Autor: Sandra von Siebenthal
Rezension: Frank Berzbach – Formbewusstsein
Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge
Erst [die] Beschränkung ermöglicht Freiheit. […] Zerstreuung hingegen ist eine Urfom der Formlosigkeit: sie lässt uns den Halt verlieren, macht Menschen zu ferngesteuert agierenden Wesen, die ihren Rhythmus verlieren, nur noch um sich selbst kreisen und schliesslich verrohen und erkranken. Alles, was stirb, verliert seine Form. Formlosigkeit erzeugt Leid.
Frank Berzbach richtet im vorliegenden Buch seinen Blick auf die alltäglichen Dinge, die uns umgeben. Obwohl wir täglich mit ihnen zu tun haben, nehmen wir sie selten bewusst wahr, sondern erledigen sie nebenbei, quasi formlos. Egal, ob es sich um Ernährung, Liebe oder Kleidung handelt, ob es den Umgang mit den Medien oder dem eigenen Besitz betrifft, wir haben die bewusste Steuerung unseres Verhaltens im Umgang damit oft verloren und agieren quasi fremdgesteuert (zwar selber agierend, aber nicht wahrnehmend, worauf gründend). Erst, wenn wir Achtsamkeit den Dingen und unserem Verhalten zu ihnen entwickeln, werden wir wieder Herr unseres Verhaltens, dann geben wir unserem Leben eine Form – und zwar die von uns gewünschte Form.
Wir sind dem Alltag nicht passiv ausgesetzt, sondern können aktiv formend in ihn eingreifen.
Wir lernen durch das bewusste Tun, im Hier und Jetzt zu sein, in der Gegenwart zu leben und uns nicht in Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren. Ein solches aktives Tun führt wiederum zu mehr Wohlgefühl und Gesundheit, es lässt uns wachsen, weckt unsere Kreativität.
Formbewusstsein kann als Anknüpfung an Frank Berzbachs Buch Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen gesehen werden. Wieder geht es Berzbach darum, den Blick auf die Haltung im und zum Leben zu richten und eine Achtsamkeit zu entwickeln. Durch diese Achtsamkeit dem eigenen Tun gegenüber gewinnen die Dinge ihren Wert und ihre Form und prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Das bewusste Hinsehen und die Formgebung lassen uns zu agierenden Menschen werden im Gegensatz zu bloss ausführenden Marionetten, die von Gewohnheitsmustern gesteuert werden.
Das Buch wirkt ab und an unstrukturiert und lose zusammengewürfelt, es reiht Geschichten, Einsichten und Anleitungen quasi formlos aneinander, die einzig durch das Thema des Kapitels, in welchem sie stehen, verbunden sind. Dem Anspruch einer durchdachten Philosophie wird das Buch so nicht gerecht, wobei es diesen Anspruch wohl auch nicht erfüllen sollte. Ab und an klingt ein moralisierender und leicht tadelnder Unterton an, der wenngleich sicher nicht ganz unberechtigt, so doch etwas bemühend ist. Diese Kritikpunkte – wenn sie denn solche sind – nur am Rande, der guten Ordnung halber.
Das Buch ist inspirierend, weckt den Blick auf das eigene Verhalten, lässt einen dieses hinterfragen und dem eigenen Tun auf die Schliche kommen. Frank Berzbach gelingt es, in einer leicht lesbaren Sprache aufzuzeigen, wie man mit kleinen Veränderungen im eigenen Leben wieder Steuermann werden kann und grosse Wirkung erzielen. Die weiterführenden Literaturtipps im Hintergrund können zudem dazu dienen, den ersten Kritikpunkt auszumerzen, so dass jeder, der tiefer tauchen will in bestimmten Bereichen, weiss, wo er das tun kann.
Fazit:
Ein inspirierendes und motivierendes Buch, das den Leser mitnimmt auf eine Reise zu sich selber und ihm Wege aufzeigt, das Leben lebendiger zu gestalten. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor
Frank Berzbach
Frank Berzbach, geboren 1971, hat in Köln und Bonn Pädagogik, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main promoviert. Nach einigen jahren in der Bildungsforschung war er Fahrradkurier für einen schönen Buchladen. Er unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign/Akademie für Gestaltung und an der Fachhochschule Köln. Auch von ihm erschienen: Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen.
