Minouche

Claudia stand gerade in der Küche, die Balkontüre war einen Spalt weit offen, um Luft in die Wohnung zu lassen. Nicht zu weit, damit die Katze nicht raus ging. Claudia hatte immer Angst, dass Minouche etwas passieren könnte. Sie wohnte im 5. Stock, also sehr hoch oben. Einen solchen Sturz würde keine Katze überleben. Claudia stellte sich immer vor, wie Minouche aufs Balkongeländer sprang und runterfiel. Allein die Vorstellung liess ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Jeder, dem Claudia von dieser Angst erzählte, lachte sie aus. Katzen seien klug, kriegte sie zu hören. Sie sprängen nicht einfach runter. Dass Minouche einfach spränge, wollte Claudia nicht mal behaupten (wobei sie auch dafür nicht die Hand ins Feuer legen würde), aber was, wenn sie eine Fliege jagte? Dabei vergass sie sich in der Wohnung völlig, sprang ohne Rücksicht auf Verluste (bei sich und beim Mobiliar) durch die Lüfte, ganz vertieft in ihre Jagd. Würde sie bei einer Balkonbrüstung wissen, dass es dahinter runter ging, und nicht einfach springen? Claudia glaubte nicht, dass Minouche sich von ihrer Jagd abhalten liesse. Darum durfte Minouche nicht auf den Balkon. Und jeder, der bei ihr auf den Balkon ging, musste die Tür hinter sich zuziehen, und auch sie war ständig in Habacht-Stellung, wenn die Tür mal offen war.

Plötzlich hörte Claudia ein Geräusch. Minouche hatte sich am Spalt der Balkontüre zu schaffen gemacht und war rausgekrochen. Schnell rannte Claudia hinterher. Sie kam gerade auf den Balkon, als sie sah, wie Minouche schon auf dem Balkongeländer stand und runterschaute. Claudia stockte der Atem. Sie rief nach ihrer Katze, wollte sie greifen, da sprang Minouche. Claudia schaute ihr hinterher, schaute auf die grauen Steinplatten weit unten am Boden. Sie dachte nichts mehr, sie stand nur noch da, spürte, wie sich ein grosses Loch in ihrem Bauch auftat. Dann setzte sie sich in Bewegung. Sie rannte durch die Balkontür in die Wohnung, aus der Wohnungstür hinaus. Sie rannte nicht die Treppe hinunter, sie sprang jede einzelne Treppe – immerhin sieben Stufen – auf einmal hinunter, schwang sich um die Kurve, sprang wieder, schwang sich, sprang. Neun mal sprang sie, dann war sie bei der Haustüre, riss sie auf, rannte um die Briefkästen herum.

Und sah sie liegen. Zerschmettert. Claudia kniete nieder, aus ihrem Mund kam ein halb erstickter Laut. Minouche bewegte sich nicht mehr. Tränen schossen Claudia in die Augen, sie weinte – nein heulte. Stossartig. Die Trauer übermannte sie wie eine riesige Lawine. Es gab kein Halten mehr, sie versank in dieser Trauer.

Claudia wachte auf. Sie spürte die Tränen auf ihren Wangen, hörte sich selber laute Klagelaute ausstossen. Konnte sich kaum beruhigen. Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Traum hatte. Die letzten Male hatte sie ihn mit der Vorgängerkatze von Minouche geträumt. Auch Felix war auf die Brüstung gesprungen, auch Felix war runtergefallen. Felix landete aber immer im weichen Gras und wenn Claudia runterkam, war er noch am Leben, man merkte ihm nichts an. Dieses Mal war es anders gewesen. Obwohl alles nur ein Traum gewesen war, steckte Claudia der Schreck tief in den Gliedern.

Minouche musste gehört haben, dass Claudia aufgewacht war. Laut schnurrend tappte sie über Claudia, legte sich neben sie, wie immer, wenn Claudia aufwachte.

Rezension: Thommie Bayer – Weisser Zug nach Süden

Das Leben neu erfinden

Zehn Wohnungen putzt sie, wäscht und bügelt, und für zwei alte Leute kauft sie ein, so kommt sie im Schnitt auf sechs Stunden am Tag und fünf Tage in der Woche, was kein Vermögen einbringt, aber ausreicht, um sich frei zu fühlen in dem provisorischen Leben, das für Leonie als einziges erträglich scheint. […] Chiara ist eingesprungen, solange Leonie weg ist, das Angebot, oder besser die Bitte, kam im richtigen Moment: Chiara musste weg von dort, wo sie lebte, und hier wird niemand nach ihr suchen.

Chiara muss zu Hause weg, sie kann unmöglich bleiben. Zum Glück kann sie bei ihrer Freundin Leonie unterkommen und deren Leben übernehmen, da Leonie nach New York geht, wo sie ein neues Leben beginnen will. Chiara wohnt also in Leonies Haus, erledigt deren Putzaufträge und fühlt sich in diesem neuen Leben immer mehr zu Hause. Am liebsten putzt sie bei Herrn Vorden.

Irgendwas ist in dieser Wohnung, das Chiara sich fühlen lässt, als richte sie sich innerlich auf, als atme sie tiefer ein und erfrische sie der Sauerstoff, strahle aus von innen bis unter die Haut, belebe Muskeln und Sehnen, lasse sie wach werden, als habe sie bisher gedöst.

Durch kleine Unachtsamkeiten Chiaras merkt Herr Vorden, dass Chiara nicht nur putzt, sondern sich ab und an der Illusion hingibt für ein paar Stunden, sein Haus sei ihres. Es entsteht ein Austausch, bei dem Chiara nie ganz sicher ist, ob Herr Vorden nicht sogar ihre Gedanken lesen kann. Herr Vorden ist Schriftsteller und seine Geschichten kommen Chiara vor, als ob die nur aus ihr heraus endstanden sein konnten.

Weisser Zug nach Süden ist die Geschichte des Neuanfangs. Zwei junge Frauen starten ein neues Leben, brechen ihre Zelte ab im alten. Thommie Bayer hat eine kleine, leise Geschichte über den Neuanfang geschrieben. In einer klaren, lesbaren Sprache nimmt diese ihren Lauf, ohne dass viel passiert. Trotzdem wohnt der Geschichte Poesie und Tiefgang inne. Der Leser fliesst durch Chiaras neues Leben, immer ein bisschen neugieriger, wieso sie dieses suchte. Es war eine Flucht – aber wovor? Und wie lange will sie fliehen? Kann man überhaupt aus dem eigenen Leben fliehen, immer neu anfangen, wenn man das will?

Das Geheimnis Chiaras dient als Spannungsbogen durch das Buch, man möchte es ergründen und liest weiter. Die eingeschobenen Kurzgeschichten von Herrn Vorden zeigen zwar Bezüge zu Chiara und erklären das eine oder andere aus ihr, legen auch seine geheimnisvolle Natur ein wenig offen, zumindest durch Chiaras Interpretationen derselben. Allerdings halten sie einen auf bei der Erforschung von Chiaras Geheimnis, was teilweise störend wirkt. Da das Buch aber schon mit ihnen sehr dünn ist, wäre es ohne diese kaum mehr ein Roman, nur noch selber eine Kurzgeschichte. So gesehen ist Weisser Zug nach Süden eine Erzählung, die sich um verschiedene Kurzgeschichten legt, diese verbindet, so dass aus allem ein grosses Ganzes wird.

