Leseerlebnis – Ingeborg Bachmann: «Senza Casa»

Autobiographische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen

«Ständig bewohnt von Gefühlen
Gespinst voll von Gespinsten
wehenden, flatternden, zerrissenen
veränderlichen, denen ich ein
mangelhaftes Haus aus Fleisch und Wasser und Muskel
und Haut gebaut hab.»

Es gibt wohl kaum eine Zweite, mit der ich mich so verbunden fühle, weil ich mich in ihren Zeilen immer wiedererkenne, wie Ingeborg Bachmann. Das ist sicher auch der Grund, wieso ich an keinem Buch von ihr oder über sie vorbeikomme. Ich muss sie haben, ich muss in sie eintauchen, ich muss mehr erfahren. Und finde immer auch mich in den Texten.

«Einbruch des Vergangenen in die Intensität. Die Liebe: das Zurückrufen der Liebe aus einer Zeit, in der sie es nicht war.»

«Senza Casa» ist wohl eines der persönlichsten Bücher. Hier finden sich Notate aus ihren Tagebüchern, hier finden sich ihre tiefsten Gedanken, Gefühle, aufgeschrieben aus der Situation heraus, wie sie gerade auftauchten, sich drehten und damit Ingeborg Bachmann umtrieben. Liest man es als erstes Buch, um ihr näher zu kommen, stösst man in die Tiefe vor, sieht sich mit Gefühlen konfrontiert, die man nicht zuordnen kann, die aber für sich Bilder auslösen. Liest man es vor dem Hintergrund eines schon vorhandenen Wissens über ihr Leben, Denken und Schaffen, finden sich zusätzlich Bezüge zu diesem, weiss man die einzelnen Stellen zuzuordnen.

«Allein sein. Frei sein.»

Ein Herzensbuch, das ich nur ans Herz legen kann. All denen, die eine spannende, wunderbare und sehr eigensinnige, eigenwillige Frau näher ergründen wollen.


Entdecke mehr von Denkzeiten - Sandra von Siebenthal

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4 Kommentare zu „Leseerlebnis – Ingeborg Bachmann: «Senza Casa»

  1. Die Literaten haben es viel mit Worten, mit Bildern,
    mit Phantasien
    und mit Emotionen – aber wenig mit der Wahrheit.

    Sie leben/schreiben in Wolkenkuckucksheimen.

    Sandra: „hier finden sich ihre tiefsten Gedanken … Liest man es als erstes Buch, um ihr näher zu kommen, stößt man in die Tiefe vor, sieht sich mit Gefühlen konfrontiert, die man nicht zuordnen kann, die aber für sich Bilder auslösen.“

    ✿ Gedanken haben keine Tiefe, sie dümpeln an der Oberfläche.
    ✿ Gefühle haben gelegentlich Intensität (angenehm oder unangenehm), aber keine Tiefe. Sie existieren nur an der Oberfläche.

    Gehst du in die Tiefe, triffst du weder auf
    Gedanken, noch auf irgendwelche Gefühle.

    Für die Weisheit müssen wir zwar ein wenig in die Tiefe gehen – dabei Gedanken, Erinnerungen und Emotionen hinter uns lassen – aber auch sie befindet sich noch nahe an der Oberfläche.

    Grüße! 🌻

    Gefällt 1 Person

    1. Das haben geschriebene Texte wohl an sich, dass sie aus Wörtern, Bildern und Phantasien bestehen. Wie dein Kommentar ja auch. Was die Wahrheit ist und ob es sie gibt, ist eine andere Frage. Hier ging es um ein Buch und um ein paar Gedanken dazu. Wahrheit zu finden war nicht das Ziel.

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  2. Danke, liebe Sandra, für diesen Beitrag!

    Ich beschäftige mich mit dieser großen Autorin des letzten Jahrhunderts seit einigen Jahren, bzw. habe sie nach meinem Studium der Germanistik vor langer Zeit nun für mich wieder entdeckt. Der Reichtum, mit dem sie uns durch ihre sensible Sprache beschenkt, ist unermesslich. Dem, der ihren Texten offen gegenübertritt, bietet sie unzählige Möglichkeiten, die Dinge aus neuen Blickwickeln zu entdecken und für sich selbst neue Gewissheiten zu erzeugen.

    Für mich ist die Bachmann eine wahre Meisterin des „Reframing“. Ihren Roman „Malina“ habe ich unlängst zum dritten Mal gelesen, und es ergeben sich wieder vollkommen neue Zusammenhänge. Ihre Biographie zu kennen, bietet weitere spannende Anknüpfungspunkte, ist dabei aber nicht notwendig, um zu verstehen.

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    1. Mit Malina geht es mir wie dir. Ich bin für mich zum Schluss gekommen, dass Verstehen kein Ziel ist. Immer wieder Neues zu entdecken macht die Lektüre zum Gewinn. Ich bin nicht mal sicher, ob wirklich eine klare Aussage hinter allem steckt, eine, die Ingeborg Bachmann selbst hätte benennen können.

      Ich beschäftige mich immer wieder intensiv mit ihr. Das wird mich wohl auch weiter begleiten.

      Herzliche Grüsse

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