Angaben zum Buch:
Broschiert:192 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (29. Juni 2016)
ISBN-Nr.: 978-3874398725
Preis: EUR 29.80 / CHF 41.90
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Rezension: Susan Sontag – Tagebücher 1964 – 1980
Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke
Gefühl mangelnder Einheit der Persönlichkeit. Meine verschiedenen Ichs – Frau, Mutter, Lehrerin, Geliebte, etc. – wie fügen sie sich zusammen?
David Rieff , der Sohn von Susan Sontag, leitet die Tagebücher mit persönlichen Worten über seine sensible, oft melancholische, nachdenkliche Mutter ein. Er verweist auf die Widersprüche in ihrem Denken, ihre Natur als lebenslang Lernende. Liest man die Tagebücher, zeigt sich eine Frau, die kein Glück in der Liebe hat, die über die gescheiterten Beziehungen nachdenkt, sich hinterfragt, die anderen hinterfragt. Die Erfüllung ihres Lebens ist ihr das Schreiben. In ihm findet sie sich, erkennt sie sich, kann sie ihr Denken strukturieren.
[…]die Tatsache, dass sie kein Glück in der Liebe erlebte, [ist] meines Erachtens genauso sehr Teil ihrer Persönlichkeit wie die tiefe Erfüllung, die sie im Schreiben fand, un die Leidenschaft, mit der sie, wenn sie gerade nicht schrieb, ihr Leben als ewig Lernende anging, als eine Art ideale Leserin bedeutender Literatur, ideale Liebhaberin bedeutender Kunst, ideale Betrachterin beziehungsweise Hörerin bedeutender Theaterstücke, Filme, Musik.
Susan Sontag ist sehr ambivalent in ihrem Denken. Einerseits sieht sie sich anderen an Intelligenz überlegen, andererseits genügt sie oft ihren eigenen Ansprüchen nicht. In ihrem Tagebuch betreibt sie nicht nur Selbstanalyse und analysiert ihre Lieben, sie schreibt über Bücher, die sie las, Filme, die sie sah, Theater, die sie besuchte. Sie macht Listen von Wörtern, um ihren Wortschatz zu erweitern, hält Ideen für neue Texte fest, lässt Gespräche, die sie geführt hat, nochmals Revue passieren.
David Rieff nennt das vorliegende Buch einen
Roman der tatkräftigen, erfolgreichen Erwachsenen.
Er folgt chronologisch auf den Band Wiedergeboren, in welchem sich die junge Susan Sontag
ganz bewusst damit beschäftigt, sich selbst als die Person, die sie sein wollte, zu erschaffen oder vielmehr neu zu erschaffen, eine Person fernab der Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war.
Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke ist das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft von sich und dem Leben enttäuschten, es aber immer wieder hinterfragenden und anpackenden Frau. Stets erfindet sie sich neu in der Überzeugung, dass man das, was man sein will, sein kann, weil man selber das Produkt der eigenen Vorstellung ist. Eine Frau, die Kunst und Kultur liebt, die Grossen verehrt, selber bedeutend sein und neben ihren Idolen stehen will, sich aber doch oft nur als ihre Schülerin glauben kann, ihnen untergeordnet. Sie schwankt zwischen dem Gefühl eigener Grösse und der Frustration, nicht gross genug zu sein, meidet Gesellschaft und fürchtet doch die Einsamkeit. Eine Frau voller Widersprüche: spannend, einnehmend, inspirierend.
Fazit:
Ein inspirierendes, tiefes, persönliches, menschliches Buch von einer grossartigen Frau und klaren Denkerin. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor
Susan Sontag
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, war Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin. Sie erhielt u.a. den Jerusalem Book Prize 2001, den National Book Award und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt Das Leiden anderer betrachten (2003), Worauf es ankommt (2005), Zur gleichen Zeit (Aufsätze und Reden, 2008), Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963 (2010) und Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964-1980 (2013). Susan Sontag starb 2004 in New York. Über ihr letztes Lebensjahr berichtet ihr Sohn David Rieff in Tod einer Untröstlichen (Hanser, 2009).
