Von Rückenschmerzen und Ärzten

Claudia hatte Rücken. So richtig. Egal ob sie stand, ging oder sass: Es zwickte. Teilweise so stark, dass sie kaum mehr gehen, stehen oder sitzen konnte, nicht mal liegen ging. Sie cremte, salbte und badete, bis sowohl sie als auch die Wohnung den beissenden Geruch in allen Poren hatten. Aber es half nichts.

Claudia schimpfte und fluchte, jammerte und klagte. Nicht dass es geholfen hätte, aber es war die Vorstufe zum schlussendlichen Entschluss: Ein Arzt musste her. Oder sie zu ihm. Sie nahm den Hörer in die Hand… wobei, das ist so nicht ganz korrekt, da sie gar keinen Hörer hatte, sondern nur ihr iPhone. Dieses nahm sie also in die Hand und wählte die Nummer. Am anderen Ende meldete sich eine bislang noch unbekannte Stimme: „Praxis Doktor Frank und Doktor Kurzenegger.“

„Grüezi! Ich hätte gerne einen Termin bei Doktor Frank“, sagte Claudia.

Die Stimme fragte: „Waren Sie schon mal bei ihm?“ Claudia bejahte.

„Was haben Sie denn?“, erkundigte sich die Stimme. Claudia erzählte von ihrem Leiden.

„Doktor Frank hat leider keine Zeit, aber Herr Kurzenegger wäre frei“, antwortete die Stimme unverschämt wenig mitfühlend. Claudia meinte, sie hätte doch lieber Doktor Frank, wurde von der Stimme aber mit vielen Argumente davon überzeugt (oder eher dazu weichgekocht), dass Herr Kurzenegger ein wunderbarer Arzt und überaus kompetent sei. Claudia gab klein bei. Dafür konnte sie gleich in die Praxis.

Dort angekommen, sassen drei Praxisassistentinnen im Vorzimmer. Welche davon die Stimme gewesen war, liess sich nicht mehr eruieren – es gab sich auch keine zu erkennen. Egal. Nach einem kurzen Aufenthalt im Wartezimmer war es soweit: Der hochgelobte Arzt holte sie ab und fragte, im Sprechzimmer angekommen, nach ihren Beschwerden. Claudia erzählte genau, was wie und wann wo genau weh tat, äusserte ihren Verdacht, welcher Muskel betroffen sein könnte. Der Arzt schaute sie erstaunt an: „Sind sie im medizinischen Bereich tätig?“ Claudia antwortete: „Nein, ich bin Yogalehrerin, Anatomie war in dieser und anderen Ausbildungen Teilgebiet.“ Der Arzt war merklich weniger beeindruckt.

In der Folge klopfte er hier, tastete da, liess Claudia hüpfen, sich beugen und – wurde von einem Telefonanruf abgelenkt. Er verschwand aus dem Zimmer, während Claudia sich die Beine in den schmerzenden Rücken stand, der Dinge, die da noch kommen werden, harrend. Fünf Minuten später war Doktor Kurzenegger zurück im Zimmer. Er fragte gleich nochmals nach, welche Seite es denn genau wäre, die schmerze. Das hatte Claudia zwar schon etwa dreimal gesagt, aber der gute Mann wollte wohl auf Nummer Sicher gehen.

Dann sass er da. Hinter seinem Tisch. Hämmerte in seinen Computer, ohne nochmals aufzuschauen. Hielt kurz inne, hämmerte weiter. Claudia war sich nicht ganz sicher, ob er wusste, dass sie noch da sass. Er schien es zu wissen, denn irgendwann schaute er auf. Und er schaute sie an. Und er äusserte Möglichkeiten, die sein könnten, die er zu dem Zeitpunkt aber noch nicht prüfen wollte. Nieren waren ein Thema, den Blutuntersuch schlug er aus, könne man notfalls ein anderes Mal nachholen. Wie vieles anderes auch. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, was es war. Er schlug vor, Claudia könnte ein wenig dehnen. Als Anschauungsunterricht machte er eine Bewegung, die Claudias morgendlichem Aufwärmprogramm nicht im entferntesten nahe kam. Claudia sagte nochmals leise, dass sie Yogalehrerin sei, es kaum an mangelnder Dehnung läge. Ein grosser, irgendwie hilfloser Blick von Herrn Kurzenegger liess sie verstummen.

Doktor Kurzenegger sah die Lösung in der Verschreibung von Schmerzmitteln, die Claudia für 10 Tage einnehmen solle. Nütze es nichts, solle sie… ein neuer Anruf. Wieder verschwand Doktor Kurzenegger für fünf Minuten. Kam wieder zurück und fragte Claudia, wo er stehen geblieben sei. Sie sagte: „Bei den Tabletten.“ Die solle sie also nehmen, befand er. Dann verabschiedete er sie. Sie fragte, ob er ihr nun noch die Tabletten geben könnte. Das hätte er vergessen, mache er aber natürlich sofort.

Claudia ging 14 Tage später dann zu Doktor Frank. Der hatte endlich Zeit. Ob mehr Ahnung? Das ist Gegenstand der nächsten Geschichte.

10 Comments

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  1. Na, da bist Du aber noch „gut“ dran! In DE hättest Du frühestens in 3-6 Monaten einen Termin bekommen – es sei denn, Du bist Privatkassenpatientin oder zahlst trotz allgemeiner Krankenkasse Deine Behandlung selbst. – Und noch was: Ich finde, dass es eigentlich generell eine bodenlose Frechheit ist, die Leute, die sich extra persönlich zu einem auf den Weg gemacht haben, zugunsten einer anderen Person, die nur mal eben das Telefon benutzt, zurück zu stellen: Das ist ein Affront gegenüber dem, der sich persönlich herbemüht hat. Aber wer erwartet in der heutigen Zeit schon noch halbwegs Manieren von seinen Mitmenschen …? – „Adorno hatte Recht: Die Welt ist schlecht!“ 😉

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