Katja Kulin: Nachgefragt

Katja Kulin

Katja Kulin wurde in Bochum-Wattenscheid ­geboren und lebt seit Mitte 2018 in einem kleinen Dorf in der Voreifel. Das Schreiben war schon als Kind präsent in ihrem Leben, als sie die alte Schreibmaschine ihrer Mutter in beschlag nahm und in die Tasten hämmerte. Nach der Schule studierte sie Germanistik und Erziehungswissenschaften, begann später erst ernsthaft in eigner Sache, fern der Universität zu schreiben. 2015 erschien ihr erster biografischer Roman bei Herder, 2016 dann ihr Romandebüt bei Ullstein. Neben dem Schreiben von Romanen, Romanbiografien und Sachbüchern ist sie als Lektorin/Korrektorin tätig.

Ihr aktuelles Buch: Der andere Mann. Die große Liebe der Simone de Bauvoir.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Als sogenanntes „Arbeiterkind“ bin ich eher bildungsfern aufgewachsen, aber mir wurde als kleines Kind aus Bilderbüchern vorgelesen (leider nicht selbstverständlich, wie ich später von anderen erfahren habe), und mein Vater hat Geschichten über eine kleine Katze für mich erfunden. Ich konnte nie genug davon bekommen es kaum erwarten, selbst das Lesen zu lernen. Von da an war ich ständiger Gast in der Bücherei und habe mir auch schon früh selbst Geschichten ausgedacht.

Dass Schriftstellerin ein richtiger Beruf sein könnte, kam in meiner Welt aber lange nicht vor. Viele Jahre habe ich als Lerntrainerin Kindern und Jugendlichen bei Schulproblemen geholfen und das auch sehr gern gemacht. Das Schreiben habe ich aber irgendwann als Hobby wieder aufgenommen. Inzwischen hat sich schönerweise der Kreis geschlossen und ich darf meinen Unterhalt mit dem Schreiben verdienen. Außerdem unterstütze ich andere Autor:innen als Lektorin oder Korrektorin bei ihren Buchprojekten.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser?

Das Schreiben ist einerseits eines der Dinge ist, die ich am besten kann und die mich erfüllen, gleichzeitig ist es aber auch die eine Sache, in der ich mich noch am meisten weiterentwickeln, über die ich noch am meisten lernen will.

In der Grundschule hatte ich in der vierten Klasse einen Deutschlehrer, der meine Aufsätze sehr besonders fand und mich ermutigt hat. Das hat mir damals viel bedeutet.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem?

Was mich selbst angeht, glaube ich, ein gewisses Talent in die Wiege – oder besser in die Gene – gelegt bekommen zu haben, auf dem sich dann ganz selbstverständlich aufbauen ließ.

Das Handwerk ist eine wichtige Komponente, die sich erlernen lässt, aber sie ist längst nicht alles. Grundsätzlich führen viele Wege zum Ziel, denke ich. Ich bin seit vielen Jahren Moderatorin im Deutschen Schriftstellerforum und habe dort den Weg so einiger Autor:innen bis zur Veröffentlichung begleitet. Einige davon haben sich lange und intensiv mit Schreibratgebern auseinandergesetzt und mehrere Romane zur Übung verfasst, bevor sie an eine Veröffentlichung dachten, andere haben mit ihrem Erstling und aus dem Bauch heraus gleich einen Treffer gelandet.

Woher holst du die Ideen für dein Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte draus?

Was meine Romanbiografien angeht, steht an erster Stelle die Überlegung, welche historische Person ich denn grundsätzlich spannend finde. Dann gehe ich auf die Suche nach einer besonders interessanten oder konfliktreichen Phase in deren Leben, die ich porträtieren möchte. Bei der Recherche formt sich dann meist schon eine Szene in meinem Kopf, mit der dann beginne.

Meine Romanideen beinhalten in der Regel Themen, die mich persönlich beschäftigen oder in meinem Umfeld eine Rolle spielen; Dinge, mit denen ich mit gedanklich auseinandersetze oder die ich individuell, aber auch gesellschaftlich für relevant halte.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Wenn ich zu dem Schluss komme, eine Idee wirklich umsetzen zu wollen, überlege ich mir mittlerweile zuerst den groben Aufbau und bei fiktionalen Romanen auch die Figuren, die auftreten sollen. Für meine Agentur und interessierte Verlage verfasse ich dann ein erstes Exposé und eine Leseprobe. Viele Details kommen erst beim Schreiben hinzu, und natürlich ändert sich manchmal auch noch etwas an der Grobstruktur, wenn ich merke, dass es irgendwie nicht funktioniert. Im Schreibprozess selbst bin ich mir dann immer ein paar Szenen voraus, das heißt, ich plane drei bis vier Szenen genauer vor, damit ich beim Schreiben vor Augen habe, wo ich hinwill.