Fazit:
Weisser Zug nach Süden ist eine stimmige, flüssig lesbare Erzählung über das Leben eines Mädchens zwischen Flucht und neuem Leben. Empfehlenswert.

Zum Autor
Thommie Bayer
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Mehr zum Autor findet sich in diesem Interview: Thommie Bayer – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
BayerWeisserGebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Piper Verlag (16. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056106
Preis: EUR 16.99 / CHF 25.90
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Der junge Mann

Claudia lief durch die Bahnhofunterführung. Noch immer war alles eng, es wurde gebaut. Eigentlich seit sie denken konnte, war dieser Bahnhof ein einziges Provisorium, bei dem es jeden Morgen eine neue Überraschung war, welcher Durchgang offen, welches Gleis befahren, welcher Zug im Einsatz war. Während Claudia sich müde durch die Menschenmasse quälte, wurde sie plötzlich von hinten unsanft angerempelt. Jemand hatte mit dem Fuss gegen ihre ohnehin schwere Einkaufstüte getreten, danach ihren Arm gestreift, nun war er wenig vor ihr, murmelte ein Sorry, war schon weiter.

Ein junger Mann mit langem dunklem Bart, leicht gekraust. Die Haare irgendwo in der Mitte zwischen kurz und lang, auf der Seite nach hinten gegelt. Eine Mischung zwischen Moslem, wie man sie nun ständig in den Medien sah, und modernem Popper. Diese Mischung zog sich weiter. Er trug eine dunkelblaue, gefütterte Jacke mit Kapuze, die ein Pelzkranz zierte.

Claudia erinnerte sich, kürzlich irgendwo gelesen zu haben, dass diese falschen Pelze in Tat und Wahrheit oft echt waren, da echter Pelz günstiger sei als falscher. Bei dem Gedanken fasste sie unwillkürlich an ihre eigene Kapuze, strich mit den Fingern über den Pelzbesatz, fand, so könne sich kein echter Pelz anfühlen. Und selbst wenn: Würde es was ändern? Gekauft hätte sie die Jacke mit echtem Pelz nie, aber sie nun fortwerfen, wäre er echt? Käme auch nicht in Frage. Davon würde das Wiesel – oder was auch immer es sein könnte – auch nicht mehr fröhlich über Wiesen hüpfen. Wie sahen eigentlich Wiesel aus? Claudia hatte keine Ahnung.

Der junge Mann lief immer noch vor ihr, über die Schulter geworfen trug er eine Tasche, unter dem Arm einen Koran. Er schien es wirklich eilig zu haben, lief in Richtung der Busse. Claudia ertappte sich beim Gedanken, zu hoffen, dass er nicht in ihren Bus einstieg. Was, wenn das ein Terrorist wäre? Wenn der sich und den gesamten Bus in die Luft sprengte? Aus Protest gegen die Schweiz oder in irgendeiner Mission Allahs. Vielleicht auch nur, weil er scharf auf die Jungfrauen war. Wie viele waren es nochmals? 72? Claudia fragte sich, ob dieser Gedanke nicht sehr rassistisch war. So etwas denkt man einfach nicht, schimpfte sie mit sich. Trotzdem äugte sie ängstlich zum jungen Mann, der immer näher bei ihrem Bus war – und schliesslich einstieg.

Claudia dachte spontan daran, ob sie nicht einen Bus später heimfahren sollte. Sicher wäre sicher. Sie spürte eine innere Unruhe. Irgendwie hatte sie einfach zu viel gelesen in letzter Zeit. Überall auf der Welt gab es Tote. Busse flogen in die Luft, Cafes wurden gestürmt, Menschen entführt, Redaktionen ausgelöscht. In der Theorie hatte sie ja nichts gegen Menschen irgendeiner Religion, aber sie merkte bei sich eine schleichende Angst, die sich breit machte, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.

Claudia stieg in den Bus ein. Sie setzte sich ganz nach hinten, wie immer. Der junge Mann sass weiter vorne. In dem Moment stieg ein Freund von ihm ein, sie begrüssten sich, der Zweite setzte sich neben den jungen Mann. Claudia holte ihr Buch aus der Tasche und versuchte zu lesen. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, sie schielte immer wieder nach vorne. Dann senkte sie die Augen wieder ins Buch, versuchte der Geschichte zu folgen. Als sie wieder aufschaute, war der junge Mann verschwunden. Ebenso sein Freund. Claudia schämte sich, spürte aber auch Erleichterung.

Rezension: Ian Rankin – Mädchengrab

Mit eigenen Methoden

„Sechs Jahre…“ Sie starrte mit leerem Blick an ihm vorbei.
[…]
„Meine Tochter Sally.“
„Wann ist sie verschwunden?“
„Silvester 1999“ ,erwiderte Hazlitt.
„Und seither keine Spur von ihr?
Die Frau senkte den Blick und schüttelte den Kopf.

Über Jahre verschwanden entlang der A9 immer wieder Mädchen, alle entlang derselben Strasse. Rebus erkennt das Muster, stösst aber bei seinen Mitarbeitern auf taube Ohren, bei seiner ehemaligen Abteilung sowieso.

Rebus starrte ihn an. „Und was hast du auf der A9 getrieben?“
Cafferty zuckte mit den Schultern. „Illegale Müllentsorgung, könnte man sagen.“
„Du meinst, du hast Leichen verschwinden lassen?“
[…]
„Im Laufe der Jahre sind dort ein paar Frauen verschwunden – du weißt nicht zufällig was darüber?“

Eigentlich ist Rebus in diesem 18. Kriminalroman aus der Reihe im Ruhestand, er arbeitet aber noch in einer kleinen Einheit, die sich mit ungeklärten Fällen beschäftigt. Dass diese bald auch aufgelöst werden soll, verdrängt Rebus lieber, auch die Frage, was er dann machen soll mit seinem Leben. Am besten gelingt ihm dieses Verdrängen wie eh und je mit Bier und Whiskey. Zwar hat er intern einen Antrag gestellt auf Wiedereinstellung, doch macht ihm eine interne Untersuchung das Leben schwer, zumal der Untersuchende alles andere als objektiv, sondern wenig angetan von Rebus eigenmächtigen und eigensinnigen Vorgehensweisen ist. Und genau diese setzt Rankin auch dieses Mal wieder ein.

Mädchengrab ist der 18. Roman einer Krimireihe, die nach 17 Folgen eingeschlafen ist, nun wiederbelebt wurde. Der Krimi lässt sich auch ohne die Kenntnis der vorhergehenden Fälle gut lesen, er steht unabhängig. Ob die Wiederaufnahme gelungen ist, ist schwer zu sagen, der Krimi hat deutliche Längen, wenig Spannung, mehr Plänkeleien zwischen den einzelnen Polizisten denn wirkliche Aufklärungen oder etwas, das passiert.

