Rezension: Ursula Fricker – Lügen von gestern und heute

 

Sie hatte ihn kaum gekannt, wie man einen Fremden kennt, dem man vertraut, weil man ihn nicht kennt. Bis es fast zu spät war, hatte sie überlegt, ob sie nicht besser zu hause bliebe, ob es nicht reichte, wenn sie an ihn dächte, und als es schon fast zu spät war, ging sie doch noch los.

Beba lebt in einem trostlosen Land unter trostlosen Menschen. Trostlose Menschen sind auch hoffnungslose Menschen und oft zeigen sie kaum Gefühle – wohl aus Selbstschutz. Für Beba war das nicht genug, sie wollte mehr vom Leben und Stefan versprach es ihr, er lädt sie in sein Land ein. Als Beba da ankommt, holt Stefan sie nicht ab, sie ist allein. Sie hat Glück, wird aufgefangen, nun arbeitet sie als Prostituierte. Und sie träumt davon, Musikerin zu sein, spart alles Geld, das sie nicht zu ihrer Familie schickt, um die zu unterstützen, für ein Klavier.

Isa fühlte sich angestarrt, gemustert, taxiert. […] An der Kleidung, dachte Isa, sieht man, wer was ist – am liebsten hätte sie sich das Zeug vom Leib gerissen.

Isa ist in einem gutbürgerlichen Haus aufgewachsen, behütet von interessierten Eltern. Das wirft sie diesen nun vor. Sie will ausbrechen, will etwas bewegen. Die Flüchtlinge kommen ihr gerade recht, da kann sie zeigen, was in ihr steckt. Sie kämpft mit allen Mitteln, weiss ab und an nicht, ob der Kampf ihrer Selbstbehauptung oder den Flüchtlingen gilt, aber das ist gar nicht wichtig. Sie hat einen Plan. Alle, die diesen nicht teilen, die ihr denken nicht teilen, haben keine Ahnung. Sie wird ihnen zeigen, was richtig ist.

Es war bizarr. Hier wurde verhandelt, was in einem Rechtsstaat eigentlich unverhandelbar sein sollte: das gleiche Recht für alle. […] war er einfach nur müde? Gleichzeitig entdeckte Otten in sich ein lange vergessenes ehrliches Gefühl der Verantwortung für diese Stadt, für die Menschen in ihr. Sol sollte es sein, so war es aber fast nie.

Otten ist verantwortlich für die harte Politik gegen die Flüchtlinge. Er steht unter Beschuss, nicht nur öffentlich und in der Politik, jemand hat es auf ihn persönlich abgesehen, bedroht sein Haus, bedroht damit sein Leben und das seiner Familie. Früher ist er auf der anderen Seite gestanden, hat gegen die Obrigkeit gekämpft, hatte Ideale. Wo sind sie heute? Ist er ein anderer geworden oder macht er nur, was getan werden muss, weil es schlicht keine andere Lösung gibt?

Drei Leben im Heute, die alle eine Vergangenheit haben. Die Herkunft prägt, sie lässt keinen los. Tief drin legt sie die Fäden und lässt die Menschen bis heute immer wieder zurückdenken, ihren Weg reflektieren, ihr Heute analysieren. So werden diese Menschen erfahrbar, verständlich in ihrem Tun. Sie haben Träume, Wünsche, sie lieben und leben und zahlen alle einen Preis für dieses Leben.

Ursula Fricker ist es gelungen, die gerade sehr aktuelle Flüchtlingsthematik literarisch so zu verarbeiten, dass man sie aus verschiedenen Blickpunkten betrachtet. Sie tut das wenig emotional, sehr objektiv, nie deskriptiv, sondern immer literarisch. Sie webt die Geschichten von verschiedenen Menschen mit unsichtbaren Fäden zusammen, lässt aus drei Geschichten eine werden. Als Leser taucht man in alle diese Welten ein, versteht sie, auch wenn man nicht immer teilt, was die jeweiligen Protagonisten denken oder tun.

Lügen von gestern und heute ist ein Buch über Politik, ein Buch über die Liebe, ein Buch auch über Herkunft und was sie aus einem Menschen macht, wie sie ihn beeinflusst. Es ist ein Buch, das in einer teilweise eigentümlichen Sprache geschrieben ist, indem die Syntax aus der Norm fällt, Sätze teilweise abrupt aufhören oder aber über die beschriebenen Inhalte hinausgehen, indem der Punkt fehlt, einfach ein Komma steht. Es ist ein Buch über Menschen, das in die Tiefe geht, psychologisch ist, ohne zu psychologisieren. Das Buch zeigt Missstände auf, ohne den belehrenden Zeigefinger zu heben. Es ist ein grossartiges Buch!