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. September 2013)
Übersetzung: Kathrin Razum
ISBN: 978-3446243408
Preis: EUR 27.90/ CHF 39.90
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Der Umgang mit eigenen Ängsten
Gibt es sinnvolle Ängste? Diese Frage las ich kürzlich im Internet. Der Fragesteller verneinte die frage sogleich. Nun sind wir Menschen oft mit Ängsten konfrontiert. Soll das alles sinnlose Zeitverschwendung sein? Ich denke nicht.
Angst ist ein Warnsignal. Sie kann vor akuten Gefahren warnen und somit das Überleben sichern. Sie hier als sinnlos zu bezeichnen, wäre fatal. Sie zu überwinden mitunter tödlich. Es gibt aber auch Ängste vor Dingen oder Situationen, die wir uns nur einbilden. Wir malen uns Situationen aus und stellen uns die für uns negativen Konsequenzen vor. Aus diesen Vorstellungen heraus bilden wir Ängste – und vermeiden dann die Situation, um nicht in Gefahr zu kommen – eine Gefahr, die nur in unserer Vorstellung existiert.
Ist die zweite Angst also sinnlos? Ich würde auch das nicht absolut setzen. Wenn die Angst dazu führt, dass wir alles meiden, das uns aus irgendwelchen Gründen Ängste bereitet, wäre das sicher nicht wünschenswert. Wenn wir uns aber unseren Ängsten stellen, schauen, woher sie rühren und versuchen, damit umzugehen, kann daraus etwas Gutes erwachsen. Und wir lernen viel über uns selber. Wir erkennen unsere Muster, unsere Abwehrmechanismen und lernen, damit umzugehen – bewusst.
Wenn wir also wieder einmal in einer Situation sind, die uns Angst bereitet, hilft es, hinzusehen:
1) Wovor habe ich genau Angst?
2) Woher kommt die Angst?
3) War ich schon früher mal in ähnlichen Situationen? Was habe ich damals gemacht?
a. Wenn es gut ausging: Kann ich es heute wieder ähnlich lösen?
b. Wenn es nicht wie gewünscht ausging: Ist wirklich alles gleich heute?
Wenn ich die Situation so analysiert habe, geht es daran, Wege zu finden, wie mit der heutigen Situation umzugehen. Entweder ich wende die Mittel erneut an, die beim letzten Mal funktioniert haben, oder ich passe sie an die heutige Situation an.
Natürlich gibt es immer Dinge oder Situationen, die nicht zu uns passen, die uns Angst machen, die wir nicht zu meistern glauben. Wenn sich keine Lösung zeigt, stellt sich die Frage: Kann ich die Situation umgehen oder muss ich da durch? Wenn mich etwas eigentlich Freiwilliges heute überfordert, ist vielleicht die Zeit nicht reif. Vielleicht kann ich kleinere Ziele setzen, die im langen Lauf zum Endziel führen. Wenn ich nicht darum herum komme, etwas zu tun, dann kann es helfen, auch da Strategien zu entwickeln:
1) Eigene Stärken nochmals vergegenwärtigen
2) Möglichkeiten sehen, die auch beim Nichterreichen offen bleiben
3) Das Bewusstsein: Das Leben wird nicht daran hängen.
4) Methoden entwickeln, selber ruhig zu bleiben (Atmen, Achtsamkeitsübungen, etc.)
Ist Angst also sinnlos? Ich denke nicht. Wir dürfen uns nur nicht von unseren Ängsten lähmen lassen, sondern sie als Zeichen nehmen, hinzusehen. Wir können unser Bewusstsein schulen und uns immer wieder ein Stück besser kennenlernen.
Alltagslyrik: Namen
Sie hiess Marie oder Sophie,
ganz sicher war ich mir nie.
Bemühte ich mich noch so sehr,
Namen merken fiel mir schwer.
©Sandra Matteotti
Rezension: Harry Mulisch – Zwei Frauen
Wenn der Tod das Leben in Erinnerung bringt
Vor drei Monaten hatte ich sie zum letztenmal gesehen, ohne Abschied voneinander zu nehmen, waren wir auseinandergegangen. Was sich damals zugetragen hat, muss der Beginn ihres Todes gewesen sein, der nun gekommen war, als wollte er dies besiegeln.