Rebus ist sehr klar gezeichnet, man kann ihn fassen, er wird plastisch aus dieser Geschichte. Die anderen Figuren treten dagegen deutlich zurück, man erfährt am Rande, wie sie aussehen, teilweise nicht mal das (ist vielleicht aus früheren Fällen bekannt). Nicht, dass dies ein grosser Negativpunkt wäre, es fällt aber beim Lesen auf.

Es werden im Lauf des Krimis einiges Verdächtige präsentiert, jeder hätte es sein können. Auch wartet der Krimi mit Überraschungen auf, die wieder ein neues Licht auf die ganze Geschichte werfen, trotzdem plätschert er eher, als dass er reisst. Ian Rankin gelingt es aber, die Neugier auf den wirklichen Täter so hoch zu halten, dass man weiter liest. So gesehen hat Ian Rankin alles richtig gemacht, hätte es aber noch ein bisschen besser machen können.

Fazit:
Mädchengrab ist ein guter, wenn auch kein packender Krimi. Gut gemacht mit Luft nach oben. Wer Rebus mag, wird dieses Buch mögen, auch ohne Kenntnis der vorhergehenden Fälle ist es gut lesbar.

 

Zum Autor
Ian Rankin
Ian Rankin wurde 1960 in Schottland geboren und studierte Literaturwissenschaft an der Universität von Edinburgh. Seine ersten Bücher entstanden als Nebenprodukt seiner Doktorarbeit. Berühmt machte ihn die „Inspector-Rebus“-Reihe, deren erster Band 1987 erschien. Nach 17 Fällen, zuletzt Ein Rest von Schuld, pensionierte Ian Rankin seinen Chefermittler und ließ ihm einen jungen Ermittler, Inspector Malcolm, nachfolgen. Ian Rankin ist einer der erfolgreichsten britischen Krimiautoren. Seine Bücher werden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, er ist Preisträger vieler nationaler und internationaler Auszeichnungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Edinburgh. Von ihm erschienen sind Verborgene Muster, Wolfsmale, Ein Rest von Schuld, Ein reines Gewissen, Die Sünden des Gerechten,, u. a. m.

Angaben zum Buch:
RankinIanTaschenbuch: 544 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. Mai 2014)
Übersetzung: Conny Lösch
ISBN-Nr.: 978-3442480913
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Das Leid der Welt

Wir sind vernetzt. Wir sehen das Leid der ganzen Welt. Sehen Elefantenbabies sterben bei der Geburt, sehen Menschen, die geköpft werden am anderen Ende der Welt. Wir hören von Menschen, die irgendwo sterben, an einem Ort, von dem wir noch nie gehört haben, den wir erst auf dem Globus suchen müssen. Und wir sind betroffen. Weinen. Wir möchten das nicht sehen, hören aber, wir dürfen nicht wegschauen. Wer wegschaut, ist feige. Der verschliesst seine Augen vor dem Leid der Welt. Ist ignorant. Fast schon arrogant.

So lesen wir Zeitungen, stöbern im Internet, schauen auf Facebook das Leid der Menschen an, wünschen uns eigentlich unbekannten Leuten alles Gute zum Geburtstag und kondolieren ebensolchen beim Tod ihrer Katze.

Wie heisst eigentlich die Katze der Nachbarin? Oder hat sie einen Hund? Oder einen Vogel? Im Käfig? Keine Ahnung. Dafür reicht die Zeit nicht. Vom Interesse ganz zu schweigen. Wir müssen uns mit dem Leid der ganzen Welt beschäftigen. Man muss schliesslich Anteil nehmen. Darf nicht ignorant sein und schon gar nicht arrogant scheinen.

Buch vs. iPhone

„Gestern war ich mit Klaus aus. Klaus studiert Jus und arbeitet schon in der Kanzlei seines Vaters mit. Klaus holte mich mit seinem Porsche ab. Leider war der Abend ziemlich öde. [Gequälter Seufzer] Ich wusste gar nicht, was reden mit Klaus. Er hatte auch nicht viele Themen und mehr als Paragraphen scheint ihn auch nicht zu interessieren. Aber ich gebe ihm nochmals eine Chance. Bald ist der Polyball und er fragte, ob wir gemeinsam hingehen. Ich meine, der Porsche war schon schön und jeder hat ja eine zweite Chance verdient.“

Eigentlich wollte ich lesen. Ich lese immer im Tram auf dem Heimweg von der Arbeit. Diesmal wollte es mir nicht gelingen. Die junge Frau neben mir war soeben eingestiegen, laut telefonierend, sie hatte heute offensichtlich mehr zu erzählen als bei Klaus. Vermutlich hätte der auch keine Freude gehabt an dem, was ich gerade hörte, an dem, was folgen sollte, noch weniger. Weiter ging es:

„Ich hatte eh nur eine Stunde Zeit gestern, danach traf ich noch Harald. Der arbeitet irgendetwas Soziales, keine Ahnung mehr was. Eher so der Ökotyp. Fährt nur Bus und Bahn, Autos findet er unnötig in der Stadt. Hat ja schon was, aber irgendwie…ich weiss nicht, ob mir das gefallen würde. [Der Redeschwall ist unterbrochen, das Gegenüber scheint etwas zu sagen] Was meinst du? Der Abend? Der war toll. Der hatte ja so viel zu erzählen. Plötzlich waren drei Stunden um und ich musste mich beeilen, dass ich das letzte Tram noch erreichte. Ich weiss nicht, ob ich ihn nochmals wiedersehe. Er hat mir seine Nummer gegeben. Mal schauen. Nächste Woche treffe ich noch Jochen, der ist Wirtschaftsprüfer, und Karl, der ist Marketingleiter. Mal sehen, wie das wird.“

Ich weiss gar nicht, ob ich froh sein soll, dass sie aussteigt, weil ich nun endlich meinen Krimi weiterlesen kann, oder ob ich es bedaure, nicht mehr weiter zuhören zu dürfen.

Macht man nicht, einfach anderen beim Telefonieren zuzuhören? Mag sein. Ich hätte die Musik durch meine Kopfhörer rieseln lassen können, die noch in meinen Ohren steckten, nur kann ich mit Musik nicht lesen, drum schalte ich die im Tram immer aus….

„Wie kann ich helfen?“

Heute stolperte ich über den Artikel von Shane Burcaw, der davon handelt, dass seine Freundin oft für seine Betreuerin gehalten wird, da es in den Augen der Gesellschaft kaum sein kann, dass eine hübsche junge Frau die Freundin eines sogenannt behinderten Menschen ist. Das ist traurig genug, zeigt es doch die Wertesysteme in den Köpfen der Menschen.

Der Artikel handelt davon, wie sich Anna und Shane kennenlernten und wie Anna durch die Schule des „Wie helfe ich Shane?“ durchging. Mit gemeinsamem Lachen wurden diese Lektionen gelernt und überall, wo etwas landläufig „Normales“ nicht geht, erfinden die beiden Neues. Spontan kam mir der Gedanke: „Wie praktisch! Eigentlich ein Vorteil.“ Wieso?