Fazit
Ein tiefgründiges, nachdenkliches, psychologisches, philosophisches, politisches und menschliches Buch – und noch viel mehr. Ein Buch, das einen in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Ursula Fricker, 1965 in Schaffhausen geboren, studierte Sozialarbeit in Bern, arbeitete in einem Heim für geistig behinderte Menschen und in der Theaterpädagogik. Neben journalistischen Texten veröffentlichte sie bislang drei Romane. Ihr Debütroman, ‚Fliehende Wasser‘, erschien 2004 und wurde mit dem Einzelwerkspreis der Schweizerischen Schillerstiftung und mit einem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet. Es folgten 2009 ‚Das letzte Bild“ und 2012 ‚Außer sich‘, nominiert für den Schweizer Buchpreis im selben Jahr.

Angaben zum Buch:
FrickerLügenGebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (22. April 2016)
ISBN-Nr.: 978-3423280730
Preis: 21.99 Euro /28.90 CHF

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Verhandelbare Grundrechte?

Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Conny bleibt zu Hause, Felix verdient die Brötchen. Die beiden sind happy und überzeugt, Kind Franz wird es auch sein. Nun kommt Sabine, Connys Freundin, und sagt: „Wie kannst du nur so ein antiquiertes Lebensmodell wählen? Heute gehen Frauen arbeiten, Kinder in die Krippe. Wofür haben wir sonst gekämpft? Sag deinem Felix, er soll seiner Verantwortung nachkommen und auch was tun.“. Gut, Conny redet mit Felix und sie entschliessen, modern zu sein. Zwar wollen das beide nicht, aber was tut man nicht alles, um mit der Zeit zu gehen.

CUT

Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Sie sind modern, Felix bleibt zu Hause, Conny verdient die Brötchen. Beide sind happy und überzeugt, Kind Frieda wird es auch sein. Nun kommt Hermann, Felix’ Freund, und sagt: „Was bist du für ne Lusche, ein echter Mann bleibt nicht zu Hause. Conny und Felix kriegen sich in die Haare, das Ende ist noch offen… immerhin wäre eine alleinerziehende Mutter mit Beruf und Kind in der Krippe modern.

CUT

So oder so: Franz oder Friede kommen auf die Welt. Einer muss zumindest am Anfang zu Hause sein, dem neuen Erdenbürger den Einstand in derselben Erde zu ermöglichen. In der Schweiz ist es nun amtlich: Das muss die Mutter sein, denn der Vater kriegt keinen Vaterschaftsurlaub. Das geht gar nicht. Eltern müssten selber entscheiden können, wer den Urlaub nimmt. Klar nicht beide, denn sonst wäre bald die ganze Welt auf Urlaub.

War da nicht was von wegen „vor dem Gesetz sind alle gleich“? Und waren Frauen nicht auch gemeint mit „alle“? Männer waren es ja schon immer. Nur: Hier offensichtlich nicht. Der Schweizer Nationalrat kann sich gegen ein Grundrecht stellen und dem Mann Rechte absprechen, welche die Frau hat. Was genau zählen Grundrechte in einem Land, in dem man sie einfach mal so umstossen kann? Klar, wir bringen keinen um und sind auch sonst recht moderat und meist neutral… aber das soll einfach mal so gehen?

Mein Vorschlag:

Ein Kind kommt auf die Welt. Es hat einen Erzeuger und eine Erzeugerin. Die sind in der Pflicht. Mit der Geburt sollte geregelt sein, wie das Leben des Kindes finanziert wird. Egal, wer nun was macht im Leben, egal, ob die Liebe hält oder nicht. Das wäre Eigenverantwortung. Aber das ist wohl naiv oder unromantisch. Je nach eigenem Standpunkt. Trotzdem fände ich es den einzig gangbaren Weg. Für das Kind, für das Individuum und für den Staat. Das löst nie die emotionalen Probleme, die sind und bleiben, aber sie wären weniger vermischt.

 Fazit:

Was ich mit all dem sagen wollte? Elternteile sollten unabhängig vom Geschlecht gleiche Rechte, Pflichten und Möglichkeiten haben. Die Reihenfolge ist nicht hierarchisch, ich musste eine wählen. Das hiesse, alle gleicht zu behandeln. Alles andere ist Bullshit!

