Das Leben und die Träume

Es war einmal ein Traum, der wollte gelebt werden. Das sei sein Recht, glaubte er, denn überall hörte und las er: „Lebe deine Träume!“ Genau das sollte auch mit ihm getan werden. Das Leben machte ihm einen Strich durch die Rechnung, es stellte ihm die Pflicht an die Seite, die gelebt werden müsse und sagte dem Traum: „Schau, wie du aus der Nummer rauskommst.“ Das Leben wollte sich aber nicht lumpen lassen und bot noch Herz und Verstand als Entscheidungshilfen. Wirklich einfacher wurde es mit den beiden Streithähnen nicht, denn was der eine wollte, fand das andere daneben, wonach sich das eine sehnte, fand der andere untragbar. Und so stritten sie bis in alle Nächte, Traum und Pflicht harrten der Entscheidungen, die da kommen mochten und hielten sich still. Das Leben ebenso.

Endlich kam Licht ins Dunkel, Herz und Verstand näherten sich an, empfanden die Pflicht zwar durchaus als wichtig und nicht zu vernachlässigen, den Traum aber als unbedingt lebenswert. Was wäre das Leben ohne Träume? Das Herz fand, es wäre fad, traurig, leer und trist, der Verstand musste ein wenig einlenken, immer mit dem doch stetig leiser werdenden Einwand: „Aber wenn jeder nur täte, wie er wollte, wo kämen wir da hin?“, den er schlussendlich runterschluckte und nur noch dachte, dass man vielleicht in ein zufriedeneres Leben steuern würde. Das konnte er aber natürlich nicht laut zugeben.

Und wie es im Märchen so ist, käme nun der Abspann: „Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute glücklich. Der Traum ist gelebt, die Pflicht nicht ganz vernachlässigt, Herz und Verstand schauen eng umarmt zu, nicken sich freudig an und lächeln.“ Das Leben macht es den Vieren aber nicht so einfach, es holt einen neuen Traum aufs Tapet. Und vielleicht noch einen. Und auch diese Träume wollen alle gelebt werden, kommen sich aber in die Quere. Wenn der eine gelebt wird, muss der andere weichen und untergehen. Wenn der dritte zum Zuge kommen will, müssen erst zwei aus dem Leben aussteigen.

Herz und Verstand schauen sich an und verstehen das Leben nicht mehr. Sie suchen nach Worten und finden sie nicht. Sie schauen die Träume an und finden sie alle dem ersten nicht minderwertig. Sie schimpfen mit dem Leben und finden es ungerecht. Sie fragen, was sie denn tun sollen und wissen schon, dass sie keine Antwort kriegen. Das macht sie noch wütender. Das Leben selber rollt die Augen gegen den Himmel und findet, sie sollen sich alle nicht so haben. So sei es nun mal.

Valeria Luiselli: Falsche Papiere

Sprachliches Erkunden der Welt

Aber vermutlich ist ein Mensch nur in zwei Räumen wirklich zu Hause: im Haus seiner Kindheit und im Grab. Alle anderen Orte, die wir bewohnen, sind bloss graue Fortsetzungen dieser ersten Wohnung, eine unbestimmte Abfolge von Mauern.

In diesen Kurzgeschichten durchstreift Valeria Luiselli die Welt, hinterfragt sie, lässt sie wirken. Es ist eine Reise durch die reale Welt, durch gedankliche Welten, Welten, die die Literatur bereitstellt und sprachliche Welten.

Sprachen zu lernen bedeutet, sich nach und nach darüber klar zu werden, dass wir über nichts irgendwas sagen können.

Falsche Papiere besticht durch Sprachschönheit, zahlreiche Literaturzitate, welche einerseits die Belesenheit der Autorin darlegen, die andererseits neue Ebenen in die Erzählungen einbauen, indem sie Verweise auf neue Geschichten bilden, die den Leser weiter führen, auf neue Welten verweisen. Luiselli hinterfragt das Offensichtliche, beleuchtet das hell da liegende und doch oft verkannte, reflektiert über das Leben, die Sprache, Friedhöfe, Reisen zu Fuss und per Fahrrad und vieles mehr. Schlussendlich stellen die Geschichten auch immer wieder eine Reise zur eigenen Identität dar. Wer bin ich, wie gehe ich durch die Welt und wie erfasse ich sie?

