#abcdeslesens – P wie Dorothy Parker

Dorothy Parker war eine Kämpfernatur von Anfang an – durch den frühen Verlust erst der Mutter, später des Vaters musste sie schnell lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie hielt sich mit Klavierspielen und leichten Gedichten über Wasser und kam schliesslich erst bei der Vogue, später bei der Vanity Fair unter, dort als Theaterkritikern, als welche sie durch ihre treffsicheren und pointierten Texte Erfolge feiern durfte. Daneben veröffentlichte sie Gedichtbände und Kurzgeschichten. Der britische Schriftsteller Sommerset Maugham äusserte sich zu Dorothy Parkers Werk folgendermassen:

„Ihr Stil ist leicht, aber nicht nachlässig, kultiviert, aber niemals affektiert. Er ist ein vielseitiges Werkzeug, um ihren vielseitigen Humor zur Geltung zu bringen, ihre Ironie, ihren Sarkasmus, ihre Zärtlichkeit und ihr Pathos.“

Leider war der Erfolg nur beruflicher Natur, privat lief es alles andere als rosig: Pech bei der Männerwahl, eine Fehlgeburt und drei Selbstmordversuche sprechen eine deutliche Sprache, der im Übermass konsumierte Alkohol spendete auch nicht den gewünschten Trost. Bei all dem blieb sie immer produktiv, verlor nie ihren Biss und legte in ihren Texten zielsicher die Doppelmoral und menschlichen Abgründe der damaligen Gesellschaft offen.

Auch mit sich selbst gewonnen Weisheiten sparte sie nicht:

Indian Summer

In youth, it was a way I had
To do my best to please,
And change, with every passing lad,
To suit his theories.

But. now I know the things I know,
And do the things I do;
And if you do not like me so,
To hell, my love, with you!

Altweibersommer

Gefallsucht war eins meine Art
und Beifall war mein Ziel.
Drum fand ich jeden Typen smart
Und tat, was ihm gefiel.

Doch heute weiss ich, was ich weiss,
Und tue, was ich tu;
Und Schatz: Lässt dich das kalt wie Eis,
Dann fahr zur Hölle, Du!

Ob sie diese auch wirklich umgesetzt hat, bleibt offen, in Anbetracht ihrer unglücklichen Beziehungen. Neben Beziehungsoffenbarungen finden sich aber auch andere – sie verheimlichte nicht mal ihre Selbstmordabsichten (welche bekannterweise nicht bei Absichten blieben) in ihren Gedichten:

Razors pain you;
Rivers are damp;
Acids stain you;
And drugs cause cramp.
Guns aren’t lawful;
Nooses give;
Gas smells awful;
You might as well live.

Klingen verletzen,
Flüsse sind nass,
Säuren verätzen,
und Gift macht blass,
Knarren sind sträflich,
Schlingen sind hoch.
Gas riecht eklig,
dann leb ich halt noch.

Bedenklich, wie eine Frau, die eigentlich erfolgreich war, doch unter enormen Selbstzweifeln litt, wovon ein Teil auch dem Frausein in einer von Männern dominierten (Literatur-)Welt geschuldet war:

«Bitte, Gott, lass mich schreiben wie ein Mann.»

Umso erstaunlicher aus einem Mund einer Frau zu hören, die mit ihren Kritiken in den 20er-Jahren durchaus die kulturelle Landschaft mitgeprägt hat. Konnte sie ihren eigenen Erfolg nicht wirklich wahrnehmen?

Sucht man nach einem wirklich durch und durch erbaulichen Gedicht, sucht man lang und oft (schlicht?) vergeben. In jedem der Gedichte steckt eine Spitze, sticht ein Dorn. Klingen einzelne Zeilen, gar Verse, noch vergnüglich leicht, kommt am Schluss die Spur bittere Erkenntnis nach. So bleibt zum Schluss noch dies Gedicht, das mit viel Lebensweisheit aufwartet, um dann doch am Schluss zumindest noch eine kleine Spitze anzufügen, die aber doch einen guten Rat beinhaltet: Die Botschaft mag gut klingen, doch schau, von wem sie kommt.

The Counsellor

I met a man the other day –
A kind man, and serious –
Who viewed me in a thoughtful way,
And spoke me so, and spoke me thus:

“Oh, dallying’s a sad mistake;
‘Tis craven to survey the morrow!
Go give your heart, and if it break –
A wise companion is Sorrow.

Oh, live, my child, nor keep your soul
To crowd your coffin when you’re dead…”
I ask his work; he dealt in coal,
And shipped it up the tyne, he said.

Der Ratgeber

Vor kurzem traf ich einen Mann
Von sanfter, ernsthafter Manier,
Der sah mich ganz versonnen an
Und sprach dann dergestalt zu mir:

«Versteif du dich aufs Zögern nicht;
Ein Feigling fragt, was bringt die Zeit?
Verschenk dein Herz, und wenn es bricht –
Ein weiser Freund ist dann das Leid.

Geniess das Leben, Kind und bann
Die Seele einst nicht in dein Grab…»
Mit Eulen handelte der Mann,
Trug sie nach Griechenland hinab.

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