Schelmengeschichte

Paul und Anne wohnen in einem kleinen Bergdorf in der Schweiz. Sie zogen dahin, als beide noch arbeiteten, lebten sich ein, fühlten sich zu Hause. Vorher waren sie durch die ganze Welt gezogen, lebten auf verschiedenen Kontinenten, in grossen Städten, aber auch in kleinen Ortschaften. Nun sind sie alt. Paul ist pensioniert, Anne arbeitet noch immer als selbständige Künstlerin. Zudem sind sie wundervolle Gastgeber für die Bewohner ihrer zwei Ferienwohnungen.

Da man auch in kleinen Dörfern mit der Zeit gehen will, Alter dem Fortschritt nicht gleichgültig gegenübersteht, wollten die beiden die Telefonanlage im Haus modernisieren. Schliesslich sollten ihre Gäste Komfort geniessen können. Paul nahm also das Telefon in die Hand und rief beim hiesigen Telekommunikationsriesen an. Der Herr am anderen Ende des Drahtes war ausnehmend freundlich. Er hörte sich Pauls Anliegen an, tippte auf seinem Computer rum (man hörte es gut vernehmlich klappern im Hintergrund) und sagte dann mit einem Unterton der Überzeugung:

„Herr Paul, das erledigen wir gerne für Sie. Dazu müssen wir uns vor Ort ein Bild machen. Preis für die Abklärung und das Erstellen der entsprechenden Offerte würden wir 5000 Franken verrechnen.“

Paul schluckte leer. Er hatte zwar schon gedacht, dass die Erneuerung der ganzen Anlage nicht ganz günstig würde, dass aber schon vor dem ersten gelegten Kabel solche Kosten auf ihn zukämen, das überstieg dann doch sein Vorstellungsvermögen und liess die Absicht der Erneuerung ein bisschen weniger dringend erscheinen.

Abends telefonierte Paul mit seinem Sohn Paul Junior. Der verstand erstens ein bisschen was von Telekommunikation, zweitens musste er seinem Schock über das Angebot des überaus freundlichen Beraters Luft verschaffen. Pauls Sohn schluckte auch, als er den Betrag hörte. Er konnte es kaum glauben und nahm die Sache selber in die Hand. Er rief also selber beim Anbieter an, schilderte dasselbe Problem kriegte die postwendende Antwort:

„Herr Paul Junior, gerne erledigen wir das für sie. Dazu müssen wir uns vor Ort ein Bild machen. Für die Abklärung und das Erstellen der Offerte entstehen Ihnen selbstverständlich keine Kosten.“

Paul Junior schluckte leer. Er hatte zwar schon gedacht, dass der seinem Vater genannte Betrag etwas gar hoch war, aber diese Diskrepanz machte ihn sprachlos.

Ein Schelm, der dächte, die Firma versuche die (vermeintliche) Unwissenheit alter Bergbewohner auszunutzen…

Rezension: Bettina Tietjen: Unter Tränen gelacht. Mein Vater, die Demenz und ich

Als am Sonntagabend gegen 22 Uhr mein Handy klingelt, weiss ich noch nicht, dass dieser Anruf mein Leben verändern wird.

Bettina Tietjens Vater ist an Demenz erkrankt. Zuerst waren es nur kleine Vergesslichkeiten, die nach und nach mehr wurden. Es ist bald klar, dass er nicht ewig im eigenen Haus leben kann, als der Umzug ins Seniorenheim dann ansteht, bringt er viele Veränderungen mit sich .

Bettina Tietjen begleitet ihren Vater in den zweieinhalb Jahren im Heim intensiv, erlebt eine ganz neue Nähe mit ihm. Sie beschreibt mit viel Humor die fröhlichen Momente, die Herausforderungen und auch die Ängste. Demenz ist ein Abschied auf Raten, der traurig macht und auch verzweifeln lässt, trotzdem beinhaltet die Zeit des Abschieds auch viele wunderbare Momente. Von all dem handelt dieses Buch.