Man könnte sich durchaus vorstellen, dass jeder neue Eindruck ein weiteres Loch gräbt, die unförmige Materie ein wenig mehr verletzt, uns ein bisschen weiter leert. Geboren wurden angefüllt mit etwas – grauer Materie, Wasser, mit uns selbst -, und in uns allen findet Augenblick für Augenblick die langsame Alchimie der Erosion statt. Wir tragen auf dem Hals eine in Bildung begriffene Kaverne, Stücke, die Stückwerk sein werden.

Fazit:
Ein kurzes, sprachlich und literarisch schönes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York. Von ihr erschienen sind Die Schwerelosen, Falsche Papiere.

 

LusielliFalschePapiereAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (15. Januar 2014)
Übersetzung: Dagmar Ploetz, Nora Haller
ISBN-Nr.: 978-3888979361
Preis: EUR  16.95 / CHF 27.90

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That’s life

Das Leben ist schwer. Teilweise sehr. Ab und an denkt man, man hätte ein Abo für negative Dinge, da sich eines ans andere reiht. Als ob sie sich verabredet hätten und nun alle auftauchen wie unliebsamer Besuch. Und oft bleiben sie. Wie der Besuch mit Sitzfleisch, der nicht reagiert, wenn man sich räuspert, gähnt, den Tisch abräumt, von frühen Terminen am nächsten Morgen spricht. Und irgendwann taucht die Frage auf: Wieso eigentlich? Geht das allen so? Nur mir? Was habe ich getan, dass es mich trifft? Was in meinem Verhalten, meinem Sein, meinem Tun löst das aus? Kann es nur Zufall sein?

Zufall oder Schicksal? Am ehesten glaube ich an Ursache und Wirkung. Und genau dieser Glaube versetzt in die Frage nach dem Warum, die oft einfach nicht zu finden ist. Wieso wird jemand krank? Wieso kommt jemand in einem armen Land zur Welt, der andere als Sohn reicher Eltern? Wieso geschehen Umweltkatastrophen (die ganze Klimadiskussion ist hier nicht als Antwort gesucht) und Menschen wohnen genau da, wo sie passieren? Wieso stürzt das eine Flugzeug ab, Menschen sterben, das nächste fliegt durch? Doch Zufall? Wohl schon… irgendwie.

Klar kann man dahin gehen und sagen, wenn man nicht hätte, wäre auch nichts passiert. Aber das bringt schlussendlich wenig. Gewisse Dinge tut man 100 Mal und es geht gut, einmal geht es daneben und man sitzt da. Schlussendlich bleibt wohl die Erkenntnis, dass das Leben eine einzige grosse Herausforderung ist – auf vielen verschiedenen Ebenen. Und wenn man die eine im Fokus hat und dran arbeitet, vernachlässigt man eine andere. Gesund wäre eine Balance in allen Bereichen. Das machen sich einige findige Geschäftsleute zu nutzen und bieten Programme an. Meist bleiben das Ferieninseln, der Alltag holt einen schnell ein.

Also aussichtslos? Das Leben ein einziges Leiden, man selber der Spielball der irdischen Kräfte, die einen hin und her werfen? Ab und an wohl schon. Und doch ist wohl nicht alles verloren. Dass man nicht alles haben kann, ist meine feste Meinung, man kann sich aber überlegen, was man wirklich will. Und da den Fokus auf ein paar wenige Dinge legen, die verfolgen. Weil man weiss, sie sind gut, sie sind richtig. Für einen. Das Problem, das sofort auftaucht: Was finden die anderen dazu? Und schon sitzt man wohl im nächsten Konflikt. Und so reiht sich einer an den anderen und man sitzt so drin und schaut sich um, sieht sich umrandet von den diversen Konflikten, die sich paaren mit Mustern, die man nicht haben will, trotzdem hat, verliert mal die Nerven, schilt sich, findet sie wieder, läuft weiter, um wieder da zu landen.

