Die Sprache verroht, es
ist ein Vergehen.
Worte, sie sterben,
was kommt, ist nur Bruch.

Was früher mal hold, ist
heute voll krass und
Schönes, das nennen sie
fett und voll geil.

Ich wünschte, es gäb’
eine Sprachpolizei, die
kümmerte sich um
diesen Verfall.

Dann würden wir reden,
wie Goethe einst schrieb und
hätten uns sicher
auch wieder lieb.

Denn Sprache, sie bildet
Charakter und Denken,
sie formt so den Menschen
in seinem Sein.

Drum wähle die Worte
behutsam und klug, denn
was du heut sagst, wirst
du morgen sein.

©Sandra Matteotti

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Für die abc.etüden, Woche 27.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 27.18 kommt von Werner Kastens (wkastens.wordpress.com)

Sie lautet: Sprachpolizei, verroht, vergehen

Der Ursprungspost: HIER

AuftrittEs war Samstag. Wie jeden Samstag führte mich mein Weg zum Samstagseinkauf. Quer durch die Randgebiete Zürichs hin zum anvisierten Laden. Da der Hund auch Auslauf braucht, fuhr ich nicht, ich ging. Beim Gehen sieht man mehr als beim Fahren. Drum erlaufe ich mir Orte gerne. Sie wirken ganz anders. Es war also Samstag, ich erging meinen üblichen Samstagsweg. Und da sah ich es. Das Plakat. Und ich las, was drauf stand, da ich alles lese, was sich mir in Buchstaben darbietet.

Mit einem persönlichen Auftritt von Michael Flatley.

Zuerst dachte ich mir wenig. Dann stutzte ich. Und ich fragte mich: Wenn er auftritt, dann ist er ja da. So quasi persönlich. Wenn also hier ein „persönlicher Auftritt“ angekündigt ist, wie sähe dann ein unpersönlicher Auftritt auf? Gibt es das? Oder war hier mal wieder ein übereifriger Werbetexter am Werk, der ganz cool alle Adjektive in die Manege warf, die ihm grad in den Sinn kamen?

Ich tendiere, nach reiflicher, ganz tiefgehender, ultimativ substantieller, alles durchdringender Überlegung zur Variante mit dem Werbetexter. Ich find die Werbung aber nicht cool.

Ich war vor vielen Jahren einen Monat lang in Chicago, da in Unikreisen. Die Redewendung, die mir am meisten auffiel, war: Make new friends. Auf jedem Aushang stand es, jeder, der dich traf und dich zu irgendwas einladen wollte, sagte es. „Make new friends“ schien sowas wie das oberste Gebot, das, was man machen soll, will und wozu man ganz viele Gelegenheiten geboten kriegt.

Ich bin schon lange zurück in der beschaulichen Schweiz, der Schweizer hat es eher nicht so mit neuen Freunden, er ist skeptisch, zurückhalten, wenig outgoing und schon gar nicht aufgeschlossen Fremden gegenüber (was ich oft bedaure). Aber: Zum Glück gibt es Facebook. Da kann man viele neue Freunde finden und die nicht nur vor der Haustür, sondern auf der ganzen Welt. Da ich vielseitig interessiert und sehr kommunikativ bin, bleibt es nicht aus, dass ich doch einige Freunde auf Facebook habe. Täglich kommen auch neue Anfragen hinzu, die ich mehrheitlich annehme, ausser….

Immer wieder kriege ich Anfragen von Menschen, die meine Sprache nicht sprechen. Da ich fast ausschliesslich auf Deutsch schreibe, frage ich mich, was die bei mir gefunden haben, ausser die Aussicht auf eine Nummer mehr in der Freundesliste. Wenn sie sogar nur mit Zeichen schreiben, die ich nicht mal lesen kann, vermehren sich die Fragezeichen in meinem Kopf.