Zum Autor
Bettina Tietjen, geboren 1960, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Romanistikstudium als Moderatorin, Reporterin und Autorin für den RIAS Berlin, die Deutsche Welle, den WDR und diverse Printmedien. Seit 1993 ist sie beim NDR-Fernsehen Gastgeberin auf dem Roten Sofa der Sendung »DAS!«. Außerdem empfängt sie einmal im Monat prominente Gäste in ihrer Freitagabend-Talkshow, seit 2015 zusammen mit Alexander Bommes („Bettina und Bommes“). Seit 2008 talkt sie auch im Radio in ihrer Sendung »Tietjen talkt« bei NDR 2. Bettina Tietjen ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Fazit
Ein wunderbar einfühlsames, persönliches, humorvolles, tiefügründiges, trauriges, menschliches Buch. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
TietjenTränenGebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056427
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

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Rezension: Marjaleena Lembcke: Wir bleiben nicht lange

Jeden Morgen sagte sie zu ihrem Krebs: Du wirst mich nicht besiegen.
Der Krebs muss wissen, dass er einen starken Gegner hat, sagte sie.

Nach der Kindheit in Finnland trennen sich die Wege von Sisko und Mirja. Sisko geht nach England, Mirja nach Deutschland. Als Sisko an Krebs erkrankt, reist Mirja zu ihr und die Schwestern kommen sich wieder näher. Gemeinsam erleben sie ihre Kindheit nochmals durch ihre Erinnerungen.

In einer kurzen, knappen Sprache erzählt Marjaleena Lembcke die Geschichte der ungleichen Schwestern, lässt durch die bruchstüchhaften Erinnerungen die ganze Familiengeschichte langsam ans Tageslicht treten. Durchbrochen werden die Erinnerungen von aktuellen Ereignissen, die gezeichnet sind von Siskos Krankheit.

Fazit
In dichter Sprache bruchstüchhaft zusammengewürfeltes Mosaik eines Lebens – intensiv, bitter, schlicht und doch tief. Empfehlenswert.

Zum Autor
Marjaleena Lembcke wurde 1945 in Kokkola/Finnland geboren und studierte Theaterwissenschaften und Bildhauerei. Seit 1967 lebt sie in der Nähe von Münster in Westfalen. Sie schreibt für Kinder und Jugendliche ebenso wie für Erwachsene. Für ihre Bücher wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 1999, und mehrfach nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ihr Werk wurde bisher in elf Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
LembckeBleibenGebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (22. Februar 2016)
ISBN-Nr.: 978-3312006885
Preis: EUR 19.90

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Ich darf das sagen…

Wir leben im Zeitalter der Meinungsfreiheit. Auf die berufen wir uns immer, wenn wir etwas sagen, das nicht gut ankommt. Das ist praktisch, denn so muss man sich nie überlegen, was man sagt. Und wieso. Denn: Man darf ja. Die Meinung ist frei.

Man könnte, bevor man etwas sagt, sich fragen:

Ist es nett? Hilft es jemandem?

Wenn die Antwort zweimal nein wäre, könnte man das Sagen einfach lassen und nichts sagen. Wieso? Weil es nett wäre? Und das Gegenteil keinem was hülfe – wohl eher im Gegenteil… ABER: Man beruft sich auf seine Rechte. Die einem wohl eher egal sind, nicht grundsätzlich, aber in dem Fall, die sich aber grad gut instrumentalisieren lassen für die eigenen Zwecke. Man ist quasi legitimiert fein raus. Muss sich nicht mehr hinterfragen.

Ich finde das doppelt traurig. Erstens plappert man einfach mal drauf los, ohne Rücksicht auf Gefühle oder Verluste. Zweitens missbraucht man ein Menschenrecht, das gut und richtig und wichtig ist, für die eigene Gedanken- und Gefühllosigkeit. Und wenn auch das Menschenrecht nicht mehr zieht, dann war es gar nicht so gemeint. War quasi Humor. Oder notfalls Satire. Das macht es nicht netter oder besser, aber gut und nett ist eh out. Zumindest scheint es ab und an so. Man kann ja im nächsten Atemzug über die kalte und grausame Welt ohne Gefühl und menschliche Werte jammern….

Rezension: Hervé Le Tellier: Neun Tage in Lissabon

Als Vincent, ein Journalist, und Antonio, Pressefotograf, in Lissabon zusammenkommen, um über den Prozess eines Serienmörders zu berichten, interessieren sie sich weniger für die beruflichen Aufgaben als ihre persönlichen Geschichten – heute wie in der Vergangenheit.

In Lissabon schwelgen sie in Erinnerungen über alte, machen sich auf die Suche nach verlorenen und finden neue Lieben – das alles in der typischen Atmosphäre Lissabons.