Und doch. Ab und an gibt es diese Highlights. Die sind toll. Sie machen Freude. Man fühlt sich sogar glücklich. Und denkt, die Welt ist wunderbar. Das Leben wundervoll. Und man möchte die Welt umarmen und alle Menschen, die man sieht und ihnen sagen, wie toll das Leben ist. Allerdings lauert wohl schon da hinter der nächsten Ecke das nächste Unheil. Und es reisst einen rein. Es fühlt sich an, wie wenn jemand den Stecker zieht beim Staubsauger und plötzlich alles still ist. Und man sieht den Staub schon förmlich wachsen.

Tja, wie sang Frank Sinatra so schön:

You’re riding high in April, shot down in May
But I know I’m gonna change that tune
When I’m back on top, back on top in June

Imre Kertész: Ich – ein anderer

Das geschriebene Ich

Eine Annäherung an Auschwitz ist unmöglich, es sei denn, von Gott aus; Auschwitz ist eines jener grossen Menetekel, die in Gestalt eines schrecklichen Schlags auftreten, um den Menschen hellhörig zu machen – falls er hinhört. Statt dessen werden wissenschaftliche Motive vorgebracht, wird von der Banalität des Mordens geredet, was wie ein Gruss aus der Hölle klingt.

Imre Kertész beschreibt sein Nomadenleben zwischen den Metropolen, fühlt sich als Flüchtiger, nirgends zu Hause ausser im Schreiben und auch das scheint ihm abhanden zu kommen. Viele seiner Gedanken führen nach Auschwitz zurück, zeigen die Präsenz, die dieser Ort und seine Vergangenheit, noch immer haben. Die Vergangenheit entzieht sich seinem Verständnis, er kann sie nicht fassen, nicht einordnen, weiss nur, dass er sie nie los wird und sie sein Leben begleitet, bedrückt, oft unterdrückt.

Die Welt nicht verstehen, bloss weil sie unverständlich sei, ist Dilettantismus. Wir verstehen die Welt nicht, weil es hienieden nicht unsere Aufgabe ist.

Ich – ein anderer ist eine Suche nach der Identität. Imre Kertész reist gedanklich und real durch Zeit und Ort, reiht Erinnerungen, Erlebnisse, Situationen aneinander, versucht sich darin zu finden und bleibt sich doch immer fremd. Die einzig sicheren Merkmale sind sein Judentum, Auschwitz als Vergangenheit und das, was ihn dazu anhält, beides immer wieder zu thematisieren und damit sich selber neu zu finden: Das Schreiben.

Meine einzige Identität ist die des Schreibens. (Eine sich selbst schreibende Identität.)

 

Fazit:

Leicht zu lesen, schwer zu verarbeiten – psychologisch tief, menschlich offen bietet das Buch Einblicke in das Leben eines Menschen, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor

Imre Kertész
Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Anfang der 70er Jahre schrieb er seinen autobiographischen Roman eines Schicksalslosen, welcher  zunächst von den Verlagen abgelehnt und nach seiner Veröffentlichung 1975 jahrelang ignoriert wurde. Erst die Änderung der politischen Situation in Ungarn brachte die lange versagte Anerkennung.  2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von Imre Kertesz erschienen sind unter anderem Roman eines Schicksalslosen (1975), Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1989) und Ich ein anderer (1997).

KerteszIchAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Oktober 1999)
Übersetzung: Ilma Rakusa
ISBN-Nr.: 978-3499225734
Preis: EUR  7.50 / CHF 11.60

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Richard Ford: Der Sportreporter

Des Lebens Fluss

Mein Leben ist in diesen zwölf Jahren keineswegs übel gewesen, und das ist es auch heute noch nicht. Es ist in fast jeder Beziehung phantastisch gewesen. Und obwohl mir mit zunehmendem Alter immer mehr Dinge Angst machen, und obwohl mir immer klarer wird, dass einem üble Dinge passieren können und auch tatsächlich passieren, gibt es sehr wenig, was mich wirklich beunruhigt oder nachts nicht schlafen lässt. Ich glaube immer noch an die Liebe und Leidenschaft. Und ich würde nicht viel oder gar nichts ändern. Vielleicht würde ich mich nicht mehr scheiden lassen. Und mein Sohn, Ralph Bascombe, würde nicht sterben.

Frank Bascombe lebt im New Jersey der 80er Jahre, ist Mitte 30, geschieden, Sportreporter. Er lebt ein eigentlich einfaches Leben, reist durchs Land, um Interviews mit Sportlern zu machen. Ab und an trifft er sich mit seiner Exfrau, die er X nennt – vermutlich weil ihm der richtige Name zu nahe ginge und er nichts wirklich an sich heran lässt.

Während Frank sein beschauliches Leben lebt, verliert er sich immer wieder in Gedanken und Erinnerungen. Er denkt über seine Kindheit nach, über seine Beziehungen, einzelne Erlebnisse, die ihn in der Vergangenheit prägten, über die Brüche in seinem Leben. Diese Brüche  scheinen die Konstante in Franks Leben zu sein: der Verlust des Sohnes, der Ehefrau, der literarischen Ambitionen. Frank ist Mitglied im Club der geschiedenen Männer, obwohl er von sich behauptet, über seine Scheidung hinweg zu sein. Dieser eher oberflächliche Club besticht durch zwei Dinge: Seine Mitglieder haben alle Brüche im Leben erlebt, wie Frank selber und es sind die einzigen Menschen, zu denen er eine irgendwie geartete Beziehung hat, so oberflächlich sie auch sein mag.

Frank möchte ein neues Leben aufbauen, allerdings vermeidet er alles, was ihn wirklich aus der Vergangenheit lösen und in die Gegenwart eintauchen liesse. Und so zerbrechen auch seine Neuanfänge und er sucht weiter. Und glaubt weiter, dass er finden wird, was er sucht.

Möglichkeiten brauchen wir alle. Und wenn ich in die gemauerte Welt dieser amerikanischen Städte hinausgehe, empfinde ich genau das. Jede Menge Möglichkeiten. Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, die mir aber möglicherweise gefallen, sind hier und warten vielleicht auf mich. Selbst wenn sie’s nicht tun. Die Heiterkeit eines Neuankömmlings.

Der Sportreporter ist der erste Teil einer Trilogie (Teil zwei und drei sind Unabhängigkeitstag und Die Lage des Landes) um Frank Bascombe, einen durchschnittlichen Menschen, der sich selber zu erfinden versucht, sich dabei immer wieder auf starke Frauen stützt, die nie bleiben, der sein eigenes und das Scheitern Amerikas über Seiten hinweg reflektiert und den Leser auf diese Weise eintauchen lässt in seine Gedanken, seine Irrläufe, sein Leben.

 

Fazit:
Ein ruhiges Buch, ein Buch voller Erzählungen und mit wenig Erlebtem. Das Buch lässt einem Frank Bascombe ans Herz wachsen, indem es einen mit in die Tiefen seiner Gedanken mitnimmt. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Richard Ford
Richard Fordwurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. Er studierte zunächst Hotelmanagement, dann Englische Literatur und schließlich creative writing bei E.L Doctorow. Er hat sechs Romane sowie Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. 1996 erhielt er für Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den Pen/Faulkner Award. Er zählt mit Raymond Carver und Tobias Wolf zu den Begründern des dirty realism. Von ihm erschienen sind unter anderem Unabhängigkeitstag, Die Lage des Landes, Kanada, Der Sportreporter.