Wie schreibst du? Noch mit Papier und Stift oder alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel deiner Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Erste Notizen mache ich mir sehr gern handschriftlich, den eigentlichen Text schreibe ich am Computer. Zum Überarbeiten drucke ich alles aus und kritzele mit dem Stift an den Rand, was mir auffällt, und arbeite es dann später am Computer ein. Das Schreiben mit der Hand ist meiner Erfahrung nach mit mehr Nachdenken verbunden bzw. fließen die Gedanken dabei besser, weshalb es sich besonders gut für erste Überlegungen eignet.

Gab es Zeiten in deinem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingst du damit um?

Ich bin generell niemand, der jeden Tag ein oder zwei Seiten schreibt, obwohl ich mir das gern antrainieren würde. Vielmehr gibt es wochenlange intensive Phasen, in denen ich sehr viel schreibe, und dann auch mal einen oder zwei Monate, in denen ich nur recherchiere, neue Ideen zerdenke oder einfach etwas anderes mache.

Schreibblockaden kenne ich eher nicht bzw. steckt an solchen Tagen meist nur die Angst vorm Versagen oder auch schnöde Prokrastination dahinter.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Tatsächlich bin ich beim Schreiben am liebsten allein (vom Hund mal abgesehen), ich kenne aber auch Autor:innen, die immer und überall schreiben können.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend oder bist du ständig „auf Sendung“? Wie schaltest du ab?

Abschalten kann ich eigentlich problemlos, aber gerade in intensiven Schreibphasen spukt ein Projekt einem natürlich ständig im Kopf herum, und auch das Unbewusste arbeitet unbemerkt weiter und lässt ab und an wie aus dem Nichts Durchbrüche für Plotprobleme oder Ähnliches ins Bewusstsein dringen. Das sind dann schöne Aha-Erlebnisse.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftstellerin, was bereitet dir Mühe?

Neben den erwähnten Durchbrüchen finde ich generell die unbewussten Prozesse beim Schreiben sehr spannend. Eigentlich immer bemerke ich beim Durchlesen einer ersten Fassung, dass ich einen roten Faden, ein durchgehendes Motiv, gesponnen habe, ohne es bewusst geplant zu haben.

Mühe bereitet es mir ehrlich gesagt immer wieder aufs Neue, mich überhaupt hinzusetzen und mit dem Schreiben anzufangen. Aber wenn dieser Punkt überwunden ist, läuft es dann in der Regel gut.

Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Katja Kulin steckt in deinen Büchern?

Meiner Meinung nach ist es unmöglich, eine „Einmischung“ der eigenen Person zu verhindern. Alles, was wir erleben, interpretieren wir ja vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen, unserer Gene, unserer Biografie, und natürlich beeinflusst das immer auch unsere Texte.

In meinen Romanen steckt dabei sicher noch mehr Persönliches als in den Romanbiografien, wobei ich da nicht nur aus meiner eigenen Person, sondern auch aus meinem gesamten Umfeld schöpfe. Und natürlich findet das, was mich persönlich bewegt, auch den Weg in meine Bücher.

Du hast schon einige Romanbiografien geschrieben. Was gefällt dir an dem Genre?

Tief in das Leben spannender Persönlichkeiten abzutauchen, finde ich einfach unglaublich interessant und inspirierend. Ermutigend ist, dass sich dabei immer zeigt, dass diese tollen Menschen auch große Schwächen hatten, Zweifel; dass sie nicht nur „gut“ waren, sondern, wie wir alle, viele Facetten hatten. Das auch herauszuarbeiten, ist mir sehr wichtig. Grundsätzlich lässt sich aus gelebtem Leben immer auch viel für das eigene mitnehmen, finde ich.

Dein neustes Buch handelt von Simone de Beauvoir und ihrer Liebe zu Nelson Algren. Wie kamst du auf sie, was hat dich an just dieser Episode aus ihrem Leben gereizt?

Beauvoir und Algren waren beide außergewöhnliche und gleichzeitig sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die als Schreibende auf ganz verschiedene Weise Stellung zu der Gesellschaft nahmen, in der sie lebten. Beide haben in der Zeit ihrer Beziehung ihre erfolgreichsten Werke verfasst und ein bedeutendes Vermächtnis hinterlassen.

Die Entstehungsgeschichte dieser Werke fand ich schon spannend genug, aber vor allem haben mich die Diskrepanzen und Zwiespalte interessiert, die sich bei der näheren Recherche offenbarten, zum Beispiel beim Lesen der Briefe. Die Beziehung Beauvoirs zu Algren war nämlich eine mit zeitweise beinahe klassischer Rollenverteilung, ganz untypisch für sie. Und das ausgerechnet, während sie das Buch schrieb, das dem Feminismus neuen Aufschwung gab.

Wenn du an ein nächstes Projekt denkst, könnte das auch ein anderes Genre sein oder bleibst du deinem treu?

Ich habe schon ein Konzept für eine neue Romanbiografie entwickelt, aber ich arbeite gerade auch einige Ideen für Romane aus, die ich gern schreiben würde.

Wenn du auf deine Bücher zurückschaust, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das dir am nächsten ging, am wichtigsten war und noch ist?