Bei Shane ist es offensichtlich: Er kann gewisse Dinge nicht, er braucht bei gewissen Dingen Hilfe und man braucht ab und an Phantasie, neue Wege zu finden, weil die gängigen nicht gangbar sind. In Beziehungen, in denen keiner von beiden eine offensichtliche Einschränkung hat, geht man davon aus: Alles gut, alles normal, alles muss gehen. Man überlegt sich nie, wie man dem anderen helfen könnte, das Leben zu bestreiten, da man davon ausgeht, dass er das selber kann. In allen Bereichen. Und jeder Bereich, der nicht klappt (vor allem nicht so, wie man das gerne hätte von ihm), gereicht zum Vorwurf.

Menschen sind nie perfekt. Jeder hat seine Einschränkungen, seine Beschränkungen, seine Behinderungen. Die einen haben sie offensichtlich, bei den anderen sind sie gut versteckt. Versteckt vor allem auch, weil man weiss, dass von einem erwartet wird, perfekt zu sein, da jede Schwäche ganz schnell gegen einen verwendet werden kann. Das sogar in Partnerschaften. Da wird nicht gefragt: „Wie kann ich dir helfen, mit Dingen umzugehen, die dir schwer fallen?“, sondern oft gesagt: „Hab dich nicht so!“ Nicht mal nur bös gemeint, einfach unverstanden. Wir gehen von uns aus, dass wir sehen und wissen, wie wir mit Dingen umgehen würden, und erwarten, dass der andere dies auch so tut. Weil es ja machbar ist. Für uns.

Dass wir selber auch nicht alles ganz souverän meistern, übersehen wir dabei gerne. Und wenn wir es sehen, erwarten wir vom anderen Verständnis. Und wenn er es nicht versteht, dann nehmen wir ihm das übel, weil er es doch sehen müsste. Nur sieht er uns als gesunde Menschen und denkt: „Was hat die/der bloss?“ Dabei wäre auch hier der Ansatz hilfreich: „Wie kann ich ihr/ihm helfen?“

Irgendwo las ich, Menschen wären Mängelwesen. Die Quelle kann ich nicht anführen, aber der Ausspruch ist – glaube ich – bekannt. Wieso stürzen wir uns also gleich auf das, was nicht unseren Erwartungen entspricht und verurteilen, statt uns zu fragen: „Wie kann ich helfen?“

Frau muss sich Würde mit Geld verdienen

Wieder einmal definiert eine Frau, was sich für Frauen gehört und was nicht. Und sie schreibt einen Artikel darüber. Eigenes Geld zu verdienen sei eine Frage der Würde. Sagt sie. Frau muss sich also Würde verdienen, sie kommt ihr nicht ihres Daseins wegen zu. Die gute Schreiberin zeichnet eine Welt in schwarz und weiss. Da gibt es entweder die selber arbeitenden Würdenträgerinnen (und Arbeit ist nur, was man ausser Haus und für Geld tut) und die verwöhnten Weibchen, die sich würdelos aushalten lassen, nichts anderes können als mit der Kreditkarte zu winken.

Als man sich für Emanzipation stark machte, ging es darum, dass Frauen dieselben Rechte erhalten sollen wie Männer. Es sollen ihnen genauso viele Möglichkeiten offen stehen wie Männern auch. Dass das Schaffen der Möglichkeiten ihnen aber die Wahl nehmen soll, sich frei zu entscheiden, stand da nirgends. Genau das passiert aber heute. Wer sich für ein traditionelles Rollenmodell entscheidet, wird gleich als wenig emanzipiert (im besten Fall), wenn nicht gar als Verräter an der Sache (im schlimmsten) hingestellt.

Noch heute ist es so, dass sehr viele Betreuungsaufgaben in der Familie (von Kindern bis hin zu pflegebedürftigen Familienmitgliedern) an Frauen hängen. Für Arbeit daneben ist oft kaum Zeit oder Kraft. Dieser Umstand ist sicher nicht ideal, vor allem, wenn er aus der Not heraus Rollen aufzwingt, die so nicht gewollt sind. Der Frau, die in dieser Rolle ist, nun noch die Würde abzusprechen und sie zusätzlich noch kleinzumachen, macht die Situation sicher nicht besser. Da diese Frauen aber nichts verdienen, tut die Verfasserin genau das.

Und dann gibt es noch Familien, in denen Rollen verteilt sind. Einer arbeitet ausser Haus, einer im Haus. Einer betreut mehrheitlich die Kinder, der andere arbeitet für Geld. Beide müssen (und wollen) sich auf einander verlassen können, denn nur so funktioniert das. Bei dem Modell sei die Frau nicht auf Augenhöhe. Sie sitzt also quasi automatisch auf einem tieferen Level als der Mann. Und ohne verdientes Geld entbehrt sie auch der Würde. Heisst es im Artikel. Komischerweise spielt dieser das Modell für den Mann nicht durch. Was, wenn der Hausmann ist? Klar ist das nicht so häufig, aber es gibt auch das.

Artikel wie dieser sind es, die Frauen in Modelle zwingen. Fügen sie sich nicht, sind sie unten durch. Und es sind selten Männer, die solche Artikel schreiben, die solche Verhaltensmaximen aufstellen für Frauen. Und genau mit solchen Artikeln wird bewirkt, dass eben die Betreuungsaufgaben, die Frauen (oft unentgeltlich) übernehmen, nichts wert ist, gering geschätzt wird. Für mich ist diese Sicht menschenverachtend und frauenverachtend.

 

Ich mein‘ ja nur – weil ich das darf

Nimmt man die Schweizer Bundesverfassung, so liest man im ersten Teil deren allgemeinen Bestimmungen und im zweiten Teil die Grundrechte, Bürgerrechte und Sozialziele. Die Grundrechte stehen nicht nur an erster Stelle des zweiten Teils, durch diese Stellungen kommt ihnen hierarchisch auch eine Höherstellung in der Bedeutung und Anwendung zu.

Artikel 16 besagt:

  1. Die Meinungs- und Informationsfreiheit ist gewährleistet.

  2. Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.

  3. Jede Person hat das Recht, Informationen frei zu empfangen, aus allgemein zugänglichen Quellen zu beschaffen und zu verbreiten.

Das Recht auf eine eigene Meinung und das Recht, hat eine lange Geschichte. In Frankreich geht sie ins Jahr 1789 zurück, stand da im Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und wurde als kostbarstes Recht der Menschen bezeichnet. Zwar war es nicht – wie landläufig angenommen – Voltaire, der den berühmten Spruch prägte, allerdings veranschaulicht das Zitat sowohl dessen Meinung wie auch die Bedeutung der Meinungsäusserungsfreiheit:

Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.

Meinungsäusserungsfreiheit wird immer dann zum Thema, wenn sie irgendwie unter Beschuss steht. Wenn Menschen leugnen, dass es den Holocaust gegeben hat, berufen Sie sich auf dieselbe. Ein Strafartikel gegen diese Leugnung wird mit dem Recht auf freie Meinung abgeschmettert. Eigentlich ein Paradox, wurde deren Wert doch erst nach dem historischen Unrecht des Zweitens Weltkriegs explizit in den meisten Verfassungen verankert. Es gäbe auch aktuellere Beispiele aus der Politik, aber ich möchte gar nicht so weit gehen, da es mir um die Sache, nicht um einzelne Vorfälle geht.