 

FordSportreporterAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Dezember 2013)
Übersetzung: Hans Hermann
ISBN-Nr.: 978-3423142717
Preis: EUR  12.90 / CHF 21.90

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Ich liebe dich

IMG_0969Will allein sein,
doch vermiss ich dich.
Will Ruhe haben,
doch erdrückt sie mich.
Will dich spüren,
danach verzehr ich mich.
Will dich riechen,
denn das kann ich dich.
Will dich sprechen,
denn du verstehst mich.
Will von dir hören,
es ist still ohne dich.
Will mit dir sein,
ich sehne mich.
Will mit dir sein,
ich liebe dich.

Wartebank

Auf der Wartebank
des Lebens
gestrandet,
nicht angekommen.
Auf dem Weg,
ohne zu gehen.
Die Zeit verrinnt,
der Rest bleibt,
wie man ihn
nicht haben will,
erdulden muss.
Sehnend
nach dem Ziel,
in weiter Ferne,
nach dem Hafen,
Anker Setzen,
und Bleiben.

Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Die Ordnung der Zahlen, wenn alles sonst unordentlich wird

Bei einem Autounfall zieht sich ein Mathematikprofessor Verletzungen des Hirns zu, die sein Gedächtnis auf 80 Minuten schrumpfen lassen. Alle 80 Minuten vergisst er fortan, was war und seine Welt beginnt von vorne. Er flüchtet sich in die Welt der Zahlen, da diese der einzige Halt sind, den er noch hat im Leben.  Mit Hingabe löst er mathematische Rätsel in mathematischen Zeitschriften und holt so einen Preis nach dem anderen ab.

Er war erfüllt von der geleisteten Arbeit, aber das, was er bei der gelösten Aufgabe empfand, war nicht so sehr Freude oder Erleichterung, sondern vor allem ein Gefühl von tiefem Frieden. Es war ein Zustand der Gewissheit, dass sich alles dort befand, wo es hingehörte. […] Diesen Zustand liebte der Professor. Friedliche Ruhe war für ihn das höchste Glück.

Dadurch, dass er alles um sich ständig vergisst, fällt es ihm auch schwer, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Erst als eine neue Haushälterin in sein Leben kommt, die noch dazu ihren Sohn zur Arbeit mitbringt, ändert sich dies. Langsam zieht Leben ins Haus des Professors ein, der kleine Junge, den der Professor aufgrund seiner Kopfform Root nennt, was auf das mathematische Wurzelzeichen verweist, bildet dabei den Mittelpunkt. Zwischen den dreien entwickelt sich eine zarte Freundschaft.

 

Das Geheimnis der Eulerschen Formel ist ein stilles, sensibles, tiefgründiges Buch. Yoko Ogawa gelingt es, die Gefühle zwischen Menschen einzufangen, ihre Leben offenzulegen, ohne die Dinge selber in Worte zu fassen. Vielmehr malt sie ein Bild, in das man eintaucht und alles intuitiv selber aufsaugt. Man lebt mit und möchte nie mehr aus diesem Haus austreten, schliesst die Personen, deren Namen man nicht kennt, ins Herz und fühlt sich ihnen nah. Und immer wieder ertappt man sich dabei, nachzurechnen, ob die Zahlenreihen auch stimmen. Dadurch wird man noch mehr Teil des Buches.

Es gilt, Lehrsätze zu Tage zu fördern, die schon seit ewigen Zeiten existieren, ohne bisher von jemandem beachtet worden zu sein. So als würde man Zeile für Zeile die Wahrheit entziffern, die in Gottes Notizbuch steht. Aber niemand vermag zu sagen, wo dieses Notizbuch liegt und wann es aufgeschlagen wird.

Das Geheimnis der Eulerschen Formel vereint alles, was grosse Literatur ausmacht. Es ist ein Buch über die Liebe, das Vergessen, Ordnung und Unordnung, ein Buch über das Leben.

Fazit:
Ein stilles, tiefes, malerisches, wundervolles Buch, das einen in eine Welt mitnimmt, aus der man nie mehr auftauchen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Yoko Ogawa
YOKO OGAWA, geb. 1962, gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit zahlreichen namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo. Von ihr erschienen sind unter anderem Das Museum der Stille, Schwimmen mit Elefanten, Das Ende des Bengalischen Tigers und Das Geheimnis der Eulerschen Formel.