Was mich aber auch immer wieder erstaunt, ist, mit welcher Ignoranz sogenannte Freunde für ihre Seiten werben. Wenn mich jemand für eine Seite begeistern will, die Fleischesser an den Pranger stellt, hat er sich wohl noch nie damit beschäftigt, wer ich wirklich bin und was ich mag (ein Blick in meine Fotos würde ausreichen). Auch interessiert mich Ortspolitik in Ostdeutschland nicht und der Immobilienmarkt irgendwo in der deutschen Pampa ist auch nicht meins.

Bin ich zu fordernd, wenn ich denke, Facebook sei eine Kommunikationsplattform? Von einer solchen erwarte ich, dass man miteinander spricht. Und ich tue das nach bestem Wissen und Gewissen (und klar den zeitlichen Möglichkeiten). Klar kennt man nicht alles von allen, aber so ein bisschen? Ist Facebook nur ein Spiegel der Gesellschaft, in der sich auch kaum mehr wer interessiert, wer du wirklich bist, sondern nur, wozu er dich brauchen kann? Der moderne Strich in der Bettkante quasi?

Sprachliches Erkunden der Welt

Aber vermutlich ist ein Mensch nur in zwei Räumen wirklich zu Hause: im Haus seiner Kindheit und im Grab. Alle anderen Orte, die wir bewohnen, sind bloss graue Fortsetzungen dieser ersten Wohnung, eine unbestimmte Abfolge von Mauern.

In diesen Kurzgeschichten durchstreift Valeria Luiselli die Welt, hinterfragt sie, lässt sie wirken. Es ist eine Reise durch die reale Welt, durch gedankliche Welten, Welten, die die Literatur bereitstellt und sprachliche Welten.

Sprachen zu lernen bedeutet, sich nach und nach darüber klar zu werden, dass wir über nichts irgendwas sagen können.

Falsche Papiere besticht durch Sprachschönheit, zahlreiche Literaturzitate, welche einerseits die Belesenheit der Autorin darlegen, die andererseits neue Ebenen in die Erzählungen einbauen, indem sie Verweise auf neue Geschichten bilden, die den Leser weiter führen, auf neue Welten verweisen. Luiselli hinterfragt das Offensichtliche, beleuchtet das hell da liegende und doch oft verkannte, reflektiert über das Leben, die Sprache, Friedhöfe, Reisen zu Fuss und per Fahrrad und vieles mehr. Schlussendlich stellen die Geschichten auch immer wieder eine Reise zur eigenen Identität dar. Wer bin ich, wie gehe ich durch die Welt und wie erfasse ich sie?

Man könnte sich durchaus vorstellen, dass jeder neue Eindruck ein weiteres Loch gräbt, die unförmige Materie ein wenig mehr verletzt, uns ein bisschen weiter leert. Geboren wurden angefüllt mit etwas – grauer Materie, Wasser, mit uns selbst -, und in uns allen findet Augenblick für Augenblick die langsame Alchimie der Erosion statt. Wir tragen auf dem Hals eine in Bildung begriffene Kaverne, Stücke, die Stückwerk sein werden.

Fazit:
Ein kurzes, sprachlich und literarisch schönes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York. Von ihr erschienen sind Die Schwerelosen, Falsche Papiere.

 

LusielliFalschePapiereAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (15. Januar 2014)
Übersetzung: Dagmar Ploetz, Nora Haller
ISBN-Nr.: 978-3888979361
Preis: EUR  16.95 / CHF 27.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

©Lukas Beck
©Lukas Beck

Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

Michael Stavarič hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten und mir damit einen Einblick in sein Schreiben gewährt.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich wollte schon immer Schriftsteller werden, liebte Bücher und es war alles in allem naheliegend. Hinzu kam meine Zweisprachigkeit und die damit verbundenen kleinen Traumata. Ich bin bis heute der Meinung, diese förderten die Lust zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt zu schreiben?