Mein Roman „Normal ist anders“ ist mir sehr wichtig, vor allem wegen der Botschaft, um die es mir beim Schreiben ging. Das Buch begleitet Lea, die nichts mehr essen kann, weil sie Angst vor dem Ersticken hat. Die Leser:innen erleben ihren Weg zur Gesundung in der Psychiatrie mit, wo sie weitere Menschen kennenlernt, die „anders“ sind: Ben, der zwanghaft Kram und Zitate sammelt, den soziophoben Transsexuellen Ismail, der in der Klinik seine ersten Schritte als Frau macht, die langsam gebrechlich werdende, aber liebenswert resolute bipolare Künstlerin Anna und einige mehr.

Es ist nicht nur die Therapie bei einem sehr unkonventionellen Therapeuten, die Lea hilft, sondern vor allem auch die gegenseitige Akzeptanz und Unterstützung der Freunde. Die Figuren sind beim Schreiben damals so lebendig geworden, dass ich mich noch heute praktisch so an sie erinnern kann, als wären sie echte Menschen.

Die meisten Schriftsteller lesen auch viel – gibt es Bücher, die dich geprägt haben, die dir wichtig sind, Bücher, die du empfehlen würdest?

Sehr nachhaltig beeindruckt hat mich Sibylle Bergs „GRM“. Berg schreibt wie keine andere, ich lese sie schon lange, aber „GRM“ ist für mich ihr Meisterstück.

Mein eigenes Schreiben sehr inspiriert und, glaube ich, auch verändert hat „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Høeg, ein Buch, das ich als junge Frau gelesen habe. Fasziniert hat mich daran gar nicht so sehr die Geschichte, sondern vielmehr die Umsetzung. Høeg hat eine einzigartige Protagonistin erschaffen und auf eine wunderbar indirekte, rätselhafte und auch poetische Weise erzählt.

Welche fünf Tipps würdest du einem angehenden Schriftsteller geben?

  1. Viel lesen, vor allem auch in dem Genre, das man schreiben möchte.
  2. Die ersten Schreibschritte ruhig unbeeinflusst machen, dann aber auch die Veröffentlichungsreife intensiv prüfen, indem man das eigene Manuskript mit anderen Werken des Genres vergleicht, Schreibratgeber kritisch liest, Meinungen von Testleser:innen einholt und immer wieder überarbeitet.
  3. Sich mit der Branche auseinandersetzen und Pseudoverlage meiden, die Geld von Autor:innen nehmen und darum alles drucken würden.
  4. Eine Agentur suchen, wenn eine Veröffentlichung in einem Großverlag das angestrebte Ziel ist.
  5. Gleichgesinnte zum Austausch finden und dabei vor allem von denen lernen, die in ihrer Entwicklung schon mindestens einen Schritt weiter sind als man selbst.

Die Rezension zu Katja Kulins Buch „Der andere Mann – Die grosse Liebe der Simone de Beauvoir“ findet ihr HIER

Ilka Piepgras (Hrsg.): Schreibtisch mit Aussicht


„Nach wie vor wird die Arbeit von Schriftstellerinnen weniger ernst- und wahrgenommen als die von Schriftstellern. Für Debatten und Gesprächsstoff sorgen hauptsächlich Publikationen von Männern…“

Ilka Piepgras hat sich aufgemacht und Schriftstellerinnen über die Schulter geschaut. Was bedeutet es, zu schreiben? Wie sieht der Weg vom Gedanken hin zum Buch aus? Womit hat man dabei zu kämpfen? Vor allem als Frau? Das Buch konzentriert sich auf Frauen, da diese auch heute noch wenig präsent sind im Literaturbetrieb.

„Bei mir sind das die heiklen Stellen, die, wo die Verzweiflung und die Angst vor dem Scheitern wohnen: Ich weiss danach oft einfach nicht weiter. Ich habe alles gegeben, um diese paar Seiten zu schreiben, durchzustrukturieren, mit Crescendo und Diminuendo und im besten Fall sogar mit einer Fermate. Und dann? Dann ist da ein Stück Text, korrigiert, fertig, ein fast perfekt poliertes Werkstück, leider ins Unbestimmte ragend wie ein Sprungbrett über einer Schlucht.“

Das Buch umfasst 24 Texte von Schriftstellerinnen, in welchen diese offenlegen, was Schreiben für sie bedeutet, wie ihr Schreiballtag aussieht, womit sie kämpfen, worüber sie sich freuen und wo sie ihre Kraft herholen. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln.

