sollte. Aber das ändert sich ja über die Jahre. Was gut ist. Sonst würde man ja irgendwo stehenbleiben.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Lesen, lesen, lesen.

Lesen. Aber auf keinen Fall Bücher, bei denen man denkt: Das kann ich aber auch. Sondern nur Bücher, bei denen man denkt: Verdammt, das schaff ich nie, so gut zu schreiben.

Immer misstrauisch sich selbst gegenüber bleiben. Nicht alles, was man formuliert und erdacht hat, ist es wert, veröffentlicht zu werden. Es gibt Mülleimer. Die sollte man nutzen.

Am Stil arbeiten. Und zwar am eigenen. Es dauert eine Weile, ihn zu finden. Er versteckt sich gern hinter dem, was viele Menschen irrigerweise für guten Stil halten. (Elmore Leonard hatte ein paar gute Tipps, übrigens.)

Jeden Tag üben.

Ich bedanke mich für dieses Interview!

Firmen fressen ihre Mitarbeiter

Schon wieder ein Selbstmord in Kaderkreisen. Gibt es sie im Kader mehr als unten oder sind die unten einfach nicht Thema in der grossen Öffentlichkeit? Wäre er nicht in Kaderkreisen, wäre er untergegangen. Wenn sich die schon umbringen, die ganz oben sitzen, dafür oft auch berufliche Gründe angeben, wie muss es weiter unten ausschauen? Sieht man die Geschäftspolitik vieler (vor allem grosser) Firmen an, wundert einen nichts mehr. Der Obere hackt auf den Unteren. Wieso? Weil er es kann. Und weil es ihm helfen kann. Macht der Untere nicht mit, ist das kein Problem, es gibt genügend, die auf die Stelle warten. Das wird sogar offen so kommuniziert.

Wo bleibt da der Mensch?

Grosse Firmen haben Vorgaben. Die, welche ganz oben steht ist: Gewinnmaximierung. Das Problem bei derselben ist, dass sie zum Selbstläufer wird, der dem Goetheschen Besen des Zauberlehrlings gleicht.

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

War man gestern im Plus, muss man heute im höheren Plus sein. War das Plus heute höher, muss es morgen noch mehr steigen. Um das zu erreichen, ist jedes Mittel recht, man geht – möchte man heute sagen – über Leichen. Wortwörtlich, wie es scheint. Die Ausrede, sie seien aus freien Stücken gegangen, greift nicht wirklich.

Wo bleibt der Mensch?

Der Profit ist das eine, die Karriere der Oberen ist das andere. Einmal Blut geleckt, will man mehr. Ist man erst mal in der ersten Managerstufe, will man die nächste erklimmen. Man weiss, dass das umso besser geht, wenn man die Vorgaben der Firma erfüllt, skrupellos, knallhart. Man hält sich an Zahlen, opfert dafür Menschen. Man sieht sich selber als Opfer des Systems, man kann ja nicht anders, denn täte man es nicht selber, täte es ein anderer und der hätte dann den Stuhl, den man gerne selber hätte. Also macht man weiter. Vielleicht hat man sogar noch diese leise Stimme im Ohr, die sagt, dass das alles falsch ist. Doch schliesslich sitzt auch einer über einem, der genau dasselbe mit einem macht, tut man nicht, was er will. Und er will eben auch dasselbe. Weiterkommen um jeden Preis.

Das Perpetuum Mobile von Macht, Gewalt, Unterdrückung, Leid.  Es existiert immer und überall, es ist akzeptiert, weil es der anerkannte Weg der Karriere ist. Wer diese macht, ist angesehen, wer aussteigt, wird belacht. Wer hoch und höher steigt, sonnt sich im Ruhm, wer gleich bleibt oder gar absteigt, gehört nicht mehr dazu.

Wo bleibt der Mensch?

Um Menschen geht es dabei schon lange nicht mehr. So lange, bis man selber an dem Punkt steht und sich fragt: Was tue ich hier? Was muss ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Was kann ich noch ertragen? Und irgendwann lautet die Antwort: Ich kann nicht mehr. Nichts.