 Ich glaube nicht, dass man „es“ lernen kann; es gibt so etwas wie eine Disposition in einem. Die hat man oder eben nicht. Das trifft auf jeden künstlerischen Beruf zu. Disposition meint natürlich auch Sozialisation etc. Man kann sich allerdings in Workshops, Unis etc. Rüstzeug aneignen.

Wie sieht dein Schreibprozess aus? Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst? Wann und wo schreibst du?

Ich schreibe meistens unterwegs, ich führe das Leben eines Nomaden. Ich überlege mir lange, WIE ich eine Geschichte erzählen möchte, wie die Sprache dazu aussieht, der Duktus etc. Der Rest kommt dann von allein. Das ist natürlich bei jedem Projekt verschieden. Meine Kinderbücher etwa sind viel „geplanter“.

Woher holst du die Ideen für deine Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert dich?

Woher kommt Inspiration? Keine Ahnung … manche Dinge bleiben im Verborgenen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schaltest du ab?

 Nein, weil das Schreiben kein „Job“ oder „Beruf“ ist, es ist die sprichwörtliche Berufung. Ich habe nie und immer Ferien.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Bist du auch in deinen Figuren? Gibt es eine, mit der du dich speziell identifizierst?

 Die Literatur beginnt mit dem Autobiographischen. Später wird sie fiktiver und irgendwann ist sie hoffentlich eine Imagination. Natürlich gibt es Details aus dem Leben, die ich gern in meine Bücher einfließen lasse. Manche Figuren sind mir näher, andere ferner, auf das Gesamte betrachtet, habe ich sehr wenig mit meinen Romanfiguren zu tun.

Deine Literatur ist sprachlich ausgefallen, es steckt sehr viel Poesie und Sprachspiel in deiner Sprache. Was fasziniert dich an der Sprache? Ist die Sprache teilweise wichtiger als der Inhalt?

Sprache ist unser wichtigstes Kulturgut. Sie ist das, was den Menschen an sich ausmacht. Ich war schon immer von Sprache fasziniert. Und auch die Literatur erschloss sich mir stets über eine besondere Sprache, weniger mittels Geschichten.

Böse Spiele stellt die klassische Beziehung in Frage, Beziehungen erscheinen als komplizierte Angelegenheit. Ist Liebe nur ein Spiel oder macht man eines draus, weil sie überfordert?

Immerhin kann man festhalten, dass nur intelligente Lebensformen verspielt sind. Die Liebe ist eine Konfliktzone. Die Liebe ist Himmel auf Erden. Wir leben und denken bipolar. Auch das ist menschlich.

Was muss ein Buch haben, dass es dich anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell magst?

Es muss mich sprachlich beeindrucken, alles andere bleibt für mich austauschbar.

Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Unbedacht. Unmöglich. Unverfälscht.

Ganz herzlichen Dank für diese Antworten über das Schreiben, die Sprache und den Autoren dahinter.

Ein Porträt von Michael Stavarič mit Bild und Ton findet sich hier:

Ein Mann liebt eine verheiratete Frau. Mit ihr könnte er sich alles vorstellen, was er sich sonst im Leben nicht vorstellen kann. Sie ist die richtige Frau für ihn, nur: Sie ist nicht frei. Eine Frau liebt diesen Mann, sie könnte sich mit ihm alles vorstellen, weil er für sie der Mann überhaupt ist. Allein: Er ist nicht frei. Der Mann wartet, weil er ein Mann ist, der warten kann, die Frau wartet, weil sie eine Frau ist, die warten kann. Das Ganze unter Plastikpalmen mit verschiedenen Farben, je nach Situation und Stimmung.

Am nächsten Tag stehen wir unter einer schwarzen Plastikpalme, sie trägt ihr Herz links, wo es hingehört, und ich spinne meines in Trauerflor, trage schwer daran, dass sie eine vollkommene Frau ist und ich nur ein passabler Mann.