Mit all dem stehen sie bei weitem nicht alleine, so schrieb schon Edith Warton:

„Wenn meine Arbeit nur besser wäre, wäre sie alles, was ich brauche. Aber meine Art von halbem Talent reicht zur Flucht nicht aus.“

Und auch Joan Didion war nicht nur Schreibikone, sondern von Zweifeln und Unsicherheiten geplagte Schriftstellerin:

„Es steht viel schlampiges Zeug darin. Irrelevantes Zeug. Wörter, die nicht funktionieren. Unbeholfenheit.“

An dieser Stelle sei zu bemerken, dass durchaus auch Männer unter Selbstzweifeln, schrieb doch Theodor Fontane in einem seiner Briefe sinngemäss an seine Frau, dass er eigentlich gar nicht schreiben könne und das Ganze am besten sein liesse. Im vorliegenden Buch mussten die Männer aber schweigen, da es darum ging, Frauen eine Stimme zu geben in einem Bereich, in welchem sie noch immer viel zu wenig gehört werden. „Schreibtisch mit Aussicht“ ist ein Buch voller Einblicke, ein ehrliches Buch, ein Buch, das tief blicken und nachdenken lässt. Es ist ein Buch, das seinen Beitrag dazu leisten will, mehr Bewusstsein auf die noch immer vorherrschenden Ungleichbehandlungen zwischen den Geschlechtern zu lenken, welche gerade in dem Bereich umso unverständlicher sind, da Kreativität eine menschliche Angelegenheit und keine Frage des Geschlechts ist. Das einzige, was hier unterscheidet, ist der Fokus, welchen wir hier und heute setzen – es wäre an der Zeit, diesen besser auszurichten.

Fazit:
Ein grossartiges Buch mit Einblicken in die Schreibprozesse von 24 Schriftstellerinnen, über ihre Kämpfe und Freuden. Sehr empfehlenswert!

Über die Herausgeberin
Ilka Piepgras, geboren 1964, studierte in München Politische Wissenschaften und begann, 1991 als Reporterin bei der Berliner Zeitung zu arbeiten. Nach einem Studienjahr in Harvard wechselte sie 1999 zur deutschen Ausgabe der Financial Times Deutschland, wo sie die Buchseiten in der Weekend-Beilage betreute. Sie ist Autorin der Bücher Meine Freundin, die Nonne und Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr und arbeitet heute als Redakteurin im ZEITmagazin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Kein & Aber; 2. Auflage, neue (3. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3036958262
Preis: EUR 23 / CHF 32.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKs.CH

Warum ich schreibe

Ich will in Worte fassen, was in mir ist, will erzählen, was mich interessiert, beschäftigt, zum Nachdenken anregt. Ich möchte mit-teilen, was ich sehe, höre, lese, weil ich denke, dass dieses Teilen und Mitteilen eine Verbindung schafft aus meinem Innern in Aussen, eine Verbindung, die über Grenzen hinweg möglich ist. Ich möchte rauslassen, was in mir ist und manchmal gehe ich es schreibend auch erst suchen und finde es so.

Durch das Schreiben lerne ich. Ich lerne etwas über mich und die Welt, ich lerne, wie es ist, sich etwas zu verschreiben und vor allem lerne ich auch immer wieder, im Hier und Jetzt und mit einer Sache befasst zu sein. 

Ich geniesse den Moment des Schreibens durch das Fliessen, das sich einstellt. In mir und aus mir heraus. Es ist, als ob eine direkte Leitung von tief in mir drin in meine Finger besteht. Doch wo fängt sie an? Im Kopf? Meist ist es kein bewusstes Denken mehr, das fand vielleicht vorher statt. Dinge setzten sich über die Zeit fest, formten sich zu Ideen, wurden meine Gedanken und fliessen dann irgendwann aus den Fingern. Es entsteht etwas Neues aus mir heraus und ich sitze da und freue mich während des Schreibens an diesem Entstehen.

Natürlich gibt es auch zielgerichteteres Schreiben, zum Beispiel bei Artikeln und Büchern, bei denen ich durchaus strukturierter vorgehe. Aber das ist wohl nur vordergründig und im Groben so. Wenn die Struktur mal steht, funktioniert das Schreiben wieder gleich. Lange passiert nichts, die Speicher füllen sich durch ganz viel Aufgenommenes, fast schon Aufgesogenes, Gesammeltes, Versammeltes, schon Vorhandenes, noch neu Hinzukommendes. Und aus diesem Speicher fliesst es plötzlich wieder – meist in einem Guss.

Diese Freude, diese Leidenschaft, die darin steckt und dabei immer wieder ans Tageslicht kommt, möchte ich nicht missen.

Ich sehe überall Geschichten. Ich beobachte Menschen, laufe durch Einkaufsläden, sitze in Cafés und sie liegen vor mir und warten nur darauf, aufgeschrieben zu werden. Vielleicht liegen sie aber auch in mir und werden durch das, was um mich ist, geweckt? Ich weiss es nicht.

Wenn ich aus Impulsen heraus einfach schreibe, fliessen die Buchstaben aus mir heraus. Das fühlt sich für mich stimmig und richtig und wichtig an. Sobald ich anfange, die ganze Sache zu vergeistigen, planen will, mir selber Vorgaben machen möchte, stockt der Fluss und die Tinte trocknet vor dem leeren Papier ein.

Wenn ich nicht schreibe, bin ich nicht ich. Dann fehlt mir der Boden, auf dem ich stehen kann. Indem ich mit dem Schreiben neue Welten schaffe, stehe ich fester und sicherer in meiner. Vielleicht, weil sie mir durch das Schreiben immer wieder erfahrbarer, klarer und präsenter erscheint.