Autor
Hervé Le Tellier wurde 1957 in Paris geboren. Er veröffentlichte viele sehr originelle Bücher, Romane, Erzählungen, Gedichte und Kolumnen. Seit 1992 ist er Mitglied der Autorengruppe OuLiPo (Ouvroir de Littérature Potentielle), die von François Le Lionnais und Raymond Queneau gegründet wurde und der Autoren wie Georges Perec, Italo Calvino oder auch Oskar Pastior angehörten. ›Kein Wort mehr über Liebe‹ ist das erste Buch von Hervé Le Tellier in deutscher Übersetzung.

Fazit
Ein Versuch, Fado zwischen zwei Buchdeckel zu packen. Wer Lissabon liebt, wird es in dem Buch finden.

Angaben zum Buch:
TellierLissabonTaschenbuch: 280 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juni 2013)
Übersetzung: Jürgen Ritte, Romy Ritte
ISBN-Nr.: 978-3423249683
Preis: EUR 14.90 / CHF 29.90

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Rezension: Gisa Klönne: Die Wahrscheinlichkeit des Glücks

Der Anrufer war nicht ihre Tochter, statt Aline redete eine Männerstimme auf sie ein, eine fremde Stimme mit niederländischem Akzent, die seltsam gebrochen klang und ihre Botschaft viel zu schnell hervorschleuderte, nein schrie, immer wieder dieselben Worte, und noch bevor Frieda irgendetwas verstand, fühlte etwas tief in ihr bereits, welch furchtbarer, grausamer, nicht wiedergutzumachender Fehler ihre gestohlene halbe Stunde gewesen war.

Drei Generationen, eine Geschichte. Henny, Mutter von Frieda, einer Astrophysikerin und Grossmutter von Aline, einer jungen Tänzerin, lebt durch ihre Demenz immer mehr in der Vergangenheit und kämpft mit den Geistern derselben. Sie schenkt ihrer Enkelin zu deren Verlobung eine Schachtel mit geheimnisvollem Inhalt, der die junge Frau so durcheinander bringt, dass sie aufgescheucht auf die Strasse rennt und von einem Auto erfasst wird. Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden, es ist an Frieda, Licht ins Dunkel zu bringen und das Geheimnis hinter der Schachtel zu lüften.
Mit der Suche nach der Wahrheit kommt sie auch ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur. Damit gerät die bislang so ordentlich eingerichtete Welt der ehrgeizigen Wissenschaftlerin ins wanken.

Autor
Gisa Klönne, geboren 1964, ist die Autorin von mittlerweile fünf erfolgreichen Kriminalromanen um die Kommissarin Judith Krieger. Daneben legte die unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnete Autorin mit »Das Lied der Stare nach dem Frost« und »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks« aber auch zwei Familienromane vor. Gisa Klönnes Romane sind Bestseller und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Köln.

Fazit
Liebe, Lebenslügen, Geheimnisse und Verrat vor dem Hintergrund historischer Ereignisse in Siebenbürgen/Rumänien geschrieben in einer lesbaren Sprache. Berührend, spannend, tiefgründig. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
KlönneGlückTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (1. März 2016)
ISBN-Nr.: 978-3492308212
Preis: EUR 9.99 / CHF 29.90

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Einmal wieder Jungfrau sein

Ich hatte heute meine Jungfernfahrt mit meinem E-Bike. Sprich: Ich habe mich velotechnisch als Senior eingestuft. Nachdem ich ganz beschwingt losfuhr, merkte ich bald (bei der ersten Steigung, um genau zu sein): „Mist, das geht doch ganz schön in die Beine.“ Ich schaltete den Motor hoch und höher, trat in die Pedale, kam dann doch ganz gut oben an (ich gestehe, ohne wäre das eine Tortur sondergleichen gewesen – wenn überhaupt in Angriff genommen….). Aber: Ein bisschen warm war mir geworden. Irgendwie hatte ich mich vor meinem inneren Auge locker flockig die Hügel rauf und runter sausen sehen… das schien etwas sehr positiv gedacht gewesen zu sein….An jeder Ampel äugte ich in die Autos neben mir und beneidete insgeheim die Fahrer. Die durften sitzen und lenken, während ich trampen (!!!) musste.