Man muss gar nicht so weit gehen, kann schon im ganz kleinen und privaten Rahmen bleiben. Ich darf meinem Nachbarn sagen, er sei ein Arschloch, weil er seine Frau betrügt. Das wäre zwar nicht wirklich stilvoll in der Wortwahl, aber es müsste erlaubt sein, wäre es meine Meinung. Und ich habe das Recht, sie ihm vor den Bug zu knallen. Bei dem Beispiel würden mir wohl viele zustimmen. Ich darf meinem nächsten Nachbarn sagen, er sei ein Hohlkopf, weil er Katholik ist und alle, die glauben, nicht selber denken können. Könnte ich tun, wäre es meine Meinung, denn wir leben in einem Land mit Meinungsäusserungsfreiheit. Hier würde es ein bisschen schwieriger. Artikel 15 der Schweizer Bundesverfassung besagt nämlich, dass jeder glauben darf, was er will, er jeder Religion beitreten, ihr angehören und deren vorgeschriebenen Handlungen vornehmen dürfe. Mit meiner Aussage nehme ich ihm zwar dieses Recht nicht, aber ich beleidige ihn. Würde ich nun weiter gehen und sagen, dass ich am Wochenende eine Grillparty mache, da aber nur selber denkende Menschen und keine Hohlköpfe einladen möchte, würde das Eis ganz dünn. Noch dünner würde es, wenn ich Personalfachfrau in einem Grossbetrieb wäre und ihn nicht einstellen würde, weil ich ebensolche nicht haben möchte. Zumindest rechtlich würde es dünn. Nun könnte ich natürlich sagen, meine ganzen Ausführungen seien reine Satire gewesen. Satire darf alles. So heisst es.

Treten wir einen Schritt zurück und fangen wir nochmals vorne an:

Meinungsäusserungsfreiheit.

Meinungsäusserungsfreiheit ist die Freiheit, alles denken zu dürfen, was ich glaube, finde, meine, und dieses auch äussern zu dürfen. Es ist mein Recht. Im Wort Meinungsäusserungsfreiheit steckt das Wort Freiheit drin. Was ist Freiheit? Die Definition und deren Begründung würden ganze Bücher füllen – mehr, als ich hier zur Verfügung habe. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Freiheit heisst, dass man die Wahl hat. Die Wahl, zwischen Möglichkeiten zu entscheiden. Der Begriff wurde im Zeitalter der Aufklärung wichtig, vorher waren Freie und Unfreie an der Tagesordnung. Die Aufklärung forderte die Befreiung des Menschen. Grundrechte kamen ins Spiel. Der Gesellschaftsvertrag wurde aus philosophischer Sicht relevant. Langer Rede kurzer Sinn: Indem der Mensch auf das Recht auf alles (absolute Freiheit, die aber bei Lichte betrachtet absolut gesehen gar keine ist), verzichtet, erhält er die Freiheit innerhalb gewisser (staatlich geregelter) Grenzen frei zu sein. Darauf gründet der Artikel 10 der Schweizer Bundesverfassung:

  1. Jeder Mensch hat das Recht auf Leben. Die Todesstrafe ist verboten.
  2. Jeder Mensch hat das Recht auf persönliche Freiheit, insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit.
  3. Folter und jede andere Art grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Bestrafung sind verboten.

Noch früher haben wir Artikel 8, Absatz 2:

Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.[1]

Um mit dem ganzen Rechtsdeutsch nachher abschliessen zu können, liefere ich gleich noch Artikel 7:

Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.

Kommen wir zurück zur Meinungsäusserungsfreiheit. Darf ich wirklich alles denken? Klar, das darf ich und das ist gut so. Das ist meine persönliche Freiheit und Gedanken sind frei. Ich darf diese Gedanken auch äussern, meinem Partner gegenüber, meinen Kindern, Freunden. Sie dürfen mir ihre Meinung entgegen halten. Ob es wirklich sinnvoll ist, andere Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Religion, Herkunft, Rasse, etc. gering zu schätzen und denkend und sprechend herabzusetzen, das muss jeder für und mit sich selber entscheiden. Ich persönlich sehe darin nur eine Art, sich über andere Menschen zu stellen, eine Form von Selbstbehauptung im Stil: Ich bin besser, ich kenne die Wahrheit, du hast sie nicht erkannt und unterliegst mir deswegen. Ich persönlich finde das arm. Und ich darf das sagen, denn schliesslich ist das meine Meinung und die ist ja frei. Wenn jemand eine andere hat, höre ich mir diese gerne an – aber nur, wenn es Argumente dazu gibt.

Gehen wir zurück zu den Beispielen: Der Fremdgänger (er könnte auch weiblich sein, das würde an der Situation nichts ändern) hat einem anderen Menschen weh getan. Insofern kann man sagen, dass da eine Verurteilung seines Tuns eine Form von Aufdecken eines (moralischen) Fehltritts ist. Der Katholik (der nur glaubt und nicht grad irgendwelche Kreuzzüge begeht) tut niemandem weh. Er hat für sich ein Lebensmodell und ein Glaubensmodell entdeckt, das ihm hilft, in dieser (wahrlich nicht einfachen) Welt zu bestehen. Für mich denken, dass das nichts für mich wäre, ich das nicht nachvollziehen kann, ich eine andere Art, mein Leben zu leben und die darin passierenden Dinge zu begründen wählte, ist erlaubt. Aber: Muss ich ihm das wirklich sagen? Darf ich ihn in seinem Lebensmodell lächerlich machen? Darf ich seine Werte durch den Kakao ziehen?

Ist der Sinn von Meinungsäusserungsfreiheit wirklich, Menschen, die anders denken, beleidigen zu dürfen? Darf man mit Bezug auf Artikel 16 Werte anderer durch den Dreck ziehen? Wo bleibt da Artikel 7?

Und so bleibe ich dabei:

Die eigene Freiheit hört da auf, wo die Freiheit eines anderen tangiert wird.

Ohne Rücksicht auf Verlust alles in die Welt posaunen zu dürfen, weil es ja die eigene Meinung ist, hat in meinen Augen eher Ähnlichkeit mit dem Trotzverhalten eines Kleinkindes, als dass es erwachsenes, durchdachtes, vor allem fundiertes Denken demonstriert. Eine friedlichere Welt wird daraus sicher nicht resultieren. Es verhärtet nur die Fronten.

Wer nun aus diesen Zeilen liest, dass dies eine Rechtfertigung von irgendwelchen Gräueltaten auf (sogenannte) freie Meinungsäusserung sei, hat wohl etwas in den Artikel gelesen, das nicht da stand. Gewalt in jeglicher Form wird von der hier Schreibenden IMMER verurteilt und NIE als gerechtfertigte Reaktion auf was auch immer erachtet. Aber: Manchmal hilft es trotzdem, sich zu fragen, was man genau erreichen will, wenn man gewisse Dinge vom Stapel lässt. Wenn es bloss Selbstprofilierung und Sauglattismus ist, würde man es vielleicht besser unterlassen – Meinungsäusserungsfreiheit geht tiefer und sollte nicht für alles herhalten müssen.

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[1] Hier kommt das Thema Inklusion ins Spiel, das in einem späteren Artikel aufgegriffen werden wird.