Michael Stavarič erzählt die komplizierte Geschichte von menschlichen Beziehungen. Gefühle, die hochschlagen und tief fallen, Menschen mit Träumen, Hoffnungen, Phantasien und Zwängen. Liebe, die gelebt werden will und scheitert, Betrug, der schön geredet wird, schmerzt und doch bittersüss ist. Es ist eine Geschichte direkt aus dem Leben, erzählt, wie sie passiert, mit allen Wirrnissen, Hindernissen, Verstrickungen und Verzweiflung, die doch voller Hoffnung steckt. Eine Geschichte, in der alle dasselbe wollen, sich allerdings in ihrem Wollen nicht finden, weil immer etwas im Weg steht.

Dass sie die Vollkommenheit liebe und ich meine Freiheit, dass ich aufhören müsse zu glauben, ich könne noch etwas zum Besseren wenden.

In einer teilweise lyrisch anmutenden Sprache beleuchtet Michael Stavarič die menschlichen Abgründe, die Lebenslügen und Spiele mit Gefühlen. Leitmotive führen durch den Roman, verleihen ihm eine innere Kohärenz, die auf allen anderen Ebenen zu fehlen scheint. Erzählerperspektive, Realitätsebene, Zeitstruktur – alles ändert, sprungartig, augenblicklich. Der Leser pendelt zwischen Innensichten und Dialogen, zwischen Erzählung und Wünschen hin und her und sieht sich immer wieder denselben Motiven ausgesetzt.

Böse Spiele besticht durch eine plastische Sprache, durch eine Lebendigkeit in Form und Stil. Bildhaftigkeit ersetzt blosse Beschreibung, Farben drücken Stimmungen aus, wiederkehrende Refrains erzeugen eine Melodie. Literatur erscheint hier als Komposition aus Tönen, Bildern und Stimmungen.

Fazit:
Lyrische Prosa voller Brüche und Widersprüche, verwirrend und doch lebensnah. Eine lohnende Herausforderung.

Zum Autor
Michael Stavarič
Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

StavaricSpieleAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: C.H.Beck (21. Januar 2009)
Preis: EUR  16.90 / CHF 25.10

 

Zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Kürzlich las ich einen Artikel, aus dem der ganze Unmut über den unbedachten Gebrauch des Wortes „Autismus“ förmlich herausschrie. Der Ärger ist verständlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass bei dieser Wortwahl die Betroffenen immer und immer wieder in eine Schublade gesteckt werden, in die sie eigentlich nicht gehören, in der sie sich (zu recht) auch nicht sehen wollen. Aufgrund jüngster Vorkommnisse (vielleicht auch schon früher, man nahm es nicht so wahr?) wurde Autismus zu einem Modewort, Politiker verwenden es, um gewisse Verhaltensmuster zu bezeichnen.

Wir benutzen Sprache häufig unbedacht. Würden wir jedes Wort sorgfältig hinterfragen, ob es das genau passende und richtige ist, dann gäbe es kleine flüssigen Unterhaltungen und Alltagsgespräche würden eher unmöglich. Das heisst nicht, dass man unbedacht drauflos reden sollte oder darf, immer mit der Entschuldigung, man schulde es der Konversation. Es hilft immer, sich zu fragen, was man wirklich sagen will und darauf zu achten, dies auf eine möglichst eindeutige Weise zu tun, eine, die genau das ausdrückt, was man sagen will und nichts, was man nicht sagen wollte.

Nun erwartet man von einem Politiker mehr als von einem Menschen im alltäglichen Geplauder. Man erhofft sich eine gezielte und durchdachte Wortwahl. Man erwartet, dass die Menschen, die ihre Sprache für die Öffentlichkeit benutzen, um damit die Belange eines Landes mitzuprägen, diese auch korrekt wählen. Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahrzehnten sicher gestiegen, wenn man an die ganzen Diskussionen rund um die Political Correctness denkt.