Rezension: Susan Sontag – Tagebücher 1964 – 1980

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke

Gefühl mangelnder Einheit der Persönlichkeit. Meine verschiedenen Ichs – Frau, Mutter, Lehrerin, Geliebte, etc. – wie fügen sie sich zusammen?

David Rieff , der Sohn von Susan Sontag, leitet die Tagebücher mit persönlichen Worten über seine sensible, oft melancholische, nachdenkliche Mutter ein. Er verweist auf die Widersprüche in ihrem Denken, ihre Natur als lebenslang Lernende. Liest man die Tagebücher, zeigt sich eine Frau, die kein Glück in der Liebe hat, die über die gescheiterten Beziehungen nachdenkt, sich hinterfragt, die anderen hinterfragt. Die Erfüllung ihres Lebens ist ihr das Schreiben. In ihm findet sie sich, erkennt sie sich, kann sie ihr Denken strukturieren.

[…]die Tatsache, dass sie kein Glück in der Liebe erlebte, [ist] meines Erachtens genauso sehr Teil ihrer Persönlichkeit wie die tiefe Erfüllung, die sie im Schreiben fand, un die Leidenschaft, mit der sie, wenn sie gerade nicht schrieb, ihr Leben als ewig Lernende anging, als eine Art ideale Leserin bedeutender Literatur, ideale Liebhaberin bedeutender Kunst, ideale Betrachterin beziehungsweise Hörerin bedeutender Theaterstücke, Filme, Musik.

Susan Sontag ist sehr ambivalent in ihrem Denken. Einerseits sieht sie sich anderen an Intelligenz überlegen, andererseits genügt sie oft ihren eigenen Ansprüchen nicht. In ihrem Tagebuch betreibt sie nicht nur Selbstanalyse und analysiert ihre Lieben, sie schreibt über Bücher, die sie las, Filme, die sie sah, Theater, die sie besuchte. Sie macht Listen von Wörtern, um ihren Wortschatz zu erweitern, hält Ideen für neue Texte fest, lässt Gespräche, die sie geführt hat, nochmals Revue passieren.

David Rieff nennt das vorliegende Buch einen

 Roman der tatkräftigen, erfolgreichen Erwachsenen.

Er folgt chronologisch auf den Band Wiedergeboren, in welchem sich die junge Susan Sontag

ganz bewusst damit beschäftigt, sich selbst als die Person, die sie sein wollte, zu erschaffen oder vielmehr neu zu erschaffen, eine Person fernab der Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war.

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke ist das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft von sich und dem Leben enttäuschten, es aber immer wieder hinterfragenden und anpackenden Frau. Stets erfindet sie sich neu in der Überzeugung, dass man das, was man sein will, sein kann, weil man selber das Produkt der eigenen Vorstellung ist. Eine Frau, die Kunst und Kultur liebt, die Grossen verehrt, selber bedeutend sein und neben ihren Idolen stehen will, sich aber doch oft nur als ihre Schülerin glauben kann, ihnen untergeordnet. Sie schwankt zwischen dem Gefühl eigener Grösse und der Frustration, nicht gross genug zu sein, meidet Gesellschaft und fürchtet doch die Einsamkeit. Eine Frau voller Widersprüche: spannend, einnehmend, inspirierend.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefes, persönliches, menschliches Buch von einer grossartigen Frau und klaren Denkerin. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Susan Sontag
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, war Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin. Sie erhielt u.a. den Jerusalem Book Prize 2001, den National Book Award und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt Das Leiden anderer betrachten (2003), Worauf es ankommt (2005), Zur gleichen Zeit (Aufsätze und Reden, 2008), Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963 (2010) und Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964-1980 (2013). Susan Sontag starb 2004 in New York. Über ihr letztes Lebensjahr berichtet ihr Sohn David Rieff in Tod einer Untröstlichen (Hanser, 2009).

Angaben zum Buch:
SontagSchreibenTaschenbuch: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. September 2013)
Übersetzung: Kathrin Razum
ISBN: 978-3446243408
Preis: EUR 27.90/ CHF 39.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Valeska Réon – Nachgefragt

ReonValeskaValeska Réon kommt 1962im Rheinland zur Welt und wächst in einer Hippie-Kommune in Renesse (NL) auf. Nach dem Abitur beginnt sie eine Friseurlehre und arbeitet als Model. Sie schreibt drei erfolgreiche Ratgeber und wendet sich dann der Belletristik zu. Neben ihrer Schriftstellerei arbeitet Michaela Marwich, wie sie im realen Leben heisst, als Privatdetektivin und ist als Vortragsrednerin im deutschsprachigen Raum unterwegs. Von ihr erschienen sind unter anderem unter dem Pseudonym Ela M. Das kleine Grüne (1997), Nie mehr wieder – oder doch? Der Mann, das unbekannte Wesen (1998) und als Valeska Réeon Blumen für ein Chamäleon (2012), Das falsche Spiegelbild (2013).