Auf dem Rückweg hatte ich gelernt, dass man vielleicht den Gang etwas runterschalten sollte beim hochfahren. Und dass es bergauf keine 30 km/h sein müssen. Das ganze Unterfangen war so schon viel beschwingter. Aber ohne trampen ging noch immer nix. So stand ich dann an einer Ampel. Neben mir ein sehr sportlicher Mountainbiker, vollgespritzt mit Dreck. Er blickte mich an, dann mein Bike, dann wieder mit. Ich lächelte leicht verlegen. Sagte: „Ich weiss, ich schummle.“. Er lächelt zurück. Ich sage: „Dafür radle ich dann bald locker beschwingt an dir vorbei. Aber – ich gestehe: Ohne schummeln käme ich den Hügel kaum hoch.“. Er lächelt und sagt: „Ach was, das ist toll – immer noch besser als ein Auto.“ Ich sage ganz erleichtert: „Das dachte ich eben auch. Und trampen muss ich ja trotzdem.“ Er stimmte mir vollumgänglich zu und lächelte noch breiter.

Wir überholten uns gegenseitig noch einige Male, dann verloren sich unsere Wege. Zurück blieb ein beschwingtes Gefühl, mit dem ich mich nach Hause trampte. Und morgen geht es wieder los. Trampend.

Rezension: François Roux: Die Summe unseres Glücks

So, wie ich aufgrund meines zarten Alters schon den Mai 1968 verpasst hatte, sollte ich auch diesen 10. Mai und jede Menge zukünftige Mairevolutionen verpassen- natürlich immer aus den allerbesten Gründen. Mit der Zeit entwickelte es sich übrigens fast zu einem Charakterzug, dass ich immer abseits der grossen Ereignisse stand, die meine Welt genauso prägen wie die der anderen.

François Mitterand gewinnt die Wahl, Rodolphe und seine Freunde feiern mit ganz Frankreich – die ganze Nation ist in Aufbruchstimmung. Rodolphs Weg führt in die Politik, er lebt den Erfolg, doch der hat seinen Preis – auch seine Freunde bezahlen für ihre Wege einen Preis. War er zu hoch? Mussten sie zu viele Opfer bringen, um ihre Ziele zu erreichen? Wo blieben ihre Träume aus der Jugend? Dies alles sind Themen, als sch die Freunde nach vielen Jahren wieder treffen.

Ein Buch über das Leben, die Lebenswege, den Preis, den man dafür zahlt, aber über Freundschaft und die Frage nach dem Glück.

Zum Autor
François Roux, geboren 1957, ist ein französischer Autor und Regisseur, dessen Filme auf internationalen Festivals mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Sein Roman »Die Summe unseres Glücks« wurde vom französischen Publikum und der Literaturkritik gleichermaßen euphorisch aufgenommen.

Fazit
Sprachlich eleganter und gut lesbarer Generationenroman, der die politische Vergangenheit (und Gegenwart) Frankreichs durch die Lebensgeschichten der Protagonisten erfahrbar macht.

Angaben zum Buch:
RouxGlückGebundene Ausgabe: 640 Seiten
Verlag: Piper Verlag (5. Oktober 2015)
Übersetzung: Elsbeth Ranke
ISBN-Nr.: 978-3492056939
Preis: EUR 24

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Wie die Mücke zum Elefanten wurde: Handshake

In der Schweiz kocht es mal wieder: Zwei Pubertierende wollen der Lehrerin die Hand nicht geben. Sie kamen damit durch. Die Pubertierenden waren Muslime, argumentiert wurde religiös.

Die Stimmen werden laut:

Unsere Kultur verlangt das Händeschütteln zur Begrüssung. Das geht gar nicht, dass das verweigert wird.

oder:

 Der Koran verbietet das gar nicht, das ist überzogen. Wie kann man nur, was geht da ab?

Ich musste als Kind nie einer Lehrerin die Hand geben. Einem Lehrer übrigens auch nicht (zum Glück, ich gebe nicht jedem gerne die Hand…man weiss nie, was der mit seiner vorher tat 😉 ). Ich weiss nicht, wann das eingeführt wurde und was der Zweck dafür sein soll. Wohl Beziehungsbindung, die man dann mit Einträgen für jedes noch so kleine Vergehen wieder kaputt macht (kannten wir in dem Stil auch nicht).

Was mich in der ganzen Sache etwas nervt ist folgendes: Da wird zwei Teenagern, die grad mit ihren Hirnzellen kämpfen wegen pubertär verursachten Umstrukturierungen ihres Hirns, eine Plattform geboten, die schlicht lächerlich ist. Das Ganze wird dann instrumentalisiert, um generell gegen Ausländer, Muslime im Speziellen, zu stänkern.

Wer nun findet, man müsse früh eingreifen, denn das gehe auf Kosten der Frau, welcher zu wenig Respekt gezollt wird, den möchte ich nur das fragen:

 Fördert ein erzwungener Handschlag den Respekt wirklich?