Eine grosse Schwierigkeit des Sprachgebrauchs ist wohl, dass die Sprache sich verändert. Sprache lebt und wächst mit den Menschen, die sie sprechen. Sie nimmt Dinge aus dem Alltag mit und verändert dadurch teilweise das Vokabular, teilweise die Schreibung desselben und oft auch die Konnotation. Sprache und ihre Wörterbücher werden darum auch ständig der modernen Zeit angepasst. Was früher ein Schimpfwort war, ist heute normal. Was früher normal war, ist heute rassistisch. Es gibt Wörter, die im Fachbereich etwas anderes bedeuten als in der Alltagssprache, manchmal sind die Bedeutungen sogar gänzlich verschieden. (Wie es dazu kommt, bedürfte einer ausschweifenden Erklärung, die den Rahmen hier wohl sprengen würde.)

Wie entwickelt sich Sprache? Die Zeiten verändern sich und damit das, was in der Zeit passiert. Der Mensch sieht sich neuen Erfahrungen gegenüber und sucht Worte dafür, um auszudrücken, was er erlebt, um dem Geschehen um ihn eine Sprache zu geben. Dabei greift er auf Assoziationen zurück. Man kennt das aus der Gefühlswelt, die man mit Begriffen der Sinneswelt beschreibt, um sie fassbar, um sie erklärbar zu machen.  Liebe keine Pflanze und Angst kein Kerker, sie lassen sich aber mit solchen metaphorischen Bildern beschreiben.* Der Nachbar, der sich seltsam benimmt, einen vielleicht gar beängstigt, ist nicht zwangsläufig ein Psychopath, aber er legt gewisse Verhaltensweisen an den Tag, die man mit dem Begriff in Verbindung bringen kann. Genauso wenig ist die keifende Ehefrau hysterisch, die ihrem Mann des Seitensprungs wegen den Computer vor die Füsse wirft. Sprachlich aber kürzt man ab und beschränkt sich auf ein Wort, das ganze Welten von Begriffen in sich birgt. Es ist fachlich nicht korrekt, drückt aber alltäglich aus, was man im Moment assoziiert.

Es gibt viele solchen Worte, viele Assoziationen. Sie entstehen aus einer Sprachlosigkeit einer Situation gegenüber und bilden sich aufgrund von einigen Merkmalen, die man mit einem Begriff verbindet, so dass man die neue Situation beschreiben kann. Gerade bei Krankheitsbegriffen oder Begriffen einer Behinderung ist das zweischneidig, weil immer Menschen hinter dem Fachbegriff sitzen, die sich betroffen sehen durch die heute fast schon inflationäreVerwendung des Begriffs.

Ich denke nicht, dass es eine Lösung gibt. Es ist ein sprachliches Problem, das lebendigen Sprachen in einer sich entwickelnden und verändernden Welt innewohnt. Trotzdem wäre es begrüssenswert, wenn der Umgang mit Sprache bewusster würde. Wenn man sich überlegt, was man sagt, bevor man es tut. Es wäre wünschenswert, dass gerade die, welche sich öffentlich äussern, dies auf eine rücksichtsvolle, sachlich und fachlich korrekte Art und Weise täten. Es wäre der Sprache und der Sache gedient, wenn man von plakativ verwendeten Modebegriffen ablassen und neutral die Fakten beschreiben würde. Dann wäre die Gesellschaft keine autistische, sondern eine, die aufgrund falscher Wahrnehmungen auf die falschen Pferde setzt. Korrekt benannte Gesellschaftsprobleme kann man angehen, für die kann man Lösungen suchen. Ein paar in die Runde geworfene Modewörter verunmöglichen jeglichen sachlichen Diskurs und damit auch die Lösungsfindung. Der schöne Nebeneffekt einer bewussteren (und damit auch korrekteren) Sprache wäre: Man könnte damit unnötige Verletzungen von  (in diesem Fall von Autismus betroffenen) Menschen vermeiden. Das allein wäre es eigentlich schon wert.