Laura will nach einem langen Tag und einer Flasche Wein ins Bett, als ein Anruf ihr den Tod ihrer Mutter verkündet. Sofort setzt sie sich ins Auto und macht sich auf den Weg nach Nizza, wo ihre Mutter lebte – und nun gestorben war. Auf der langen Fahrt lässt sie ihr Leben Revue passieren, denkt an ihre Kindheit, an ihre Ehe, vor allem aber an ihre Beziehung zu Sylvia. Es ist eine Beziehung, die Emotionen auslöst, Laura in ein inneres Chaos von Schuldgefühlen, Sehnsüchten, innerer Freiheit und Leidenschaft stürzt.
Zwei Frauen ist ein Roman über Kunst, über das Leben und das Spiel. Wo hört das Leben auf, wo fängt das Spiel an? Spielen wir alle Rollen und wann sind wir echt?
[…] ich glaube, jeder Mensch hat eigentlich das Gefühl, dass er nicht dazugehört, zum Leben anderer Menschen. Dass er irgendwie etwas anders ist, ein Gast, und er gibt sich alle nur erdenkliche Mühe, um dafür zu sorgen, dass die anderen es nicht merken.
Es ist ein Roman über die Liebe, über Beziehungen und die Menschen, die sie eingehen. Über allem schwebt immer der Tod, der Abschied. Vielleicht steht eine Kindheitserinnerung Lauras genau dafür:
Weg wollte ich, weg. Aber wann kam ich endlich dort an? Ja, ich glaube, dass ich damals irgendwie dachte, in „Weg“ könnte man ankommen.
Harry Mulisch erzählt die Liebe zweier Frauen in der Ich-Perspektive aus der Sicht Lauras. Laura erlebt, analysiert, erzählt. Sylvia ist dabei immer in dritter Person vorhanden, sie ist das Objekt der Erzählung und der Analyse, vordergründig ohne eigene Initiative. Wenn immer sie in der Geschichte doch die Initiative übernimmt, bricht Chaos aus, zerbricht etwas – und Laura wird in das Ganze hineingeworfen. Sie wird quasi das Objekt ihrer eigenen Erzählung.
Zwei Frauen ist ein tiefgründiger Roman, der auf wenigen Seiten ganze Lebenswelten entwirft. Es ist ein philosophischer Roman, ein psychologischer Roman, der trotzdem nie psychologisierend wirkt, sondern lebensnah bleibt.
Fazit:
Ein tiefgründiger, lebensnaher, zum Denken anregender und einnehmender Roman, erzählt in einer lesbaren Sprache. Sehr empfehlenswert!
Zum Autor
Harry Mulisch
Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem (NL) als Sohn einer deutschen Jüdin und eines ehemaligen österreichischen Offiziers geboren. 1945 verliess er ohne Abschluss die Schule, 1947 wurde seine erste Kurzgeschichte veröffentlicht. Es folgten Romane, Erzählungen, Gedichte, Dramen, philosophische Bücher und Manifeste. 1961 war Mulisch Beobachter des Eichmann-Prozesses in Jerusalem (Strafsache 40/61). Der internationale Durchbruch gelang ihm mit dem Roman Das Attentat, welcher auch verfilmt wurde.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Dezember 2000)
Übersetzung: Siegfried Mrotzek
ISBN: 978-3499226595
Preis: EUR 7.95/ CHF 11.90
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Luftleer
Suche nach Liebe,
die nirgends ich fühle.
Fülle die Leere,
die mich sonst verschlingt.
Träume die Zukunft,
die unerreicht daliegt.
Sehe die Bilder,
die keiner gemalt.
Vermisse den Halt,
ich lasse mich fallen.
Stosse auf Grund
und seh’ doch kein Ziel.
Lebe auf Zeit nur,
die manchmal zu lang scheint.
Fürchte das Ende
und weiss nicht wieso.
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Zeitungsleser
Ich las die Zeitung, las sie lang,
das klingt nicht weiter schlimm – bislang,
Doch dann das Klopfen und ein Schrei:
„Gib endlich die Toilette frei!“
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Die Brille
Wann immer ich die Brille suche,
ich den Umstand laut verfluche,
dass dieses Ding sich gut versteckt,
damit man’s blind nie mehr entdeckt.