 

OgawaGeheimnisAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 250 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag (20. Juni 2013)
Übersetzung: Sabine Mangold
ISBN-Nr.: 978-3746629445
Preis: EUR  8.99 / CHF 14.90

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Träume leben – und sie verabschieden

Manchmal hat man Träume im Leben. Und man malt sich aus, wie es wäre, sie zu verwirklichen. Und man ist sicher, dass man glücklich wäre, hätte man sie erst verwirklicht, weil man sich dann am Ziel seiner Träume wähnt und man ja von etwas träumt, dass man sich als erträumenswert ausgedacht hat.

Oft zaudert man, die Träume anzugehen, man sieht sie als unerreichbar und hat 1000 Gründe, sie nicht erfüllen zu können. Man griff auch hoch beim Träumen, kleine Träume sind keine Träume, sondern eher Wünsche, die man sich vielleicht noch eher erfüllt. Aber Träume. So wirklich grosse. So wirklich tolle. Die sind weit weg. Und durch die Ferne quasi unerreichbar. Man träumt sie. Über die Zeit werden sie immer grösser und erstrebenswerter. Das Sehnen danach nimmt zu. Das Leiden am Nichterreichenkönnen auch.

Und vielleicht packt man eines Tages den Mut. Und beginnt, sich an die Erfüllung des Traumes zu machen. Und man merkt, dass es sogar gehen könnte. Plötzlich reiht sich Glied an Glied und die Kette führt zum Ziel. Und man ist da. Und es ist schön. Und man ist stolz. Man geniesst es. Endlich da.

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Bei Rosamunde Pilcher wäre sie das und ab und an wäre ein Leben frei nach Pilcher wunderbar, denn am Schluss ist alles rosarot und die Farbe ist toll. Aber. Wir sind nicht bei Rosamunde. Wir sind im richtigen Leben. Und ab und an ergibt es sich, dass die Erfüllung der Träume plötzlich an den Punkt gelangt, an dem man merkt, dass sie gar nicht so toll ist, wie man sich über Tage, Wochen, Monate, Jahre ausgemalt hatte. Die Ernüchterung setzt ein. Man schaut auf das Erreichte, zwar schwingt noch ein Rest Stolz mit, aber daneben macht sich das Gefühl breit, einem ganz grossen Irrtum aufgesessen zu sein. Wo bleibt all das Glück, das man sich erträumte, dessen man sich so sicher war? Das sollte doch nun gefälligst da sein. Bleiben. Einen wie ein Honigkuchenpferd grinsend durch die Welt laufen lassen.

Was ist passiert? Nicht alle Träume entsprechen uns wirklich. Einige kommen auf, weil sie von aussen toll erscheinen, weil andere sie leben und damit glücklich sind, weil wir sie falsch einschätzen. Und wir hängen ihnen nach. Unerreicht behalten sie ihren Reiz, da nur das, was wir wirklich erfahren, reale Wirkung hat, alles andere bleibt reine Vorstellung, Projektion. Erreicht stellen sie sich der Realität. Und uns. Und ab und an unterliegen sie. Unterliegen auch wir. Wir sehen, dass unser Sehnen etwas entsprach, das nicht uns entsprach. Also alles ein Irrtum? War es falsch, den Traum zu verwirklichen und wir haben quasi versagt? Denn so fühlen wir uns. Als Versager. Als jemand, der in die Irre lief.

Ich denke nicht. Wir hatten den Mut zu träumen. Wir lebten den Traum, verharrten nicht im Ausmalen. Wir wagten etwas und sahen, wie es wirklich ist. Das allein ist schon toll. Dass es nicht so war, wie es schien, ist vielleicht schade. Sicher ist es eine Ent-Täuschung im wortwörtlichen Sinne. Wir sind enttäuscht im übertragenen Sinn, weil wir uns mehr erhofft haben, aber auch ent-täuscht im Wortsinn, da uns eine Illusion klar wurde. Wir wissen wieder ein wenig mehr über uns selber und können weiter gehen mit dem Wissen. Neue Träume finden. Und den Mut haben, sie zu realisieren. Denn nur dann leben wir unser Leben – das Leben, das uns entspricht. Nur dann lernen wir uns kennen und gehen weiter.