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*Vgl. dazu Lakoff/Johnson: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern

Dass die Sprache sich im Laufe der Zeit ändert, ist nichts Neues. Liest man die Minnesänge des 12./13. Jahrhunderts, so kämpft man sich durch mittelhochdeutsche Wendungen, die oft schwer verständlich sind.

Ich wæne mir liebe geschehen wil:
mîn herze hebet sich ze spil,
Ze fröiden swinget sich mîn muot,
alse der valke enfluoge tuot
Und der are ensweime.
[…]*

Aber nicht nur die Sprache änderte sich, auch ihr Gebrauch. Liest man Goethe oder Schiller, sieht man sich einer oft blumigen, epischen, ausschweifenden Sprache gegenüber. Es ist eine schöne und runde Sprache, die schöne und runde Geschichten erzählt. Sogar in den Gedichten wird nicht immer reduziert, sie fliessen dahin, rund und reimend, in Versformen und im Takt.

Viele der ihnen folgenden Autoren blieben dieser Sprache treu, sie pflegten eine Sprache, auf die Wert gelegt wurde, offensichtlich und explizit, will man ihren eigenen Ausführungen glauben. Thomas Mann bekannte, seine Texte immer und immer wieder umzuschreiben, aus Liebe zur Sprache, aus Sorge zu ihr. Und auch in der Zeit zwischen Goethe und Mann finden sich Sprachliebhaber. Neben der Sprachlichen Schönheit lag in dem Geschriebenen immer auch eine inhaltliche Tiefe.

Der zweite Weltkrieg stellte sicher einen Bruch dar. Theodor Adorno liess verlauten, dass danach keine Gedichte mehr geschrieben werden könnten. Der Grund lag auf der Hand: Wie soll Sprache, wie sie bislang die Welt beschrieb, dem genügen, was passiert ist? Wie soll man mit derselben Sprache, die vorher Liebe, blühende Felder und Wälder beschrieb, dem Grauen dieses Unrechts gerecht werden?

Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.**

Natürlich ging das Schreiben weiter, es war auch nicht Adornos Absicht, dieses auszuschalten. Dass aber neue Mittel und Wege beschritten werden müssen, lag auf der Hand. Die Trümmerliteratur wurde geboren. Die Schriftsteller dieser Epoche wollten sich lösen von den hergebrachten Literaturmustern, sie wollten wahr und echt und realistisch sein. Schönschreiberei hatte keinen Platz mehr, Echtheit und Wahrhaftigkeit war gefragt. Die Umsetzung dieser Postulate war nicht immer ganz gelungen,oft griffen sie doch auf die hergebrachten Stilmittel zurück, schrieben noch Sonette und griffen auf die Stilmittel der neuen Sachlichkeit oder auch des Expressionismus zurück. Inhaltlich war die Trümmerliteratur ganz der Beschreibung der Gegenwart nach dem Krieg und der Aufarbeitung der Vergangenheit gewidmet.

Der Krieg rückte in die Ferne, die Inhalte wurden wieder vielfältiger. Wo stehen wir heute? Die Frage, die oft im Raum steht, ist: Was ist gute Literatur? Die Trennung zwischen E und U wie in der Musik schwebt irgendwo in der Luft und wird immer wieder bekämpft. Trotzdem lächeln viele über Pilcher und Konsalik und wollen anderen Ansprüchen genügen – sowohl als Autoren als auch als Leser.

Ist ein Krimi, Thriller, Liebesroman hohe Literatur oder blosse Unterhaltung? Wäre es schlecht, wenn das so wäre? Die malerisch beschriebenen Mord- oder Kussszenen  – hoher Markt- und Unterhaltungswert, wenig literarischer? Das mag durchaus sein, doch wieso soll das eine besser, das andere schlechter sein?