Valeska Réon – Nachgefragt

ReonValeskaValeska Réon kommt 1962im Rheinland zur Welt und wächst in einer Hippie-Kommune in Renesse (NL) auf. Nach dem Abitur beginnt sie eine Friseurlehre und arbeitet als Model. Sie schreibt drei erfolgreiche Ratgeber und wendet sich dann der Belletristik zu. Neben ihrer Schriftstellerei arbeitet Michaela Marwich, wie sie im realen Leben heisst, als Privatdetektivin und ist als Vortragsrednerin im deutschsprachigen Raum unterwegs. Von ihr erschienen sind unter anderem unter dem Pseudonym Ela M. Das kleine Grüne (1997), Nie mehr wieder – oder doch? Der Mann, das unbekannte Wesen (1998) und als Valeska Réeon Blumen für ein Chamäleon (2012), Das falsche Spiegelbild (2013).

Valeska Réon hat mir einige Fragen beantwortet und damit persönliche und nachdenkliche Einblicke in die verschiedenen Facetten ihres bunten Lebens gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine echt gute Frage, die ich an manchen Tagen selbst kaum beantworten kann, weil so viele Persönlichkeiten in mir schlummern. Das Chamäleon im Buchtitel beschreibt mich besser als jedes Adjektiv es könnte. Beste Freundin, Kumpel, Diva, Fashion-Süchtige und beste Ratgeberin für gute Freunde – alles Dinge, die ich mit leichter Hand bewerkstellige.

Sie schreiben unter Pseudonym, wieso haben Sie sich dazu entschlossen? Wie kam es zu diesem Pseudonym?

Wenn man hier in Deutschland Sachbücher geschrieben hat, nehmen die Verlage einen nicht mehr allzu gerne als Roman-Autorin. Und so habe ich mir den Namen gegeben, den ich als Kind schon so gerne gehabt hätte. Viele sind enttäuscht wenn sie hören, dass es nicht mein eigentlicher Name ist – und bestehen darauf, mich weiterhin Valeska zu nennen. Witzig!

Sie haben mit Blumen für ein Chamäleon Ihre Lebensgeschichte in einen Roman verpackt. Wieso war es Ihnen wichtig, diese Geschichte zu erzählen?

Es war mir gar nicht bewusst, wie wichtig es tatsächlich war. Aber nachdem ich dann die Resonanz der Leser gesehen habe, wusste ich, dass es das Beste war, was ich machen konnte. Und wenn es dann auch noch ins Kino kommen sollte, erreicht es noch mehr Leute und kann die von mir immer propagierte „Freude am Mut“ in die Welt hinaus tragen. Als Film wird es übrigens Transmorphose heißen.

Wie präsent ist Ihre Vergangenheit heute noch? Ist es für Sie wichtig, dass man Ihre Geschichte kennt? Wäre es nicht ab und an einfacher, im Hier und Jetzt als die wahrgenommen zu werden, die Sie heute sind?

Vielen Leuten wurde erst nach dem Chamäleon-Roman bewusst, mit wem sie es zu tun haben. Und da wurde mir erst klar, wie sehr ich im Jetzt und Hier lebe. Außerdem habe ich noch nie in der Vergangenheit gelebt. Wenn ich andere in meinem Alter treffe, die den Spruch loslassen „Ach ja, das waren noch Zeiten“ (zumeist begleitet von einem tiefen Seufzer), wundere ich mich immer wieder. Ich werde im September 51 und habe mich nie wohler und authentischer gefühlt!

Sie haben Ratgeber verfasst, eine Autobiographie, einen Krimi, arbeiteten als Model, Friseurin, Visagistin, sind Privatdetektivin und wohl noch vieles mehr. Woher stammt diese Vielseitigkeit? Ist es die Suche nach dem wirklich Richtigen oder sind es die vielen bunten Facetten Ihres Wesens?

Wenn man schon als Kind auf der Suche nach sich selber ist, hat man natürlich eine ganz andere Ausgangssituation und probiert auch Dinge aus, auf die kein „normaler“ Mensch kommen würde – *lach*! Aber tatsächlich sind es all die Facetten meiner Persönlichkeit, die sich zum Gesamt-Puzzle Valeska Réon zusammensetzen. Gerade erst habe ich das Angebot erhalten, in einer Werbekampagne für eine Buchmesse eine Baronin zu spielen, die in ihrem Schloss oder auch in ihrem Bentley am liebsten eines macht: Bücher lesen. Wieder eine neue Aufgabe, auf die ich mich riesig freue!

Wie kamen Sie dazu, als Privatdetektivin zu arbeiten? Wie wird man eigentlich Privatdetektivin und was für Menschen treten an Sie heran?