©Sandra Matteotti
Im Restaurant – eine Geschichte
Die beiden Männer sassen im Restaurant des Supermarktes an einem Tisch. Sie sassen da jeden Tag und unterhielten sich. Ich verstand nicht, was sie sagten, sie sprachen in einer mir fremden Sprache. Ab und an erhob einer die Stimme, der andere stimmte gleich mit ein. Sie schienen aber nicht zu streiten, viel mehr engagiert zu diskutieren.
Sie waren schon älter. Weisse Haare und zerfurchte Gesichter zeugten von einem gelebten Leben. Braune Augen blickten beim einen sanft und etwas fragend, beim anderen gewitzt und interessiert. Sie tranken Kaffee.
Wo sie wohl herkamen? Vermutlich irgendwo aus dem Süden. Jetzt sprach einer von Italien. Vermutlich, weil am selben Abend Italien im Viertelfinal der Fussball-EM stand. Ich war auch für Italien. Das wussten die beiden aber nicht und ich traute mich nicht, es Ihnen zu sagen. Zwar konnte ich mir vorstellen, dass sie sich gefreut und mich ins Gespräch einbezogen hätten – sofern wir eine gemeinsame Sprache gefunden hätten. Meine eigene Zurückhaltung liess es nicht zu.
Gedanken wie „nicht stören“, „niemandem zur Last fallen“, „mich nicht aufdrängen“ schossen mir durch den Kopf. Zudem redete ich mir ein, dass es unhöflich sei, anderen zuzuhören – wobei sie unüberhörbar laut redeten. Aber: Mit einem Votum hätte ich mich geoutet als Zuhörerin.Zwar war mir bewusst, dass in südlichen Ländern genau das üblich war: Man sass beisammen, Leute kamen und gingen und alle redeten miteinander – und durcheinander.
Zumindest war das früher so, heute hatten sich die Zeiten wohl auch in den Ländern ein wenig geändert, zumindest bei den jüngeren Generationen. Wobei ich das nicht so genau wusste, ich war nie im Süden gewesen. So oder so waren die Männer hier vor mir aus einer Generation, die genau das gekannt hatte: Die Stühle auf der Piazza, die angeregten Gespräche, das Zusammensein. Noch während ich das alles dachte, kam ein dritter älterer Herr, brachte gleich seinen Stuhl mit und setzte sich dazu.
Während draussen trotz des Sommermonats nur Regen und Grau herrschte, kam bei mir ein wenig Ferienstimmung auf. Ich fühlte mich selber wie in einer italienischen Pizzeria, lauschte den fremden Tönen und liess meine Gedanken schweifen, während ich meinen Kaffee trank. Ich stellte mir vor, wie es wäre, einfach alle Bedenken über Bord zu werfen, mich dazuzusetzen und mitzureden, dazuzugehören.
Dann war ich fertig mit meinem Kaffee. Ich packte meine Sachen, stand auf und lief in Richtung ihres Tisches. Als ich kurz davor war, blickte mich der Mann mit den sanften Augen an. Ich lächelte ihn an und er lächelte zurück.
Alltagslyrik: Bad Hair Day
Die Haare wild und ganz zerzaust,
der Blick zum Spiegel schrecklich graust.
Ich kämm‘ sie durch und streich sie glatt,
was auch nichts hilft – ich denk: so what!
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Der Schlaf
Ich liege wach in meinem Bett,
solche Nächte sind nicht nett.
Ich zähle fleissig Schaf um Schaf,
doch wer nicht kommt, das ist der Schlaf.
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Der Buddha
Ein Buddha sitzt in jedem Garten,
als würde er nur noch drauf warten,
dass Ruhe sei, dass sie einkehre,
wenn nur das wuchernd Gras nicht wäre.
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Das Brot
Auf dem Teller liegt ein Brot,
das liegt so da, als sei es tot,
Ich find das gut, denn wär’s nicht so,
wär das Brot schnell irgendwo.
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Mord
Haushaltspapier, das gute dicke,
machte Schluss mit einer Mücke.
Ich presst’ es drauf und drückte zu
und wurd’ zum Mörder so im Nu.
©Sandra Matteotti