Valeska Réon hat mir einige Fragen beantwortet und damit persönliche und nachdenkliche Einblicke in die verschiedenen Facetten ihres bunten Lebens gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine echt gute Frage, die ich an manchen Tagen selbst kaum beantworten kann, weil so viele Persönlichkeiten in mir schlummern. Das Chamäleon im Buchtitel beschreibt mich besser als jedes Adjektiv es könnte. Beste Freundin, Kumpel, Diva, Fashion-Süchtige und beste Ratgeberin für gute Freunde – alles Dinge, die ich mit leichter Hand bewerkstellige.

Sie schreiben unter Pseudonym, wieso haben Sie sich dazu entschlossen? Wie kam es zu diesem Pseudonym?

Wenn man hier in Deutschland Sachbücher geschrieben hat, nehmen die Verlage einen nicht mehr allzu gerne als Roman-Autorin. Und so habe ich mir den Namen gegeben, den ich als Kind schon so gerne gehabt hätte. Viele sind enttäuscht wenn sie hören, dass es nicht mein eigentlicher Name ist – und bestehen darauf, mich weiterhin Valeska zu nennen. Witzig!

Sie haben mit Blumen für ein Chamäleon Ihre Lebensgeschichte in einen Roman verpackt. Wieso war es Ihnen wichtig, diese Geschichte zu erzählen?

Es war mir gar nicht bewusst, wie wichtig es tatsächlich war. Aber nachdem ich dann die Resonanz der Leser gesehen habe, wusste ich, dass es das Beste war, was ich machen konnte. Und wenn es dann auch noch ins Kino kommen sollte, erreicht es noch mehr Leute und kann die von mir immer propagierte „Freude am Mut“ in die Welt hinaus tragen. Als Film wird es übrigens Transmorphose heißen.

Wie präsent ist Ihre Vergangenheit heute noch? Ist es für Sie wichtig, dass man Ihre Geschichte kennt? Wäre es nicht ab und an einfacher, im Hier und Jetzt als die wahrgenommen zu werden, die Sie heute sind?

Vielen Leuten wurde erst nach dem Chamäleon-Roman bewusst, mit wem sie es zu tun haben. Und da wurde mir erst klar, wie sehr ich im Jetzt und Hier lebe. Außerdem habe ich noch nie in der Vergangenheit gelebt. Wenn ich andere in meinem Alter treffe, die den Spruch loslassen „Ach ja, das waren noch Zeiten“ (zumeist begleitet von einem tiefen Seufzer), wundere ich mich immer wieder. Ich werde im September 51 und habe mich nie wohler und authentischer gefühlt!

Sie haben Ratgeber verfasst, eine Autobiographie, einen Krimi, arbeiteten als Model, Friseurin, Visagistin, sind Privatdetektivin und wohl noch vieles mehr. Woher stammt diese Vielseitigkeit? Ist es die Suche nach dem wirklich Richtigen oder sind es die vielen bunten Facetten Ihres Wesens?

Wenn man schon als Kind auf der Suche nach sich selber ist, hat man natürlich eine ganz andere Ausgangssituation und probiert auch Dinge aus, auf die kein „normaler“ Mensch kommen würde – *lach*! Aber tatsächlich sind es all die Facetten meiner Persönlichkeit, die sich zum Gesamt-Puzzle Valeska Réon zusammensetzen. Gerade erst habe ich das Angebot erhalten, in einer Werbekampagne für eine Buchmesse eine Baronin zu spielen, die in ihrem Schloss oder auch in ihrem Bentley am liebsten eines macht: Bücher lesen. Wieder eine neue Aufgabe, auf die ich mich riesig freue!

Wie kamen Sie dazu, als Privatdetektivin zu arbeiten? Wie wird man eigentlich Privatdetektivin und was für Menschen treten an Sie heran?

Da kamen mehrere Dinge zusammen. Schon als Kind konnte ich eine Lüge erkennen, sobald sie den Mund des Lügners verlassen hatte. Und der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen ist eine extrem befriedigende Aufgabe. Hauptsächlich treten große Konzerne an mich heran, bei denen irgendetwas im Argen liegt: Weitergabe von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung, Mobbing etc. Und dann laufe ich dort als „Sekretärin“ auf, immer mit so schönen Namen versehen wie „Karin Sommer“ oder „Elke Schneider“, hübsch im dunkelblauen Kostüm mit blondem Bob, und mische mich unter die Belegschaft. Das ist für mich Inspiration pur. Und das Perückenzimmer in meiner Detektei würde selbst Lady Gaga die Sprache verschlagen!

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schon in der Schule war ich strohdoof in Mathe, konnte aber super Aufsätze schreiben. Meine Zeit als Model war interessant und ich möchte sie nicht missen, aber ich habe eine tiefe Abneigung gegen hohlen Hedonismus. Was lag daher näher, als für den nächsten Abschnitt meines Lebens auf die Schreiberei zu setzen?