Andere Kulturen mögen andere Frauenbilder haben. Die gefallen mir nicht, die scheint man (nach aussen – es gibt sie ja auch bei uns, man beachte nur unsere Werbung und mehr….) hier abzulehnen. Diese Frauenbilder werden nicht ändern, weil man Pubertierende massregelt – oder eben durchmarschieren lässt. Die Frauen hierzulande haben es in der Hand, welchen Mann sie wählen, die Männer, welcher Frau sie gefallen wollen. Schlussendlich fängt Respekt im Hirn an, nicht bei der Hand, die eine andere berührt – Wirklicher Respekt kann nie erzwungen werden.

Facebook – da traut man sich was

Kürzlich kam es auf Facebook zu einer Diskussion. Das Thema interessierte mich nicht wirklich, trotzdem habe ich (mein Fehler) irgendwann (mehr beiläufig, denn durchdacht) einen Kommentar dazu gegeben. Die selbsternannten Experten in der Sache schossen sich gleich auf mich ein, drehten mir die Worte im Mund rum, bis ich sagte, die Diskussion sei für mich hier beendet. Dies kam nicht gut an, ich fühlte mich schuldig des Diskussionsabbruchs, schob was nach, um dann zu hören:

Liebe Sandra, ich habe dich hier missbraucht, um etwas zu beweisen.

Erst wollte ich schreiben, dass dies weder logisch noch formal als Beweis qualifiziere, ich liess es, denn: Einem Menschen, der Menschen MISSBRAUCHT, um seine Wahrheiten durchzudrücken, muss ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit geben. Besagte Person schoss noch ein paar mal gegen mich, es schien ihr wichtig, ich liess es stehen.

Kurz darauf stellte ich ein Bild einer Yogapose ins Netz. Eine FB-Freundin meinte, mir sagen zu müssen, dass das Bild eklig sei, da ich viel zu dünn sei. Ich solle das sofort löschen. Überhaupt könne man bei dem Anblick nie glauben, dass ich überhaupt je esse, was ich ab und an ins Netz stelle. Früher hätte ich mich gerechtfertigt, von vielen Stunden auf der Matte und anderen Dingen erzählt. Ich habe den Kommentar gelöscht und sie entfreundet.

Es geht mir nicht drum, dass keine Kritik sein darf. Ich kann diskutieren, gerne auch kontrovers. Aber: Ich möchte a) den Respekt gewahrt wissen und b) in den sozialen Medien eigentlich entspannen und mich nicht danach schlecht und schlechter fühlen.

Was ich mich aber frage: Ist das die Welt heute? Jeder pisst dem anderen ans Bein? Weil man es kann, weil man ja seine Meinung haben und sagen darf – egal, was dabei rauskommt, egal, wen man verletzt, egal, was man kaputt macht? Freie Meinung über allem?

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Die Meinungsäusserungsfreiheit ist wichtig und richtig und ein Grundrecht, das für mich unanfechtbar ist. Aber: Kann man damit wirklich alles rechtfertigen? Noch vor diesem Grundrecht steht nämlich:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Reihenfolge ist nicht beliebig, sie ist durchaus hierarchisch. Allerdings scheint das keinen mehr zu kümmern im Zeitalter der schnellen Kommentar-Klick-Online-Gesellschaft. Man schiesst munter drauf los. Ist einer verletzt? Sein Problem! Ich lebe die Meinungsäusserungsfreiheit und überhaupt: Was kümmern mich die Gefühle anderer, Hauptsache ich habe meinen Spass und bin cool. Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass man Social Media mit SM abkürzt?

Das Tattoo

Claudia wusste: Nun war es soweit, nun musste eines her. Sie machte nun schon seit vielen Jahren Yoga, in der Szene hatten alle Tattoos. Also viele. Also eigentlich war egal, wer eines hat, sie wollte eines. Zwar sagte sie schon lange, dass sie gerne eines hätte, aber den Schmerz scheue und nicht wisse, was genau und wo, aber so ganz durchringen konnte sie sich nie. Das war nun anders. Sie wusste genau, was es sein sollte. Und sie wusste auch, wo es hin musste:

  • Ein Schriftzug auf den Fussrist
  • Ihr Logo auf den Deltoid (sorry, Fachgesimpel: Schulter-Oberarm)
  • Ein Om-Zeichen auf den Knöchel
  • Ein Schriftzug auf den inneren Oberarm
  • Ein Schriftzug auf den Nacken

Weitere sollten folgen – natürlich eines nach dem anderen, aber begonnen würde mit dem Fuss.