Michael Kibler – Nachgefragt

©Ralf Kopp
©Ralf Kopp

Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren, studierte an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, im Hauptfach Germanistik mit den Nebenfächern Filmwissenschaft und Psychologie. 2005 veröffentlichte er den ersten Krimi Madonnenkinder, es folgen weitere Darmstadt-Krimis mit dem Ermittlerteam um Margot Hesgart und Steffen Horndeich. Neben den Krimis schreibt Kibler schreibt auch Sachbücher, hat schon einige Krimi-Kurzgeschichten veröffentlicht und zudem als Texter und PR-Profi tätig. Michael Kibler lebt in Darmstadt, wo er Lesungen, Stadtführungen durch Darmstadt und Schreib-Workshops anbietet. Von ihm erschienen sind Madonnenkinder, Opfergrube, Sterbenszeit u. v. m.

Michael Kibler hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich versuche mal, das auf zehn Stichpunkte zu reduzieren: Geboren im Sternzeichen Fisch – viele Umzüge in der Kindheit – in Darmstadt Heimat gefunden – leidliches Abi, guter Studienabschluss – Artikel in McDonald‘s-Kino News erster bezahlter Text – Groschenromane für Bastei – Festanstellung in Öffentlichkeitsarbeit, aber nur kurz – freiberuflich Texter Vollzeit – erfolgreiche Krimireihe – Schriftsteller Teilzeit.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Während der Schulzeit haben mir Deutscharbeiten immer dann Spaß gemacht, wenn ich eine Geschichte erzählen durfte. Erst mit knapp 20 habe ich dann angefangen, eigene fiktive Geschichten zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Natürlich braucht es Phatasie, aber gerade beim Schreiben von Kriminalliteratur geht ohne Handwerk überhaupt nichts. Man muss wissen, wann man wie Wendungen einbaut, Erzählenswertes von nicht Erzählenswertem trennt, Spannung erzeugt et cetera. Dazu hat weniger mein Germanistikstudium beigetragen, als das Nebenfachstudium der „Filmwissenschaft“. Ich habe mich über Alfred Hitchcock prüfen lassen – da habe ich etwa sehr viel über das Geschichtenerzählen gelernt. Und ich habe mir sofort fünf McGuffins gekauft. Ansonsten lernt man sehr viel über jedes ernst gemeinte Lektorat.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bevor ich die erste Zeile des Buches schreibe, ist die Geschichte bereits komplett recherchiert. Das liegt auch daran, dass meine Krimiplots eher komplexer Natur sind. Wenn ich diese Geschichte sauber erzählen will und ohne lose Enden zu Ende bringen möchte, kann ich auf ein Drehbuch beim Schreiben nicht verzichten.

Wann und wo schreiben Sie?

Das Wann ist nicht so festgelegt, wobei ich tendenziell das eigentliche Buchschreiben eher in den Abendstunden praktiziere. Ich schreibe meistens an meinem Schreibtisch. Da ich angefangen habe, mit einem Spracherkennungsprogramm zu arbeiten, geht das im Moment auch kaum woanders, denn am Schreibtisch steht der schnelle Rechner. Gut, dass ich mich dort wohlfühle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich bin bekennender Serien-Junkie, wobei beim Seriengucken der Übergang zwischen Abschalten und Fortbildung fließend ist. Dank der modernen Smartphones hat man inzwischen auch immer einen Notizblock dabei – sehr praktisch. Ja, ich bin durchaus in der Lage, mir selbst freizugeben. Ironischerweise kommen mir immer dann die besten Ideen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein heißt, dass für mich der Beruf Berufung ist. Aber die Berufung ist ja auch Beruf – und muss damit professionell ausgeübt werden, damit man davon seine Existenz bestreiten kann. Wie jeder Autor, welcher der Spiegel-Bestsellerliste nicht mit jedem Buch einen Besuch unter den ersten zehn Plätzen abstattet, ist der Kampf auch immer wieder ein materieller. Ebenfalls, und ich denke da geht es den meisten Kollegen gleich, ist es anstrengend, stets die nötige Selbstdisziplin und Selbstmotivation aufzubringen. Die Freuden? Der Lohn ist nicht nur ein materieller: Wenn mir Leser erzählen, dass bestimmte Stellen meiner Bücher sie sehr berührt haben, dass meine Geschichten gerne gelesen werden – das ist einfach unbeschreiblich.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Das ist ganz klar der berufliche Teil der Berufung. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die, um zu existieren, schwarze Zahlen schreiben wollen und müssen. Ebenfalls müssen Autoren ein angemessenes Honorar bekommen, unabhängig davon, ob sie vom Schreiben leben oder es nebenberuflich betreiben. Dass diese beiden gegensätzlichen Positionen nicht ohne Konflikte ausgetragen werden, ist völlig klar. Das Verlagswesen verändert sich, ganz besonders durch die Digitalisierung der Bücher. Ich denke nicht, dass das Verlagswesen am Ende ist, aber es wird neben der klassischen Lieferkette Autor-Verlag-Leser weitere, neue Vertriebswege geben. Wohin die Reise geht, kann ich auch nicht sagen.

Sie wohnen in Darmstadt, schreiben Krimis in und um Darmstadt. Beschränkt das nicht ein wenig die kritische Sicht, weil man zu nah dran ist? Nehmen Sie Rücksicht, um niemandem auf die Füsse zu treten?