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Einmal habe ich ein solches Seminar besucht, habe aber schon nach einer halben Stunde gemerkt, dass mich das eher blockiert als inspiriert. Die Geschichten müssen aus einem herausfließen, und ich sehe, dass ich mich von Buch zu Buch gesteigert habe. Mein neuer Krimi Das falsche Spiegelbild bewegt sich sprachlich auf einem ganz anderen Niveau als die vier vorangegangenen Bücher.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Von allem etwas. Zuerst einmal lasse ich mir einen knackigen Buchtitel einfallen. Bislang hatte ich immer das Glück, dass die Verlage diesen dann letztendlich auch für das fertige Buch benutzt haben. Dann mache ich ein Inhaltsverzeichnis, richte die einzelnen Kapitel im Word-Dokument ein und fange an zu schreiben. Seit einigen Wochen habe ich immer ein kleines schwarzes Büchlein dabei, und sobald ich einen guten Spruch höre oder einen interessanten Satz lese, schreibe ich ihn auf, um es später in der Geschichte zu verwenden.

Die Recherchearbeit kommt dann mitten in der Geschichte, wenn ich merke, dass ich Hilfe brauche. Beim letzten Buch habe ich mir Unterstützung bei DEM deutschen Gehirnwäsche-Papst geholt, Dr. Hans Ulrich Gresch. Ich wusste zwar, wie eine Gehirnwäsche funktioniert, aber es war für den Plot wichtig zu erfahren, ob und wie man sie wieder rückgängig machen kann.

Für die Fortsetzung des Buches habe ich mich bereits mit dem TV-Metereologen Sven Plöger getroffen, denn diesmal geht es u.a. um künstlich gemachtes Wetter.

Wann und wo schreiben Sie?

Bevorzugt abends in meinem Arbeitszimmer. Meine Wauzis liegen links und rechts neben mir, vor mir dampft eine Tässchen Tee, und schon kann es losgehen. Ich tippe alles direkt in den Computer, keine Handnotizen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Während des Entstehungsprozesses eines Buches kann ich gar nicht abschalten. Meine Figuren sind immer mit so viel Liebe ausgedacht und mit einer solch umfangreichen Lebensgeschichte versehen, dass ich aufpassen muss, sie nicht wirklich vor mir zu sehen. Sobald ein Buch fertig ist, kann ich jedoch ganz wunderbar abschalten. Dann fahre ich mit Freunden in mein Haus nach Renesse, wir kochen zusammen, lachen viel, machen lange Strandspaziergänge – und dann erwische ich mich auch schon wieder dabei, wie sich all diese Inspirationen bereits in einem neuen Buch manifestieren.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Das Leben als Autor ist das Ziel all meiner Träume – und was ich mir für die nächsten fünfzig Jahre durchaus vorstellen könnte. Die Freuden sind natürlich die vielen Mails von den Lesern die mir berichten, was meine Geschichten in ihrem Leben bewirkt haben. Oder wie sie sie zum nachdenken angeregt haben. Das war anfänglich ein etwas komischer Gedanke: Meine Ideen ziehen auf Papier gedruckt in den Alltag von anderen ein und entwickeln dort ein Eigenleben. Heute weiß ich: So muss das sein. Was mich etwas beunruhigt ist, dass immer weniger, gerade junge, Leute Bücher lesen. Daran müssen wir arbeiten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles, was ich sehe, ist Inspiration pur für mich. Was andere glatt übersehen haben in ihrem Alltag, beschäftigt mich tagelang und wird zu einer Geschichte gesponnen. Witzigerweise liegt meinem neuen Buch Das falsche Spiegelbild keine einzige reale Begegnung zugrunde, es ist vielmehr die Summe aller Eindrücke der letzten Jahre, allerdings „remixed and re-recorded“.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

In Amerika funktioniert das schon ganz gut, ich für meinen Teil bin jedoch froh, bei einem der größeren Verlag untergekommen zu sein, der die ganze Werbemaschinerie für mich rührt und die entsprechenden Pressekontakte hat.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Na klar, meistens entdeckt man mich in den Hauptfiguren. Im neuen Krimi geht es, ohne zu viel zu verraten, um eine Frau, die nach einem Sturz von der Tower Bridge ihr Gedächtnis verloren hat und ein komplett neues Leben bekommt. Meine Freundinnen, die es vorab schon gelesen haben, sagen alle unisono: „Das bist ganz klar du!“ Aber auch die Frau, die sie früher einmal war und deren Leben in einem Rückblick erzählt wird, trägt viele Züge von mir, das ist dann der traurige und nachdenkliche Teil von mir. Beim Schreiben wurde mir wieder einmal klar, wie spannend die Frage ist: Wie viele Leben kann das Schicksal für uns eigentlich bereithalten?

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Oh je, erwischt, ich bin gänzlich unpolitisch – Asche auf mein Haupt! Wenn andere Autorenkollegen sich für ihre politischen Ziele einsetze, bewundere ich das umso mehr!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Entweder superspannender Krimi oder einer dieser wundervollen Selbsthlfe-Ratgeber, die einen aus jedem Lebens-Tief herausholen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mein Lieblings-Buch: „You can heal your life“ von Louise L. Hay. Und ganz verliebt bin ich in die französische Trilogie „Die gelben Augen der Krokodile“ von Katherine Pancol.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Lass dich nicht verbiegen.

