Ein höflicher Satz. Ein Satz des Anstands, oft begleitet mit einer entsprechenden Geste. So hat sich das eingeprägt, das ist unsere kulturelle und damit unhinterfragte Sicht. Schaut man aber genauer hin, holt man die Wendung aus ihrer gewohnten und damit unreflektierten Bedeutung heraus, zeigt sich ein anderes Bild. Verwendet wird diese Wendung mehrheitlich dann, wenn man einen eigentlichen Grenzüberschritt höflich verpacken will. Man würde es nicht sagen, wenn man nicht tief drin wüsste, dass das, was man zu tun vorhat, eine Grenze überschreitet, nämlich die des anderen: Man tritt ihm zu nah. Man begrenzt dessen Freiheit indem man sich explizit die eigene gewährt. Damit ist diese Wendung in Tat und Wahrheit eigentlich eine höfliche Entschuldigung, die aber nicht nach einer passierten Handlung nachgereicht wird und damit eine Einsicht des eigenen Fehlverhaltens impliziert, sondern eine vorweggenommene Rechtfertigung für ein noch auszuführendes Tun.
Würde man stattdessen fragen: «Darf ich?» und (ganz wichtig) die Antwort abwarten, um sie dann auch wirklich als Richtschnur für das eigene Handeln zu nehmen, sähe die Sache ganz anders aus. Dann hätten wir zwei Menschen auf Augenhöhe, von denen einer etwas will, bei dem er an die Grenzen eines anderen stösst. Der andere hat dann die Möglichkeit, seine eigenen Bedürfnisse oder Abneigungen zu formulieren, in denen er gesehen und respektiert würde. Ansonsten werden diese ignoriert und übergangen.
Ist das alles reine Sprachklauberei, eine weitere Form eines woken oder identitären Sprachverhunzungsprogramms, wie sie heute oft angeklagt werden? Nein, es ist die Aufforderung, hinzuschauen, was wir wirklich tun und sagen, die Worte auf ihren tatsächlichen Inhalt und die damit verbundenen Implikationen zu prüfen. Es ist die Aufforderung, Abwertungen und Machtverhältnisse im alltäglichen Sprachgebraucht zu sehen und zu überwinden, da diese die Strukturen unserer Welt schaffen. Sprache schafft Wirklichkeit oder wie Ludwig Wittgenstein sagte:
«Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»
Die Art und Weise, wie ich spreche, offenbart viel von meinem Weltbild. Oft agieren wir unbewusst aus diesem heraus, weil wir schon die Sprache unbewusst verwenden. Wenn wir mit einem «Ich denke, also bin ich» durch die Welt gehen, unsere Gedanken als die richtigen sehen und diese den anderen überstülpen wollen, bleiben wir in unserer eigenen kleinen Welt gefangen und sehen die Weite hinterm Horizont nicht. Es entstehen Fronten von lauter Ichs, die die Welt erklären können, nur verstehen sie sich leider gegenseitig nicht, so dass jeder in seiner eigenen Welt vereinzelt lebt.
Wir müssen hin zu einem «Wir denken, also sind wir» kommen, im Wissen, dass der gemeinsame Blick auf eine Sache diese erst wirklich sichtbar macht – nämlich von verschiedenen Seiten. Indem wir unser Denken durch eine zugewandte und respektvolle Sprache mit dem Denken anderer zusammenbringen, schaffen wir eine gemeinsame Welt, in der jeder seinen Platz findet, weil durch das gegenseitige Verständnis und die Erweiterung des eigenen Blicks ein Miteinander möglich wird. So finden wir eine gemeinsame Sprache und schaffen damit eine gemeinsame Welt. Dann ist diese Welt grösser, da die Grenzen meiner Sprache nicht mehr die Grenze meiner Welt ist, sondern sie sich ausweitet hin zu den Grenzen unserer Sprache, die eine gemeinsame Welt begründen.
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Als Ergänzung zum ersten Teil deines Artikels:
Manche Phrasen sind mehr als nur Floskeln. Beispiel: „Wie wir sehen, …“
In der Zusammensetzung dieser drei winzigen Wörter ist schon eine – möglicherweise aufgrund von Unachtsamkeit unabsichtliche, aber dennoch wirksame – Manipulation versteckt:
Der Redner sagt nicht: „Wie ich (es) sehe“, denn
◾ so wäre seine Sicht auf die Dinge eine subjektive und damit
◾ nur eine unter vielen anderen.
◾ Außerdem könnte seine (An-)Sicht eine „falsche“ oder zumindest
eine fragwürdige sein.
Er formuliert eine Unterstellung:
◾ Die Angesprochenen sähen das Selbe wie er und würden das, was
sie sehen, in gleicher Weise einordnen und interpretieren wie er.
◾ Sie sahen und sehen es aber nicht, denn andernfalls wäre das,
was er sagen will, bereits obsolet.
◾ Mit der genannten Phrase hebt der Redner die Zuhörer suggestiv
(vermeintlich) auf die „Höhe seiner Kompetenz“.
◾ Der sich angesprochen fühlende Zuhörer ist nun geneigt, die
Dinge ebenso gesehen zu haben und zu sehen, wie der Redner sie
zu sehen vorgibt.
◾ Damit nötigt er die Zuhörenden unterschwellig, seinen Worten zu
glauben,
◾ suggeriert aber, sie würden die Dinge gleich ihm und den anderen
auf Augenhöhe… objektiv betrachten und bewerten.
Es ist eine psychologische, intellektuell verbrämte Verarsche.
Eine ähnliche lautet: „Wir wissen, daß…“
Und so stellt man sich mit der klassischen Lehrer-Attitüde über den Anderen, indem man seine Antwort positiv bewertet: „Das ist eine gute Antwort!“
Sommerliche ☀️ Grüße!
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