Mit „Sterbenszeit“ habe ich ja nun einen Krimi veröffentlicht, dessen Handlung sich über die ganze Bundesrepublik zieht. Die Motivation: „Endlich mal niemandem auf die Füße treten, den ich kenne.“ Im Ernst: Meine Krimis beschäftigen sich mit Menschen, ihren Motivationen, ihren Nöten, ihren Affekten. Dass sich diese Geschichte in meinem persönlichen Umfeld ansiedeln kann, hat aus meiner Sicht viele Vorteile, eben weil man das Umfeld kennt. Ich halte jedoch ganz bewusst stadtspolitische Aspekte aus meinen Büchern heraus. Erstens bin ich kein Politiker und zweitens wären die Themen bereits oft erledigt, wenn das Buch in Druck ginge. Ansonsten bin ich da ganz pragmatisch: Orte, an denen etwas Positives passiert, werden mit richtigem Namen genannt, Orte, bei denen das nicht so ist, bekommen ein fiktiven Namen. So bleiben meine Füße heil und die Leser können sich ganz auf die Geschichte konzentrieren.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Jede meiner Geschichten hat quasi einen Startschuss im Kopf: eine Begebenheit, eine Nachricht aus dem Radio, ein geschichtliches Ereignis. Um nach diesem Startschuss den Marathon zu laufen respektive zu schreiben, braucht es drei Dinge: erstens Fantasie, zweitens (Lebens-) Erfahrung, die die Fantasie speisen kann, und drittens saubere Recherche. Wichtig, gerade im Zeitalter des ewigen Löschens und Verbesserns ist die Disziplin, eine Geschichte zu Ende zu erzählen und dieses Ende dann als solches zu akzeptieren. Erst dann ist wieder Platz für die kommende Geschichte.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Kibler steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich behaupte immer, meine Geschichten und meine Figuren seien in keiner Weise autobiografisch. Und ich kann bis heute nicht verstehen, warum die Menschen, die mich ein wenig besser kennen, dann immer breit grinsen. Ich denke, und das meine ich jetzt ohne Scherz, dass sich in jedem meiner Bücher meine grundsätzliche Lebenseinstellung und auch meine Werteskala wieder finden. Sicher kann ich Figuren beschreiben, die diese Werte nicht teilen, aber die kommen dann entweder nicht gut weg, oder die Geschichte basiert auf rabenschwarzem Humor. Und wenn ich meine Bekannten darum bitte, ihr Grinsen zu erklären, dann muss ich schon feststellen, dass die eine oder andere Eigenheit meiner Person auch auf meine Figuren abfärbt. Was definitiv der Fall ist: Keine meine Figuren ist ein Alter Ego.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Zunächst hat der Krimi einen großen Vorteil: Per Definition ist ein Spannungsbogen vorgegeben. Meist steht die Frage „Wer war es?“ im Vordergrund, manchmal auch die Frage „Warum tat er es?“. Wenn ich nun beim Schreiben nicht die ersten 20 Seiten völlig verbocke, habe ich eine gute Chance, dass der Leser meine Geschichte bis zur letzten Seite verfolgt. Das Schöne daran: Rund um den Spannungsbogen kann ich Geschichten und Themen einflechten, die mir persönlich wichtig sind. Via Krimi die bösen Seiten ausleben zu können – das halte ich für ein Klischee. Denn es steckt viel zu viel Arbeit, Recherche und Konstruktion in der Geschichte, um damit spontane Affekte, Hinterhältigkeit oder Wut zu befeuern. Ich kann mir allerdings vorstellen, woher dieses Klischee stammt: Hat man beim Schreiben alles richtig gemacht, schimmern Arbeit, Recherche und Konstruktion nicht mehr zwischen den Worten hervor. Was nicht heißt, dass nicht der eine oder andere Seitenhieb zwischen den Zeilen versteckt sein könnte, den die entsprechenden Personen auch durchaus identifizieren können. Don’t mess with a writer! 😉

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Einen politischen Auftrag haben Politiker. Ein Autor hat einen anderen Auftrag: eine gute Geschichte zu erzählen. Das ist sein Job. Dass darin politische Themen aufgegriffen werden können ist eine Möglichkeit, aber keine Verpflichtung. Politische Ereignisse spiegeln sich in meinen Büchern eher weniger, sehr wohl aber gesellschaftliche Fragen. Dabei ist es mir wichtiger, unterschiedliche Sichtweisen auf ein Problem zu beleuchten als einseitig Position zu beziehen. Ich halte es da mit Steven Spielberg, dessen Satz in einem Interview mir sehr gefallen hat: „Ich weigere mich, auf komplizierte Fragen einfache Antworten zu geben.“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Einer der Autoren, die ich am aller liebsten lese, ist Steven King. Ihm gelingt meist, was ich an Büchern am meisten schätze: Wenn ich die Buchdeckel zuschlage, habe ich das Gefühl, Menschen und ihre Geschichte kennengelernt zu haben. Wenn mich die Personen fesseln, kann ich Schwächen in der Geschichte billigend in Kauf nehmen. Kings epische Beschreibungen von Horror sind überhaupt nicht mein Ding, dennoch lese ich seine Bücher. Zu sagen, er habe mich geprägt – nun, vielleicht pathetisch, auf der anderen Seite jedoch: ja.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreibe. Schriftsteller unterscheiden sich von Nicht-Schriftstellern genau dadurch. Und nicht dadurch, dass sie sagen, sie müssten mal ein Buch schreiben.

Schreibe zu Ende. Richtigen Platz im Kopf für die nächste Geschichte gibt es immer erst, wenn die vorige zu Ende erzählt worden ist.

Schreibe weiter. Auch wenn du beim Schreiben nicht das Gefühl hast, dass dir jetzt gerade der Meisterwurf gelingt. Das ist unerheblich. Denn sonst wirst du Punkt Zwei nie erfüllen.

Suche dir Sparring-Partner. Das Bild ist wörtlich zu nehmen: Ohne Training wird man nicht besser. Ach ja, wenn du boxen lernen willst, brauchst du als Sparringpartner einen Boxer. Wenn du schreiben lernen willst, einen, der mit Texten zu tun hat.

Trainiere für den Marathon im dicken Fell. Möchtest du erreichen, dass der Rest der Welt an deinen Texten teilhat, trittst du vom Spielfeld des reinen Schreibens auf das größere und härtere Spielfeld mit dem Namen „Literaturmarkt“. Ein dickes Fell ist hier hilfreich, Ausdauer, Beharrlichkeit und eine Packung Schmerztabletten sind unerlässlich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Ich

Manchmal wünsche ich mir…

…ich liebte jemanden so, dass meine Welt zusammenbräche, wäre er nicht mehr

…ich könnte mir ein Leben ohne den Einen nicht vorstellen

…der Eine wäre alles für mich, ich nichts ohne ihn

Dann sehe ich…

…die Welt wird immer weiterbestehen, egal, wer kommt oder geht

…es gibt ein vorstellbares Leben auch ohne den Einen

…ich bleibe ich, wer immer kommt oder geht

Und irgendwie ist das gut so!

Rezension: Guillaume Musso – Vielleicht morgen

Eine zweite Chance

Ihm wurde klar, dass in knapp einer Woche Weihnachten war, und diese Feststellung versetzte ihn in einen Zustand des Kummers und der Panik. Er sah mit Entsetzen den ersten Jahrestag von Kates Tod auf sich zukommen…diesen verhängnisvollen 24. Dezember 2010, der sein Leben mit Trauer und Schwermut erfüllt hatte.

Mathew ist Philosophieprofessor und lebt in Boston. Seit dem Tod seiner über alles geliebten Frau Kate kümmert er sich alleine um seine Tochter. Emma lebt in New York, sie ist Sommelier in einem guten Restaurant. Wäre ihr Leben nicht gezeichnet von falschen Beziehungen, wäre es ein gutes Leben. Sowohl Mathew wie auch Emma kämpfen mit ihrer Vergangenheit, sind immer wieder Ängsten und auch Verzweiflung ausgesetzt.

Eines Tages kreuzen sich ihre Wege auf wundersame Weise. Was als E-Mailaustausch startet, soll beim Essen in einem kleinen italienischen Lokal weitergeführt werden. Als Emma im Restaurant ankommt, wartet sie vergebens auf Mathew. Auch Mathew wartet vergebens.

Ich war da, Matthew. Ich habe den ganzen Abend auf Sie gewartet. Und ich habe keine E-Mail von Ihnen beikommen!

Dann haben Sie sich vielleicht im Restaurant geirrt?

Nein, es gibt nur eine Nummer 5 im East Village.

Das ist erst der Anfang. Was dann kommt, stellt die Vergangenheit und auch die Zukunft von Emma und von Matthew auf die Probe.