Nachdem das nun mal klar war, ging es darum, den richtigen Tätowierer zu finden. Wer könnte besser helfen als Facebook? Claudia startete also eine Umfrage und erhielt fast so viele Namen wie Antworten kamen. Aber: Ein Name kam mehrfach, den wollte sie. Der Zufall wollte es, dass der auch gleich um die Ecke von ihr war – umso besser. Claudia griff kurz entschlossen zum Hörer (sich innerlich selber über ihre Entschlossenheit freuend).

Nach kurzem klingeln hob Matteo ab. Der gewünschte Tätowierer sei leider in den Ferien, ob auch ein anderer gehe. Claudia verneinte. Matteo wollte in einer Woche wieder anrufen, dann sei der Körperkünstler zurück. Die Zeit verrann, auch der versprochene Termin für den Rückruf. Eines Tages klingelte das Telefon. Matteo. Sie könnten nun einen Termin abmachen. Claudia schluckte leer. Das kam nun doch sehr unvermittelt. Leicht stotternd meinte sie: „Super, machen wir……. wann?“

Matteo: „Morgen?“

Claudia:…..

…. ….. …

…. …. ….

Claudia: „Nein, morgen kann ich unmöglich!“

Matteo: „Ok, Montag in 2 Wochen.“

… … …

Claudia schluckt (wohl laut hörbar) und sagt (leicht zögerlich): „Ok, prima, das passt.“

Matteo: „Gut, dann buch ich dir den Termin bei Raffael, du musst nur eine Vorauszahlung machen – online oder kommst du vorbei?“

Claudia (noch immer mit ganzer Froschfamilie im Hals): „Öhm, also, ich denke, also…wohin müsste ich kommen?“

Matteo: „Na, in die Filiale XYZ.“

Claudia überlegt… Aus ihrer Recherche wusste sie, dass ihr gewünschter Stecher (also mit Tinte) nicht in der Filiale agierte.

Claudia: „Wer ist der Tätowierer?“

Matteo: „Raffael – deiner ist krank, wir wissen nicht, wann er wieder da ist.“

[Regieanweisung: Ein (ganz bestimmt gut hörbarer) Plumps des Steins, der von Claudias Herzen fiel.]

Mit dem Grundton der Überzeugung sagte Claudia resolut: „Nein, einen anderen Künstler lasse ich nicht an meine Haut! Ich wünsche ihm gute Besserung und ruft wieder an, wenn er gesund ist.“

Matteo versprach, das zu tun. Claudia kriegte erstmals seit dem Anfang des Telefonats wieder gut Luft.

Der Weg der Gelassenheit

Kürzlich regte ich mich auf. Aber sowas von. Ich weiss gar nicht mehr, worüber, aber: Das ist meist eh nicht relevant, man regt sich ja über alles auf. Man überlegt dabei selten, was man sich selber damit antut, sondern man ist grad so schön drin in der Aufgeregtheit. Schliesslich hat man ja Grund. Sagt man sich.

Ein Bekannter meinte süffisant: „Macht Yoga nicht gelassen?“ Meine Antwort war klar schlagfertig: „Du kanntest mich vor Yoga nicht.“ Aber es hing nach. Da war in der Tat noch Luft nach oben.

Heute fühlte ich mich in der Theorie bereit für den Weg. Frei nach dem Motto

Du hast ein Problem? Kannst du es lösen? Prima, wieso sorgst du dich? – Du kannst es nicht lösen? Wieso sorgst du dich?“

gehe ich nun den Weg der Gelassenheit. Seit ich ihn gehe, sind doch schon ein paar Stunden vergangen. Ich behaupte nicht, er wird immer gelingen, aber: In der Theorie klappt er schon ganz gut!

Wer bin ich?

Wie oft
hab’ ich mich gefragt,
was andere erwarten?
Wie oft
habe ich gemacht,
was andere forderten?
Oder dacht’ ich nur,
sie fordern es?
Weil ich selber dachte,
es müsste sein?

Woher kamen
die Gedanken?
Aus Erfahrungen,
die ich gemacht?
Von falschen Erwartungen?
Oder gar
von mir?
Hab ich es
in andere
projiziert?

Wer bin ich,
wenn ich nur erfülle?
Müsst’ ich nicht
ich sein?
Um wirklich
zu sein?
Wer bin ich?
Und:
Wer bestimmt’s?