Da kamen mehrere Dinge zusammen. Schon als Kind konnte ich eine Lüge erkennen, sobald sie den Mund des Lügners verlassen hatte. Und der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen ist eine extrem befriedigende Aufgabe. Hauptsächlich treten große Konzerne an mich heran, bei denen irgendetwas im Argen liegt: Weitergabe von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung, Mobbing etc. Und dann laufe ich dort als „Sekretärin“ auf, immer mit so schönen Namen versehen wie „Karin Sommer“ oder „Elke Schneider“, hübsch im dunkelblauen Kostüm mit blondem Bob, und mische mich unter die Belegschaft. Das ist für mich Inspiration pur. Und das Perückenzimmer in meiner Detektei würde selbst Lady Gaga die Sprache verschlagen!

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schon in der Schule war ich strohdoof in Mathe, konnte aber super Aufsätze schreiben. Meine Zeit als Model war interessant und ich möchte sie nicht missen, aber ich habe eine tiefe Abneigung gegen hohlen Hedonismus. Was lag daher näher, als für den nächsten Abschnitt meines Lebens auf die Schreiberei zu setzen?

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Einmal habe ich ein solches Seminar besucht, habe aber schon nach einer halben Stunde gemerkt, dass mich das eher blockiert als inspiriert. Die Geschichten müssen aus einem herausfließen, und ich sehe, dass ich mich von Buch zu Buch gesteigert habe. Mein neuer Krimi Das falsche Spiegelbild bewegt sich sprachlich auf einem ganz anderen Niveau als die vier vorangegangenen Bücher.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Von allem etwas. Zuerst einmal lasse ich mir einen knackigen Buchtitel einfallen. Bislang hatte ich immer das Glück, dass die Verlage diesen dann letztendlich auch für das fertige Buch benutzt haben. Dann mache ich ein Inhaltsverzeichnis, richte die einzelnen Kapitel im Word-Dokument ein und fange an zu schreiben. Seit einigen Wochen habe ich immer ein kleines schwarzes Büchlein dabei, und sobald ich einen guten Spruch höre oder einen interessanten Satz lese, schreibe ich ihn auf, um es später in der Geschichte zu verwenden.

Die Recherchearbeit kommt dann mitten in der Geschichte, wenn ich merke, dass ich Hilfe brauche. Beim letzten Buch habe ich mir Unterstützung bei DEM deutschen Gehirnwäsche-Papst geholt, Dr. Hans Ulrich Gresch. Ich wusste zwar, wie eine Gehirnwäsche funktioniert, aber es war für den Plot wichtig zu erfahren, ob und wie man sie wieder rückgängig machen kann.

Für die Fortsetzung des Buches habe ich mich bereits mit dem TV-Metereologen Sven Plöger getroffen, denn diesmal geht es u.a. um künstlich gemachtes Wetter.

Wann und wo schreiben Sie?

Bevorzugt abends in meinem Arbeitszimmer. Meine Wauzis liegen links und rechts neben mir, vor mir dampft eine Tässchen Tee, und schon kann es losgehen. Ich tippe alles direkt in den Computer, keine Handnotizen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Während des Entstehungsprozesses eines Buches kann ich gar nicht abschalten. Meine Figuren sind immer mit so viel Liebe ausgedacht und mit einer solch umfangreichen Lebensgeschichte versehen, dass ich aufpassen muss, sie nicht wirklich vor mir zu sehen. Sobald ein Buch fertig ist, kann ich jedoch ganz wunderbar abschalten. Dann fahre ich mit Freunden in mein Haus nach Renesse, wir kochen zusammen, lachen viel, machen lange Strandspaziergänge – und dann erwische ich mich auch schon wieder dabei, wie sich all diese Inspirationen bereits in einem neuen Buch manifestieren.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Das Leben als Autor ist das Ziel all meiner Träume – und was ich mir für die nächsten fünfzig Jahre durchaus vorstellen könnte. Die Freuden sind natürlich die vielen Mails von den Lesern die mir berichten, was meine Geschichten in ihrem Leben bewirkt haben. Oder wie sie sie zum nachdenken angeregt haben. Das war anfänglich ein etwas komischer Gedanke: Meine Ideen ziehen auf Papier gedruckt in den Alltag von anderen ein und entwickeln dort ein Eigenleben. Heute weiß ich: So muss das sein. Was mich etwas beunruhigt ist, dass immer weniger, gerade junge, Leute Bücher lesen. Daran müssen wir arbeiten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles, was ich sehe, ist Inspiration pur für mich. Was andere glatt übersehen haben in ihrem Alltag, beschäftigt mich tagelang und wird zu einer Geschichte gesponnen. Witzigerweise liegt meinem neuen Buch Das falsche Spiegelbild keine einzige reale Begegnung zugrunde, es ist vielmehr die Summe aller Eindrücke der letzten Jahre, allerdings „remixed and re-recorded“.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