Guillaume Musso ist mit Vielleicht morgen ein packender Roman gelungen, der eine Mischung aus Liebesgeschichte und Krimi darstellt. Gewisse literarische Finessen lassen die Geschichte ins irreale abdriften, was dem Buch aber keinen Abbruch tut, selbst wenn man lieber realitätsnahe Literatur liest. Eine spannende Idee wurde hier in einen stimmigen Plot mit packenden Überraschungen verwandelt, so dass man als Leser förmlich am Buch klebt und es nicht mehr weglegen mag, bis man hinter das Geheimnis der Geschichte gekommen ist.

Fazit:
Leichte und gute Unterhaltung mit einer Mischung aus Liebesroman und Krimi. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Guillaume Musso
Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Er arbeitete als Gymnasiallehrer und Universitätsdozent, bis er 2001 seinen von der Kritik hoch gelobten Debütroman veröffentlichte. Der große Durchbruch gelang ihm mit seinem zweiten Roman Ein Engel im Winter, den er nach einem schweren Autounfall geschrieben hatte. Auch sein dritter Roman Eine himmlische Begegnung stürmte auf Anhieb die französischen Bestsellerlisten.

Angaben zum Buch:
Mussovielleicht_morgenTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (11. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3866123762
Preis: EUR 14.99 / CHF 19.45

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Sinnlose Form – formloser Sinn

Heute gelesen:

Ich bereue nicht meine Vergangenheit, sondern die Zeit, die ich für falsche Menschen geopfert habe.

Schon inhaltlich könnte man 1000 Fragen stellen. Indem ich die Zeit geopfert habe, gehört das zur Vergangenheit. Insofern bereut man ja immerhin einen Teil der Vergangenheit. So gelesen, fehlte ein „nur“ im Nebensatz. Lassen wir den Inhalt der Sprache mal beiseite und betrachten den Kontext.

Weisse Schrift vor einem unscharfen Bild, welches eine (halbe – man sieht sie nur bis unter die Schultern) Frau auf dem (Ping-Pong?-)Tisch sitzend von hinten zeigt. Wie dieses Bild zum Inhalt der Sprache passt, liesse sich nun fragen. Vielleicht insofern, als man nur den Rücken sieht, die Vergangenheit also als dahinter liegend bildlich erfasst worden ist? Auch das lassen wir offen.

Aber dann: Wer  kommt auf die Idee, das so typographisch umzusetzen? Welchen Sinn ergibt das nicht zusammenpassende Sammelsurium von Schriften? Was sollen die Schriften in den Teilbereichen aussagen? Und: Wieso hat man die Zeilen so gesetzt, dass die Zeilenumbrüche in keinem Verhältnis zu irgendeinem Teilsinn des Ganzen stehen?

Vermutlich denke ich wieder einmal zuviel. Darauf kommt es nicht an. Worauf aber sonst?

 

Thommie Bayer – Nachgefragt

BayerThommieThommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Thommie Bayer hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und zu seinem neusten Roman Die kurzen und die langen Jahre zu beantworten:

 

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich war ein liebes, aber freches Kind, habe die Schule vor dem Abitur verlassen, Malerei studiert, Rockmusik gemacht und dann mit dreißig das Schreiben entdeckt. Ich habe meine große Liebe gefunden, bin seit fast dreißig Jahren mit ihr verheiratet und lebe seit ebenfalls fast dreißig Jahren am richtigen Ort.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Etwas anderes als Songtexte zu schreiben war lange ein Traum, gewagt habe ich es erst, als mein damaliges Leben in die Brüche ging.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich bin nicht der Typ, der zuerst lernt und dann loslegt, ich muss gleich loslegen und dann aus jedem Fehler, den ich mache, lernen. Die besonderen Bücher sind nie nur Handwerk, aber ohne Handwerk wären sie nichts.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich mache nur minimale Pläne und minimale Notizen – es fügt sich fast alles beim Schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Immer zuhause an meinem Schreibtisch. Unterwegs kann ich allenfalls überarbeiten, kontrollieren, korrigieren. Entstehen muss es zuhause.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich habe entweder immer Ferien oder nie, je nach Definition. Ich glaube, ich schalte nicht ab. Ich bin glücklich, wenn es läuft und halte aus, wenn es nicht läuft. Es schaltet sich sozusagen manchmal von selbst ab. Oder mich.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich glaube, es bedeutet für mich, aufmerksam zu sein, auf Menschen, auf Sprache, auf Motive, Haltungen, Entwicklungen, Selbsttäuschung, Demagogie, Rhetorik… Ich kämpfe mit der Angst, mich zu wiederholen, und freue mich, wenn die Leser immer wieder das Bündnis mit mir eingehen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe Glück gehabt. Es geht mir gut mit meinem Verlag, ich fühle mich dort gemocht und geschätzt und unterstützt. Natürlich will jeder Künstler mehr (Werbung, Lob, Vorschuss), aber die Verlage müssen existieren, und Aufmerksamsein heißt auch, die Interessen und Notwendigkeiten anderer zu kapieren.

Was ist in Ihren Worten das Thema von Die kurzen und die langen Jahre ?

Eine platonische Liebe. Verlust. Die Ankunft im eigenen Leben.

Sie zeichnen in dem Buch eine eher düstere Sicht der Liebe. Eigentlich jede Liebesgeschichte, wie sie im Buche steht, ist meilenweit entfernt. Ist die Liebe so düster?

Auch. Ja. Als Urlaub vom Leben wäre die Liebe missverstanden. Sie ist das Leben selbst, und das ist oft auch düster.

Ist eine der Figuren in dieser Geschichte je glücklich? Sylvie schreibt in einem ihrer Briefe, sie sei es ab und an gewesen. Wo aber sind die Glücksmomente im Buch?

Sie sind schon da, aber wir erfahren mehr von den Verlusten. Diese Verluste wären aber keine, wenn nicht das Glück verloren ginge.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Das weiß ich nicht. Ideen kommen. Zum Glück.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Thommie Bayer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Meine männlichen Hauptfiguren sind oft eine Art Mischwesen aus der ausgedachten Figur und mir selbst. Ich bevölkere mich mit denen und bevölkere sie mit mir.

„Das Leben ist eines der schrecklichsten und es endet meistens mit dem Tod“ oder „Das Leben ist eines der besten“ – was passt? Würden Sie sich als Optimisten oder Pessimisten sehen?

Trauriger Optimist. Oder skeptischer Optimist. Oder zufriedener Querulant.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Kunst darf zwar alles, auch die Menschheit erziehen oder belehren wollen, aber mich persönlich interessiert nur die Kunst, die einfach existieren will. Das Bild, das gemalt werden will, die Geschichte, die erzählt sein will, die Musik, die gehört werden will.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Seele. Sprache. Haltung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ohja. Die Liste wäre lang. Wobei das mit der Prägung wohl keine so große Rolle spielt, jedenfalls nicht mehr. Anfangs war das sicher Kurt Vonnegut, aber inzwischen bewundere ich viele Kollegen, eifere aber keinem mehr nach.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Keine Angst vor Freundlichkeit. Keine Angst vor Liebe. Keine langen Aufzählungen. Keine langen Beschreibungen. Kein fünfter Tipp.

Ich bedanke mich herzlich für diesen Einblick in Ihr Schreiben. Ich wüsste gerne, wer am Schluss die Tipps nochmals nachzählt.