 Träume, die nur geträumt werden, sind Leerläufe. Träume, die gelebt werden, sind das Salz in der Suppe des Lebens.

Aurora: „Ausgrenzung ist menschlich“

Ich danke dir für deine Bereitschaft, einen Einblick in dein Leben zu gewähren. Stell dich kurz vor: Wer bist du, wie würdest du dich und dein Leben beschreiben?

Ich arbeite seit 15 Jahren als Agogin. Ich betreue Menschen, die als schwer geistig behindert bezeichnet werden. Ich lebe mit Katze und Freund zusammen. Ich würde mich als soziales und intelligentes menschliches Wesen bezeichnen, mit sehr vielen Interessen und Leidenschaften. Ich schreibe gerne. Ich kümmere mich sehr gerne um meine Familienmitglieder.

Weiss dein ganzes Umfeld, dass du Autist bist? Wie offen gehst du damit um? Hat der Autismus einen Einfluss auf deine Freundschaften?

Nein. Wirklich wissen tun es nur wenige Menschen. Es ist nichts, was ich bereit streue.
Ich denke, dass die wenigsten Menschen wissen oder ahnen, dass ich Autistin bin, vermute aber, dass diejenigen, die offen dafür sind, es längst gemerkt haben. Ich tue mich schwer mit Freundschaften. Es gibt einige wenige Menschen in meinem Leben, die ich als Freunde bezeichne. Ich bin in Sachen Freundschaft sehr empfindlich.

Gibt es im Alltag Dinge, wo du Hilfe brauchst? Wenn ja, welche? Würdest du dir grundsätzlich mehr Hilfe oder sonst Unterstützung wünschen?

Ich brauche wenig Hilfe im Alltag. Einzig allein in Menschenmassen, wie z.B. beim Anstehen fürs Rigibähnli, bin ich froh, wenn ich den Massen nicht alleine ausgeliefert bin. Ich bin froh, wenn man mich nicht einfach so anfasst. Anstandsküssli finde ich grauenvoll.
Ich habe Mühe mit Schattierungen von Emotionen.

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich hadere selten mit meinem Schicksal, weil ich nichts anderes kenne. Mir werden eigentlich nur verschiedenartige Ansprüche zu viel, ich genüge ihnen nur oberflächig. Ich fühle mich als vollends funktionsfähig.

Wenn du nicht Autist wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Das weiss ich nicht.

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deinem Autismus? War er „für etwas gut“?

Ich denke, meine Wahrnehmung, so heftig sie ist, hat ein Gutes. Ich nehme oft wahr, was andere übersehen. Kleinigkeiten. Ich denke, ich bin ein sehr sensibler Mensch.

Was wünscht du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Worunter ich wirklich leide, sind Aussprüche von politischen Personen, die ihre Gegner als Autisten bezeichnen. Ich finde das beleidigend und demütigend.

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten und Behinderungen noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Das weiss ich nicht.
Ich denke, Ausgrenzung ist etwas zutiefst Menschliches, sie ist ein menschlicher Instinkt, der gruppendynamisch funktioniert.

Muss man Ausgrenzung also hinnehmen und damit umgehen lernen?

Ich weiss nicht. Ich nehme an, das ist das Recht, des Stärkeren.

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Lass dir von niemandem einreden, dass du schlecht bist.

Aurora, ich möchte mich ganz herzlich für diese Antworten bedanken, die einen wunderbaren Einblick in deine Sicht des Lebens und deinen Umgang mit Autismus gewähren.

Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich

Woher kommt der Mensch und wohin geht er?