Man kann grosse Literatur vielleicht so beschreiben, dass sie eine Aussage hinter dem Text hat, dass sie tiefer geht, als die blossen Buchstaben es tun. Das macht sie anspruchsvoller als es die reine Unterhaltungsliteratur ist. Das will man nicht immer haben, das ist nicht besser als das andere, aber anders. Solche Kategorien helfen ja auch, für jeden offensichtlich zu machen, was ihn erwartet, so dass man frei nach der jeweiligen Laune und dem eigenen Geschmack wählen kann. Wertungen sind dann überflüssig.

Früher hätte ich bei der Definition von grosser Literatur noch die Sprache hinzugenommen. Ich hätte gesagt, dass sich grosse Literatur durch eine schöne Sprache, Sprachgefühl, Sprachliebe ausdrückt. Ich bin mir bei der heutigen Literatur nicht mehr sicher.

Ich las Kurzgeschichten, Romane, Erzählungen, alle in einem Staccato von Wörtern, Sätzen, Absätzen. Ich las Kapitel, die aus drei Sätzen bestanden, jedes nicht mehr als fünf Wörter. Ich las ganze Erzählungen, die denselben Stil pflegten. Und sie wurden gerühmt. Mir ging beim Lesen der Schnauf aus. Ich kam nie rein, weil der Satz zu Ende war, bevor ich mich einfühlen konnte. Vielleicht bin ich zu langsam. Oder der Text ist zu schnell, zu abgehackt. Nun kann man sagen, die Sprache spiegelt die Zeit wieder. Sie ist insofern ein Kunstmittel und damit eine zweite Ebene im Text. Das könnte man so sagen, damit diese Sprachform rechtfertigen.

Gefallen tut sie mir trotzdem nicht. Mir fehlt das Tragende, mir fehlt, dass ich im Lesen in eine Schwingung komme und in die Geschichte gleite, die mich dann gefangen nimmt. Mir fehlt das Plastische, das Wahrhaftige, das Konstante. Ich hangle mich bei dieser modernen Sprache von Satz zu Satz, bin bei jedem Punkt wieder rausgeworfen, muss beim nächsten grossen Buchstaben wieder andocken, um dann wieder rausgeworfen zu werden. Die Geschichten dahinter wären gut, ich bleibe dran, weil ich wissen will, was wird – und ab und an auch, weil ich nicht einfach wieder aufgeben will. Aber irgendwie fehlt mir was.

Irgendwie fällt für mich die sprachliche Schönheit weg. Alles ist brutal, schnell, kurz. Was ich in Gedichten schätze und liebe, stösst mir beim Roman und in Erzählungen irgendwie auf. Sie sind zu lang, als dass ich mich auf dieses Staccato einlassen will. Ab und an bin ich mir nicht sicher, ob diese neue Sprache in der Literatur, die den Anspruch hat, höher zu stehen als die gefälligen Liebes- und Kriminalromane, nicht einfach daher rührt, sich abheben zu wollen. Einer rühmte es, die anderen sehen das und machen es ihm gleich. Nie mehr über Schachtelsätzen brüten, keine Frage mehr nach Interpunktion, denn nach fünf Wörtern kommt ein Punkt. Der steht da, zeigt den Bruch, weckt auf. Man schaut sich um, ist aus der Geschichte geworfen, taucht wieder auf und  wünscht sich, man wäre unten geblieben.

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*Reinmar: Lieder. Nach der Weingartner Handschrift (B). Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hrsg. von Günther Schweikle. Stuttgart: Reclam 2002 (=Universal-Bibliothek. 8318.), S.106.

**Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft. In: Gesammelte Schriften, Band 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, „Prismen. Ohne Leitbild“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 30.