In Amerika funktioniert das schon ganz gut, ich für meinen Teil bin jedoch froh, bei einem der größeren Verlag untergekommen zu sein, der die ganze Werbemaschinerie für mich rührt und die entsprechenden Pressekontakte hat.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Na klar, meistens entdeckt man mich in den Hauptfiguren. Im neuen Krimi geht es, ohne zu viel zu verraten, um eine Frau, die nach einem Sturz von der Tower Bridge ihr Gedächtnis verloren hat und ein komplett neues Leben bekommt. Meine Freundinnen, die es vorab schon gelesen haben, sagen alle unisono: „Das bist ganz klar du!“ Aber auch die Frau, die sie früher einmal war und deren Leben in einem Rückblick erzählt wird, trägt viele Züge von mir, das ist dann der traurige und nachdenkliche Teil von mir. Beim Schreiben wurde mir wieder einmal klar, wie spannend die Frage ist: Wie viele Leben kann das Schicksal für uns eigentlich bereithalten?

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Oh je, erwischt, ich bin gänzlich unpolitisch – Asche auf mein Haupt! Wenn andere Autorenkollegen sich für ihre politischen Ziele einsetze, bewundere ich das umso mehr!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Entweder superspannender Krimi oder einer dieser wundervollen Selbsthlfe-Ratgeber, die einen aus jedem Lebens-Tief herausholen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mein Lieblings-Buch: „You can heal your life“ von Louise L. Hay. Und ganz verliebt bin ich in die französische Trilogie „Die gelben Augen der Krokodile“ von Katherine Pancol.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Lass dich nicht verbiegen.

  2. Schreib nur Geschichten, die aus dem Herzen kommen.

  3. Such Dir einen Verlag, der Deine Wünsche umsetzt.

  4. Mach Deinen Lektor / -in zu Deinem besten Freund.

  5. Und niemals vergessen: keine Publicity kann so gut sein wie die, die man selber für sein Buch macht. Sei Vorbild, zeig Deinen Lesern wie toll Literatur ist – und zieh Dir was Ordentliches an.

Waren, glaube ich, mehr als fünf Ratschläge!

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Hexentanz

Es war einmal eine Frau. Die war so frustriert, dass sie nicht kriegen konnte, was sie haben wollte, dass sie einen Sündenbock dafür brauchte, der dafür geradestehen sollte, dass es war, wie es war. Denn: Gäbe es keinen Sündenbock, müsste sie den Fehler bei sich suchen und das ginge ja gar nicht. Dann wäre der Frust nicht nur da, weil sie nicht kriegen konnte, was sie haben wollte, sondern er wäre gepaart mit dem Frust, dass dieser Umstand auch noch mit ihr selber zu tun haben könnte.

Der Sündenbock war schnell gefunden, sie malte ihn in den schwärzesten Farben, die Hörner wurden spitz und spitzer, er kriegte Attribute, die zwar weit ab jeglicher Realität waren, aber das Bild noch potenzierten und verbreitete die Kunde über diesen Sündenbock in alle Richtungen. Die gute Frau stellte sich als Opfer dieses Bocks dar, der die Inkarnation des Bösen sei, sie schilderte in allen Farben und Formen dessen ihm angedichtetes Vergehen, breitete mit verzweifeltem Blick das eigene Leid aus und schon bald war der düstere Bock bekannt wie ein bunter Hund. In allen Blicken stand es, in allen Zeilen war es zu lesen: „Ich weiss, was du getan hast!“

Dass es niemandem in den Sinn kam, zu hinterfragen, ob diese Geschichte nur einen Funken Wahrheit besässe, liegt wohl in der Natur der Sache, schliesslich und endlich mag man spektakuläre Geschichten, jeder wurde schon mal Opfer einer Ungerechtigkeit und wenn er von einer anderen hört, sieht er die eigene vor sich und rächt sich am Sündenbock für die eigene Erfahrung. Und so schlagen sie alle in dieselbe Kerbe und fühlen sich gut dabei, schliesslich und endlich sind sie Verbündete im Kampf gegen das Unrecht.