„Ehemals suchte man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf seine göttliche Abkunft hinzeigte: dies ist jetzt ein verbotener Weg geworden, denn an seiner Tür steht der Affe.“(Nietzsche)

Woher kommt der Mensch, was ist er? Im ersten Kapitel seines Buches Hoffnung Mensch stellt Schmidt-Salomon den Menschen als biologisches Wesen dar, als welches er vom Affen abstammt und diesem noch sehr ähnlich geblieben ist. Er rollt die menschliche Geschichte auf, zeigt sie im Lichte der Religionen und deren Blick auf das menschliche Leben, bleibt in seiner Darstellung gelassener Kritiker, der mit fundierter Sicht und nicht mit polemischen Argumenten agiert.

Keine Mauer ist hoch genug, um das Eindringen von Rationalität und Skepsis gänzlich zu verhindern. Momentan zeigt sich dies insbesondere in den „islamischen Ländern“, in denen  sich säkular denkende Menschen mehr und mehr zusammenschliessen, um dem religiösen Tugendterror entgegenzuwirken. Wie weit die Entzauberung der Religion vorangeschritten ist, äussert sich allerdings nicht nur in ihrem mutigen Einsatz gegen die Tyrannei, sondern auch in den Handlungen ihrer Kontrahenten.

Schmidt-Salomon zeichnet ein Bild des Menschen, das durchaus nicht nur durch Egoismus, Gewalt und Machtstreben besticht, sondern diesen auch als empathisches, mitfühlendes, um Gerechtigkeit kämpfendes Wesen darstellt.

[Die Geschichte demonstriert etwas Eigentümliches], nämlich, dass wir offenkundig nicht nuf fähig sind, das Leid anderer zu spüren, sondern dass wir uns mitunter nicht einmal dagegen wehren können, sosehr wir uns auch darum bemühen mögen.

Dafür beruft er sich auch auf die mittlerweile in den meisten Philosophiebüchern prominente Hirnforschung, die er konzis zusammengefasst themenrelevant präsentiert.

Schmidt-Salomon beschliesst mit diesem Buch einen Zyklus aus vier Büchern, bestehend aus dem Manifest des evolutionären Humanismus, Jenseits von Gut und Böse, Keine Macht den Doofen und eben Hoffnung Mensch. Ziel des Zyklus ist es, ein grundlegendes philosophisches und naturwissenschaftliches Wissen der Welt zu vermitteln, was Schmidt-Salomon durchaus gelungen ist. Vor allem mit dem vorliegenden Buch liefert er eine  Geschichte des Menschen auf überschaubarem Raum. Er zeigt dabei dessen Ausgangslage, seine gegebenen Möglichkeiten sowie die Grundprobleme, mit denen er heute (und in der Vergangenheit) kämpft. Das Bild des Menschen ist ein wohlwollendes, das durchaus Hoffnung lässt, dass die Welt eine bessere sein kann. Vielleicht sogar wegen des Menschen und nicht trotzdem.

 

Fazit:
Philosophie und Wissenschaft anschaulich und unterhaltsam, trotzdem fundiert und informativ geschrieben. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Michael Schmidt-Salomon, Dr. phil., geboren 1967, ist freischaffender Philosoph und Schriftsteller sowie Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Er ist häufiger Interviewpartner in Presse, Funk und Fernsehen. Bei Piper erschienen von ihm Jenseits von Gut und Böse, Leibniz war kein Butterkeks (mit Lea Salomon) sowie zuletzt Keine Macht den Doofen.

 

 

SchmidtSalomonHoffnungAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Piper Verlag (10. März 2014)
ISBN-Nr.: 978-3492056083
Preis: EUR 19.90 ; CHF 32.90

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Der Wandel

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Genug davon,
stets zu genügen
es recht zu machen,
brav zu sein,
zu schweigen,
hinzunehmen,
zu schlucken,
mich reinzuschicken.

Endlich bereit,
hinzusehen,
aufzubegehren,
es zu wagen,
nein zu sagen,
einzustehen,
mich zu wehren,
ich zu sein.