Liest man Sach- und Fachbücher, gerade im universitären Rahmen, findet man sich einer Flut unverständlicher Wendungen und hochgestochenen Kauderwelschs gegenüber. Jeder, der etwas auf sich hält, scheint das in hoch komplexen, verschachtelten, mit Fremdwörtern gespickten, möglichst langen Sätzen kundtun zu wollen. Oder er scheint zu denken, es zu müssen, damit auch alle gleich merken, dass da einer schreibt, der einer ist und nicht keiner. Wenn dann zu all den Verschachtelungen die an sich schon schwer genug zu lesen wären stünden alle Satzzeichen da  diese auch noch fehlen dann wird das Lesen zur Tortur und man sieht sich ständig suchend wo denn nun der Anfang war und wo das alles endet.

„Das wirklich Wichtige in Diagrammen befindet sich meist in den Pfeilen dazwischen.“

Oft sind die gelehrten Schreiber einsichtig und stellen ihren Text in vereinfachten Diagrammen dar. Das soll veranschaulichen, was vorher unverständlich geschrieben war. Damit es auch wirklich anschaulich wird, lässt man das eine oder andere weg, reduziert maximal und hat danach ein buntes und schönes Diagramm mit Pfeilen und Strichen, Balken und Kuchenstücken. Selbsterklärend ist das nicht, es wird noch eine Erklärung dazu brauchen. Dazu kommt, dass man nun nur einen Teil der Wahrheit kennt, der Rest wurde weg reduziert. Das passt dann auch zum Ausspruch:

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“

Vereinfachungen sind selten befriedigend, gerade, wenn es um komplexe Gegenstände geht, die aus mehreren, nicht hierarchisch zu gliedernden Ebenen bestehen. Reduziert man die zu betrachtenden Punkte auf einige wenige, fallen die anderen, die durchaus Relevanz haben (für sich oder im Ganzen), weg, was zu einem verzerrten und damit falschen Bild führt. Zwar ist dieses Bild dann verständlich, aber es ist schlicht nicht richtig. Damit vermittelt man eine Sachlage, die Menschen als Faktum nehmen, welche aber als solche weder existiert noch irgendwelche Relevanz hat. Bauen dann Menschen auf dieser Sachlage auf, können nur wacklige Konstrukte entstehen.

„Ich habe die Sache zu wenig verstanden, um mich einfach auszudrücken“

Statt die Dimensionen zu reduzieren wäre es in meinen Augen sinnvoller, die ganze Bandbreite offen zu legen. Es müssen auch nicht immer markige Diagramme sein, oft reicht ein simpler Text aus. Beim Offenlegen der ganzen Breite sollte aber darauf geachtet werden, dass man sich sprachlich nicht zu sehr in einen abgehobenen Fachjargon flüchtet. Darin sehe ich die Hauptproblematik. Jeder denkt, er müsse die Lage noch abgehobener und mit noch komplexeren Sätzen und Fremdwörtern schildern, so dass am Schluss keiner mehr etwas versteht, aber alle weise nicken, weil keiner sich die Blösse geben will. Oft sagen die so gelehrt klingenden Sätze aber gar nichts aus, was man spätestens dann bemerkt, wenn man sie Wort für Wort entschlüsselt. Der Sache ist damit nicht gedient.

Will die Wissenschaft nicht vollends nutzlos im Elfenbeinturm verschwinden und sich gegenseitig Häppchen zuwerfen, wäre es an der Zeit, sich in einen Diskurs mit der Gesellschaft einzubringen. Dann erfüllt sie nämlich eine gute und wichtige Aufgabe und all die in stillen Kammern geschriebenen Bücher und Arbeiten werden plötzlich sinnvoll, weil praktisch wahrgenommen.

Als letztes Zitat, welches mir noch aus meiner Unizeit im Kopf schwebt (die oben genannten stammen auch aus meiner Studienzeit) fällt mir noch ein:

„Ich hatte keine Zeit mich kurz zu fassen.“

Und damit schliesse ich.

 

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Inspiriert zu diesem Thema wurde ich durch diesen Blogartikel auf michellebeyeler.ch: Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?