Genauso müssen sich die gefühlt haben, die im Mittelalter die Hexen auf den Scheiterhaufen geschnallt und dann verbrannt haben. Sie haben sich schliesslich und endlich nur gegen eine Gefahr gewehrt. Sie haben nur das Übel bekämpft und dabei ist jedes Mittel recht. Anhörung der Verurteilten? Nicht nötig, die Meinung ist gemacht. Schliesslich und endlich steht man nicht alleine, man hat Verbündete, ist in einer Gruppe. Gemeinsam ist man stark. Selbst wenn man innerlich Zweifel hätte, könnte man die nicht zugeben, denn dann wäre man plötzlich auch ausgestossen aus der zusammen grölenden und jubelnden Gruppe, die dem Fegefeuer zuschaut.

Oft hört man heute den Ausspruch „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!“ Manchmal frage ich mich, ob sich wirklich so viel geändert hat, wie man denkt. In den Gesetzen, in den Aussprüchen nach aussen sicher. Aber ganz tief drinnen? Die Mittel und Wege mögen andere sein, viel subtiler, unauffälliger, aber funktionieren tun sie immer noch auf dieselbe Weise.

Sabine Durrant: Ich bin unschuldig

Die Wahrheit liegt versteckt hinter Masken

Äste stechen auf Augenhöhe hervor, auf Knöchelhöhe lauern Grasbüschel. Und dann fällt durch ein Gewirr aus Ästen mein Blick darauf.
Zuerst dachte ich an aufblasbare Puppen. Oder Fische. […] Dann trifft mich das ganze Entsetzen dessen, was ich sehe, und alles, was ich denken kann, ist: Es ist weder eine Puppe noch ein Fisch noch ein Schwan.
Sie liegt auf der Seite, die nackten, weissen Arme über dem Kopf ausgestreckt, den Kopf nach hinten gebogen.

Gaby Mortimer, Fernsehjournalistin, Ehefrau und Mutter, stösst beim Joggen auf eine Leiche. Der Fund soll ihr ganzes Leben verändern, da kurze Zeit später sie die Hauptverdächtige ist, festgenommen wird und ihre Stelle verliert. Während der ganzen Zeit ist ihr Mann auf Geschäftsreise, sie ganz allein und hilflos. Die Journalisten stürzen sich wie Hyänen auf sie, Gaby Mortimer weiss nicht mehr, wem sie trauen kann, bis Jack Hayward auftaucht und ihr verspricht, ihr zu helfen.

„Woher weiss ich, dass sie mich nicht reinlegen? Sie könnten mich doch übers Ohr hauen.“
Seine Schultern sinken leicht nach vorn. „Sie müssen mir einfach vertrauen.“

Gemeinsam wollen sie den wahren Mörder finden.

Ich bin unschuldig ist eine interessante Geschichte mit teilweise tiefgründigen Gedanken rund um die menschliche Identität und die täglichen Masken, mit der man sie verdeckt. Der Thriller fängt sehr langsam an. Nach dem Leichenfund findet man sich im endlos scheinenden Alltag von Gaby Mortimer und ihrem Umfeld wieder, es passiert kaum etwas, das die Geschichte weiterbringt. Nach über hundert Seiten fängt die Geschichte an, Spannung und Tempo zu kriegen und dann fesselt sie einen, lässt einen nicht mehr los.

Sabine Durrants Thriller bewegt sich zwischen Gesellschaftskritik, Beziehungsroman und Spannung. Er nimmt schlussendlich eine überraschende Wendung, spart davor nicht an möglichen Verdächtigen. Hätte man den Anfang stark gekürzt, wäre das Buch uneingeschränkt zu empfehlen. Wenn man gewillt ist, diesen Anfang grob zu überblättern, ebenso. Die weniger ungeduldigen Leser finden vielleicht sogar darin Interessantes, da das Buch durchaus gut geschrieben und die Figuren authentisch sind.

Fazit
Langsamer Anfang, danach grosse Spannung. Ein Thriller mit einem bunten Potpourri an Themen und Verdächtigen und einem überraschenden Abgang. Empfehlenswert.

Zum Autor
Sabine Durrant
Sabine Durrant lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in London, wo sie als Autorin und Journalistin arbeitet. Sie schreibt unter anderem für den Guardian, den Daily Telegraph sowie die Sunday Times und hat bereits mehrere erfolgreiche Romane und Kinderbücher veröffentlicht. Ich bin unschuldig ist ihr erster Thriller.

 

DurrantUnschuldigAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (13. August 2013)
Übersetzung: Elvira Willems
ISBN-Nr.: 978-386612361
Preis: EUR  14.99 / CHF 14.90

Erhältlich in jeder Buchhandlung vor Ort sowie online  bei AMAZON.DE und BOOKS.CH