  2. Schreib nur Geschichten, die aus dem Herzen kommen.

  3. Such Dir einen Verlag, der Deine Wünsche umsetzt.

  4. Mach Deinen Lektor / -in zu Deinem besten Freund.

  5. Und niemals vergessen: keine Publicity kann so gut sein wie die, die man selber für sein Buch macht. Sei Vorbild, zeig Deinen Lesern wie toll Literatur ist – und zieh Dir was Ordentliches an.

Waren, glaube ich, mehr als fünf Ratschläge!

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Ulla Egbrinhoff: Franziska von Reventlow

Fanny Liane Wilhelmine Sophie Adrienne Auguste Comtesse zu Reventlow wurde am 18. Mai 1871 in Husum geboren. Ihr Lebensweg führte über Lübeck, München bis hinab nach Ascona, wo sie am 26. Juni 1918 starb. Es war ein bewegter Weg, ein Weg voller Brüche, voller Kampf um die eigenen Ideale und eine ständige Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit.

Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtzulegen.

Aufgewachsen in einem sehr konservativen Elternhaus, unterdrückt von einer Mutter, die aus ihr eine der Zeit und dem Stand angepasste junge Frau machen wollte, brach sie alsbald aus diesem Leben aus und brach damit mit ihrem Elternhaus. Sie wollte sich nicht abfinden mit den mangelnden Möglichkeiten als Frau, sah sich zur Künstlerin, zur Malerin geboren.

Franziska zu Reventlow widersetzte sich den Konventionen ihrer Zeit. Sie setzte sich für sexuelle Freizügigkeit ein, war allein erziehende Mutter eines Sohnes, den sie über alles liebte, dessen Vater sie aber zeitlebens nicht bekannt gab. Sie unterhielt wechselnde und teilweise überschneidende Männerbekanntschaften und verkehrte in Münchens Künstlerkreisen, ständig mit Geldsorgen kämpfend. Ihr Job als Übersetzerin reichte kaum je für den Lebensunterhalt, die gelegentlichen Geldbeschaffungsmassnahmen machten auch vor Körpereinsatz nicht Halt. Zwar hätte sie einige Male die Möglichkeit gehabt, in den Ehehafen einzulaufen und damit auch eine sicherere Lebensgrundlage zu haben, doch konnte sie sich nicht dazu entschliessen, ihre Freiheit aufzugeben.

[…] es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses masslose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.

Gab sich Franziska von Reventlow nach aussen lebenslustig und kämpferisch, kämpfte sie im Innern oft mit Depressionen und auch Einsamkeit. Die angeschlagene Gesundheit machte ihr auch oft zu schaffen. Trotz allem liess sie sich nicht von ihrem eigenen Weg abbringen, begann, als sie merkte, dass es mit der Malerei nicht klappte, zu schreiben und veröffentlichte Erzählungen in Zeitschriften wie der Neuen Rundschau oder Zürcher Diskussionen.

1900 beginnt sie mit ihrem autobiographischen Roman Ellen Olestjerne, welchen sie 1903 publiziert. Es folgen noch weitere Romane, doch aus ihren finanziellen Nöten kommt sie nicht heraus. 1910 zieht sie mit ihrem Sohn nach Ascona, wo sie 1918 bei einer Operation stirbt.

 Ich finde, dass das Leben [der Reventlow] eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie. (Rainer Maria Rilke in „Die Zukunft“, 1904)

Ulla Egbringhoff hat dieses Leben dargestellt und dies auf eine sanfte, menschliche und fundierte Weise. Sie hat ein klares Bild der Lebensumstände und der damaligen Gesellschaft gezeichnet und die eigenwillige und kämpferische Künstlerin hinein gebettet. Die konventionellen Geschlechterrollen sind dabei ebenso Thema wie künstlerische Strömungen und gesellschaftliche Erwartungen.

Franziska von Reventlow wird in diesem Buch lebendig, man fühlt sich ihr verbunden, erkennt in ihr eine Frau, die ihren Weg gehen will und dafür einen hohen Preis zahlt. Das Buch handelt vom Leben einer Künstlerin, die in sich einen enormen Lebenswillen und Freiheitsdrang spürt, dem sie nicht entkommen kann. Sie muss diese ausleben, verzweifelt dabei aber innerlich ab und an, fühlt sich unzulänglich und allein.

Fazit:
Das Portrait einer unkonventionellen, freiheitsliebenden, kreativen Frau, welche sich ihre eigene Welt schaffte und doch nie zu Hause schien. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Ulla Egbringhoff
1965 in Metelen/Westfalen geboren, studierte Ulla Egbringhoff in München und Köln Literatur, Theaterwissenschaften und Philosophie. Es folgten verschiedene Tätigkeiten als Regieassistentin, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung, Rundfunkbeitrräge für den WDR sowie Aufsätze zu Autorinnen der Jahrhundertwende.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (August 2000)
Preis: EUR 7.90 / CHF 12.50

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